Cover: Nur der Adler wusste den Weg für sie

Nur der Adler wusste den Weg für sie
Ein deutsch-deutsches Drama


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 194
ISBN: 978-3-7116-0306-7
Erscheinungsdatum: 27.01.2025
Ein Agent der DDR, angesetzt auf die Tochter eines Staatsrates des Hamburger Senats, weicht von seinem Auftrag ab und verliebt sich. Für das Scheitern seines Einsatzes lässt ihn das Regime so gnadenlos büßen, dass er nach der Wende nur noch für die Rache lebt.
Vorwort

Im Jahr 1984 und noch mitten im Kalten Krieg begegnen sich im Niemandsland an der Zonengrenze zwei Menschen, die sofort erkennen, dass sie füreinander bestimmt sind. Bevor sie zusammenfinden, werden sie aber durch die Machtverhältnisse und menschliche Willkür abrupt und endgültig auseinandergerissen, so dass beide ihre Träume von einer gemeinsamen Zukunft begraben müssen. Während der eine ums Überleben kämpft, muss sich der andere mit einem Ersatzleben begnügen. Acht Jahre später, nach der Wende, gibt es theoretisch für sie beide wieder eine Chance. Doch sie haben inzwischen ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen, um aus ihrer Krise herauszukommen und nicht weiter unter der unerfüllbaren Hoffnung zu leiden. Und beide sind zu anderen Menschen in einer sich epochal verändernden Zeit geworden. Es bedürfte jetzt des Eingreifens höherer Mächte, um ihre beiden Schicksale wieder zu verbinden, falls ihnen daran wirklich noch gelegen ist, der begonnene Rachefeldzug des einen nicht jede neue Hoffnung zunichte macht und das Vertrauen aufeinander groß genug ist.




1. Kapitel
Mölln, Februar 1991

In Mölln gab es sogar eine Diskothek.

Nach dem gemeinsamen Abendessen hatte er sich aus dem Kollegenkreis vorzeitig verabschiedet, mit der allseits verständnisvoll akzeptierten Entschuldigung, wegen Kopfschmerzen noch dringend etwas frische Luft schnappen zu müssen. Das Mädchen an der Rezeption des Tagungshotels hatte ihm dann mit leicht mokantem Lächeln das „Star Light“ genannt und den Weg dorthin erklärt.

Warmes, goldenes Licht umfing ihn, als er nach ausgedehntem Fußweg aus dem nasskalten Dunkel dieses Dienstagabends im Februar 1991 das überraschend gemütliche Lokal betrat. Er schlenderte an den Sitzgruppen und der noch leeren Tanzfläche vorbei zur Bar und spürte deutlich die misstrauische Wachsamkeit der einheimischen Gäste und des Personals vor und hinter dem Tresen. So ging es ihm in letzter Zeit immer. Er gehörte offenbar nicht mehr in Diskotheken. Jetzt dachten sie wohl, er sei einer vom Ordnungsamt oder ein verirrter Fremder vom teuren Hotel am See. Dabei konnte er, Stefan Bergner, sich doch mit seinen 36 Jahren durchaus sehen lassen, mit seiner großen, schlanken Figur, seinem Intellektuellengesicht und dem noch vollen schwarzen Haar. Dennoch, das Missbehagen war trotz seiner Selbstbeschwichtigung wieder da. Es trieb ihn in die Ecknische der kunstvoll und verwinkelt angeordneten Bar, aber mit guter Sicht in Richtung Eingang und Tanzfläche. Er wollte ja auch nicht lange bleiben.

Langsam füllte sich das Lokal. Sie kannten sich untereinander wohl alle und standen in kleinen Gruppen herum. Auf der Tanzfläche mühten sich zwei Teenies ab, was keiner wahrzunehmen schien. Die Musik lag im Mainstream; sie mischten die aktuellen Hits mit Oldies der vergangenen Jahrzehnte. In seiner sicheren Ecke begann er sich nach dem zweiten Bier in der Rolle des unbeteiligten Beobachters wohlzufühlen. Seine Gedanken zogen wieder einmal Resümee: Ging es ihm nicht gut, in so jungen Jahren schon auf Referatsleiterkurs einer obersten Bundesbehörde zu sein, zuhause eine hübsche Frau?

