Zwei Nachrichten, zwei Welten – und die Frage: Wie viel Raum dürfen wir uns selbst zugestehen, wenn andere uns brauchen? Denis Schooldermann widmet sich in diesem Beitrag der Kunst, innere Grenzen zu wahren, um mit vollem Herzen für andere da sein zu können.

Zwei Nachrichten, zwei Welten – und die Frage: Wie viel Raum dürfen wir uns selbst zugestehen, wenn andere uns brauchen? Denis Schooldermann widmet sich in diesem Beitrag der Kunst, innere Grenzen zu wahren, um mit vollem Herzen für andere da sein zu können. #novum

Grenzen setzen oder bedingunglos da sein? Die Frage, wie man für geliebte Menschen da ist, ohne sich selbst dabei zu verlieren, beantwortet Autor Denis Schooldermann in einer feinfühligen Geschichte über den Wert der eigenen Selbstfürsorge.

Zwei Mal im Jahr suchen im Rahmen unseres novum Verlag Wortwechsel Geschichtenwettbewerbs. Im aktuellen Wettbewerb haben wir zu einfallsreichen Beiträgen rund um das vielschichtige Thema „Zwischen zwei Nachrichten“ aufgerufen. Mit einer Geschichte, die uns dazu ermutigt, uns selbst nicht zu vergessen und eigene Grenzen zu wahren, hat uns Autor Denis Schooldermann überzeugt. Die Kurzgeschichte des Autors finden Sie ab sofort in unserer neuen Anthologie novum #20, die eine Sammlung kurzweiliger, gefühlvoller Texte für jede Stimmung enthält. Nebst Beiträgen bekannter Persönlichkeiten befindet sich Denis Schooldermanns feinfühliger Text in bester Gesellschaft. Doch auch hier auf dem Blog können Sie die Geschichte unseres begabten Gastautors lesen, kurz innehalten und die eigene innere Ruhe spüren.


»Zwischen zwei Nachrichten«, von Denis Schooldermann

Jeden Morgen öffne ich mein Handy, und wie immer wartet dort eine kleine Erinnerung auf mich. Sie kommt von dieser App, die ich vor einigen Monaten installiert habe, um mich daran zu erinnern, öfter an mich selbst zu denken. Heute lautete die Nachricht: „Nimm dir bewusst Zeit für dich heute.“ Ich las die Worte und spürte sofort ein kleines Ziehen in der Brust. Es war ein sanftes Drängen, mich zurückzuziehen und mir selbst Priorität zu geben. Ein Moment, in dem die Welt draußen für einen Augenblick stillzustehen schien, und nur ich zählte.

Kaum hatte ich die App geschlossen, vibrierte mein Handy erneut. Diesmal war es eine Nachricht von meiner Freundin: „Wir müssen uns treffen, er hat wieder Schluss gemacht.“ Ich starrte auf den Bildschirm und spürte, wie mein Kopf plötzlich überflutet wurde. Zwei Stimmen zogen an mir. Die eine flüsterte, dass ich heute auf mich achten sollte, die andere rief nach Nähe, Verständnis, Trost. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich in solchen Momenten innerlich zerreißen kann, als würden die eigenen Gedanken und Gefühle in entgegengesetzte Richtungen zerren.

Ich setzte mich aufs Sofa, Handy in der Hand, und ließ die Gedanken kreisen. Erinnerungen an vergangene Tage tauchten auf. Die Momente, in denen ich immer für andere da war, obwohl ich selbst erschöpft war. Die Male, in denen ich meine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt hatte. Ich erinnerte mich an das letzte Mal, als ich alles gleichzeitig versucht hatte und mich am Ende innerlich leer und frustriert fühlte. Meine Gedanken wirbelten, wie ein Sturm, und ich spürte diese innere Spannung, die sich in meinem Nacken und meinen Schultern festsetzte. Mir wurde klar, dass Organisation der Schlüssel ist. Man darf sich selbst nicht vergessen. Nur so kann man wirklich für andere da sein, ohne dass der Kopf überkocht oder das Herz überläuft.

Ich schloss die Augen, atmete tief ein und aus und ordnete meine Gedanken. Ich stellte mir vor, wie ich den Tag gestalten könnte, damit ich sowohl Ruhe für mich selbst finde als auch bereit bin, für meine Freundin da zu sein. Ich dachte an all die kleinen Möglichkeiten, wie ich mir heute etwas Gutes tun konnte. Eine Tasse Kaffee in Ruhe, Musik, die mich trägt, ein Spaziergang durch die Straßen, um die Gedanken zu ordnen. Ich verstand, dass es nicht egoistisch ist, sich solche Momente zu gönnen. Im Gegenteil: Wer auf sich selbst achtet, hat am Ende auch mehr Kraft für andere.

