Ich mache mir Sorgen!
Eine gesellschaftskritische Betrachtung
EUR 13,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 62
ISBN: 978-3-7116-2074-3
Erscheinungsdatum: 17.09.2026
Jede und jeder Einzelne kann durch bewusste Entscheidungen und Engagement dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft wieder näher zusammenrückt. Angesichts der Ausweitung von Reality-TV und dem Verhalten in den sozialen Netzwerken ist das wichtiger denn je.
Vorwort
Ich mache mir Sorgen …
Während die Generationen der letzten hundert Jahre sich um Errungenschaften bemühten, die maßgeblich zur Verbesserung der Lebensumstände aller geführt haben, beschäftigen wir uns heute scheinbar meist nur noch damit, wie jeder Einzelne diese Errungenschaften zu seinem eigenen Vorteil nutzen kann.
Geld, Work-Life-Balance, Selbstverwirklichung und Gedankenlosigkeit rücken in den Vordergrund. Politik, Engagement und Gemeinschaftsfähigkeit verschwinden im Hintergrund.
Wir Menschen halten uns für die Speerspitze der Evolution.
Dabei ist der einzige – wenngleich auch der elementarste – Unterschied zu anderen Lebewesen der, dass wir aufgrund unserer kognitiven Fähigkeiten die Möglichkeit zum strategischen Denken besitzen. Wenn wir diese einzigartige Fähigkeit jedoch nicht nutzen, was unterscheidet uns dann noch von anderen Erdbewohnern?
In meinen Ausführungen beschäftige ich mich damit, wie insbesondere Social Media und Reality-TV diese unsere Fähigkeit mehr und mehr einschränken und eine positive gesellschaftliche Weiterentwicklung behindern.
Warum jetzt noch eine Veröffentlichung?
Es gibt bereits unzählige wissenschaftliche Studien, Untersuchungen und Positionspapiere zu den Themen Gefahren von Reality-TV und Social Media. Was nützt es jedoch, wenn diese in einer Sprache verfasst sind, die von nichtstudierten oder weniger gebildeten Bürgern nicht verstanden werden kann, auch weil sie nicht die Adressaten sind? Die Ausarbeitungen kursieren in einem eng gesteckten Rahmen wie etwa der großen und kleinen Politik, Universitäten und Fakultäten, und bleiben oft in diesem Rahmen stecken.
Natürlich sind Studien in der Regel von jedermann im Internet abrufbar. Wonach soll aber gesucht werden? Das ist nur zu erraten.
Auch bleibt die Sichtbarkeit vielfach hinter den persönlichen Algorithmen des Einzelnen verborgen.
Ferner haben wir Menschen die Eigenschaft verinnerlicht, sich erst dann mit etwas zu beschäftigen oder auseinanderzusetzen, wenn wir durch persönliche Lebensumstände konkret betroffen werden. Und ich möchte Betroffenheit auslösen. Polemisch, aber auch anhand von konkreten Beispielen, alle zusammen wahr und in einer Sprache, die jeder versteht – auch ohne Studium.
Wenngleich das Thema lediglich einen Teilaspekt unserer heutigen gesellschaftlichen Probleme darstellt, bedeutet es eine nicht zu unterschätzende Bedrohung für ein friedliches und zivilisiertes gesellschaftliches Zusammenleben. Und für mich ist das Schlimmste daran, dass zu vielen von uns nicht klar zu sein scheint, dass jeder Einzelne für ein Gesamtgeschehen mitverantwortlich ist.
Während andere Länder konkrete Sachverhalte oft schnell und konsequent angehen, bilden wir in Deutschland Arbeitskreise und Kommissionen, um Themen entweder zu verschleppen, den nächsten Wahlerfolg nicht zu gefährden oder weil es einfach nur unbequem ist. Dieses Verdrängen und Lamentieren statt anzupacken ist es, was mich in seinen Auswirkungen erschreckt und aus aktuellem Anlass aktiv werden lässt.
Und es ist ein Appell an den gesunden Menschenverstand jedes Einzelnen, sich sinnbringend mit Wissen und Können in eine Gesellschaft einzubringen, die mehr und mehr auseinanderdriftet und täglich nach Verbesserung schreit.
Gesellschaft im Wandel oder Realität vs. Reality
Geboren und aufgewachsen in einer Zeit, in der es nur eine „Lebens-Realität“ gab, habe ich neben meiner ganz persönlichen Geschichte vieles gesehen, gehört und erlebt: Hoch-Zeit und Fall der RAF, Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen, Rassendiskriminierung, Ölkrise, Anti-Atomkraftbewegung, Liberalisierung/Abschaffung des § 175 StGB und einiges mehr.
