Cover: Vom Pol zum Pol – Klima im Wandel

Vom Pol zum Pol – Klima im Wandel
Als Schiffsarzt mit der „Polarstern“ 1996 und 1998 in ARKTIS und ANTARKTIS


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 352
ISBN: 978-3-99146-555-3
Erscheinungsdatum: 08.10.2024
Wer mehr wissen will über das tägliche Leben an Bord des deutschen Forschungseisbrechers „Polarstern“ und eintauchen möchte in die überwältigende Fauna und Flora am nördlichen und südlichen Ende der Welt, der liegt hier genau richtig.
Vorwort


Mit der zunehmenden Bedeutung der Klimaforschung wird auch den Polargebieten hohe Beachtung geschenkt. Neben Fernerkundungen mit Hilfe von Satelliten- und Flugzeugeinsätzen sind insbesondere direkte Messungen im Ozean – unter besonderer Beachtung des Eises – und in der Atmosphäre unbedingt notwendig.
Expeditionen mit der Segelyacht GRÖNLAND unter CARL COLDEWEY 1886 in die Arktis und mit der GAUSS unter ERICH von DRYGALSKI 1891 in die Antarktis begründeten erste deutsche Entdeckungsreisen in die Meereisregionen beider Hemisphären.
Große internationale Beachtung bei der Eroberung der Polargebiete fanden die norwegische Expedition mit der FRAM 1893-1906 unter F. NANSEN mit dem Erreichen des Nordpols und die Durchquerung des antarktischen Kontinents bis zum Südpol von SCOTT und AMUNDSEN 1910.
Nach mehreren Unternehmungen im letzten Jahrhundert erhielt die deutsche Polarforschung in den vergangenen 50 Jahren mit der Gründung des ALFRED-WEGENER-INSTITUTS (AWI) einen deutlichen Auftrieb. Dazu leistet das eisgängige Forschungsschiff POLARSTERN als Basis für nationale und internationale Studien einen wichtigen Beitrag.
Um diese Arbeitsplattform umfassend nutzen zu können, muss sowohl die technische Ausrüstung als auch die Besatzung des Schiffes den Anforderungen der vielfältigen Forschungsprogramme gerecht werden.
Ersteres haben die Wissenschaftler und Techniker des „AWI“ fachkundig erledigt, für letzteres hat die erfahrene Reederei F. LAEISZ zu diesen speziellen Einsatz geeignetes Schiffspersonal angeheuert und bei der nicht alltäglichen Besetzung der Arztposition viel Geschick bewiesen. Hier muss ein breiter Aufgabenbereich abgedeckt werden, um den Menschen an Bord gerade in der polaren Einsamkeit ein hinreichendes Sicherheitsgefühl zu vermitteln.

Die vorliegenden Tagebuchnotizen des Schiffsarztes während einer Arktis- und einer Antarktisreise der POLARSTERN bieten einen tiefen Einblick in seine fachliche Arbeit und beleuchten interessante Vorkommnisse im Bordleben.

Prof. E. Augstein
(persönliches Copyright des wissenschaftlichen Fahrtleiters von 1996)




Wie es dazu kam


Einerseits war da ein alter Herr aus der Nachbarschaft, der mir schon als Kind von seiner Arbeit als Kumpel im Steinkohlenbergbau auf einer mysteriösen, großen, weißen Insel weit oben im Eis erzählte, die er „Spitzbergen“ nannte. Als Konfirmationsgeschenke kamen dazu die Bücher „Knaurs Geschichte der Entdeckungsreisen“ und die „Grosse Weltreise mit A. E. Johann“. Noch heute Teil meiner Bibliothek, enthalten beide u. a. mehrere Kapitel über die Entdeckung der Pole.

In einem meiner Notizbücher aus den 60er-Jahren findet sich dann folgerichtig erstmals das eigentliche Schlüsselwort … „Arktis“.
In einem Tagebucheintrag vom 14.11.1966 glaubte ich, in „allgegenwärtiger Polarität“ das „Grundkonzept von Natur und Kosmos“ zu sehen.“

