Cover: Taubnesselblütenlutschen

Taubnesselblütenlutschen
[Solingen-Nordbahnhof] Geschichten von drei bis dreizehn


EUR 33,90

Format: 18 x 27 cm
Seitenanzahl: 488
ISBN: 978-3-99130-429-6
Erscheinungsdatum: 10.05.2024
In einer Zeit vor dem Internet und in der Jugendzeit des Deutschen Fernsehens: Ulrich wächst in den 50ern und 60ern auf und erlebt allein mit seiner Fantasie eine Menge Abenteuer. Mit seiner Räuberbande wird sogar schon mal ein Zug "ausgeraubt" …
ANFANG


WO ICH GRAD NOCH SO DRAN DENKEN KANN

… Ich sah zu, wie Gitti an Mama genuckelt hat. Da war ich zweieinhalb Jahre alt, und ich weiß es noch und hab ’s jetzt noch so vor Augen. Das war in unserm Wohnzimmer, das auch unser Schlafzimmer war. Da stand unser Sofa, das war ganz dunkelrot, und wenn ’s auseinandergeklappt war, war das das Bett von Mama und Papa.
Da drauf, auf unserm Sofa, hat Mama Gitti zum Trinken gehabt, und ich hab zugeguckt, und außer Gittis Nuckeln war nix zu hörn. Mama hat mir in die Augen geguckt, als Gitti an ihr gesaugt hat, und ich in Mamas Augen, und es war ganz still und friedlich, und ich hatte meinen Teddy zwischen den Fingern. Das weiß ich noch genau …, als wenn ’s gestern wär.

… Wir hatten auch ’ne Küche. Die hatte ’n kleines Waschbecken in der Ecke am Fenster zum Hof. Dort wurden Gitti und ich jedes Wochenende gebadet, denn ’ne Badewanne hatten wir nicht. Nach dem Waschen – da warn wir beide aber schon ’n bisschen größer – gab es abends beim Kinderfunk Abendbrot und dabei öfter ’ne ganz dicke heiße Fleischwurst mit kalter Mayonnaise und Weißbrot.
Als wir alles weggeputzt hatten, hat Mama uns, also Gitti und mich, ins Bett gebracht.
Papa arbeitete in ’ner Fabrik, und Gitti und ich wussten nicht, was er da genau machte, außer dass er da arbeitete. Was arbeiten ist, wussten wir aber auch nicht, und auch nicht, wo die Fabrik von Papa überhaupt war.
Papa ist zu seiner Arbeit immer zu Fuß gegangen, weil die ganz früh anfing und da noch keine Straßenbahn fuhr oder weil er einfach lieber zu Fuß gegangen ist.
Papa musste lange zur Arbeit und zurücklaufen, weil Papa kam immer erst zum Abendbrot wieder nach Hause; und morgens, vor unserm Frühstück, war er schon längst auf ’m Marsch zu seiner Arbeit.
Ach so – wir warn nicht nur wir zwei Kinder und Mama und Papa, da war auch noch Oma. Das war die Mama von unsrer Mama, und die gehörte auch zu uns, und die schlief auf ’m Flur zum Klo, da, wo eigentlich unsere Badewanne gestanden hätte – ja, wenn wir nicht den Platz für Omas Bett gebraucht hätten.
Oma hatte einen eignen Sessel in der Küche. Der war hellblau gemustert, und da hat sie fast die ganze Zeit drin gesessen und meistens gestrickt oder gehäkelt, außer wenn sie Kartoffeln oder Mohrrüben geschält oder Erbsen gepult hat oder gekocht oder sauber gemacht hat oder aus ’m Klofenster geguckt hat, auf die Van-Meenen-Straße und die Lasterwaage von Osterwinds, da war immer richtig was los, oder rüber zum Nordbahnhof und auf die Schienen und auf die andre Seite von den Schienen zum Gemüsegroßmarkt – das hat sie auch immer gern mal gemacht, da rausgucken. Vielleicht hat sie ja auch nur in ’n Himmel gesehn und ’n bisschen geträumt. Oma hatte immer schwarze Sachen an, und ich hab Oma ganz lieb, und Gitti hat sie auch ganz, ganz lieb, das weiß ich genau.
Wir wohnten ja direkt am Bahnhof, das war der Nordbahnhof von Solingen, und da konnte Oma richtig alle Züge beobachten. Das warn aber nur Güterzüge, und die fuhrn meistens nicht mal, die standen einfach nur da rum im Bahnhofsgelände, und dann auch meistens nur die Waggons von den Güterzügen, aber so drei- bis viermal am Tag dampfte doch ’n Zug bei uns durch und verschwand in unserm Tunnel, oder er kam aus dem Tunnel raus, machte ’ne kurze Verschnaufpause an unserm Bahnhof, rangierte mit den abgestellten Waggons durchs Bahnhofsgelände und zog darauf mit denen schnell wieder ab, und das war für Oma und uns kleine Kinder mächtig aufregend.
Gitti ist zweieinhalb Jahre jünger als wie ich, und sie ist ’n Mädchen – merkst du ja schon am Namen. Die heißt richtig Brigitte, aber ich sag immer nur Gitti; find ich schöner, aber Brigitte ist eigentlich doch noch schöner, aber alle außer Mama und Papa und Oma sagen zu Gitti alle Gitti, und deswegen sag ich zu ihr auch Gitti.