All diese wichtigen Themen wurden begleitet von schier unendlichen Debatten und Diskussionen. Da diese ausschließlich von „realen Menschen“ geführt wurden, gab es neben Fakten und Argumenten natürlich auch Emotionen und Fehlverhalten, deren oder dessen Entschuldbarkeit stets im Auge des Betrachters lag.
Für die Entwicklung, Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen war an erster Stelle die Familie (in meinem Fall weitestgehend meine Großmutter Erna) und erst an zweiter Stelle die Schule und Ausbildungsbetriebe zuständig und verantwortlich.
Die eigene Persönlichkeit, die eigenen Werte und Normen mussten ohne die Unterstützung elektronischer Medien oder „paralleler Welten“ definiert, geformt und gelebt werden.
Alles war real.
Endgültig erwachsen wurde ich dabei erst mit und durch meinen Beruf.
Mein gesamtes Arbeitsleben habe ich im Gesundheitswesen verbracht. Während der „Grundausbildung“ zur diplomierten Krankenschwester und danach in verschiedenen Sparten von universitärer Medizin über eine Klinik für Kinder- und Jugendmedizin bis hin zu Verbandsarbeit und stationärer Altenpflege – immer Vollzeit, die letzten 25 Jahre in Leitungs- und Führungsfunktion für bis zu 600 Mitarbeiter.
Arbeit mit Menschen für Menschen, geprägt durch ein tägliches Miteinander von Zuhören, Sprechen, Sehen, dem Versuch des Verstehens und abgestimmten Handelns.
Nicht selten gab es Auseinandersetzungen in fachlicher oder persönlicher Hinsicht. Missverständnisse, Kränkungen, Verletzungen, Zweifel, Misstrauen oder Enttäuschungen standen oft mit auf der Tagesordnung.
Im Laufe der Zeit gehörten elektronische Medien, dem Himmel sei Dank, vermehrt zum Arbeitsalltag. Richtig und sinnbringend angewandt: welch ein Segen.
Allerdings ist dort, wo Licht ist, der Schatten nicht weit entfernt.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends etablierte sich in Deutschland die erste Social-Media-Plattform „StudiVZ“, wurde jedoch nur wenige Jahre später durch „Facebook“ abgelöst. Was 2005 als Organisation des studentischen Lebens – inklusive Partyplanung – begann, wurde ab 2008 jedem Menschen unabhängig von Alter, Bildungsstand und Sozialniveau zugängig.
Zunächst sprangen vor allem junge Menschen auf den Zug auf, und viele von ihnen erfanden sich neu. Neue „Freunde“, bekannt oder unbekannt, neue „Aktivitäten“, Sichtbarkeit, Transparenz.
Kurzum, das soziale Leben veränderte sich mit Auswirkungen auf das Private wie Berufliche. That’s life.
An mir ist der Zug lange Zeit vorbeigefahren. Ich hatte meine Familie, meine Freunde, meine realen Interessen und meinen Beruf, kurzum mein Leben, mit dem ich zufrieden und häufig auch glücklich war. Natürlich kam ich nicht umhin, mich mit der Thematik Social Media zu befassen. Nicht zuletzt auch aus pragmatischen Gründen, wie etwa dem Finden von ehemaligen Freunden und Mitschülern oder beruflichem Recruiting.
Niemals hat jedoch bislang eine Plattform (auch wenn sie sich „social“ nennt) bei mir zur Lösung von beruflichen oder privaten Konflikten geholfen oder hätte helfen können.
Im Gegenteil. Spätestens seit den Generationen Y und Z sind gerade im Berufsalltag häufig inter- oder intrapersonelle Konflikte vor Ort auf eine mediale Ebene gehoben worden, die dort in der Eskalation kaum oder nicht mehr einzufangen waren.
So sehr ich mich auch bemühte, das veränderte Sozialverhalten insbesondere der mir nachfolgenden Generationen zu verstehen, gelang es mir nur zu einem Bruchteil.
Meine erlernten Werte, vor dem Handeln zuzuhören, nachzudenken, zu sprechen, nachzufragen und auch mögliche Lösungen zu diskutieren, gerieten mit der steigenden Zahl meiner Berufsjahre immer mehr ins Hintertreffen oder waren im schlechtesten Fall bei meinem Gegenüber nicht mehr vorhanden.
Leben ist Entwicklung, Entwicklung ist Fortschritt und Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Das ist auch gut so.
