Lustige, legendäre, skurrile und unvergessliche BEGEGNUNGEN zwischen Sokrates, Schopenhauer, Mephist

Lustige, legendäre, skurrile und unvergessliche BEGEGNUNGEN zwischen Sokrates, Schopenhauer, Mephist

Franz Doppelbauer


EUR 15,90
EUR 12,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 138
ISBN: 978-3-99131-129-4
Erscheinungsdatum: 24.11.2021
Worüber unterhalten sich Gott und Mephistopheles bei einem Treffen in Wien? Was besprechen Niki Lauda und Günter Anders? Und was gibt Jean-Jacques Rousseau den Bildungsministern der EU mit auf den Weg? Franz Doppelbauer findet amüsante Antworten darauf.
Kapitel 1
Prolog am Himmel: Gott und Mephistopheles


An einem der schönsten Plätze Wiens, nahe Grinzing, dem wunderschönen Aussichtspunkt „Am Himmel“, genau beim Baumkreis unweit des Oktogons, mit großartiger Aussicht auf den Cobenzl einerseits und das urbane Highlight - die lebenswerteste, man sagt auch, sündige Stadt - Wien, umgeben von nach Süden ausgerichteten Weinbergen oberhalb des Cottageviertels im 19. Bezirk, treffen nach etwa 200 Jahren zum ersten Mal wieder Gott und Mephistopheles zusammen.
Bei der letzten Begegnung, bei der es um des Doktors Seele ging, verlief der Disput ja recht friedvoll, hatte doch Mephisto mit schelmischer Häme die wohlgemeinte Äußerung des Herrn, ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich seines rechten Weges wohl bewusst, zum Anlass genommen, diesem Altvorderen eines auszuwischen und mittels genussvoller Versuchungen den stets Zweifelnden, Strebenden und Unzufriedenen mit bedächtiger Schnelle vom Himmel durch die Welt hinab zur Hölle zu führen.
Wie jeder weiß, hat sich am Ende nicht er das Lachen abgewöhnt, sondern Mephisto. Nach Gretes „Heinrich! Mir graut’s vor dir“ und „Ist gerettet“, also nachdem die Wette verloren war, hat es Mephisto im wahrsten Sinn des Wortes das Herz und die Seele aus dem Leib gerissen, welche geradewegs in die Hölle fuhren.
Mit der festen diabolischen Überzeugung, es dem weisen Alten da oben zu zeigen, die abgrundtiefe Schlechtigkeit dessen zu beweisen, „der’s Vernunft nennt“ und sie missbraucht, „nur tierischer als jedes Tier zu sein“, will er ihm gegenübertreten. Ihm, dem Hass fremd ist, der Angst hat, dass des Menschen Tätigkeit allzu leicht erschlaffen würde und Ruhe einkehre, der sich seiner Tollheit halb bewusst sei, der irrt, solang er strebt, ihm werde es Mephistopheles zeigen, dass er diesmal selber irrt, der Altvater. So manchen Bösen sind sie los, doch die Bösen sind geblieben.
Zwei Bänke werden in der Mitte des Baumkreises zurecht gestellt und man setzt sich mit entsprechendem Abstand eines Babyelefanten gegenüber, das weite Land und die große Stadt überblickend.

Gott: Ein wahrlich schönes Plätzchen hier, eine von meinen Wienern, denen man nachsagt, ständig zu raunzen, voller Missgunst zu sein, sich auf den Straßen hektisch hupend fortzubewegen, in der Tat wunderbar gestaltete Symbiose von Natur und Kultur. Sprechende Bäume mit der Stimme von Klaus Maria Brandauer, jenem großartigen Ausseer Schauspieler, welcher auch dem Teufel in Klaus Manns Mephisto vor etlichen Jahren seine sonore Stimme lieh, wachsen hier in Ruhe fernab jeder urbanen Hektik. Diese sprechenden Bäume also geben Auskunft über ihre weltweite Herkunft, ihre heilende Kraft und wichtige Bedeutung für die Astrologie. Du siehst also, mein bedauernswerter Diabolus, du gehst den Menschen noch immer nicht aus dem Kopf. Hast auch eine für dich erfolgreiche Arbeit geleistet, du, die Menschheit völlig durcheinander bringender Ungeist, bei dieser in Braunau geborenen Höllengeburt und seiner braunen Brut, oder in Sarajewo, in Mauthausen, in Auschwitz, Bergen-Belsen, bei den Twin Towers und bei dem Norweger Andres Breivik, in Christchurch, im Bataclan und beim Wiener Judenplatz, um nur einige anzuführen.

Mephisto: Ich bin nicht schuld, ich habe sie alle nicht dazu gezwungen! Freiwillig taten sie’s! In jedem deiner humanen Geschöpfe steckt ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, jener Kraft, die stets verneint, jener Kraft, die will, dass alles zugrunde geht. Die Freiheit, mein lieber alter Mann, die Freiheit, die du ihnen gabst, nehmen sie als Begründung, um sich gegen dich, gegen die Mitwelt und gegen sich selbst zu stellen. War’s nicht gewagt, kühn und frivol von dir, so hoch von jemandem zu denken, der’s nicht verdient? Ihm die Freiheit nicht zu geben, hättest du doch spätestens nach Kain, Babylon und Noah erkennen müssen, es wäre noch nicht zu spät gewesen!

