Blaue Blüten
Fragmente deutscher Kultur- und Familiengeschichte aus vier Jahrhunderten
EUR 29,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 472
ISBN: 978-3-99185-073-1
Erscheinungsdatum: 30.03.2026
Ein Rückblick auf die Geschichte der Kneist-Familie aus dem heutigen Thüringen, präsentiert von Werner Kneist, der den Bogen beim 19. Jahrhundert ansetzt. Aufschlussreiche Fragmente beleuchten sein Aufwachsen in der DDR genauso wie seine Medizinerkarriere.
Vorwort
Was ist eigentlich „normal“?
Diese Frage wird oft und in allen Sprachen der Welt gestellt und kann doch nur sehr individuell beantwortet werden.
Der Begriff „hochbegabt“ beispielsweise wird von „normalen“ Menschen gebraucht, um sich von anderen abzugrenzen. Benutzt wird dieser Terminus heutzutage vor allem von Müttern, die schwer erziehbare Söhne – oder seltener auch Töchter – haben, und natürlich von ehrgeizigen Lehrern. Im Erwachsenenalter hofft mancher, dass diese Besonderheit auch ohne direkten Hinweis auf das exquisite Persönlichkeitsdetail bemerkt wird.
Es könnte für „normale“ Menschen gewissermaßen eine Beruhigung sein, dass bei derartig apostrophierten Individuen nicht selten Eigenartigkeiten wie Autismus, ADHS, manchmal auch biphasische soziale Anpassungsschwierigkeiten und narzisstische Verhaltensweisen zu beobachten sind.
Mein Vater wäre nach heutigen Kriterien bereits in seiner Kindheit und Jugend mindestens als vielseitig begabt zu bezeichnen gewesen. Da ihm die genannten pathologischen „Beigaben“ komplett fehlten, ist er über weite Phasen seines langen Lebens trotzdem, sagen wir mal, gut durchgekommen …
Er war sprachbegabt und musikalisch, konnte zeichnen und malen. Zielstrebigkeit, Bescheidenheit, Stressresistenz und Kompromissbereitschaft gehörten zu seinen positiven Eigenschaften. Anlässlich seines runden Geburtstages am 31. März 1987 verschenkte er an Familienmitglieder und Freunde eine kleine Mappe mit „Zeichnungen aus 70 Lebensjahren“. Die Motive folgten seinem Lebensweg: Schlittschuhläufer in Weißenfels 1932, topografische Zeichnungen aus der Anatomie in Jena 1938, eine Landschaft bei Innsbruck 1940, ein Artillerieunterstand am Kubanbrückenkopf 1943, die Wartburg bei Eisenach 1956, Altstadtviertel in Baku 1982, die Krämerbrücke in Erfurt 1982 und das Heinrich-Schütz-Haus in Weißenfels. Ein Lebenskreis in Bildern.
Während meiner Schulzeit in Eisenach war die humangenetische Forschung noch längst nicht auf die heute erreichte molekulare Ebene vorgedrungen. Es ist vielleicht ein Trost für die Eltern gewesen‚ dass man damals in etwas großzügiger Auslegung der Mendelschen Gesetze glaubte, empirisch beobachtet zu haben, dass die Vererbung von (positiven!) Eigenschaften schon mal eine Generation überspringen kann.
Rückblickend steht fest: Was die musisch-künstlerischen Veranlagungen betrifft, bin ich in diese Lücke gerutscht. Es wird also nichts mit einer neuen Bildermappe.
Erinnerungen schriftlich zu dokumentieren, wäre eine Alternative und zum eigenen 75. eine gute Idee. Dabei bleibt allerdings ein Risiko.
In der Familie hält sich hartnäckig die Mär, ich hätte noch in der 5. Klasse das Wort „Oma“ mit „h“ geschrieben. Ich habe das immer abgestritten, muss allerdings gestehen, dass es Dokumente gibt, die den Verdacht auf eine Rechtschreibschwäche erhärten könnten. Zwischen Kinderzeichnungen, alten Fotos, Briefen und vergilbten Postkarten, die von meiner Mutter archiviert wurden, fand ich kürzlich einen Notizzettel mit der Botschaft „Binn im Schwiembad binn um 5 wider da“. Mutters schriftlicher Kommentar: „binnste dumm?“ Mit einer inzwischen rostigen Büroklammer angeheftet die aus heutiger Sicht pädagogisch fragwürdige Konsequenz – auf zwei linierten DIN-A5-Blättern zwanzigmal „Bin im Schwimmbad …“
Trotzdem keine schlechte Idee – Short Stories‚ familienhistorische Kurzgeschichten.
Im Englischen sind die Vokabeln „History“ und „Story“ trotz des gleichen Wortstammes in ihrer Bedeutung klar voneinander zu trennen. In der deutschen Sprache ist das nicht so einfach. Das Wort „Geschichte“ hat keinen Plural, weil eben „Geschichten“ nicht die Mehrzahl von Geschichte ist. Die Geschichte im Sinne von „Historie“ ist per se einmalig und braucht deswegen semantisch keine Mehrzahl. Natürlich haben Geschichten aber immer etwas mit Geschichte zu tun (Ausnahmen vielleicht Science-Fiction-Literatur und die durch KI erstellten Schriftstücke der Zukunft). Bisher ausschließlich menschliche Literaten „würzen“ die Geschichte mit unterschiedlichen Sichtweisen auf die Realität und somit können neue Entitäten – eben Geschichten – entstehen. Diese gehen dann inhaltlich weit über nüchterne Jahreszahlen, Tatsachen und das, was Dokumente belegen, hinaus. Man muss sich klarmachen, dass eine Kriegsgeschichte etwas anderes ist als die Geschichte eines Krieges, ebenso wie sich eine Liebesgeschichte von der Geschichte einer großen Liebe unterscheiden darf.