Ich bin jedoch nicht gezwungen, alles richtig oder gut zu finden – und glaube hiermit nicht allein zu sein.
So um das Jahr 2015 begann ich zu realisieren (ich war schon immer ein Spätzünder), in welchem Ausmaß sich neben der Ausweitung sozialer Netzwerke auch sogenannte Reality-Formate in der deutschen TV-Welt vervielfacht hatten: Nach einigen wenigen mehr oder minder erfolgreichen Formaten erschien zum Anfang des Millenniums die erste Staffel Big Brother, und Ich bin ein Star – holt mich hier raus! (IBES) ließ nicht mehr lange auf sich warten.
Zuschauerquoten stiegen und sorgten schnell für bedürfnisgerechte Anpassungen der Programme.
Im Jahr 2025 wurden bereits rund 40 verschiedene Reality-Formate linear oder per Streamingdienst ausgestrahlt. Deren Popularität in der vom Sender festgelegten werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen war nicht zu verhehlen.
Nicht nur in den Pausenräumen meiner Arbeitsstätten wurde ständig über dieses oder jenes Format gesprochen, die Akteure gelobt oder verunglimpft und darüber spekuliert, wie cool es doch wäre, ein Reality-Star zu sein.
Als eine Art persönliche Sozialstudie begann auch ich Reality-TV in meine Realität einzubeziehen.
IBES erschien mir dafür ein geeignetes und unterhaltsames Format – sehr zum Leidwesen meines Lebensgefährten.
Anfangs hatte ich gar nicht verstanden, um was es geht. Insbesondere bei den sogenannten Essensprüfungen habe ich mich immer wieder gefragt: „Wer denkt sich so etwas aus?
Was ist der Sinn und warum tun sich Menschen das an?“
Grenzen ausloten, Ängste überwinden, über sich hinauswachsen! Ist schon klar.
Vielleicht gab oder gibt es tatsächlich A–Z-Promis mit dieser Intention. Ich war und bin jedoch davon überzeugt, dass es den Teilnehmern unabhängig von Alter und Stand der Karriere nur um eines geht: Geld – und zwar möglichst viel davon, garniert mit Sendezeit und Followern.
Warum auch nicht. Die Nachfrage regelt das Angebot und das Angebot regelt die Nachfrage, und wenn die Einzelnen bereit sind, sich zum Affen zu machen …
Und wenn Zuschauer bereit sind, Sendung und Gagen durch Telefonvotings mitzufinanzieren – auch gut.
Ich habe bei jeder Sendung genau hingesehen, gut zugehört, beobachtet, viel gelacht und manchmal geweint. Mit jeder Folge erlag ich mehr dem Sog der Show. Selbst Ekel und Fremdschämen hatten auch für mich einen Unterhaltungswert, den ich durch das Ausblenden und Vorspulen von Votingaufrufen und Werbung der stets vorab aufgenommenen Sendungen noch komprimieren konnte.
Natürlich habe auch ich ab einem gewissen Zeitpunkt „meine“ Favoriten gehabt und bezüglich Finalteilnahme und gekrönter Häupter in den meisten Fällen Recht behalten. Ich hatte die Regeln gelernt. Ich hatte verstanden.
Das Verhalten der Teilnehmer veränderte sich über die jährlichen Staffeln „meines Dschungelbuchs“ langsam aber stetig – für mich keinesfalls zum Guten, jedoch auch nicht unbekannt aus dem realen Leben.
Den wenigsten Protagonisten schien bewusst zu sein, dass auch oder gerade im Reality-TV ihre Darbietung stilbildend für die Zuschauer und deren Realität sein kann.
Da teilten mehr oder weniger erwachsene Menschen vor laufenden Kameras vermeintlich ALLES von sich – oder von anderen. Ob wahr oder nicht, richtig oder falsch, es gab kein Tabu. Es wurde laut, unsachlich, persönlich. Und als ob das allein nicht schon reichen würde, wurde spätestens nach Ausstrahlung der Sendung in weiteren TV-Formaten und den sozialen Netzwerken von Nutzern/Followern/„Freunden“ weiter gelästert, geschimpft und diffamiert, immer eher die Menschen als Sachverhalte im Blick. All das schwappte auch deutlich in den Arbeitsalltag und wurde dort von vielen erneut diskutiert.
Patienten und Bewohner mussten da schon mal warten, bis das Ferngesehene mit den Kollegen „richtig“ eingeordnet war.
