Nächste Ausfahrt Bauchgefühl
Wie Intuition mein Leben gerettet hat
EUR 27,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 208
ISBN: 978-3-99185-135-6
Erscheinungsdatum: 12.05.2026
Diagnose: Rektumkarzinom. Der Schock sitzt tief, aber Christine Fuchs lässt sich nicht unterkriegen. Sie nimmt ihren Heilungsweg selbst in die Hand und entdeckt zahlreiche Methoden, die ihre Selbstheilungskräfte unterstützen. Ein Buch, das Mut macht!
TEIL I:
KINDHEITSERFAHRUNGEN
Frühkindliche Prägungen einer leistungsorientierten Gesellschaft
Auszug aus meiner Kindheit
Wir Kinder trugen oftmals Wettkämpfe und dergleichen aus. Dabei ging nicht selten etwas kaputt. Das war fatal. Gab es dann doch ein Corpus Delicti. Dementsprechend verhängten meine Eltern eine Strafe, manchmal auch körperlich. So lernte ich schon als kleines Kind, dass es besser ist, unauffällig, ja manchmal sogar unsichtbar zu sein. Für mein Dafürhalten gab es wenig Gerechtigkeit, worunter mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn sehr zu leiden hatte. Was aber noch wichtiger ist: Ich lernte den Zustand von Angst. Zu diesem Zeitpunkt verstand ich zwar das dahinterstehende Prinzip nicht, aber der Grundstein wurde gelegt und in der Kirche sowie in der Schule und später im Arbeitsleben fortgesetzt. Immer kam es darauf an, sich anzupassen, um ja nicht aufzufallen, vor allem nicht negativ.
Und noch ein Prinzip wurde geschaffen: das Leistungsprinzip. Denn wer sich an die Regel hielt und z. B. in der Schule gute Noten schrieb, der konnte, zumindest für einen kurzen Moment, Anerkennung und Lob einstreichen. Dadurch wurde natürlich unbewusst Neid und Missgunst, vor allem unter uns Kindern, geschürt. Vielleicht waren sich meine Eltern darüber nicht bewusst. Aber so kleine Seelen hätten eventuell mehr Zuwendung gebraucht, wenn sie mit einer schlechten Note nach Hause kamen. Stattdessen gab es Vorhaltungen, warum man nicht so gut abgeschnitten hatte wie der andere. Es entstanden Eifersüchteleien, die darin gipfelten, dass wir um die Gunst unserer Eltern buhlten. Bezogen auf das Schulsystem wurden wir auf das Prinzip „Der Bessere hat Recht!“ gemünzt. Dieses System berücksichtigte nicht, dass jedes Kind ein Individuum darstellte, das seine eigenen, unterschiedlichen Talente zu unterschiedlichen Zeiten auslebte.
Hineingepresst in Klassen, bereits in der Grundschule mit vierzig und mehr Mitschülern, in der dritten Klasse waren es sogar neunundvierzig, sollten wir uns Wissen aneignen, das nach keinem kindgerechten System erfolgte. Entsprach man nicht der Norm, wurde aussortiert.
Ich erinnere mich daran, dass ein Mädchen in der ersten Klasse ihre Puppe in den Unterricht mitgebracht hatte und sich sehr viel mit dieser beschäftigte. Während des Unterrichts konnte dies natürlich nicht geduldet werden. Nach einer entsprechenden Beobachtungszeit kam die Lehrerin zu dem Entschluss, das Mädchen aus dem Schulunterricht nach Hause zu ihrer Mutter zu verweisen. Begründung: Das Mädchen sei noch unreif. Vielleicht bedeutete dies, aus heutiger Sicht betrachtet, für das Mädchen sogar einen Glücksfall. Konnte sie doch noch ein Jahr länger unter der Obhut ihrer Mutter ihr Leben frei von Schulzwängen genießen. Damals war dies ein Skandal. Die Leute zerrissen sich die Münder über den Vorfall.
Und auch ich hatte Glück. Sehr viel Glück! Ich gehörte zu den Kindern, die anders waren als die meisten. Meine Aussprache entsprach nicht der Norm. Anstatt „sch“ sprach ich ein „s“. Dies hörte sich oftmals lustig an, da ich in Süddeutschland und nicht in Norddeutschland aufwuchs, wo gelegentlich Wörter, die mit „s“ geschrieben werden, auch so ausgesprochen werden. Ein Beispiel wäre hier: „Wurst!“ In Bayern spricht man: „Wurscht!“ Bei der Einschulung wurden Sprachtests durchgeführt. Diese konnte ich nicht erfüllen. So stand die Einschulung in die Regelschule für mich auf der Kippe. Meiner Mutter wurde angeraten, mich in die Sonderschule zu schicken. Zu dem damaligen Zeitpunkt wurde diese von Kindern besucht, die echte Defizite im körperlichen oder geistigen Bereich hatten. Mir hingegen fehlte lediglich die richtige Aussprachetechnik, was sich noch zeigen sollte. Meine Mutter war absolut gegen so eine Maßnahme. Wie eine Löwin stellte sie sich vor mich und bewirkte durch ihr energisches Auftreten, dass ich in die Regelschule eingestuft wurde. Zeitgleich bekam ich durch einen Therapeuten – heute würde man Logopäde dazu sagen – regelmäßiges Sprachtraining. Zusätzlich wurde uns eine zahnärztliche Untersuchung angeraten. Meine beiden oberen Schneidezähne wiesen eine große Lücke auf, durch welche die durchfließende Luft einen lauten Zischlaut erzeugte. Tatsächlich erfolgte nach der zahnärztlichen Untersuchung eine Zahnoperation. Dabei wurde unter anderem Zahnfleisch entfernt. Mit mechanischen Hilfsmitteln konnten die beiden Schneidezähne dazu bewegt werden, die Lücke zu schließen. Als die Heilung nach einer längeren Heilungsphase abgeschlossen war, war die Lücke geschlossen. Und, oh, welch Wunder, mir gelang die Aussprache makellos. Mein „Sprachfehler“ war bereinigt.
