Integration – wozu?
Ein Erfahrungsbericht aus der Asylbetreuung
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 170
ISBN: 978-3-7116-0737-9
Erscheinungsdatum: 10.07.2025
Warum gelingt die Integration von Asylanten nicht, obwohl Österreich viele Ressourcen dafür aufwendet? Wer schon einmal die „Rechnung ohne den Wirt gemacht“ hat, weiß mehr. Ein Blick hinter die Kulissen, eine schmerzhafte Analyse und konkrete Lösungsvorschläge.
1 Vorwort: Rahmen und Intention
Das vorliegende Buch wurde nicht mit der Absicht geschrieben, gängige und zum Großteil auch frei zugängliche staatliche Asyl- und Integrationsberichte des österreichischen Asylwesens zu ergänzen, zu zitieren (obwohl dies fallweise vorkommen wird) oder zu kritisieren.
Es soll vielmehr, fernab von Absichtserklärungen und Statistiken (Papier ist ja bekanntlich geduldig), einen Einblick geben, wie Asylbetreuung und Integrationsmaßnahmen in der Praxis ablaufen und sich gestalten. Allerdings vermag ich auch nur einen kleinen Teil der Wahrheit zu bieten, da es sich hierbei um meine persönlichen Erfahrungen handelt, die ich über mehrere Jahre hinweg gesammelt habe. Ich habe mich dazu entschlossen, diese niederzuschreiben mit der Absicht und dem Wunsch, ein allgemeines Befassen und einen Diskurs unter Betroffenen anzustoßen: den Betreuern – Gesetz- und Verordnungsgebern – Betreuten – und vor allem den österreichischen Bürgern, die all das finanzieren und mittragen müssen.
Ich würde mir wünschen – und es wäre auch sachdienlich, dass dieser Diskurs möglichst wertfrei geführt wird mit dem obersten Ziel, angewandte Konzepte und den Umgang mit Asylanten dahin gehend zu modifizieren, dass gelungene Integration zur Regel und nicht zur Ausnahme wird.
Ich selbst war über zehn Jahre im Asylbereich tätig (2011 bis 2022); dies in verschiedenen Funktionen und mit unterschiedlichen Zielgruppen bezüglich des Alters, Familienstandes, Asylstatus und Herkunftslandes: in der Tagesbetreuung sowie im Bereich Integrationsberatung/Sozialarbeit, teilweise in leitender Funktion, in mehreren Betreuungseinrichtungen und nacheinander für unterschiedliche Betreuungsorganisationen im südlichen Niederösterreich.
Zum Schutz von Persönlichkeitsrechten aller Betroffenen wird im Zuge meiner Erfahrungsberichte von der Nennung genauer Angaben zu Personen und Organisationen sowie genauem Alter und Adressen Abstand genommen. Die Personennamen der Asylanten wurden aus diesem Grund verändert.
Vom Gendern bei Personennennungen wird ebenfalls Abstand genommen.
Ich möchte an dieser Stelle allen Personen meinen Dank aussprechen, die mich im Zuge der Erstellung dieses Buch ermutigend, kritisierend und beratend unterstützt und begleitet haben.
Es geht eben nichts über ein Viel-Augen-Prinzip.
2 Wer sind die Asylwerber überhaupt?
Im vorliegenden Buch beschäftige ich mich ausschließlich mit Asylwerbern, subsidiär Schutzberechtigten inklusive Personen mit humanitärem Bleiberecht sowie mit Asylberechtigten und zum kleinen Teil auch mit Personen im Transitstatus sowie Personen mit negativem Asylstatus – also sowohl Personen mit als auch ohne Bleibeperspektive und ‑sicherheit.
Eine weitere Einschränkung betrifft die Herkunftsländer: Ich habe ausschließlich Asylanten aus Nicht-EU-Drittländern betreut, hier vor allem mit Herkunft Afghanistan, Syrien, Iran, Irak, Pakistan, Indien, aber auch aus dem Kosovo, der VR China sowie einigen afrikanischen Ländern (Ghana, Nigeria, Somalia, Eritrea).