Ich hatte genug. Kurzum: Für meine Sozialstudie hatte es ohnehin keinen Mehrwert mehr. Auch wenn ich deutliche Parallelen zum Verhalten meines jüngeren Umfeldes festgestellt hatte, wirklich verstanden hatte ich es wohl trotzdem noch nicht.
Ich schaltete ab. Langfristig.
Nicht mein Leben, nicht meine Haltung. Was geht es mich an?
Sollen sie alle machen – aber ohne mich!
Ob es anderen Menschen ähnlich ging wie mir?
Möglich und auch wahrscheinlich, aber kaum wahrnehmbar im Gegensatz zu den steigenden Zuschauerzahlen und Diskussionsforen in Realität und Reality.
Mittlerweile, wir schreiben das Jahr 2026, gehöre ich als sogenannter Babyboomer zu den rund 28 % der deutschen Bürger über 60 Jahre.
Inzwischen berentet habe ich Zeit – viel Zeit. Und ich mache mir Sorgen …
(Wonder-)Land of Reality
Altersbedingt und durch den damals noch üblichen Berufseinstieg gleich nach dem Schulabschluss kann ich mich seit einiger Zeit auf andere schöne Dinge besinnen, die in der Vergangenheit etwas zu kurz gekommen waren. Familie und Freunde sind nur zwei davon.
Ob es Langeweile, Vorhersehung oder der mediale Rummel vor Beginn der Staffel war, ich kann es nicht sagen. Nach langer Abstinenz vom Reality-TV wollte ich mir auch mal wieder IBES anschauen. Gesagt, getan. Von den Stars war mir niemand bekannt. Lediglich Namen wie Mirja Dumont, Hardy Krüger jr. oder Gil Ofarim konnte ich durch Presse, Rundfunk und Fernsehen in einen Kontext stellen. Die übrigen Kandidaten sagten mir überhaupt nichts.
Bereits nach der zweiten Folge war ich nicht mehr nur verwundert, es verschlug mir im wahrsten Wortsinn die Sprache. Dass mir dies selten passiert, könnte mein Umfeld sicher bestätigen – hier aber landete ich durch das Verhalten der „Stars“ und der Produktion in einem Wechselbad der Gefühle aus Sprachlosigkeit, (Fremd-)Scham und Fassungslosigkeit. Ging es noch um Unterhaltung – also ich meine Unterhaltung im eigentlichen Wortsinn: angenehmer Zeitvertreib?
Da ich bereits im Kindes- und Jugendalter (bedingt durch häufigen Stubenarrest) viel ferngesehen und Musik gehört hatte, kann ich auf ein reichhaltiges Repertoire von Formaten zurückblicken, die ich kennenlernen durfte. Natürlich hat sich mittlerweile das Angebot an Sendungen verändert – inhaltlich und mengenmäßig. Leider haben sich Respekt, Moral und auch Anstand, wie ich ihn im Verhalten miteinander erlernt habe, zumindest in den neuen Formaten der Reality wohl minimiert oder ganz verabschiedet.
Wo sollte das noch hinführen?
Ich blieb wieder dran. Das wollte ich genauer wissen.
Umso länger ich dabeiblieb, desto bewusster wurde mir, dass ich meine Haltung zu Produktion, Inhalten und Ausstrahlung von Realityformaten ändern muss. Noch vor einigen Jahren glaubte ich, es ist nicht mein Problem, sollen sich die Leute antun was sie wollen.
Aber es ist (auch) mein Problem.
Als Mensch und als Teil einer Gesellschaft muss ich aufstehen und sagen: „STOP! So geht das nicht. Wir können uns in einer zivilisierten Welt nicht aufführen wie Vandalen“.
Zivilisation wird definiert als „…Gesamtheit der durch den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt geschaffenen und verbesserten sozialen und materiellen Lebensbedingungen“.
Aber: Welche Techniken oder wissenschaftlichen Erkenntnisse setzen voraus bzw. machen es erforderlich, sich unsozial zu verhalten?
Wie zivilisiert sind wir denn, wenn jeder Mensch einen anderen Menschen öffentlich herabwürdigen, beleidigen oder verleumden kann, ohne sich dabei selbst persönlich erkennen geben zu müssen?
Und was sagt es über uns aus, wenn Millionen von Mitmenschen das auch noch feiern können und sich aktiv daran beteiligen?
… What a show …
2002 brachte der Musiker Peter Gabriel den Song „The Barry Williams Show“ heraus. Das Lied persifliert nicht nur die Sensationslust von Realityfernsehen, sondern auch die damit verbundene Faszination des Publikums (übersetzte Textzeile: „Wir lassen die Menschen sie selbst sein …“). Nicht zuletzt wirft er schon damals die Frage auf, welche moralischen Konsequenzen der Konsum derartiger Formate auf die Teilnehmer und das Publikum hat.