Nun konnte ich die von mir geforderten Leistungen erbringen, welche sich oftmals im oberen Drittel befanden. Denn nun galt das Prinzip: „Gute Leistung = Anerkennung!“ Automatisch zieht man so das Augenmerk der Neider auf sich. Zu dem damaligen Zeitpunkt wusste ich natürlich nicht, wie man sich davor schützen konnte.
Der Einfluss von Religionen auf unser Leben
Aufwachsen in einer katholischen Familie
Meine beiden Eltern wuchsen mit der katholischen Religionslehre auf. Für sie gab es also Sünden und man musste Buße tun. Es gab die zehn Gebote und nach diesen sollte gelebt werden.
Bereits als kleines Kind wurde ich zum Kirchgang mitgenommen, um so in die rituellen Handlungen hineinzuwachsen. Soweit ich mich erinnern kann, fand ich unsere Kirche sehr schön. Sie hatte hohe Rundbögen, unter welchen die Gläubigen Platz fanden. Der Altar befand sich, auf einem Podest erhöht, in der Mitte der Kirche. Hinter dem Podest ging es in die Sakristei. Darüber war der Raum für den Organisten und den Chor. Dieser war mit Stelen von den Gottesdienstbesuchern abgeschirmt. Über diesem Bereich ragte eine, für mich riesengroße, aus Beton und bunt bemaltem Glas, glitzernde und funkelnde Rosette. Diese habe ich mir immer und immer wieder angesehen. Wenn wir also einen freien Platz in den Bankreihen gefunden hatten, mit Blick auf diese Rosette, war es gar nicht so schlimm, den Gottesdienst besuchen zu müssen.
Dann wurde ich älter. Die rituellen Handlungen wurden mir mehr und mehr bewusst und so durfte ich auch nicht mehr einfach lachen oder etwas sagen. Ich musste mich immer wieder einmal hinknien und wieder aufstehen, sitzen und wieder aufstehen, das Kreuzzeichen über Kopf und Körper zeichnen, Gebete sprechen und manchmal durfte ich singen. Das gefiel mir. Oft habe ich dabei meine eigenen Texte verwendet. Dies ist nicht aufgefallen, da die anderen Messbesucher sehr laut sangen.
Was ich gar nicht mochte, war der Weihrauch. An bestimmten Tagen (später erfuhr ich, dass dies Feiertage waren) wurde in einem Gefäß, welches an einer Kette hing, Weihrauch entzündet. Einer der Ministranten oder der Pfarrer selbst schwang dieses hin und her, sodass der Rauch, welcher aus dem Kessel hochstieg, jeden Winkel dieser großen Kirche durchdrang. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte ich genug von diesem Ritual und verabschiedete mich regelmäßig in die Bewusstlosigkeit. Jedes Mal kam ich nur ganz langsam zu mir. Aus der Ferne drangen fremde Stimmen an mein Ohr. Ganz verschwommen sah ich Lichter, groß und hell, und eine wohlige Wärme breitete sich aus. In diesem Gefühl hätte ich am liebsten verharren wollen. Dann bemerkte ich, wie jemand meinen Körper schüttelte und rüttelte. Die Stimmen formten sich zu Worten und ich hörte immer wieder den Anfang meines Namens: „Christ …, was ist mit dir?“ Besorgt gab meine Mutter diese Worte von sich. Als Nächstes wurde ich entweder in der Kirchenbank aufgesetzt und, falls dies fehlschlug, aus der Kirche getragen. Dann war für uns der Gottesdienst beendet.
So musste ich als kleines Kind nicht mehr jeden Sonntag den Kirchgang absolvieren. In der Regel waren es die Feiertage, an denen ich wieder dabei war. Aber genau an diesen Tagen wurde mit Weihrauch hantiert.
