Deutsch-Orientalische Liebe – geht’s noch?
Beziehungswahl in Zeiten kultureller und politischer Verwerfungen
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 122
ISBN: 978-3-7116-0630-3
Erscheinungsdatum: 09.04.2025
Bijan Hadji erzählt die Geschichten von verschiedenen Frauen aus deutsch-orientalischen Partnerschaften und analysiert, welche Differenzen, Hindernisse und Streitpunkte es gibt und warum die Liebe oft doch einen Weg findet.
Vorwort
In Deutschland kommt es zu vielen binationalen bzw. interethnischen Beziehungen. Nicht wenige von diesen sind zwischen deutschen Frauen und orientalischen Männern. Während früher zum Teil Assoziationen mit 1001 Nacht und Soraya (der ersten Frau vom Schah von Persien) noch mitgeschwungen haben dürften, hat es in den vergangenen Dekaden eher negative Schlagzeilen aus dem orientalischen Raum gegeben. Patriarchat, Islamismus, Missachtung von Frauenrechten sowie die Entführung der Kinder aus Deutschland in das Heimatland sind nur einige Themen. In den letzten Jahren hinzugekommen sind die Flüchtlingswelle 2015, die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln im selben Jahr und die anhaltende Flüchtlingskrise und Integrationsdebatten. Es ist zu einem Paradigmenwechsel in der Gesellschaft gekommen, was sich auch in der politischen Kultur zeigt. Das Thema Migration wird offen kritischer als früher diskutiert, und von allen Parteien gibt es hierzu unterschiedliche Konzepte. Trotz all der genannten Vorfälle, Entwicklungen und Informationen gibt es – erwartungsgemäß – immer noch deutsche Frauen, die mit Männern aus diesem Kulturkreis eine Beziehung eingehen, gar eine Ehe. Es ist interessant zu erfahren, ob im Prozess des Kennenlernens, des Verliebens und der letztendlichen Verwirklichung einer solchen Beziehung all diese negativen Entwicklungen im Hintergrund mitschwingen oder gar bewusst präsent sind. Als Sohn einer solchen Ehe, die allerdings vor über 60 Jahren zustande gekommen ist, beschäftigt mich diese Frage schon sehr lange.
Mit der vorliegenden Untersuchung ist nunmehr mein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gegangen, diesem Thema systematisch nachzugehen. Das Interesse dazu und die gedankliche Beschäftigung damit sind allmählich gewachsen, und schließlich habe ich mich entschieden, eine Studie dafür durchzuführen und die Ergebnisse und Überlegungen dazu niederzuschreiben. Ohne die Begleitung mehrerer lieber, kompetenter und bereitwilliger Menschen wäre mir dieses Unterfangen nicht gelungen. Allen möchte ich Danke sagen. Großes Glück hatte ich mit Prof. Dr. Rolf von Lüde und Prof. Dr. Thomas Malsch (Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg), die trotz Emeritierung und anderweitiger Aufgaben und Betätigungen Interesse für mein Projekt gezeigt und mich – hauptberuflich Arzt – bei meinem Ausflug in die Sozialwissenschaften geduldig begleitet haben. Ohne sie hätte das hier vorliegende Werk nicht die notwendige Seriosität und den wissenschaftlichen Anspruch erhalten. Ich werde die vielen anregenden Gespräche beim Tee vermissen!
Danke auch an Armand Farsi, der aufgrund von Erfahrung mit seiner eigenen wegweisenden Dissertation, aber auch anderer persönlicher Qualitäten mir in einer kurzen Begegnung hilfreiche Anregungen geben konnte.
Besonderer Dank gilt meiner Frau Sabine, die sich bereit und interessiert zeigte, die zu Geschichten zusammengefassten Interviews zeitnah kritisch durchzulesen. Lieben Dank auch an Katja Burkhardt und Michael Bellmann, die den Entwurf zum Manuskript geduldig gelesen haben.
Und natürlich gilt mein Dank all den Frauen, die sich zum Interview bereit erklärt und mit mir – obwohl sie mich nicht kannten – mit großer Offenheit auch über schwierige Themen gesprochen haben. Chapeau! Viele von diesen Frauen habe ich durch Pamela Urban kennenlernen dürfen, die mich in einer schleppenden Phase der Rekrutierung so tatkräftig unterstützt hat, dass deutlich mehr Interviews möglich wurden als ursprünglich geplant.
