Cover: Wozu Links?

Wozu Links?
Eine Streitschrift zum Selbstauflösungsprozess linker Identität mit einer Einladung in den Garten der Philosophie zur weiteren Orientierung


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 436
ISBN: 978-3-7116-1000-3
Erscheinungsdatum: 24.09.2025
Es gibt nicht die eine richtige Seite, sondern wir kommen nicht darum herum, ganz sokratisch die eine Sache mindestens von zwei Seiten aus zu betrachten, zu beschreiben, zu erklären und zu bewerten. Wieso sollte man das als „links“ bezeichnen?
Einleitung

1 Zur woken Situation der Zeit

Wir leben offensichtlich seit einiger Zeit in einem Umbruch, der nicht nur durch die neue Unübersichtlichkeit (Habermas) gekennzeichnet ist, sondern auch durch gezielte Verwirrung, deren philosophische Hintergründe, einmal einer Aufklärung zugeführt, auch zu mehr Klarheit und Orientierung führen können. Es mangelt nämlich nicht an Phänomenen, welche Zeichen für diesen Umbruch sind. Wenn die Formel Wandel durch Handel ein Irrtum war, was folgt hieraus für die Globalisierung, für den Erfolg der heimischen Wirtschaft und für den Erhalt des Wohlstands und des sozialen Friedens? Wenn künstliche Intelligenz zum schulischen und wissenschaftlichen Alltag gehört, was folgt hieraus für das zukünftige Lernen? Wenn sich in Zukunft jede Person aufgrund des Sozialkonstruktivismus des Queerfeminismus ab dem vierzehnten Lebensjahr jedes Jahr aufs Neue überlegen kann, welchem Geschlecht unter derzeit 60 Kategorien es dem Gefühl nach gerade mal angehören möchte, was folgt hieraus für die psychische und physische Gesundheit unserer Kinder? Welchen Wert wird dann überhaupt noch dem Gebären von Kindern und dem Erhalt von Tradition gegeben? Regeln wir das dann alles über Immigration aus überbevölkerten Teilen der Erde? Wenn der Westen laut postkolonialer Theorie für alle Übel auf dieser Welt verantwortlich ist, welcher Wert wird dann noch der Aufklärung zuteil? Kann diese Schuld nur durch Immigration und Bevorzugung von People of Color (PoC) innerhalb des Westens ausgeglichen werden? Wenn der Kapitalismus der weißen Männer und der damit verbundene Fortschrittsgedanke grundlegend abzulehnen sind, weil wir falsch abgebogen sind und ein Zurück zum Ursprung angesagt ist, wie bewältigen wir dann den Klimawandel? Ist das dann nur mehr mit PoC zu schaffen? Ist es dann nicht vollkommen verrückt, ja eigentlich rassistisch, wenn wir uns dann überhaupt noch die sokratische Frage nach dem Ganzen stellen, dem Proprium der Philosophie, und uns anschließend fragen, wie ein richtiges Leben aufgrund der erlangten Orientierung innerhalb des Ganzen überhaupt aussehen könnte?