In ethnischer Zugehörigkeit (innerhalb des jeweiligen Herkunftslandes), Religionsbekenntnis (inklusive der Unterscheidung zwischen Strenggläubigkeit und gemäßigter Einstellung), Familienstand (allein ankommend oder mit Familie), Ausbildungsstand im Heimatland (inklusive Alphabetisierungsgrad in der Landessprache sowie verwertbarer Arbeitserfahrung und dem Vorhandensein von Ausbildungszertifikaten), Leumund (unbescholten im Herkunftsland oder wegen eines schweren Verbrechens im Herkunftsland aktenkundig), verwertbare Sprachkenntnisse (alphabetisiert beziehungsweise Englisch- oder Deutschkenntnisse) und Gesundheitszustand (chronische Erkrankungen, Behinderungen oder keine) sind Asylwerber, die nach Österreich kommen, ausgesprochen unterschiedlich, was zur Folge hat, dass man praktisch für jeden Asylanten beziehungsweise für jeden zusammen reisenden Verband (im Normalfall eine Familie) ein eigenes Integrationsprofil (Integrationsplan) erstellen muss beziehungsweise müsste.
All dies zu erfassen und bezüglich weiterer Unterbringung und Anwendung von Integrationsmaßnahmen zu bewerten, ist Aufgabe der aufnehmenden Organisation, nachdem der Asylant vom Erstaufnahmezentrum (behördlicher Teil zur Einleitung des Asylverfahrens) an eine Betreuungsstelle transferiert wurde, wo er voraussichtlich auch bleiben wird.
Hier wird es schon diffizil, und hier passieren auch oft schon die ersten Fehleinschätzungen und Versäumnisse, die in weiterer Folge das Integrationsschicksal der betreffenden Person beträchtlich mitbestimmen.
Um zu wissen, mit wem man es zu tun hat, ist auch nicht unwesentlich, ob Angaben zur Person, zum Alter und zum Familienstand oder der Herkunftsregion überhaupt stimmen.
Dies ist durchaus nicht gesichert.
Denn wer jemand ist beziehungsweise als was er während seiner Zeit in Österreich behandelt wird, hängt von den Angaben ab, die diese Person bei der Ersteinvernahme im Erstaufnahmezentrum macht (in NÖ in erster Linie Traiskirchen). Ein hoher Prozentsatz der Asylanten kommt mit wenigen oder gar keinen Originaldokumenten ins Land oder zeigt diese nicht her. Manchmal zeigt sich erst Jahre später, dass er/sie doch einen Pass oder eine andere Urkunde besessen hat, wenn das Dokument für eine Einbürgerung, eine Familienzusammenführung oder einen Heimaturlaub gebraucht wird.
Ein weiterer Umstand, der nicht gerade identitätsfördernd und administrationsfreundlich ist, betrifft Namen (Vorname/Nachname) und Geburtsdaten sowie Herkunftsorte, die im Erstaufnahmezentrum vertauscht oder vollkommen falsch wiedergegeben werden, was auf die Kappe der österreichischen Seite geht.
Schließlich sollte auch eine psychologische Erstbewertung im Erstaufnahmezentrum stattfinden (was zugegebenermaßen schon allein aufgrund der Sprachbarriere ausgesprochen schwierig ist, aber notwendig wäre), um zu entscheiden, für welche Art der Unterbringung die Person überhaupt geeignet ist. Dies wird jedoch nicht gemacht.
Nicht wenige erwachsene (aber auch jugendliche) Asylanten sind an normalen Betreuungsstellen nicht oder nur unter Inkaufnahme beträchtlicher Risiken und Belastungen zu halten und zu betreuen, da sie schwer traumatisiert sind und/oder unter anderen psychischen Beeinträchtigungen leiden, die das Zusammenleben und Einfügen in ein Regelwerk behindern oder unmöglich gestalten.
Faktisch wird eine solche Person, sollte sie an der Betreuungsstelle verhaltensauffällig bis zum Blaulichteinsatz geworden sein, „zur Strafe“, beziehungsweise mangels rasch wirksamer Alternativen, nach Traiskirchen zurücktransferiert, bis man eine neue freie Stelle gefunden hat – das Vabanque-Spiel beginnt dann von Neuem.