Last but not least waren es meine Eltern, meine deutsche Mutter und mein persischer Vater, die die Bikulturalität in mich gesetzt haben, indem sie sich füreinander entschieden und mir ein Miteinander in Respekt und mit gegenseitigem Interesse und Kompromissbereitschaft vorgelebt haben. Als Jugendlicher und junger Erwachsene empfand ich meinen bikulturellen Hintergrund phasenweise als Belastung (Wer bin ich? Wo gehöre ich hin?), später habe ich ihn als Luxus schätzen gelernt. Merci und danke an Euch Lieben!
1. Einleitung
Binationale Partnerschaften zwischen deutschen Frauen und orientalischen Männern stehen nicht im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte. Dabei ist durchaus nicht nur die Frage interessant, welche Motive diese Frauen bei der Entscheidung für eine solche Beziehung haben, sondern auch, warum sie sich trotz aller negativen Schlagzeilen und Berichte der vergangenen Jahre und trotz entsprechender Erzählungen und Erfahrungsberichte anderer über manche tatsächlichen, vermeintlichen oder stigmatisierten Verhaltensweisen von Personen aus dem orientalischen Kulturraum auf eine Partnerschaft zu einem solchen Mann einlassen. Auch wenn prominente Frauen in diesem Zusammenhang die große mediale Öffentlichkeit erreicht haben, ist das Thema oberflächlich behandelt und nicht weiter vertieft worden, auch nicht, wenn der Unterschied zwischen den sozialen Schichten extrem war. Hier kommt die Frage deutlicher auf, welche Motivation eine Frau mit einem solchen privaten und sozialen Hintergrund haben kann, um sich auf einen anders sozialisierten Partner aus einem Land mit jahrzehntelangen negativen Schlagzeilen einzulassen. Hierbei ist die Frage nach dem „Warum“ oder „Warum trotz allem“ nicht im Sinne einer Wertung zu verstehen, sondern in Bezug auf die fragliche Funktionsfähigkeit einer solchen Beziehung.
Binationale Beziehungen einschließlich Ehen hat es schon immer gegeben. Diese haben erwartungsgemäß im Rahmen der Globalisierung und mit steigendender Mobilität von Gesellschaften durch immer schnellere, häufigere und für mehr Menschen erschwingliche Reisemöglichkeiten zugenommen. Auch Migrationsbewegungen unterschiedlicher Ursachen wie etwa Studium und Arbeit, aber auch Flucht und Vertreibung lassen die Anzahl binationaler Beziehungen wachsen. Bereits aus theoretischen Gründen und a priori kann dabei meistens davon ausgegangen werden, dass je näher die jeweiligen Herkunftsländer des Paares zueinander liegen, desto weniger es kulturelle Schwierigkeiten in solchen Beziehungen gibt. In Bezug auf das hier untersuchte Thema befindet sich Deutschland in einem christlich-humanistisch geprägten und demokratisch-rechtsstaatlich ausgerichteten Kulturraum, sodass in vielerlei Hinsicht ein mehr oder minder ähnlicher „Geist“ und ähnliche Wertvorstellungen bestehen. Eine „monokulturelle Beziehung“ zum Beispiel in der Konstellation deutsch-dänisch oder deutsch-niederländisch hält – statistisch betrachtet – somit länger als eine zum Beispiel deutsch-kongolesische oder deutsch-pakistanische Beziehung. Es sei denn, gesellschaftliche Normen oder Zwänge und kulturelle Erwartungen der nicht-deutschen Seite haben einen disziplinierenden Effekt und verhindern dadurch eine Aufgabe der Liaison. Es ist plausibel, dass die kulturelle Nähe zu Westeuropa die Bedeutung der geografischen Nähe relativieren oder gar aufheben kann. Dabei kann man beispielhaft Australien, Amerika und Südafrika nennen: Partnerschaften zwischen Menschen aus diesen Ländern mit jenen – in diesem Fall – aus Deutschland sind, wieder statistisch betrachtet, in ihren kulturellen Spannungen vergleichbar mit den o. g. Bespielen zu den Nachbarländern. Hier wird die „kulturelle Zugehörigkeit“ einer Wertegemeinschaft mit gemeinsamen Normen und Handlungsorientierungen als verbindendes Element gesehen (vgl. dazu B. Waldis). Es erscheint noch viel zu früh, mit Jan Plamper von einer „kollektiven Identität“ auszugehen, da es diese faktisch in Deutschland nicht gibt. Ob das darin propagierte, vom amerikanischen „Melting Pot“ abgeleitete, modifizierte Modell mit der Metapher der „Salatschüssel“ als nationale Kollektividentität mit vielen Herkunftsidentitäten auf Deutschland übertragbar ist, erscheint aufgrund der erheblichen Unterschiede in der historischen Entwicklung und im nationalen Selbstverständnis eher fraglich, zumal die USA bekanntermaßen immer schon ein Einwanderungsland waren und überhaupt so entstanden sind.