Wer nun meint, solche Fragen könnten gerade an deutschsprachigen Universitäten dermaßen diskutiert werden, dass es zu einem Austausch unterschiedlicher Meinungen kommt und hierbei durch Selbstdistanz Wachheit und Bewegung im Selbstverständnis erreicht werden können, der irrt. Aber dies ist, so meine Wahrnehmung, seit ca. 2013 auch in der Arbeitswelt und unter Freunden zu beobachten, und die sich dabei einstellenden Reaktionen erinnern mich zutiefst an die 70er-Jahre, als die K-Gruppen und die RAF die linke Diskussion beherrschten. Damals konnte man nicht über die Probleme des Realsozialismus oder über die Aporien von Lenin, Mao oder Trotzki diskutieren. Die Sympathien für die RAF wurden mehr oder weniger öffentlich zur Schau gestellt. Heute kann man mit den Grünen nicht über Probleme des Queerfeminismus, der Immigration oder der Utopie der Gleichheit über den Ausgleich von Privilegien diskutieren. Weite Teile der Linken solidarisieren sich mit der neuen Opfergruppe der Islamisten, ansonsten ist man islamophob, und finden die Gewalt der Hamas legitim, wie eben immer schon die Gewalt von links durch den Schwarzen Block die gute Gewalt war. Jakobinismus würde dies der israelische Soziologe Shmuel Noah Eisenstadt (1923–2010) nennen. Warum aber ist das so? Welches Narrativ wiederholt sich da? Warum wurde unter Linken aus dem Sozialkampf der Kulturkampf, und warum konnte wieder einmal der Zweck der Erlösung die Mittel heiligen? Warum wurde die jüdische Queerfeministin Judith Butler zur Symbolfigur des moralischen Bankrotts der „neuen Linken“ nach dem 7. Oktober 2023? Unter den vielen Büchern über Wokeness hat dies Jens Balzer in seinem Buch After Woke (2024) am lehrreichsten auf den Begriff gebracht. Ich folge daher weitgehend seiner Argumentationslinie, weil dadurch vor allem Zeitgeschichte geschrieben wurde.

Die Philosophin Judith Butler (geb. 1956 in Cleveland, Ohio) hat sich im Wesentlichen mit zwei Aspekten ihrer Identität auseinandergesetzt. Als bekennende Lesbin zielte sie wie Gayle S. Rubin (geb. 1949) auf eine androgyne und genderlose Gesellschaft durch die Auflösung einer „natürlichen“ Geschlechtsidentität, welche der Differenzfeminismus der 70er-Jahre noch mit der Aufwertung der weiblichen gegenüber der männlichen Natur betrieb. Dabei ging es aber auch um die Definition von Sexpraktiken als pervers oder krank, wie dies durch die Medizinisierung des Sex über lange Zeit betrieben wurde. Nicht nur Homosexualität sei keine Krankheit, sondern auch lesbischer Sadomasochismus oder die Pädophilie. 1977 unterschrieben 60 Intellektuelle (u. a. Sartre, Foucault und Derrida) einen Aufruf von Gabriel Matzneff (geb. 1936) zur Entkriminalisierung der Pädophilie. Bis heute kursiert unter deutschen Grünen die Forderung nach freiem Kinder-Sex. Die Pädophilie wäre als sexuelle Orientierung gleichwertig mit anderen zu sehen und im Grundgesetz so zu verankern. Menschen mit dieser Neigung können hierfür nichts, sie sind vielmehr Opfer von Diskriminierung.

Auf diesem Hintergrund ist das Bedürfnis von Rubin und Butler zu verstehen, nämlich nicht nur eine Unterscheidung von biologischem (sex) und sozial konstruiertem (gender) Geschlecht durchzuführen. Wenn Kindern je nach biologischem Geschlecht Kleidung und Spielzeug binär verpasst wird, dann Buben KFZ-Techniker werden wollen und Mädchen Friseurin, dann ist nachvollziehbar, dass dies auch aus Gründen geschieht, sozialen Rollenerwartungen gerecht zu werden. Wenn nun immer mehr Mädchen sogenannte Männerberufe wählen, dann ist aber auch hier nachzufragen, wie selbstbestimmt das ist. Hier könnte nun eine modische Rollenerwartung oder das Bedürfnis nach Sichtbarkeit der eigenen Besonderheit eine Rolle spielen. Mit diesen Unsicherheiten bezüglich Selbstbestimmung räumt Butler mit einer nicht zu überbietenden Logik auf. Mit Foucault geht sie davon aus, dass unsere Wahrnehmung durch Symbole geformt wird, welche in ihrer Bedeutung über die Beschreibung von Zuständen hinausgehen, also schon Bewertungen enthalten, und dass dadurch Machtverhältnisse wirksam werden. Wenn nun der performative Teil eines Sprechakts durch seinen Vollzug nicht nur die Beschreibungsmacht, sondern auch die Handlungsmacht besitzt, dann entstehen soziale Tatsachen, wie „dies ist ein Junge“ aufgrund seiner Anatomie. Doch dies ist lediglich die Unterwerfung unter eine Norm, daher ist auch das „natürliche Geschlecht“ sozial konstruiert. Da die anatomische Kategorie lediglich das Produkt eines kulturellen Produktionsapparats ist, ist die Schlussfolgerung erlaubt, dass die Existenz der Dinge und ihre Wahrnehmung bezweifelt werden können. Daraus folgert Butler, dass das Geschlecht eine Frage der Wahl ist und keiner Objektivierung durch die Biologie oder Medizin bedarf. Bestenfalls finden sich Menschen mit derselben Gefühlslage in einer Gruppe wieder und zeigen ihre Übereinstimmung nach außen durch ihre Kleidung oder durch ihr Verhalten.