Sein Blick blieb erneut an der großen Blonden mit den ausdrucksvollen, etwas schräggestellten Augen hängen, die rechts von ihm mit zwei jungen Männern an der Bar stand. Als er sich vorhin plötzlich in ihre Richtung drehte, hatte er kurz ihren prüfenden Blick wahrgenommen. Sie fiel auf durch ihr apartes, leicht gebräuntes und ungeschminktes Gesicht, ihre große, schlanke Figur und die überlegene Ruhe, mit der sie redete und sich bewegte. Mit schätzungsweise Mitte Zwanzig hatte sie mehr Ausstrahlung als die anderen, etwas farblosen Frauen hier. Sie legte es ersichtlich nicht darauf an, Anklang bei Männern zu finden und war eher eine zufällige Surferin auf der Welle ihrer Aufmerksamkeit und heimlichen Wünsche. Mit ihren weißen Jeans, in die sie den königsblauen Polo-Wollpullover hineingesteckt hatte, ihrem naturblonden, leicht gewellten und halblangen Haar konnte man in ihr eine Seglerin vermuten, die sich mit ihren Schiffsjungen hierhin verirrt hatte. Nein, selbst wenn, sie war nichts für ihn, wahrscheinlich zu arrogant, und Frauen waren jetzt ohnehin nicht sein Thema. Aber die Musik gefiel ihm immer mehr, er bestellte sich ein weiteres Bier und wiegte sich leicht im Takt der Musik.

„Hallo Karsten, du bist wieder in der Stadt?“

Er erstarrte, drehte sich zur Seite, sie stand neben ihm und sie meinte ihn. Es war wie in einem seiner Alpträume in der Schulzeit: Er wurde in eine laufende Theaterszene geschubst und musste eine Rolle spielen, die er vergessen hatte. Ihre Augen musterten kühl und fragend sein Gesicht; sie waren bernsteinfarben, wie er im Punktstrahlerlicht der Theke wahrnahm. Er spürte ein Kribbeln im Nacken und zwei Filmstreifen rasten gleichzeitig durch seinen Kopf. Entweder: Bedauerliche Verwechslung, noch ein paar höfliche Worte, ganz sicher hoffnungsloser Versuch, aus der Situation noch etwas zu machen; denn so, wie sie fragte, hatte sie ganz offensichtlich kein Interesse an neuem Männerkontakt. Oder: Den Ball laufen lassen, man konnte ja später immer noch zurück. „Ja, ich bin wieder hier“, antwortete er etwas gedehnt. Die Würfel waren gefallen.

Gott sei Dank redete sie weiter: „Ich hab‘ mich schon gewundert, kennst du mich denn noch?“

„Doch, doch, ich habe mich eben schon gefragt …“, „Jessi“, ergänzte sie, um ihm auf die Sprünge zu helfen.

„Ja, Jessi, ich hab‘ eben schon überlegt, als ich dich da stehen sah – lang ist es her.“

„Was machst du denn so, du bist bestimmt schon acht Jahre weg?“, fragte sie weiter.

„Lehrgang, drüben im Panorama-Seehotel. Ich habe jetzt gerade einen neuen Job in einem Bonner Ministerium“, erwiderte er mit etwas Stolz.

„Du hattest doch, glaube ich, Betriebswirtschaft studiert.“ Er nickte und ergänzte: „Und zusätzlich noch etwas Jura, und du?“

„Ich bin mehr oder weniger hier geblieben, arbeite als MTA in der Rehaklinik, aber vielleicht sehen wir uns ja später noch“, beschied sie ihn und drehte abrupt ab.

Über eine Stunde würdigte sie ihn keines Blickes mehr. Er hatte über seine Strategie nachgedacht, war aber vor lauter Verwirrung kaum weiter als zu der Erkenntnis gelangt, dass er sie viel fragen müsse. Gerade setzte das Intro von Brothers in Arms von Dire Straits ein, als er in seinen Gedanken unterbrochen wurde.

Sie hatte sich von ihrer Gruppe gelöst, und er sah sie zur Tanzfläche gehen. Sie verharrte am Rand, drehte sich dann halb um und blickte in seine Richtung. Jetzt oder gar nicht mehr, dachte er, ging zu ihr und führte sie auf die Tanzfläche. Sie umfasste sofort mit ihren Händen seine Schultern. „Schön, dass du unser Lied noch behalten hast“, sagte sie ihm ins Ohr und drückte sich an ihn. Ihm wurde schwindelig.

Sie fuhr einen kleinen, roten Citroen, mit dem sie ihn später zum Hotel brachte. Er hatte viel über ihre und „seine“ Vergangenheit erfahren, weil sie sichtlich auftaute. Vor ziemlich genau sieben Jahren – sie war damals 19 – waren sie etwa drei Monate lang sehr verliebt ineinander gewesen. Sie hatte sich von ihm wegen seiner krankhaften Eifersucht getrennt und war später vier Jahre mit einem Arzt in Hamburg verheiratet. Jetzt genoss sie ihre Unabhängigkeit, wie sie betonte.