Als ich dann in die Schule kam, sollten natürlich alle Kinder den Gottesdienst besuchen, insbesondere wenn die „Erste Heilige Kommunion“ begangen wurde. Dies ist im Alter von ca. neun Jahren. Dabei wurde vorher im Religionsunterricht gelehrt, was Sünde und Buße ist. Im Beichtstuhl sollten wir alle unsere Sünden dem Pfarrer vortragen und bekamen dann z. B. ein „Vater unser“ oder „Ave Maria“ zur Buße auf. Meist fanden sich auf unseren Beichtzetteln so etwas wie: „Ich habe gelogen! Ich habe mit meinen Geschwistern gestritten! Ich habe nicht getan, was meine Eltern von mir wollten!“ usw. Mit feuchten Händen hielten wir unsere Beichtzettel und hofften, der Pfarrer möge gnädig sein und die Buße falle nicht allzu kräftig aus.
Eine ernsthafte Sünde hatte von uns Kindern natürlich niemand. Aus heutiger Sicht finde ich dieses Ritual ziemlich fragwürdig. Damals hinterfragte dies von uns Kindern keiner. Da ein Streit unter Geschwistern nicht auszuschließen war, fand ich mich immer wieder mit den gleichen Anliegen.
Weil ich die zehn Gebote nicht einhalten konnte, prägte sich der Eindruck bei mir ein, ich sei eine „Sünderin“! Somit wuchs ich mit dem Gedanken auf, ständig etwas falsch zu machen, und nur der Pfarrer oder der liebe Gott konnten entscheiden, wie schwerwiegend meine Vergehen waren.
Weihnachtszeit im Kindheitsalter
Die Adventszeit war bei uns zu Hause eine wirklich besondere Zeit. Wir Kinder freuten uns auf die Abende. Oftmals saßen wir zusammen um den Adventskranz. Auf diesem wurde zuerst eine und im wöchentlichen Abstand bis zu vier Kerzen angezündet. Der Kranz aus Tannenzweigen wurde mit roten Bändern umwickelt und an einem dafür extra hergestellten Ständer aufgehängt. Dadurch konnte der Kranz ein klein wenig hin- und herschwingen, was in dem dunklen Zimmer an den Wänden bizarre Formen entstehen ließ. Manchmal sangen wir zusammen Lieder oder wir aßen Mandarinen. Die Schale davon hielten wir über die Kerzenflamme und sogleich verbreitete sich das wundervolle Aroma der ätherischen Öle im ganzen Raum. Um das besondere Ambiente noch zu erhöhen, zwickten wir uns von den Zweigen des Kranzes kleine Nadelbüschel ab und hielten diese ebenfalls in die Flamme. Diese begannen sogleich zu glühen und der unvergleichliche Duft durchströmte das ganze Zimmer. Wir Kinder konnten von diesem außergewöhnlichen „Duftgemisch“ gar nicht genug bekommen, aber unsere Eltern stellten diese „Zündelei“ nach kürzester Zeit ein. Sie erklärten uns, dass dadurch schon viele Wohnungen in Brand geraten seien.
Um die Nikolauszeit, 6. Dezember, war ein buntes Treiben im Haus zu vernehmen. Zunächst wurden Einkäufe getätigt, die allerlei Backzutaten beinhalteten, welche sonst das ganze Jahr über nicht in solchen Mengen eingekauft wurden. Da waren Zitronen, Vanillezucker, Rumaroma, Bittermandelaroma, Arrak, Buttervanille, Rosinen, Schokolade, Nüsse, Mandeln, Kokosflocken, Schokoladenglasur, Mehl, Zucker, Eier, bunte Zuckerstreusel, um nur einige zu nennen. In der Küche wurde die Arbeitsplatte leergeräumt. Und dann wurden Plätzchen gebacken. Den ganzen Tag! Mehrere Tage!
Unser Esszimmer hatte durch eine Durchreiche mit der Küche Verbindung. Oft drängten wir Kinder uns in die Durchreiche, um das Treiben hautnah mitzuverfolgen. In der Küche selbst hätten wir den Ablauf gestört. Mit Spannung sahen wir also den emsigen Vorgängen zu und hofften sehnlichst, dass beim Herausholen aus dem Ofen ein paar Plätzchen entzweibrachen. Diese durften wir dann genüsslich verzehren. Je nach Plätzchensorte konnten wir unsere Mutter tatkräftig unterstützen, z. B. bei den Vanillekipferln, diese wendeten wir noch warm in Puderzucker. Andere wiederum durften kalt mit Puderzuckerglasur oder Schokoladenglasur und bunten Streuseln verziert werden und wieder andere wurden mit Marmelade bestrichen und dann mit einem zweiten Plätzchen zusammengeklebt und in Puderzucker gewendet. So hatten wir das Gefühl, unsere Mutter tatkräftig bei der Plätzchenbackaktion zu unterstützen. Zur Aufbewahrung wurden riesige Kartons mit Weihnachtspapier ausgeschlagen, in welchen die enormen Plätzchenberge aufbewahrt wurden. Sorgfältig verschlossen wurden diese an einen kühlen Ort gestellt. Der Verzehr der Plätzchen war hauptsächlich für den Weihnachtsabend und die darauffolgende Zeit gedacht. Zwischendurch gab es nur am Nikolaustag oder den Adventssonntagen eine Kostprobe. Advent heißt auch Verzicht, Vorfreude haben, warten auf den Herrn, dessen Geburtstag am Hl. Abend, dem 24. Dezember, gefeiert wird.
