Da, wo einst der Schneeengel lag, ist Platz für einen neuen. Sie existieren nur, bis man sich abwendet, bis man gelangweilt ist von ihnen. Ich will gesehen werden, ich will begehrt werden – doch was passiert, wenn die eigenen Linien wiederkehren?
Wie weit geht man, um nicht unsichtbar zu werden? Die Frage, wie sehr gesellschaftlicher Perfektionsdrang uns verzehren kann und wie entscheidend die eigene Selbstfürsorge ist, beantwortet die Autorin in einer feinfühligen, erschütternden Geschichte über den Wert des eigenen Blickes auf sich selbst.

Zwei Mal im Jahr suchen im Rahmen unseres novum Verlag Wortwechsel Geschichtenwettbewerbs. Im aktuellen Wettbewerb haben wir zu einfallsreichen Beiträgen rund um das vielschichtige Thema „Schneengel“ aufgerufen. Mit einer packenden und schonungslosen Geschichte, die den gesellschaftlichen Druck nach ewiger Jugend, die Angst vor dem Unsichtbarwerden und den verhängnisvollen Kampf gegen den eigenen Körper beleuchtet, hat uns die Autorin Léa Maria Fritz tief berührt und zum Nachdenken gebracht. Die Kurzgeschichte finden Sie ab sofort in unserer neuen Anthologie novum #19, die eine Sammlung kurzweiliger, intensiv gefühlvoller Texte für jede Stimmung enthält. Nebst Beiträgen bekannter Persönlichkeiten befindet sich dieser feinfühlige, einprägsame Text in bester Gesellschaft. Doch auch hier auf dem Blog können Sie die Geschichte unserer begabten Gastautorin lesen, kurz innehalten und über den Wert des eigenen Blickes auf sich selbst reflektieren.
»Engelsgleich«, von Léa Maria
Ich habe meine Mutter früher beobachtet, ich habe sie imitiert, auch wenn ich nicht verstand, was sie machte. Sie stand oft vor dem Spiegel, die schönste Frau der Welt, ihre Finger zuerst an der Stirn, zogen ihre Haut nach oben, dann glitten sie an ihre Mundwinkel, zogen ihre Haut nach oben, dann zurück nach oben, an die Augen und auch dort zogen sie ihre Haut nach oben, sodass ihre Augen spannten. Tat das nicht weh? Als ich mich neben sie stellte, anfing, meine Haut im Gesicht nach oben zu ziehen, lachte sie und sagte, ich müsste dies noch nicht tun, erst wenn ich so alt sei wie sie, erst wenn die Blicke anfangen zu verschwinden, erst wenn ich unsichtbar werde. Ich verstand sie nicht, aber liebte sie und schaute sie an, so wunderschön. Doch irgendwann kam sie nach Hause, etwas war anders, ihr Gesicht war glatt, ihr Lächeln wirkte, als würde es schmerzen, ihre Augen strahlten nicht, wirkten wie in ihren Kopf hineingenäht, jedoch nicht verbunden mit all den anderen Muskeln. Sie erinnerte mich an einen Schneeengel, sie hatte einen Kopf, aber ihr Gesicht war so leer. Es machte mir Angst, denn Schneeengel verschwinden irgendwann, sie schmelzen und man kann beobachten, wie die Erde sie fast schon einsaugt, bis sie nicht mehr sind. Wenn sie nicht schmelzen, werden sie von Schneeflocken überdeckt. Da, wo einst der Schneeengel lag, ist Platz für einen neuen. Sie existieren nur, bis man sich abwendet, bis man gelangweilt ist von ihnen. Meine Mutter ist kein Schneeengel, nein, ich werde mich niemals abwenden. Wenn ich sie sehe, wird sie vielleicht keiner mehr sein wollen?