Die Außenlampen vom Foyer seines Hotels schienen durch die Frontscheibe auf ihr schönes Gesicht. Sie war so natürlich-unaffektiert und strahlte dabei eine ihm noch nie begegnete Form weiblicher Würde aus, so dass er das Gefühl bekam, neben einer Königin zu sitzen.

„Sehen wir uns noch mal, vielleicht morgen Abend?“, fragte er.

Sie antwortete zunächst nichts und sah ihn dann unverwandt an. „Du bist weicher geworden, nicht mehr diese rigorose Art“, stellte sie für ihn zusammenhanglos fest und fügte nach kleiner Pause an: „Ja, ich hol‘ dich morgen Abend um sieben Uhr hier ab, wir könnten was essen gehen.“ Dabei ließ sie den Wagen wieder an. Er hatte keine Chance zu einem Gute-Nacht-Kuss.

An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Erst herrschte Euphorie, die dann der Nüchternheit erlag. Es war das erste Mal in seiner Ehe, dass er sich auf Abwegen befand, und diese Sache war noch ein Blindflug dazu. Aber diese Frau faszinierte ihn in ihrer Wechselhaftigkeit zwischen stolzer Distanz und unbefangener Gefühlsstärke. Die Begegnung war mehr als nur ein Zufall, und er wollte den Faden, den ihm das Schicksal unversehens in die Hand gespielt hatte, jetzt auch nicht mehr loslassen. Nur wenn er weitermachte, hielt er sich bietende Optionen offen, und Aufhören erschien ihm auch feige.

xxx

Die Gruppenarbeit und die beiden Vorträge des Führungsseminars am nächsten Tag gingen wie im Traum an ihm vorbei. Er meldete sein Abendessen ab, zog sich um und lief dann die Einfahrt vor dem Hotel auf und ab, um sie dort abzufangen. Sie kam fast pünktlich und sie fuhren auf ihren Vorschlag zu einer stillgelegten Windmühle, die jetzt in eine Osteria umgebaut war.

Die anfängliche amüsierte Distanziertheit in ihren so wandlungsfähigen Augen wich einem lebhaften strahlenden Glanz, als sie mehr und mehr ins Gespräch kamen. Ihre Ansichten brachte sie mit wenigen abgewogenen Worten zum Ausdruck, glasklar und ungekünstelt, ohne die zeitgemäßen, inhaltslosen Sprüche; sie brauchte sich intellektuell nicht in Szene setzen. Offenbar las sie sehr viel. Spontan nahm er ihre schmale, aber kräftige rechte Hand in seine Hände und streichelte sie zart, was sie geschehen ließ. Für die Fakten und Erfolge aus seinem Leben zeigte sie erstaunlich wenig Interesse. Sie kannte offenbar den üblichen Schaukasten ihrer sicher zahlreichen männlichen Verehrer zur Genüge. Mehr lag ihr an seiner Lebenseinstellung und seinen individuellen Zielen, die er sich gesetzt hatte und deren Logik sie hinterfragte.

Nur einmal kam er ins Schleudern, als sie ihn fragte, warum er sich denn nach seinem letzten so rührenden Anruf nie mehr bei ihr gemeldet und dann sofort in Hamburg abgemeldet habe.

„Du warst damals wegen meiner Eifersucht so böse auf mich, dass ich dachte, es sei sinnlos. Ich musste aus Hamburg weg und wollte neu anfangen. Wehgetan hat es trotzdem“, rettete er sich aus der Klemme.

Die Antwort schien ihr zu gefallen. Offenbar hatte sie ebenfalls sehr an ihrer Beziehung gehangen, setzte aber Gott sei Dank diese nachträgliche Aussprache über ihre Trennung nicht weiter fort. Darauf konnte er sich wieder entspannen. Langsam begann das Nachher vor seinem geistigen Auge Gestalt anzunehmen, als sie ihn wieder überrumpelte:

„Du bist verheiratet, nicht wahr? Und wie ich dich einschätze, hast du auch Kinder.“

Er hatte mit dem Thema gerechnet, aber nicht so unausweichlich. Seine Miene verlor ihre Verbindlichkeit und er antwortete nur mit „Ja und nein, keine Kinder“, während er ihrem Blick standhielt.

Sie äußerte sich hierzu nicht weiter und brachte das Gespräch ins alte Fahrwasser. Hatte sie ihm mit ihrer Feststellung eine Grenze aufzeigen wollen?