Ich will jetz haarklein erzähln, was seit Gittis Nuckeln mit mir – und auch mit ihr selbst – so passiert ist, also alles, woran ich mich erinnern kann und was mir so einfällt. Da fehlt bestimmt mehr als die Hälfte von dem, was wirklich insgesamt war, doch besser als nix, und ich versprech, ich werd nich lügen und irgendeinen Quatsch erfinden, nur damit ’s einem, der dies liest, mehr Spaß macht – nee, werd ich bestimmt nich. Könnt aber trotzdem sein, dass bei meinem Zeugs irgendwo zwischendrin ’n ganz bisschen Flunkerei vorkommt – wegen den Pferden, die mit einem durchgehn …, sagen se doch so, oder? Aber meine Märchen werdet ihr gar nich merken – so wahr, wie die sich anhörn.
Ich fang erstmal damit an, als ich noch klein war, … und erzähl dann einfach, eins nach dem andern, von da an bis jetzt, wie ’s mir in die Birne kommt und wie mir der Schnabel gewachsen ist. Einverstanden?
Und wenn ich da manchmal ’n bisschen komisch red, dann liegt das nich da dran, dass ich blöd bin und nich lesen und nich richtig schreiben noch nich kann, sondern daran, dass ich zu der Zeit ja noch viel kleiner als jetz war und alles berichten will, wie es mir passiert is und es auch genauso erzähln und so reden will, wie ich damals als kleiner Tropf gedacht und gesprochen hab. Verstehen tut ’s sowieso jeder, und wenn nich, ist er ’s selbst in schuld und hat in meinem Buch sowieso nix zu suchen.