Der De-Essenzialisierung und Entnaturalisierung der geschlechtlichen Identität entspricht dann auf der Ebene der kollektiven Identität die Auflösung bzw. Dekonstruktion des identitären „zionistischen“ Projekts Israel, dem sie aufgrund seiner gewaltvollen Durchsetzung von Identität durch Besiedelung eines ursprünglichen Palästina mit arabischer Bevölkerung jegliches Existenzrecht abspricht. Das wahre Judentum hätte sich erst durch die Zerstreuung der Juden in alle Welt ergeben. Erst durch diese unumkehrbare Heterogenität aufgrund der Begegnung mit anderen Kulturen hätte sich die Zerstreuung des Selbst ergeben. Der heroische Widerstand der Hamas gegen die Unterdrückung der palästinensischen Menschen würde bei Erfolg auch die jüdische Bevölkerung von einer staatlichen Organisation befreien, welche nicht einsehen will, dass ihr Volk ein genuin dekonstruiertes Volk ist und die Diaspora die eigentliche kollektive Erfahrung des Judentums bedeutet. Butler folgt hiermit der postkolonialen Theorie von Stuart Hall (1932–2014), der die Macht der eurozentrischen Sprache durch die Kolonialisierung immer noch in den politisch befreiten Kolonien gegeben sieht, und daher gilt inzwischen auch die Forderung nach einer Dekolonisierung der Wissenschaft, selbst die Mathematik wäre davon betroffen. Jens Balzer wirft nun Judith Butler vor, sie würde eine Essenzialisierung des Nicht-Essenziellen betreiben, weil sie jüdischen Menschen keine andere Daseinsform mehr zugestehen wolle als jene der Verstreutheit in der Welt und des kulturellen Nicht-identisch-Seins. Alles andere wäre reaktionär. Aufgrund dieser Logik einer Umkehrung folgt dann zwingend die moralische Rechtfertigung des Überfalls der Hamas am 7. Oktober 2023. Für all die Grausamkeiten, welche Kindern und Frauen dabei angetan wurden, fehlt ihr dann jegliche Empathie und Reflexion in ihren öffentlichen Äußerungen. Vielmehr bezweifelte sie die sexualisierte Gewalt. Es fehle an echten Beweisen. Der offensichtliche Mangel an intellektueller Redlichkeit fußt aber nicht nur in einem manichäischen Weltbild, in einem binären Schema von Gut und Böse, sondern er gründet in einer Tradition, welche seit Nietzsche das Philosophieren mit dem Hammer, die Lust an der Destruktion durch Provokation, dem systematischen Denken vorzieht. Entweder gibt es eine objektive Wahrheit oder die Welt ist als Ganze ein Theater, das beliebig mit der Kraft der Imagination bedient werden kann, nur die Macht dieser Kunst wird über den Fortgang der Geschichte entscheiden, welche am Ende nur ein Spiel bzw. das Spiel mit dem Ende ist. Während jedoch Nietzsche nur in naturalen und nicht in sozialen Kategorien denken konnte und die Menschen mit seiner Tragödienschrift an das Herz der Natur (die Wonnebefriedigung des Ur-Einen) zurückführen wollte, dreht sich diese Verengung bei Butler einfach um. Während Nietzsche in seiner Götzen-Dämmerung das Jasagen zum Leben als das Dionysische bestimmt, welches im Akt der Zeugung, der Schwangerschaft, der Geburt als feierlichstes aller Gefühle erlebt werden kann, sieht Butler in der sexuellen Reproduktion ein Randphänomen, bestreitet indirekt überhaupt die Notwendigkeit der Fortpflanzung und hält den Einfluss von Hormonen auf Handlungen und Gefühle des Menschen für bedeutungslos. In ihrem Buch Das Unbehagen der Geschlechter (1990) gesteht sie ein, dass es ihr um die Verwirrung der Geschlechter-Binarität geht.