Nicht selten werden „schwierige“ Asylanten von den Betreuungsstellen „herumgereicht“, wobei es auch für die betroffene Person, was immer sie belastet, eher immer schwieriger als besser wird (Retraumatisierung, Bildung von Vorurteilen).
Insgesamt kann man sagen, dass man als Betreuer oder Berater über den Klienten, der einem zugewiesen wird, fast nichts weiß oder sogar aufgrund der zur Verfügung gestellten Daten ein vollkommen falsches Bild erhält.
Überdies bekommen Betreuer die Ersteinvernahme-Protokolle oder Vorfallberichte nicht immer zu sehen, was ein beträchtliches Wissensmanko ist, da es oft sehr von dem abweicht, was der Asylant seinem Betreuer erzählt.
In der Betreuung von Asylanten wie auch allgemein in der sozialen Arbeit ist man angewiesen, unvoreingenommen und vorurteilsfrei ans Werk zu gehen und „mit dem zu arbeiten, was da ist“. Diese Vorgabe wäre jedoch kein Hindernis dabei, ein lückenloses, transparentes und vor allem fortgesetztes Klientenprofil zu führen und zu kommunizieren.
3 Welche Erwartungen und Vorstellungen haben Asylwerber?
Vorab hier Folgendes: Hinweise und Informationen über Missstände, Kriege, Krisen oder soziokulturelle Eigenheiten in den Herkunftsländern der Asylanten zu bewerten oder miteinzubeziehen, ist nicht Ziel oder Aufgabe dieses Buches.
Ich nehme mir hier die Freiheit, auch in diesem Fall vorurteilsfrei an die Sache heranzugehen.
Meiner Meinung nach hat jeder Asylwerber einen bestimmten Grund, um nach Österreich zu kommen. Ein Recht – ob mehr oder weniger – leite ich daraus nicht ab. Ob die Person ein Recht im juristischen Sinn hat, hier zu leben und zu bleiben, ist Sache der österreichischen Asylgesetzgebung und nicht etwas, was sich aus Umständen im Heimatland zwangsläufig ableiten und begründen würde.
Alle von mir betreuten Personen haben als Grund ihres Herkommens genannt, sie seien der festen Überzeugung, dass es in Österreich besser sei als im Heimatland. Was genau dieses „besser“ bedeutet, darüber äußern sie in der Regel auch sehr homogene Vorstellungen: Sicherheit, Versorgung und Wohlstand.
Tatsächlich gab es im Laufe der Jahre nur ganz wenige von mir betreute Personen, die meinten, dass sie die eine oder andere kulturelle oder sozioökonomische Errungenschaft Österreichs für bemerkenswert, im Sinne von nachahmenswert oder prächtig, halten – wie etwa kostenlose Schulplätze, ein funktionierendes Krankenversorgungs- oder Rentensystem oder besonders schöne Landschaften oder Kulturgüter oder die österreichische Mentalität.
Was die meisten Asylanten (mit Ausnahme von solchen mit Hochschulbildung oder familiären Verbindungen in Europa) von Österreich zum Zeitpunkt der Ankunft wissen, beschränkt sich in erster Linie auf Leistungen des sozialen Systems. Sie haben praktisch keine Ahnung von Österreich in den Bereichen Wirtschaft, Politik oder Kultur. Unglücklicherweise bleibt Letzteres auch für gewöhnlich nach jahrelangem Aufenthalt so.
Manche wollten gar nicht explizit nach Österreich, sondern sind durch ungeplante Vorkommnisse hier „gestrandet“ (Erstasylland, oder sie sind nach anderen gescheiterten Versuchen in anderen europäischen Ländern hierhergekommen) oder wollen Österreich bald wieder verlassen, sobald sich eine andere, in ihren Augen bessere Chance auf einen Asylantrag in einem anderen Land ergibt.
