Cover: Katzennovelle

Katzennovelle
Oli in der großen Stadt


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 174
ISBN: 978-3-7116-0934-2
Erscheinungsdatum: 19.01.2026
Ein junger Kater, ein schmaler Balkon – und plötzlich beginnt ein Abenteuer voller Witz, Weisheit und Katzenlogik. Oli entdeckt die große Welt, trifft schräge Artgenossen und lernt, was Mut, Freiheit und Freundschaft wirklich bedeuten.
Im ersten Stock des violetten Hauses führt eine Art kleine Dachrinne außen rund um den Balkon. Sie dient dazu, das Wasser bei starkem Regen oder, sollte es je einmal dazu kommen, dass jemand den Balkon mit Wasser aufnimmt, das Wasser durch regelmäßig vorhandene Abflüsse abfließen zu lassen. Diese Rinne führt in den Abfluss, welcher vom Dach am Haus entlang in den Boden führt. So sollte es jedenfalls sein. Die Konstruktion hinterlässt hingegen bei Regen meistens nur eine dreckige Pfütze im Rasen.
„Und eigentlich sollte das Ding Balkonrinne heißen, denn ein Dach ist das nicht“, denkt sich Oli. Oli kennt Dächer. Er wandert des Nachts oft auf ihnen herum.
Oli ist die Hauskatze des violetten Hauses. Er ist noch jung und etwas unerfahren, aber neugierig. Sein Herrchen hat ihn schon an den unmöglichsten Stellen entdeckt. Wenn er sein Herrchen so nennt, hat das nichts weiter zu bedeuten, denn wer wen besitzt, ist nicht über alle Zweifel erhaben; der Herr im Haus ist eindeutig Oli, weil sich alles um ihn dreht.
Nun, Oli betrachtet diese Konstruktion lange und nachdenklich von der Katzentüre aus.
Doch leider ist es ihm von diesem Blickwinkel aus nicht möglich, um die entferntere Ecke des Balkons zu schauen. So gut es Gott mit der Schöpfung der Katzen gemeint hatte, war er wohl beim Verteilen des Winkelblickes gerade mit dem Herzen der Menschheit beschäftigt. Eine äußerst schwierige Aufgabe, die Gott ebenso wenig zustande brachte wie die des Katzenwinkelblickes. Heute ist es ja empirisch erwiesen, dass die meisten Menschen das Herz am falschen Platz haben. – Doch das ist eine andere Geschichte.
Was Oli jetzt mehr interessiert, ist, was es wohl hinter dieser Ecke zu entdecken gäbe. Er lässt dazu seiner Fantasie freien Lauf: Vielleicht liegt dort eines der frisch gebügelten Hemden für ihn bereit, damit er es sich auf diesem gemütlich machen könnte; so wie er es manchmal auf dem Tisch oder noch auf dem Bügelbrett vorfindet. Am liebsten hat er die schön gefalteten Hemden auf dem Bügelbrett. Die sind immer noch schön warm, und es ist ein wohliger Genuss, darauf zu schlafen und darauf seine Haare zu hinterlassen.
Und vielleicht hat es an diesem für ihn nicht erblickbaren Ort einen Mäusespielplatz. Wie aufregend das sein müsste, den Mäusen beim Spielen in ihrem Puppenhaus zuzusehen, ihnen nachzuspringen, sie unter den Kühlschrank oder unter den Kochherd zu jagen. Oder sie zu veranlassen, dass sie sich unter dem Sofa oder hinter dem Büchergestell verstecken, denn das Spiel wäre in der Wohnung natürlich viel spannender als auf dem Mäusespielplatz. Dies schon deswegen, weil unsere menschlichen Besitzer an unserem Spiel teilnehmen und ebenfalls den Mäusen nachjagen und sogar die Möbel hin- und herrücken würden, um uns den Zugang zu den Mäusen zu erleichtern. Das Ganze erhält dann den Namen Mensch-und-Katz-und-Maus-Spiel.
Doch zurück zur Dachrinne, die Balkonrinne heißen sollte: Was könnte wohl um die Ecke zum Vorschein kommen? – Vielleicht ein Whiskas-Selbstbedienungsautomat? Das wäre natürlich der eindeutig unübertreffliche Hammer. Oli macht sich schon Gedanken darüber, wie ein solcher Automat wohl funktionieren könnte.
