Hundstage
Eine „chirurgische“ Novelle
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 54
ISBN: 978-3-7116-1871-9
Erscheinungsdatum: 18.08.2026
Ein renommierter Klinikdirektor blickt in einer Sommerpause auf seine „tadellose“ Karriere zurück. Zwischen Personalmangel, Spezialisierung und neuen Arbeitsmodellen muss er tradierte Vorstellungen gegen veränderte Realitäten abwägen.
Seit zwei Wochen herrscht in ganz Deutschland eine beinahe unerträgliche Hitze. Morgens um sieben 25 Grad, die sich bis zum Mittag auf über dreißig Grad hochschaukeln. Auch aus den südeuropäischen Urlaubsdestinationen kommen Berichte von Hitzschlägen, Sonnenstichen und Hautverbrennungen. Die Abkühlung in den überwärmten Meeren gelingt nicht, Waldbrände und verdorrte Vegetation trüben die Ferienfreude.
Die etwa zehnminütige Fahrt zum Universitätsklinikum in dem fast noch nagelneuen englischen Sportwagen reicht nicht, um die Klimaanlage wirklich effektiv werden zu lassen. Glücklicherweise neigt Professor Hans-Jürgen Zwackzwirbel nicht zu übermäßigen Schweißausbrüchen. Der Sommeranzug sitzt perfekt und auch das kurzärmelige, hellblaue Shirt zeigt nach dem Aussteigen auf dem Parkplatz weder Knitterfalten noch feuchte Flecken.
Das an einem Holzpflock angeschraubte Nummernschild zur Markierung des Stellplatzes war unansehnlich und leicht angerostet. Es hängt hier seit dem Dienstantritt des Professors vor über 20 Jahren unverändert und momentan etwas schief. Die aufgemalten Schrift- und Zahlenzeichen sind dieselben geblieben, weil die immer etwas protzigen Wagen des Klinikdirektors durchgängig die gleiche Autonummer hatten: Nach dem Kürzel für die Stadt – ZZ und die 60 fürs Geburtsjahr.
Sein Parkplatz war der dem ehemaligen Haupteingang zum Klinikum nächstgelegene. Die weiteren nach links gereihten, durch verwitterte, ehemals weiße Streifen voneinander getrennten Parkflächen waren für die anderen Klinik- und Institutsdirektoren vorgesehen. Deren Wagen wurden seit dem vergangenen Jahr in der Tiefgarage des Neubaus abgestellt. Auf den teilweise mit Gras und Moosflechten bewachsenen Plätzen standen jetzt die bunt durcheinandergewürfelten Klein- und Mittelklassewagen von den im Altbau verbliebenen Mitarbeitenden, vor allem aber die Kleintransporter und Pick-ups diverser Handwerks- und Baufirmen. Zwackzwirbels in der Morgensonne silbrig glänzendes Auto wirkte wie ein Fremdkörper.
Immer noch mit zügigen Schritten durchquert der Chirurgenchef den mit Marmorplatten ausgelegten Vorraum des fast antiken Operationstraktes, über dessen Eingangsportal in geschwungenen Keramikbuchstaben das Motto
„Das Wohl des Kranken ist unser oberstes Gebot“
daran erinnert, weswegen man sich beruflich bis vor zwei Jahren in diesem Gebäude aufgehalten hat.
Der Professor begrüßte jetzt in der ersten Etage seine Sekretärin mit einem freundlichen „Guten Morgen, Frau Winter“. Anna Maria Winter ist unverheiratet und kinderlos. Zu einer Zeit, als sie noch mit „Fräulein Winter“ angesprochen wurde, galt ihre ganze Liebe einem Chow-Chow-Rüden, der allerdings im besten Hundealter eine „ankylosierende Koxarthrose des rechten Hinterlaufs“ ausbildete. Zwackzwirbel beglich damals als Alternative zum Einschläfern des Tieres die keineswegs unerheblichen Kosten für eine Gelenkersatzoperation in der Universitätstierklinik. Der überzüchtete Rassehund ist inzwischen längst tot, sodass die platonische Liebe der Frau Winter jetzt völlig uneingeschränkt ihrem Chef gilt. Über Jahre haben sich die beiden gegenseitig beschützt. Der jüngste gemeinsame Kraftakt war die zumindest passagere Verhinderung des Umzuges von Sekretariat und Chefarztzimmer in den Neubau des Klinikums. Die Operationssäle, alle Stationen und die meisten Funktionsabteilungen mit Zimmern für Assistenz- und Oberärzte waren nach Fertigstellung des ersten Bauabschnittes bereits in den modernen Neubau verlegt. Natürlich waren dort alle Räume klimatisiert.