Aus den 70er-Jahren existieren neben zwei bemerkenswerten Zeichnungen des damals 6-jährigen Sohnes mit den zwei Polen, wie oberhalb zu sehen, noch mehrere Bewerbungsbriefe an den Norddeutschen Lloyd, 1988 an die Kreuzfahrtabteilung der HAPAG-Lloyd, das Arbeitsamt Hamburg und an die Hamburg-Amerika-Linie um eine Anstellung als Schiffsarzt, „am liebsten auf der ‚Polarstern‘“. Nach mehreren weiteren Anläufen, nicht zuletzt animiert von den im „Marine-Forum“, der Monatszeitschrift für Marineoffiziere (s. 1. Seite auf Bd. II), regelmäßig erscheinenden Artikeln über die „Polarstern“ als dem immer öfter durch die Medien geisternden Flaggschiff der deutschen Meeresforschung sowie durch das Buchgeschenk meiner Schwester „Unternehmen Polarstern“ von 1988 aus dem ECON Verlag, kam schließlich 1995 vom „AWI“ tatsächlich eine positive Antwort:
„Hiermit bestätigen wir, daß Sie im Zeitraum vom 8.7.96 bis 30.9.96 bei der Reederei F. Laeisz in einem befristeten Heuervertrag stehen und als Schiffsarzt auf dem deutschen Forschungsschiff ‚Polarstern‘ gemustert werden. Ihr Arbeitsvertrag wird Ihnen Anfang Juni zugeschickt. Die Angaben zum Seefahrtsbuch komplettieren wir in Bremerhaven Anfang Juli.“

Vorsehung, Schicksal, Zufall, Selbstläufer, glückhafte Verkettung, Fügung oder auch ein Paradebeispiel früher Prägung, wie auch immer: Die kritische Masse sozusagen war erreicht. Der Funke hatte gezündet.
Der Traum, nach so viel Hartnäckigkeit, Penetranz und Bahnung, dazu optimal passend zur chronischen Überlastung im Beruf, jetzt soll er Wirklichkeit werden.




Es wird ernst


Nun also doch nicht die ersehnte ANTarktis, sondern das Nordpolarmeer, die ARKTIS, sinnigerweise abgeleitet vom altgriechischen arktos = άρκτος = der (Eis)Bär, soll es sein. Da muss wohl durch, wer letztlich das Land der Träume, das Südpolarmeer, die ANTARKTIS erleben will. Schon im Märchen muss ja durch einen Berg von – immerhin schon vorgesüßtem – Brei, wer ins gelobte Land, wer ins Schlaraffenland will.
Reden und träumen kann man viel. Nun aber sind sie alle durchlaufen, die komplizierten Phasen der von langer Hand geplanten intensiven Vorbereitung. Jetzt geht es richtig los, ins real existierende, tatsächlich in greifbare Nähe gerückte Eismeer, ins Nordpolarmeer. Zum Flüchten zu spät.




Montag, den 8.7.
Anfahrt nach Bremerhaven


Das Stadium endloser, unsäglicher Bürokratie, die Suche nach einem geeigneten, vertrauenswürdigen Praxisvertreter, der Schriftwechsel mit Kassenärztlicher Vereinigung und Ärztekammer, Rentenversicherung, Seekasse, Berufsgenossenschaft, persönlicher Vorstellung beim berühmten „AWI“ (Alfred-Wegener-Institut) in Bremerhaven, Heuervertrag mit der Reederei etc. etc., die obligatorische Seediensttauglichkeits- und „Seefestigkeits“untersuchung (Nichts leichter als das!) beim Hafenarzt in Oldenburg/H. endlich vorüber. Leben und Denken, die Zeit, da die „Polarstern“ mit gefühlt wachsender Geschwindigkeit näherrückt, beginnt sich schon jetzt im Vorfeld zu verdichten. Auf geht’s zur Einschiffung nach Bremerhaven, wo sie, die „Polarstern“, schon ungeduldig wartet.




Endlich an Bord!


In die „Laptev-See“ soll es gehen? Laptev? Wo soll das denn wohl sein? Bis dato niemals von gehört. Womöglich noch viel, viel weiter östlich als die Phantasie jemals reichte? Vielleicht noch weiter weg als Sibirien?
Bei „Kaiserwetter“ Ankunft im dortigen „Kaiserhafen“. Dort liegt es, unser Schiff, schon fest vertäut an der Pier.

Tief in seinem Leib surren Tag und Nacht schon jetzt ohne Unterbrechung zahllose Motoren. Wie aufregend schon dieses monoton beruhigend beunruhigende und zugleich erwartungsvolle Dauergeräusch, wie zum Panthersprung bereit! Dieser abenteuerliche Geruch nach Dieselöl, geradeso wie schon damals bei der Flotte 1993 im größten amerikanischen Kriegshafen „Roosevelt Roads“ auf Puerto Rico. Diese Steigerung des Fernwehs bis zum körperlichen Schmerz!

Es geht an Bord. Das wuchtige, massige Schiff, bis zur Halskrause mit Hochtechnologie angefüllt, gleicht einem Labyrinth. Mein Vorgänger, der sich bewegt, als sei er hier zuhaus (ist er nach mehrmaliger Eismeerreise wohl quasi auch), empfängt mich mit angenehm zurückhaltender, freundlich engagierter Kollegialität.
Über den ganzen, langen Tag mit viel Geduld und unter besonderer Betonung des Schiffshospitals geht seine Einweisung ins verwirrend komplexe Innenleben dieses Kolosses.