Wahrscheinlich hätte er verschiedenfarbige Tasten, die auf Pfotendruck eine Portion des gewünschten Whiskas-Geschmacks herausgeben würden. Lachs, Thon, Rind, Huhn usw. Die Tasten würden den Farben der Dosen entsprechen, wie sie im Supermarkt im Regal stehen.
Das muss es sein! Am anderen unüberblickbaren Ende des Balkons muss ein Whiskas-Selbstbedienungsautomat stehen. Darüber bestand kein Zweifel.
Oli hört auf, nachzudenken, und entschließt sich, sich auf den Weg zu machen, um sich eine appetitliche Portion, sozusagen als Vorspeise zum Mittagessen, zu Gemüte zu schlagen. Schließlich ist es nach seinen Berechnungen des Sonnenstandes ungefähr zwölf Uhr.
Oli macht sich auf den schmalen Weg. Für ihn kein Problem. Gleichgewicht war etwas, das er physikalisch im Griff hatte: Es ist der Zustand eines Körpers, in zwei Hälften aufgeteilt. Diese Hälften weisen jeweils das gleiche Gewicht auf, womit sich die Erdanziehungskraft der beiden Hälften gegenseitig kompensiert, sie in den Ruhezustand versetzt und so den Körper in einer ausgeglichenen Position hält.
„Mein Wissen übertrifft meine Intelligenz“, denkt sich Oli mit beträchtlicher Selbstbefriedigung. Seine sanften Pfoten gehen jetzt Schritt für Schritt voran, und in Kürze ist er an der Ecke, die für ihn noch kurz vorher ein visuelles Hindernis darstellte, angelangt. Blick links um die Ecke: Nichts. Kein frisch gebügeltes und bügelwarmes Hemd, kein Mäusespielplatz, nicht einmal ein Whiskas-Selbstbedienungsautomat. – Einfach nichts. Nur noch ein Meter sinnlose Dachrinne, die eigentlich eine Balkonrinne ist, dann Hausmauer, und Schluss.
Oli unterlässt es, das Nichts ebenfalls physikalisch definieren zu wollen. Er konnte noch so viel Nichts hochrechnen und potenzieren, das Resultat ergab immer Nichts. Also umkehren und den Weg zurück antreten. Doch Oli hatte ja nicht damit gerechnet, dass ein Umkehren auf dieser schmalen Rinne, trotz seiner ausgezeichneten Beweglichkeit, nicht so einfach ist. Und dass eine Katze rückwärts geht; davon hat er noch nie etwas gehört. Schließlich haben Katzen am Füdli keine Augen, und der Katzenrückspiegel ist noch nicht erfunden.
Er muss nun eine Möglichkeit finden, wieder zur Katzentüre zurückzukehren. Oli schaut noch einmal nach links um die Ecke: Das Fenster war geschlossen. Blick nach rechts: Fünf Meter Abgrund. Und dazwischen nur diese Rinne – ob Dach- oder Balkonrinne ist ihm nun egal – auf welcher er sich, durch seine Fantasien inspiriert, bis aufs Äußerste hinausgewagt hatte. Und jetzt hat er ein Problem, und dieses Problem veranlasst ihn dazu, nachzudenken. Er muss eine Entscheidung treffen, die ihn Überwindung kosten würde. Hätte er vorher daran gedacht, hätte er sich seine jetzt missliche Lage ersparen können. Aber ehrlich gesagt, hatte er nur ein Ziel in den Augen, ohne die möglichen Konsequenzen im Voraus abzuschätzen. Hätte er früher daran gedacht, hätte er diese unangenehme, peinliche Lage verhindern können.
Er fragt sich, ob dies in seinem zukünftigen Leben wohl immer so sein werde? Ob man sich wirklich für alles, was man erreichen möchte, vorangehend überdenken muss, welchen Weg man dazu einschlagen will, und sich die Sache zwei- oder dreimal durch den Kopf gehen lassen muss? Könnte man sich nicht einfach auf den Weg machen und von allem, das einem begegnet, ohne Mühe einfach nur das Beste ergreifen?
