The Waiting Game
Wenn die Musik aufhört und kein Stuhl mehr frei ist – Die ungeschriebenen Regeln von Macht, Karriere und Aufstieg
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 240
ISBN: 978-3-99185-204-9
Erscheinungsdatum: 26.08.2026
Wenn Karriere plötzlich stillsteht: „The Waiting Game“ entlarvt das unsichtbare System, das High Performer ausbremst, wenn sie am stärksten sind und zeigt, warum Warten keine Strategie ist. Für Führungskräfte und Unternehmen, die bereit sind, neu zu denken.
Vorwort der Autorin
Zieh dir einen Stuhl ran, wir müssen reden – ach, Moment, da ist ja keiner mehr frei …, dann müssen wir es uns wohl auf dem Boden bequem machen. Willkommen in der Warteschleife.
Kommt dir das nachfolgende Szenario bekannt vor: Du hast viele Jahre damit verbracht, die Karriereleiter zu erklimmen, 70-Stunden-Wochen geschoben, Meetings gerockt, Strategien entwickelt, Jahresziele wiederholt übererfüllt und jede sonstige Herausforderung angenommen.
Doch plötzlich stehst du da, fast ganz oben, und es ist still. Die Musik ist aus, kein Stuhl, kein Plan, nur ein fetter Gehaltsscheck und dieses diffuse Gefühl, dass das doch nicht alles gewesen sein kann. Statt des erhofften Blicks auf das gelobte Land blickst du nämlich auf eine Warteschlange. Willkommen im Niemandsland zwischen fast oben und „Rien ne va plus“.
Dieses Buch ist für alle, die wissen, wovon ich spreche. Für die High-Performer, die „Top-Talente“, die A-Player, die sich plötzlich in einer seltsamen Grauzone wiederfinden – eine Art Businessclass mit Lounge-Zugang, aber ohne Abflugzeit.
Das Buch ist aber ebenso für Unternehmen, die bereit sind, sich dieser Herausforderung zu stellen und nach wirklichen Lösungen suchen.
Ich war da. Ich habe das Spiel gespielt, und ich habe auf die nächste Gelegenheit, auf den nächsten Schritt, auf den Nächsten, der den Stuhl freimacht, gewartet. Während ich so wartete, fragte ich mich: Warum sitzen wir alle hier und tun so, als wäre das normal? Die Wahrheit ist: Das ist nicht normal.
Dieses Buch ist kein Ratgeber, der dir erklärt, wie du dich besser anpasst oder noch mehr Gas gibst. Es ist ein ehrlicher Blick hinter die Fassade von Unternehmen, die dich mit glänzenden Leadership-Programmen hochpushen – und dann am Ende feststellen, dass an der Spitze nur Platz für eine Handvoll Leute ist. Es geht um die harte Realität von Karriereplänen, die oft nicht weiter als bis zur nächsten Gehaltserhöhung reichen.
Mich beschäftigt zunehmend diese merkwürdige Diskrepanz: Menschen stilisierten sich zu Ausnahmefiguren, während ihr Arbeitsalltag oft bemerkenswert gewöhnlich bleibt. Ein LinkedIn-Schaulaufen, wo jeder so tut, als wäre er der/die nächste Richard Branson, Jeff Bezos, Oprah Winfrey oder Howard Schultz, während er in Wahrheit Excel-Tabellen auf Autopilot verwaltet. Und ich wette, dir geht es genauso.
Aber keine Sorge, wir werden hier nicht jammern, gemeinsam Golfen oder einen Marathonlauf vorbereiten. Wir werden vielmehr Lösungen finden, und zwar für dich als Führungskraft, die sich nach echter Weiterentwicklung sehnt, als auch für Unternehmen, die verstehen wollen, wie sie mehr machen können, als teure Talente weiterhin nur im Wartemodus bei Laune zu halten.
Wir sprechen über Mut zur Veränderung, über den Wert des eigenen Profils und darüber, wie Unternehmen den Spagat zwischen Erfahrung und Innovationskraft meistern können.
Eines kann ich dir versprechen: Dieses Buch wird nicht bequem. Es wird dich herausfordern und stellenweise vielleicht auch ein wenig provozieren. Aber es wird dich vor allem dazu bringen, nachzudenken, zu handeln und das „Waiting Game“ nicht mehr als gegeben hinzunehmen.
Ich habe dieses Buch geschrieben, weil die Illusion trügt, dass Fleiß allein dich ans Ziel bringt. Und weil die Wahrheit einfach mal gesagt werden muss. Also, schnapp dir einen Kaffee und lass uns gemeinsam die Musik wieder anstellen. Denn wer weiter warten will, hat bereits verloren.