Informationen über Rechte im Zusammenhang mit ihrem Asylstatus, ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihrer Religion oder ihrem Familienstand werden in der Regel verlässlich unter Landsleuten bzw. Personen derselben Ethnie weitergegeben, um sicherzustellen, dass alle das bekommen, was ihnen nach österreichischem Recht und der gängigen Praxis „zusteht“. Kaum ein Asylant liest österreichische Tagesmedien, aber Änderungen in der Asylgesetzgebung, Präzedenzfälle bei Asylgerichtsurteilen sowie Änderungen betreffend Sozialleistungen werden rasch untereinander kolportiert (auch österreichweit, von Unterkunft zu Unterkunft).
Besonders bemerkenswert fand ich es immer, dass unterschiedliche Regelungen in den einzelnen Bundesländern von Asylanten sehr genau verfolgt werden und sodann versucht wird, in das Bundesland mit höheren Sozialleistungen überzuwechseln. Es ist unschwer abzuleiten, dass das Bundesland Wien offenbar die höchsten Sozialleistungen bietet, denn dorthin will der überwiegende Teil der Asylanten ziehen.
All dies führt zu hoher Ausländerkonzentration in bestimmten Gegenden Österreichs, was einer Integration ausgesprochen wenig förderlich ist.
Asylwerber haben in der Regel sehr klare Vorstellungen davon, was sie hier erreichen wollen und wie es für sie laufen soll: was den Teil betrifft, den Österreich ihrer Meinung nach beizusteuern hat. Sie erwarten, dass sie Wohnung, Essen, Aufwendungen für Kommunikation und Transport sowie medizinische Versorgung und Ausbildung gratis erhalten. Manche von ihnen haben über diese Basisinformation hinaus ausgesprochen fantasievolle Vorstellungen von Häusern, Autos und Berufsanstellungen, die kurz nach ihrer Ankunft auf sie warten sollen. Keiner der von mir betreuten Asylanten hat jemals die Bemerkung geäußert, dass irgendetwas an dieser Versorgungsstruktur NICHT gratis sein könnte.
Die allermeisten haben auch keine Vorstellung davon, woher das Geld, das für ihre Betreuung aufgewendet wird, kommt, da sie auch in der Regel im Herkunftsland nicht mit der Funktionsweise eines Staates vertraut waren.
Natürlich wissen Asylwerber auch, dass sie sich an Gesetze zu halten haben und sich in unsere Gesellschaft integrieren müssen. Nur wenige jedoch wissen mit dem Begriff „Integration“ etwas anzufangen, was auch nur im Entferntesten etwas mit Integration zu tun hat.
Sie gehen davon aus, dass es genüge, zu erklären, dass man sich integrieren werde, wissen jedoch nicht, was das im Detail hier in Österreich oder in Europa generell bedeutet; vor allem deshalb, weil sie über das hiesige Wirtschafts- und Gesellschaftssystem praktisch keine Vorkenntnisse haben, weiters, weil oft generell die Vorstellung von „recht“ und „unrecht“ sehr von der unsrigen abweicht, weswegen man hier gut beraten ist, kein Grundverständnis, keinen Hausverstand vorauszusetzen. Hier beginnt die Aufgabe des Sozialarbeiters, der Asylwerbern im Detail erklärt, was sie selbst dazu tun müssen und was genau von ihnen erwartet wird.
Eine wichtige Forderung, die immer wieder seitens der Asylwerber geäußert wird, ist, dass sie respektiert werden wollen und ihr kultureller und religiöser Hintergrund berücksichtigt werden soll. Diese an sich vollkommen nachvollziehbare Forderung bewegt sich jedoch auf einer gedanklichen Einbahnstraße. In meiner Arbeit mit Asylanten ist es praktisch nie, auch nach längerdauernder Betreuung, vorgekommen, dass ein Asylant gefragt hätte, in welchen Bereichen Österreichern respektvoller Umgang wichtig ist, beziehungsweise dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Österreich, als aufnehmendem und finanzierendem Land, grundsätzlich Respekt in allen Bereichen zusteht.