„Wenn das so ist, muss ich meine Lebensphilosophie ändern. Doch was soll ich ändern? Wir Katzen sind nicht dafür geschaffen worden, um uns mit Kleinigkeiten zu beschäftigen. Unser Dasein besteht aus dem Nichtstun. Das ist viel wichtiger. Wir werden gefüttert, gestreichelt und dürfen auf dem Bett schlafen. Wenn ich nur daran denke, was mein Herrchen für Verrenkungen macht, wenn er sich zu Bette legt, um mich nicht in meinem erholsamen Schlaf zu stören, wenn ich bereits auf seiner Decke liege. Und sollten wir einmal ein Wehwehchen haben – ein kleiner Durchfall wegen abgestandenem Büchsenfleisch zum Beispiel – geht’s gleich ab zum Arzt. Und wenn nicht, hilft ein bisschen Kotzen weiter“, denkt Oli.
„Und Engpässe können auch nicht immer so schmal sein wie diese verflixte Dachrinne, die eigentlich eine Balkonrinne ist. Wenn ich bedenke, mit welcher Großzügigkeit man die Katzentüren macht und sie bewusst für uns Tag und Nacht, Sommer und Winter offenhält. Vielleicht auch, weil sie nicht gut geschmiert sind und so für unsere sanften, sensiblen Köpfe zu schwergängig wären, um sie damit aufzustoßen. Diese schmale Rinne muss ein humaner Irrtum sein“, ist seine logische Schlussfolgerung.
Doch alle diese Gedanken helfen Oli dabei, dass er tatsächlich auf diesem eingeschlagenen Weg zu wenden hatte, nicht weiter. Er muss auf demselben Weg zurück.
Er versucht es zuerst links herum. Die Nase an die Wand geklebt und sein Hinterteil über die verfluchte Rinne hinausragend – also über dem Nichts – versucht er es mit vorsichtigen, kleinen Katzenpfotenschrittchen, sich Stück für Stück zu drehen. Doch sein ehrenwerter Hinterteil ragte dabei so weit hinaus, dass er in Kürze sein Gleichgewicht verlieren würde. Also muss er seinen verehrten Schwanz dazu gebrauchen, das Gleichgewicht auszubalancieren. Doch wie soll er das anstellen?
„Etwa den Schwanz nach vorne strecken? Wie sähe dies auch aus? Statt den Schwanz in die Höhe zu halten oder ihn in lässiger Form nach unten zu tragen, ihn über den gekrümmten Rücken nach vorne zu strecken? Welch ein Bild ergäbe das?“ dachte er sich. „Ich mache hier doch keine Yoga-Vorführung. Diese Verrenkungen überlasse ich den Menschen. Die haben dazu Bücher, die beschreiben, wie man die mit Armen und Beinen bewusst gemachten Seemannsknoten wieder aufkriegt. Und wenn sie darüber nachsinnen, wie man dies schafft, nennen sie es Meditation. Ist aber in Wirklichkeit nichts anderes als der Versuch, wieder eine normale, humane Stellung einzunehmen. – Also, so geht es nicht“, kommt er zum Schluss.
Er versucht es jetzt rechts herum. Den Po an die Wand gedrückt und den Kopf über dem Abgrund und ‚rechts-um-dreht‘. Doch Oli hätte sich nie gedacht, dass sein Kopf das ganze Gleichgewicht ins Wanken bringen könnte. Scheinbar haben sich darin eine große Menge von Hirnzellen angesammelt, welche unbestreitbar seiner Intelligenz entstammen.
Langsam, aber unaufhaltbar, kippt er vorüber ins Nichts. Der freie Fall lässt in ihm das Gefühl aufkommen, als würde sich sein Magen über die Speiseröhre hinauf bis zum Hals stülpen.
„Jetzt kühlen Kopf bewahren“, folgerte er in seiner Unerschütterlichkeit. Er hatte dies schon im Fernsehen gesehen. Superman hieß die Sendung.
Mit den Vorderpfoten nach vorne gestreckt, die Hinterbeine etwas auseinandergespreizt segeln und mit dem Schwanz steuern. So geht das. Und da ist auch schon Chispa, der Haushund, der, am Boden an der Sonne liegend und vor sich hindösend, eine ideale Landepiste für notlandende UFFOs, sogenannte unbekannte feline Flugobjekte, darstellt. In diesem Fall ist jedoch von unbegabten felinen Flugobjekten zu sprechen.