Verwirrungsspiele haben in der Regel im privaten Bereich, aber vor allem in der Öffentlichkeit, einen Kipppunkt, ab dem sie überzeugen können, wodurch dann versucht wird, ihre Einsichten in den Alltag zu integrieren. Ganz anders verläuft es, wenn das Gegenteil der Fall ist. In der Wissenschaft werden dann die Thesen falsifiziert, es kommt zu keinem Paradigmenwechsel. Personen verlieren mit ihren Aussagen und Handlungen jegliches Vertrauen, weil zwischen ihrem Anspruch und der Realität ihrer Handlungen Welten zu liegen kommen. Politische Bewegungen werden abgewählt und deren realitätsfremde Anliegen stärken den politischen Gegner. Genau dies scheint mit dem Queerfeminismus und der postkolonialen Theorie derzeit zu geschehen. Warum? Die Überprüfung ihrer Thesen dürfte genau genommen nicht nach den üblichen Wahrheitskriterien (Korrespondenz, Kohärenz, Konsens) stattfinden, da diese das Produkt weißer Männer sind. Zu ihrer Überprüfung dürften daher überwiegend nur jene Personen zugelassen werden, welche in der Opferhierarchie gemäß intersektionalem Feminismus ganz oben stehen, also z. B. schwarze lesbische Frauen. Nur sie hätten dann den authentischen Zugang zu jenen Gefühlen, welche verletzt wurden, und nur sie könnten über die Ursache und das Ausmaß der Diskriminierung entscheiden sowie dann Strategien für eine gerechtere Gesellschaft entfalten, denen sich dann die bisher privilegierte Mehrheit zu unterwerfen hätte, welche ihren strukturellen Rassismus nämlich gar nicht verstehen können und daher immer wieder Aussagen von Opfergruppen kritisieren. Daher trennt das Gendersternchen oder der Doppelpunkt die Welt in links und rechts. Entweder bist du für mich oder gegen mich. Was es nicht geben darf, das gibt es nicht. Gegenüber dieser Immunisierung ist man relativ machtlos, und es bleibt dann nur der Rückzug oder Kampf übrig, aber genau darum geht es ja. Es geht nicht um das Überzeugen mittels Argumenten in einer Diskussion, an der womöglich alle teilnehmen können. Es geht nicht um Teilhabe, sondern um Übernahme mittels Kampfrhetorik und Denunziation. Der Zweck heiligt wieder einmal die Mittel.

Um aus diesem Desaster, Balzer nennt es den Verlust an politischer Integrität der Linken, herauszufinden, unternimmt er die Unterscheidung zwischen dem Postkolonialismus als Wahrheitsregime und einem diskursethischen Verständnis der „Wokeness“. Demnach habe es in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung immer schon Menschen (wie Martin Luther King Jr., Henry Louis Gates Jr., Cornel West) gegeben, welche vor einem Antisemitismus in der Schwarzen Community gewarnt haben, weil dieser den Rückzug in eine rassische Authentizität bedeuten würde. Zudem wurde die Aufforderung nach Wachheit (stay woke) von Anfang an sehr breit verstanden (so bei Lead Belly, Erykah Badu), von der Gefahr für das eigene Leben bis zum kritischen Selbstverständnis der eigenen Ansichten. Diese Betonung des In-Bewegung-Bleibens war also auch gegen die Verpanzerung gerichtet, was zugleich bedeutet, dass alle Menschen den gleichen Anspruch haben, gehört und gesehen zu werden. Dies wäre der Kerngedanke der Moderne gewesen, und dies hätte dann Habermas auch mit seiner Diskursethik gemeint, der es auch nicht um letztgültige Wahrheiten ging, sondern um die Teilhabe möglichst vieler Menschen an einer Verständigung über das, was für alle das Beste ist. Doch schon mit Black Lives Matter wurde mit diesem Anspruch gebrochen, indem der Antisemitismus durch eine Verbrüderung mit der Hamas offen zutage kam und sich der Postkolonialismus zunehmend in ein manichäisches Weltbild verrannte, das man vor allem in dessen Coaching-Variante erkennen würde.

