Cover: Nur wer wirklich lebt, entscheidet

Nur wer wirklich lebt, entscheidet


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 130
ISBN: 978-3-7116-1402-5
Erscheinungsdatum: 04.02.2026
Ein bewegendes Werk über Selbstbestimmung am Lebensende. Offen, mutig und mit leiser Ironie erzählt Kurt Leitner von Krankheit, Schmerz, Liebe und seinem Weg zur Sterbeverfügung – ein Buch, das berührt und zum Nachdenken über das Leben einlädt.
1. Kapitel

Ursache und Entscheidung


Nur wer wirklich lebt, entscheidet!

Doch warum und wie kam es dazu?
Vorab, ich hatte keinen Unfall!
Eine nun fünfjährige Leidensgeschichte, beginnend mit den wesentlichen OPs von zweimal Lendenwirbelstabilisierung und viermal Halswirbelsäule mit Laminektomie – dabei wird ein Teil des Wirbelbogens entfernt und mit zwei Metallschienen stabilisiert –, sowie weiteren implantierten Zutaten, gingen da voraus. Das lange Metallgerüst im Hals nannte ich kurzerhand meinen „Eiffelturm“.
Laut Christian-Doppler-Klinik Salzburg waren diese vier intensiven HWS-Eingriffe innerhalb von zwei Jahren, während der Coronazeit, notwendig, um eine mögliche Querschnittlähmung zu verhindern.
Nach vielen Wiederbestellungen sagte man mir 2021 in der Klinik, a bisserl was wird aber wohl schon bleiben.
Mein Vertrauen zu den Operateuren hat keineswegs gelitten, sie taten gewiss ihr Bestes. Die Ärzte haben mich immer sehr gut aufgeklärt.
Eine leider dauerhafte und sehr schmerzhafte Funktionseinschränkung in den Armen und später auch in den Beinen waren dann tatsächlich die Folgen. Beide Unterarme wurden total taub, kalt und gefühlt wie gelähmt. Kaum mehr Feinmotorik in den Fingern und auch wenig Grobmotorik in den Unterarmen.
Schlussdiagnose: Zervikale Myelopathie mit schwerer PNP, Polyneuropathie.
Nach vier Reha-Aufenthalten hieß es: „ausoperiert und austherapiert“.

Mit engagiertem Eifer und regelmäßigem Krafttraining, vielen Eigentherapien zu Hause, ließ sich zumindest meine Muskulatur recht gut und stabil erhalten.
Mein langjähriger 1A-Therapeut Bernhard Vogl animierte mich immer wieder regelmäßig mit neuen Übungen und er selbst legte sehr gekonnt seine geschulte Hand an meiner Halswirbelsäule an. Spezielle Nackendehnung konnte nur er so gut und wirksam! Eine echte Freude, so begnadete Hände!

Meine stark geschädigten Hand- und Beinnerven blieben aber trotzdem unheilbar auf der Strecke. Die zuständigen Nerven konnten die Impulse zu den Gelenken gefühlt nicht mehr ausreichend weiterleiten. Laienhaft stellte ich mir vor, die „Kabelisolierung“ sei teilweise beschädigt, daher auch schmerzzuckende „Wackelkontakte“ in beiden Händen bis in die Fingerspitzen.
Das regelmäßige Einknicken meiner Knie sah für Außenstehende wohl stark behindert oder eher betrunken aus, war in den Knien selbst aber fast schmerzlos, dafür doch im Kreuz wiederum sehr übel spürbar.
So waren sich Chirurgen, Orthopäden, Neurologen und ich einig: bitte nur keinen weiteren Eingriff mehr an der Wirbelsäule, denn es würde eher eine Verschlimmerung folgen!
Abgesehen davon, eine weitere OP, die 18. in meinem gesamten Leben, hätte ich physisch gar nicht mehr ertragen können.
Die chronischen Dauerschmerzen in den Armen konnten nur medikamentös mal mehr oder weniger etwas eingedämmt werden. Meine persönliche Schmerzskala von 1 bis 10 verlief deshalb ständig zwischen den Stärken 3 bis 5, und zusätzlich kamen viele Spitzenschübe von 6 bis 8. Juhu, da kommt man schon mal ins unfassbare Jubeln, weil man es gar nicht für möglich hält, dass sich Nerven überhaupt so, beinahe unerträglich brutal bemerkbar machen können?
Dabei denke ich traurig auch öfters an die vielen Kriegsgefangenen, welche weltweit leider noch immer unaufhörlich schwere Foltermethoden über sich ergehen lassen müssen. Also schlimmer geht immer, daher vorwärts mit dir, Kurti, und Kopf trotzdem hoch!