Gute Bekannte oder Freunde der Familie bekamen alljährlich ein großes Plätzchenpaket. Und die Versicherung dieser Menschen, die Plätzchen würden einzigartig gut schmecken, löste bei meiner Mutter schon die Notiz aus, diese Menschen im nächsten Jahr nicht zu vergessen. So konnten sich diese sicher sein, dass sie wieder mit einem reichen Plätzchensegen bedacht wurden.
Manchmal konnten wir es nicht erwarten, bis wir Plätzchen essen durften, und so suchten wir heimlich nach diesen Schatzkisten und wurden oftmals fündig. Zu Beginn fiel es nicht auf, wenn wir aus den vollen Kartons heimlich einige entwendeten. Doch irgendwann wurden wir erwischt und gerügt. Meist war es dann aber sowieso nicht mehr lange hin bis zum Hl. Abend. Davor hatten wir aber auch noch einiges zu tun. Denn uns wurde erzählt, dass das Christkind nicht kommen könne, wenn nicht alle unsere Spielsachen gesäubert und die Zimmer aufgeräumt seien. Tagelang sortierten wir durcheinandergefallene Legosteine. Mir war es besonders wichtig, dass meine Puppen sauber, ordentlich gekämmt und mit frischer Kleidung versehen wurden.
Ein Nikolaustag blieb mir besonders im Gedächtnis. Als meine jüngere Schwester noch so klein war, dass sie in ihrem Gitterbettchen auf den Hl. Nikolaus wartete, kam für mich der prachtvollste und beeindruckendste Nikolaus zu uns. Dieser hatte auf dem Kopf diese herrliche Mitra, lila und mit Gold verziert. Damit war dieser Mann so groß, dass er nicht durch den Türrahmen passte, ohne sich ducken zu müssen. Sein Gewand, ebenfalls im Grundton lilafarben, wies so viele Verzierungen auf, dass ich sie im Einzelnen nicht beschreiben kann. Darunter lugte ein längeres, dünnes Gewand mit weißen Spitzen hervor. An den Händen trug er weiße Handschuhe. In der einen Hand hielt er ein goldenes Buch und in der anderen Hand einen goldenen, verschnörkelten Stab, der beinahe so groß war wie er samt Bischofsmütze. Ein langer, weißer Bart verdeckte sein Gesicht. Insgesamt war er eine wirklich imposante Erscheinung. Aber er kam nicht allein. Ein vollkommen schwarz gekleideter Gehilfe folgte ihm. Seine zottelige Kleidung bedeckte den ganzen Körper und den Kopf, nur die Augen lugten hervor. Er war furchteinflößend. Dazu kam, dass er in der einen Hand einen großen Sack schleppte und in der anderen eine Rute mit sich führte. Damit fuchtelte er immer wieder bedrohlich nah vor unseren Gesichtern herum. Zusätzlich murmelte er, wenn wir nicht brav gewesen waren, gäbe es zur Strafe mit der Rute Schläge.
Meine Schwester fing daraufhin lauthals an zu weinen, so hatte sie sich gefürchtet. Es brauchte einige Zeit und Zuwendung seitens meiner Mama und auch der Nikolaus musste ihr versichern, dass sie in den Händen meiner Mutter sicher sei. Schnell fing meine Mutter an, ein Gebet zu sprechen, welches sie täglich mit uns betete. Dies entzerrte die Situation sofort. Der Nikolaus hatte ein großes, goldenes Buch mitgebracht, worin das ganze Jahr über notiert wurde, ob wir Kinder brav oder ungehorsam waren. In unserem Fall las der Nikolaus nur „Gutes“! Wir waren erleichtert. So öffnete der Helfer, welcher auch „Krampus“ genannt wird, seinen mit kleinen Geschenken gefüllten Sack und gab uns Kindern eines davon. Dann sangen wir alle zusammen ein Lied und der Nikolaus samt Gefolge verließ unser Zuhause.
Sogleich öffneten wir unsere kleinen Säckchen und freuten uns über Mandarinen, Nüsse, getrocknete Datteln und Feigen. Als ich schon einige Jahre älter war, bekam ich für meine Barbiepuppe sogar ein Kleid. Das jedoch war eine Ausnahme. In der Regel bekamen wir o. g. Dinge. Zur damaligen Zeit war dies für uns etwas Außergewöhnliches, da es diese Nahrungsmittel nur zur Winterzeit zu kaufen gab. Die Krönung war dann auch der liebevoll gestaltete Plätzchenteller meiner Mutter. Sofort machten wir uns darüber her und fast vergessen war der Schock, den uns der schwarze Geselle eingejagt hatte. Die Erinnerung an diesen festlich gekleideten Nikolaus blieb mir bis heute erhalten.