...
Ich mache mir Sorgen …
Während die Generationen der letzten hundert Jahre sich um Errungenschaften bemühten, die maßgeblich zur Verbesserung der Lebensumstände aller geführt haben, beschäftigen wir uns heute scheinbar meist nur noch damit, wie jeder Einzelne diese Errungenschaften zu seinem eigenen Vorteil nutzen kann.
Geld, Work-Life-Balance, Selbstverwirklichung und Gedankenlosigkeit rücken in den Vordergrund. Politik, Engagement und Gemeinschaftsfähigkeit verschwinden im Hintergrund.
Wir Menschen halten uns für die Speerspitze der Evolution.
Dabei ist der einzige – wenngleich auch der elementarste – Unterschied zu anderen Lebewesen der, dass wir aufgrund unserer kognitiven Fähigkeiten die Möglichkeit zum strategischen Denken besitzen. Wenn wir diese einzigartige Fähigkeit jedoch nicht nutzen, was unterscheidet uns dann noch von anderen Erdbewohnern?
In meinen Ausführungen beschäftige ich mich damit, wie insbesondere Social Media und Reality-TV diese unsere Fähigkeit mehr und mehr einschränken und eine positive gesellschaftliche Weiterentwicklung behindern.
Warum jetzt noch eine Veröffentlichung?
Es gibt bereits unzählige wissenschaftliche Studien, Untersuchungen und Positionspapiere zu den Themen Gefahren von Reality-TV und Social Media. Was nützt es jedoch, wenn diese in einer Sprache verfasst sind, die von nichtstudierten oder weniger gebildeten Bürgern nicht verstanden werden kann, auch weil sie nicht die Adressaten sind? Die Ausarbeitungen kursieren in einem eng gesteckten Rahmen wie etwa der großen und kleinen Politik, Universitäten und Fakultäten, und bleiben oft in diesem Rahmen stecken.
Natürlich sind Studien in der Regel von jedermann im Internet abrufbar. Wonach soll aber gesucht werden? Das ist nur zu erraten.
Auch bleibt die Sichtbarkeit vielfach hinter den persönlichen Algorithmen des Einzelnen verborgen.
Ferner haben wir Menschen die Eigenschaft verinnerlicht, sich erst dann mit etwas zu beschäftigen oder auseinanderzusetzen, wenn wir durch persönliche Lebensumstände konkret betroffen werden. Und ich möchte Betroffenheit auslösen. Polemisch, aber auch anhand von konkreten Beispielen, alle zusammen wahr und in einer Sprache, die jeder versteht – auch ohne Studium.
Wenngleich das Thema lediglich einen Teilaspekt unserer heutigen gesellschaftlichen Probleme darstellt, bedeutet es eine nicht zu unterschätzende Bedrohung für ein friedliches und zivilisiertes gesellschaftliches Zusammenleben. Und für mich ist das Schlimmste daran, dass zu vielen von uns nicht klar zu sein scheint, dass jeder Einzelne für ein Gesamtgeschehen mitverantwortlich ist.
Während andere Länder konkrete Sachverhalte oft schnell und konsequent angehen, bilden wir in Deutschland Arbeitskreise und Kommissionen, um Themen entweder zu verschleppen, den nächsten Wahlerfolg nicht zu gefährden oder weil es einfach nur unbequem ist. Dieses Verdrängen und Lamentieren statt anzupacken ist es, was mich in seinen Auswirkungen erschreckt und aus aktuellem Anlass aktiv werden lässt.
Und es ist ein Appell an den gesunden Menschenverstand jedes Einzelnen, sich sinnbringend mit Wissen und Können in eine Gesellschaft einzubringen, die mehr und mehr auseinanderdriftet und täglich nach Verbesserung schreit.
Gesellschaft im Wandel oder Realität vs. Reality
Geboren und aufgewachsen in einer Zeit, in der es nur eine „Lebens-Realität“ gab, habe ich neben meiner ganz persönlichen Geschichte vieles gesehen, gehört und erlebt: Hoch-Zeit und Fall der RAF, Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen, Rassendiskriminierung, Ölkrise, Anti-Atomkraftbewegung, Liberalisierung/Abschaffung des § 175 StGB und einiges mehr.