Decolonising the Mind und unlearning sind die zentralen Begriffe in dessen Umerziehungsprogrammen im Rahmen von Workshops und Coachings zur Reinigung weißer Menschen von rassistischen Vorurteilen. Da viele Konzerne den Erwerb eines inclusion and diversity mindset als Erfolgsvoraussetzung sehen, haben solche Programme nicht unbedingt den Charakter von Freiwilligkeit, was vor allem dadurch prekär wird, wenn es dabei nicht nur um den Austausch von Erfahrungen zwischen weißen Menschen und PoC geht, sondern um die unmittelbare Vermittlung von Demütigung durch abwertende und diskriminierende Handlungen, indem z. B. weiße Menschen niederknien müssen. Erst die Demütigung sichert die Perspektivenübernahme und damit das Eingeständnis der Schuld, welche man quasi als Weißer von Geburt an in sich trägt und für welche man die PoC um Vergebung bitten muss. Die Grundstruktur dieses Prozederes – Geständnis (ja, ich bin ein Rassist), Buße und Gehorsam – würde nach Balzer genau dem entsprechen, was Foucault anhand der christlichen Ethik ein Wahrheitsregime genannt hat. Diese quasi-religiöse Praxis würde sich in einer klaren Rollenaufteilung von Sündern und Priestern ebenso zeigen wie durch die Wahrsprechung über das Geständnis einer Sünde. Das Ziel des Gehorsams wäre dann erreicht, wenn die Verinnerlichung dieses Zwangs sich in einen moralischen Impuls verwandelt hätte: Ja, ich werde ein besserer Mensch, selbst wenn die Buße und das Geständnis niemals an ein Ende gelangen können.

Nun findet diese Praxis in den Thesen der sogenannten Standpunkt-Theorie insofern eine Rechtfertigung, als es dieser nicht nur um eine Inklusion möglichst vieler, sondern besonders um die Berücksichtigung von marginalisierten Gruppen geht, da deren Wissen besonders geeignet ist, Irrtümer und bisher unterdrückte Wahrheiten aufzudecken. Daher müssten diese durch Quotierungen bevorzugt werden. Ziel ist dann nicht die Gleichberechtigung, sondern die Annäherung an eine numerische Gleichheit in der Forschung durch Berücksichtigung von diskriminierten Personen, da man in hegemonial strukturierten Diskursen zunächst nur mit der Macht marginalisierter Standpunkte zu gerechteren und offeneren Diskursen kommen kann. Erst dann wird die Vormachtstellung aufgegeben und als gleichberechtigte Stimme unter vielen weitergeführt. Daher stellt sich die Frage, wann denn dieser Punkt erreicht sei und ob es dann nicht weiterhin keine ergebnisoffene Forschung geben wird. Balzer wirft nun gegen diesen strategischen Essentialismus einer Gayatri Chakravorty Spivak ein, dass diese Strategie schon längst zugunsten eines Essentialismus und einer Verpanzerung aufgegeben wurde und es daher zu keiner Reflexion der Konstruiertheit der eigenen Kategorien gekommen ist. Denn die Strategien waren bisher unter den weißen Linken sehr erfolgreich, was sich in diversen Unterwerfungsgesten zeigt.