Im Jahre 2022 betrug die Scheidungsrate in Deutschland 35,15 %. Zwar scheitern auch sehr viele „deutsch-deutsche Ehen“, einer früheren wissenschaftlichen Untersuchung zufolge ist aber die Scheidungsquote bei binationalen Ehen in Deutschland deutlich höher. Zu einem ähnlichen Ergebnis war eine frühere holländische Studie gekommen: Die Scheidungsrate betrug bei holländisch-marokkanischen Ehen 63,6 %, bei holländisch-türkischen Paaren 39,2 %, bei holländisch-westeuropäischen 22,3 % und bei holländisch-holländischen 11,4 %. Es kann vor diesem Hintergrund die Hypothese aufgestellt werden, dass bei zunehmendem kulturellem Abstand ein Risiko eingegangen wird, dass es zu zusätzlichen Spannungen, Konflikten und Herausforderungen kommt, die die Beziehung überstrapazieren können. Bemerkenswerterweise sind es mittlerweile 10 % aller Ehen in Deutschland, bei denen eine Seite nicht deutsch ist:
Dabei steht die Türkei immer noch an erster Stelle:
Es fällt auf, dass die anderen „orientalischen Länder“ prozentual eine untergeordnete Rolle spielen, was sich aber durch die Migrationsbewegung der letzten Jahre aus dem arabischen Raum erwartungsgemäß langfristig ändern wird; jedenfalls wird es hier Verschiebungen in der Rangfolge geben. Es kann zudem hochgerechnet werden, dass der Orient bei den binationalen Ehen zahlenmäßig nicht führt, sondern – unter vollständiger Berücksichtigung von Russland (teilweise in Asien) – der europäische Raum.
Interessant ist, dass bei den binationalen Paaren (auch nicht Verheiratete) der Anteil der Kinder mit einer deutschen Mutter – also jene Gruppe, die bei dieser Arbeit untersucht wird – deutlich gegenüber den anderen nicht deutschen Paaren überwiegt:
2. Erkenntnisinteresse und Forschungsfrage
Warum beschäftigt sich ein Arzt für Neurologie und Psychiatrie mit diesem Thema? Die gezielte Auseinandersetzung damit hat einen Zusammenhang zur Biografie des Autors, der selbst Kind einer deutschen Mutter und eines persischen Vaters ist. Deren Ehe hat über 60 Jahre lang angedauert, bis dass der Tod des einen sie geschieden hat. Bekanntermaßen waren die weltpolitischen Umstände und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der noch relativ jungen (west-)deutschen Republik Anfang der 1960er-Jahre gänzlich anders als die heutigen Voraussetzungen. Das erste Anwerbeabkommen wurde 1955 mit Italien abgeschlossen, später folgten Abkommen mit Griechenland und Spanien (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und dem damaligen Jugoslawien (1968). Diese Arbeitskräfte wurden erst einmal nur als „Gastarbeiter“ betrachtet. Von Diversität nach dem heutigen Verständnis wurde noch nicht gesprochen. Heute ist die Wahl groß. Und die insbesondere nach 1968 freizügiger und zunehmend toleranter gewordene Gesellschaft lässt sich leichter auf das andere ein, akzeptiert auch leichter andersartige Konstellationen. Aber ist es in Bezug auf die hier untersuchte Fragestellung auch einfacher geworden? Konkret: Gelingen auch die Entstehung und Gestaltung deutsch-orientalischer Beziehungen leichter als früher?