WO ICH KLEIN BIN


BEI UNS ZU HAUSE

Jeden Sonnabend, manchmal aber auch schon am Freitag, wurden Gitti und ich von Mama gebadet. Als wir noch klitzeklein warn, hat sie uns dafür in unser Spülbecken in der Küchenecke, das mit schön warmem Wasser gefüllt war, gesetzt und rundum nass gepladdert und eingeseift und zum Schluss abgespült und uns danach rüber auf ’n großes flauschiges Handtuch auf unsern Küchentisch verfrachtet und uns da fix gründlich abgetrocknet.
Als wir dann ’n bisschen größer wurden und schon stehn und laufen konnten, war das mit dem Baden aber so ’ne Sache, denn Gitti und ich passten ja nicht mehr in das kleine Spülbecken rein, und wir mussten uns vor unserm Waschbecken nackig auf unsere Fußbänke stelln und da schön ruhig verharrn, also erst Gitti und dann ich – oder manchmal auch umgekehrt. Jeder von uns hatte dafür ’ne eigene Fußbank, ich hatte eine schmutzigbraune und Gitti eine hellbraune. Dann hat Mama uns nassgemacht und uns mit dem Seifenstück überall eingeschmiert, und Oma hat von ihrm Sessel aus die ganze Prozedur beäugt, und Papa hat im Radio Zwischen Rhein und Weser gehört, wir andern aber auch, denn wir waren ja alle dicht zusammen in unsrer kleinen Küche, und der Kohleofen bullerte in der Ecke neben Oma, und es war richtig schön warm – außer im Sommer, da war der Ofen natürlich nicht an, da war ’s ja sowieso warm und manchmal sogar noch wärmer als warm.
Mama musste aufpassen, dass sie nicht alles mit unserm Badewasser vollspritzte und uns beide kleinen Würstchen trocken kriegte, und Gitti und ich mussten deshalb immer ganz nah am Waschbecken stehen bleiben, weil wir noch so getropft haben, und Mama hat uns mit ’nem Frotteehandtuch abgerubbelt und uns das danach liebevoll umgehängt, damit wir nicht bibbern mussten; aber einige Wasserpfützen hatte Mama trotzdem immer noch von unserm Linoleumfußboden aufzuwischen, und dann hat sie uns die kuscheligen Handtücher wieder abgenommen und uns hurtig unsere Nachthemdchen übergestülpt.
Pünktlich zum Sandmännchen saßen Gitti und ich am Tisch, und Mama hat die ganze Ecke ums Waschbecken auf ihrn Knien endgültig trockengerieben und sich dann auf ihren Stuhl am Küchentisch plumpsen lassen.
Oma hatte zwischendurch die Fleischwurst gebrüht und das Brot und die Teller und Tassen für den Pfefferminztee auf den Küchentisch gestellt und auch das Besteck hingelegt; zum Schluss hat Oma die dicke Fleischwurst aus dem Kochtopf geholt, auf einen Teller rollen lassen und in fünf Enden geschnitten, drei große und ein kleines und eine ganz kleines, und Mama hat das kleine und das ganz kleine Ende für Gitti und mich aufgeritzt und unseren Fleischwurststückchen flink die Pelle abgezogen und sie in Happen geschnitten, damit wir beide das auch in unsere Mäulchen kriegten, und dann die heißen Wurstenden und Wurststückchen in die Mitte von unserm Küchentisch gestellt, und ganz zum Schluss kam das Glas mit der Mayonnaise aus dem Kühlschrank auf den Tisch, aber erst ganz zum Schluss, denn die darf nich zu lange im Warmen stehn.
Du – ’ne dicke heiße Fleischwurst mit ’nem dicken Klacks kalte Mayonnaise und Weißbrot, das hat Oma nämlich sogar manchmal selbst gebacken, und Pfefferminztee mit ’nem Teelöffel Zucker drin – das musst de ma essen! Das schmeckt wie … wie, ich weiß nich, … wie Samstagabend bei uns zu Hause in der Van-Meenen-Straße 32! Und dabei das Sandmännchen hörn!
Beim Essen warn wir alle mal fünf Minuten lang ganz leise, denn jetz war ja das Sandmännchen im Radio! Das Sandmännchen erzählt immer ganz aufregende Geschichten, zum Beispiel von andern Kindern und wie’s bei denen so is und dass, wenn’s Nacht wird, die Sonne schlafen geht und der Mond um die Ecke kommt und für uns scheint, damit wir nich ganz allein in der Nacht sind und noch viele andere Sachen; zum Beispiel, dass Bauklötzchen richtig lebendig sind, und, wenn der Mond scheint, die sich selbst von ganz alleine zusammbaun und aus sich ’n Schloss oder ’n Riesenelefant oder ’nen ganzen Bauernhof machen. Aber wenn du nachts mal wach wirst wegen Pipimachen und zum Klo musst, siehst de nix mehr davon, die Bauklötzchen machen das nämlich nur mit zuen Augen, also wenn du deine Augen selbst zu hast, aber machen tun se ’s, das schwör ich, und morgens, wenn ’s wieder Tag wird und de wach bist und alles von vorne losgeht, is das mit den Bauklötzchen erst mal vorbei, und mit ’nem Riesenschloss oder ’nem Riesenelefant is dann Schluss, das machen die Bauklötzchen erst nach ’m nächsten Schlafengehen wieder – wenn keiner mehr zugucken kann.
Solche Sachen gibt ’s nämlich beim Sandmännchen, und deshalb haben Gitti und ich uns immer ganz fix von Mama baden lassen und uns zum Abendbrot hingesetzt, damit wir das bloß nich im Radio verpassen.
Mama und Papa und Oma haben davon leider nicht viel verstanden, denn Papa hat bald schon wieder vorsichtig in der Zeitung geblättert und damit rumgeknistert, und Mama fing mit dem Abwaschen an und ließ andauernd Wasser laufen und klapperte mit den Tellern und Tassen und so, und Oma saß schon wieder zurückgelehnt in ihrem Sessel und hat noch ’n bisschen gestrickt, obwohl, das geht ja ganz leise, das Stricken, und deswegen hat Oma, außer Gitti und mir, bestimmt noch fast am meisten vom Sandmännchen mitgekriegt und verstanden, auch wenn sie nur sehr schwer hören konnte.
Nach dem Sandmännchen hat Mama uns beide Kinder ins Bett gebracht, und Papa musste dabei ’n bisschen nachhelfen, weil Gitti und ich immer noch rumgekaspert und Sperenzchen gemacht haben und durch unsere ganze Wohnung gehoppelt sind und mit Mama und Papa Verstecken gespielt haben; aber irgendwann haben sie uns beide doch aufgestöbert und uns ins Bett gestopft und uns noch ’n Märchen vorgelesen.
Ich wollte meistens immer nur Hans im Glück hören und Gitti Rapunzel oder Dornröschen oder Die Prinzessin auf der Erbse. Dann hab ich immer noch ’n bisschen auf unser Radio aus der Küche gelauscht und wie Mama und Papa sich was erzählt haben, aber nicht lange – denn dann war ich auch schon weg.
Gitti hat vom Radio und von Mama und Papa bestimmt auch noch was gehört, denn ihr Bett war viel näher dran an der Küche, wo unser großes Radio stand. Aber vielleicht hat sie das auch nicht, denn Gitti war ja noch ganz schön viel kleiner als wie ich, und die ist meistens wohl doch schon vor mir eingeschlummert.
Ich bin immer mit meinem Teddy schlafen gegangen; der schlief meistens direkt neben meim Kopf, manchmal aber auch auf meim Bauch.
Mein Teddy is genauso alt wie ich, und Gitti hat eine Puppe, die ist so alt wie sie, doch die kenn ich nich so richtig, aber die hab ich auf jeden Fall schon öfter mal gesehn, weil, die liegt ja immer in Gittis eisernem Gitterbett neben ihrm Kopf oder auf ihrm Bauch oder sie hat sie im Arm, und da musste ich ja immer vorbei zu meinem Bett oder nachts aufs Klo oder zurück ins Bett oder so. Irgendwann später hatte Gitti auch noch ’nen Hasen, der war dann auch immer bei ihr im Bett – aber ich selbst hatte nur meinen Teddy mit mir im Bett, sonst nix.