Cornelia Schuler
Testimonial eines High Rollers
Ich gehöre zu den Top 60 in einem Konzern mit über 120 000 Mitarbeitenden. Das klingt vielleicht nach Erfolg und nach: „Du hast es geschafft“. Es mag vielleicht sogar stimmen, aber leider nur auf dem Papier. Was niemand sieht: Ich stecke seit Jahren fest.
Neun Jahre auf einer Führungsposition. Ich habe wirklich alles erreicht, was erreichbar war. Doch das Feuer ist weg. Das Unternehmen entwickelt sich weiter, allerdings nicht in eine Richtung hinter der ich noch stehen kann. Die Energie fehlt, die Inspiration ist ebenso. Die Luft raus. Seit Längerem frage ich mich, ob das schon alles war und wie ich aus dieser Situation wieder herauskomme.
Meine Mentoren und Sponsoren haben das Unternehmen längst verlassen. Und ohne Sponsor, kommt man nicht weiter. Wer nicht ins Spiel des Vorstands passt, bleibt außen vor. Da hilft auch kein Training mehr, kein Coaching und kein Ehrgeiz. Der goldene Käfig glänzt, aber er fühlt sich immer enger an.
Dazu kommt noch der Druck von außen: Familie, finanzielle Verpflichtungen und keine echte Alternative in Sicht. Meine Frau will nicht noch einmal wieder umziehen. Ich will nicht länger warten. Ich will wieder gestalten.
Auch die Teamkultur hat sich spürbar verändert. Erfolg wird kaum noch sichtbar gemacht, Führung wirkt zunehmend defensiv. Wir sind im Sparmodus – für Kreativität bleibt kein Raum. Statt gezielter Entwicklung dominiert interne Politik. Und was das Prinzip „Wer sich gut verkauft, gewinnt“ betrifft: Das ist nicht mein Spiel. Ich will Wert schaffen, nicht mich selbst vermarkten.
Ich bin Mitte 50. Und ich weiß, dass es riskant ist, jetzt noch einmal neu zu denken. Aber was ist die Alternative? Stillstand? Burn-out durch Langeweile? Nein, das ist kein Burn-out. Das ist ein Bore-out mit Bonus.
Vor dem Lesen von Cornelias Buch stand ich an einem Punkt, an dem ich nicht mehr wusste, wie ich weitermachen soll. Ich ging davon aus, dass ich mit dieser Situation weitgehend allein bin. Heute weiß ich: So geht es vielen. Und vor allem – meine Karriere liegt in meiner Verantwortung.
Das Buch hat mir geholfen, meine Situation klarer zu sehen und neue Perspektiven zu entwickeln. Ich habe begonnen, aktiv etwas Veränderung anzugehen. Danke, Cornelia, für ein Buch, das bei mir tatsächlich etwas in Bewegung gebracht hat.
Thomas
Teil A: Das Warten verstehen
1 Willkommen in der Warteschleife – Warum wir alle hier sind
Es ist nicht die plötzliche Kündigung oder der ultimative Karriereknick. Nein, dieses Warten ist viel subtiler. Der Aufstieg wird langsamer, die Spielregeln verändern sich oder lösen sich gar vollkommen auf, ohne dass jemand ein Memo dazu bekommen hat. Während du dich noch fragst, wann die nächste große Chance kommt, hat sich längst ein anderes System etabliert: ein System des Wartens.
Karrieren in der Corporate Welt sind in aller Regel linear: lernen, leisten, wachsen, aufsteigen – zumindest in den ersten Jahren. Doch eines Tages trifft man auf eine unsichtbare Grenze. Unternehmen tun sich schwer, Top-Talente weiterzuentwickeln, wenn es keine offensichtliche nächste Position gibt. Führungskräfte wie du, die gestern noch als High Potentials gehandelt wurden, hängen heute in einer Warteschleife – hoch bezahlt, aber perspektivlos.
Und dann passiert das, was niemand zugibt: Man richtet sich ein. Die Komfortzone wird zur neuen Realität. Man gewöhnt sich an das Gehalt, die Vorteile, das Prestige. Man wird ruhiger, spielt dieses neue Spiel ohne Regeln ganz einfach mit. Nur selten wagt jemand den Blick nach außen oder sogar nach innen.