Fortan machen sie mir Angst. Wenn andere Kinder auf dem Rücken im Schnee liegen und Schneeengel produzieren, so glatt und perfekt, stehe ich am Rande und habe das Gefühl, sie verspotten mich. Denn sie leben nur so kurz, verändern sich aber nicht. Nein, sie müssen nicht zuschauen, wie sie verschwinden. Niemals blicken sie in den Spiegel. Sie haben keine Körper, gegen die sie ankämpfen. Sie verlieren ihre Schönheit nicht, denn sie sind so schön, dass sie keine haben. Ihren Zweck erfüllen sie, solange sie leben. Vielleicht ist es doch besser, einer von ihnen zu sein. Es dauerte noch wenige Jahre, bis ich meine Mutter richtig verstand. Ich sah selbst in den Spiegel und bemerkte feine Linien. Beim Lächeln bemerkte ich sie rund um meine Augen herum und verfluchte jeden glückseligen Augenblick, der meine Augen zum Leuchten gebracht hatte. Bald werden die Blicke weniger werden, je mehr Linien sichtbar werden, bald bin ich unsichtbar, so wie meine Mutter einst. Ich schmelze, ich werde weniger. Ich wünschte, die anderen würden meine Form nicht verschwinden lassen, man soll den Schneeengel immer und immer wieder nachformen, er soll bloß nicht verschwinden. Doch jetzt ist noch Zeit, sagen sie, je früher man anfängt, desto besser. Vielleicht kann Schnee für immer liegen bleiben. Ich kenne viele Menschen, die ihre Linien wegzaubern, das ist schon fast Magie, womit gegen den eigenen Körper angekämpft wird. Doch manchmal ist genau dieser, der uns am Leben erhält, unser größter Feind. Ich würde lieber sterben, als nicht mehr gesehen zu werden. Entweder sterbe ich an Unsichtbarkeit oder anders, früher oder später, je mehr Zeit vergeht, desto mehr lassen mich die anderen sterben. Ich will gesehen werden, ich will begehrt werden und ich will mich ansehen und mich sehen. Aus Schnee kann ein Abdruck eines Engels werden, warum nicht auch aus mir? Ein Engel, welcher überdauert, nicht schmilzt, niemals überdeckt wird.
Ich lasse mir meine Linien wegzaubern. Schnee muss glatt sein. Es tut etwas weh, mein Gesicht wird aber bald glatt werden. Ich werde geformt, damit ich gesehen werde. Ich sorge dafür, dass Schnee liegt, immer glatt und immer makellos. Meine Linien sind weg und auf dem Weg nach Hause schneit es, vielleicht für mich. Ich laufe an einem Park vorbei, lege mich in den Schnee und forme einen Schneeengel. Er muss frisch sein, damit ich zufrieden bin. Ich betrachte sein blankes Gesicht, so glatt. Ich bin neidisch und deswegen lächerlich, aber sein Gesicht aus Schnee, kaum Substanz, ist so glatt und es wird immer glatt sein. Selbst wenn er schmilzt, selbst wenn Schnee ihn überdeckt, es scheint nicht von Bedeutung zu sein, denn er hat keine Augen, kann sich nicht sehen und sieht nicht, wann sich die Blicke abwenden. Er fühlt nicht, wenn andere gelangweilt sind und sich anderen zuwenden. Mein eigenes Lächeln scheint jetzt anders zu sein, fast schon blank. Ich bin glücklicher, ich kann nicht anders. Ich möchte schmelzen, ich möchte überschneit werden, wenn meine Augen im Spiegel die einzigen sind, die mich noch anschauen. Meine Haut soll glatt sein wie Schnee, jede Linie soll hinfort, in meiner Welt bleibt Schnee für immer.
