Ins Kreuzfeuer der Wahrheit geraten Maria und Yasemin im neuen Roman von Markus Majowski und Nicolai Tegeler. Warum die Wahrheit gerade an den dunkelsten Orten ans Licht kommt und trotzdem erzählt werden will – darum geht es in ihrem Buch.
Ins Kreuzfeuer der Wahrheit geraten Maria und Yasemin im neuen Roman von Markus Majowski und Nicolai Tegeler. Warum die Wahrheit gerade an den dunkelsten Orten ans Licht kommt und trotzdem erzählt werden will – darum geht es in ihrem Buch.

Liebe, Identität, Feminismus und die Frage, wie all das in einer politisch brisanten Welt seinen Platz findet, stehen im Zentrum von »Maria & Yasemin. Die Feuer von Teheran«. Der Thriller erzählt von zwei Frauen, die gegensätzlicher kaum sein könnten und doch in diesem Spannungsfeld eine gemeinsame Welt entdecken. Es sind oft unsere Widersprüche, die uns verbinden – wenn wir den Mut aufbringen, sie auszuhalten.
Maria ist zerrissen zwischen religiösen Zwängen und dem Wunsch nach Freiheit. Yasemin behauptet sich im männlich dominierten Immobiliengeschäft – eine starke Frau mit dunkler Vergangenheit. Während Maria nach Halt sucht, verfolgt Yasemin einen tödlichen Plan. Doch je näher sie sich kommen, desto mehr gerät Yasemins kontrollierte Welt ins Wanken.
Auch außerhalb dieser Beziehung bröckelt die Ordnung. Der Journalist Amir Nouri stößt auf ein terroristisches Netzwerk, das Europa erschüttert. Inmitten dieser Bedrohung erzählt der Roman von einer Liebe, die unter ideologischem Druck fast zerbricht – und von einem Europa, das sich fragen muss, wie weit es zum Selbstschutz gehen will.
Ein Buch, das auf vielen Ebenen berührt, provoziert und herausfordert. Warum es sich lohnt, die Wahrheit auszuhalten – darüber sprechen die beiden Autoren Markus Majowski und Nicolai Tegeler im Interview.

Autoreninterview mit Markus Majowski und Nicolai Tegeler
»Man hört nur, was man hören will, bis das Flüstern der Wahrheit zum Donner wird.« Maria & Yasemin. Die Feuer von Teheran ist ein Buch, das unter die Haut geht. Es erzählt von Macht, von Liebe, von Vertrauen – und dem unheimlichen Gefühl des Kontrollverlusts, das mit deren Verlust einhergeht. Was war der Auslöser für die Idee zu diesem Buch?
MM: Es war kein einzelner Moment. Eher eine langsame Verdichtung. Gespräche, Erinnerungen, gesellschaftliche Brüche – und das Gefühl, dass wir über manche Dinge nicht mehr schweigen dürfen. Ich durfte hinschauen und aushalten, was ich da sah.
NT: Der Impuls kam aus einem Gefühl der Dringlichkeit. Die Welt steht an so vielen Stellen in Flammen – politisch, sozial, emotional. Wir wollten einen Roman schreiben, der zeigt, wie sich große gesellschaftliche Themen im Innersten des Einzelnen widerspiegeln. Und wie eine persönliche Geschichte stellvertretend für viele stehen kann.
Liebe, Politik und Religion – was hat Sie dazu bewogen, diese gegensätzlichen Themen in einer einzigen Geschichte zu einen?
NT: Weil sie im echten Leben nicht voneinander zu trennen sind. Wer liebt, kämpft – um Identität, Freiheit, Wahrheit. Religion kann Halt sein, aber auch Fessel. Und Politik wirkt sich auf intimste Beziehungen aus. Wir wollten diese Widersprüche sichtbar machen – nicht akademisch, sondern erzählerisch, nahbar.
MM: Weil sie im echten Leben auch nicht säuberlich getrennt sind. Menschen glauben, lieben, kämpfen – manchmal alles gleichzeitig. Gerade da, wo es weh tut, zeigt sich, wie verwoben diese Themen sind. Ich wollte die Spannung nicht auflösen, sondern ihr Raum geben.
Wie kam es dazu, dass Sie diese Geschichte zu zweit geschrieben haben? Was hat Sie verbunden?
MM: Nicolai und ich sind sehr verschieden – und genau das war ein Geschenk. Wir haben uns gegenseitig befragt, gezögert, gestritten. Aber immer mit Respekt. Uns verbindet eine geteilte Wachheit für das, was unter der Oberfläche liegt. Und eine Bereitschaft, uns beim Schreiben selbst in Frage zu stellen.
NT: Markus und ich kennen uns seit vielen Jahren, teilen ähnliche Werte, aber auch unterschiedliche Blickwinkel – was beim Schreiben ein Geschenk war. Die Idee entstand zunächst lose, dann wurde sie zu einem gemeinsamen Anliegen. Vertrauen war die Basis – und die Überzeugung, dass zwei Stimmen gemeinsam mehrschichtigere Geschichten erzählen können.

