Biologischer Pflanzenschutz
EUR 27,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 374
ISBN: 978-3-7116-0501-6
Erscheinungsdatum: 31.07.2025
Pestizid oder Ernteverlust? Die Frage stellt sich nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch der Ratgeber „Biologischer Pflanzenschutz“. Wie der Name verrät, kann nur biologischer Pflanzenschutz zielführend sein. Aber wie umsetzen?
1 Einleitung
Geht es ohne Pflanzenschutz?
Diese Frage erscheint auf den ersten Blick derart unsinnig, dass man sie gar nicht stellen sollte. Dennoch, die einfache Antwort: „Natürlich nicht“ besagt nicht allzu viel und geht nicht darauf ein, was denn „Pflanzenschutz“ eigentlich bedeutet, wo er anfängt, wo er aufhört, und ob er überhaupt etwas Eigenes, etwas vom Anbau der Pflanzen Getrenntes darstellt. Weil wir den Begriff Pflanzenschutz häufig in Zusammenhang mit dem Anbau von Kulturpflanzen auf Äckern, in Gärten, Weinbergen und Obstanlagen benutzen und dabei fast immer einzelne Maßnahmen zum Schutz der Pflanzen meinen, hat sich das Verständnis eingebürgert, Pflanzenschutz sei eine Art Spezialwissenschaft. Man sieht das sehr leicht daran, dass beispielsweise Forschungsstätten und Universitäten, die sich mit Land- und Gartenbau befassen, stets für den Pflanzenschutz eigene Institute oder Abteilungen haben. Als beispielsweise im 19. Jahrhundert landwirtschaftliche Hochschulen, Lehr- und Versuchsanstalten gegründet wurden, gab es nie besondere Einrichtungen für den Pflanzenschutz. Ein Hochschullehrer oder Professor betreute ein weites Gebiet, z. B. von Ackerbau über Pflanzenschutz bis hin zur Züchtung. Woran lag das? Man kannte nur wenige Mittel, die wir als Pflanzenschutzmittel bezeichnen können. Die sogenannten Pflegemaßnahmen bewirkten gleichzeitig eine Art Pflanzenschutz, die ohnehin durchgeführt wurden. Kleine Verbesserungen und neue Erfahrungen liefen wie nebenbei in die Anbauverfahren hinein. Das änderte sich erst, als die stürmische Entwicklung der Chemie dafür sorgte, dass beinahe für bzw. gegen jeden Schädling, Unkräuter und Schadpilze unserer Kulturpflanzen ein oder mehrere „Spezialpflanzenschutzmittel“ zur Verfügung standen. Diese plötzliche Macht über die Ursachen vieler Missernten, die – das dürfen wir nicht verschweigen – jahrtausendelang zu den großen Problemen der Menschheit gehörten, ermöglichte einen großflächigen, modernen, technisierten Anbau der meisten Kulturpflanzen. Da diese Pflanzenschutzmittel aufgrund ihrer gezielten, durchschlagenden Wirkung nicht mehr die Nachteile der alten, unvollkommenen Verfahren zeigten, müssen wir die Begeisterung verstehen, mit der sich die Forschung, Beratung und die breite Masse der Landwirte der Einführung der chemischen Pflanzenschutzmittel widmete. Inzwischen schauen wir auf 80 Jahre Erfahrung mit Pflanzenschutzmitteln zurück. Umfangreiche Forschungen und Beobachtungen über Wirkungen und Nebenwirkungen erlauben heute eine bessere Wertung dieser chemischen Pflanzenschutzmittel als während der Euphorie ihrer Entdeckung und ersten Einführung. Gewiss, völlig objektiv können solche Wertungen nie sein – stets übt die Grundhaltung des Fragenden oder Wertenden auf das Urteil einen bedeutenden Einfluss aus. Wer z. B. der Meinung anhängt, dass zum Wohl einer florierenden Volkswirtschaft nur hochertragreiche Pflanzenbestände ohne Verunkrautung, ohne Krankheiten und Schädlinge beitragen, wird stets bei der Anlage und Auswertung von Versuchen finden, solch eine intensive Anbauweise sei die beste. Wer dagegen der Überzeugung anhängt, ohne Spitzenerträge und mit schonenden Anbauweisen sei auch zu leben, wird aufgrund seiner Beobachtungen und Auswertungen einen „naturgemäßeren“ Pflanzenschutz mit entsprechend geringeren Nebenwirkungen befürworten.
Für beide Meinungen wurde davon ausgegangen, dass es ohne Pflanzenschutz nicht geht. Bedenken wir dazu Folgendes: Wer mit offenen Augen einen weitgehend natürlichen Pflanzenbestand an einem Waldrand oder einem Bachufer betrachtet, entdeckt an den meisten Einzelpflanzen Fraßspuren von Insekten. Manche Eiche steht im Frühsommer fast kahl – die massenhaft auftretenden Raupen des Eichenwicklers, eines Kleinschmetterlings, können das Laub eines großen Baumes vernichten. Die Eiche kann sich zwar durch einen zweiten Austrieb, dem Johannistrieb, mehr oder weniger erholen, aber dieses Beispiel soll zeigen, wie in der Natur die Massenvermehrung eines Schädlings durchaus ernsten Schaden verursachen kann. Manchmal können ganze Schlehen- und Weißdorngebüsche von den weißlichen Gespinsten der Apfelbaumgespinstmotte überzogen sein. Sind die Massen der Raupen geschlüpft, bleiben kahle Zweige zurück. Wer kennt nicht die Schilderung der Heuschreckenplage im alten Ägypten, wie sie durch die Bibel und auch die Chroniken der Ägypter überliefert wurde? Denken wir nur an die Berichte von Hungersnöten und Teuerungen, die vom frühen Mittelalter bis in das 19. Jahrhundert als Folge von meist örtlich begrenztem Schädlingsbefall der Felder auftraten. In alten Klosterchroniken lesen wir oft genug, dass „Würmer und Raupen und anderes Ungeziefer“ als Abgesandte des Teufels mit dem Kirchenbann belegt und verflucht wurden. Prozessionen, Wallfahrten und Opfer sollten das Unheil abwenden, Schuldige wurden gesucht und oft genug zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert als Hexen verfolgt. Uns steht es heute nicht zu, diese „Pflanzenschutzmaßnahmen“ zu belächeln, denn wir können uns nicht anmaßen, die Menschen damals wegen ihrer Verzweiflung und Unkenntnis zu verurteilen.