Nun gilt es, den Kurs auf Nord-Nordost einzuhalten, die Landebahn anzupeilen, die Heckflügel zum Bremsen nach unten auszufahren und die Schnauze leicht zu heben. Dazu die vier Pfoten als Fahrwerk zur Landung auszufahren – und plumps: Die Landung ist geglückt. In seinen Gedanken stimmen seine Passagiere einen sinnlosen Beifall für den Piloten an.
Doch die Chispa-Landebahn macht vor Schreck einen Sprung in die Höhe. Er hatte nicht mit einer unangemeldeten und somit nicht bewilligten Landung gerechnet. Chispa sieht nun Oli, der bereits ein von nichts wissendes, unschuldiges Lächeln aufgesetzt hatte, mit unfassbarem Blick an. Dann wandert sein Blick nach oben: Der Himmel ist wolkenlos. Woher sollte es also Katzen regnen?
„Der Klimawechsel ist auch nicht mehr, was er einmal war“, denkt er sich und trottet davon, um sich in seiner Hundehütte vor weiteren Zwischenfällen abzusichern. Der Wetterbericht hatte nämlich für die kommenden Tage Südwind angekündigt; da könnte es geschehen, dass von Nordafrika her Kamele herübergeweht werden. Und Kamelregen wäre um einiges unangenehmer.

Oli ist von seinen unübertrefflichen Flugkünsten doch etwas durcheinander. Er macht sich auf und davon. Mit einem Satz springt er über die Mauer und landet auf der Straße. – Wieder etwas Neues.
Ein komisches Vieh kommt ihm entgegen. Es rollt auf vier runden Füßen und ist rot glänzend. Die beiden Augen befinden sich weit unten, nur wenig über dem Boden, und blitzen unaufhörlich weiß auf. Die Form des Viehs ist mehrheitlich rund, und hätte es Füße, könnte man es Käfer nennen, oder sonst ein vagabundierendes Wesen, abgekürzt VW. Schlussendlich gibt es noch einen unausstehlichen, hupenden Laut von sich. Oli macht einen Schritt zurück. Beim Vorbeirollen gibt es ein brummendes Geräusch von sich und hinterlässt eine kleine, stinkende Wolke.
„Pass auf!!“ ruft ein kleines Mädchen, das auf derselben Straßenseite auf ihn zukommt.
„Wenn dich das Auto überfährt, bist du tot und kommst in den Himmel.“
„Und wo ist der Himmel?“ hätte Oli gern gewusst. Doch statt sich darüber Gedanken zu machen, zieht er es vor, sich in den Blumen zu verstecken und geduckt zwischen den Blättern hervorzugucken, um zu sehen, was das Mädchen weiter macht.
Sie geht auf Oli zu, duckt sich, streckt ihm die Hand entgegen und gibt dazu einen fremdartigen Ton von den Lippen, der sich wie „Bss-bss“ anhörte. Oli weiß nicht recht, was er davon halten sollte. Er nimmt einen Sprung hinweg über einige Blumen und betrachtet von seinem neuen Standpunkt aus, in sicherer Entfernung, weiterhin das kleine Mädchen.
Diese dreht sich nach Oli um und geht von Neuem auf ihn zu. Wieder ertönt das ‚Bss-bss.‘ – Was soll er tun?
„In diesem Fall“, so denkt er, „muss ich mich zur Angriffsposition formieren. Angriff ist die beste Verteidigung.“
Sein Hirn arbeitet auf Hochtouren: ducken, den Kopf etwas einziehen und die Ohren eng nach hinten legen. Die Muskeln der hinteren Beine sind anzuspannen und haben den notwendigen Halt für einen bevorstehenden Sprung nach vorne vorbereitet zu sein. Die Haare im Nacken und über den Rücken sind zu sträuben. Oli hat den Eindruck, er sähe jetzt gefährlich aus. Doch da fehlte noch etwas: Der Schwanz, sein Flugsteuerorgan, muss zur Unterstützung des gesamten äußeren Eindruckes noch dick gemacht werden und hat dazu hin und her zu zucken. Dies macht den Anschein, als würde dieser Teil des Körpers als Peitsche benutzt werden können und sei schon zum Einsatz bereit.