Jahre später erfuhr ich, dass unter diesem prachtvollen Gewand unser Pfarrer steckte. Dieser wurde samt Gefolge von meinen Eltern bestellt. Und die Zeilen im goldenen Buch wurden unbemerkt vor dem Eintreten in unser Esszimmer von meinem Vater in das Buch gelegt. Damals erhoffte man sich durch solche Aktionen, die Kinder zu guten Menschen zu erziehen. Frei nach dem Motto: Wer brav ist, bekommt Gutes, wer böse ist, bekommt Strafe.
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KINDHEITSERFAHRUNGEN
Frühkindliche Prägungen einer leistungsorientierten Gesellschaft
Auszug aus meiner Kindheit
Wir Kinder trugen oftmals Wettkämpfe und dergleichen aus. Dabei ging nicht selten etwas kaputt. Das war fatal. Gab es dann doch ein Corpus Delicti. Dementsprechend verhängten meine Eltern eine Strafe, manchmal auch körperlich. So lernte ich schon als kleines Kind, dass es besser ist, unauffällig, ja manchmal sogar unsichtbar zu sein. Für mein Dafürhalten gab es wenig Gerechtigkeit, worunter mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn sehr zu leiden hatte. Was aber noch wichtiger ist: Ich lernte den Zustand von Angst. Zu diesem Zeitpunkt verstand ich zwar das dahinterstehende Prinzip nicht, aber der Grundstein wurde gelegt und in der Kirche sowie in der Schule und später im Arbeitsleben fortgesetzt. Immer kam es darauf an, sich anzupassen, um ja nicht aufzufallen, vor allem nicht negativ.
Und noch ein Prinzip wurde geschaffen: das Leistungsprinzip. Denn wer sich an die Regel hielt und z. B. in der Schule gute Noten schrieb, der konnte, zumindest für einen kurzen Moment, Anerkennung und Lob einstreichen. Dadurch wurde natürlich unbewusst Neid und Missgunst, vor allem unter uns Kindern, geschürt. Vielleicht waren sich meine Eltern darüber nicht bewusst. Aber so kleine Seelen hätten eventuell mehr Zuwendung gebraucht, wenn sie mit einer schlechten Note nach Hause kamen. Stattdessen gab es Vorhaltungen, warum man nicht so gut abgeschnitten hatte wie der andere. Es entstanden Eifersüchteleien, die darin gipfelten, dass wir um die Gunst unserer Eltern buhlten. Bezogen auf das Schulsystem wurden wir auf das Prinzip „Der Bessere hat Recht!“ gemünzt. Dieses System berücksichtigte nicht, dass jedes Kind ein Individuum darstellte, das seine eigenen, unterschiedlichen Talente zu unterschiedlichen Zeiten auslebte.
Hineingepresst in Klassen, bereits in der Grundschule mit vierzig und mehr Mitschülern, in der dritten Klasse waren es sogar neunundvierzig, sollten wir uns Wissen aneignen, das nach keinem kindgerechten System erfolgte. Entsprach man nicht der Norm, wurde aussortiert.
Ich erinnere mich daran, dass ein Mädchen in der ersten Klasse ihre Puppe in den Unterricht mitgebracht hatte und sich sehr viel mit dieser beschäftigte. Während des Unterrichts konnte dies natürlich nicht geduldet werden. Nach einer entsprechenden Beobachtungszeit kam die Lehrerin zu dem Entschluss, das Mädchen aus dem Schulunterricht nach Hause zu ihrer Mutter zu verweisen. Begründung: Das Mädchen sei noch unreif. Vielleicht bedeutete dies, aus heutiger Sicht betrachtet, für das Mädchen sogar einen Glücksfall. Konnte sie doch noch ein Jahr länger unter der Obhut ihrer Mutter ihr Leben frei von Schulzwängen genießen. Damals war dies ein Skandal. Die Leute zerrissen sich die Münder über den Vorfall.
Und auch ich hatte Glück. Sehr viel Glück! Ich gehörte zu den Kindern, die anders waren als die meisten. Meine Aussprache entsprach nicht der Norm. Anstatt „sch“ sprach ich ein „s“. Dies hörte sich oftmals lustig an, da ich in Süddeutschland und nicht in Norddeutschland aufwuchs, wo gelegentlich Wörter, die mit „s“ geschrieben werden, auch so ausgesprochen werden. Ein Beispiel wäre hier: „Wurst!“ In Bayern spricht man: „Wurscht!“ Bei der Einschulung wurden Sprachtests durchgeführt. Diese konnte ich nicht erfüllen. So stand die Einschulung in die Regelschule für mich auf der Kippe. Meiner Mutter wurde angeraten, mich in die Sonderschule zu schicken. Zu dem damaligen Zeitpunkt wurde diese von Kindern besucht, die echte Defizite im körperlichen oder geistigen Bereich hatten. Mir hingegen fehlte lediglich die richtige Aussprachetechnik, was sich noch zeigen sollte. Meine Mutter war absolut gegen so eine Maßnahme. Wie eine Löwin stellte sie sich vor mich und bewirkte durch ihr energisches Auftreten, dass ich in die Regelschule eingestuft wurde. Zeitgleich bekam ich durch einen Therapeuten – heute würde man Logopäde dazu sagen – regelmäßiges Sprachtraining. Zusätzlich wurde uns eine zahnärztliche Untersuchung angeraten. Meine beiden oberen Schneidezähne wiesen eine große Lücke auf, durch welche die durchfließende Luft einen lauten Zischlaut erzeugte. Tatsächlich erfolgte nach der zahnärztlichen Untersuchung eine Zahnoperation. Dabei wurde unter anderem Zahnfleisch entfernt. Mit mechanischen Hilfsmitteln konnten die beiden Schneidezähne dazu bewegt werden, die Lücke zu schließen. Als die Heilung nach einer längeren Heilungsphase abgeschlossen war, war die Lücke geschlossen. Und, oh, welch Wunder, mir gelang die Aussprache makellos. Mein „Sprachfehler“ war bereinigt.