Als sie wieder im Auto saßen, war ihm klar, dass der kritische Punkt erreicht war. Denn waren sie erst wieder zum Hotel zurückgekehrt, würde sie nachhause fahren. Ihm fiel auf, dass sie sich langsamer, zögernder als gestern zum Wegfahren bereit machte. Als sie sich vorbeugte, um den Zündschlüssel ins Schloss zu stecken, sagte er nur „Jessi“. Sie verharrte, drehte sich zu ihm, und er umschloss ihr Gesicht mit seinen Händen.

„Ich möchte dir so viel sagen, Jessi“, brachte er nur hervor.

„Du brauchst mir nichts zu sagen“, flüsterte sie und legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. Von da an war alles leicht.

Sie nahm ihn mit in ihre elegante Eigentumswohnung, und sie tranken nicht einmal etwas zur Wahrung eines Rahmens. Seine Hände zitterten, als er ihr rotes Strickkleid aufknöpfte. Sie umarmte ihn beruhigend und zog ihn an sich. Ein leises Lächeln lag jetzt auf ihrem mädchenhaften Gesicht. Als er sich ihrer lautlosen Sanftheit ergab, stand die Zeit still.

Spät in der Nacht ging er. Er wollte nicht, dass sie nochmals raus musste, und sie beschrieb ihm den Weg zurück zum Hotel. Wegen eines Treffens morgen Abend sollte er sie anrufen, weil sie an sich mit ihrer Mutter verabredet war.

Seine Sinne waren überwach, als er seinen Weg in der Kälte draußen suchte. Die dunklen Häuser strahlten eine trauliche Wärme aus, und so etwas wie Dankbarkeit für diese Stadt kam in ihm auf. Er war so glücklich wie lange nicht mehr. Diese facettenreiche Frau besaß den Schlüssel für eine unbekannte Kammer in ihm und seine Gedanken begannen, sie in seine Welt zu integrieren. Sein Dienst hatte eine Außenstelle auch in Hamburg; vielleicht konnte er seinen Wechsel dorthin arrangieren. Erst viel später, als er in seinem Hotelbett lag, löste sich langsam ihr Bann. Heike erkämpfte sich ihren Platz in seinem Kopf zurück. Er dämmerte in einen unruhigen Schlaf hinüber.

xxx

Donnerstag war der letzte Tag des Seminars, der morgens mit einer Fahrt der Lehrgangsteilnehmer mit einem bundesdeutschen Zollboot auf der Elbe versüßt wurde. Die Teilnehmer erhielten bei ihrer Bootsfahrt von Boizenburg bis Bleckede und zurück vom Kapitän eine anschauliche Schilderung der angespannten Begegnungen westdeutscher Zollboote mit den DDR-Grenzsicherungs- und Wachbooten entlang der mitten durch die Elbe verlaufenden Zonengrenze. Gerade erst war alles Geschichte geworden und nur die noch nicht abgerissenen Beobachtungstürme am Ostufer der Elbe erinnerten an dieses Kapitel.

Nach der Rückkehr zum Tagungshotel in Mölln und der abschließenden Diskussionsrunde am Spätnachmittag besorgte er in der Stadt dann noch schnell einen Strauß Blumen, Lachsrosen mit blauen Anemonen und weißen Herbstastern. Erst gegen acht Uhr konnte er sie telefonisch erreichen und sie verabredeten sich für einen Treff in einem Bistro am Markt, von dem sie ihm bereits gestern erzählt hatte.

Sie war schon da, als er ankam. Er küsste sie auf die Stirn und gab ihr die Blumen, die offenbar ihren Geschmack trafen. Sie tranken Rotwein und sprachen eingehend über das, was sie tagsüber erlebt hatten. Es schien, als wolle jeder so lange wie möglich das Gespräch vom nahenden Abschied fernhalten. Er wollte sie heute neutral und möglichst emotionslos sehen, um vielleicht doch noch hinwegtröstende Nachteile zu entdecken. Aber er fand nichts. Vielmehr verdichtete sich die Erkenntnis, dass sie ihm für einen Platz nur in einem Spiel viel zu wichtig war. Also fasste er sich ein Herz, eröffnete ihr die Wahrheit über sich, dass er sie liebe und alles dransetzen wolle, sie wiederzusehen.

Sie sagte zunächst gar nichts, sah ihn nur mit versteinertem Gesicht an. Er redete in einem fort, versuchte sein Vorgehen plausibel zu machen und sie zurückzuholen.

„Du hättest jetzt deinen Karsten doch sowieso als einen anderen Menschen erlebt und hättest vor einem Neuanfang gestanden, nach so langer Zeit“, appellierte er schließlich an sie.

