Cover: Humane Medizin auf Augenhöhe – noch zeitgemäß?

Humane Medizin auf Augenhöhe – noch zeitgemäß?
Gedanken eines Hausarztes


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 90
ISBN: 978-3-7116-1184-0
Erscheinungsdatum: 10.12.2025
Warum passieren in unserer hochmodernen, leistungsfähigen Medizin immer noch so viele vermeidbare Fehler? Was können wir tun, damit unser Gesundheitssystem effektiv und bezahlbar bleibt? Nach 35 Jahren hausärztlicher Tätigkeit sucht der Autor nach Antworten.
Einführung

Viele Menschen schreiben heute Bücher: ihre Biografie, Abhandlungen über politische Überzeugungen, Erfahrungsberichte …
Eigentlich ist mein Mitteilungsbedürfnis nicht besonders intensiv ausgeprägt, reden tun die anderen schon genug …
Andererseits praktizierte ich als Allgemeinarzt seit fast 40 Jahren einen Beruf, in dem man sehr viel sprechen muss, was mir zum Beispiel erstmals bewusst wurde, als ich eine schwere Kehlkopfentzündung hatte; die Sprechstunde heißt nicht ohne Grund Sprechstunde.
Mindestens genauso wichtig wie das verständliche Sprechen ist auch das aufmerksame Zuhören bei dem Kontakt zu Patienten und Kollegen.

Und genau das ist der wichtigste Grund für dieses Buch:
In einer Welt hochmoderner Hightech-Medizin mit fast grenzenlosem Potential an apparativer Diagnostik und Therapie, Kommunikation, Scores zur Bewertung von Zuständen und Einsatz künstlicher Intelligenz sehe ich mit großer Sorge eine gefährliche Tendenz zur Entfremdung von den Patienten mit fatalen Folgen.

Mit diesem kleinen Buch wende ich mich besonders an Studentinnen und Studenten der Medizin sowie junge Kolleginnen und Kollegen, aber auch an interessierte Patientinnen und Patienten, um die große Bedeutung der einfachen Kommunikation und Achtsamkeit im Sinne des Erfolgs ärztlicher Tätigkeit zu belegen.

Viele Behandlungsfehler resultieren nicht aus fehlendem Wissen und Können, sondern aus Unaufmerksamkeit, Zeitdruck und fehlender Neugier auf Begebenheiten außerhalb der Routine, auf die man sich unbedingt auch einlassen sollte. Das macht sogar Spaß!
Wenn mir dies auch mitunter wegen der Wartezeiten heftige Kritik eingebracht hat, so habe ich mich trotzdem immer bemüht, meine Patienten – mit dem etwas höheren Zeitaufwand – ganzheitlich zu behandeln.
Mit meiner Erfahrung möchte ich dazu beitragen, dass in der verlockend modernen Medizinwelt schwerwiegende Fehler vermieden werden, um so unnötiges Leid, aber auch unnötige Kosten zu sparen.
Das Wichtigste in unserem Beruf ist die Ehrfurcht vor dem Leben, die es immer zu wahren gilt!