Maria und Yasemin sind zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wie ist die Idee zu diesen Figuren entstanden?
NT: Aus der Idee heraus, Gegensätze aufeinandertreffen zu lassen, ohne sie in Schubladen zu stecken. Maria kämpft mit inneren Dämonen, Yasemin mit äußeren Zwängen. Beide sind verletzlich – und stark. Wir wollten Frauen zeigen, die nicht als Projektionsfläche dienen, sondern als eigenständige, widersprüchliche Persönlichkeiten.
MM: Die beiden Frauen? Sie kamen nicht gleichzeitig. Yasemin war zuerst da – mit ihrer Wut, ihrer Wunde. Maria kam später, mit einer anderen Energie. Ich glaube, ich erkannte plötzlich, dass ihre Begegnung nicht bedeutet, alles wird gut . Sondern dass da zwei Menschen sind, die es trotzdem versuchen.
Welche Szene ging Ihnen beim Schreiben selbst tief unter die Haut?
MM: Die Offenbarungsszene in Kapitel 9.6. Yasemin ist in einem 12-Schritte-Meeting und erzählt von Dingen, über die man nicht einfach so schreiben kann. Die Gewalt. Die Sucht. Der Verlust jeder Kontrolle. Diese Szene beruht nicht auf Protokollen oder direktem Wissen aus Meetings – das wäre ein Verrat gewesen. Aber sie ist inspiriert von Gesprächen, von Lebensgeschichten, von dem, was Menschen freigeben. Weil sie sich wünschen, dass andere aus ihren Erfahrungen etwas ziehen können. Beim Schreiben war ich oft unsicher, ob ich überhaupt die Ausdauer behalte, diese Worte zu setzen. Aber genau diese Unsicherheit war vielleicht nötig.
NT: Die Szene am Stechlinsee. Zwei Frauen, die durchs Leben stolpern, stehen plötzlich still – barfuß im Wasser, schweigend, lauschend. Ohne große Worte entsteht da Nähe. Kein Drama, kein Kitsch, nur dieses stille Einvernehmen: Wir sind da. Jetzt. Gemeinsam. Beim Schreiben dieser Szene haben wir selbst den Atem angehalten – weil sie zeigt, wie Heilung manchmal im scheinbaren Nichts beginnt.
Gab es im Schreibprozess Momente, in denen Sie dachten: »Das ist zu viel – das geht nicht«?
NT: Ja, mehrfach. Gerade bei den Rückblenden in Yasemins Vergangenheit. Es war nicht leicht, das auszuhalten. Aber gerade deshalb war es wichtig, es zu erzählen – ohne Sensationslust, aber mit Ehrlichkeit. Wahrheit darf auch wehtun.
MM: Ja, mehrmals. Gerade bei den biografisch inspirierten Passagen. Aber ich habe gelernt, dass Schreiben bedeutet, dazubleiben, auch wenn es unbequem wird. Und bedeutet Schreiben nicht auch, mit Demut zu versuchen, etwas spürbar zu machen, das viele betroffene Menschen umbringt?
Weibliche Selbstbestimmung ist in Ihrem Roman ein großes Thema. Wieso haben Sie die Geschichte ausgerechnet aus der Perspektive zweier Frauen erzählt? Wie wichtig war Ihnen diese Perspektive?
MM: Weil ich glaube, dass wir noch immer zu wenig über die Erfahrungen von Frauen in extremen Lebenslagen erzählen – ohne sie dabei auf Opferrollen zu reduzieren. Yasemin und Maria tragen ihre Widersprüche, ihre Stärke, ihre Verletzlichkeit. Ich wollte lernen, nicht projizieren. Und deshalb versuche ich, ihre Perspektiven ernst zu nehmen.
NT: Wir wollten nicht über Frauen schreiben, sondern mit ihnen. Diese Geschichte verlangt nach weiblicher Perspektive, weil sie in patriarchalen Strukturen spielt – und weil es Zeit ist, Räume zu schaffen, in denen weibliche Stimmen gehört werden. Wir haben mit vielen Frauen gesprochen, zugehört, gelernt.