ZZ oder auch DoubleZ, wie der Professor intern genannt wurde, war der einzige Ordinarius, der nicht in die standardisierte Flucht von nebeneinanderliegenden, uniform eingerichteten „Räumlichkeiten für Führungskräfte“ wechseln wollte. Hohe Wellen hatte es geschlagen, als er sich bereits bei einer sehr frühen Besprechung mit Einrichtungsexperten darüber echauffierte, dass die Direktorenzimmer mit „unauffälligen Schrankbetten“ ausgestattet werden sollten. Seine extrem sarkastischen Bemerkungen über diesen und ähnliche Pläne machten sehr schnell die Runde. („… jetzt wollen die wohl nicht nur den ganzen Tag zum Fenster rausgucken, sondern auch noch ein Mittagsschläfchen machen …?“) Einige gleichrangige Kollegen sprachen von Arroganz und typischen, wie so oft ungerechtfertigten Sonderwünschen. Die Verwaltung war empört … Es gab einen Termin beim Dekan und er musste sich entschuldigen.
Frau Winter und ihrem Chef wurde zur ultimativen Beendigung der heftigen Diskussionen schließlich eine Galgenfrist von drei Monaten eingeräumt, danach sollte der Altbau im Rahmen der weiteren Sanierung sowieso abgerissen werden. Das alles liegt jetzt mehr als ein Jahr zurück, die Fördermittel für den zweiten Bauabschnitt sind für unabsehbare Zeit auf Eis gelegt und noch viel schlimmer – das Klinikum schreibt dauerhaft rote Zahlen und hat Defizite in Millionenhöhe. Die Verwaltung ist also beschäftigt.
Zwischenzeitlich sind die Controlling-Abteilung, verschiedene andere Büros und ein Lager für abgeschriebene Großgeräte der Universitätsmedizin zurück in den Altbau gezogen. Vorher mussten allerdings an allen Türen der reaktivierten Zimmer neue Plastegriffe und Schließblenden angebracht werden. Die originalen, massiven Messingbeschläge aus der Gründerzeit hatten Unbekannte in der Hoffnung auf den baldigen Einsatz von Abrissbirnen und Baggerschaufeln rechtzeitig abmontiert. Irgendjemand wollte Strafanzeige stellen, aber das ist wohl wegen des vergleichsweise geringen Schadens im Sande verlaufen.
ZZ wittert seit einiger Zeit die Chance, zumindest den historischen Operationssaal irgendwie zu retten. Er hatte bereits vor Wochen Kontakt zur örtlichen Denkmalschutzbehörde aufgenommen. Die hat sich nach anfänglichem, wahrscheinlich doch nur geheucheltem Interesse bis heute nicht gemeldet. In den Lokalnachrichten hat ZZ gehört, dass sich dieses Büro mit dem Archäologischen Institut der Universität an Ausgrabungen im fernen Ägypten beteiligen will. Für Zwackzwirbel wegen der völlig unterschiedlichen Aufgaben der beiden Institutionen eine ungewöhnliche Kooperation.
Die Chefsekretärin Anna Maria Winter war längst nicht mehr auf das Gehalt als Universitätsangestellte angewiesen. Mit der ihr eigenen Vehemenz ließ sie deswegen verlauten, dass es sofort eine Kündigung gäbe, wenn man sie zwingen sollte, in einem zentralisierten Schreibbüro unter der Leitung einer, wie sie es nannte, „jung-dynamischen“ Fachschulabsolventin zu arbeiten. Auch diese Gefahr war also zunächst abgewendet.