Ich hab mit Mama und Papa bei uns im Wohnzimmer geschlafen, wo ich mein eignes Bett hatte und Mama und Papa das dunkelrote Sofa zum Ausklappen, damit ’n Doppelbett draus wird. Gitti schlief in einem Kinderbett aus Eisen und mit Gitterstäben rundum, und das stand irgendwie – ja, wie soll ich sagen – mittendrin in unsrer Wohnung im Flur; in welches Zimmer du auch wolltest in unsrer winzigen Wohnung, ob in die Küche oder ins Wohnzimmer oder aufs Klo – immer musstest du an Gittis Gitterbettchen vorbei.
Oma hatte ihr Bett auf ’m Weg zum Klo, und das war ihr Schlafensplatz. Da sind wir nachts immer nur ganz, ganz leise dran vorbeigetapst, dass sie ihre Ruhe hat. Unser Klo hatte Papa, von Omas Schlafstätte abgetrennt, mit Spanplatten gebaut und hübsch dunkelgeblümt tapeziert, und das konnte man auch abschließen, mit so ’nem Schieberiegel, wie sich das für ’n anständiges Klo gehört.

Ich hockte am Fußende von meinem Bett und starrte raus in die Nacht und in den sternenübersäten Himmel.
„Mama?“ fragte ich, als Mama mich ins Bett einpacken wollte.
„Ja?“
„Manchmal blinzeln de Sterne doch so, ne? Wie machen die das denn?“
Mama zog mir das Zudeck um die Ohrn und antwortete:
„Da machen die Sterne kurz ihre Augen zu – und wieder auf – genauso wie du und ich.“
„Passen die Sterne auf uns auf?“
„Ja, das tun se – und se gucken immer, ob wer alles richtigmachen. Die Sterne sind alle Kinder vom liem Gott und wir auch, und das Blinzeln ham wer uns bei denen abgeguckt …, und du, kleiner Meister, machst jetz auch deine Äuglein zu, ja?“
Mama gab mir behutsam einen Kuss auf die Backe und auf die Stirn, wickelte mich in mein Zudeck ein und stand leise von meinem Bett auf, winkte nochmal im Halbdunkel, machte die Wohnzimmertür zu und das Licht im Flur aus – damit Gitti auch schön einschlafen konnte.