Alle bedeutenden Erzähler haben das berücksichtigt, von Homer (wahrscheinlich 10. und 8. Jahrhundert v. Chr.) über William Shakespeare (1564–1616)‚ von Thomas Mann (1875–1955) bis zu Erich Kästner (1899–1974), um nur einige zu nennen.
Von den Konsumenten ihrer Werke wurde zu allen Zeiten vor allem Fantasie verlangt. Je weiter der Inhalt von der Realität entfernt ist, umso mehr davon wird gebraucht.
Dafür zwei „eminenzbasierte“ Beispiele aus der Weltliteratur. Das poetische Meisterwerk „Fisches Nachtgesang“ von Christian Morgenstern (1871–1914) ist ohne Fantasie überhaupt nicht zu interpretieren. Hier geht der Fantasiestrang gebündelt, geradlinig und ungestört auf die Erkenntnis hin und diese bleibt auch bei Übersetzung des Werkes in die exotischsten Sprachen der Welt einheitlich und klar.
Ganz anders bei dem unvollendeten Roman „Der Process“ seines Zeitgenossen Franz Kafka (1883–1924). Ohne intellektuell aufwendige Fantasieloopings und Gedankenspiralen unter Einbringen eigener Erfahrungen ist ein Verständnis schlechterdings nicht möglich. Nach der Lektüre ist die Conclusio unterschiedlich und immer individuell gefärbt.
Ohne die Vorstellungskraft aktiv zu bemühen, bleiben also das Interesse und der Spaß am Lesen und an schöner Sprache sehr schnell auf der Strecke. Ohne sich gedanklich in Zeit und Ort des Handlungsgeschehens hineinzuversetzen, versteht man vieles nicht. Mitunter droht sogar die Gefahr, dass Literatur zum Nachschlagewerk, zum Sachbuch oder zum wissenschaftlichen Handbuch degenerieren könnte, jedenfalls zu Inhalten, die von guter Belletristik nicht erbracht werden können und auch nicht erbracht werden sollen.
Geschrieben haben meine Vorfahren viel, manchmal bis heute erkennbar mit Freude und Lust, gelegentlich gezwungenermaßen, ab und zu auch mehr oder weniger nachvollziehbar mit Wut im Bauch.
Es beginnt mit antiquarischen, handgeschriebenen Dokumenten in lateinischer Sprache, akribisch entziffert und übersetzt von unserem Vater WI. Über 300 Jahre alte Kauf- und Pachtverträge aus der vorindustriellen Wirtschaft lassen sich finden, frühprotestantische theologische Predigtkonzepte tauchen ebenso auf wie Bewerbungsschreiben zur Immatrikulation an Universitäten und Listen über Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte in verschiedenen Jahrhunderten. In Kirchen-, Haus- und Fahrtenbücher wurde eingetragen, handgeschriebene Kochbücher können die Nachgeborenen einsehen. In Briefen von Auswanderern aus Amerika in die ehemalige Heimat ist von freudigen Ereignissen und tragischen Vorkommnissen zu lesen.
Zuversicht und Ängste spiegeln sich gleichermaßen in Feld- und Ansichtspostkarten wider. Immer wieder Erinnerungen und Schilderungen aus den Kriegen der Vergangenheit …
Später wurden dann Diplom- und Doktorarbeiten, Habilitationsschriften und mehr oder weniger bedeutsame wissenschaftliche Abhandlungen archiviert (WI 300, ich immerhin 30). In unserem kleinen Keller beanspruchen derzeit ein paar Tausend Kopien von Operationsprotokollen aus den chirurgischen Kliniken in Köln und Mühlhausen/Thür. wertvollen Platz. Sie müssten aus Datenschutzgründen aufwendig entsorgt werden.
Es würde wirklich schwerfallen, sie zu vernichten – werden doch fast 30 Jahre meines Berufslebens dokumentiert. Ob sich allerdings in Zukunft jemand dafür interessieren wird, bleibt fraglich. Aus den ersten 13 Jahren in Erfurt fehlen die Berichte, weil die in der DDR verfügbaren, meist mit stark abgenutzten Farbbändern angefertigten Blaupapier-Durchschläge oft innerhalb kürzester Zeit nicht mehr lesbar waren. Außerdem wurden die Originale wegen Papierknappheit häufig direkt in das Krankenblatt geschrieben.
Einen Teil dieser schriftlichen Hinterlassenschaften braucht der Nacherzähler, um sich daran in die Vergangenheit zurückzuhangeln. Es gilt, das Gleichgewicht zwischen Fiktion und gewesener Realität zu wahren und dadurch die Fantasie seiner Leser nicht zu überfordern.
Der Inhalt meiner Geschichten wird somit vor allem auf Vergangenem beruhen.
Mich persönlich betreffend fehlen nur noch wenige Jahre, dann hätte ich die Hälfte des Lebens in der DDR verbracht. In den späteren Kapiteln der vorliegenden Erinnerungen wird das zwangsläufig deutlich werden. Es gibt inzwischen reichlich belletristische und akademische Literatur zum Thema DDR-Reminiszenzen.