Professor Zwackzwirbel hatte inzwischen seine Dienstkleidung angezogen und die Schuhe gewechselt. In der Klinik trug er nur weiße Slipper aus Italien, lange weiße Hosen und kurzärmelige weiße Leinenhemden einer international bekannten Modefirma. Die Hemden waren sein Privateigentum und wurden zu Hause von seiner Frau gewaschen und gebügelt. Er hatte etwa zehn Hemden in Besitz. Wenn sie am Kragen fadenscheinig wurden, kaufte er seit 20 Jahren immer im selben Geschäft in der Innenstadt nach … Ja, ZZ war eitel und seine Frau Estrella, im Klinikum hinter vorgehaltener Hand ESZZ (Betonung auf ES …!) oder auch liebevoll „die Gnädige“ genannt, war sehr froh, dass ihr Mann immerhin Kittel und Hosen aus dem Kliniksortiment nutzte und die Klamotten auch dort pflegen ließ. Estrella erinnerte sich an ihre frühen gemeinsamen Jahre an der großen Universitätsklinik in Norddeutschland. Der dortige Ordinarius für Chirurgie war bis heute ein zweifellos idealisiertes Vorbild für ihren Mann. Dieser nun wirklich exzentrische Kollege trug ausschließlich maßgeschneiderte Dienstanzüge und Kittel mit goldfarbenen Knöpfen … Er lebt noch und wird angeblich unter falschem Namen in einer luxuriösen Altersresidenz für Demenzkranke in Hamburg betreut.
Zwackzwirbels Zivilklamotten und die Straßenschuhe verschwanden jetzt in einem Wandschrank, der für Uneingeweihte nicht erkennbar in die dunkelbraune Holztäfelung des Zimmers eingepasst war. Gleichermaßen versteckt findet sich neben der Garderobe hinter einer perfekt schließenden Tür eine sehr funktionale Waschgelegenheit mit Spiegel und Unterschrank, in den das Handwaschbecken eingepasst ist. Die unaufdringliche Holzverkleidung verlieh dem Raum den Charakter einer Kapitänskajüte und war ohne Frage die Meisterleistung eines dem heutigen Nutzer unbekannten Handwerkers.
Obwohl Frau Winter durch ihre guten Beziehungen zur Technikabteilung des Klinikums zwei relativ moderne Ventilatoren für sein Zimmer und das Sekretariat besorgt hatte, spürte der Professor jetzt erstmalig die ungeheure Hitze, noch bevor er den Kittel anhatte. Er setzte sich auf den bequemen Drehstuhl am Schreibtisch und war froh, dass er schon gestern die Winter gebeten hatte, seinem geschäftsführenden Oberarzt auszurichten, dass er ihn sowohl bei der Morgenbesprechung als auch bei der heute anstehenden Chefvisite auf den beiden Stationen, die der „Chirurgie“ verblieben waren, vertreten muss.
Seit der vor etwa fünf Jahren erfolgten Novellierung seines Dienstvertrages unter von ihm als erpresserisch empfundenen Bedingungen benutzte er in verschiedenen Situationen erfundene, gelegentlich auch tatsächliche internationale Telefon- und Videokonferenzen, um sich vor ungeliebten Terminen, lästigen Treffen mit Verwaltungskräften oder überflüssigen Diskussionsrunden zu drücken. Die modernen Kommunikationsmittel eigneten sich für den gewünschten Zweck besonders gut, weil sie weltumspannend praktisch 24 Stunden einsetzbar waren. Eine elektronische Weltzeituhr leistete in diesem Zusammenhang gute Dienste. Sie zeigte neben vielen anderen Funktionen auch die jeweils aktuelle Uhrzeit in den Metropolen aller Kontinente an und war das Geschenk eines chinesischen Patienten. ZZ hatte das attraktiv gestaltete Gerät rechts neben dem Computerbildschirm auf dem riesigen Holzschreibtisch platziert.