Unser Essen haben Mama oder Oma auf unserm Küchenherd gekocht, und da durften Gitti und ich überhaupt nicht dran, denn der war mit Gas, der Herd, und wenn du da an einem Knopp drehst, kommt das Gas oben aus den Kochstelln raus, und keiner merkt was davon, und alle falln um wie die Fliegen, und alle ersticken und werden von dem Gas vergiftet und können den Knopp nicht mehr zurückdrehn, weil se nämlich alle in der Küche auf ’m Fußboden tot rumliegen.
Den Herd richtig anmachen konnte ich ja überhaupt nich und Gitti sowieso nich, weil die war ja noch viel kleiner, und ich hab ’s auch nie probiert und Gitti auch nich – sonst hätten sie uns schon auf die Finger gegeben; das war aber nich nötig, weil wir beide ganz genau wussten, was wir durften und was nich.
Einmal, da roch ’s doch ’n bisschen verdächtig nach Gas, ohne dass Gitti oder ich unsre Flossen überhaupt an den Gasknöppen dranhatten, und da hat Mama schnell nachgeguckt, ob alle Gasknöppe auf AUS warn, und das warn se, aber trotzdem hat Mama das Küchenfenster ganz weit aufgerissen und unsre Tür zum Treppenhaus auch noch dazu, und dann blies die frische, reine Luft vom Hof durchs Küchenfenster her rein und zurück hoch aus ’m Treppenhaus, besonders wenn unten einer die Haustür aufmachte, und das passierte ja alle Nase lang – und alles war wieder gut und kein Gas mehr zu riechen. Aber von da an haben wir alle schwer aufgepasst, ob es irgendwann wieder wie Gas müffelt und immer mal wieder unsere Nasen zum Schnüffeln in die Luft gestreckt.
Auf unserm Herd hat Mama Koteletts für uns zum Mittag gebraten und Mohrrüben und Erbsen und Kartoffeln dazu gekocht, meistens mit frisch gehackter Petersilie oben drüber. Wenn sie keine Zeit dazu hatte, weil sie arbeiten war, hat Oma das gemacht – und Oma konnte das mindestens genauso gut, denn sie war ja die Mama von Mama.
Aber wir haben auch andere Sachen gekriegt – und jetz hört mal gut zu – zum Beispiel: Rinderrouladen mit Rotkohl und Kartoffeln; Sauerkraut mit zartem Schweinefleisch und Kartoffelpüree, da haben wir immer in der Mitte von unserm Püreeberg mit unserm Suppenlöffel ’ne tiefe Kuhle reingedrückt und da das Fleisch und das Sauerkraut mit seiner Suppe reingefüllt und eingetunkt; Kartoffelsalat und Brühwürstchen mit ’nem dicken Klecks Mostrich dran; hartgekochte Eier in Senfsoße und auch mit Kartoffelpüree – und mit Kuhle; Linsensuppe; Erbsensuppe; Eintopf mit dicken weißen Bohnen und Fleischwurststückchen, das war aber auch so ’ne Art Suppe; Graupensuppe; Hühnersuppe mit dicken Fettaugen obendrauf; Birnen, Bohnen und Speck – das mochte ich aber wegen den verkochten Birnen und dem fettigen Speck nicht so; weißen Fisch – den konnte ich für ’n Teufel nich ausstehen, und das ganze Haus hat danach gestunken, ’ne ganze Woche lang, und da wär ich wegen dem Gestank am liebsten weggerannt, die Van-Meenen-Straße hoch und am liebsten noch weiter weg; knusprig panierte Schnitzel mit Kartoffeln und Erbsen und Mohrrüben und Bohnensalat; gebratenen Schinken oder gebratene Blutwurst – wenn die ’n bisschen zu alt für so zum Essen warn – mit Bratkartoffeln; Grützwurst, auch mit Bratkartoffeln; Kohlsuppe mit Mettwurstendchen; Spiegeleier oder Rührei, was wer auf das in der Pfanne angerösteten Brot geladen haben; falschen Hasen mit Salzkartoffeln; Buletten, auch mit Bratkartoffeln oder Salzkartoffeln; Grünkohl mit Pinkelwurst, die hat aber mit Pipi gar nix zu tun und schmeckt mir ganz lecker, oder mit Speckseiten, aber die hab ich wegen den Fettstreifen und den Schweineschwarten, die da mit dranhingen, immer rausgefummelt und Mama oder Gitti oder Oma auf den Teller rübergelegt, je