Endlich sagte sie wieder etwas: „Ein Mensch wird für mich aber ein anderer, wenn er seine Identität, die mit mir einmal sehr eng verbunden war, einfach so ablegt. Wenn du gleich ehrlich gewesen wärst, hätte ich dich vielleicht auch so lieben können wie damals Karsten, oder noch mehr, egal, welche Zukunft wir beide hatten.“

Ihre Miene war jetzt voll Ablehnung, als sie sich vorbeugte und ihn ansah: „Du bist wahrscheinlich manipulierbar geworden auf deinem beruflichen Erfolgsweg, und jetzt glaubst du, das Recht zu haben, selbst andere Menschen manipulieren zu dürfen. Das ist das, was uns trennt. Mein Karsten wäre übrigens dazu nicht in der Lage gewesen.“ Der Stab war gebrochen.

Sie sah durch ihn hindurch, als sie ihm viel Glück für sein weiteres Leben wünschte und aufstand. Er wollte sie zurückhalten, doch ihr ironischer, nahezu eisiger Blick verriet, dass es aussichtslos war. Er hätte nie seine Königin belügen dürfen, wurde ihm klar.

„Und nochmals vielen Dank für die schönen Blumen“, warf sie im Gehen zurück. Sehr viel später war das für ihn ein kleiner Trost, dass sie wenigstens etwas von ihm behalten hatte.

xxx

Durch dichte Nebel- und Regenschwaden raste der EuroCity Hamburg-Köln am folgenden Freitag dahin und riss ihn unerbittlich immer weiter weg von der Stätte des unbewältigten Intermezzos. Mit Herz und Kopf befand er sich nach wie vor dort, und er fühlte sich leer.

Es ist sicher besser so für alle Beteiligte, hielt er sich immer wieder vor, aber alles sträubte sich in ihm gegen diese Schlussfolgerung. Mehr und mehr fühlte er, dass er in Mölln nicht nur sein unverhofft geschenktes Glück verloren hatte, sondern an einen weit darüber hinaus reichenden Wendepunkt seines Lebens geraten war. Obwohl ihm hundeelend war, würde er in etwa zwei Stunden mit freudigem Lächeln seine ihn gespannt erwartende Heike in die Arme nehmen, er würde erst einmal erzählen müssen, sie würden am Abend zur Feier des Tages essen gehen, und dann setzte wieder ihr normaler Lebensrhythmus ein. Tag für Tag würde er seine Sehnsucht nach Jessi unterdrücken müsen, Woche für Woche. Er würde sie anrufen, sie besuchen und mit ihr eine Zukunft finden wollen und dürfte nichts von seinen Gedanken preisgeben. Schon diese unmittelbar vor ihm stehende unausweichliche Phase würde ihn zu einem unwürdigen, nie endenden Versteckspiel zwingen, damit seine sorgfältig aufgebaute Welt nicht zusammenfällt. Dazu fühlte er sich, je länger er darüber nachdachte, nicht in der Lage, weil er das Geschehene wegen seiner großen Auswirkung nicht mehr aus der Welt schaffen konnte. Von jetzt an würde alles nur falsch sein, wenn er so weiterlebte wie bisher, denn seine einstigen Lebensziele galten nicht mehr, nachdem er diese Frau kennengelernt hatte; denn sie hatte die Koordinaten seines wohlgeordneten Lebens grundlegend verschoben.

Er brauchte erst einmal Zeit, um wieder zur Besinnung zu kommen.

5 Sterne
ulixana@gmx.de - 07.04.2026
Toni Nussbaum

Das Buch hat mir ein Freund geschenkt.Obwohl Romane über Spionage nicht mein Ding sind,hat mich die zarte Liebe der beiden Protagonisten berührt,die sich trotz oder gerade wegen gesellschaftspolitischer Widrigkeiten bewährt.

5 Sterne
Karl Heinz Valtiere : Nur der Adler... - 09.06.2025
Geri Koentgen

Eine sehr sauber recherchierte Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges, in der der Protagonist als hervorragend ausgebildeter NVA-Offizier in die Rolle eines Romeo-Agentengedrängt wird und aus perfidem Machtkalkül seines Vorgesetzten in die Fänge der Stasi gerät.Jahrelange Haft mit psychologischen Foltermethoden hinterlassen tiefe Spuren in Lenski,wenn da nicht ein ausgeklügelter Plan in ihm reifte. Die detailgetreue Schilderung lassen die wechselhaften Ereignisse sehr authentisch erscheinen und ziehen den Leser in ihren Bann.

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