Sehr wenige Asylanten haben als Grund für ihr Kommen konkrete Umstände geäußert – etwa syrische Christen, die sich in Österreich gefahrlose Religionsausübung erwarten, sowie Homosexuelle oder Transsexuelle aus diversen Ländern, die sich hier eine selbstbestimmte persönliche Lebensführung erwarten. Bemerkenswerterweise sind es gerade diese Personen mit sehr konkreten Erwartungen, die meiner Beobachtung nach in der Regel einen höheren Grad an Integration (und damit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg) erreicht haben.
Das vorliegende Buch wurde nicht mit der Absicht geschrieben, gängige und zum Großteil auch frei zugängliche staatliche Asyl- und Integrationsberichte des österreichischen Asylwesens zu ergänzen, zu zitieren (obwohl dies fallweise vorkommen wird) oder zu kritisieren.
Es soll vielmehr, fernab von Absichtserklärungen und Statistiken (Papier ist ja bekanntlich geduldig), einen Einblick geben, wie Asylbetreuung und Integrationsmaßnahmen in der Praxis ablaufen und sich gestalten. Allerdings vermag ich auch nur einen kleinen Teil der Wahrheit zu bieten, da es sich hierbei um meine persönlichen Erfahrungen handelt, die ich über mehrere Jahre hinweg gesammelt habe. Ich habe mich dazu entschlossen, diese niederzuschreiben mit der Absicht und dem Wunsch, ein allgemeines Befassen und einen Diskurs unter Betroffenen anzustoßen: den Betreuern – Gesetz- und Verordnungsgebern – Betreuten – und vor allem den österreichischen Bürgern, die all das finanzieren und mittragen müssen.
Ich würde mir wünschen – und es wäre auch sachdienlich, dass dieser Diskurs möglichst wertfrei geführt wird mit dem obersten Ziel, angewandte Konzepte und den Umgang mit Asylanten dahin gehend zu modifizieren, dass gelungene Integration zur Regel und nicht zur Ausnahme wird.
Ich selbst war über zehn Jahre im Asylbereich tätig (2011 bis 2022); dies in verschiedenen Funktionen und mit unterschiedlichen Zielgruppen bezüglich des Alters, Familienstandes, Asylstatus und Herkunftslandes: in der Tagesbetreuung sowie im Bereich Integrationsberatung/Sozialarbeit, teilweise in leitender Funktion, in mehreren Betreuungseinrichtungen und nacheinander für unterschiedliche Betreuungsorganisationen im südlichen Niederösterreich.
Zum Schutz von Persönlichkeitsrechten aller Betroffenen wird im Zuge meiner Erfahrungsberichte von der Nennung genauer Angaben zu Personen und Organisationen sowie genauem Alter und Adressen Abstand genommen. Die Personennamen der Asylanten wurden aus diesem Grund verändert.
Vom Gendern bei Personennennungen wird ebenfalls Abstand genommen.
Ich möchte an dieser Stelle allen Personen meinen Dank aussprechen, die mich im Zuge der Erstellung dieses Buch ermutigend, kritisierend und beratend unterstützt und begleitet haben.
Es geht eben nichts über ein Viel-Augen-Prinzip.
2 Wer sind die Asylwerber überhaupt?
Im vorliegenden Buch beschäftige ich mich ausschließlich mit Asylwerbern, subsidiär Schutzberechtigten inklusive Personen mit humanitärem Bleiberecht sowie mit Asylberechtigten und zum kleinen Teil auch mit Personen im Transitstatus sowie Personen mit negativem Asylstatus – also sowohl Personen mit als auch ohne Bleibeperspektive und ‑sicherheit.
Eine weitere Einschränkung betrifft die Herkunftsländer: Ich habe ausschließlich Asylanten aus Nicht-EU-Drittländern betreut, hier vor allem mit Herkunft Afghanistan, Syrien, Iran, Irak, Pakistan, Indien, aber auch aus dem Kosovo, der VR China sowie einigen afrikanischen Ländern (Ghana, Nigeria, Somalia, Eritrea).