Kurz zu meinem Werdegang:
Geboren wurde ich 1960 in Jena, nach dem Abitur pflegte ich von 1979–1980 in der Kinderklinik der Friedrich-Schiller-Universität Jena, von 1980–1986 hatte ich das große Glück, in Jena das Medizinstudium zu absolvieren. Von 1986–1989 leistete ich meinen Wehrdienst im Medizinischen Dienst der NVA in Berlin, dort zeichnete sich die ärztliche Tätigkeit durch sehr hohe Eigenverantwortung aus.
Als „frischgebackener Arzt“ musste ich von Beginn an ohne erfahrenen Kollegen im Hintergrund allgemeinmedizinisch eigenverantwortlich arbeiten. Diese Zeit nutzte ich sehr intensiv, um viel zu lesen und die klinische Untersuchung zu üben und schätzen zu lernen, hatten wir doch in diesem Rahmen auch nur wenig Technik zur Verfügung.
Von 1989–1991 war ich als Assistenzarzt in einer gynäkologischen Klinik tätig, die im Rahmen struktureller Veränderungen geschlossen werden musste („Wendezeit“). Da mir die allgemeinmedizinische Tätigkeit sehr viel Freude bereitete, arbeitete ich von 1991–1995 in einer hausärztlichen, naturheilkundlich orientierten Praxis in Berlin mit, um im Dezember 1995 meine eigene Praxis in Berlin-Ahrensfelde zu eröffnen, die ich im Oktober 2024 an zwei hausärztliche Internisten übergeben habe.
Neben der üblichen Allgemeinmedizin galt mein besonderes Interesse den Möglichkeiten der Naturheilkunde (Homöopathie, Neuraltherapie), besondere Schwerpunkte meiner Tätigkeit waren Chirotherapie und Akupunktur.
Diese Schwerpunkte entwickelten sich für mich aus der Praxis heraus, da ich schon sehr frühzeitig bemüht war, den zahlreichen Schmerzpatienten neben der Motivation zu eigener Aktivierung und Mobilisierung wirksame, nichtmedikamentöse Behandlungsansätze anzubieten, um so auch langfristig weniger Nebenwirkungen behandeln zu müssen.
Als ich als Assistenzarzt in der naturheilkundlich orientierten Hausarztpraxis mitarbeitete, lernte ich in einem Einführungskurs die Chirotherapie kennen. Neben der Neugierde begeisterte mich die Möglichkeit einer funktionellen Behandlung funktioneller Störungen und – bei korrekter Ausführung – ohne Nebenwirkungen.
Deshalb entschloss ich mich, die erforderliche Ausbildung vollständig zu durchlaufen.
Recht bald begann ich, im Praxisalltag Behandlungstechniken auszuprobieren und war überrascht, wie schnell mitunter bereits einfache und „weiche Techniken“ den Patienten halfen.
Dies führte zu einer Phase, in der mich die Sache zu überrollen drohte, Patienten kamen mit der Bitte: „Behandeln Sie mir bitte die Schulter, meinem Nachbarn hat das so gut geholfen.“
Da dies für mich als Anfänger in der vollen Sprechstunde nicht gut realisierbar war, bestellte ich die Patienten zum Ende der Sprechstunde, um so mehr Ruhe für Untersuchung und Behandlung zu haben. Mitunter waren die Patienten völlig überrascht, dass man zur Untersuchung des Bewegungsapparates die Kleidung ablegen muss: „Bisher hat man immer nur auf das Röntgenbild geschaut …“
Mit zunehmender Übung entwickelte sich die Routine für den häufigen Einsatz chirotherapeutischer Methoden im normalen Praxisalltag.

Ein Schlüsselerlebnis, welches mein gesamtes weiteres Berufsleben geprägt hat:
Im 6. Studienjahr, dem „Praktischen Jahr“, hatte ich das große Glück, die 4 Monate Innere Medizin auf der Aufnahmestation für Allgemeine Innere zu arbeiten und dazu das Glück, eine sehr gute Stationsärztin zu erleben, die mich als „Fast-Arzt“, als Kollegen wahrnahm und in die Stationstätigkeit sehr gut integrierte.
So konnte ich jede Gelegenheit nutzen, auch praktische Fertigkeiten wie Blutentnahmen, Injektionen und klinische Untersuchung zu üben, um hierbei Sicherheit zu erlangen.
Auf dieser Aufnahmestation erlebte ich das gesamte Spektrum der Inneren Medizin, wie zum Beispiel Fälle aus der Kardiologie, Gastroenterologie, Hepatologie, Nephrologie, Angiologie, Infektionsmedizin, Endokrinologie.
Alle neu aufgenommenen Patienten wurden von uns Studenten nach eingehender Anamnese vollständig klinisch untersucht, danach erfolgte die Vorstellung bei der Stationsärztin sowie die Erörterung des weiteren Vorgehens in Diagnostik und Therapie.
Nun zu meinem „Schlüsselerlebnis“:
Ein etwa 50-jähriger Patient kam auf Veranlassung der Hausärztin zur Einweisung, da er seit inzwischen 4 Wochen anhaltendes Fieber (Temperaturen 38,5 bis 39 Grad) hatte, dessen Ursache ambulant nicht geklärt werden konnte. Bis dahin erfolgten eine Röntgen-Thorax-Untersuchung, Urinuntersuchungen und Labor sowie wiederholte klinische Untersuchungen.
Der Patient hatte inzwischen ein breites Sortiment verfügbarer Antibiotika in kurzem Wechsel erhalten, ohne Besserung. Die einweisende Ärztin bat uns, nach der Fieberursache zu suchen, sie vermutete einen Abszess im Bauchraum.
Bei der körperlichen Untersuchung des Patienten waren keine großen Besonderheiten zu finden, bis auf eine „Kleinigkeit“: Für die Körpertemperatur von 39 Grad war die Herzfrequenz mit 60/min auffallend langsam, man nennt dies auch „relative Bradykardie“, da ja sonst bei erhöhter Körpertemperatur alle Lebensvorgänge und damit auch der Puls beschleunigt sind.
Der Patient war auch kein Sportler, wo man so etwas mitunter physiologisch findet.
Die relative Bradykardie ist eines der Leitsymptome für Typhuserkrankung.
Bei der Befundbesprechung mit der Stationsärztin wies ich auf diese Beobachtung hin und schlug vor, im Rahmen der Laboruntersuchung auf Typhus-Antikörper zu testen.
Etwas schmunzelnd stimmte die Stationsärztin zu, auch nach dieser (zum Glück) sehr seltenen Möglichkeit zu fahnden.
Und – Sie ahnen es schon – es war Typhus! In diesem Fall offenbar schon in einem späteren Stadium, in dem sich nach den anfänglichen unspezifischen und folgenden Magen-Darm-Symptomen nun die Allgemeinerkrankung mit Fieber manifestierte.
Dieser Fall zog einiges nach sich. Bei der Infektionsquellensuche fand man heraus, dass mit Salmonellen kontaminiertes Trinkwasser nach Arbeiten am Leitungssystem die Ursache war und dieser Patient somit der „Indexfall“ in seiner zum Glück meist nur leicht erkrankten Umgebung …
Eine simple Beobachtung hat hier schnell zur richtigen Diagnose und erfolgreichen Therapie geführt.
Das hat mich damals schon sehr beeindruckt.
Hier wurde mir sehr deutlich bewusst, wie wichtig es ist, die Patienten aufmerksam wahrzunehmen, ihren Allgemeinzustand und klinische Untersuchungsbefunde zu beachten und nicht nur Bildgebung, Labor und andere technische Befunde.
Ich denke schon, dass man mit dieser Sorgfalt das Risiko von Fehlentscheidungen am besten niedrig halten kann.