Doch was ist das? Rechts von ihm, aber noch innerhalb seines Blickwinkels, bewegt sich etwas. Eine kleine Heuschrecke macht ihre ersten Sprünge.
Oli schaut ihr fasziniert zu und vergisst das Mädchen. Er muss feststellen, dass die Landungen der kleinen Heuschrecke nicht immer planmäßig zu verlaufen scheinen. Die Heuschrecke landet manchmal auf dem Bauch, ein andermal wird sie vom eigenen Schwung überrascht und rollt in der Folge, sich um ihre eigene Achse drehend, weiter, was ihr nichts auszumachen scheint, hat sie doch am Kopf zwei lange, etwas gekrümmte und nach oben gerichtete Drähte, die sie davor schützen, mit dem Kopf am Boden aufzuprallen, wenn es zu einer Rückenlandung kam. Darum nennt sich diese Einrichtung Überrollbügel. Oli überlegt sich, ob es für dieses Lebewesen nicht vorteilhafter wäre, zu gehen, denn es hatte sechs Beine, war also ihm gegenüber bevorteilt. Er muss sich auf nur vier Beinen fortbewegen. Das Gewicht der Heuschrecke, das eh nicht einmal dem eines Fliegengewichtlers entsprach, auf sechs Beine verteilt, muss auf ein Bein eine kleinere Proportion ergeben und dadurch das Gehen entsprechend erleichtern. Warum sich dieses Tier auf Hüpfen beschränkt und das auch nur mit den beiden letzten Beinen, ist Oli ein Rätsel.
Beim nächsten Sprung der Heuschrecke sprang ihr Oli hinterher. Nein. Nicht mit der Absicht, die Heuschrecke zu packen und zu verspeisen, sondern um ihr einen gekonnten Sprung vorzuführen; gepflegt, mit Eleganz ausgeführt, sicher gelandet und gestanden. Das auf allen Vieren. Ein Athlet hätte es nicht besser tun können. Die Heuschrecke sieht sich um, denkt ein bisschen nach und zieht die Notentäfelchen, um Oli die Note neun Komma acht zu geben. – Olympiareif.
„Nicht schlecht“, denkt Oli. „Aber hast du gesehen, wie man das macht?“
Die Heuschrecke scheint dies nicht weiter zu beschäftigen, und das Mädchen war gegangen. Was nun?
Oli verlässt das Blumenbeet und geht wieder auf die Straße. Er geht nun vorsichtig am Rand der Straße entlang. Das Blumenbeet hört auf und es folgt eine Wiese mit halbhohem Gras.
„In der Not kann ich mich hier gut verstecken“, denkt er. Doch im Moment gibt es dazu keinen Anlass.
Rechts erscheint nun eine kleine Straße, die abwärts führte. Doch wohin, weiß Oli nicht. Nicht einmal vom Fenster oder Balkon aus hatte er diese Straße jemals gesehen, und schon gar nicht, wohin sie führt.
„Also dies ist ein guter Grund, diesen Weg einzuschlagen, um herauszufinden, wo er hinführt“, denkt Oli.
Er kann in aller Ruhe seines Weges gehen und sich rechts und links die Gegend einprägen. Es ist weit und breit weder Hund noch fremde Katze ausfindig zu machen, die ihn zu einem Rückzug hätten zwingen können. Trotzdem dreht Oli den Kopf immer wieder nach hinten, einerseits, um sicher zu sein, dass ihn niemand verfolgt, und andererseits darum, sich den Weg einzuprägen, der ihn bis hierherführte, sodass er allenfalls seinen Fluchtweg nach zurück visuell gespeichert hatte.