Es gibt Beispiele dafür, wie Ausbrüche von Pflanzenkrankheiten die Geschichte beeinflussten: Bekannt sind die Hungersnöte von 1845 bis 1849 in Irland, als beinahe die Hälfte der rund fünf Millionen Einwohner nach Amerika auswanderte, um dem Hunger zu entgehen. Wie viele Menschen starben, weiß man nicht so genau, aber die Einwohnerzahl von 1840 weist Irland heute noch nicht wieder auf. Der Pilz Phytophthora infestans, die Kraut- und Knollenfäule, verdarb das Grundnahrungsmittel der Iren, nämlich die Kartoffel, und hinterließ ein wüstes, entvölkertes Land.
Die Entwicklung des Acker- und Gartenbaus seit der Jungsteinzeit in Mitteleuropa bedeutete für die Menschen eine dauernde Auseinandersetzung mit den Feinden ihrer Pflanzenbestände. Die scharfe Naturbeobachtung, die dem Jäger und Sammler in Wäldern und Steppen lebensnotwendig war, blieb diesen frühen Bauern weiterhin eine entscheidende Hilfe, ihren Anbau zu verbessern. Denken wir nur an die Züchtung der Kulturpflanzen! Die Verwendung der schönsten und ertragreichsten Ähren aus einem Feld zum Saatgut für das nächste Jahr, das Herausfinden von Pflanzenarten, die sich für den Anbau überhaupt eigneten, sich züchterisch verbessern ließen und für die Ernährung wertvoll waren – das stellt Leistungen dar, die unseren technischen Errungenschaften nicht nachstehen. Nicht nur die gewünschten nützlichen Pflanzenbestände wurden beobachtet und gepflegt, sondern auch die Feinde dieser Pflanzen waren den Menschen bestens bekannt. Tiere, besonders Insekten, die den Kulturpflanzen nicht schadeten, unterschied man sehr wohl von solchen,die den lebensnotwendigen Pflanzen nicht schadeten.
In einem hübschen Gedicht preist ein unbekannter griechischer Dichter die Zikade:
„… Was du auf den Fluren siehst,
was die Wälder ringsum tragen,
das ist alles, alles dein.
Da du keinem Landmann schadest,
ist dir jeder wohlgesonnen;
seines Sommers holde Botin
ehrt der Sterbliche in dir …“
(„Die Zikade“, Anakreontische Verse,
etwa 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr.)
In den Nützlingen sah man gerne das Wirken göttlicher guter Mächte, während man das Auftreten von Schädlingen häufig als Strafe der Götter verstand. Ohne sich hier in Einzelheiten, die kulturgeschichtlich sicher interessant sein mögen, verlieren zu wollen, können wir aus den verschiedenen Überlieferungen schließen, dass die Probleme von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen von Beginn des Acker- und Gartenbaus an bestanden. „… Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen …“ (Erstes Buch Mose: 3,18). Als das Erbe Adams wurden folglich mit Ergebenheit und Gottvertrauen Mühen und Missernten im jüdischen wie später im christlichen Kulturkreis ertragen. Ob sich damit erklären lässt, dass die Suche nach Ursachen für Missernten und nach verbesserten Anbaumethoden zur Zeit der Aufklärung und besonders im 19. Jahrhundert erst richtig einsetzte?
Mit dem allgemeinen Fortschritt in der naturwissenschaftlichen Forschung wurde natürlich die Landnutzung auch vorangebracht. Wie nun die Menschen vieler Kulturkreise Pflanzenkrankheiten und Schädlinge ansahen, ist in unserem Zusammenhang weniger wichtig als die Feststellung, dass mit Beginn der Kultivierung von Nutzpflanzen die Schäden an ihnen stärker und folgenschwerer auftraten als an den Wildpflanzen. Beim Sammeln von essbaren Teilen der Wildpflanzen in Wäldern und Steppen suchte man sich ohnehin nur offensichtlich gesunde Pflanzen aus und kümmerte sich nicht um kränkelnde, von Schädlingen befallene Pflanzen. Wenn nun auf einem Acker oder Beet zahlreiche Pflanzen von einer Art ausgesät wurden und unnatürlich dicht beieinanderstehen, breiten sich Schädlinge und Krankheitserreger leichter aus als in den gemischten Pflanzengesellschaften in Wald und Steppe. Dort finden sie ihre „Leibspeise“ nur vereinzelt und weit voneinander entfernt. So erscheint es uns als eine zwangsläufige Folge des Acker- und Gartenbaus, dass pflanzenschützerische Maßnahmen den Anbau von Kulturpflanzen begleiten mussten. Die Überlieferungen, die wir heute besitzen, bestätigen dies. Fortschritte im Pflanzenschutz und damit Pflanzenbau wurden angestrebt, um Verbesserungen in der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Futter zu erreichen, um Hungersnöte zu bekämpfen und Krankheiten zu vermeiden, die durch den Genuss von verpilzten und vergifteten Nahrungsmitteln hervorgerufen wurden. Das wohl bekannteste Beispiel dazu dürfte die im Mittelalter epidemisch auftretende „Kribbelkrankheit“ (Ergotismus) sein, die der Mutterkornpilz (Claviceps purpurea) verursachte. Die Sporen dieses Schlauchpilzes befallen blühendes Getreide, vorwiegend Roggen. Aus der befallenen Blüte entwickelt sich kein Getreidekorn, sondern der dunkle, harte, große Fruchtkörper des Pilzes. Beim Mahlen des damals ungereinigten Korns gerieten die infolge ihres hohen Alkaloidgehaltes giftigen Fruchtkörper in das Mehl und damit in das Brot und den Brei. Die Krankheit war für den Betroffenen furchtbar: Die Blutgefäße in den Gliedern verkrampften sich, die nicht mehr durchbluteten Gliedmaßen „kribbelten“ und starben dann ab. In diesem Stadium des „Mutterkornbrandes“ konnten Infektionen auftreten, die oft genug zum Tode führten. Der Maler Hieronymus Bosch (etwa 1450 bis 1516) stellte einige Male solche unglücklichen Menschen in seinen bedeutungsvollen Bildern dar. Andererseits gewinnt man aus den Mutterkornfruchtkörpern hochwirksame, in der Geburtshilfe heute noch verwendete Medikamente, da bestimmte Alkaloide (Ergotamin, Ergosin, Ergobasin u. a.) zusammenziehend auf die Gebärmutter wirken. Heilmittel und Gift – die Menge entscheidet (Paracelsus).