…
In Deutschland kommt es zu vielen binationalen bzw. interethnischen Beziehungen. Nicht wenige von diesen sind zwischen deutschen Frauen und orientalischen Männern. Während früher zum Teil Assoziationen mit 1001 Nacht und Soraya (der ersten Frau vom Schah von Persien) noch mitgeschwungen haben dürften, hat es in den vergangenen Dekaden eher negative Schlagzeilen aus dem orientalischen Raum gegeben. Patriarchat, Islamismus, Missachtung von Frauenrechten sowie die Entführung der Kinder aus Deutschland in das Heimatland sind nur einige Themen. In den letzten Jahren hinzugekommen sind die Flüchtlingswelle 2015, die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln im selben Jahr und die anhaltende Flüchtlingskrise und Integrationsdebatten. Es ist zu einem Paradigmenwechsel in der Gesellschaft gekommen, was sich auch in der politischen Kultur zeigt. Das Thema Migration wird offen kritischer als früher diskutiert, und von allen Parteien gibt es hierzu unterschiedliche Konzepte. Trotz all der genannten Vorfälle, Entwicklungen und Informationen gibt es – erwartungsgemäß – immer noch deutsche Frauen, die mit Männern aus diesem Kulturkreis eine Beziehung eingehen, gar eine Ehe. Es ist interessant zu erfahren, ob im Prozess des Kennenlernens, des Verliebens und der letztendlichen Verwirklichung einer solchen Beziehung all diese negativen Entwicklungen im Hintergrund mitschwingen oder gar bewusst präsent sind. Als Sohn einer solchen Ehe, die allerdings vor über 60 Jahren zustande gekommen ist, beschäftigt mich diese Frage schon sehr lange.
Mit der vorliegenden Untersuchung ist nunmehr mein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gegangen, diesem Thema systematisch nachzugehen. Das Interesse dazu und die gedankliche Beschäftigung damit sind allmählich gewachsen, und schließlich habe ich mich entschieden, eine Studie dafür durchzuführen und die Ergebnisse und Überlegungen dazu niederzuschreiben. Ohne die Begleitung mehrerer lieber, kompetenter und bereitwilliger Menschen wäre mir dieses Unterfangen nicht gelungen. Allen möchte ich Danke sagen. Großes Glück hatte ich mit Prof. Dr. Rolf von Lüde und Prof. Dr. Thomas Malsch (Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg), die trotz Emeritierung und anderweitiger Aufgaben und Betätigungen Interesse für mein Projekt gezeigt und mich – hauptberuflich Arzt – bei meinem Ausflug in die Sozialwissenschaften geduldig begleitet haben. Ohne sie hätte das hier vorliegende Werk nicht die notwendige Seriosität und den wissenschaftlichen Anspruch erhalten. Ich werde die vielen anregenden Gespräche beim Tee vermissen!
Danke auch an Armand Farsi, der aufgrund von Erfahrung mit seiner eigenen wegweisenden Dissertation, aber auch anderer persönlicher Qualitäten mir in einer kurzen Begegnung hilfreiche Anregungen geben konnte.
Besonderer Dank gilt meiner Frau Sabine, die sich bereit und interessiert zeigte, die zu Geschichten zusammengefassten Interviews zeitnah kritisch durchzulesen. Lieben Dank auch an Katja Burkhardt und Michael Bellmann, die den Entwurf zum Manuskript geduldig gelesen haben.
Und natürlich gilt mein Dank all den Frauen, die sich zum Interview bereit erklärt und mit mir – obwohl sie mich nicht kannten – mit großer Offenheit auch über schwierige Themen gesprochen haben. Chapeau! Viele von diesen Frauen habe ich durch Pamela Urban kennenlernen dürfen, die mich in einer schleppenden Phase der Rekrutierung so tatkräftig unterstützt hat, dass deutlich mehr Interviews möglich wurden als ursprünglich geplant.