Die von den Patienten geäußerten Beschwerden sollten wir immer ernst nehmen. Der Anteil von Simulanten ist nach meiner Erfahrung sehr gering und rechtfertigt nicht ein oberflächliches Handeln.
Ein kleines Beispiel aus meinem eigenen Erleben:
Wegen starker Zahnschmerzen suchte ich meinen Zahnarzt auf, der sich auch sehr große Mühe bei der Ursachensuche gab: Neben der gründlichen klinischen Untersuchung erfolgte eine Röntgenaufnahme, alles ohne Besonderheiten. Mit dem Hinweis auf eine mögliche Zahnhalsreizung sowie lokaler Behandlung entließ er mich zunächst. Die nachfolgende Nacht war dank starker neuralgischer Schmerzen nur noch mit Opioid-Einsatz zu ertragen, ich hätte „die Wände hoch gehen können“, wie man so sagt.
Am nächsten Tag suchte ich den Kollegen erneut auf und bat ihn, aufgrund der starken Nervenschmerzen die dem Zahn aufsitzende Krone zu durchbohren, was er dann auch etwas zögerlich und ungern tat (es gab ja keinen objektiven Befund). Und siehe da, der Schmerz war mit der Entlastung sofort weg, es handelte sich um eine „trockene Gangrän“.
Diese Episode beschäftigte mich sehr lange gedanklich: Bereits ich als Kollege musste hier schon etwas Durchsetzungsvermögen entwickeln, um die erfolgreiche Behandlung zu erfahren. Wie wäre es hier einem etwas unsicheren Patienten ergangen, auch in Bezug auf das Gefühl, verstanden und ernst genommen zu werden?

Als Allgemeinarzt erlebte ich in meinem Praxisalltag das gesamte Spektrum der Medizin.
Im Folgenden berichte ich über einige Fälle aus meiner hausärztlichen Tätigkeit, in denen (leider) immer wieder sichtbar wurde, wie wichtig es ist, die Patienten auf Augenhöhe zu sehen und sorgfältig zu untersuchen.
Die Fallberichte habe ich thematisch geordnet, um so eine bessere Übersicht zu erreichen.
Die Berichte sind authentisch, jedoch zur Wahrung der Schweigepflicht und des Datenschutzes anonymisiert.