Der Stillstand ist nicht nur ein strukturelles Problem in den Unternehmen, sondern auch ein mentales in den Menschen selbst. Es gibt Mechanismen, die uns dabei im Status quo halten:
Vermeintliche Sicherheit: Das Gehalt ist gut, die Position respektiert, der Lebensstil entsprechend angepasst. Warum also riskieren, alles zu verlieren?
Die Gruppendynamik: Jeder in deinem Umfeld macht das Gleiche. Gemeinsam jammern ist einfacher, als sich allein in eine andere Richtung zu bewegen.
Veränderte Selbstwahrnehmung: Früher hast du Herausforderungen gesucht, heute suchst du Bestätigung. Erfolg wird weniger über Leistung, sondern über Zugehörigkeit definiert.
Das Ergebnis: Jahre vergehen, und du bewegst dich keinen Schritt. Doch du hast eine Wahl. Du kannst erkennen, was passiert ist, und bewusst entscheiden, wie du weitermachen willst.
In den kommenden Kapiteln schauen wir uns an, warum sich so viele Talente in dieser Warteschleife wiederfinden, welche strukturellen und psychologischen Faktoren das Problem verstärken und welche Mechanismen verhindern, dass sich etwas ändert. Es ist Zeit, sich bewusst zu machen, was hier wirklich gespielt wird. Denn nur wer das System versteht, kann es auch verlassen.
1.1 Die Reise nach Jerusalem: Die Wahrheit über die Karriereleiter
Wer Karriere macht, hat oft das Gefühl, an einem dynamischen, aber fairen Spiel teilzunehmen. Solange die Musik spielt, läuft alles rund. Neue Projekte, mehr Verantwortung und größere Budgets. Es fühlt sich an, als sei man auf dem richtigen Weg.
Was dabei gern übersehen wird, ist, dass mit jeder Runde ein Stuhl verschwindet. Und während man sich auf den eigenen Lauf konzentriert, fällt kaum jemandem auf, dass es immer enger wird. Erst wenn die Gruppe kleiner wird, wird der Stuhlkreis sichtbar – samt Konkurrenz und knappen Plätzen.
Und dann kommt der Moment der Wahrheit: Die Musik stoppt und es gibt keinen freien Stuhl mehr. Im Idealverlauf stünde jetzt ein Platz bereit, also eine Beförderung, ein neues Projekt oder eine logisch anschließende Rolle. Doch in der Realität ist der Stuhl entweder nicht vorgesehen oder längst besetzt.
Wenn sich die Spielregeln plötzlich auflösen
Die Regeln, nach denen du jahrelang gespielt hast, scheinen auf einmal nicht mehr zu gelten. Du hast geliefert, warst zuverlässig, hast überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt, und trotzdem passiert nichts. Der erwartete nächste Schritt bleibt aus. Was ist passiert?
Das Spiel Reise nach Jerusalem funktioniert im Normalfall nach festen Regeln: Mit jeder Runde wird ein Stuhl entfernt, und alle wissen, worauf sie sich einlassen. Wird das Spielfeld jedoch kleiner, ist das anders. Hier gibt es kein klares „Jetzt bist du dran“. Die Stühle hier verschwinden nicht mehr nach Plan, sie lösen sich einfach in Luft auf.
Vielleicht, weil …
… dein Chef noch nicht in Rente geht.
… deine Abteilung umstrukturiert und deine Position „strategisch neu ausgerichtet“ wird.
… eine externe Führungskraft bevorzugt wird, weil sie „frischen Wind“ bringt.
… es einfach nicht genug Spitzenpositionen gibt, um alle Talente unterzubringen.
Du hast nicht versagt. Du hast nur nicht berücksichtigt, dass du in einem System spielst, in dem die Spielregeln nicht für dich, sondern für das Unternehmen gemacht wurden.
Apropos Spielregeln: In einer Veröffentlichung des ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft wird zum Thema externe Führungskräfte Folgendes herausgearbeitet:
Der Autor, Stefan Zimmermann, untersuchte die Frage, ob Spitzenführungspositionen intern oder extern besetzt werden sollten, und gibt für folgende Fälle die ideale Strategie an, die sich aufgrund seiner Forschung ergeben hat:
Unternehmensgröße: Größere Unternehmen profitieren eher von interner Besetzung durch bessere Informationsgrundlagen und spezifisches Humankapital.
Unternehmenserfolg: Erfolgreiche Unternehmen tendieren zu interner Besetzung, während bei Misserfolg externe Kandidaten für Neuausrichtungen geeigneter sein können.