So wurde die Forderung nach Integrationskursen für Einheimische laut, die sich in die Migrationsgesellschaft zu integrieren haben. Da westliche Konzerne den globalen Süden ausgebeutet haben, gebe es ein Recht auf Einwanderung. Grenzen töten, niemand ist illegal. Daher müssen Grenzen und Nationalstaaten abgeschafft werden. Wenn es unter den Opfergruppen zu kriminellen Handlungen kommt, wird versucht, die Schuld hierfür bei Einheimischen zu suchen. Da die Heterogenität unter der neuen Linken noch nie so groß war, müssen die internen Widersprüche (z. B. in den Utopien) kleingeredet werden. Über die Konstruktion eines übermächtigen äußeren Feindes wird dann die innere Homogenität verspürt, obzwar es die Linke bis heute nicht geschafft hat, eine zufriedenstellende Faschismustheorie zu entwickeln, deren Parameter die unterschiedliche Entstehung des Faschismus in Italien, Spanien und Deutschland erklären und deshalb auch soziologisch exakt (nicht nur mit dem autoritären Charakter und der Rassenideologie) eine Wiederholung beschreiben und erklären können. Wenn Habermas dafür den Ausdruck Regression in Anspruch nimmt, dann ist dies genauso wenig hilfreich wie seine Bezeichnung der Studentenbewegung als Linksfaschismus. Schon in der Zeit der K-Gruppen verlegte man sich auf die Beschimpfung, weil man intellektuell nichts mehr zu bieten hatte, wusste man zumindest, gegen wen man sei. Schon damals grenzte das Bedürfnis nach linker Identität an Selbstverleugnung, und wer sich noch an das Ideal der Argumentationsintegrität hielt, versuchte dies wenigstens in seiner Dissertation zu realisieren.

Mit dem selektiven Humanismus wurde aber eine Grenze des Verträglichen überschritten. Für Balzer lässt sich dieser auf die Formel bringen: „Me too except you are a Jew“ oder „Jews don’t count“. Da sich dieser Humanismus aber dann noch moralisch erhöht und anderen meint, Anweisungen aus einer Perspektive des Erwähltseins geben zu können, bedarf es einer Erklärung. Wer in der Tradition von Nietzsche und Foucault eine Gesellschaftstheorie verfolgt, welche die soziale und kulturelle Integration von diversen Geschlechtern und Ethnien erklären und dann noch den hieraus folgenden politischen Aktivismus rechtfertigen soll, erleidet Schiffbruch. Offensichtlich lässt sich der Werkzeugkasten von Foucault für sehr vieles verwenden. Da für ihn geradezu alles eine Folge von Kämpfen und Machtverhältnissen war, konnte er sich darüber hinwegretten, dass die Entstehung neuer Normen sehr wohl auch das Ergebnis von Konsensprozessen war, welche nicht raffiniert durch das Geständnis oder die Folter erzwungen wurden.

Der selektive Humanismus fußt einerseits auf der Idealisierung von indigenen Völkern durch die postkoloniale Theorie und andererseits auf dem Sozialkonstruktivismus des Queerfeminismus. Daher müssten eigentlich die Frauen der amerikanischen Urbevölkerung zumindest in den Vereinigten Staaten zur obersten Opferkategorie zählen, doch die haben offensichtlich keine Lobby. Wer die Länder des Orients bereist hat, der wird feststellen, dass dort Frauen je nach Land und Schicht unterschiedlich benachteiligt sind und Homosexualität für Männer ein großes Problem darstellt. Als Familien aus diesen Ländern ohne den Vater in den Westen flüchteten, war es ganz normal, dass der erstgeborene Sohn, selbst wenn er erst 14 war, über die Mutter und über die Geschwister bestimmen konnte. Es war dann auch normal, dass Mädchen unter 16 Jahren zwangsverheiratet werden. All dies müsste für den Feminismus insgesamt ein Problem darstellen, doch das ist so nicht. Wenn Frauen im Iran ihr Leben riskieren, um gegen das Kopftuchgebot zu verstoßen, dann wird das Tragen des Kopftuchs im Westen als Widerstand gegen den westlichen Sexismus interpretiert. Zugleich soll die Forderung „gleiche Brust für alle“, dass auch Frauen oben ohne baden dürfen, den weiblichen Körper entsexualisieren. Die schon stattfindenden Übergriffe in Schwimmbädern auf Mädchen und Frauen durch Flüchtlinge dürften dann gerade durch solche Aktionen nicht weniger werden.

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