Am Ende des Weges steht rechts am Rand etwas, das Oli bekannt vorkam. Es war ein kleiner weißer Lieferwagen. Oli erinnert sich, dass er in so einem Ding schon zum Tierarzt gefahren wurde. Das wäre damals ja sehr interessant gewesen, wenn er nicht in diese unbequeme Transportkiste mit Hilfe von vier Händen hineingedrückt worden wäre. Doch das Autofahren war dann ganz abwechslungsreich. Die Gegend flog nur so vorbei. Viel schneller, als er rennen konnte. Da huschten andere Autos, Bäume, Zäune, Telefonmasten – einfach alles – an ihm vorüber. Doch etwas war doch unangenehm: Jedes Mal, wenn sein Herrchen am Rad, das sich vor ihm befand und er mit beiden Händen festhielt, drehte, wurde er einmal an die linke, ein andermal an die rechte Wand der Transportkiste geschleudert. Und wenn er etwas mit dem Fuß am Boden drückte, wurde er entweder mit dem Hinterteil an die Rückwand gedrückt oder aber, wie von einer unsichtbaren Hand nach vorne gestoßen, sodass er jedes Mal mit seiner feinen Nase an der Gittertür aufschlug. Warum dies so war, konnte er sich nicht erklären. Es war wie auf einem Budenplatz auf einer russischen Bergbahn. – Aber wer kennt schon diesen Ausdruck? Er hatte ihn einmal zu Hause gehört. Scheinbar für Zweibeiner eine lustige Bahn. Für ihn weniger, denn es erinnerte ihn an einen Salat ohne Fleisch, aber mit sehr viel Mayonnaise, dass es ihm, als er einmal in einem unbeobachteten Augenblick vom Tische davon schnauste, zum Kotzen übel wurde. So übel, wie es ihm beim Autofahren jeweils wurde. Dann trat auf einmal Ruhe ein. Sein Herrchen stieg aus, und er wurde ausgeladen. Nach einem kleinen Fußmarsch traten sie durch eine Türe ein. – O Schreck – Das musste die Hölle auf Erden sein. Überall waren Hunde. Große, kleine; laute, stille; und alle drehten ihre Köpfe nach ihm.
„Was! Noch nie eine grau-weiße Katze gesehen?“ fauchte Oli böse.
Aber auch die Leute, die hier anwesend waren, benahmen sich nicht besser. So wie das Sprichwort sagt: „Wie der Hund, so sein Meister“: Alle drehen sich nach ihnen oder ducken sich nach ihm, und alle mit demselben albernen Ausspruch: „O wie süß; o wie schön; o wie herzig, o wie lieb und was der Duden sonst noch für Kram auf Lager hat.“ Eine mittelalterliche Frau brachte sogar so etwas hervor, das nach Büüsi und bssss, bssss, bsss tönte, was eindeutig nicht aus dem Duden stammte.
Und dort war ein scheinbarer Tierarzt. Dann, auf einem chromstahlglänzenden Tisch, dem keine noch so geschliffenen Katzenkrallen etwas antun können, wird man umhergeschoben, auf den Rücken gelegt, wie einem alten Gaul in den Mund geschaut, auf dem Bauch herumgedrückt, und der Gipfel von allen Handlungen ist, dass einem ein Gegenstand, länglich und kalt, in den Hintern geschoben wird. Könnte mir ja egal sein, wenn ich schwul wäre. Bin ich aber nicht!

Nun, mit diesen Gedanken ist Oli inzwischen beim Lieferwagen angelangt. Weit und breit niemand zu sehen und die Türen offen. Also mit einem Sprung hinein und nachsehen. Doch nichts Interessantes: Schachteln, Taschen und Säcke, aber kein Fressen. Oli mustert mit seiner Nase alles genaustens, ohne jedoch die Herkunft der Gegenstände ausfindig machen zu können.
Auf einmal hört er Stimmen, die sich dem Auto nähern. Noch bevor er das Auto verlassen kann, sieht er erst nur zwei Schatten auftreten; gleich müssten die Menschen folgen. – Tatsächlich. Was tun?
Schnell einen Satz hinter die nächste Kiste und sich ducken. Etwas wird in den Laderaum geworfen und mit einem Knall schließt sich die Tür. Bald darauf setzt sich das Gefährt in Bewegung. Es war wie in der Transportkiste, nur dass dieser Raum viel größer ist. Aber er wird wie dort hin und her, nach vorne und nach hinten bugsiert; und auch die Gegenstände. Als ob das Gleichgewicht auszubalancieren nicht schon genug wäre, muss er noch ständig den umherfliegenden Kisten und Taschen ausweichen. So geht das eine ganze Weile.

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