Im Sinne von Ilko-Sascha Kowalczuk könnte ein kleiner, wie in seinem Aufsatz gefordert, „persönlicher“ Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte geleistet werden. Diesbezügliche Widersprüche auch bei „ehemaligen“ Insidern sind bis heute geblieben. Die aktuellen Diskussionsbeiträge beispielsweise von Katja Hoyer und Dirk Oschmann belegen das deutlich. Anklage und Verteidigung scheinen sich die Waage zu halten und vielen wäre eine Beendigung der Debatte sowieso das Liebste.
Fernsehserien und biografische Dokumente berichten immer wieder mal von (gedopten) DDR-Sportlern und Kindern aus staatsnahen und stasinahen Familien, die sich noch unter diktatorischen Verhältnissen oder medienwirksam erst nach der Wende von den Verbrechen des Arbeiter- und Bauernstaates distanziert haben.
Berichte über ein angepasstes, traditionell-bürgerliches Erwachsenwerden unter den zunächst unabänderlich erscheinenden Bedingungen des real existierenden Sozialismus gibt es auch, aber relativ selten. Obwohl das „traditionell Bürgerliche“ hier sehr weit gefasst werden muss, fällt einem der „Der Turm“ ein, der in seiner symbolischen Schutzfunkton eine gewisse Parallele zur „Burg“ in meiner eigenen Geschichte darstellen könnte.
Bleibt noch etwas zur Form der Darbietung zu sagen. Roman? Märchen? Einfaches, traditionelles Volksbuch für Jedermann? Am besten eben doch Kurzgeschichten – ironisch, tragisch-melancholisch oder humorvoll-witzig, keinesfalls nur nüchtern-sachlich vorgetragen. Alles geht und für alles gibt es gelungene Vorbilder.
Die dokumentierten, historischen Geschichten erstrecken sich über einen Zeitraum von Jahrhunderten, die Versuche einer Nacherzählung mit eingestreuten aktuellen Bezügen und Gedankenspielen immerhin auch schon über zehn Jahre. Begonnen als frustableitendes Hobby und als Weiterführung von schriftlich und mündlich überlieferten Erinnerungen, besonders meines Vaters WI, sind die folgenden Seiten ohne wirkliche Kontinuität über diesen sehr langen Zeitraum entstanden.
Das Schreiben hat mir über einige schwierige private Situationen hinweggeholfen. Manchmal diente es als Burn-out-Prophylaxe oder zur Linderung von Liebeskummer und war zunächst maximal gedacht zum posthumen familiären Gebrauch.
Die Manuskriptarbeit war für mich zunächst auch ein Ersatz für die chirurgische Tätigkeit. Viele Jahre war der Operationssaal ein Rückzugsort vor selbstverschuldeten oder fremdgetriggerten Problemen, auch vor Personen …
Dort fühlte ich mich sicher, unerreichbar für Telefonate oder Gesprächstermine. Der Verlust dieses Schutzraumes hat mich nach der Pensionierung zunächst schwer getroffen. Gleichzeitig wurde ich erinnert an das in den 70er-Jahren selbst miterlebte, gewaltsame Durchbrechen dieser „Schutzmauern“ anlässlich der Verhaftung eines meiner Kollegen vom Operationstisch weg durch Staatssicherheitsmitarbeiter. Der brutale Einbruch in diesen besonders geschützten Raum und die damit verbundene gewaltsame Unterbrechung der Hilfeleistung für einen Mitmenschen sind für mich bis heute ein prägendes Symbol für diktatorische Gewaltherrschaft geblieben.
In meinen letzten Berufsjahren konnten mir die chirurgischen Herausforderungen und der zeitliche Aufwand der operativen Eingriffe hinter für andere verschlossenen Türen sehr oft nicht groß genug sein …
Das Aufschreiben von Erinnerungen sollte daher jetzt das von Psychologen immer wieder empfohlene „Hobby“ sein, das nach der Berufstätigkeit vor Altersdepression schützen soll. Die Intentionen bezogen auf die Nutzbarkeit des vorliegenden Manuskripts haben sich zwischen den Extremen „verbrennen“ und „vermarkten“ mehrfach gewandelt.
Ich gebe zu, dass mir momentan trotz der Angst, vom erstbesten Laienlektor als vollkommen abgehoben im Sinne von größenwahnsinnig abgestraft zu werden, mehr nach Letzterem zu Mute ist.
Als Begründung für diese selbstbewusste Überheblichkeit können zwei Aspekte angeführt werden. Einerseits gefallen mir einige Abschnitte auch nach mehrfachem Durchlesen immer noch ganz gut. Zweitens sind die Plots der (Dreh-)Bücher, die z. B. vielen Fernsehunterhaltungsfilmen zugrunde liegen, so flach und schlicht, manchmal auch zu experimentell, dass man sich abends durchaus Zeit nehmen könnte für Korrekturen am eigenen Geschreibe, bestenfalls nachdem Probeleser „Verbraucherhinweise“ gegeben haben.
Um also nicht nur in Stammtischmanier an den aktuellen literarisch-kulturellen Angeboten Kritik zu üben, kann man es einfach mal selbst versuchen.
Das bereits angedeutete Risiko bleibt: Berufene Historiker werden in der von ihnen professionell zu fordernden Art Widersprüche und Trugschlüsse aufdecken. Die Protagonisten der jüngeren Geschichte werden der Versuchung nicht widerstehen können, eine Einordnung „der Publikation“ in die eine oder andere Richtung der literarischen DDR-Erinnerungen vorzunehmen.