Lassen wir es bei der Feststellung bewenden, dass ohne irgendeine Form des Pflanzenschutzes der Anbau von Kulturpflanzen weder früher noch heute möglich ist oder war. Der Pflanzenschutz im eigentlichen Sinne kann nicht schlecht oder verwerflich sein, dient er doch dazu, Ernten zu sichern und zu erhöhen. Wer jeden Pflanzenschutz als unnatürlich ablehnt, müsste sich wieder mit Hungersnöten und einem äußerst einfachen Speiseplan abfinden. In Gebieten unserer Erde, in denen solche Lebensbedingungen herrschen, könnte Pflanzen- und Vorratsschutz eine bedeutende Steigerung der Lebensqualität der Menschen einleiten.
Gewiss ist eine derartige vereinfachte Darstellung nicht dem vielschichtigen Thema angemessen, aber wir sollten nicht die Notwendigkeit des Pflanzenschutzes infrage stellen. Nun haben die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte gezeigt, wie sehr bei vielen Pflanzenschutzmitteln und -maßnahmen Wirkung und unerwünschte Nebenwirkungen beisammen liegen. Es kommt auf das Wie des Pflanzenschutzes an, auf die Ausnutzung von natürlichen Hilfsmitteln, auf genaue Beobachtungen und besondere Sorgfalt. Dies soll an Beispielen gezeigt werden, damit besser zu verstehen ist, wo die Probleme des modernen Pflanzenschutzes im Vergleich zu denen des Pflanzenschutzes früherer Zeiten liegen. Nur aus diesem Verständnis heraus kann die Motivation wachsen, den notwendigen Pflanzenschutz so zu gestalten, dass seine auffälligen und verdeckten Nachteile vermieden werden. Wir haben „die Erde von unseren Enkeln nur gepachtet“ – diese fast abgedroschene Phrase mit Sinn zu erfüllen, sollten wir uns einige Anstrengungen kosten lassen. Anleitung und Hilfestellung dazu bieten die im Folgenden gesammelten Gedanken, Erfahrungen, Forschungsergebnisse und Kenntnisse.
2 Pflanzenschutz und Ackerbausysteme früher und heute
Ohne sichere, reichliche Ernten können wir als einzelne Menschen ebenso wie als Menschheit nicht ernährt werden. Die Erfahrung, dass die Entstehung und Dauer von Hochkulturen und Zivilisationen direkt mit hohen Ernten in der Umgebung zusammenhängt, zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte, seitdem wir vor etwa 12.000 Jahren aufgrund der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht sesshaft werden konnten. In diesen Jahrtausenden vor unserer heutigen Zivilisation lebten recht wenig Menschen auf der Erde. In Gebieten mit zum Teil bis heute bestehenden Kulturen von Jägern und Sammlern (indigene Kulturen) benötigt ein Mensch, um an 365 Tagen satt zu werden, 20 bis 100 Hektar Land. In den alten Hochkulturen im vorderen Orient, im Zweistromland an Euphrat und Tigris, im Industal, in Ägypten, in einigen Gegenden Chinas usw. beanspruchte ein Bewohner eine Nutzfläche von zwei bis vier Hektar. Durch unsere Geschichte zog sich die Erfahrung von Hungersnöten, die mehr oder weniger regelmäßig wiederkehrten. Die Untersuchungen von Skeletten aus der Steinzeit oder von Moorleichen aus der Bronzezeit in Mitteleuropa bestätigten Hungerjahre im Abstand von meist fünf bis zwölf Jahren. Zahlreiche Sagen, Märchen und Überlieferungen aus allen Kulturkreisen rund um die Erde handeln von Hungersnöten und Helden oder Heiligen, die sie besiegten. Jede Kultur kennt Erntedankbräuche und rauschende Feste nach einer guten Ernte, wenn die Menschen ohne Sorgen die nächste Ernte erwarten konnten.