Nun konnte ich die von mir geforderten Leistungen erbringen, welche sich oftmals im oberen Drittel befanden. Denn nun galt das Prinzip: „Gute Leistung = Anerkennung!“ Automatisch zieht man so das Augenmerk der Neider auf sich. Zu dem damaligen Zeitpunkt wusste ich natürlich nicht, wie man sich davor schützen konnte.
Der Einfluss von Religionen auf unser Leben
Aufwachsen in einer katholischen Familie
Meine beiden Eltern wuchsen mit der katholischen Religionslehre auf. Für sie gab es also Sünden und man musste Buße tun. Es gab die zehn Gebote und nach diesen sollte gelebt werden.
Bereits als kleines Kind wurde ich zum Kirchgang mitgenommen, um so in die rituellen Handlungen hineinzuwachsen. Soweit ich mich erinnern kann, fand ich unsere Kirche sehr schön. Sie hatte hohe Rundbögen, unter welchen die Gläubigen Platz fanden. Der Altar befand sich, auf einem Podest erhöht, in der Mitte der Kirche. Hinter dem Podest ging es in die Sakristei. Darüber war der Raum für den Organisten und den Chor. Dieser war mit Stelen von den Gottesdienstbesuchern abgeschirmt. Über diesem Bereich ragte eine, für mich riesengroße, aus Beton und bunt bemaltem Glas, glitzernde und funkelnde Rosette. Diese habe ich mir immer und immer wieder angesehen. Wenn wir also einen freien Platz in den Bankreihen gefunden hatten, mit Blick auf diese Rosette, war es gar nicht so schlimm, den Gottesdienst besuchen zu müssen.
Dann wurde ich älter. Die rituellen Handlungen wurden mir mehr und mehr bewusst und so durfte ich auch nicht mehr einfach lachen oder etwas sagen. Ich musste mich immer wieder einmal hinknien und wieder aufstehen, sitzen und wieder aufstehen, das Kreuzzeichen über Kopf und Körper zeichnen, Gebete sprechen und manchmal durfte ich singen. Das gefiel mir. Oft habe ich dabei meine eigenen Texte verwendet. Dies ist nicht aufgefallen, da die anderen Messbesucher sehr laut sangen.
Was ich gar nicht mochte, war der Weihrauch. An bestimmten Tagen (später erfuhr ich, dass dies Feiertage waren) wurde in einem Gefäß, welches an einer Kette hing, Weihrauch entzündet. Einer der Ministranten oder der Pfarrer selbst schwang dieses hin und her, sodass der Rauch, welcher aus dem Kessel hochstieg, jeden Winkel dieser großen Kirche durchdrang. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte ich genug von diesem Ritual und verabschiedete mich regelmäßig in die Bewusstlosigkeit. Jedes Mal kam ich nur ganz langsam zu mir. Aus der Ferne drangen fremde Stimmen an mein Ohr. Ganz verschwommen sah ich Lichter, groß und hell, und eine wohlige Wärme breitete sich aus. In diesem Gefühl hätte ich am liebsten verharren wollen. Dann bemerkte ich, wie jemand meinen Körper schüttelte und rüttelte. Die Stimmen formten sich zu Worten und ich hörte immer wieder den Anfang meines Namens: „Christ …, was ist mit dir?“ Besorgt gab meine Mutter diese Worte von sich. Als Nächstes wurde ich entweder in der Kirchenbank aufgesetzt und, falls dies fehlschlug, aus der Kirche getragen. Dann war für uns der Gottesdienst beendet.
So musste ich als kleines Kind nicht mehr jeden Sonntag den Kirchgang absolvieren. In der Regel waren es die Feiertage, an denen ich wieder dabei war. Aber genau an diesen Tagen wurde mit Weihrauch hantiert.
Als ich dann in die Schule kam, sollten natürlich alle Kinder den Gottesdienst besuchen, insbesondere wenn die „Erste Heilige Kommunion“ begangen wurde. Dies ist im Alter von ca. neun Jahren. Dabei wurde vorher im Religionsunterricht gelehrt, was Sünde und Buße ist. Im Beichtstuhl sollten wir alle unsere Sünden dem Pfarrer vortragen und bekamen dann z. B. ein „Vater unser“ oder „Ave Maria“ zur Buße auf. Meist fanden sich auf unseren Beichtzetteln so etwas wie: „Ich habe gelogen! Ich habe mit meinen Geschwistern gestritten! Ich habe nicht getan, was meine Eltern von mir wollten!“ usw. Mit feuchten Händen hielten wir unsere Beichtzettel und hofften, der Pfarrer möge gnädig sein und die Buße falle nicht allzu kräftig aus.