Frau Winter war eingeweiht und wusste oft instinktiv, welche Telefonate zum Chef durchgestellt werden mussten und welche nicht. Auch beim Abwimmeln von Besuchern lag sie nach kurzer Anhörung des Begehrs in ihrer Reaktion fast immer richtig. Termine zu Konsultationen in der auf der Website des Klinikums immer noch als „Chefarztsprechstunde für privatversicherte Patienten“ aufgeführten Institution werden seit langer Zeit nur noch sehr selektiv vergeben. Nicht selten liegen diese dann „frühestens in zwölf Wochen“ … Die oft heftigen Proteste und Beschwerden der teuer versicherten Patienten oder auch von sog. Selbstzahlern sammeln sich dann in der jetzt auch im Neubau befindlichen „Stabsstelle für Patientenkommunikation und Personalfragen“ (Der Begriff „Beschwerdestelle“ wurde aus dem Sprachgebrauch entfernt). Dort gibt es einen Sozialpsychologen im klimatisierten Büro und fünf Mitarbeiter, die Protokolle aufnehmen, Fragen formulieren und dann eine schriftliche Stellungnahme des zuständigen Klinikdirektors anfordern. Alles längst freundliche und ruhig ablaufende Routine … Der Beschwerdeführer bekommt, wenn der Krankenstand im Büro nicht allzu hoch ist, schon nach drei Wochen einen Standardbrief:
„… Ihre wichtigen Hinweise wurden von den Verantwortlichen mit dem Ziel, die Situation zeitnah zu verbessern, ausgewertet … Mit Dank für die Kritik und dem größten Bedauern sowie besten Wünschen für Ihre Gesundheit etc. etc …“.
Dazu natürlich einen Termin in zwei Wochen, den der Adressat meist nicht mehr braucht, weil er längst in Hannover, Münster oder Frankfurt untergekommen ist und dort über die unmöglichen, bis unmenschlichen Zustände in der Klinik von Zwackzwirbel berichtet hat. Der zu jedermann und immer freundliche Sozialpsychologe gehört zur erweiterten Bereichsleitung. Er übergibt vierteljährlich dem Dekanat für medizinische Betreuung einen Bericht über die Leistungen seines Büros mit Exceltabellen und Säulendiagrammen und mit Verbesserungsvorschlägen, „die zur Stabilisierung der finanziellen Situation des Klinikums nicht unwesentlich beitragen würden“.
Die Privatsprechstunde wird aktuell von dem für die chirurgischen Fälle zuständigen Oberarzt aus Zwackzwirbels Klinik in der riesigen, interdisziplinären Notfallambulanz im Erdgeschoss des Neubaus durchgeführt. Nur selten wird er selbst telefonisch über einen speziellen Fall informiert oder gar in das Sprechzimmer gebeten. Intern angeordnete Ausnahmen gelten für alle ärztlichen Kollegen, Klinikangehörige und bestimmte „Prominente“, bei deren Auftauchen als Patient immer der Klinikchef bzw. sein erster Stellvertreter informiert werden muss. Dies ist einer der wenigen in einer schriftlichen Dienstanweisung angeführten Vorschriften der Chirurgischen Klinik.
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Die etwa zehnminütige Fahrt zum Universitätsklinikum in dem fast noch nagelneuen englischen Sportwagen reicht nicht, um die Klimaanlage wirklich effektiv werden zu lassen. Glücklicherweise neigt Professor Hans-Jürgen Zwackzwirbel nicht zu übermäßigen Schweißausbrüchen. Der Sommeranzug sitzt perfekt und auch das kurzärmelige, hellblaue Shirt zeigt nach dem Aussteigen auf dem Parkplatz weder Knitterfalten noch feuchte Flecken.
Das an einem Holzpflock angeschraubte Nummernschild zur Markierung des Stellplatzes war unansehnlich und leicht angerostet. Es hängt hier seit dem Dienstantritt des Professors vor über 20 Jahren unverändert und momentan etwas schief. Die aufgemalten Schrift- und Zahlenzeichen sind dieselben geblieben, weil die immer etwas protzigen Wagen des Klinikdirektors durchgängig die gleiche Autonummer hatten: Nach dem Kürzel für die Stadt – ZZ und die 60 fürs Geburtsjahr.
Sein Parkplatz war der dem ehemaligen Haupteingang zum Klinikum nächstgelegene. Die weiteren nach links gereihten, durch verwitterte, ehemals weiße Streifen voneinander getrennten Parkflächen waren für die anderen Klinik- und Institutsdirektoren vorgesehen. Deren Wagen wurden seit dem vergangenen Jahr in der Tiefgarage des Neubaus abgestellt. Auf den teilweise mit Gras und Moosflechten bewachsenen Plätzen standen jetzt die bunt durcheinandergewürfelten Klein- und Mittelklassewagen von den im Altbau verbliebenen Mitarbeitenden, vor allem aber die Kleintransporter und Pick-ups diverser Handwerks- und Baufirmen. Zwackzwirbels in der Morgensonne silbrig glänzendes Auto wirkte wie ein Fremdkörper.