1. Teil
Fallberichte


Die Gerinnung – ein außerordentliches
Schicksalspotenzial

Fall 1

In der typischen vollen Sprechstunde an einem Montagvormittag stellt sich ein 53-jähriger Patient vor, nachdem er am Freitag in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses in Behandlung war.
Er hatte die Klinik am Freitagabend in Begleitung eines Freundes akut aufgesucht, da er über plötzliche Brustschmerzen und Kurzatmigkeit klagte.
In der Klinik wurde eine Röntgenuntersuchung des Brustkorbes, ein EKG sowie Labordiagnostik veranlasst.
Bei der Labordiagnostik waren die meisten Routineparameter und die Herzenzyme unauffällig, das D-Dimer (Thrombose-Marker) etwa 6-fach erhöht.
Daraufhin wurde eine Doppler-Untersuchung der Beinvenen veranlasst, in der keine Thrombose darstellbar war.
Im Laufe der Wartezeit konnte mein Patient unter Ruhebedingungen wieder besser atmen, der Aufnahmearzt in der Rettungsstelle erklärte ihm die technischen Befunde und entließ ihn nach Hause.
Da mein Patient Zeit hatte, die Befunde zu lesen, fiel ihm der sehr hohe D-Dimer-Wert auf.
Er sprach den Arzt beim Entlassungsgespräch darauf an und bekam zur Antwort, dass dies vom Hausarzt am Montag weiter abzuklären sei …
Nun war die Atmung am Montag immer noch deutlich erschwert, mit Verschlechterung bei Belastung.

In unserer Praxis ergaben sich ein unauffälliger klinischer Befund und ein EKG mit leichter Tachykardie.
Aufgrund der Anamnese veranlasste ich nach Erstversorgung (i.v.-Zugang, 5000 IE Heparin i.v.) die sofortige Klinikeinweisung unter Verdacht auf Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie).
In der Klinik wurde im CT eine beidseitige Lungenembolie festgestellt und die erforderliche Therapie eingeleitet.
Es ist doch immer wieder beruhigend zu sehen, wie sich das Leben durchsetzen kann …
Immerhin ist der Patient mindestens 3 Tage mit Lungenembolie erfolgreich durch das Leben gelaufen, da hätte schon einiges passieren können!
Rückblickend muss man sagen, dass der Arzt in der Rettungsstelle bei der Erstvorstellung auch im dicksten Stress gut beraten gewesen wäre, auf die Frage des Patienten zu hören und zur Abklärung des bis dahin nicht plausiblen hohen D-Dimers eine CT des Thorax zu veranlassen, was in dieser Klinik auch technisch möglich gewesen wäre.

Fall 2

Die Ehefrau eines 57-jährigen Patienten erscheint mit dem Entlassungsbericht ihres Ehemannes und erklärt mir, dass er die Praxis nicht aufsuchen kann, da er (nach Wochen immer noch) nicht laufen könne.
Der Grund des stationären Aufenthaltes war ein unter Insulinpumpe entgleister Diabetes mellitus, mit akuter Hypoglykämie.
Die Stoffwechseleinstellung gestaltete sich schwierig, sodass der stationäre Aufenthalt über 4 Wochen ging. Während dieser Zeit habe mein Patient bei Visiten und Arztkontakten wiederholt auf seine Gehunfähigkeit hingewiesen. Die Ärzte hatten hierbei auf die bekannte Polyneuropathie (Nervenschädigung, meist stoffwechselbedingt) hingewiesen, die zu einer kurzfristigen Verschlechterung des Gehvermögens geführt habe. Eine weiterführende Diagnostik sei nicht erforderlich.
Da mir dies bei dem arbeitswilligen Patienten etwas seltsam erschien, vereinbarte ich einen Hausbesuch für den gleichen Tag.
Etwas verärgert war ich schon, hatte ich doch eigentlich nach Klinikentlassung einen besseren Zustand des Patienten erwartet. Andererseits fand ich es wichtig, den aktuellen Befund zu erfassen, der zur Gehunfähigkeit und Arbeitsunfähigkeit führt.
Im Rahmen des Hausbesuches ergab sich ein normaler internistischer Befund, die Beinpulse waren beidseits schwach tastbar und die Reflexe normal auslösbar, Parästhesien (Missempfindungen) der Fußsohlen beidseits, nur die detaillierte Anamnese war auffällig: Der Patient berichtete, dass er bereits nach wenigen Schritten in beiden Unterschenkeln ein Spannungsgefühl verspürte, welches sich bei weiterem Laufen so verstärkte, dass er stehen bleiben musste. Dieser Zustand bestand so bereits in der Klinik.
Zur Ergänzung des klinischen Befundes veranlasste ich eine Labordiagnostik mit breiter Differentialdiagnostik (Entzündungszeichen, Blutbild, Creatinkinase, Vitamine, Borreliose- und Rheumaserologie, D-Dimere).
Das Labor ergab eine 9-fache Erhöhung der D-Dimere, was den Verdacht auf Thrombose nahelegte.
Die unverzüglich eingeleitete Diagnostik in der Klinik bestätigte diesen Verdacht, es bestanden ausgedehnte Thrombosen in den Beckenvenen bds., ein Befund, der auch für mich nach jahrelanger praktischer Tätigkeit eine Premiere darstellte.
Auch hier hatte der Patient großes Glück, dass es nicht zu einer massiven Lungenembolie gekommen ist; die sorgfältige Anamnese führte zur richtigen Diagnose:
Das Spannungsgefühl mit Zunahme bei wenigen Schritten, wenn auch beidseits, war nicht so richtig typisch für die Polyneuropathie.
Unter Antikoagulation (Blutverdünnung), Mobilisierung, Gehtraining konnte eine allmähliche Besserung des Gehvermögens erreicht werden, der Patient wurde arbeitsfähig.