Wachstum: Starkes Wachstum begünstigt externe Rekrutierungen, da neues Humankapital benötigt wird und interne Motivationsverluste geringer sind.
Umweltdynamik: In dynamischen Märkten kann externes Humankapital erforderlich sein, um auf Veränderungen zu reagieren.
Sollten sich Unternehmen daran halten, was bedeutet das dann für dich? Ganz klar, wenn du in einem größeren Unternehmen arbeitest, hast du als Interner bessere Chancen, den nächsten freien Stuhl zu ergattern. Ist dein Unternehmen besonders erfolgreich, gilt dasselbe.
Gibt es jedoch Schwierigkeiten, wirst du eher damit rechnen müssen, dass jemand von außen geholt wird. Wächst dein Unternehmen stark und ist in einem sehr dynamischen Markt unterwegs, sind deine Chancen ebenfalls geringer, da externe Manager vorgezogen werden. Schau dir also dein Unternehmen gut an und untersuche deine realen Chancen auf einen Aufstieg.
Ab einem gewissen Punkt geht es also nicht mehr um Performance. Alle, die noch im Spiel sind, sind gut. Ausgezeichnet sogar. Doch wer es wirklich nach ganz oben schafft, folgt anderen Regeln:
Netzwerk schlägt Leistung: Deine Verbindung zu den richtigen Leuten ist wichtiger als deine alleinige Performance.
Sichtbarkeit zählt mehr als Fleiß: Wenn keiner weiß, dass du da bist, bist du auch nicht da.
Timing ist alles: Nicht der Beste gewinnt, sondern der, der zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist.
Risikobereitschaft schlägt Erfahrung: Wer den sicheren Weg wählt, bleibt auf der Strecke.
Es geht nicht mehr nur um deine Leistung, sondern vielmehr um das richtige Timing, um ein hervorragendes Netzwerk und um unsichtbare Faktoren, die weit über persönliche Kompetenzen hinausgehen.
Und während du noch analysierst, warum sich nichts bewegt, merkst du plötzlich: Die Musik läuft längst wieder, aber die noch verfügbaren Stühle werden anderen angeboten.
Warum wir das nicht haben kommen sehen
Wir sind darauf programmiert, Karriere als einen logischen, vorhersehbaren Prozess zu betrachten. Schon früh lernen wir die vermeintlichen Grundprinzipien beruflichen Erfolgs:
Wer hart arbeitet, wird belohnt.
Wer sich weiterbildet, steigt auf.
Wer loyal ist, wird irgendwann an die Reihe kommen.
Diese Regeln werden uns nicht nur in Schule und Studium eingeschärft, sondern auch von den Unternehmen selbst propagiert. Es gibt Talentprogramme, High-Potential-Förderungen, strukturierte Karrierepfade. Man wird ermutigt, sich anzustrengen, Verantwortung zu übernehmen, sich strategisch weiterzuentwickeln, mit der unausgesprochenen Erwartung, dass dies irgendwann zum gewünschten Aufstieg führt.
Und es funktioniert auch, zumindest in den ersten Jahren. Die ersten Karriereschritte folgen oft noch einer klaren Logik. Wer sich engagiert, wird mit größeren Projekten betraut. Wer sich bewährt, bekommt ein größeres Team. Man sammelt Erfolge, etabliert sich in der Organisation, gewinnt an Einfluss. Die Mechanik scheint simpel: Einsatz bringt Fortschritt.
Doch was keiner offen sagt: Irgendwann hört diese Berechenbarkeit auf. Je höher du aufsteigst, desto weniger gilt der Automatismus. Leistung allein reicht nicht mehr. Wissen allein auch nicht. Selbst ein beeindruckender Track Record ist keine Garantie für den nächsten Schritt. Das Problem ist aber, dass uns leider niemand darauf vorbereitet.
Die meisten Führungskräfte bemerken erst spät, dass sie sich nicht auf eine Beförderung vorbereitet haben, sondern auf eine Hoffnung.
Die Illusion der Kontrolle
Ein Grund, warum wir das nicht kommen sehen, ist die Illusion, dass wir unsere Karriere durch harte Arbeit und Strategie vollständig steuern können. Natürlich gibt es Momente, in denen wir Einfluss auf den eigenen Werdegang haben, doch je höher wir kommen, desto mehr externe Faktoren spielen eine Rolle:
Politische Entscheidungen im Unternehmen
Marktveränderungen und Umstrukturierungen
Strategiewechsel, die ganze Karrierepfade über Nacht irrelevant machen
Die persönlichen Ambitionen und Agenden von Vorgesetzten und Mentoren
All diese Dinge können deinen vermeintlich sicheren Karriereweg von heute auf morgen verändern. Doch weil Erfolg bis zu einem gewissen Punkt kalkulierbar war, bemerken viele nicht, dass sie in einer Phase angekommen sind, in der neue Regeln gelten.