Immer noch mit zügigen Schritten durchquert der Chirurgenchef den mit Marmorplatten ausgelegten Vorraum des fast antiken Operationstraktes, über dessen Eingangsportal in geschwungenen Keramikbuchstaben das Motto
„Das Wohl des Kranken ist unser oberstes Gebot“
daran erinnert, weswegen man sich beruflich bis vor zwei Jahren in diesem Gebäude aufgehalten hat.
Der Professor begrüßte jetzt in der ersten Etage seine Sekretärin mit einem freundlichen „Guten Morgen, Frau Winter“. Anna Maria Winter ist unverheiratet und kinderlos. Zu einer Zeit, als sie noch mit „Fräulein Winter“ angesprochen wurde, galt ihre ganze Liebe einem Chow-Chow-Rüden, der allerdings im besten Hundealter eine „ankylosierende Koxarthrose des rechten Hinterlaufs“ ausbildete. Zwackzwirbel beglich damals als Alternative zum Einschläfern des Tieres die keineswegs unerheblichen Kosten für eine Gelenkersatzoperation in der Universitätstierklinik. Der überzüchtete Rassehund ist inzwischen längst tot, sodass die platonische Liebe der Frau Winter jetzt völlig uneingeschränkt ihrem Chef gilt. Über Jahre haben sich die beiden gegenseitig beschützt. Der jüngste gemeinsame Kraftakt war die zumindest passagere Verhinderung des Umzuges von Sekretariat und Chefarztzimmer in den Neubau des Klinikums. Die Operationssäle, alle Stationen und die meisten Funktionsabteilungen mit Zimmern für Assistenz- und Oberärzte waren nach Fertigstellung des ersten Bauabschnittes bereits in den modernen Neubau verlegt. Natürlich waren dort alle Räume klimatisiert.
ZZ oder auch DoubleZ, wie der Professor intern genannt wurde, war der einzige Ordinarius, der nicht in die standardisierte Flucht von nebeneinanderliegenden, uniform eingerichteten „Räumlichkeiten für Führungskräfte“ wechseln wollte. Hohe Wellen hatte es geschlagen, als er sich bereits bei einer sehr frühen Besprechung mit Einrichtungsexperten darüber echauffierte, dass die Direktorenzimmer mit „unauffälligen Schrankbetten“ ausgestattet werden sollten. Seine extrem sarkastischen Bemerkungen über diesen und ähnliche Pläne machten sehr schnell die Runde. („… jetzt wollen die wohl nicht nur den ganzen Tag zum Fenster rausgucken, sondern auch noch ein Mittagsschläfchen machen …?“) Einige gleichrangige Kollegen sprachen von Arroganz und typischen, wie so oft ungerechtfertigten Sonderwünschen. Die Verwaltung war empört … Es gab einen Termin beim Dekan und er musste sich entschuldigen.
Frau Winter und ihrem Chef wurde zur ultimativen Beendigung der heftigen Diskussionen schließlich eine Galgenfrist von drei Monaten eingeräumt, danach sollte der Altbau im Rahmen der weiteren Sanierung sowieso abgerissen werden. Das alles liegt jetzt mehr als ein Jahr zurück, die Fördermittel für den zweiten Bauabschnitt sind für unabsehbare Zeit auf Eis gelegt und noch viel schlimmer – das Klinikum schreibt dauerhaft rote Zahlen und hat Defizite in Millionenhöhe. Die Verwaltung ist also beschäftigt.
Zwischenzeitlich sind die Controlling-Abteilung, verschiedene andere Büros und ein Lager für abgeschriebene Großgeräte der Universitätsmedizin zurück in den Altbau gezogen. Vorher mussten allerdings an allen Türen der reaktivierten Zimmer neue Plastegriffe und Schließblenden angebracht werden. Die originalen, massiven Messingbeschläge aus der Gründerzeit hatten Unbekannte in der Hoffnung auf den baldigen Einsatz von Abrissbirnen und Baggerschaufeln rechtzeitig abmontiert. Irgendjemand wollte Strafanzeige stellen, aber das ist wohl wegen des vergleichsweise geringen Schadens im Sande verlaufen.