Last but not least waren es meine Eltern, meine deutsche Mutter und mein persischer Vater, die die Bikulturalität in mich gesetzt haben, indem sie sich füreinander entschieden und mir ein Miteinander in Respekt und mit gegenseitigem Interesse und Kompromissbereitschaft vorgelebt haben. Als Jugendlicher und junger Erwachsene empfand ich meinen bikulturellen Hintergrund phasenweise als Belastung (Wer bin ich? Wo gehöre ich hin?), später habe ich ihn als Luxus schätzen gelernt. Merci und danke an Euch Lieben!
1. Einleitung
Binationale Partnerschaften zwischen deutschen Frauen und orientalischen Männern stehen nicht im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte. Dabei ist durchaus nicht nur die Frage interessant, welche Motive diese Frauen bei der Entscheidung für eine solche Beziehung haben, sondern auch, warum sie sich trotz aller negativen Schlagzeilen und Berichte der vergangenen Jahre und trotz entsprechender Erzählungen und Erfahrungsberichte anderer über manche tatsächlichen, vermeintlichen oder stigmatisierten Verhaltensweisen von Personen aus dem orientalischen Kulturraum auf eine Partnerschaft zu einem solchen Mann einlassen. Auch wenn prominente Frauen in diesem Zusammenhang die große mediale Öffentlichkeit erreicht haben, ist das Thema oberflächlich behandelt und nicht weiter vertieft worden, auch nicht, wenn der Unterschied zwischen den sozialen Schichten extrem war. Hier kommt die Frage deutlicher auf, welche Motivation eine Frau mit einem solchen privaten und sozialen Hintergrund haben kann, um sich auf einen anders sozialisierten Partner aus einem Land mit jahrzehntelangen negativen Schlagzeilen einzulassen. Hierbei ist die Frage nach dem „Warum“ oder „Warum trotz allem“ nicht im Sinne einer Wertung zu verstehen, sondern in Bezug auf die fragliche Funktionsfähigkeit einer solchen Beziehung.
Binationale Beziehungen einschließlich Ehen hat es schon immer gegeben. Diese haben erwartungsgemäß im Rahmen der Globalisierung und mit steigendender Mobilität von Gesellschaften durch immer schnellere, häufigere und für mehr Menschen erschwingliche Reisemöglichkeiten zugenommen. Auch Migrationsbewegungen unterschiedlicher Ursachen wie etwa Studium und Arbeit, aber auch Flucht und Vertreibung lassen die Anzahl binationaler Beziehungen wachsen. Bereits aus theoretischen Gründen und a priori kann dabei meistens davon ausgegangen werden, dass je näher die jeweiligen Herkunftsländer des Paares zueinander liegen, desto weniger es kulturelle Schwierigkeiten in solchen Beziehungen gibt. In Bezug auf das hier untersuchte Thema befindet sich Deutschland in einem christlich-humanistisch geprägten und demokratisch-rechtsstaatlich ausgerichteten Kulturraum, sodass in vielerlei Hinsicht ein mehr oder minder ähnlicher „Geist“ und ähnliche Wertvorstellungen bestehen. Eine „monokulturelle Beziehung“ zum Beispiel in der Konstellation deutsch-dänisch oder deutsch-niederländisch hält – statistisch betrachtet – somit länger als eine zum Beispiel deutsch-kongolesische oder deutsch-pakistanische Beziehung. Es sei denn, gesellschaftliche Normen oder Zwänge und kulturelle Erwartungen der nicht-deutschen Seite haben einen disziplinierenden Effekt und verhindern dadurch eine Aufgabe der Liaison. Es ist plausibel, dass die kulturelle Nähe zu Westeuropa die Bedeutung der geografischen Nähe relativieren oder gar aufheben kann. Dabei kann man beispielhaft Australien, Amerika und Südafrika nennen: Partnerschaften zwischen Menschen aus diesen Ländern mit jenen – in diesem Fall – aus Deutschland sind, wieder statistisch betrachtet, in ihren kulturellen Spannungen vergleichbar mit den o. g. Bespielen zu den Nachbarländern. Hier wird die „kulturelle Zugehörigkeit“ einer Wertegemeinschaft mit gemeinsamen Normen und Handlungsorientierungen als verbindendes Element gesehen (vgl. dazu B. Waldis). Es erscheint noch viel zu früh, mit Jan Plamper von einer „kollektiven Identität“ auszugehen, da es diese faktisch in Deutschland nicht gibt. Ob das darin propagierte, vom amerikanischen „Melting Pot“ abgeleitete, modifizierte Modell mit der Metapher der „Salatschüssel“ als nationale Kollektividentität mit vielen Herkunftsidentitäten auf Deutschland übertragbar ist, erscheint aufgrund der erheblichen Unterschiede in der historischen Entwicklung und im nationalen Selbstverständnis eher fraglich, zumal die USA bekanntermaßen immer schon ein Einwanderungsland waren und überhaupt so entstanden sind.