…
Zieh dir einen Stuhl ran, wir müssen reden – ach, Moment, da ist ja keiner mehr frei …, dann müssen wir es uns wohl auf dem Boden bequem machen. Willkommen in der Warteschleife.
Kommt dir das nachfolgende Szenario bekannt vor: Du hast viele Jahre damit verbracht, die Karriereleiter zu erklimmen, 70-Stunden-Wochen geschoben, Meetings gerockt, Strategien entwickelt, Jahresziele wiederholt übererfüllt und jede sonstige Herausforderung angenommen.
Doch plötzlich stehst du da, fast ganz oben, und es ist still. Die Musik ist aus, kein Stuhl, kein Plan, nur ein fetter Gehaltsscheck und dieses diffuse Gefühl, dass das doch nicht alles gewesen sein kann. Statt des erhofften Blicks auf das gelobte Land blickst du nämlich auf eine Warteschlange. Willkommen im Niemandsland zwischen fast oben und „Rien ne va plus“.
Dieses Buch ist für alle, die wissen, wovon ich spreche. Für die High-Performer, die „Top-Talente“, die A-Player, die sich plötzlich in einer seltsamen Grauzone wiederfinden – eine Art Businessclass mit Lounge-Zugang, aber ohne Abflugzeit.
Das Buch ist aber ebenso für Unternehmen, die bereit sind, sich dieser Herausforderung zu stellen und nach wirklichen Lösungen suchen.
Ich war da. Ich habe das Spiel gespielt, und ich habe auf die nächste Gelegenheit, auf den nächsten Schritt, auf den Nächsten, der den Stuhl freimacht, gewartet. Während ich so wartete, fragte ich mich: Warum sitzen wir alle hier und tun so, als wäre das normal? Die Wahrheit ist: Das ist nicht normal.
Dieses Buch ist kein Ratgeber, der dir erklärt, wie du dich besser anpasst oder noch mehr Gas gibst. Es ist ein ehrlicher Blick hinter die Fassade von Unternehmen, die dich mit glänzenden Leadership-Programmen hochpushen – und dann am Ende feststellen, dass an der Spitze nur Platz für eine Handvoll Leute ist. Es geht um die harte Realität von Karriereplänen, die oft nicht weiter als bis zur nächsten Gehaltserhöhung reichen.
Mich beschäftigt zunehmend diese merkwürdige Diskrepanz: Menschen stilisierten sich zu Ausnahmefiguren, während ihr Arbeitsalltag oft bemerkenswert gewöhnlich bleibt. Ein LinkedIn-Schaulaufen, wo jeder so tut, als wäre er der/die nächste Richard Branson, Jeff Bezos, Oprah Winfrey oder Howard Schultz, während er in Wahrheit Excel-Tabellen auf Autopilot verwaltet. Und ich wette, dir geht es genauso.
Aber keine Sorge, wir werden hier nicht jammern, gemeinsam Golfen oder einen Marathonlauf vorbereiten. Wir werden vielmehr Lösungen finden, und zwar für dich als Führungskraft, die sich nach echter Weiterentwicklung sehnt, als auch für Unternehmen, die verstehen wollen, wie sie mehr machen können, als teure Talente weiterhin nur im Wartemodus bei Laune zu halten.
Wir sprechen über Mut zur Veränderung, über den Wert des eigenen Profils und darüber, wie Unternehmen den Spagat zwischen Erfahrung und Innovationskraft meistern können.
Eines kann ich dir versprechen: Dieses Buch wird nicht bequem. Es wird dich herausfordern und stellenweise vielleicht auch ein wenig provozieren. Aber es wird dich vor allem dazu bringen, nachzudenken, zu handeln und das „Waiting Game“ nicht mehr als gegeben hinzunehmen.
Ich habe dieses Buch geschrieben, weil die Illusion trügt, dass Fleiß allein dich ans Ziel bringt. Und weil die Wahrheit einfach mal gesagt werden muss. Also, schnapp dir einen Kaffee und lass uns gemeinsam die Musik wieder anstellen. Denn wer weiter warten will, hat bereits verloren.