Nach der letzten Eiszeit lebten nach heutiger Schätzung über lange Zeit vier Millionen Menschen auf der Erde. Die Entwicklung der Landwirtschaft (s. o.) in der Jungsteinzeit sowie die Züchtung und der Anbau von Kulturpflanzen und die Domestizierung von Rind, Schaf, Ziege und Pferd ermöglichte ein Bevölkerungswachstum auf etwa 200 Millionen um Christi Geburt. Heute zählt die Erde rund 8 Milliarden Menschen, Tendenz weiter steigend. Nichts ist so einflussreich auf die Menschheitsgeschichte wie die Landwirtschaft. Kaum etwas fesselt so wie das Werden und Vergehen von Kulturen in Abhängigkeit von der Erhaltung der regionalen Bodenfruchtbarkeit. Es ist nicht der Sinn dieser Schrift, hierzu zahlreiche Ereignisse zu erläutern – darüber gibt es umfangreiche agrargeschichtliche Literatur.
Entfielen um 1950 auf jeden Erdenbürger etwa 1,5 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche und um 1960 noch 0,5 Hektar, so haben wir heute nur noch knapp 0,2 Hektar pro Person zur Verfügung, Tendenz abnehmend. Die Notwendigkeit, jeden Tag für jeden Mitmenschen Lebensmittel zu erzeugen, besteht mit höchster Dringlichkeit. Gewiss ermöglicht die neuzeitliche Forschung, Pflanzen- und Tierzucht sowie unsere Technik bewundernswerte Ertragssteigerungen. Beispielsweise wuchs die Weltbevölkerung zwischen 1800 und 2000 um das Sechsfache, aber die landwirtschaftliche Produktion um das Zehnfache. Die heutigen Handelsströme und Transportmöglichkeiten ermöglichen eine überregionale Versorgung der Bevölkerung in Ländern, deren aktuelle Erntemengen nicht ausreichen. Die Uferregionen des Nils in Ägypten ernährten 0,5 bis 2 Millionen Menschen über lange Zeit. Vor ungefähr 7.000 Jahren siedelten sich am Nil Auswanderer aus Mesopotamien an, die ihre Ackerbaumethoden mitbrachten. Die Hochkulturen der sumerischen Stadtstaaten, aus denen diese Auswanderer stammten, hielten ihre Blütezeit über zehn bis 15 Generationen und verfielen dann infolge von Versalzung und Entwertung ihrer bewässerten Ackerböden. Der Nil mit seinen jährlichen Überschwemmungen – der Blaue Nil brachte Mineralstoffe aus dem abessinischen Hochland, der Weiße Nil führte Humusstoffe aus den zentralafrikanischen Hochwäldern – bewirkte die ideale Düngung und Bewässerung seiner Uferregion bis ins 19. Jahrhundert ohne Versalzung. Dann begann die moderne Zeit, in der mehr Flächen beansprucht wurden. Im 20. Jahrhundert kam noch der Strombedarf dazu, d. h. der Bau des Assuan-Staudammes. Das Zeitalter der beinahe ewig sich selbst erneuernden Fruchtbarkeit wurde Geschichte. Am Wassermanagement und der Bodennutzung wäre trotz einiger vorbildlicher Projekte (Sekem-Genossenschaft u. a.) viel zu verbessern. Für die heute 110 Millionen Ägypter müssen jährlich 20 Millionen Tonnen Weizen eingeführt werden, damit die Menschen ihr tägliches Fladenbrot essen können.
Weitere Entwicklungen, deren Nachwirkungen wir heute noch spüren, werden kurz erwähnt.
Wie entstand der sagenhafte Reichtum der Königin von Saba im Gebiet des heutigen Jemen? Die Weihrauchplantagen lieferten ein Handelsgut mit hoher Wertschöpfung. Ein ertragreicher Ackerbau sorgte für Wohlstand einer breiten Bevölkerung. Woher hatte Hannibal, der Feldherr aus Karthago (247–183 vor Chr.), seine gezähmten Kriegselefanten, mit denen er Spanien durchquerte, den südlichen Alpenbogen überwand und in Italien einfiel, wenn nicht eine wilde Elefantenpopulation vom Atlasgebirge bis nach Äquatorialafrika lebte? Eroberte nicht Rom auf dem Weg zur Weltmacht eine Kornkammer nach der anderen und hinterließ die meisten Provinzen nach wenigen Generationen devastiert und verarmt? Dazu kam noch das Gewinnen von Holzkohle zum Verhütten von Metallen und Brennen der Ziegel für Tempel, Paläste und Mietskasernen in den Städten. Der Ackerbau der Etrusker und im frühen Rom war nach unserem Verständnis höchst nachhaltig (vgl. Marcus Porcius Cato Censorius, 234–149 vor Chr., De agricultura; Publius Vergilius Maro, 70–19 vor Chr., Georgica; Gaius Plinius Secundus, 61–114 nach Chr., Historia naturalis) – beispielsweise durch den Anbau von Luzerne und Düngung mit frischer Luzerne. Folgende Entwicklung förderte den Niedergang der Bodenfruchtbarkeit: Italiens freie Bauern, welche die altrömische Gesellschaftsordnung prägten, verloren durch die billigen Importe von Getreide aus den von Sklaven bewirtschafteten Latifundien der eroberten Provinzen ihre Lebensgrundlage und resignierten oder landeten als „Proletariat“ in Rom. Bezahlte Verwalter und/oder gierige Pächter und nicht bezahlte Sklaven auf riesengroßen Betrieben auch in Italien – dieses Modell führte nicht nur zu sozialen Verwerfungen, sondern hatte auch negativen Einfluss auf die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit. Zwar erholten sich Italiens Böden wieder, wo Dauerkulturen wie Oliven- und Obstbäume, Weinreben und Weideland die Ackernutzung ablösten. Die Regionen entlang des Rheins von Chur bis nach Xanten am Niederrhein nutzten Kelten, Römer,Germanen und wir als Acker seit über zweitausend Jahren. Noch heute bringen die so lange kultivierten Felder beste Erträge. Die Flächen östlich davon bis zum Baltikum und Weißrussland wurden überwiegend im frühen Mittelalter gerodet und befinden sich seit über eintausend Jahren in Kultur.