Eine ernsthafte Sünde hatte von uns Kindern natürlich niemand. Aus heutiger Sicht finde ich dieses Ritual ziemlich fragwürdig. Damals hinterfragte dies von uns Kindern keiner. Da ein Streit unter Geschwistern nicht auszuschließen war, fand ich mich immer wieder mit den gleichen Anliegen.
Weil ich die zehn Gebote nicht einhalten konnte, prägte sich der Eindruck bei mir ein, ich sei eine „Sünderin“! Somit wuchs ich mit dem Gedanken auf, ständig etwas falsch zu machen, und nur der Pfarrer oder der liebe Gott konnten entscheiden, wie schwerwiegend meine Vergehen waren.
Weihnachtszeit im Kindheitsalter
Die Adventszeit war bei uns zu Hause eine wirklich besondere Zeit. Wir Kinder freuten uns auf die Abende. Oftmals saßen wir zusammen um den Adventskranz. Auf diesem wurde zuerst eine und im wöchentlichen Abstand bis zu vier Kerzen angezündet. Der Kranz aus Tannenzweigen wurde mit roten Bändern umwickelt und an einem dafür extra hergestellten Ständer aufgehängt. Dadurch konnte der Kranz ein klein wenig hin- und herschwingen, was in dem dunklen Zimmer an den Wänden bizarre Formen entstehen ließ. Manchmal sangen wir zusammen Lieder oder wir aßen Mandarinen. Die Schale davon hielten wir über die Kerzenflamme und sogleich verbreitete sich das wundervolle Aroma der ätherischen Öle im ganzen Raum. Um das besondere Ambiente noch zu erhöhen, zwickten wir uns von den Zweigen des Kranzes kleine Nadelbüschel ab und hielten diese ebenfalls in die Flamme. Diese begannen sogleich zu glühen und der unvergleichliche Duft durchströmte das ganze Zimmer. Wir Kinder konnten von diesem außergewöhnlichen „Duftgemisch“ gar nicht genug bekommen, aber unsere Eltern stellten diese „Zündelei“ nach kürzester Zeit ein. Sie erklärten uns, dass dadurch schon viele Wohnungen in Brand geraten seien.
Um die Nikolauszeit, 6. Dezember, war ein buntes Treiben im Haus zu vernehmen. Zunächst wurden Einkäufe getätigt, die allerlei Backzutaten beinhalteten, welche sonst das ganze Jahr über nicht in solchen Mengen eingekauft wurden. Da waren Zitronen, Vanillezucker, Rumaroma, Bittermandelaroma, Arrak, Buttervanille, Rosinen, Schokolade, Nüsse, Mandeln, Kokosflocken, Schokoladenglasur, Mehl, Zucker, Eier, bunte Zuckerstreusel, um nur einige zu nennen. In der Küche wurde die Arbeitsplatte leergeräumt. Und dann wurden Plätzchen gebacken. Den ganzen Tag! Mehrere Tage!
Unser Esszimmer hatte durch eine Durchreiche mit der Küche Verbindung. Oft drängten wir Kinder uns in die Durchreiche, um das Treiben hautnah mitzuverfolgen. In der Küche selbst hätten wir den Ablauf gestört. Mit Spannung sahen wir also den emsigen Vorgängen zu und hofften sehnlichst, dass beim Herausholen aus dem Ofen ein paar Plätzchen entzweibrachen. Diese durften wir dann genüsslich verzehren. Je nach Plätzchensorte konnten wir unsere Mutter tatkräftig unterstützen, z. B. bei den Vanillekipferln, diese wendeten wir noch warm in Puderzucker. Andere wiederum durften kalt mit Puderzuckerglasur oder Schokoladenglasur und bunten Streuseln verziert werden und wieder andere wurden mit Marmelade bestrichen und dann mit einem zweiten Plätzchen zusammengeklebt und in Puderzucker gewendet. So hatten wir das Gefühl, unsere Mutter tatkräftig bei der Plätzchenbackaktion zu unterstützen. Zur Aufbewahrung wurden riesige Kartons mit Weihnachtspapier ausgeschlagen, in welchen die enormen Plätzchenberge aufbewahrt wurden. Sorgfältig verschlossen wurden diese an einen kühlen Ort gestellt. Der Verzehr der Plätzchen war hauptsächlich für den Weihnachtsabend und die darauffolgende Zeit gedacht. Zwischendurch gab es nur am Nikolaustag oder den Adventssonntagen eine Kostprobe. Advent heißt auch Verzicht, Vorfreude haben, warten auf den Herrn, dessen Geburtstag am Hl. Abend, dem 24. Dezember, gefeiert wird.