Einzig nächtens war mir meist ein guter Erholungsschlaf dank meiner Meditationsfähigkeit gegönnt. Mit buddhistischen Gedankenelementen aus Yoga, Qigong und meiner eigenen Fantasie mixe ich mir ein eigenes Einschlafritual. Nur wenn es ausgerechnet in dieser Phase dann besonders arg weh tut, fluche ich auch schon mal leise vor mich hin und schalte den Fernseher für eine halbe Stunde ein. Auch TV kann ein bewährtes Schlafmittel sein! Meine Frau beneidet mich dafür immer sehr.

Leute, die um mein regelmäßiges Training wussten, sagten mir oft, ich sei eh wirklich ein Kämpfer, der nicht aufgibt. Eine ausgeprägt sportliche Gesinnung hatte ich tatsächlich von Kindheit an.
Aber in all den letzten Jahren zermürbte es mich doch mehr, als ich es mir selbst eingestehen wollte.
Mit meinem mir angeborenen Humor konnte ich im Bekanntenkreis viel überspielen, aber meine liebste Frau Marianne wusste mit der Zeit doch sehr gut über den realen Zustand meiner Unheilbarkeit. Sie selbst arbeitet bei zwei Fachärzten für Orthopädie und Kardiologie als Ordinationsassistentin und so wurde ich somit auch von dieser Seite immer sehr gut begleitet.

Trotzdem bedurfte es ihrerseits aber schon auch einer ziemlich langen Gewöhnungsphase, meinen körperlichen Verfall mit ansehen zu müssen bzw. Walkingstöcke, Gehstöcke, Rollator oder das elektrische „Graf-Carello-Seniorenmobil“ zu akzeptieren, denn meine beinahe „unsichtbare Krankheit“ sah man mir sitzend auf den ersten Blick nicht wirklich an.
Einen Rollstuhl verdrängen wir beide bis heute noch, obwohl ich selbst am besten spüre, dass er wohl eher früher als später unausweichlich einmal notwendig werden könnte.
2022 besprach ich meinen Sterbewunsch erstmalig mit meinem langjährig vertrauten Hausarzt in Hof mit dem Hinweis, dass meine 95-jährige Mutter ihren letzten Lebensabschnitt nun auch schon einige Jahre und äußerst schmerzhaft im Seniorenheim verbringt. Sie ist seit drei Jahren nur mehr bettlägerig, aber noch bei sehr gutem Bewusstsein und wünscht sich sehnlichst, endlich einmal nicht mehr aufzuwachen.
Und einen derart langen bevorstehenden Leidensweg, der bei mir möglicherweise auch genetisch bedingt ist, will ich keinesfalls auf mich nehmen!
Mein lieber Hausarzt Dr. H. reagierte darauf sehr besonnen, was ich sehr dankbar entgegennahm.
Das so oft besagte „würdevolle Sterben“ konnte ich leider weder bei meinem Vater noch bei einigen anderen nahestehenden Personen, trotz bester Pflege, in keinster Weise sehen.
Im Gegenteil, es veranlasste mich noch mehr zur Selbstbestimmung.
So verlor ich mit der Zeit auch schleichend meinen einst anerzogenen katholischen Glauben, ebenso wie an eine „nirwanische“ Reinkarnation im buddhistischen Sinne, da ich mich auch mit dieser Literatur eine Zeit lang intensiv beschäftigte. In mehreren Kulturen wird der Tod ja als erlösendes Freudenfest gefeiert, dem ich durchaus zustimme.