Gott: Nein, ohne Freiheit gibt es keine Erkenntnis, keinen Fortschritt, kein Gewissen! Ohne Freiheit ist er verdammt, ohne Vernunft und Einsicht leben zu müssen - so wie du! Der Mensch ist frei geboren und dennoch liegt er - wegen dir - überall in Ketten; seine Freiheit liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will. Zwar sind zwei Seelen, ach, in seiner Brust, aber sich für das Lebenserhaltende, nicht das Zerstörende, die Liebe, nicht die Missgunst, den Frieden, nicht die Vernichtung, die Selbstkritik und nicht das Abschieben von Verantwortung und Schuld zu entscheiden, das macht seine Würde, seine ethische Verantwortung und seine Größe aus. „Ich bin nicht schuld, die anderen waren es“, sagte schon deine Muhme, die Schlange, als sie noch zufrieden und in glücklicher Eintracht im Paradies lebten. Alles hat so gut begonnen, wenn du nicht … Du bist ein gefährlicher Ratgeber und ein schlechtes Vorbild für die, welche wenig Rückgrat und Selbstbewusstsein haben und humor- und gewissenlos leben. Du machst es dir leicht, du hast alles zu leugnen versucht; oh, niederreißen ist leicht, aber aufbauen! Und selbst niederreißen scheint leichter, als es ist. Sie sind anfällig für einfältige Antworten, du bedienst ihre niedrigsten Instinkte, missbrauchst ihr vertrauensvolles Gemüt und ihre unkritische Hörigkeit gegenüber Autoritäten. Und: Sie sind anfällig für die in der letzten Zeit in Politik und Gesellschaft moderne Selbstverliebtheit und Respektlosigkeit gegenüber Andersdenkenden in Religion, Kunst und Politik. Gib ihnen ihre Größe, ihr Selbstbewusstsein zurück, lass sie mein Abbild sein, so wie bei den kleinen Kindern. Blick um dich herum, so viele spielende, lustige Kinder auf der Bellevue-Wiese, sie lernen von den Bäumen, Harmonie soweit das Auge reicht. Zurück zu den Bäumen und zur Natur, wie mein Freund Jean Jack schon sagte. Den Kids ist das Lachen noch nicht vergangen, sie können noch staunen, sie freuen sich über Kleinigkeiten, ziehen den Besuch der Schule dem Homeschooling vor, nützen die Zeit zum Spielen.

Mephisto: Und trotzdem verstehen sie die Erwachsenen nicht und stellen viele Fragen. Sie fragen: Warum sind so viele Kriege? Warum das einsame Sterben in Altenheimen und Krankenhäusern? Warum die Armut auf der Welt? Warum Terror?
Gott: Diese Fragen, diese Verzweiflung verstehe ich sehr gut. Sie sollen diese Fragen in die Welt hinaus schreien, sie sollen die Verantwortlichen anklagen, vor dem UNO-Sicherheitsrat das Wort ergreifen - wie Greta und Fridays for Future den korrupten Mächtigen dieser Welt einen Spiegel vorhalten, sie sollen sich nichts mehr gefallen lassen, sich wehren, sollen einander zuhören und für die gerechte Verteilung der Güter kämpfen, den Schutz der Flüchtlinge und Minderheiten einfordern, friedliche Lösungen von Konflikten durchsetzen, die Zerstörer der Mitwelt und CO2-Emittenten in die Schranken weisen, diesen nichts mehr abkaufen, sie boykottieren, das Recht auf ein würdevolles Leben und Sterben in Ethikkommissionen und Kinderparlamenten erzwingen - Kinder an die Macht! Die spießigen Witzfiguren aus Politik und Wirtschaft fallen ohnedies wie Schachfiguren und Fliegen von ihren Thronen - die Vögel twittern es aus aller Herren Länder. Man nehme ihnen die machtgeilen Einflüsterer, welche sich wie eh und je bloß das Streben nach Macht, Genuss, Geld und Ausbeutung auf die Fahnen schreiben, weg. Sie haben ihre Chancen vertan, ihre demokratischen Vertrauensvorschüsse verspielt, ihre innersten Werte verraten - auf Videos und auf Twitter. Wie zum Teufel - oh, pardon - kann es denn sein, dass sie gegeneinander hetzen? Hat denn niemand die Ringparabel gelesen und verstanden? Im Namen der Religionen - in meinem Namen - Kriege führen? Unfassbar! Die einen haben ihre Lektion aus den mittelalterlichen Verfehlungen in Hexen- und Kreuzzügen, von schändlichen Übergriffen auf Kinder abgesehen, hoffentlich gelernt, die anderen nicht, noch nicht. Ihr Gott sind das Schwert, die Sprengstoffgürtel und das Maschinengewehr. Es schmerzen mich die vielen unschuldig Verletzten und sinnlos Verstorbenen allerorts. Angesichts dieser Verbrechen muss ich den Satz „Es reut mich, den Menschen geschaffen zu haben“ in Erinnerung rufen. Als ob eine Sintflut nicht gereicht hätte - sie lernen nichts, nichts aus den bildhaften, mythischen, lehrreichen Erzählungen, nichts aus dem Leid und Elend, das sie Tag für Tag sich selbst und den anderen zufügen. Nichts lernen sie von den Weisheitslehrern, den Märtyrern, von Gandhi, M. L. King, Bonhoeffer, den napalmverbrannten Krüppeln in Hiroshima und Vietnam, nichts von den Millionen unschuldig hingerichteten Juden, nichts von den Tausenden im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen, auch nichts von den einsam Sterbenden und nicht würdevoll Begrabenen, in den Lüften nicht eng Liegenden, niemand außer einer mit der Fuge des Todes ehrt sie. Blumen und Kränze niederzulegen - einmal im Jahr - ist zu spät, zu wenig. Jetzt, und nicht erst morgen, sollen sie die Welt so gerecht gestalten, dass kein Mensch mehr über das Meer oder über Mauern mit Stacheldraht flüchten muss, heute sollen sie die Mitwelt so behandeln, dass ihr Wasser nicht verschmutzt, die Luft nicht verpestet, der Ackerboden nicht zubetoniert wird und die Seelen nicht verrohen. Ich habe keinen Mund, nur ihren Mund, um das zu sagen, ich habe keine Hände, nur ihre Hände, um das zu tun. Als ob sie alle die Erzählungen von der Schlange, vom Brudermord und der Sintflut, vom Turmbau zu Babel nicht verstanden haben. Was sie da treiben, ist Schwester- und Brudermord! Sie bauen Türme, welche ihre und die Sprache der Völker verwirren! Ich leide mit den Unschuldigen mit, wie vor 2000 Jahren ob der römischen Hybris; wer’s nicht fühlt, wird’s nicht erjagen! Mögen sie anbeten, wen sie wollen, aber sie sollen die kurze Zeit, die ihnen geschenkt ist, nützen, um einander aufzurichten und nicht niederzumachen, ihre Lebensgrundlagen nicht zu zerstören, sondern für ihre Nachkommen zu bewahren.

