Gefangen im Schmerz
Heilung trotz Verlust
EUR 27,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 122
ISBN: 978-3-99185-069-4
Erscheinungsdatum: 04.02.2026
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, steht die Zeit still – doch das Leben hört nicht auf. Nadia Christeler-Weber erzählt die wahre Geschichte ihres Sohnes Rafael und zeigt Wege aus der Dunkelheit zurück ins Licht. Für alle, die wieder Hoffnung finden wollen.
Meine Reise
Als ich 1972 das Licht der Welt erblickte, war noch alles in bester Ordnung. Ich kam auf diese Erde und hatte keine Ahnung. Ich lag in den Armen meiner Eltern und fühlte die Liebe und Zuneigung, die Freude meiner Ankunft. Nichts ist wichtiger, als alles auf dieser Erde zu entdecken und mit großer Neugier die ganze Welt zu erobern.
Die Geburt und der Tod gehören zu unserem Leben mit dazu. Bereits mein Vater hat mit zehn Jahren seine Mama verloren. Er und seine zwei jüngeren Geschwister verloren ihre Mama. Damals wurde nicht darüber gesprochen, man wurde einfach mit diesem Schock und diesem Schmerz alleingelassen. Was geschieht mit einem Kind, das die Mutter verliert und keine psychologische Hilfe bekommt? Es muss einfach lernen, damit umzugehen. Es entstehen viele negative Glaubenssätze und es wird automatisch eine Herzmauer aufgebaut. Dies bedeutet, dass du dich schützt, damit du nie mehr so einen Schmerz fühlen musst. Du fühlst aber auch die positiven Emotionen nicht mehr. Alle Menschen, die dann in deiner Nähe leben, bekommen nie mehr deine ganze Liebe, sondern nur einen Teil, den du dich traust, preiszugeben. Dies wiederum bedeutet, dass die Menschen um dich herum sich nicht angenommen fühlen. Sie bekommen scheinbar zu wenig Liebe und es fehlt ihnen immer irgendetwas, was man aber mit Worten und dem Verstand nicht benennen kann. Du kannst es nur fühlen, dass du bei diesem Menschen nicht ans Innere des Herzens gelangst. Ich könnte dir noch viele Konsequenzen aufzählen, was mit einem Menschen geschieht, der sich mit diesem Thema allein durchs Leben kämpfen muss.
Ich bin bereits wieder abgeschweift. Den ersten Verlust erlebte ich mit zwölf Jahren, als meine Urgroßmutter verstarb. Ich weiß, sie war alt und hatte ein erfülltes Leben, und ja, 90 % der Menschen verlieren ihre Urgroßeltern, wenn sie jung sind. Da wir immer Hunde und Katzen zu Hause hatten, folgte im Laufe der Jahre immer wieder ein Tier, das ich loslassen musste. Bei jedem Tod, ob es nun ein Mensch oder ein Tier war, fühlte es sich an, als ob ich das nie überleben könnte. Im Nachhinein betrachtet, waren diese Verluste für mich zwar unerträglich, aber es war nur die Vorbereitung auf das, was in meinem Leben folgen sollte.
Ich lernte meinen Mann Roger kennen, wir heirateten und unsere zwei wunderbaren Kinder wurden geboren. Ich durfte unsere Kinder mit viel Freude und Dankbarkeit begleiten. Ich genieße jeden Augenblick mit meiner Familie. Diese Zeiten sind so kostbar. Jeder einzelne Moment mit unserer Tochter Fabienne und unserem Sohn Rafael ist bzw. war ein Geschenk und ich betrachte es auch nicht als selbstverständlich, dass man eigene Kinder als Leihgabe begleiten darf.
Um nun wieder auf das eigentliche Thema zurückzukehren: Im Jahre 2017, ein Tag wie jeder andere, es war wunderschönes Wetter, kurze Kommunikation mit meiner Mama, sie wollte mittags zu einer großen Messe in Bern. Wir wohnten im gleichen Haus übereinander und hatten zusammen einen Pferdestall, in dem ein paar eigene und einige Pensionspferde eingestellt waren. Sie fühlte sich an diesem Morgen quicklebendig und gesund. Kurz darauf ist sie zusammengebrochen. In jenem Moment war ein Aneurysma der Aorta knapp über ihrem Herzen gerissen. Die Mediziner kämpften drei Tage lang erfolglos um ihr Leben und wir mussten sie dann loslassen. Sie kam nicht mehr zu Bewusstsein. Wir konnten uns nicht verabschieden. Dies war für unsere ganze Familie und für meinen Papa, der bereits seine Mutter früh verloren hatte, ein weiterer Schock.