ZZ wittert seit einiger Zeit die Chance, zumindest den historischen Operationssaal irgendwie zu retten. Er hatte bereits vor Wochen Kontakt zur örtlichen Denkmalschutzbehörde aufgenommen. Die hat sich nach anfänglichem, wahrscheinlich doch nur geheucheltem Interesse bis heute nicht gemeldet. In den Lokalnachrichten hat ZZ gehört, dass sich dieses Büro mit dem Archäologischen Institut der Universität an Ausgrabungen im fernen Ägypten beteiligen will. Für Zwackzwirbel wegen der völlig unterschiedlichen Aufgaben der beiden Institutionen eine ungewöhnliche Kooperation.
Die Chefsekretärin Anna Maria Winter war längst nicht mehr auf das Gehalt als Universitätsangestellte angewiesen. Mit der ihr eigenen Vehemenz ließ sie deswegen verlauten, dass es sofort eine Kündigung gäbe, wenn man sie zwingen sollte, in einem zentralisierten Schreibbüro unter der Leitung einer, wie sie es nannte, „jung-dynamischen“ Fachschulabsolventin zu arbeiten. Auch diese Gefahr war also zunächst abgewendet.
Professor Zwackzwirbel hatte inzwischen seine Dienstkleidung angezogen und die Schuhe gewechselt. In der Klinik trug er nur weiße Slipper aus Italien, lange weiße Hosen und kurzärmelige weiße Leinenhemden einer international bekannten Modefirma. Die Hemden waren sein Privateigentum und wurden zu Hause von seiner Frau gewaschen und gebügelt. Er hatte etwa zehn Hemden in Besitz. Wenn sie am Kragen fadenscheinig wurden, kaufte er seit 20 Jahren immer im selben Geschäft in der Innenstadt nach … Ja, ZZ war eitel und seine Frau Estrella, im Klinikum hinter vorgehaltener Hand ESZZ (Betonung auf ES …!) oder auch liebevoll „die Gnädige“ genannt, war sehr froh, dass ihr Mann immerhin Kittel und Hosen aus dem Kliniksortiment nutzte und die Klamotten auch dort pflegen ließ. Estrella erinnerte sich an ihre frühen gemeinsamen Jahre an der großen Universitätsklinik in Norddeutschland. Der dortige Ordinarius für Chirurgie war bis heute ein zweifellos idealisiertes Vorbild für ihren Mann. Dieser nun wirklich exzentrische Kollege trug ausschließlich maßgeschneiderte Dienstanzüge und Kittel mit goldfarbenen Knöpfen … Er lebt noch und wird angeblich unter falschem Namen in einer luxuriösen Altersresidenz für Demenzkranke in Hamburg betreut.
Zwackzwirbels Zivilklamotten und die Straßenschuhe verschwanden jetzt in einem Wandschrank, der für Uneingeweihte nicht erkennbar in die dunkelbraune Holztäfelung des Zimmers eingepasst war. Gleichermaßen versteckt findet sich neben der Garderobe hinter einer perfekt schließenden Tür eine sehr funktionale Waschgelegenheit mit Spiegel und Unterschrank, in den das Handwaschbecken eingepasst ist. Die unaufdringliche Holzverkleidung verlieh dem Raum den Charakter einer Kapitänskajüte und war ohne Frage die Meisterleistung eines dem heutigen Nutzer unbekannten Handwerkers.
Obwohl Frau Winter durch ihre guten Beziehungen zur Technikabteilung des Klinikums zwei relativ moderne Ventilatoren für sein Zimmer und das Sekretariat besorgt hatte, spürte der Professor jetzt erstmalig die ungeheure Hitze, noch bevor er den Kittel anhatte. Er setzte sich auf den bequemen Drehstuhl am Schreibtisch und war froh, dass er schon gestern die Winter gebeten hatte, seinem geschäftsführenden Oberarzt auszurichten, dass er ihn sowohl bei der Morgenbesprechung als auch bei der heute anstehenden Chefvisite auf den beiden Stationen, die der „Chirurgie“ verblieben waren, vertreten muss.