Cornelia Schuler
Testimonial eines High Rollers
Ich gehöre zu den Top 60 in einem Konzern mit über 120 000 Mitarbeitenden. Das klingt vielleicht nach Erfolg und nach: „Du hast es geschafft“. Es mag vielleicht sogar stimmen, aber leider nur auf dem Papier. Was niemand sieht: Ich stecke seit Jahren fest.
Neun Jahre auf einer Führungsposition. Ich habe wirklich alles erreicht, was erreichbar war. Doch das Feuer ist weg. Das Unternehmen entwickelt sich weiter, allerdings nicht in eine Richtung hinter der ich noch stehen kann. Die Energie fehlt, die Inspiration ist ebenso. Die Luft raus. Seit Längerem frage ich mich, ob das schon alles war und wie ich aus dieser Situation wieder herauskomme.
Meine Mentoren und Sponsoren haben das Unternehmen längst verlassen. Und ohne Sponsor, kommt man nicht weiter. Wer nicht ins Spiel des Vorstands passt, bleibt außen vor. Da hilft auch kein Training mehr, kein Coaching und kein Ehrgeiz. Der goldene Käfig glänzt, aber er fühlt sich immer enger an.
Dazu kommt noch der Druck von außen: Familie, finanzielle Verpflichtungen und keine echte Alternative in Sicht. Meine Frau will nicht noch einmal wieder umziehen. Ich will nicht länger warten. Ich will wieder gestalten.
Auch die Teamkultur hat sich spürbar verändert. Erfolg wird kaum noch sichtbar gemacht, Führung wirkt zunehmend defensiv. Wir sind im Sparmodus – für Kreativität bleibt kein Raum. Statt gezielter Entwicklung dominiert interne Politik. Und was das Prinzip „Wer sich gut verkauft, gewinnt“ betrifft: Das ist nicht mein Spiel. Ich will Wert schaffen, nicht mich selbst vermarkten.
Ich bin Mitte 50. Und ich weiß, dass es riskant ist, jetzt noch einmal neu zu denken. Aber was ist die Alternative? Stillstand? Burn-out durch Langeweile? Nein, das ist kein Burn-out. Das ist ein Bore-out mit Bonus.
Vor dem Lesen von Cornelias Buch stand ich an einem Punkt, an dem ich nicht mehr wusste, wie ich weitermachen soll. Ich ging davon aus, dass ich mit dieser Situation weitgehend allein bin. Heute weiß ich: So geht es vielen. Und vor allem – meine Karriere liegt in meiner Verantwortung.
Das Buch hat mir geholfen, meine Situation klarer zu sehen und neue Perspektiven zu entwickeln. Ich habe begonnen, aktiv etwas Veränderung anzugehen. Danke, Cornelia, für ein Buch, das bei mir tatsächlich etwas in Bewegung gebracht hat.
Thomas
Teil A: Das Warten verstehen
1 Willkommen in der Warteschleife – Warum wir alle hier sind
Es ist nicht die plötzliche Kündigung oder der ultimative Karriereknick. Nein, dieses Warten ist viel subtiler. Der Aufstieg wird langsamer, die Spielregeln verändern sich oder lösen sich gar vollkommen auf, ohne dass jemand ein Memo dazu bekommen hat. Während du dich noch fragst, wann die nächste große Chance kommt, hat sich längst ein anderes System etabliert: ein System des Wartens.
Karrieren in der Corporate Welt sind in aller Regel linear: lernen, leisten, wachsen, aufsteigen – zumindest in den ersten Jahren. Doch eines Tages trifft man auf eine unsichtbare Grenze. Unternehmen tun sich schwer, Top-Talente weiterzuentwickeln, wenn es keine offensichtliche nächste Position gibt. Führungskräfte wie du, die gestern noch als High Potentials gehandelt wurden, hängen heute in einer Warteschleife – hoch bezahlt, aber perspektivlos.
Und dann passiert das, was niemand zugibt: Man richtet sich ein. Die Komfortzone wird zur neuen Realität. Man gewöhnt sich an das Gehalt, die Vorteile, das Prestige. Man wird ruhiger, spielt dieses neue Spiel ohne Regeln ganz einfach mit. Nur selten wagt jemand den Blick nach außen oder sogar nach innen.
Der Stillstand ist nicht nur ein strukturelles Problem in den Unternehmen, sondern auch ein mentales in den Menschen selbst. Es gibt Mechanismen, die uns dabei im Status quo halten:
Vermeintliche Sicherheit: Das Gehalt ist gut, die Position respektiert, der Lebensstil entsprechend angepasst. Warum also riskieren, alles zu verlieren?