Das neuerlich verstärkt zu spürende Interesse an der retrospektiven Interpretation des Lebens in der DDR und dessen Folgen für die Debatte um Erklärungen persistierender sozialer, finanzieller und regionaler Unterschiede zwischen Ost und West liefert dafür reichlich Beispiele.
Prinzipiell ist es nicht zu kritisieren, dass dabei vor allem akademisch-literarisch eingebundene Diskutanten zu Wort kommen, die die Teilung Deutschlands zumindest über einen längeren Zeitraum bewusst gar nicht erleben konnten.
Beispielhaft sei hier der Beitrag von Professor Stefan Müller genannt, der in der „Berliner Zeitung“ vom 26. Mai 2024 sehr heftige Kritik an einem DDR-Roman von Anna Rabe übt.
Dabei wird auch deutlich, dass die unterschiedlichen Ansätze zur Aufarbeitung der Nazi- und SED-Diktaturvergangenheit mit dem Ziel, darin eine Erklärung für die aktuelle Häufung rechtsradikaler Straftaten im Osten Deutschlands zu erkennen, bisher nicht zu schlüssigen Ergebnissen geführt haben.
Nicht nur in der Kritik von Stefan Müller wird erneut die in der DDR fast „flächendeckend“ praktizierte frühkindliche Betreuung von Kleinkindern in diesen Kontext gestellt. Bereits vor einem Vierteljahrhundert sah der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer aus Hannover im „kollektiven Töpfchensitzen“ und anderen vermeintlich DDR-spezifischen Erziehungsmaßnahmen in sozialistischen Kinderbetreuungseinrichtungen eine mögliche Ursache für die höhere Kriminalitätsrate im Osten der Republik und weckte damit heftigste sozialpsychologisch verständliche Emotionen.
Natürlich: „Es war (und ist) nicht alles schlecht.“ – Eine inzwischen fast zeitlose Plattitüde … Auf aktuelle Publikationen bezogen ist das Buch „Fabelhafte Rebellen“ von Andrea Wulf eine perfekte Mischung aus Literaturwissenschaft, historischem, heimatverbundenem Lokalkolorit und kurzweiliger Unterhaltung.
Keineswegs im Hinblick auf die professionelle Autorin oder gar die Bedeutung der von ihr so trefflich beschriebenen handelnden Personen, aber in größeren Teilen immerhin hinsichtlich der Zeit und der Örtlichkeit des Geschehens finde ich Parallelen zu eigenen Recherchen und Erinnerungen.
Andrea Wulf beschreibt auf den Seiten 196 ff. ihres mit großem Fleiß recherchierten Buches „… die perfekte Ausdrucksform“, die unter anderem Friedrich Schlegel und Novalis für sich gefunden hatten. Die Autorin erörtert, was Friedrich von Hardenberg meint, wenn er schreibt: „… mein Leben besteht aus Augenblicken“.
Ohne es geplant zu haben, konnte ich hier in der Methode, Gedanken und Ereignisse in Form von Fragmenten darzustellen, nachträglich eine durch höchste Autoritäten legitimierte Möglichkeit finden, das zeitliche, stilistische und sonstige Durcheinander in meinem Schreiben zu rechtfertigen. Ob es deswegen lesbar, unterhaltsam, interessant genug und handwerklich akzeptabel ist, bleibt zweifelhaft.
fidem habere
Oechsen‚ Spätsommer 1954
Seine gesamte linke Hand schmerzte heftig. Dabei waren es weniger die in der Länge etwas unterschiedlichen, inzwischen gut verheilten Amputationsstümpfe des dritten und vierten Fingers. Ursache waren vielmehr der Daumen und der kleine Finger, die immer noch gerötet und mit schuppender Haut bedeckt waren und deren Weichteile an den Endgliedern nicht heilen wollten. Während der langwierigen Behandlung in einer Berliner Spezialklinik war zwischen den immer wieder auftretenden, teilweise nur durch Morphium zu kupierenden Schmerzattacken reichlich Zeit, darüber nachzudenken, was jetzt nach dem Unfall aus der beruflichen Laufbahn und aus seiner Familie werden sollte.
Die gemeinsame Tochter war vor dem Umzug nach Eisenach geboren und noch zu klein, um den Wochenendausflug mitzumachen. Sie wurde ebenso wie das jüngste Familienmitglied Albrecht von den mit der Reichsbahn angereisten Weißenfelser Großeltern und einem Kindermädchen in der kürzlich bezogenen Mietwohnung im Johannistal 14 versorgt.
Der Erstgeborene (WII) kam am 3. Dezember 1950 in Weißenfels zur Welt. Er hieß so wie sein Vater (WI), wobei in der Taufurkunde der Vorname „Werner“ durch die seiner beiden Großväter – Karl und Alfred – ergänzt wurde.
Derzeit brüllte der knapp Vierjährige wie am Spieß und verlangte, dringend aus dem engen, auf der Stange des altertümlichen Herrenfahrrades montierten Kindersitz befreit zu werden. Bei aller Toleranz war das gerade ungünstig, weil die junge Familie von einem heftigen Sommergewitter überrascht worden war.