nachdem, wer am schärfsten drauf war; Hühnerfrikassee mit Pilzen und dazu schön krümeligen Reis; saftiger Schweinebraten mit Leipziger Allerlei und Kartoffeln; Hasen, also diesmal echten Hasen, oder Kaninchen – manchma warn da sogar noch die ganzen Schrotkörner aus dem Schießgewehr von dem Jäger drin, und die haben wir beim Essen in ’ne extra Schale gespuckt – mit Rotkohl und Kartoffeln; Brathuhn oder nur Hähnchenkeuln mit Kartoffeln, wobei ich die Keuln, weil se so saftig sind, sowieso am liebsten mochte; Weißkohleintopf mit Wurststückchen drin oder mit ganz zartem Schweinefleisch; und – hab ich noch vergessen – natürlich Rindergulasch, auch mit Kartoffeln und Rotkohl und ’nem Bohnensalat mit feinen Zwiebelstückchen und Schnittlauch oder Petersilie nebendran.
Und zum Nachtisch gab ’s eingemachte Pflaumen oder Kirschen, wo wir immer die Kerne rausspucken mussten, und diese Klamotten mochte ich deshalb nich so sehr, schon auch wegen dem labberigen Fruchtfleisch von dem eingemachten Zeugs nich, oder wir hatten Schokoladenpudding mit Vanillesoße oder Zitronenspeise mit Schlagsahne. Von dem ganzen Nachtischkram mochte ich aber eigentlich nur Omas Zitronenspeise, und die auch nur ohne Sahne – aber die hatt’ ich saugern.
Das warn so manche Sachen, die wir immer wieder gegessen haben …, wobei mir auffällt, dass wir ganz schön viel Kartoffeln gefuttert haben – und auch ’ne ganze Menge Rotkohl.
Papa sagte zu Gitti und zu mir: „Ihr müsst nicht alles essen, was auf den Tisch kommt; wenn euch was nicht schmeckt oder ihr irgendwas nicht haben wollt, müsst ihr das nicht essen.“
„Nein, müsst ihr wirklich nich“, pflichtete Mama ganz verständnisvoll bei.
„Aber, was ihr euch auffüllt – oder auffüllen lasst“, ergänzte Papa streng und fast bedrohlich, „das esst ihr auf – und zwar alles! – Kinder, habt ihr das verstanden?“ Das war deutlich, und Gitti und ich haben artig genickt, und danach hab ich mich ab sofort immer gerichtet – was auf meim Teller is, ess ich auf.
Deswegen weiß ich inzwischen auch genau, wie viel ich mir auf den Teller tu. Aber Mama selbst weiß das anscheinend immer noch nicht so recht, denn die lässt immer ’ne Kartoffel oder ’n Fitzel Fleisch oder von was andrem auf ihrm Teller zurück, wo du denkst, jetzt ist sie schon so weit gekommen mit dem Essen, nun kriegt sie das letzte Häppchen auch noch runter, aber nee, nix zu machen; dazu fällt mir nur noch ein, dass die ganz vornehmen Leute das wohl auch so machen, immer ’n klitzekleinen Rest auf ’m Teller liegen lassen, vielleicht nur, damit die Dienstmädchen und die Küchenburschen anständig was zu tun haben – und dabei ist Mama gar nicht so vornehm, im Gegenteil, die ist sowas von normal; und weißt du was – Gitti fängt jetzt genauso mit diesem Etepetetegehabe an, kann nicht genug auf ihrn Teller kriegen, aber wenn ’s ums Aufessen geht, dann kneift sie und tut kurz vorm Ende so, als wenn sie mit ihrm Essen nix mehr zu tun hätte und irgend ’n Ober oder ’ne Kellnerin abräumen könnte. Gitti wird bestimmt mal ’ne ganz vornehme Dame – wie die mit ihrm Essen und vor allem mit ihrm Nichtaufessen umgeht!
Ich selbst bin ja mit allem auch ganz pingelig, und mit dem Essen sowieso, wenn mir da was nicht passt, und allermeistens hat das was mit fettig-öligen Sachen am Fleisch zu tun oder ich kann ’s, wie beim gekochten Fisch, nich durch ’n Hals oder die Nase kriegen, dann verhunger ich lieber, aber was ich mir auf meinen Teller drauflad, das ess ich auch bis zum Ende auf, basta – das gehört sich so, weil das hat Papa mir so beigebracht, und das gehört sich deswegen auch so, und da halt ich mich ganz stur dran.