Mephisto: Du bist ein alter Moralist! Die Botschaft hör’ ich wohl, allein …

Gott: … nein, mir fehlt er nicht! Gretchen und Greta lassen mich hoffen. Wär’s nicht endlich an der Zeit, du mein Widersacher, dass wenigstens wir beide unseren Zwist beenden und mit gutem Beispiel vorangehen? Schließlich bist du schon einmal hier auf der Insel der Seligen und dazu noch am Himmel! Schlag ein, topp die Wette …

Mephisto: Dann hätten sie niemanden mehr, den sie als Sündenbock, Lückenbüßer und Ausrede benützen können, um ihre schäbigen Taten zu rechtfertigen. Ich vermute, dass sie dich ohnedies schon vergessen und für „tot“ erklärt haben und in ihrem Wohlstand wegrationalisieren.
Ob es zu dieser historisch einzigartigen Versöhnung kam, ist nicht überliefert.
Wir wissen aus politisch gewöhnlich gut informierten Kreisen der Pest- und Coronaleugner und Impfgegner, Mephisto sei im Anschluss an eine ORF ZIB 2-Aufzeichnung mit Armin Wolf nach der Bemerkung „homo homini lupus“ letzten Augenzeugenberichten zufolge in der Himmelpfortgasse unweit des Wiener Pestpredigers Abraham a Santa Clara, akkurat in der Goethegasse, mit Faust zusammengetroffen und an Corona gestorben.
Während die Krone und der Kurier am nächsten Tag auf der Titelseite über das Wetter schrieben, berichteten der Standard und die Presse auf ihren Titelseiten von dieser epochalen Begegnung. Der Standard titelte: „Wolf vertrieb den Teufel aus Wien“; die Presse: „Gipfelkonferenz der einflussreichsten Mächte in Wien - was wird die Welt daraus lernen?“.


test
5 Sterne
Das muß man gelesen haben und es immer wieder tun - 07.06.2022
Lotte Wimmer

Danke Herr Doppelbauer! Es gehört zu den besten Lektüren, die ich je gelesen habe. Selten, dass sich in einem philosophischen Buch, Intelligenz, Weisheit und Humor vereinen, DANKE!!!

5 Sterne
Die Lehre des Verbindens. - 08.12.2021
Rujul Nyima

Ein erfahrener und gelehrter Geist ermöglicht der Leserschaft, nicht bloß Nuancen sondern die Pflicht des Autors darin zu erkennen, dass Generationen überlappende Sprachbilder nicht nur aneinandergereiht oder salopp inkludiert wurden, sondern über Jahrzehnte des Lernens und Lehrens hinweg zutiefst verwoben und verschmolzen sind. Daraus folgend ergibt sich ein durchweg homogenes Gesamtkunstwerk, welches unweigerlich lauthals zum Schmunzeln einlädt und die »alten Meister« überaus scharfsinnig und pointiert mit dem vielzitierten Zeitgeist ins Gericht gehen und ihn mehrmals lupenrein konterkariert.

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