Das Blätterdach am Rande der steil ansteigenden, kurvenreichen, mit vielen Schlaglöchern versehenen Landstraße bot schon seit zehn Minuten keinerlei Schutz mehr. Der plötzlich einsetzende Regensturm war laut und vermischte sich mit dem dauerhaften Schluchzen des Jungen zu einer Geräuschkulisse, die eine verbale Kommunikation der beiden Erwachsenen unmöglich machte.
…
Was ist eigentlich „normal“?
Diese Frage wird oft und in allen Sprachen der Welt gestellt und kann doch nur sehr individuell beantwortet werden.
Der Begriff „hochbegabt“ beispielsweise wird von „normalen“ Menschen gebraucht, um sich von anderen abzugrenzen. Benutzt wird dieser Terminus heutzutage vor allem von Müttern, die schwer erziehbare Söhne – oder seltener auch Töchter – haben, und natürlich von ehrgeizigen Lehrern. Im Erwachsenenalter hofft mancher, dass diese Besonderheit auch ohne direkten Hinweis auf das exquisite Persönlichkeitsdetail bemerkt wird.
Es könnte für „normale“ Menschen gewissermaßen eine Beruhigung sein, dass bei derartig apostrophierten Individuen nicht selten Eigenartigkeiten wie Autismus, ADHS, manchmal auch biphasische soziale Anpassungsschwierigkeiten und narzisstische Verhaltensweisen zu beobachten sind.
Mein Vater wäre nach heutigen Kriterien bereits in seiner Kindheit und Jugend mindestens als vielseitig begabt zu bezeichnen gewesen. Da ihm die genannten pathologischen „Beigaben“ komplett fehlten, ist er über weite Phasen seines langen Lebens trotzdem, sagen wir mal, gut durchgekommen …
Er war sprachbegabt und musikalisch, konnte zeichnen und malen. Zielstrebigkeit, Bescheidenheit, Stressresistenz und Kompromissbereitschaft gehörten zu seinen positiven Eigenschaften. Anlässlich seines runden Geburtstages am 31. März 1987 verschenkte er an Familienmitglieder und Freunde eine kleine Mappe mit „Zeichnungen aus 70 Lebensjahren“. Die Motive folgten seinem Lebensweg: Schlittschuhläufer in Weißenfels 1932, topografische Zeichnungen aus der Anatomie in Jena 1938, eine Landschaft bei Innsbruck 1940, ein Artillerieunterstand am Kubanbrückenkopf 1943, die Wartburg bei Eisenach 1956, Altstadtviertel in Baku 1982, die Krämerbrücke in Erfurt 1982 und das Heinrich-Schütz-Haus in Weißenfels. Ein Lebenskreis in Bildern.
Während meiner Schulzeit in Eisenach war die humangenetische Forschung noch längst nicht auf die heute erreichte molekulare Ebene vorgedrungen. Es ist vielleicht ein Trost für die Eltern gewesen‚ dass man damals in etwas großzügiger Auslegung der Mendelschen Gesetze glaubte, empirisch beobachtet zu haben, dass die Vererbung von (positiven!) Eigenschaften schon mal eine Generation überspringen kann.
Rückblickend steht fest: Was die musisch-künstlerischen Veranlagungen betrifft, bin ich in diese Lücke gerutscht. Es wird also nichts mit einer neuen Bildermappe.
Erinnerungen schriftlich zu dokumentieren, wäre eine Alternative und zum eigenen 75. eine gute Idee. Dabei bleibt allerdings ein Risiko.
In der Familie hält sich hartnäckig die Mär, ich hätte noch in der 5. Klasse das Wort „Oma“ mit „h“ geschrieben. Ich habe das immer abgestritten, muss allerdings gestehen, dass es Dokumente gibt, die den Verdacht auf eine Rechtschreibschwäche erhärten könnten. Zwischen Kinderzeichnungen, alten Fotos, Briefen und vergilbten Postkarten, die von meiner Mutter archiviert wurden, fand ich kürzlich einen Notizzettel mit der Botschaft „Binn im Schwiembad binn um 5 wider da“. Mutters schriftlicher Kommentar: „binnste dumm?“ Mit einer inzwischen rostigen Büroklammer angeheftet die aus heutiger Sicht pädagogisch fragwürdige Konsequenz – auf zwei linierten DIN-A5-Blättern zwanzigmal „Bin im Schwimmbad …“
Trotzdem keine schlechte Idee – Short Stories‚ familienhistorische Kurzgeschichten.
Im Englischen sind die Vokabeln „History“ und „Story“ trotz des gleichen Wortstammes in ihrer Bedeutung klar voneinander zu trennen. In der deutschen Sprache ist das nicht so einfach. Das Wort „Geschichte“ hat keinen Plural, weil eben „Geschichten“ nicht die Mehrzahl von Geschichte ist. Die Geschichte im Sinne von „Historie“ ist per se einmalig und braucht deswegen semantisch keine Mehrzahl. Natürlich haben Geschichten aber immer etwas mit Geschichte zu tun (Ausnahmen vielleicht Science-Fiction-Literatur und die durch KI erstellten Schriftstücke der Zukunft). Bisher ausschließlich menschliche Literaten „würzen“ die Geschichte mit unterschiedlichen Sichtweisen auf die Realität und somit können neue Entitäten – eben Geschichten – entstehen. Diese gehen dann inhaltlich weit über nüchterne Jahreszahlen, Tatsachen und das, was Dokumente belegen, hinaus. Man muss sich klarmachen, dass eine Kriegsgeschichte etwas anderes ist als die Geschichte eines Krieges, ebenso wie sich eine Liebesgeschichte von der Geschichte einer großen Liebe unterscheiden darf.