Aber statt Zuversicht und Hoffnung drängte mich meine tägliche Schmerzrealität immer mehr zur Resignation, und ich konnte keine oder zumindest nicht mehr ausreichende Lebensqualität feststellen. Eine größere Depressivität nahm ich bei mir selbst aber noch keine wahr, denn ich sehe den Tod als jemanden, der mich nach langer Krankheit mit auf eine erlösende Reise nimmt. Und es kommt eben nicht „der grimme Schnitter“, wie es Reinhard Mey einst in seinem Lied „Lass nun ruhig los das Ruder“ so wunderschön besang!
Doch die Nebenwirkungen aller Medikamente zusammen machen sich nach Jahren nun auch langsam schleichend bemerkbar.
Z. B. fühle ich mich a bisschen neben der Spur, Reaktionsverzögerung wie bei 0,8 Promille, daher fahre ich auch nicht mehr mit dem Auto, Nachlassen des Merkvermögens, häufiger Harndrang, leichter Schwindel, etwas schlechter sehen und gelegentlich auch Desinteresse an einst mir Wichtigem.
Magenschutz nun auch täglich notwendig und weiter zunehmende, kürzere Schmerzintervalle.
Das Arzneimittel-Credo „so viel wie notwendig, aber so wenig wie möglich“ ist bei sich fast täglicher Zustands- und Wahrnehmungsänderung auch nicht gerade sehr einfach. Trotzdem gehe ich damit sehr behutsam vor, weil ich auf Dosierungsänderungen gleich mal reagiere.

Dank Herrn Dr. F., Anästhesist im Unfallkrankenhaus Salzburg, war es aber möglich, mich in den letzten zwei Jahren durch regelmäßige Infiltrationen in die HWS-Nervwurzel periodisch wieder etwas schmerzfreier zu stellen. Normal sollte die betäubende Wirkung mehrere Monate anhalten, bei mir leider aber nur vier bis sechs Wochen. Zudem denke ich mir, dass diese mit der Häufigkeit auch etwas von der Wirksamkeit einbüßen könnten. Placebogefühle hin oder her, nun bekomme ich die Infiltration monatlich.
Ich besprach mein Vorhaben unter anderem auch mit einem Psychologen in der Reha, die aufgrund der schwerwiegenden Vorbefunde dafür ein gewisses Verständnis zeigten und mir für meine Aufrichtigkeit dankten, da es auch für sie zum Teil neue Erkenntnisse brachte.
Meine Frau war in meinem Sterbewunsch von Anfang an voll involviert, und so begann ich, mich immer konkreter über das Prozedere der Sterbeverfügung zu informieren.
Ich hörte auch von anderen am Stammtisch oft die flapsige Aussage: Bevor ich ein unwürdiger Pflegefall werde, mach ich selbst Schluss.
Doch das Werden zum Pflegefall ging bei mir schleichend, sodass ich mir über den Zeitpunkt noch unklar war, WANN, WIE und WO ich tief einschlafen möchte?
Meinen dazu notwendigen Geisteszustand konnte ich, trotz vieler Medikamente, noch mit großem Eifer und auch erfolgreichen Lernabschlüssen der französischen Sprache recht gut fit halten.
Denn alle einstigen Hobbys wie Segeln, Skifahren, Langlaufen, Spaziergänge, die Malerei und etwas Klavierspielen, leider erst mit 60 begonnen, waren einfach nicht mehr möglich.
Bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt lernte ich den im Salzburger Mozarteum unterrichtenden und weithin bekannten Musiker Johann Fiala kennen.
Mit seiner Klarinette spielte er mich zur OP hinaus und danach auch wieder zurück ins Zimmer. Einfach himmlisch, so etwas Einfühlendes in der Aufwachphase hören zu dürfen!
Vielleicht bin ich als im Sternzeichen Fisch geborener musisch etwas hellhöriger, aber die schönen, sanften Klänge taten meinen Ohren so gut!
Das Krankenhauspersonal war auch immer ganz angetan von den musikalischen Einlagen meines Bettnachbarn. Zudem animierte er mich, besser nach Noten spielen zu können, denn er sagte, dazu ist es nie zu spät! Und tatsächlich übte ich zuhause fast täglich und sehr fleißig nach seinen handgeschriebenen, einfachen Noten-Akkorden weiter.
Nun weilt auch er in einem Seniorenheim und beglückt dort viele Bewohner mit seinen Privatkonzerten.
Danke, lieber Freund Hans, du hast mir auch danach noch öfters wirklich große Freude bereitet!