Die Gruppendynamik: Jeder in deinem Umfeld macht das Gleiche. Gemeinsam jammern ist einfacher, als sich allein in eine andere Richtung zu bewegen.
Veränderte Selbstwahrnehmung: Früher hast du Herausforderungen gesucht, heute suchst du Bestätigung. Erfolg wird weniger über Leistung, sondern über Zugehörigkeit definiert.
Das Ergebnis: Jahre vergehen, und du bewegst dich keinen Schritt. Doch du hast eine Wahl. Du kannst erkennen, was passiert ist, und bewusst entscheiden, wie du weitermachen willst.
In den kommenden Kapiteln schauen wir uns an, warum sich so viele Talente in dieser Warteschleife wiederfinden, welche strukturellen und psychologischen Faktoren das Problem verstärken und welche Mechanismen verhindern, dass sich etwas ändert. Es ist Zeit, sich bewusst zu machen, was hier wirklich gespielt wird. Denn nur wer das System versteht, kann es auch verlassen.
1.1 Die Reise nach Jerusalem: Die Wahrheit über die Karriereleiter
Wer Karriere macht, hat oft das Gefühl, an einem dynamischen, aber fairen Spiel teilzunehmen. Solange die Musik spielt, läuft alles rund. Neue Projekte, mehr Verantwortung und größere Budgets. Es fühlt sich an, als sei man auf dem richtigen Weg.
Was dabei gern übersehen wird, ist, dass mit jeder Runde ein Stuhl verschwindet. Und während man sich auf den eigenen Lauf konzentriert, fällt kaum jemandem auf, dass es immer enger wird. Erst wenn die Gruppe kleiner wird, wird der Stuhlkreis sichtbar – samt Konkurrenz und knappen Plätzen.
Und dann kommt der Moment der Wahrheit: Die Musik stoppt und es gibt keinen freien Stuhl mehr. Im Idealverlauf stünde jetzt ein Platz bereit, also eine Beförderung, ein neues Projekt oder eine logisch anschließende Rolle. Doch in der Realität ist der Stuhl entweder nicht vorgesehen oder längst besetzt.
Wenn sich die Spielregeln plötzlich auflösen
Die Regeln, nach denen du jahrelang gespielt hast, scheinen auf einmal nicht mehr zu gelten. Du hast geliefert, warst zuverlässig, hast überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt, und trotzdem passiert nichts. Der erwartete nächste Schritt bleibt aus. Was ist passiert?
Das Spiel Reise nach Jerusalem funktioniert im Normalfall nach festen Regeln: Mit jeder Runde wird ein Stuhl entfernt, und alle wissen, worauf sie sich einlassen. Wird das Spielfeld jedoch kleiner, ist das anders. Hier gibt es kein klares „Jetzt bist du dran“. Die Stühle hier verschwinden nicht mehr nach Plan, sie lösen sich einfach in Luft auf.
Vielleicht, weil …
… dein Chef noch nicht in Rente geht.
… deine Abteilung umstrukturiert und deine Position „strategisch neu ausgerichtet“ wird.
… eine externe Führungskraft bevorzugt wird, weil sie „frischen Wind“ bringt.
… es einfach nicht genug Spitzenpositionen gibt, um alle Talente unterzubringen.
Du hast nicht versagt. Du hast nur nicht berücksichtigt, dass du in einem System spielst, in dem die Spielregeln nicht für dich, sondern für das Unternehmen gemacht wurden.
Apropos Spielregeln: In einer Veröffentlichung des ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft wird zum Thema externe Führungskräfte Folgendes herausgearbeitet:
Der Autor, Stefan Zimmermann, untersuchte die Frage, ob Spitzenführungspositionen intern oder extern besetzt werden sollten, und gibt für folgende Fälle die ideale Strategie an, die sich aufgrund seiner Forschung ergeben hat:
Unternehmensgröße: Größere Unternehmen profitieren eher von interner Besetzung durch bessere Informationsgrundlagen und spezifisches Humankapital.
Unternehmenserfolg: Erfolgreiche Unternehmen tendieren zu interner Besetzung, während bei Misserfolg externe Kandidaten für Neuausrichtungen geeigneter sein können.
Wachstum: Starkes Wachstum begünstigt externe Rekrutierungen, da neues Humankapital benötigt wird und interne Motivationsverluste geringer sind.
Umweltdynamik: In dynamischen Märkten kann externes Humankapital erforderlich sein, um auf Veränderungen zu reagieren.