Gute Bekannte oder Freunde der Familie bekamen alljährlich ein großes Plätzchenpaket. Und die Versicherung dieser Menschen, die Plätzchen würden einzigartig gut schmecken, löste bei meiner Mutter schon die Notiz aus, diese Menschen im nächsten Jahr nicht zu vergessen. So konnten sich diese sicher sein, dass sie wieder mit einem reichen Plätzchensegen bedacht wurden.
Manchmal konnten wir es nicht erwarten, bis wir Plätzchen essen durften, und so suchten wir heimlich nach diesen Schatzkisten und wurden oftmals fündig. Zu Beginn fiel es nicht auf, wenn wir aus den vollen Kartons heimlich einige entwendeten. Doch irgendwann wurden wir erwischt und gerügt. Meist war es dann aber sowieso nicht mehr lange hin bis zum Hl. Abend. Davor hatten wir aber auch noch einiges zu tun. Denn uns wurde erzählt, dass das Christkind nicht kommen könne, wenn nicht alle unsere Spielsachen gesäubert und die Zimmer aufgeräumt seien. Tagelang sortierten wir durcheinandergefallene Legosteine. Mir war es besonders wichtig, dass meine Puppen sauber, ordentlich gekämmt und mit frischer Kleidung versehen wurden.
Ein Nikolaustag blieb mir besonders im Gedächtnis. Als meine jüngere Schwester noch so klein war, dass sie in ihrem Gitterbettchen auf den Hl. Nikolaus wartete, kam für mich der prachtvollste und beeindruckendste Nikolaus zu uns. Dieser hatte auf dem Kopf diese herrliche Mitra, lila und mit Gold verziert. Damit war dieser Mann so groß, dass er nicht durch den Türrahmen passte, ohne sich ducken zu müssen. Sein Gewand, ebenfalls im Grundton lilafarben, wies so viele Verzierungen auf, dass ich sie im Einzelnen nicht beschreiben kann. Darunter lugte ein längeres, dünnes Gewand mit weißen Spitzen hervor. An den Händen trug er weiße Handschuhe. In der einen Hand hielt er ein goldenes Buch und in der anderen Hand einen goldenen, verschnörkelten Stab, der beinahe so groß war wie er samt Bischofsmütze. Ein langer, weißer Bart verdeckte sein Gesicht. Insgesamt war er eine wirklich imposante Erscheinung. Aber er kam nicht allein. Ein vollkommen schwarz gekleideter Gehilfe folgte ihm. Seine zottelige Kleidung bedeckte den ganzen Körper und den Kopf, nur die Augen lugten hervor. Er war furchteinflößend. Dazu kam, dass er in der einen Hand einen großen Sack schleppte und in der anderen eine Rute mit sich führte. Damit fuchtelte er immer wieder bedrohlich nah vor unseren Gesichtern herum. Zusätzlich murmelte er, wenn wir nicht brav gewesen waren, gäbe es zur Strafe mit der Rute Schläge.
Meine Schwester fing daraufhin lauthals an zu weinen, so hatte sie sich gefürchtet. Es brauchte einige Zeit und Zuwendung seitens meiner Mama und auch der Nikolaus musste ihr versichern, dass sie in den Händen meiner Mutter sicher sei. Schnell fing meine Mutter an, ein Gebet zu sprechen, welches sie täglich mit uns betete. Dies entzerrte die Situation sofort. Der Nikolaus hatte ein großes, goldenes Buch mitgebracht, worin das ganze Jahr über notiert wurde, ob wir Kinder brav oder ungehorsam waren. In unserem Fall las der Nikolaus nur „Gutes“! Wir waren erleichtert. So öffnete der Helfer, welcher auch „Krampus“ genannt wird, seinen mit kleinen Geschenken gefüllten Sack und gab uns Kindern eines davon. Dann sangen wir alle zusammen ein Lied und der Nikolaus samt Gefolge verließ unser Zuhause.
Sogleich öffneten wir unsere kleinen Säckchen und freuten uns über Mandarinen, Nüsse, getrocknete Datteln und Feigen. Als ich schon einige Jahre älter war, bekam ich für meine Barbiepuppe sogar ein Kleid. Das jedoch war eine Ausnahme. In der Regel bekamen wir o. g. Dinge. Zur damaligen Zeit war dies für uns etwas Außergewöhnliches, da es diese Nahrungsmittel nur zur Winterzeit zu kaufen gab. Die Krönung war dann auch der liebevoll gestaltete Plätzchenteller meiner Mutter. Sofort machten wir uns darüber her und fast vergessen war der Schock, den uns der schwarze Geselle eingejagt hatte. Die Erinnerung an diesen festlich gekleideten Nikolaus blieb mir bis heute erhalten.
Jahre später erfuhr ich, dass unter diesem prachtvollen Gewand unser Pfarrer steckte. Dieser wurde samt Gefolge von meinen Eltern bestellt. Und die Zeilen im goldenen Buch wurden unbemerkt vor dem Eintreten in unser Esszimmer von meinem Vater in das Buch gelegt. Damals erhoffte man sich durch solche Aktionen, die Kinder zu guten Menschen zu erziehen. Frei nach dem Motto: Wer brav ist, bekommt Gutes, wer böse ist, bekommt Strafe.
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