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Geht es ohne Pflanzenschutz?
Diese Frage erscheint auf den ersten Blick derart unsinnig, dass man sie gar nicht stellen sollte. Dennoch, die einfache Antwort: „Natürlich nicht“ besagt nicht allzu viel und geht nicht darauf ein, was denn „Pflanzenschutz“ eigentlich bedeutet, wo er anfängt, wo er aufhört, und ob er überhaupt etwas Eigenes, etwas vom Anbau der Pflanzen Getrenntes darstellt. Weil wir den Begriff Pflanzenschutz häufig in Zusammenhang mit dem Anbau von Kulturpflanzen auf Äckern, in Gärten, Weinbergen und Obstanlagen benutzen und dabei fast immer einzelne Maßnahmen zum Schutz der Pflanzen meinen, hat sich das Verständnis eingebürgert, Pflanzenschutz sei eine Art Spezialwissenschaft. Man sieht das sehr leicht daran, dass beispielsweise Forschungsstätten und Universitäten, die sich mit Land- und Gartenbau befassen, stets für den Pflanzenschutz eigene Institute oder Abteilungen haben. Als beispielsweise im 19. Jahrhundert landwirtschaftliche Hochschulen, Lehr- und Versuchsanstalten gegründet wurden, gab es nie besondere Einrichtungen für den Pflanzenschutz. Ein Hochschullehrer oder Professor betreute ein weites Gebiet, z. B. von Ackerbau über Pflanzenschutz bis hin zur Züchtung. Woran lag das? Man kannte nur wenige Mittel, die wir als Pflanzenschutzmittel bezeichnen können. Die sogenannten Pflegemaßnahmen bewirkten gleichzeitig eine Art Pflanzenschutz, die ohnehin durchgeführt wurden. Kleine Verbesserungen und neue Erfahrungen liefen wie nebenbei in die Anbauverfahren hinein. Das änderte sich erst, als die stürmische Entwicklung der Chemie dafür sorgte, dass beinahe für bzw. gegen jeden Schädling, Unkräuter und Schadpilze unserer Kulturpflanzen ein oder mehrere „Spezialpflanzenschutzmittel“ zur Verfügung standen. Diese plötzliche Macht über die Ursachen vieler Missernten, die – das dürfen wir nicht verschweigen – jahrtausendelang zu den großen Problemen der Menschheit gehörten, ermöglichte einen großflächigen, modernen, technisierten Anbau der meisten Kulturpflanzen. Da diese Pflanzenschutzmittel aufgrund ihrer gezielten, durchschlagenden Wirkung nicht mehr die Nachteile der alten, unvollkommenen Verfahren zeigten, müssen wir die Begeisterung verstehen, mit der sich die Forschung, Beratung und die breite Masse der Landwirte der Einführung der chemischen Pflanzenschutzmittel widmete. Inzwischen schauen wir auf 80 Jahre Erfahrung mit Pflanzenschutzmitteln zurück. Umfangreiche Forschungen und Beobachtungen über Wirkungen und Nebenwirkungen erlauben heute eine bessere Wertung dieser chemischen Pflanzenschutzmittel als während der Euphorie ihrer Entdeckung und ersten Einführung. Gewiss, völlig objektiv können solche Wertungen nie sein – stets übt die Grundhaltung des Fragenden oder Wertenden auf das Urteil einen bedeutenden Einfluss aus. Wer z. B. der Meinung anhängt, dass zum Wohl einer florierenden Volkswirtschaft nur hochertragreiche Pflanzenbestände ohne Verunkrautung, ohne Krankheiten und Schädlinge beitragen, wird stets bei der Anlage und Auswertung von Versuchen finden, solch eine intensive Anbauweise sei die beste. Wer dagegen der Überzeugung anhängt, ohne Spitzenerträge und mit schonenden Anbauweisen sei auch zu leben, wird aufgrund seiner Beobachtungen und Auswertungen einen „naturgemäßeren“ Pflanzenschutz mit entsprechend geringeren Nebenwirkungen befürworten.
Für beide Meinungen wurde davon ausgegangen, dass es ohne Pflanzenschutz nicht geht. Bedenken wir dazu Folgendes: Wer mit offenen Augen einen weitgehend natürlichen Pflanzenbestand an einem Waldrand oder einem Bachufer betrachtet, entdeckt an den meisten Einzelpflanzen Fraßspuren von Insekten. Manche Eiche steht im Frühsommer fast kahl – die massenhaft auftretenden Raupen des Eichenwicklers, eines Kleinschmetterlings, können das Laub eines großen Baumes vernichten. Die Eiche kann sich zwar durch einen zweiten Austrieb, dem Johannistrieb, mehr oder weniger erholen, aber dieses Beispiel soll zeigen, wie in der Natur die Massenvermehrung eines Schädlings durchaus ernsten Schaden verursachen kann. Manchmal können ganze Schlehen- und Weißdorngebüsche von den weißlichen Gespinsten der Apfelbaumgespinstmotte überzogen sein. Sind die Massen der Raupen geschlüpft, bleiben kahle Zweige zurück. Wer kennt nicht die Schilderung der Heuschreckenplage im alten Ägypten, wie sie durch die Bibel und auch die Chroniken der Ägypter überliefert wurde? Denken wir nur an die Berichte von Hungersnöten und Teuerungen, die vom frühen Mittelalter bis in das 19. Jahrhundert als Folge von meist örtlich begrenztem Schädlingsbefall der Felder auftraten. In alten Klosterchroniken lesen wir oft genug, dass „Würmer und Raupen und anderes Ungeziefer“ als Abgesandte des Teufels mit dem Kirchenbann belegt und verflucht wurden. Prozessionen, Wallfahrten und Opfer sollten das Unheil abwenden, Schuldige wurden gesucht und oft genug zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert als Hexen verfolgt. Uns steht es heute nicht zu, diese „Pflanzenschutzmaßnahmen“ zu belächeln, denn wir können uns nicht anmaßen, die Menschen damals wegen ihrer Verzweiflung und Unkenntnis zu verurteilen.