Vom OP über die Röntgeneinrichtung, die Sterilisationsanlage, das Labor, die Apotheke, die Zahnstation, die Fachbibliothek, das große Videoarchiv zur vom Doc zu bewirtschaftenden „Zillertal“-Bordkneipe etc., bis der Schädel mir raucht. Soviel geballte Technik, in dieser Verdichtung derart komplizierte Einzelheiten, so viel Vorbereitung auf Eventualitäten – für den Anfang beinahe zuviel.
Angesichts der Unwägbarkeiten und vielen Fragen, die zuletzt doch ohne Antwort bleiben müssen, will der Mut mir sinken.




Dienstag, den 9. Juli.


Wohltuend geht an diesem ersten Morgen eine kühle, frische Brise durch den Hafen. Die Hospitaleinweisung wird unverdrossen fortgesetzt. Wegen der Formalitäten geht es in die Stadt zur „Kommandozentrale“, dem „AWI“, dessen riesiger Gebäudekomplex einem Schiffsrumpf nachempfunden zu sein scheint.
Bei dieser Gelegenheit gleich gegenüber das Schifffahrtsmuseum wie auch das Museums-U-Boot besehen, ist Ehrensache. Noch ein gemeinsamer Spaziergang am Strand.
Noch ein Abschiedsschoppen Downtown. Abschied vom Festland für lange Zeit. Abschied in die Eiswasserwüste, Abschied ins Ungewisse.

„WEGENER, Alfred, (1880-1930), dt. Geophysiker und Meteorologe. Prof. in Hamburg und Graz. Entwickelte die Theorie der Kontinentalverschiebung (veröffentlicht 1912); er arbeitete außerdem v. a. über die Thermodynamik der Atmosphäre und die Entwicklung geophysikalischer Instrumente.

Schrieb u. a. über ‚Die Entstehung der Kontinente und Ozeane‘.“

Quelle: „Der grosse Brockhaus“ von 1957, Bd 12, S. 383
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Freitag, den 12.7.


Und da! Zwanzig Minuten vor „Leinen los“ über alle Lautsprecher der dringliche Durchruf nach dem Schiffsarzt. Alarm! Bei abschließenden Arbeiten auf Deck zwischen Ketten und Ankerspill ist soeben ein Werftangestellter vor lauter Aufregung bewusstlos zusammengebrochen.
Auf dem Vorschiff, noch gar nicht so recht an Bord angekommen, zum Glück mit den vorhandenen Notfallinstrumenten aber schon hinreichend vertraut, in gewohnter Manier sofortige Wiederbelebungsmaßnahmen, bis der Notarzt erscheint. Die Aufregung ist groß. Defi-Elektroschock. Vorsicht, die Stahlplanken könnten den Stromschlag leiten und die Umstehenden gefährden. Nach 30 Minuten geht es über die enge Stelling endlich an Land, wo auf der Pier jetzt ein Rettungswagen steht.

Schon sind wir, maßlos überhitzt und von der ca. halbstündigen Herzmassage völlig erschöpft, mit der Welt fertig noch ehe es richtig begann. Soll das die Feuertaufe gewesen sein? Große Betroffenheit in allen Gesichtern. Seht nur, so werden hier alle dem „ship’s doc“ auf Gedeih und Verderb die kommenden drei Monate lang ausgeliefert sein. Da mag es jetzt dem einen oder anderen von uns grausen. Wohin sind wir bloß geraten? Wenn das nur nicht so weitergeht. Die Männer, sie trösten mich. Alle denkbaren Widrigkeiten hätten wir somit doch wohl abgearbeitet.

10 Uhr 20. Mit Verspätung die Leinen los. Mit kleiner Fahrt gleiten wir aus dem Hafen. Den Kapitän auf der Brücke, fast wie beim Bund, hier allerdings ohne militärischen Gruß, unterrichtet der Schiffsarzt von dem traurigen Vorfall.
Und schon folgt die vorgeschriebene, sicherungstechnische Führung durchs Schiff. Inklusive Sichtung der umfangreichen Fachbibliothek stürzt sich der „ship’s doc“ danach sogleich in seine Aufgaben im Schiffslazarett. B.a.w. also muss dies sein Zuhause werden. Ein jeder Griff hat, wie eben gesehen, baldmöglichst zu sitzen, besser heute als morgen. Zudem macht in dieser Situation Passivität melancholisch und instabil. Aktivität, aktives Handeln dagegen schafft Selbstvertrauen und innere Sicherheit. Hier ist beides vonnöten. Zu allem Überfluss erzählt einer der Wissenschaftler, seinerzeit habe vor Jahren hier an Bord ein Blinddarm operiert werden müssen. Ja, und? Immer nur kommen lassen!
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