Glücklicherweise hatte ich aber auch überhaupt keine Wehmut, etwas nicht mehr machen zu können, denn ich genoss alles Schöne wirklich sehr ausgiebig und war mir selbst immer äußerst dankbar, nur ja nichts versäumt zu haben!
Muss ich unbedingt weiterempfehlen, denn Manches kommt halt viel schneller, als man je zu denken wagt.
Mein vielleicht sogar gewisses, gesundes Ego zur Verdrängung des Ist-Zustandes sowie meine Fähigkeit zur Meditation gaben mir stets inneres Glücksempfinden und totale Zufriedenheit!
Selbst bei starken Schmerzschüben kann ich danach nur mehr ironisch darüber lächeln, was in einem sonst so genial geschaffenen menschlichen Körper nur vor sich gehen kann?!

Dann begannen meine Gedanken über den richtigen Zeitpunkt meines Ablebens zu kreisen. Denn diese Verfügung hatte bis Juni 25 nur ein Jahr lang gegolten. Nach einer Gesetzesänderung wird dieser Gültigkeitszeitraum aber verlängert werden. Genauer Zeitrahmen ist mir noch nicht bekannt, da ich diese Verlängerung ohnehin nicht in Anspruch nehme.
Danach müsste das ganze Prozedere möglicherweise wieder neu aufgerollt werden, wenn man das „dauerhafte Schlafmittel“ noch nicht eingenommen hat.
Im Jahr 25 heiratet im Sommer meine Nichte, danach im Herbst mein Sohn, und solange meine 95-jährige Mutter noch lebt, möchte ich auch nicht „vor“ ihr das Irdische verlassen.
Das wären familiäre Gründe, mein Vorhaben vielleicht doch noch etwas hinauszuschieben.
Andererseits muss man für diverse ärztliche Bestätigungen noch „voll bei Sinnen“ sein, ansonsten gilt man für solch eigenes Sterbebegehren nicht mehr als „geschäftsfähig“!
Starke Dauermedikamente führen früher oder später wohl sicher auch zur geistigen Verblödung, daher mein intensives Französischlernen, was von meiner sonst so einfühlsamen Frau aber leider nicht immer goutiert wurde, weil ich damit ja tatsächlich sehr viel Zeit am Handy und PC verbringe.
Übrigens, den Bericht in die Tastatur zu „tappen“, von tippen ist nicht mehr die Rede, erfordert infolge fehlender Fingerfertigkeit auch die 5- bis 10-fache Zeit, aber eben, die hatte ich ja!
Dazwischen, bei besonders starken Schmerzschüben, denke ich aber oft: Was soll’s, ich nehme auf niemand anderen mehr Rücksicht und leite die notwendigen ärztlichen Schritte dazu ein, um gegebenenfalls über das Medikament für meinen „Take-off“, zumindest jederzeit verfügen zu können!
Meiner wunderbaren Frau teilte ich meine Gedankengänge anfangs nur zu 80 % mit, denn eine Überforderung ihrer Sensibilität wollte ich auch immer einigermaßen vermeiden. Sie ist in dieser Hinsicht Gott sei Dank eine halbwegs stabile Frau! Das denke und hoffe ich halt mal so …!!!
Aber es ist sicher irre schwierig für sie, unsere letzten Ehejahre so stark damit belastet zu erleben. Meine Frau ist 27 Jahre jünger, wir sind seit über 21 Jahren zusammen und nun schon 11 Jahre sehr glücklich verheiratet. Sie konnte von Natur aus schon immer sehr gut mit älteren Menschen umgehen. Das spürten auch schon meine Eltern und viele Ältere aus unserem Bekanntenkreis.
Meine Bekannten beneideten mich stets um meine junge, bildhübsche Frau, und ich gebe gerne zu, dass ich darauf auch sehr stolz bin und es immer genoss!
Neben meiner lieben Tochter Ulrike und meinem lieben Sohn Florian, auch ein guter Segler, aus erster Ehe, sowie meinem gelernten Beruf als Speditionskaufmann, war mir dann meine so geliebte dritte Ehefrau das Schönste, was zu meinem großen Glück beitrug!
Dabei möchte ich mich auch nochmals bei der Kindesmutter und meiner ersten Ehefrau für das so besonders gute Aufziehen unserer Kinder bedanken! Meine erwachsen werdende Tochter meinte zu mir einmal fast ein bisschen schnippisch: … und warum sagst du ihr das nicht selbst?!
Mit ein paar Blümchen in der Hand machte ich dann das auch wirklich.
Und meine werte Exfrau meinte mit ihrer etwas sarkastisch, kantig und nicht ganz zu verdenkender Art auf gut henndorferisch: Jo, jo, hiatz konna’s, da Leitner-Vota …
Aber trotzdem vielen Dank für die Mitarbeit, mein liebes Töchterlein!