All diese wichtigen Themen wurden begleitet von schier unendlichen Debatten und Diskussionen. Da diese ausschließlich von „realen Menschen“ geführt wurden, gab es neben Fakten und Argumenten natürlich auch Emotionen und Fehlverhalten, deren oder dessen Entschuldbarkeit stets im Auge des Betrachters lag.
Für die Entwicklung, Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen war an erster Stelle die Familie (in meinem Fall weitestgehend meine Großmutter Erna) und erst an zweiter Stelle die Schule und Ausbildungsbetriebe zuständig und verantwortlich.
Die eigene Persönlichkeit, die eigenen Werte und Normen mussten ohne die Unterstützung elektronischer Medien oder „paralleler Welten“ definiert, geformt und gelebt werden.
Alles war real.
Endgültig erwachsen wurde ich dabei erst mit und durch meinen Beruf.
Mein gesamtes Arbeitsleben habe ich im Gesundheitswesen verbracht. Während der „Grundausbildung“ zur diplomierten Krankenschwester und danach in verschiedenen Sparten von universitärer Medizin über eine Klinik für Kinder- und Jugendmedizin bis hin zu Verbandsarbeit und stationärer Altenpflege – immer Vollzeit, die letzten 25 Jahre in Leitungs- und Führungsfunktion für bis zu 600 Mitarbeiter.
Arbeit mit Menschen für Menschen, geprägt durch ein tägliches Miteinander von Zuhören, Sprechen, Sehen, dem Versuch des Verstehens und abgestimmten Handelns.
Nicht selten gab es Auseinandersetzungen in fachlicher oder persönlicher Hinsicht. Missverständnisse, Kränkungen, Verletzungen, Zweifel, Misstrauen oder Enttäuschungen standen oft mit auf der Tagesordnung.
Im Laufe der Zeit gehörten elektronische Medien, dem Himmel sei Dank, vermehrt zum Arbeitsalltag. Richtig und sinnbringend angewandt: welch ein Segen.
Allerdings ist dort, wo Licht ist, der Schatten nicht weit entfernt.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends etablierte sich in Deutschland die erste Social-Media-Plattform „StudiVZ“, wurde jedoch nur wenige Jahre später durch „Facebook“ abgelöst. Was 2005 als Organisation des studentischen Lebens – inklusive Partyplanung – begann, wurde ab 2008 jedem Menschen unabhängig von Alter, Bildungsstand und Sozialniveau zugängig.
Zunächst sprangen vor allem junge Menschen auf den Zug auf, und viele von ihnen erfanden sich neu. Neue „Freunde“, bekannt oder unbekannt, neue „Aktivitäten“, Sichtbarkeit, Transparenz.
Kurzum, das soziale Leben veränderte sich mit Auswirkungen auf das Private wie Berufliche. That’s life.
An mir ist der Zug lange Zeit vorbeigefahren. Ich hatte meine Familie, meine Freunde, meine realen Interessen und meinen Beruf, kurzum mein Leben, mit dem ich zufrieden und häufig auch glücklich war. Natürlich kam ich nicht umhin, mich mit der Thematik Social Media zu befassen. Nicht zuletzt auch aus pragmatischen Gründen, wie etwa dem Finden von ehemaligen Freunden und Mitschülern oder beruflichem Recruiting.
Niemals hat jedoch bislang eine Plattform (auch wenn sie sich „social“ nennt) bei mir zur Lösung von beruflichen oder privaten Konflikten geholfen oder hätte helfen können.
Im Gegenteil. Spätestens seit den Generationen Y und Z sind gerade im Berufsalltag häufig inter- oder intrapersonelle Konflikte vor Ort auf eine mediale Ebene gehoben worden, die dort in der Eskalation kaum oder nicht mehr einzufangen waren.
So sehr ich mich auch bemühte, das veränderte Sozialverhalten insbesondere der mir nachfolgenden Generationen zu verstehen, gelang es mir nur zu einem Bruchteil.
Meine erlernten Werte, vor dem Handeln zuzuhören, nachzudenken, zu sprechen, nachzufragen und auch mögliche Lösungen zu diskutieren, gerieten mit der steigenden Zahl meiner Berufsjahre immer mehr ins Hintertreffen oder waren im schlechtesten Fall bei meinem Gegenüber nicht mehr vorhanden.
Leben ist Entwicklung, Entwicklung ist Fortschritt und Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Das ist auch gut so.
Ich bin jedoch nicht gezwungen, alles richtig oder gut zu finden – und glaube hiermit nicht allein zu sein.