Im Jahre 2022 betrug die Scheidungsrate in Deutschland 35,15 %. Zwar scheitern auch sehr viele „deutsch-deutsche Ehen“, einer früheren wissenschaftlichen Untersuchung zufolge ist aber die Scheidungsquote bei binationalen Ehen in Deutschland deutlich höher. Zu einem ähnlichen Ergebnis war eine frühere holländische Studie gekommen: Die Scheidungsrate betrug bei holländisch-marokkanischen Ehen 63,6 %, bei holländisch-türkischen Paaren 39,2 %, bei holländisch-westeuropäischen 22,3 % und bei holländisch-holländischen 11,4 %. Es kann vor diesem Hintergrund die Hypothese aufgestellt werden, dass bei zunehmendem kulturellem Abstand ein Risiko eingegangen wird, dass es zu zusätzlichen Spannungen, Konflikten und Herausforderungen kommt, die die Beziehung überstrapazieren können. Bemerkenswerterweise sind es mittlerweile 10 % aller Ehen in Deutschland, bei denen eine Seite nicht deutsch ist:
Dabei steht die Türkei immer noch an erster Stelle:
Es fällt auf, dass die anderen „orientalischen Länder“ prozentual eine untergeordnete Rolle spielen, was sich aber durch die Migrationsbewegung der letzten Jahre aus dem arabischen Raum erwartungsgemäß langfristig ändern wird; jedenfalls wird es hier Verschiebungen in der Rangfolge geben. Es kann zudem hochgerechnet werden, dass der Orient bei den binationalen Ehen zahlenmäßig nicht führt, sondern – unter vollständiger Berücksichtigung von Russland (teilweise in Asien) – der europäische Raum.
Interessant ist, dass bei den binationalen Paaren (auch nicht Verheiratete) der Anteil der Kinder mit einer deutschen Mutter – also jene Gruppe, die bei dieser Arbeit untersucht wird – deutlich gegenüber den anderen nicht deutschen Paaren überwiegt:
2. Erkenntnisinteresse und Forschungsfrage
Warum beschäftigt sich ein Arzt für Neurologie und Psychiatrie mit diesem Thema? Die gezielte Auseinandersetzung damit hat einen Zusammenhang zur Biografie des Autors, der selbst Kind einer deutschen Mutter und eines persischen Vaters ist. Deren Ehe hat über 60 Jahre lang angedauert, bis dass der Tod des einen sie geschieden hat. Bekanntermaßen waren die weltpolitischen Umstände und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der noch relativ jungen (west-)deutschen Republik Anfang der 1960er-Jahre gänzlich anders als die heutigen Voraussetzungen. Das erste Anwerbeabkommen wurde 1955 mit Italien abgeschlossen, später folgten Abkommen mit Griechenland und Spanien (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und dem damaligen Jugoslawien (1968). Diese Arbeitskräfte wurden erst einmal nur als „Gastarbeiter“ betrachtet. Von Diversität nach dem heutigen Verständnis wurde noch nicht gesprochen. Heute ist die Wahl groß. Und die insbesondere nach 1968 freizügiger und zunehmend toleranter gewordene Gesellschaft lässt sich leichter auf das andere ein, akzeptiert auch leichter andersartige Konstellationen. Aber ist es in Bezug auf die hier untersuchte Fragestellung auch einfacher geworden? Konkret: Gelingen auch die Entstehung und Gestaltung deutsch-orientalischer Beziehungen leichter als früher?
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