Alle bedeutenden Erzähler haben das berücksichtigt, von Homer (wahrscheinlich 10. und 8. Jahrhundert v. Chr.) über William Shakespeare (1564–1616)‚ von Thomas Mann (1875–1955) bis zu Erich Kästner (1899–1974), um nur einige zu nennen.
Von den Konsumenten ihrer Werke wurde zu allen Zeiten vor allem Fantasie verlangt. Je weiter der Inhalt von der Realität entfernt ist, umso mehr davon wird gebraucht.
Dafür zwei „eminenzbasierte“ Beispiele aus der Weltliteratur. Das poetische Meisterwerk „Fisches Nachtgesang“ von Christian Morgenstern (1871–1914) ist ohne Fantasie überhaupt nicht zu interpretieren. Hier geht der Fantasiestrang gebündelt, geradlinig und ungestört auf die Erkenntnis hin und diese bleibt auch bei Übersetzung des Werkes in die exotischsten Sprachen der Welt einheitlich und klar.
Ganz anders bei dem unvollendeten Roman „Der Process“ seines Zeitgenossen Franz Kafka (1883–1924). Ohne intellektuell aufwendige Fantasieloopings und Gedankenspiralen unter Einbringen eigener Erfahrungen ist ein Verständnis schlechterdings nicht möglich. Nach der Lektüre ist die Conclusio unterschiedlich und immer individuell gefärbt.
Ohne die Vorstellungskraft aktiv zu bemühen, bleiben also das Interesse und der Spaß am Lesen und an schöner Sprache sehr schnell auf der Strecke. Ohne sich gedanklich in Zeit und Ort des Handlungsgeschehens hineinzuversetzen, versteht man vieles nicht. Mitunter droht sogar die Gefahr, dass Literatur zum Nachschlagewerk, zum Sachbuch oder zum wissenschaftlichen Handbuch degenerieren könnte, jedenfalls zu Inhalten, die von guter Belletristik nicht erbracht werden können und auch nicht erbracht werden sollen.
Geschrieben haben meine Vorfahren viel, manchmal bis heute erkennbar mit Freude und Lust, gelegentlich gezwungenermaßen, ab und zu auch mehr oder weniger nachvollziehbar mit Wut im Bauch.
Es beginnt mit antiquarischen, handgeschriebenen Dokumenten in lateinischer Sprache, akribisch entziffert und übersetzt von unserem Vater WI. Über 300 Jahre alte Kauf- und Pachtverträge aus der vorindustriellen Wirtschaft lassen sich finden, frühprotestantische theologische Predigtkonzepte tauchen ebenso auf wie Bewerbungsschreiben zur Immatrikulation an Universitäten und Listen über Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte in verschiedenen Jahrhunderten. In Kirchen-, Haus- und Fahrtenbücher wurde eingetragen, handgeschriebene Kochbücher können die Nachgeborenen einsehen. In Briefen von Auswanderern aus Amerika in die ehemalige Heimat ist von freudigen Ereignissen und tragischen Vorkommnissen zu lesen.
Zuversicht und Ängste spiegeln sich gleichermaßen in Feld- und Ansichtspostkarten wider. Immer wieder Erinnerungen und Schilderungen aus den Kriegen der Vergangenheit …
Später wurden dann Diplom- und Doktorarbeiten, Habilitationsschriften und mehr oder weniger bedeutsame wissenschaftliche Abhandlungen archiviert (WI 300, ich immerhin 30). In unserem kleinen Keller beanspruchen derzeit ein paar Tausend Kopien von Operationsprotokollen aus den chirurgischen Kliniken in Köln und Mühlhausen/Thür. wertvollen Platz. Sie müssten aus Datenschutzgründen aufwendig entsorgt werden.
Es würde wirklich schwerfallen, sie zu vernichten – werden doch fast 30 Jahre meines Berufslebens dokumentiert. Ob sich allerdings in Zukunft jemand dafür interessieren wird, bleibt fraglich. Aus den ersten 13 Jahren in Erfurt fehlen die Berichte, weil die in der DDR verfügbaren, meist mit stark abgenutzten Farbbändern angefertigten Blaupapier-Durchschläge oft innerhalb kürzester Zeit nicht mehr lesbar waren. Außerdem wurden die Originale wegen Papierknappheit häufig direkt in das Krankenblatt geschrieben.
Einen Teil dieser schriftlichen Hinterlassenschaften braucht der Nacherzähler, um sich daran in die Vergangenheit zurückzuhangeln. Es gilt, das Gleichgewicht zwischen Fiktion und gewesener Realität zu wahren und dadurch die Fantasie seiner Leser nicht zu überfordern.
Der Inhalt meiner Geschichten wird somit vor allem auf Vergangenem beruhen.
Mich persönlich betreffend fehlen nur noch wenige Jahre, dann hätte ich die Hälfte des Lebens in der DDR verbracht. In den späteren Kapiteln der vorliegenden Erinnerungen wird das zwangsläufig deutlich werden. Es gibt inzwischen reichlich belletristische und akademische Literatur zum Thema DDR-Reminiszenzen.