Zwischenzeitlich informiere ich meine Frau über all meine Gedankengänge zu 100 % und wir besprechen alles total ganz offen.
Daher möchte ich uns auch den Zeitpunkt meines Abschiedes um die Weihnachtszeit aus sentimentalen Gründen ersparen, und so geht schon mal schnell ein Jahr um.
Es fiel mir dabei auch auf, dass all unsere Freunde äußerst liebevoll mit uns umgingen und meine Frau für ihre Hingabe zu mir sehr schätzten.
Entweder ahnten sie etwas von meiner Entscheidung, denn ganz früher machte ich bei engsten Freunden schon gelegentlich mal die vage Andeutung, dass ich meinen Zustand nicht ewig durchhalten möchte, oder meine Sinne waren durch meinen Zustand auf ehrliche Freundschaften eben nun besser geschärft als je zuvor.
Fest steht, gut gepflegte Freundschaften müssen auch als solche stets dankbar und als wahr angenommen werden! Danke all ihr lieben guten Freunde!

Meine sehr feinfühlige, fünf Jahre jüngere Schwester Monika hat für sich selbst schon seit vielen Jahren ihre eigene geistige Ebene gefunden und uns, Marianne und mich, auf ihre mentale Weise stets mitbegleitet.
Aber durch meinen teils verloren gegangenen Glauben ersuchte ich sie, nun etwas von mir abzulassen, weil ich für mein Seelenleben lieber für mich selbst zuständig sein möchte.
Die vielen liebevollen Heimbesuche der Enkerl und Urenkerl tragen vielleicht auch dazu bei, als regelrechte „Belebungskünstler“ für unsere Mutter zu wirken.
Oma wünscht sich schon öfter, einmal nicht mehr aufzuwachen, und geht mit dem Sterbethema dank ihres geistigen, noch sehr guten Zustandes recht offen um.
Durch ihr hohes Alter ist aber ihre einstige Patientenverfügung auch gar nicht mehr wirksam.
Und genau so einen Zustand will ich vermeiden. Denn schon dreimal sagten uns ihre Ärzte und ein Geistlicher, dass die kommende Nacht wohl entscheidend werden könnte.
Aber Tage später erholte sie sich zum Erstaunen aller immer wieder aufs Neue, trotzte Corona und begann auch wieder mehr zu essen. Also die Kraft der Sinne von außen stelle ich grundsätzlich so gar nicht in Frage!




2. Kapitel

Vorbereitungsgespräche


Anfang Jänner telefonierte ich dann mit einem von meinem Hausarzt empfohlenen Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, um meinen letzten Willen auch formal anzugehen.
Im Vorjahr errichtete ich noch gemeinsam mit meiner Frau diverse notarielle Verlängerungen, einige sind ja nur 10 Jahre gültig, wie Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Testament.
Das schon recht ausführliche Erstgespräch mit dem Facharzt über das gesamte Prozedere und die Aufklärung vieler möglicher Aspekte war für mich sehr aufschlussreich.
Denn Ärzte haben logischerweise primär die Pflicht, Leben zu retten und nicht zu beenden.
Dabei wurde mir auch klar, dass bei meinem Vorhaben die engsten Familienangehörigen ebenfalls mit einbezogen werden müssen, denn zu Beginn dachte ich dabei ja nur an meine Frau.
Denn andernfalls wäre es gut möglich, dass die Familienmitglieder darin einen Vertrauensbruch meinerseits wahrnehmen würden, der für die Hinterbliebenen natürlich auch sehr schwer zu verarbeiten wäre. Und außerdem möchte ich mit meiner vollen Aufrichtigkeit alles dazu beitragen, dass meine Entscheidung auch als verständlich wahrgenommen wird.

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