Sollten sich Unternehmen daran halten, was bedeutet das dann für dich? Ganz klar, wenn du in einem größeren Unternehmen arbeitest, hast du als Interner bessere Chancen, den nächsten freien Stuhl zu ergattern. Ist dein Unternehmen besonders erfolgreich, gilt dasselbe.
Gibt es jedoch Schwierigkeiten, wirst du eher damit rechnen müssen, dass jemand von außen geholt wird. Wächst dein Unternehmen stark und ist in einem sehr dynamischen Markt unterwegs, sind deine Chancen ebenfalls geringer, da externe Manager vorgezogen werden. Schau dir also dein Unternehmen gut an und untersuche deine realen Chancen auf einen Aufstieg.
Ab einem gewissen Punkt geht es also nicht mehr um Performance. Alle, die noch im Spiel sind, sind gut. Ausgezeichnet sogar. Doch wer es wirklich nach ganz oben schafft, folgt anderen Regeln:
Netzwerk schlägt Leistung: Deine Verbindung zu den richtigen Leuten ist wichtiger als deine alleinige Performance.
Sichtbarkeit zählt mehr als Fleiß: Wenn keiner weiß, dass du da bist, bist du auch nicht da.
Timing ist alles: Nicht der Beste gewinnt, sondern der, der zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist.
Risikobereitschaft schlägt Erfahrung: Wer den sicheren Weg wählt, bleibt auf der Strecke.
Es geht nicht mehr nur um deine Leistung, sondern vielmehr um das richtige Timing, um ein hervorragendes Netzwerk und um unsichtbare Faktoren, die weit über persönliche Kompetenzen hinausgehen.
Und während du noch analysierst, warum sich nichts bewegt, merkst du plötzlich: Die Musik läuft längst wieder, aber die noch verfügbaren Stühle werden anderen angeboten.
Warum wir das nicht haben kommen sehen
Wir sind darauf programmiert, Karriere als einen logischen, vorhersehbaren Prozess zu betrachten. Schon früh lernen wir die vermeintlichen Grundprinzipien beruflichen Erfolgs:
Wer hart arbeitet, wird belohnt.
Wer sich weiterbildet, steigt auf.
Wer loyal ist, wird irgendwann an die Reihe kommen.
Diese Regeln werden uns nicht nur in Schule und Studium eingeschärft, sondern auch von den Unternehmen selbst propagiert. Es gibt Talentprogramme, High-Potential-Förderungen, strukturierte Karrierepfade. Man wird ermutigt, sich anzustrengen, Verantwortung zu übernehmen, sich strategisch weiterzuentwickeln, mit der unausgesprochenen Erwartung, dass dies irgendwann zum gewünschten Aufstieg führt.
Und es funktioniert auch, zumindest in den ersten Jahren. Die ersten Karriereschritte folgen oft noch einer klaren Logik. Wer sich engagiert, wird mit größeren Projekten betraut. Wer sich bewährt, bekommt ein größeres Team. Man sammelt Erfolge, etabliert sich in der Organisation, gewinnt an Einfluss. Die Mechanik scheint simpel: Einsatz bringt Fortschritt.
Doch was keiner offen sagt: Irgendwann hört diese Berechenbarkeit auf. Je höher du aufsteigst, desto weniger gilt der Automatismus. Leistung allein reicht nicht mehr. Wissen allein auch nicht. Selbst ein beeindruckender Track Record ist keine Garantie für den nächsten Schritt. Das Problem ist aber, dass uns leider niemand darauf vorbereitet.
Die meisten Führungskräfte bemerken erst spät, dass sie sich nicht auf eine Beförderung vorbereitet haben, sondern auf eine Hoffnung.
Die Illusion der Kontrolle
Ein Grund, warum wir das nicht kommen sehen, ist die Illusion, dass wir unsere Karriere durch harte Arbeit und Strategie vollständig steuern können. Natürlich gibt es Momente, in denen wir Einfluss auf den eigenen Werdegang haben, doch je höher wir kommen, desto mehr externe Faktoren spielen eine Rolle:
Politische Entscheidungen im Unternehmen
Marktveränderungen und Umstrukturierungen
Strategiewechsel, die ganze Karrierepfade über Nacht irrelevant machen
Die persönlichen Ambitionen und Agenden von Vorgesetzten und Mentoren
All diese Dinge können deinen vermeintlich sicheren Karriereweg von heute auf morgen verändern. Doch weil Erfolg bis zu einem gewissen Punkt kalkulierbar war, bemerken viele nicht, dass sie in einer Phase angekommen sind, in der neue Regeln gelten.
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