In ethnischer Zugehörigkeit (innerhalb des jeweiligen Herkunftslandes), Religionsbekenntnis (inklusive der Unterscheidung zwischen Strenggläubigkeit und gemäßigter Einstellung), Familienstand (allein ankommend oder mit Familie), Ausbildungsstand im Heimatland (inklusive Alphabetisierungsgrad in der Landessprache sowie verwertbarer Arbeitserfahrung und dem Vorhandensein von Ausbildungszertifikaten), Leumund (unbescholten im Herkunftsland oder wegen eines schweren Verbrechens im Herkunftsland aktenkundig), verwertbare Sprachkenntnisse (alphabetisiert beziehungsweise Englisch- oder Deutschkenntnisse) und Gesundheitszustand (chronische Erkrankungen, Behinderungen oder keine) sind Asylwerber, die nach Österreich kommen, ausgesprochen unterschiedlich, was zur Folge hat, dass man praktisch für jeden Asylanten beziehungsweise für jeden zusammen reisenden Verband (im Normalfall eine Familie) ein eigenes Integrationsprofil (Integrationsplan) erstellen muss beziehungsweise müsste.
All dies zu erfassen und bezüglich weiterer Unterbringung und Anwendung von Integrationsmaßnahmen zu bewerten, ist Aufgabe der aufnehmenden Organisation, nachdem der Asylant vom Erstaufnahmezentrum (behördlicher Teil zur Einleitung des Asylverfahrens) an eine Betreuungsstelle transferiert wurde, wo er voraussichtlich auch bleiben wird.
Hier wird es schon diffizil, und hier passieren auch oft schon die ersten Fehleinschätzungen und Versäumnisse, die in weiterer Folge das Integrationsschicksal der betreffenden Person beträchtlich mitbestimmen.
Um zu wissen, mit wem man es zu tun hat, ist auch nicht unwesentlich, ob Angaben zur Person, zum Alter und zum Familienstand oder der Herkunftsregion überhaupt stimmen.
Dies ist durchaus nicht gesichert.
Denn wer jemand ist beziehungsweise als was er während seiner Zeit in Österreich behandelt wird, hängt von den Angaben ab, die diese Person bei der Ersteinvernahme im Erstaufnahmezentrum macht (in NÖ in erster Linie Traiskirchen). Ein hoher Prozentsatz der Asylanten kommt mit wenigen oder gar keinen Originaldokumenten ins Land oder zeigt diese nicht her. Manchmal zeigt sich erst Jahre später, dass er/sie doch einen Pass oder eine andere Urkunde besessen hat, wenn das Dokument für eine Einbürgerung, eine Familienzusammenführung oder einen Heimaturlaub gebraucht wird.
Ein weiterer Umstand, der nicht gerade identitätsfördernd und administrationsfreundlich ist, betrifft Namen (Vorname/Nachname) und Geburtsdaten sowie Herkunftsorte, die im Erstaufnahmezentrum vertauscht oder vollkommen falsch wiedergegeben werden, was auf die Kappe der österreichischen Seite geht.
Schließlich sollte auch eine psychologische Erstbewertung im Erstaufnahmezentrum stattfinden (was zugegebenermaßen schon allein aufgrund der Sprachbarriere ausgesprochen schwierig ist, aber notwendig wäre), um zu entscheiden, für welche Art der Unterbringung die Person überhaupt geeignet ist. Dies wird jedoch nicht gemacht.
Nicht wenige erwachsene (aber auch jugendliche) Asylanten sind an normalen Betreuungsstellen nicht oder nur unter Inkaufnahme beträchtlicher Risiken und Belastungen zu halten und zu betreuen, da sie schwer traumatisiert sind und/oder unter anderen psychischen Beeinträchtigungen leiden, die das Zusammenleben und Einfügen in ein Regelwerk behindern oder unmöglich gestalten.
Faktisch wird eine solche Person, sollte sie an der Betreuungsstelle verhaltensauffällig bis zum Blaulichteinsatz geworden sein, „zur Strafe“, beziehungsweise mangels rasch wirksamer Alternativen, nach Traiskirchen zurücktransferiert, bis man eine neue freie Stelle gefunden hat – das Vabanque-Spiel beginnt dann von Neuem.
Nicht selten werden „schwierige“ Asylanten von den Betreuungsstellen „herumgereicht“, wobei es auch für die betroffene Person, was immer sie belastet, eher immer schwieriger als besser wird (Retraumatisierung, Bildung von Vorurteilen).