MAMAS GALLENSTEINE

Mama war mal ganz schlimm krank, da hatte sie Gallensteine, haben sie gesagt …, also, das müssen wohl Steine sein, die in der Galle unten im Bauch drin sind und die da eigentlich nicht hingehörn – sonst hätte ja jeder welche. Also bei uns im Haus hatte weit und breit noch nie keiner Gallensteine – nur Mama jetzt.
Das mit Mamas Gallensteinen wussten wir da aber alles noch gar nicht, außer dass es ihr saumäßig weh im Bauch tat, weil sie ab und zu so geschrien hat, als wenn sie der Teufel selbst piesacken würde. Mama hatte immer wieder solche Schmerzen, und Gitti und ich haben jedes Mal weinen müssen, wenn Mama wieder aufgejault hat, und da konnten wir beide gar nix machen, auch nicht mit ihr kuscheln, und Papa hat uns von Mama möglichst weggehalten und ist zwischen den Koliken, so heißen nämlich die Schmerzen, wenn sie kurz und heftig kommen und wieder abklingen, die ganze Zeit aufgeregt hin und her durch die Wohnung gelaufen und Oma auch, und dann hat Papa es nicht mehr ausgehalten und ist rüber zu Fürstenbergs, die wohnen gegenüber auf unserm Flur, ob sie nicht mal schnell ’n Krankenwagen rufen könnten, und das haben Fürstenbergs in null Komma nix mit ihrm Telefonapparat auch gemacht.
Fünf Minuten später war bei uns unten vor der Haustür ’n riesen Blaulichttheater, und zwei junge, kräftige Männer in schneeweißer, kurzärmeliger Kluft haben Mama auf ’ner Pritsche, die sie aus ihrm Notfallauto mit hochgebracht hatten, aus unsrer Wohnung getragen, und Papa ist auch die Treppe runter und mit in dem Auto zum Krankenhaus gefahrn, und wir haben Mama im Treppenhaus immer wieder mal jammern und kreischen gehört, und Oma hat zu Gitti und mir, wo wir beide immer wieder heulen mussten, gesagt: „Dat is nu erstma so – wi möten warten, bis juch Papa torückkümmt.“ Oma hat aber auch geweint, doch dafür hat sie sich immer von uns beiden weggedreht und uns erst wieder angeguckt, wenn sie wieder ’n bisschen bei sich war. Danach saßen Gitti und ich auf unsern Fußbänken an Omas Schoß und haben auf Papa gewartet, dass der vom Krankenhaus zurückkommt und uns sagt, was mit Mama los is.
Das mit unserm Warten hat aber ganz schön gedauert, und draußen wurd ’s schon langsam dunkel, bis Papa endlich wieder zurück vom Krankenhaus war, und Oma wollte uns schon ins Bett schicken, auch weil sie selbst richtig hinüber und todmüde war. Andererseits warn wir alle drei doch noch zu aufgedreht – keiner von uns dreien hätte jetzt ein Auge zukriegen können, so kaputt wir auch waren, … ich hatte so Angst, dass Mama sterben muss, und hab am ganzen Leib gezittert, und Gitti und Oma ging ’s nich anders, und die hatten auch andauernd die Tränen in den Augen.
„Mama schläft jetzt ganz ruhig“, sagte Papa zu uns, als er bleich und ziemlich atemlos in unsre Wohnung reinkam, und er hängte seinen Mantel auf den Haken gegenüber von der Tür und seinen Hut obendrauf, und er sackte auf seinen Stuhl neben unserm großen Radio und stützte seinen Kopf in seine Hände und stierte ratlos in die Küche. Gitti und ich saßen wieder bei Oma auf unsern Fußbänkchen und haben uns an der Hand gehalten und haben abgewartet, was Papa weiter macht.
„Wi möten to Bett“, sagte Oma, erhob sich schließlich behäbig aus ihrm Sessel und strich mir und Gitti wieder einmal übern Kopf. Papa war auch todmüde und hatte ganz dunkle Ränder um seine Augen, und Gitti und ich sind zum ersten Mal ohne Mama ins Bett gestiegen. Diesen Abend haben Oma und Papa uns beide ins Bett gebracht und uns sogar noch ’n bisschen unsre Märchen und Geschichten vorgelesen, doch wir haben gar nicht so richtig lauschen können. Mir hat mächtig was gefehlt und, bis mir die Augen zufieln, musste ich nur an Mama im Krankenhaus denken und was für schreckliche Schmerzen sie vielleicht gerade haben würde …, und Gitti und Oma und Papa ging ’s ganz bestimmt genauso.