Es gibt Beispiele dafür, wie Ausbrüche von Pflanzenkrankheiten die Geschichte beeinflussten: Bekannt sind die Hungersnöte von 1845 bis 1849 in Irland, als beinahe die Hälfte der rund fünf Millionen Einwohner nach Amerika auswanderte, um dem Hunger zu entgehen. Wie viele Menschen starben, weiß man nicht so genau, aber die Einwohnerzahl von 1840 weist Irland heute noch nicht wieder auf. Der Pilz Phytophthora infestans, die Kraut- und Knollenfäule, verdarb das Grundnahrungsmittel der Iren, nämlich die Kartoffel, und hinterließ ein wüstes, entvölkertes Land.
Die Entwicklung des Acker- und Gartenbaus seit der Jungsteinzeit in Mitteleuropa bedeutete für die Menschen eine dauernde Auseinandersetzung mit den Feinden ihrer Pflanzenbestände. Die scharfe Naturbeobachtung, die dem Jäger und Sammler in Wäldern und Steppen lebensnotwendig war, blieb diesen frühen Bauern weiterhin eine entscheidende Hilfe, ihren Anbau zu verbessern. Denken wir nur an die Züchtung der Kulturpflanzen! Die Verwendung der schönsten und ertragreichsten Ähren aus einem Feld zum Saatgut für das nächste Jahr, das Herausfinden von Pflanzenarten, die sich für den Anbau überhaupt eigneten, sich züchterisch verbessern ließen und für die Ernährung wertvoll waren – das stellt Leistungen dar, die unseren technischen Errungenschaften nicht nachstehen. Nicht nur die gewünschten nützlichen Pflanzenbestände wurden beobachtet und gepflegt, sondern auch die Feinde dieser Pflanzen waren den Menschen bestens bekannt. Tiere, besonders Insekten, die den Kulturpflanzen nicht schadeten, unterschied man sehr wohl von solchen,die den lebensnotwendigen Pflanzen nicht schadeten.
In einem hübschen Gedicht preist ein unbekannter griechischer Dichter die Zikade:
„… Was du auf den Fluren siehst,
was die Wälder ringsum tragen,
das ist alles, alles dein.
Da du keinem Landmann schadest,
ist dir jeder wohlgesonnen;
seines Sommers holde Botin
ehrt der Sterbliche in dir …“
(„Die Zikade“, Anakreontische Verse,
etwa 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr.)
In den Nützlingen sah man gerne das Wirken göttlicher guter Mächte, während man das Auftreten von Schädlingen häufig als Strafe der Götter verstand. Ohne sich hier in Einzelheiten, die kulturgeschichtlich sicher interessant sein mögen, verlieren zu wollen, können wir aus den verschiedenen Überlieferungen schließen, dass die Probleme von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen von Beginn des Acker- und Gartenbaus an bestanden. „… Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen …“ (Erstes Buch Mose: 3,18). Als das Erbe Adams wurden folglich mit Ergebenheit und Gottvertrauen Mühen und Missernten im jüdischen wie später im christlichen Kulturkreis ertragen. Ob sich damit erklären lässt, dass die Suche nach Ursachen für Missernten und nach verbesserten Anbaumethoden zur Zeit der Aufklärung und besonders im 19. Jahrhundert erst richtig einsetzte?
Mit dem allgemeinen Fortschritt in der naturwissenschaftlichen Forschung wurde natürlich die Landnutzung auch vorangebracht. Wie nun die Menschen vieler Kulturkreise Pflanzenkrankheiten und Schädlinge ansahen, ist in unserem Zusammenhang weniger wichtig als die Feststellung, dass mit Beginn der Kultivierung von Nutzpflanzen die Schäden an ihnen stärker und folgenschwerer auftraten als an den Wildpflanzen. Beim Sammeln von essbaren Teilen der Wildpflanzen in Wäldern und Steppen suchte man sich ohnehin nur offensichtlich gesunde Pflanzen aus und kümmerte sich nicht um kränkelnde, von Schädlingen befallene Pflanzen. Wenn nun auf einem Acker oder Beet zahlreiche Pflanzen von einer Art ausgesät wurden und unnatürlich dicht beieinanderstehen, breiten sich Schädlinge und Krankheitserreger leichter aus als in den gemischten Pflanzengesellschaften in Wald und Steppe. Dort finden sie ihre „Leibspeise“ nur vereinzelt und weit voneinander entfernt. So erscheint es uns als eine zwangsläufige Folge des Acker- und Gartenbaus, dass pflanzenschützerische Maßnahmen den Anbau von Kulturpflanzen begleiten mussten. Die Überlieferungen, die wir heute besitzen, bestätigen dies. Fortschritte im Pflanzenschutz und damit Pflanzenbau wurden angestrebt, um Verbesserungen in der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Futter zu erreichen, um Hungersnöte zu bekämpfen und Krankheiten zu vermeiden, die durch den Genuss von verpilzten und vergifteten Nahrungsmitteln hervorgerufen wurden. Das wohl bekannteste Beispiel dazu dürfte die im Mittelalter epidemisch auftretende „Kribbelkrankheit“ (Ergotismus) sein, die der Mutterkornpilz (Claviceps purpurea) verursachte. Die Sporen dieses Schlauchpilzes befallen blühendes Getreide, vorwiegend Roggen. Aus der befallenen Blüte entwickelt sich kein Getreidekorn, sondern der dunkle, harte, große Fruchtkörper des Pilzes. Beim Mahlen des damals ungereinigten Korns gerieten die infolge ihres hohen Alkaloidgehaltes giftigen Fruchtkörper in das Mehl und damit in das Brot und den Brei. Die Krankheit war für den Betroffenen furchtbar: Die Blutgefäße in den Gliedern verkrampften sich, die nicht mehr durchbluteten Gliedmaßen „kribbelten“ und starben dann ab. In diesem Stadium des „Mutterkornbrandes“ konnten Infektionen auftreten, die oft genug zum Tode führten. Der Maler Hieronymus Bosch (etwa 1450 bis 1516) stellte einige Male solche unglücklichen Menschen in seinen bedeutungsvollen Bildern dar. Andererseits gewinnt man aus den Mutterkornfruchtkörpern hochwirksame, in der Geburtshilfe heute noch verwendete Medikamente, da bestimmte Alkaloide (Ergotamin, Ergosin, Ergobasin u. a.) zusammenziehend auf die Gebärmutter wirken. Heilmittel und Gift – die Menge entscheidet (Paracelsus).