Insgesamt kann man sagen, dass man als Betreuer oder Berater über den Klienten, der einem zugewiesen wird, fast nichts weiß oder sogar aufgrund der zur Verfügung gestellten Daten ein vollkommen falsches Bild erhält.
Überdies bekommen Betreuer die Ersteinvernahme-Protokolle oder Vorfallberichte nicht immer zu sehen, was ein beträchtliches Wissensmanko ist, da es oft sehr von dem abweicht, was der Asylant seinem Betreuer erzählt.
In der Betreuung von Asylanten wie auch allgemein in der sozialen Arbeit ist man angewiesen, unvoreingenommen und vorurteilsfrei ans Werk zu gehen und „mit dem zu arbeiten, was da ist“. Diese Vorgabe wäre jedoch kein Hindernis dabei, ein lückenloses, transparentes und vor allem fortgesetztes Klientenprofil zu führen und zu kommunizieren.
3 Welche Erwartungen und Vorstellungen haben Asylwerber?
Vorab hier Folgendes: Hinweise und Informationen über Missstände, Kriege, Krisen oder soziokulturelle Eigenheiten in den Herkunftsländern der Asylanten zu bewerten oder miteinzubeziehen, ist nicht Ziel oder Aufgabe dieses Buches.
Ich nehme mir hier die Freiheit, auch in diesem Fall vorurteilsfrei an die Sache heranzugehen.
Meiner Meinung nach hat jeder Asylwerber einen bestimmten Grund, um nach Österreich zu kommen. Ein Recht – ob mehr oder weniger – leite ich daraus nicht ab. Ob die Person ein Recht im juristischen Sinn hat, hier zu leben und zu bleiben, ist Sache der österreichischen Asylgesetzgebung und nicht etwas, was sich aus Umständen im Heimatland zwangsläufig ableiten und begründen würde.
Alle von mir betreuten Personen haben als Grund ihres Herkommens genannt, sie seien der festen Überzeugung, dass es in Österreich besser sei als im Heimatland. Was genau dieses „besser“ bedeutet, darüber äußern sie in der Regel auch sehr homogene Vorstellungen: Sicherheit, Versorgung und Wohlstand.
Tatsächlich gab es im Laufe der Jahre nur ganz wenige von mir betreute Personen, die meinten, dass sie die eine oder andere kulturelle oder sozioökonomische Errungenschaft Österreichs für bemerkenswert, im Sinne von nachahmenswert oder prächtig, halten – wie etwa kostenlose Schulplätze, ein funktionierendes Krankenversorgungs- oder Rentensystem oder besonders schöne Landschaften oder Kulturgüter oder die österreichische Mentalität.
Was die meisten Asylanten (mit Ausnahme von solchen mit Hochschulbildung oder familiären Verbindungen in Europa) von Österreich zum Zeitpunkt der Ankunft wissen, beschränkt sich in erster Linie auf Leistungen des sozialen Systems. Sie haben praktisch keine Ahnung von Österreich in den Bereichen Wirtschaft, Politik oder Kultur. Unglücklicherweise bleibt Letzteres auch für gewöhnlich nach jahrelangem Aufenthalt so.
Manche wollten gar nicht explizit nach Österreich, sondern sind durch ungeplante Vorkommnisse hier „gestrandet“ (Erstasylland, oder sie sind nach anderen gescheiterten Versuchen in anderen europäischen Ländern hierhergekommen) oder wollen Österreich bald wieder verlassen, sobald sich eine andere, in ihren Augen bessere Chance auf einen Asylantrag in einem anderen Land ergibt.
Informationen über Rechte im Zusammenhang mit ihrem Asylstatus, ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihrer Religion oder ihrem Familienstand werden in der Regel verlässlich unter Landsleuten bzw. Personen derselben Ethnie weitergegeben, um sicherzustellen, dass alle das bekommen, was ihnen nach österreichischem Recht und der gängigen Praxis „zusteht“. Kaum ein Asylant liest österreichische Tagesmedien, aber Änderungen in der Asylgesetzgebung, Präzedenzfälle bei Asylgerichtsurteilen sowie Änderungen betreffend Sozialleistungen werden rasch untereinander kolportiert (auch österreichweit, von Unterkunft zu Unterkunft).