Zeit vergeht und ich stehe wieder vor meinem Spiegel, die Linien unter meinen Augen sind wieder da, die Linien an meiner Stirn auch. Mein Körper kämpft gegen mich und scheint zu gewinnen. Ich denke an den Schneeengel, an sein glattes Gesicht und daran, dass meines niemals so glatt sein wird, da sich jedes Wort, jeder Ausdruck, jedes Zusammenziehen der Muskeln festgesetzt hat. Irgendwann werde ich unsichtbar. Sobald mich niemand sieht, werde ich es nicht ertragen können, mich selbst zu sehen. Ich führe meine Hände an meine Stirn und beginne, meine Haut nach oben zu ziehen, immer höher zu gehen, bis es sich anfühlt, als würde ich darunter greifen; natürlich hält es nicht an. Die Linien tauchen auf, wenn meine Hände verschwinden. Meine Fingernägel berühren sanft meine Stirn, dann fester jede Linie auf ihr, immer fester, bis ich sie nicht mehr sehe, bis ich schmerzhaft aufschreie, da Blut hinausquillt. Jede Linie in meinem Gesicht wird rot und flüssig, als könnte ich sie auflösen, als würde ich mich gegen meinen Körper verteidigen, als könnte ich gewinnen. Ich füge meinem Körper Schmerzen zu als Strafe für die Schmerzen, die er mir zufügt, indem er sich verändert. Das Blut wird trocknen, die Linien werden zu Wunden, die Wunden zu Narben. Doch all das werde ich nicht sehen, denn ich drücke zu mit meinen Zeige- und Mittelfingern. Ich fühle, wie weich meine Augen sind und wie sehr ich sie verabscheue.
So weich, wie meine Haut nie wieder sein wird. So warm, wie Schnee niemals sein darf. Es ist, als wären meine Augen eine gezielte Waffe meines Körpers, die mich zwingt, dabei zuzusehen, wie er mich entstellt, wie er sich verformt, wie er uns verschwinden lässt. Der Schnee schmilzt, ich verschwinde langsam, weg von all den anderen Augen. Die Blicke der anderen erschaffen mich, kontrollieren mich. Töten mich. Je mehr Blicke auf mir ruhen, desto lebendiger bin ich. Ich drehe meine Finger, immer und immer wieder, meine Sicht entgleitet mir. Wenn ich schon irgendwann unsichtbar sein muss, dann entscheide ich, wann. Damit meine Augen niemals sehen, wenn ich nicht mehr gesehen werde. Ich kann nicht ändern, wie die Augen der anderen mich sehen, doch ich entscheide mich, niemals wieder in ihre Augen zu blicken. Ein Schneeengel ahnt nicht, wann er verschwindet, wann sich die Blicke von ihm abwenden, wann neuer Schnee ihn überdeckt. Das Leben eines Schneeengels ist still, gedankenlos und frei. In meiner Welt liegt immer Schnee. Der Schneeengel ist unvergänglich. Hast du schon mal einen blutigen Engel gesehen?

Auch Sie wollen Ihre Kurzgeschichte, Ihr Gedicht oder vielleicht auch einen Auszug aus Ihrem aktuellen Buch veröffentlichen? Bewerben Sie sich hier für unsere nächste novum Anthologie und gewähren Sie der Welt einen kleinen Einblick in Ihr Werk.
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Über das Buch

Titel: „novum #19 Volume 1“ & „novum #19 Volume 2“ & „novum #19 Volume 3“ & „novum #19 Volume 4“ & „novum #19 Volume 5“
Herausgeber: Wolfgang Bader
Inhalt: Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichsten Lebensbereichen vereinen sich in diesem Band. Ihre Geschichten, Sachtexte und Gedichte bilden einen Vielklang an Stimmen der Gegenwart und bieten persönliche Erfahrungen, bewegende Momente und kritische Blicke.
Seitenanzahl: 210 (Volume 1) & 212 (Volume 2) & 206 Seiten (Volume 3) & 188 Seiten (Volume 4) & 186 Seiten (Volume 5)
ISBN: 978-3-7116-1565-7 (Volume 1) &
978-3-7116-1565-7 (Volume 2) & 978-3-7116-1571-8 (Volume 3) & 978-3-7116-1572-5 (Volume 4) 978-3-7116-1573-2 (Volume 5)
Preis: € 19,90
Die novum #19 Anthologie ist in insgesamt fünf Teilen erschienen. Die Kurzgeschichte von Fritz Léa Maria wurde in Band 5 abgedruckt. Hier geht es zur Buchbestellung von:


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