Lassen wir es bei der Feststellung bewenden, dass ohne irgendeine Form des Pflanzenschutzes der Anbau von Kulturpflanzen weder früher noch heute möglich ist oder war. Der Pflanzenschutz im eigentlichen Sinne kann nicht schlecht oder verwerflich sein, dient er doch dazu, Ernten zu sichern und zu erhöhen. Wer jeden Pflanzenschutz als unnatürlich ablehnt, müsste sich wieder mit Hungersnöten und einem äußerst einfachen Speiseplan abfinden. In Gebieten unserer Erde, in denen solche Lebensbedingungen herrschen, könnte Pflanzen- und Vorratsschutz eine bedeutende Steigerung der Lebensqualität der Menschen einleiten.
Gewiss ist eine derartige vereinfachte Darstellung nicht dem vielschichtigen Thema angemessen, aber wir sollten nicht die Notwendigkeit des Pflanzenschutzes infrage stellen. Nun haben die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte gezeigt, wie sehr bei vielen Pflanzenschutzmitteln und -maßnahmen Wirkung und unerwünschte Nebenwirkungen beisammen liegen. Es kommt auf das Wie des Pflanzenschutzes an, auf die Ausnutzung von natürlichen Hilfsmitteln, auf genaue Beobachtungen und besondere Sorgfalt. Dies soll an Beispielen gezeigt werden, damit besser zu verstehen ist, wo die Probleme des modernen Pflanzenschutzes im Vergleich zu denen des Pflanzenschutzes früherer Zeiten liegen. Nur aus diesem Verständnis heraus kann die Motivation wachsen, den notwendigen Pflanzenschutz so zu gestalten, dass seine auffälligen und verdeckten Nachteile vermieden werden. Wir haben „die Erde von unseren Enkeln nur gepachtet“ – diese fast abgedroschene Phrase mit Sinn zu erfüllen, sollten wir uns einige Anstrengungen kosten lassen. Anleitung und Hilfestellung dazu bieten die im Folgenden gesammelten Gedanken, Erfahrungen, Forschungsergebnisse und Kenntnisse.
2 Pflanzenschutz und Ackerbausysteme früher und heute
Ohne sichere, reichliche Ernten können wir als einzelne Menschen ebenso wie als Menschheit nicht ernährt werden. Die Erfahrung, dass die Entstehung und Dauer von Hochkulturen und Zivilisationen direkt mit hohen Ernten in der Umgebung zusammenhängt, zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte, seitdem wir vor etwa 12.000 Jahren aufgrund der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht sesshaft werden konnten. In diesen Jahrtausenden vor unserer heutigen Zivilisation lebten recht wenig Menschen auf der Erde. In Gebieten mit zum Teil bis heute bestehenden Kulturen von Jägern und Sammlern (indigene Kulturen) benötigt ein Mensch, um an 365 Tagen satt zu werden, 20 bis 100 Hektar Land. In den alten Hochkulturen im vorderen Orient, im Zweistromland an Euphrat und Tigris, im Industal, in Ägypten, in einigen Gegenden Chinas usw. beanspruchte ein Bewohner eine Nutzfläche von zwei bis vier Hektar. Durch unsere Geschichte zog sich die Erfahrung von Hungersnöten, die mehr oder weniger regelmäßig wiederkehrten. Die Untersuchungen von Skeletten aus der Steinzeit oder von Moorleichen aus der Bronzezeit in Mitteleuropa bestätigten Hungerjahre im Abstand von meist fünf bis zwölf Jahren. Zahlreiche Sagen, Märchen und Überlieferungen aus allen Kulturkreisen rund um die Erde handeln von Hungersnöten und Helden oder Heiligen, die sie besiegten. Jede Kultur kennt Erntedankbräuche und rauschende Feste nach einer guten Ernte, wenn die Menschen ohne Sorgen die nächste Ernte erwarten konnten.
Nach der letzten Eiszeit lebten nach heutiger Schätzung über lange Zeit vier Millionen Menschen auf der Erde. Die Entwicklung der Landwirtschaft (s. o.) in der Jungsteinzeit sowie die Züchtung und der Anbau von Kulturpflanzen und die Domestizierung von Rind, Schaf, Ziege und Pferd ermöglichte ein Bevölkerungswachstum auf etwa 200 Millionen um Christi Geburt. Heute zählt die Erde rund 8 Milliarden Menschen, Tendenz weiter steigend. Nichts ist so einflussreich auf die Menschheitsgeschichte wie die Landwirtschaft. Kaum etwas fesselt so wie das Werden und Vergehen von Kulturen in Abhängigkeit von der Erhaltung der regionalen Bodenfruchtbarkeit. Es ist nicht der Sinn dieser Schrift, hierzu zahlreiche Ereignisse zu erläutern – darüber gibt es umfangreiche agrargeschichtliche Literatur.