Im Sinne von Ilko-Sascha Kowalczuk könnte ein kleiner, wie in seinem Aufsatz gefordert, „persönlicher“ Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte geleistet werden. Diesbezügliche Widersprüche auch bei „ehemaligen“ Insidern sind bis heute geblieben. Die aktuellen Diskussionsbeiträge beispielsweise von Katja Hoyer und Dirk Oschmann belegen das deutlich. Anklage und Verteidigung scheinen sich die Waage zu halten und vielen wäre eine Beendigung der Debatte sowieso das Liebste.
Fernsehserien und biografische Dokumente berichten immer wieder mal von (gedopten) DDR-Sportlern und Kindern aus staatsnahen und stasinahen Familien, die sich noch unter diktatorischen Verhältnissen oder medienwirksam erst nach der Wende von den Verbrechen des Arbeiter- und Bauernstaates distanziert haben.
Berichte über ein angepasstes, traditionell-bürgerliches Erwachsenwerden unter den zunächst unabänderlich erscheinenden Bedingungen des real existierenden Sozialismus gibt es auch, aber relativ selten. Obwohl das „traditionell Bürgerliche“ hier sehr weit gefasst werden muss, fällt einem der „Der Turm“ ein, der in seiner symbolischen Schutzfunkton eine gewisse Parallele zur „Burg“ in meiner eigenen Geschichte darstellen könnte.
Bleibt noch etwas zur Form der Darbietung zu sagen. Roman? Märchen? Einfaches, traditionelles Volksbuch für Jedermann? Am besten eben doch Kurzgeschichten – ironisch, tragisch-melancholisch oder humorvoll-witzig, keinesfalls nur nüchtern-sachlich vorgetragen. Alles geht und für alles gibt es gelungene Vorbilder.
Die dokumentierten, historischen Geschichten erstrecken sich über einen Zeitraum von Jahrhunderten, die Versuche einer Nacherzählung mit eingestreuten aktuellen Bezügen und Gedankenspielen immerhin auch schon über zehn Jahre. Begonnen als frustableitendes Hobby und als Weiterführung von schriftlich und mündlich überlieferten Erinnerungen, besonders meines Vaters WI, sind die folgenden Seiten ohne wirkliche Kontinuität über diesen sehr langen Zeitraum entstanden.
Das Schreiben hat mir über einige schwierige private Situationen hinweggeholfen. Manchmal diente es als Burn-out-Prophylaxe oder zur Linderung von Liebeskummer und war zunächst maximal gedacht zum posthumen familiären Gebrauch.
Die Manuskriptarbeit war für mich zunächst auch ein Ersatz für die chirurgische Tätigkeit. Viele Jahre war der Operationssaal ein Rückzugsort vor selbstverschuldeten oder fremdgetriggerten Problemen, auch vor Personen …
Dort fühlte ich mich sicher, unerreichbar für Telefonate oder Gesprächstermine. Der Verlust dieses Schutzraumes hat mich nach der Pensionierung zunächst schwer getroffen. Gleichzeitig wurde ich erinnert an das in den 70er-Jahren selbst miterlebte, gewaltsame Durchbrechen dieser „Schutzmauern“ anlässlich der Verhaftung eines meiner Kollegen vom Operationstisch weg durch Staatssicherheitsmitarbeiter. Der brutale Einbruch in diesen besonders geschützten Raum und die damit verbundene gewaltsame Unterbrechung der Hilfeleistung für einen Mitmenschen sind für mich bis heute ein prägendes Symbol für diktatorische Gewaltherrschaft geblieben.
In meinen letzten Berufsjahren konnten mir die chirurgischen Herausforderungen und der zeitliche Aufwand der operativen Eingriffe hinter für andere verschlossenen Türen sehr oft nicht groß genug sein …
Das Aufschreiben von Erinnerungen sollte daher jetzt das von Psychologen immer wieder empfohlene „Hobby“ sein, das nach der Berufstätigkeit vor Altersdepression schützen soll. Die Intentionen bezogen auf die Nutzbarkeit des vorliegenden Manuskripts haben sich zwischen den Extremen „verbrennen“ und „vermarkten“ mehrfach gewandelt.
Ich gebe zu, dass mir momentan trotz der Angst, vom erstbesten Laienlektor als vollkommen abgehoben im Sinne von größenwahnsinnig abgestraft zu werden, mehr nach Letzterem zu Mute ist.
Als Begründung für diese selbstbewusste Überheblichkeit können zwei Aspekte angeführt werden. Einerseits gefallen mir einige Abschnitte auch nach mehrfachem Durchlesen immer noch ganz gut. Zweitens sind die Plots der (Dreh-)Bücher, die z. B. vielen Fernsehunterhaltungsfilmen zugrunde liegen, so flach und schlicht, manchmal auch zu experimentell, dass man sich abends durchaus Zeit nehmen könnte für Korrekturen am eigenen Geschreibe, bestenfalls nachdem Probeleser „Verbraucherhinweise“ gegeben haben.
Um also nicht nur in Stammtischmanier an den aktuellen literarisch-kulturellen Angeboten Kritik zu üben, kann man es einfach mal selbst versuchen.
Das bereits angedeutete Risiko bleibt: Berufene Historiker werden in der von ihnen professionell zu fordernden Art Widersprüche und Trugschlüsse aufdecken. Die Protagonisten der jüngeren Geschichte werden der Versuchung nicht widerstehen können, eine Einordnung „der Publikation“ in die eine oder andere Richtung der literarischen DDR-Erinnerungen vorzunehmen.