Aus aktuellem Anlass drängt sich die Frage auf, ob es politische Ereignisse oder Personen gibt, die Sie zu Ihrem Thriller inspiriert haben?
NT: Unbedingt. Der Iran, die Proteste, das Schweigen der Weltgemeinschaft. Aber auch westliche Doppelmoral, mediale Verzerrung, religiöse Machtspiele. Wir haben reale Entwicklungen in fiktionale Szenarien übertragen – nicht zur Anklage, sondern zum Nachdenken.
MM: Ja, natürlich. Die Proteste im Iran. Der Umgang mit queeren Menschen in Deutschland. Die Frage, wie religiöser Fanatismus und staatliche Repression ineinandergreifen. Ich habe viele Gespräche geführt – auch mit Expert*innen in NATO, UN und Flüchtlingseinrichtungen. Wir werden mit dem Buch eine Kontroverse auslösen. Das muss ich aushalten. Die leidenden Menschen und ihre Geschichten stehen nun im Licht, unumkehrbar.
Ihr Buch steckt voller starker Bilder und Symbolik. Vor allem der rote Hahn ist ein wiederkehrendes Motiv. Wofür steht er im übertragenen Sinne?
MM: Für die Grenze zwischen Schweigen und Erwachen. In der jüdischen Mystik, aber auch in der Bauernsymbolik, ist der Hahn ein Rufer. Ein Mahner. In unserem Roman ist er Warnsignal und Hoffnung zugleich – je nachdem, wie man hinhört. Er sagt: »Jetzt.« Und dann ist es an uns, zu entscheiden, was wir tun.
NT: Der rote Hahn ist ein Symbol für das innere Feuer, aber auch für Warnung, Umbruch und Transformation. In vielen Kulturen gilt er als Vorbote des Neuanfangs. In unserem Roman ruft er auf – zum Hinsehen, zum Aufstehen, zum Brennen für das, was zählt.
»Weißt du… dieses Licht, mein inneres Feuer, ich frage mich, wo es geblieben ist.« Der beständige Wechsel von Licht und Schatten scheint ein großes Motiv in Ihrem Buch zu sein. Welche autobiographischen Bezüge verbergen sich hinter diesem Bild?
NT: Wir alle kennen Phasen, in denen das Licht kaum mehr spürbar scheint. Auch wir. Diese Schatten gehören zum Leben – aber auch das Wissen, dass Licht zurückkehren kann. Es ist ein zutiefst menschliches Motiv, das uns beide begleitet hat – auch außerhalb dieses Romans.
MM: Ich kenne die Schattenseiten. Sucht, Einsamkeit, Scham – das sind keine Fremdwörter für mich. Und ich kenne auch das Licht, das manchmal durch eine Tür fällt, die man für immer verschlossen glaubte. Vielleicht ist das einer meiner »Tricks« beim Schreiben: dass ich nichts beschreibe, was ich nicht zumindest ahne.
Wenn Sie sich eine bestimmte Leserreaktion wünschen könnten, welche wäre das?
MM: Ich wünsche mir keine glatten Rezensionen. Ich wünsche mir Gespräche. Vielleicht auch Widerspruch. Oder das stille Nachdenken in der Nacht. Wenn jemand denkt: »Ich fühle etwas, das ich vorher nicht benennen konnte«, dann war das Buch nicht umsonst.
NT: »Ich habe anders auf die Welt geblickt, nachdem ich das Buch gelesen habe.« Wenn unser Roman Fragen aufwirft, Empathie fördert oder Perspektiven erweitert – dann hat er seinen Zweck erfüllt.

Wird es eine Fortsetzung geben?
NT: Ist die Geschichte von Maria & Yasemin auserzählt? Die Themen, die sie aufwerfen, brennen weiter. Vielleicht nicht als direkte Fortsetzung, aber in einem neuen Rahmen. Ideen gibt es bereits.
MM: Es gibt keine Serienidee. Aber es gibt offene Fragen. Und Figuren, die noch nicht zu Ende gesprochen haben. Ob das wieder ein Buch wird, weiß ich nicht. Aber ich höre ihnen weiter zu.
Vielen Dank für das Gespräch!
Über die Autoren

Nicolai Tegeler ist Schauspieler, Regisseur und Produzent. Bekannt wurde er in Film und TV sowie als Theaterregisseur, unter anderem mit seiner Inszenierung von Jedermann in Beelitz, wo er Markus Majowski als den Tod besetzte. Die beiden lernten sich im legendären Café Berio in Berlin-Schöneberg kennen – eine Begegnung, die ihre künstlerische Zusammenarbeit begründete. Sein Spielfilm »Zu den Sternen« (2019) wurde auf internationalen Festivals gefeiert. Mit seiner Firma I like Stories GmbH entwickelt er stets neue kreative Projekte.

Markus Majowski ist Schauspieler, Regisseur und Produzent. Er begeistert als Star der Sat.1-Comedy »Die dreisten Drei« und als Telekom-Werbegesicht. Im ZDF-Krimi »Der letzte Zeuge« löst er sechs Jahre lang knifflige Fälle. Im Kino zieht er als Cookie mit Ottos »Sieben Zwergen« durch den Wald. Seit 2025 ist er Experte für Edelmetalle, ist über 15 Jahre Botschafter des Deutschen Kinderhilfswerks, leitet die Majolo Stage Schauspielschule und engagiert sich für die Künstler-Altersvorsorge.
Über das Buch

Im widersprüchlichen Berlin begegnen sich Maria-Dorothea, von psychischer Krankheit und konkurrierenden Ideologien zerrissen, und Yasemin, verfolgt von einer finsteren Vergangenheit. Eine Begegnung, die nicht nur das Schicksal der beiden Frauen verändern wird.
»Maria & Yasemin. Die Feuer von Teheran«
Markus Majowski und Nicolai Tegeler
304 Seiten
ISBN: 978-3-7116-0596-2
Zum Onlineshop!


Einen Kommentar schreiben