Fall 3

Ein 75-jähriger Patient erscheint nach Bandscheiben-OP L5/S 1 in unserer Praxis, da er in dem Bein der operierten Seite weiterhin Schmerzen hat, die bis tief in Wade und Fuß zu spüren sind.
Er berichtet, dass er die Klinikärzte nach der Operation daraufhin angesprochen hatte. Die Ärzte erklärten ihm ohne Untersuchung, dass dies gewiss noch Wurzelreizerscheinungen im Segment seien, verursacht durch ein postoperatives Gewebeödem (Schwellung) oder minimale Nachblutungen.
Bei detaillierter Befragung nach dem Beschwerdebild stellte sich heraus, dass die Schmerzen beim Laufen bereits nach wenigen Schritten deutlich schlimmer wurden, mit Spannungsgefühl in der Wade, so sei es schon vor der Operation gewesen (!).
Auch hier führte die D-Dimer-Kontrolle (6-fach erhöht) zur richtigen Diagnose.
Die Thrombose bestand hier mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits vor der Operation und war die eigentliche Ursache der Beschwerden.
Wir alle wissen, dass der alleinige Nachweis eines Bandscheibenvorfalls nicht immer eine zwingende OP-Indikation ist. Die sorgfältige Schmerzanamnese vor der Operation hätte vielleicht verhindern können, dass der betagte Patient mit vorhandener Thrombose operiert worden ist, mit allen entsprechenden Risiken, die ihn zum Glück nicht getroffen haben …
Wie gut, dass sich das Starke im Leben mitunter durchsetzt!
Nach Antikoagulation, Kompressionstherapie und Mobilisierung wurde das Beschwerdebild unseres Patienten schnell besser.

Fall 4

Ein im Basketball sportlich aktiver Patient kommt mal wieder mit Beschwerden im Bereich der unteren BW (Brustwirbelsäule), die atem- und bewegungsabhängig sind und nach seiner Meinung durch eine ungünstige Bewegung während des Trainings begannen. Klinische Untersuchung und EKG waren unauffällig, sodass ich die festgestellte Blockierung im Bereich der BWS (Brustwirbelsäule) manualmedizinisch mobilisiert hatte, mit dem immer üblichen Hinweis, er möge sich bei ausbleibender Besserung wieder melden.
Zwei Tage später kommt dieser Patient wieder und berichtet über nur geringe Besserung. Neben der klinischen Untersuchung veranlasste ich ergänzend Labor (Entzündungswerte, Blutbild, Rheumaserologie, Herzenzyme und sicherheitshalber D-Dimere) und verordnete Analgetika (Schmerzmittel).
Am gleichen Tag meldete sich das Labor mit einer 5-fachen Erhöhung der D-Dimere.
Daraufhin rief ich meinen Patienten an, er solle unverzüglich eine geeignete Klinik aufsuchen; das dort durchgeführte Computertomogramm der Lunge ergab eine rechtsseitige Lungenembolie.
Der Patient wurde unter Antikoagulation (Blutverdünnung) gesund.

Bei all den geschilderten Fällen hätte übrigens die Anwendung des Wells-Scores (ein Punkte-Score zur Abschätzung des Thromboserisikos) nicht zur richtigen Verdachtsdiagnose geführt.
Wie bereits die Medizinstudenten wissen, sehen Thrombosen an Arm und Bein oft nicht wie im Lehrbuch aus, mit livider Verfärbung und Schwellung.
Es war immer wieder die aufmerksame Anamnese (Zunahme der Beschwerden bei Belastung, Spannungsgefühl), die Beobachtung des Verlaufs mit kritischem Hinterfragen sowie das „Daran Denken“, insbesondere dann, wenn sich zwischen dem Ergebnis der standardisierten Diagnostik und dem Zustand des Patienten Diskrepanzen ergaben.

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