Das neuerlich verstärkt zu spürende Interesse an der retrospektiven Interpretation des Lebens in der DDR und dessen Folgen für die Debatte um Erklärungen persistierender sozialer, finanzieller und regionaler Unterschiede zwischen Ost und West liefert dafür reichlich Beispiele.
Prinzipiell ist es nicht zu kritisieren, dass dabei vor allem akademisch-literarisch eingebundene Diskutanten zu Wort kommen, die die Teilung Deutschlands zumindest über einen längeren Zeitraum bewusst gar nicht erleben konnten.
Beispielhaft sei hier der Beitrag von Professor Stefan Müller genannt, der in der „Berliner Zeitung“ vom 26. Mai 2024 sehr heftige Kritik an einem DDR-Roman von Anna Rabe übt.
Dabei wird auch deutlich, dass die unterschiedlichen Ansätze zur Aufarbeitung der Nazi- und SED-Diktaturvergangenheit mit dem Ziel, darin eine Erklärung für die aktuelle Häufung rechtsradikaler Straftaten im Osten Deutschlands zu erkennen, bisher nicht zu schlüssigen Ergebnissen geführt haben.
Nicht nur in der Kritik von Stefan Müller wird erneut die in der DDR fast „flächendeckend“ praktizierte frühkindliche Betreuung von Kleinkindern in diesen Kontext gestellt. Bereits vor einem Vierteljahrhundert sah der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer aus Hannover im „kollektiven Töpfchensitzen“ und anderen vermeintlich DDR-spezifischen Erziehungsmaßnahmen in sozialistischen Kinderbetreuungseinrichtungen eine mögliche Ursache für die höhere Kriminalitätsrate im Osten der Republik und weckte damit heftigste sozialpsychologisch verständliche Emotionen.
Natürlich: „Es war (und ist) nicht alles schlecht.“ – Eine inzwischen fast zeitlose Plattitüde … Auf aktuelle Publikationen bezogen ist das Buch „Fabelhafte Rebellen“ von Andrea Wulf eine perfekte Mischung aus Literaturwissenschaft, historischem, heimatverbundenem Lokalkolorit und kurzweiliger Unterhaltung.
Keineswegs im Hinblick auf die professionelle Autorin oder gar die Bedeutung der von ihr so trefflich beschriebenen handelnden Personen, aber in größeren Teilen immerhin hinsichtlich der Zeit und der Örtlichkeit des Geschehens finde ich Parallelen zu eigenen Recherchen und Erinnerungen.
Andrea Wulf beschreibt auf den Seiten 196 ff. ihres mit großem Fleiß recherchierten Buches „… die perfekte Ausdrucksform“, die unter anderem Friedrich Schlegel und Novalis für sich gefunden hatten. Die Autorin erörtert, was Friedrich von Hardenberg meint, wenn er schreibt: „… mein Leben besteht aus Augenblicken“.
Ohne es geplant zu haben, konnte ich hier in der Methode, Gedanken und Ereignisse in Form von Fragmenten darzustellen, nachträglich eine durch höchste Autoritäten legitimierte Möglichkeit finden, das zeitliche, stilistische und sonstige Durcheinander in meinem Schreiben zu rechtfertigen. Ob es deswegen lesbar, unterhaltsam, interessant genug und handwerklich akzeptabel ist, bleibt zweifelhaft.
fidem habere
Oechsen‚ Spätsommer 1954
Seine gesamte linke Hand schmerzte heftig. Dabei waren es weniger die in der Länge etwas unterschiedlichen, inzwischen gut verheilten Amputationsstümpfe des dritten und vierten Fingers. Ursache waren vielmehr der Daumen und der kleine Finger, die immer noch gerötet und mit schuppender Haut bedeckt waren und deren Weichteile an den Endgliedern nicht heilen wollten. Während der langwierigen Behandlung in einer Berliner Spezialklinik war zwischen den immer wieder auftretenden, teilweise nur durch Morphium zu kupierenden Schmerzattacken reichlich Zeit, darüber nachzudenken, was jetzt nach dem Unfall aus der beruflichen Laufbahn und aus seiner Familie werden sollte.
Die gemeinsame Tochter war vor dem Umzug nach Eisenach geboren und noch zu klein, um den Wochenendausflug mitzumachen. Sie wurde ebenso wie das jüngste Familienmitglied Albrecht von den mit der Reichsbahn angereisten Weißenfelser Großeltern und einem Kindermädchen in der kürzlich bezogenen Mietwohnung im Johannistal 14 versorgt.
Der Erstgeborene (WII) kam am 3. Dezember 1950 in Weißenfels zur Welt. Er hieß so wie sein Vater (WI), wobei in der Taufurkunde der Vorname „Werner“ durch die seiner beiden Großväter – Karl und Alfred – ergänzt wurde.
Derzeit brüllte der knapp Vierjährige wie am Spieß und verlangte, dringend aus dem engen, auf der Stange des altertümlichen Herrenfahrrades montierten Kindersitz befreit zu werden. Bei aller Toleranz war das gerade ungünstig, weil die junge Familie von einem heftigen Sommergewitter überrascht worden war.
Das Blätterdach am Rande der steil ansteigenden, kurvenreichen, mit vielen Schlaglöchern versehenen Landstraße bot schon seit zehn Minuten keinerlei Schutz mehr. Der plötzlich einsetzende Regensturm war laut und vermischte sich mit dem dauerhaften Schluchzen des Jungen zu einer Geräuschkulisse, die eine verbale Kommunikation der beiden Erwachsenen unmöglich machte.
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