Besonders bemerkenswert fand ich es immer, dass unterschiedliche Regelungen in den einzelnen Bundesländern von Asylanten sehr genau verfolgt werden und sodann versucht wird, in das Bundesland mit höheren Sozialleistungen überzuwechseln. Es ist unschwer abzuleiten, dass das Bundesland Wien offenbar die höchsten Sozialleistungen bietet, denn dorthin will der überwiegende Teil der Asylanten ziehen.
All dies führt zu hoher Ausländerkonzentration in bestimmten Gegenden Österreichs, was einer Integration ausgesprochen wenig förderlich ist.
Asylwerber haben in der Regel sehr klare Vorstellungen davon, was sie hier erreichen wollen und wie es für sie laufen soll: was den Teil betrifft, den Österreich ihrer Meinung nach beizusteuern hat. Sie erwarten, dass sie Wohnung, Essen, Aufwendungen für Kommunikation und Transport sowie medizinische Versorgung und Ausbildung gratis erhalten. Manche von ihnen haben über diese Basisinformation hinaus ausgesprochen fantasievolle Vorstellungen von Häusern, Autos und Berufsanstellungen, die kurz nach ihrer Ankunft auf sie warten sollen. Keiner der von mir betreuten Asylanten hat jemals die Bemerkung geäußert, dass irgendetwas an dieser Versorgungsstruktur NICHT gratis sein könnte.
Die allermeisten haben auch keine Vorstellung davon, woher das Geld, das für ihre Betreuung aufgewendet wird, kommt, da sie auch in der Regel im Herkunftsland nicht mit der Funktionsweise eines Staates vertraut waren.
Natürlich wissen Asylwerber auch, dass sie sich an Gesetze zu halten haben und sich in unsere Gesellschaft integrieren müssen. Nur wenige jedoch wissen mit dem Begriff „Integration“ etwas anzufangen, was auch nur im Entferntesten etwas mit Integration zu tun hat.
Sie gehen davon aus, dass es genüge, zu erklären, dass man sich integrieren werde, wissen jedoch nicht, was das im Detail hier in Österreich oder in Europa generell bedeutet; vor allem deshalb, weil sie über das hiesige Wirtschafts- und Gesellschaftssystem praktisch keine Vorkenntnisse haben, weiters, weil oft generell die Vorstellung von „recht“ und „unrecht“ sehr von der unsrigen abweicht, weswegen man hier gut beraten ist, kein Grundverständnis, keinen Hausverstand vorauszusetzen. Hier beginnt die Aufgabe des Sozialarbeiters, der Asylwerbern im Detail erklärt, was sie selbst dazu tun müssen und was genau von ihnen erwartet wird.
Eine wichtige Forderung, die immer wieder seitens der Asylwerber geäußert wird, ist, dass sie respektiert werden wollen und ihr kultureller und religiöser Hintergrund berücksichtigt werden soll. Diese an sich vollkommen nachvollziehbare Forderung bewegt sich jedoch auf einer gedanklichen Einbahnstraße. In meiner Arbeit mit Asylanten ist es praktisch nie, auch nach längerdauernder Betreuung, vorgekommen, dass ein Asylant gefragt hätte, in welchen Bereichen Österreichern respektvoller Umgang wichtig ist, beziehungsweise dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Österreich, als aufnehmendem und finanzierendem Land, grundsätzlich Respekt in allen Bereichen zusteht.
Sehr wenige Asylanten haben als Grund für ihr Kommen konkrete Umstände geäußert – etwa syrische Christen, die sich in Österreich gefahrlose Religionsausübung erwarten, sowie Homosexuelle oder Transsexuelle aus diversen Ländern, die sich hier eine selbstbestimmte persönliche Lebensführung erwarten. Bemerkenswerterweise sind es gerade diese Personen mit sehr konkreten Erwartungen, die meiner Beobachtung nach in der Regel einen höheren Grad an Integration (und damit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg) erreicht haben.