So um das Jahr 2015 begann ich zu realisieren (ich war schon immer ein Spätzünder), in welchem Ausmaß sich neben der Ausweitung sozialer Netzwerke auch sogenannte Reality-Formate in der deutschen TV-Welt vervielfacht hatten: Nach einigen wenigen mehr oder minder erfolgreichen Formaten erschien zum Anfang des Millenniums die erste Staffel Big Brother, und Ich bin ein Star – holt mich hier raus! (IBES) ließ nicht mehr lange auf sich warten.
Zuschauerquoten stiegen und sorgten schnell für bedürfnisgerechte Anpassungen der Programme.
Im Jahr 2025 wurden bereits rund 40 verschiedene Reality-Formate linear oder per Streamingdienst ausgestrahlt. Deren Popularität in der vom Sender festgelegten werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen war nicht zu verhehlen.
Nicht nur in den Pausenräumen meiner Arbeitsstätten wurde ständig über dieses oder jenes Format gesprochen, die Akteure gelobt oder verunglimpft und darüber spekuliert, wie cool es doch wäre, ein Reality-Star zu sein.
Als eine Art persönliche Sozialstudie begann auch ich Reality-TV in meine Realität einzubeziehen.
IBES erschien mir dafür ein geeignetes und unterhaltsames Format – sehr zum Leidwesen meines Lebensgefährten.
Anfangs hatte ich gar nicht verstanden, um was es geht. Insbesondere bei den sogenannten Essensprüfungen habe ich mich immer wieder gefragt: „Wer denkt sich so etwas aus?
Was ist der Sinn und warum tun sich Menschen das an?“
Grenzen ausloten, Ängste überwinden, über sich hinauswachsen! Ist schon klar.
Vielleicht gab oder gibt es tatsächlich A–Z-Promis mit dieser Intention. Ich war und bin jedoch davon überzeugt, dass es den Teilnehmern unabhängig von Alter und Stand der Karriere nur um eines geht: Geld – und zwar möglichst viel davon, garniert mit Sendezeit und Followern.
Warum auch nicht. Die Nachfrage regelt das Angebot und das Angebot regelt die Nachfrage, und wenn die Einzelnen bereit sind, sich zum Affen zu machen …
Und wenn Zuschauer bereit sind, Sendung und Gagen durch Telefonvotings mitzufinanzieren – auch gut.
Ich habe bei jeder Sendung genau hingesehen, gut zugehört, beobachtet, viel gelacht und manchmal geweint. Mit jeder Folge erlag ich mehr dem Sog der Show. Selbst Ekel und Fremdschämen hatten auch für mich einen Unterhaltungswert, den ich durch das Ausblenden und Vorspulen von Votingaufrufen und Werbung der stets vorab aufgenommenen Sendungen noch komprimieren konnte.
Natürlich habe auch ich ab einem gewissen Zeitpunkt „meine“ Favoriten gehabt und bezüglich Finalteilnahme und gekrönter Häupter in den meisten Fällen Recht behalten. Ich hatte die Regeln gelernt. Ich hatte verstanden.
Das Verhalten der Teilnehmer veränderte sich über die jährlichen Staffeln „meines Dschungelbuchs“ langsam aber stetig – für mich keinesfalls zum Guten, jedoch auch nicht unbekannt aus dem realen Leben.
Den wenigsten Protagonisten schien bewusst zu sein, dass auch oder gerade im Reality-TV ihre Darbietung stilbildend für die Zuschauer und deren Realität sein kann.
Da teilten mehr oder weniger erwachsene Menschen vor laufenden Kameras vermeintlich ALLES von sich – oder von anderen. Ob wahr oder nicht, richtig oder falsch, es gab kein Tabu. Es wurde laut, unsachlich, persönlich. Und als ob das allein nicht schon reichen würde, wurde spätestens nach Ausstrahlung der Sendung in weiteren TV-Formaten und den sozialen Netzwerken von Nutzern/Followern/„Freunden“ weiter gelästert, geschimpft und diffamiert, immer eher die Menschen als Sachverhalte im Blick. All das schwappte auch deutlich in den Arbeitsalltag und wurde dort von vielen erneut diskutiert.
Patienten und Bewohner mussten da schon mal warten, bis das Ferngesehene mit den Kollegen „richtig“ eingeordnet war.
Ich hatte genug. Kurzum: Für meine Sozialstudie hatte es ohnehin keinen Mehrwert mehr. Auch wenn ich deutliche Parallelen zum Verhalten meines jüngeren Umfeldes festgestellt hatte, wirklich verstanden hatte ich es wohl trotzdem noch nicht.