Seit der vor etwa fünf Jahren erfolgten Novellierung seines Dienstvertrages unter von ihm als erpresserisch empfundenen Bedingungen benutzte er in verschiedenen Situationen erfundene, gelegentlich auch tatsächliche internationale Telefon- und Videokonferenzen, um sich vor ungeliebten Terminen, lästigen Treffen mit Verwaltungskräften oder überflüssigen Diskussionsrunden zu drücken. Die modernen Kommunikationsmittel eigneten sich für den gewünschten Zweck besonders gut, weil sie weltumspannend praktisch 24 Stunden einsetzbar waren. Eine elektronische Weltzeituhr leistete in diesem Zusammenhang gute Dienste. Sie zeigte neben vielen anderen Funktionen auch die jeweils aktuelle Uhrzeit in den Metropolen aller Kontinente an und war das Geschenk eines chinesischen Patienten. ZZ hatte das attraktiv gestaltete Gerät rechts neben dem Computerbildschirm auf dem riesigen Holzschreibtisch platziert.
Frau Winter war eingeweiht und wusste oft instinktiv, welche Telefonate zum Chef durchgestellt werden mussten und welche nicht. Auch beim Abwimmeln von Besuchern lag sie nach kurzer Anhörung des Begehrs in ihrer Reaktion fast immer richtig. Termine zu Konsultationen in der auf der Website des Klinikums immer noch als „Chefarztsprechstunde für privatversicherte Patienten“ aufgeführten Institution werden seit langer Zeit nur noch sehr selektiv vergeben. Nicht selten liegen diese dann „frühestens in zwölf Wochen“ … Die oft heftigen Proteste und Beschwerden der teuer versicherten Patienten oder auch von sog. Selbstzahlern sammeln sich dann in der jetzt auch im Neubau befindlichen „Stabsstelle für Patientenkommunikation und Personalfragen“ (Der Begriff „Beschwerdestelle“ wurde aus dem Sprachgebrauch entfernt). Dort gibt es einen Sozialpsychologen im klimatisierten Büro und fünf Mitarbeiter, die Protokolle aufnehmen, Fragen formulieren und dann eine schriftliche Stellungnahme des zuständigen Klinikdirektors anfordern. Alles längst freundliche und ruhig ablaufende Routine … Der Beschwerdeführer bekommt, wenn der Krankenstand im Büro nicht allzu hoch ist, schon nach drei Wochen einen Standardbrief:
„… Ihre wichtigen Hinweise wurden von den Verantwortlichen mit dem Ziel, die Situation zeitnah zu verbessern, ausgewertet … Mit Dank für die Kritik und dem größten Bedauern sowie besten Wünschen für Ihre Gesundheit etc. etc …“.
Dazu natürlich einen Termin in zwei Wochen, den der Adressat meist nicht mehr braucht, weil er längst in Hannover, Münster oder Frankfurt untergekommen ist und dort über die unmöglichen, bis unmenschlichen Zustände in der Klinik von Zwackzwirbel berichtet hat. Der zu jedermann und immer freundliche Sozialpsychologe gehört zur erweiterten Bereichsleitung. Er übergibt vierteljährlich dem Dekanat für medizinische Betreuung einen Bericht über die Leistungen seines Büros mit Exceltabellen und Säulendiagrammen und mit Verbesserungsvorschlägen, „die zur Stabilisierung der finanziellen Situation des Klinikums nicht unwesentlich beitragen würden“.
Die Privatsprechstunde wird aktuell von dem für die chirurgischen Fälle zuständigen Oberarzt aus Zwackzwirbels Klinik in der riesigen, interdisziplinären Notfallambulanz im Erdgeschoss des Neubaus durchgeführt. Nur selten wird er selbst telefonisch über einen speziellen Fall informiert oder gar in das Sprechzimmer gebeten. Intern angeordnete Ausnahmen gelten für alle ärztlichen Kollegen, Klinikangehörige und bestimmte „Prominente“, bei deren Auftauchen als Patient immer der Klinikchef bzw. sein erster Stellvertreter informiert werden muss. Dies ist einer der wenigen in einer schriftlichen Dienstanweisung angeführten Vorschriften der Chirurgischen Klinik.
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