Entfielen um 1950 auf jeden Erdenbürger etwa 1,5 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche und um 1960 noch 0,5 Hektar, so haben wir heute nur noch knapp 0,2 Hektar pro Person zur Verfügung, Tendenz abnehmend. Die Notwendigkeit, jeden Tag für jeden Mitmenschen Lebensmittel zu erzeugen, besteht mit höchster Dringlichkeit. Gewiss ermöglicht die neuzeitliche Forschung, Pflanzen- und Tierzucht sowie unsere Technik bewundernswerte Ertragssteigerungen. Beispielsweise wuchs die Weltbevölkerung zwischen 1800 und 2000 um das Sechsfache, aber die landwirtschaftliche Produktion um das Zehnfache. Die heutigen Handelsströme und Transportmöglichkeiten ermöglichen eine überregionale Versorgung der Bevölkerung in Ländern, deren aktuelle Erntemengen nicht ausreichen. Die Uferregionen des Nils in Ägypten ernährten 0,5 bis 2 Millionen Menschen über lange Zeit. Vor ungefähr 7.000 Jahren siedelten sich am Nil Auswanderer aus Mesopotamien an, die ihre Ackerbaumethoden mitbrachten. Die Hochkulturen der sumerischen Stadtstaaten, aus denen diese Auswanderer stammten, hielten ihre Blütezeit über zehn bis 15 Generationen und verfielen dann infolge von Versalzung und Entwertung ihrer bewässerten Ackerböden. Der Nil mit seinen jährlichen Überschwemmungen – der Blaue Nil brachte Mineralstoffe aus dem abessinischen Hochland, der Weiße Nil führte Humusstoffe aus den zentralafrikanischen Hochwäldern – bewirkte die ideale Düngung und Bewässerung seiner Uferregion bis ins 19. Jahrhundert ohne Versalzung. Dann begann die moderne Zeit, in der mehr Flächen beansprucht wurden. Im 20. Jahrhundert kam noch der Strombedarf dazu, d. h. der Bau des Assuan-Staudammes. Das Zeitalter der beinahe ewig sich selbst erneuernden Fruchtbarkeit wurde Geschichte. Am Wassermanagement und der Bodennutzung wäre trotz einiger vorbildlicher Projekte (Sekem-Genossenschaft u. a.) viel zu verbessern. Für die heute 110 Millionen Ägypter müssen jährlich 20 Millionen Tonnen Weizen eingeführt werden, damit die Menschen ihr tägliches Fladenbrot essen können.
Weitere Entwicklungen, deren Nachwirkungen wir heute noch spüren, werden kurz erwähnt.
Wie entstand der sagenhafte Reichtum der Königin von Saba im Gebiet des heutigen Jemen? Die Weihrauchplantagen lieferten ein Handelsgut mit hoher Wertschöpfung. Ein ertragreicher Ackerbau sorgte für Wohlstand einer breiten Bevölkerung. Woher hatte Hannibal, der Feldherr aus Karthago (247–183 vor Chr.), seine gezähmten Kriegselefanten, mit denen er Spanien durchquerte, den südlichen Alpenbogen überwand und in Italien einfiel, wenn nicht eine wilde Elefantenpopulation vom Atlasgebirge bis nach Äquatorialafrika lebte? Eroberte nicht Rom auf dem Weg zur Weltmacht eine Kornkammer nach der anderen und hinterließ die meisten Provinzen nach wenigen Generationen devastiert und verarmt? Dazu kam noch das Gewinnen von Holzkohle zum Verhütten von Metallen und Brennen der Ziegel für Tempel, Paläste und Mietskasernen in den Städten. Der Ackerbau der Etrusker und im frühen Rom war nach unserem Verständnis höchst nachhaltig (vgl. Marcus Porcius Cato Censorius, 234–149 vor Chr., De agricultura; Publius Vergilius Maro, 70–19 vor Chr., Georgica; Gaius Plinius Secundus, 61–114 nach Chr., Historia naturalis) – beispielsweise durch den Anbau von Luzerne und Düngung mit frischer Luzerne. Folgende Entwicklung förderte den Niedergang der Bodenfruchtbarkeit: Italiens freie Bauern, welche die altrömische Gesellschaftsordnung prägten, verloren durch die billigen Importe von Getreide aus den von Sklaven bewirtschafteten Latifundien der eroberten Provinzen ihre Lebensgrundlage und resignierten oder landeten als „Proletariat“ in Rom. Bezahlte Verwalter und/oder gierige Pächter und nicht bezahlte Sklaven auf riesengroßen Betrieben auch in Italien – dieses Modell führte nicht nur zu sozialen Verwerfungen, sondern hatte auch negativen Einfluss auf die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit. Zwar erholten sich Italiens Böden wieder, wo Dauerkulturen wie Oliven- und Obstbäume, Weinreben und Weideland die Ackernutzung ablösten. Die Regionen entlang des Rheins von Chur bis nach Xanten am Niederrhein nutzten Kelten, Römer,Germanen und wir als Acker seit über zweitausend Jahren. Noch heute bringen die so lange kultivierten Felder beste Erträge. Die Flächen östlich davon bis zum Baltikum und Weißrussland wurden überwiegend im frühen Mittelalter gerodet und befinden sich seit über eintausend Jahren in Kultur.
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