Ich schaltete ab. Langfristig.
Nicht mein Leben, nicht meine Haltung. Was geht es mich an?
Sollen sie alle machen – aber ohne mich!
Ob es anderen Menschen ähnlich ging wie mir?
Möglich und auch wahrscheinlich, aber kaum wahrnehmbar im Gegensatz zu den steigenden Zuschauerzahlen und Diskussionsforen in Realität und Reality.
Mittlerweile, wir schreiben das Jahr 2026, gehöre ich als sogenannter Babyboomer zu den rund 28 % der deutschen Bürger über 60 Jahre.
Inzwischen berentet habe ich Zeit – viel Zeit. Und ich mache mir Sorgen …
(Wonder-)Land of Reality
Altersbedingt und durch den damals noch üblichen Berufseinstieg gleich nach dem Schulabschluss kann ich mich seit einiger Zeit auf andere schöne Dinge besinnen, die in der Vergangenheit etwas zu kurz gekommen waren. Familie und Freunde sind nur zwei davon.
Ob es Langeweile, Vorhersehung oder der mediale Rummel vor Beginn der Staffel war, ich kann es nicht sagen. Nach langer Abstinenz vom Reality-TV wollte ich mir auch mal wieder IBES anschauen. Gesagt, getan. Von den Stars war mir niemand bekannt. Lediglich Namen wie Mirja Dumont, Hardy Krüger jr. oder Gil Ofarim konnte ich durch Presse, Rundfunk und Fernsehen in einen Kontext stellen. Die übrigen Kandidaten sagten mir überhaupt nichts.
Bereits nach der zweiten Folge war ich nicht mehr nur verwundert, es verschlug mir im wahrsten Wortsinn die Sprache. Dass mir dies selten passiert, könnte mein Umfeld sicher bestätigen – hier aber landete ich durch das Verhalten der „Stars“ und der Produktion in einem Wechselbad der Gefühle aus Sprachlosigkeit, (Fremd-)Scham und Fassungslosigkeit. Ging es noch um Unterhaltung – also ich meine Unterhaltung im eigentlichen Wortsinn: angenehmer Zeitvertreib?
Da ich bereits im Kindes- und Jugendalter (bedingt durch häufigen Stubenarrest) viel ferngesehen und Musik gehört hatte, kann ich auf ein reichhaltiges Repertoire von Formaten zurückblicken, die ich kennenlernen durfte. Natürlich hat sich mittlerweile das Angebot an Sendungen verändert – inhaltlich und mengenmäßig. Leider haben sich Respekt, Moral und auch Anstand, wie ich ihn im Verhalten miteinander erlernt habe, zumindest in den neuen Formaten der Reality wohl minimiert oder ganz verabschiedet.
Wo sollte das noch hinführen?
Ich blieb wieder dran. Das wollte ich genauer wissen.
Umso länger ich dabeiblieb, desto bewusster wurde mir, dass ich meine Haltung zu Produktion, Inhalten und Ausstrahlung von Realityformaten ändern muss. Noch vor einigen Jahren glaubte ich, es ist nicht mein Problem, sollen sich die Leute antun was sie wollen.
Aber es ist (auch) mein Problem.
Als Mensch und als Teil einer Gesellschaft muss ich aufstehen und sagen: „STOP! So geht das nicht. Wir können uns in einer zivilisierten Welt nicht aufführen wie Vandalen“.
Zivilisation wird definiert als „…Gesamtheit der durch den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt geschaffenen und verbesserten sozialen und materiellen Lebensbedingungen“.
Aber: Welche Techniken oder wissenschaftlichen Erkenntnisse setzen voraus bzw. machen es erforderlich, sich unsozial zu verhalten?
Wie zivilisiert sind wir denn, wenn jeder Mensch einen anderen Menschen öffentlich herabwürdigen, beleidigen oder verleumden kann, ohne sich dabei selbst persönlich erkennen geben zu müssen?
Und was sagt es über uns aus, wenn Millionen von Mitmenschen das auch noch feiern können und sich aktiv daran beteiligen?
… What a show …
2002 brachte der Musiker Peter Gabriel den Song „The Barry Williams Show“ heraus. Das Lied persifliert nicht nur die Sensationslust von Realityfernsehen, sondern auch die damit verbundene Faszination des Publikums (übersetzte Textzeile: „Wir lassen die Menschen sie selbst sein …“). Nicht zuletzt wirft er schon damals die Frage auf, welche moralischen Konsequenzen der Konsum derartiger Formate auf die Teilnehmer und das Publikum hat.
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