Am nächsten Tag sind wir vormittags recht früh alle zusammen zu Fuß zum Krankenhaus gegangen – auch Oma, deswegen dauerte unser Marsch auch ’n bisschen länger – und Mama lag ganz fidel in ihrm Krankenhausbett, auch wenn ’s ihr beim Lachen im Bauch wehtat, denn sie war gleich letzte Nacht noch operiert worden, und die Ärzte hatten ihr die Galle aufgemacht und ihr ihre Gallensteine rausgeholt – das warn insgesamt ganze 49 Stück!
Danach haben wir Mama jeden Tag im Krankenhaus besucht und uns so übermäßig gefreut, dass sie wieder auf ’m Damm war, und sie wollte Gitti und mich immer im Arm haben, obwohl sie dabei wegen ihrer Operationswunde noch mächtig vorsichtig sein musste; und ’ne Woche später durfte Mama aus ’m Krankenhaus raus, und sie kam direkt aus ’m Krankenwagen bei uns zu Hause ins Bett, und Oma, das war ja nun mal ihre Mama, hat sie fortan betüddelt, wo sie nur konnte, aber wir andern auch – und Papa war der allerglücklichste Mann der ganzen Welt.
Und weißt de was, die 49 Gallensteine aus Mamas Galle haben sie ihr aus ’m Krankenhaus mitgegeben, in ’nem kleinen durchsichtigen Plastikkästchen, die durfte Mama nämlich mit nach Hause nehmen, weil, die gehörten ihr ja sowieso und kamen aus ihrm eignen Bauch, und die schimmerten in allen Regenbogenfarben wie unsere Perlmuttmuscheln hinter den Glasscheiben im Wohnzimmerschrank, und die blinkten in der schrägen Nachmittagssonne und sahn richtig toll aus, das sag ich dir, und Gitti und ich haben uns die danach noch oft angeguckt, so toll und bunt und glitzernd warn die.
Die Galle ist ja irgendwo da unten im Bauch, weil am Bauch hat Mama jetzt die Narbe von der Operation, und ich bin sicher, ich hab auch irgendwo so ’ne Galle – und wer weiß, wie viele Steine da schon drin sind …, hoffentlich gar kein einziger, sonst aber gute Nacht.
Zu Hause hat Mama doch noch ganz schön an ihrn Steinen rumgeknapst, auch wenn die nicht mehr in ihrer Galle drin warn und sie schon längst aus ’m Krankenhaus raus war. Die Steine lagen neben ihrm Kopfende vom Bett auf dem Höckerchen in dem durchsichtigen Plastikkästchen, das sie ihr aus ’m Krankenhaus mitgegeben hatten, aber da hat sie gar nicht gerne hinsehn wolln.
Jeden Tag kam unser Hausarzt zu uns, um nach Mama zu gucken, und auch wenn Mama ja inzwischen wieder ziemlich munter war, sie musste auf alle Fälle noch liegen bleiben und viermal am Tag zwei rohe Eier, verrührt mit ’nem kräftigen Schluck rotem Wein, ’nem dicken Spritzer Zitrone und ’n bisschen Zucker trinken, und der Herr Doktor sagte, das bringe Mama wieder endgültig auf die Beine.
Wegen dem Rotwein musste Papa extra los hoch zum KAISER’S-KAFFEE-Geschäft, weil so was hatten wir nicht bei uns zu Hause. Aber ich sag euch – rohe Eier, roter Wein, Zitrone und Zucker, das wirkt Wunder! Und ’ne Woche später war Mama ganz die alte, und sie hat mich und Gitti wieder ins Bett gebracht – wie immer!
5 Sterne
Sehr unterhaltsam und kurzweilig  - 09.06.2024
Lucy

Der Text liest sich sehr leicht und lustig. Ich lese immer gerne Geschichten, die das Leben schreibt. Ich kann nachvollziehen, dass dieser Teil des Lebens , der in der Leseprobe veröffentlicht wurde, für den Autor eine sehr glückliche Zeit gewesen sein muss.

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