Die Stunden vergingen, während ich die kleine Ordnung in meinem Kopf aufbaute. Ich sortierte Gedanken, ließ Sorgen los, die mich nicht wirklich betrafen, und konzentrierte mich darauf, präsent zu sein. Ich spürte, wie der Druck nachließ, wie eine angespannte Saite, die langsam nachgab, und eine leise Ruhe sich ausbreitete.

Schließlich schrieb ich meiner Freundin zurück: „Gerne, nehme ich mir Zeit für dich. Können wir uns morgen in unserem Stammcafé treffen?“ Sofort fühlte ich Erleichterung. Die Entscheidung war getroffen, und ich wusste, dass ich den Tag für mich nutzen konnte, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich kochte mir mein Lieblingsessen, hörte Musik, die nur ich liebte, und ging spazieren. Ich beobachtete die Menschen um mich, die Stadt im leichten Winterlicht, und spürte, wie langsam Ruhe und Klarheit zurückkehrten. Ich nahm die Details wahr, die sonst in der Hektik untergingen: das Lachen eines Kindes, den Duft von frisch gebackenem Brot, das sanfte Rascheln der Blätter.


Am nächsten Tag traf ich meine Freundin. Ich konnte ihr zu hundert Prozent zuhören, ohne abgelenkt, gereizt oder genervt zu sein. Wir hatten genug Zeit, sprachen über alles, was sie belastete, und sie fühlte sich verstanden. Ich konnte jede ihrer Sorgen aufnehmen, ohne dass sie mich innerlich erschöpfte. Genau weil ich mir zuvor selbst Raum gegeben hatte, war ich präsent. Dieses Erlebnis zeigte mir wieder einmal: Selbstfürsorge und Fürsorge für andere sind kein Widerspruch. Wer seine eigenen Grenzen achtet, kann wirklich präsent sein und mit offenem Herzen zuhören

Ich merkte, wie viel leichter sich mein Inneres anfühlte. Die Gedanken, die sonst in solchen Situationen wirr durcheinander wirbelten, waren geordnet. Die kleine Stimme, die mich immer wieder daran erinnert hatte, dass ich auf mich achten muss, hatte recht gehabt. Organisation, Klarheit und kleine Momente der Ruhe machen es möglich, die eigenen Kräfte zu bewahren und gleichzeitig für die Menschen, die einem wichtig sind, wirklich da zu sein.

Am Ende des Tages, als ich allein nach Hause ging, fühlte ich mich zufrieden und ruhig. Ich hatte gelernt, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sich selbst Priorität zu geben, sondern eine wichtige Voraussetzung, um für andere stark sein zu können. Die App hatte recht gehabt. Manchmal braucht es nur den Mut, bewusst Zeit für sich zu nehmen, und schon kann man alles klarer sehen, liebevoller handeln und wirklich zuhören, ohne dass die Welt oder die eigenen Gedanken über einen hereinbrechen.

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Über das Buch


Titel: „novum #20 Volume 1“ & „novum #20 Volume 2“ & „novum #20 Volume 3“ & „novum #20 Volume 4“ & „novum #20 Volume 5“ 
Herausgeber: Wolfgang Bader
Inhalt: Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichsten Lebensbereichen vereinen sich in diesem Band. Ihre Geschichten, Sachtexte und Gedichte bilden einen Vielklang an Stimmen der Gegenwart und bieten persönliche Erfahrungen, bewegende Momente und kritische Blicke.
Seitenanzahl: 178 (Volume 1) & 184 (Volume 2) & 178 Seiten (Volume 3) & 184 Seiten (Volume 4) & 174 Seiten (Volume 5)
ISBN: 978-3-7116-1983-9 (Volume 1) &
978-3-7116-1984-6 (Volume 2) & 978-3-7116-1985-3 (Volume 3) & 978-3-7116-1986-0 (Volume 4) & 978-3-7116-1987-7 (Volume 5)
Preis: € 19,90

Die novum #20 Anthologie ist in insgesamt fünf Teilen erschienen. Die Kurzgeschichte von Dennis Schooldermann wurde in Band 4 abgedruckt. Hier geht es zur Buchbestellung von:

• Volume 1
• Volume 2
• Volume 3
• Volume 4
• Volume 5


Über den Autor

Denis Schooldermann schreibt über persönliche Entwicklung, Alltagserfahrungen und menschliche Herausforderungen. Besonders beschäftigen ihn Themen wie Selbstliebe, Selbstrespekt und Selbstwertschätzung, die sich in seinen Texten widerspiegeln. Die Kurzgeschichte „Zwischen zwei Nachrichten“ basiert auf einer wahren Begebenheit und verbindet ehrliche Emotionen mit einem nahbaren und authentischen Schreibstil.