Wie kann das sein, dass sich in einem Augenblick alles verändert? Wie geht man denn damit um?
Als wir den ersten Schmerz und die Trauer um meine Mutter endlich verarbeitet hatten, wurde auch unser Sohn Rafael von einem Augenblick auf den anderen aus dem Leben gerissen. Er hatte mit seinen 20 Jahren einen Riss in seiner Herzwand. Wieder konnten wir nicht Abschied nehmen, wieder katapultierte dieser Verlust uns in den nächsten Schock, in die nächste Schockstarre. Da die Mutter meines Mannes, Lena Rieben, mit dem Verlust ihres geliebten Enkels Rafael nicht umgehen konnte, folgte sie ihm zwei Jahre später in den Tod.
Rafaels Lebensgeschichte
Rafael wurde am 25. August 2000 geboren. Er trat in unser Leben mit einem lebhaften und neugierigen Geist, der schon früh seine Besonderheit offenbarte.
Am 13. Januar 2002 wurde seine Schwester Fabienne geboren. Von diesem Tag an übernahm Rafael die Rolle des stolzen und beschützenden großen Bruders. Er war stets an ihrer Seite und beschützte sie mit unerschütterlicher Hingabe.
Rafael war ein besonderer Junge. Erst mit drei Jahren begann er, sich mit Worten auszudrücken. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er seine eigene Zeichensprache entwickelt, die ihm alles ermöglichte, was er brauchte. Als er jedoch entdeckte, dass Worte ihm halfen, besser verstanden zu werden, sprudelte er über vor Redefreude und ließ keinen Moment ungenutzt, um seine Gedanken und Geschichten zu teilen.
Der Kindergarten und die Schule waren für Rafael oft eine lästige Pflicht. Er glaubte fest daran, dass diese Zeit ihm im späteren Leben kaum nützen würde. Stattdessen träumte er von Abenteuern und Entdeckungsreisen. Ein Freigeist durch und durch, genoss er die Ferien mit seinen Großeltern in vollen Zügen und unternahm mit seinen Freunden Reisen nach Barcelona, in die Türkei und an andere Orte. Rafael ließ sich nie etwas verbieten und setzte sich leidenschaftlich für seine Meinung, Gerechtigkeit und seine ausgefallenen Ideen ein. Wenn er etwas wollte, musste es sofort sein, und er fand immer einen Weg, es zu bekommen.
Diagnose
Nach einer Hirnhautentzündung fanden die Ärzte heraus, dass Rafael an einem Gendefekt namens Marfan-Syndrom leidet. Die Nachricht traf uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Ärzte übermittelten diese schwerwiegende Diagnose ohne Rücksicht darauf, ob unser kleiner Schatz dies mitbekommen würde. Von diesem Zeitpunkt an wusste Rafael, dass seine Zeit auf Erden begrenzt sein wird und dass der Tod jederzeit an seine Tür klopfen könnte. Diese Erkenntnis prägte sein Leben und verstärkte sein Streben danach, jeden Moment in vollen Zügen zu genießen und nach seinen eigenen Vorstellungen zu leben. Er ließ sich von dieser schweren Bürde jedoch nicht unterkriegen und kämpfte jeden Tag tapfer weiter, im Bewusstsein der Endlichkeit des Lebens.
Der Schock der Diagnose
Für uns war die Diagnose ein schwerer Schock. Unser geliebter Sohn könnte jederzeit sterben! Was bedeutet das wirklich? Welche Möglichkeiten gibt es, dagegen anzukämpfen? Leider gleicht dieser Gendefekt einer tickenden Zeitbombe, der wir machtlos gegenüberstanden. Diese Erkenntnis führte uns zu der schmerzlichen Wahrheit, dass wir unseren Sohn früher oder später verlieren würden, ohne zu wissen, wann dieser Moment eintreten wird. Die Ungewissheit lastete schwer auf uns, doch wir beschlossen, jede verbleibende Minute mit ihm in vollen Zügen zu genießen und ihm unsere Liebe und Unterstützung zu schenken.
Rafaels ungebändigter Geist
Da Rafael nie wusste, wann dieser Zeitpunkt kommen würde, wollte er selbstverständlich alles ausprobieren, was das Leben zu bieten hatte. Er lebte mit einer Intensität, die von einem tiefen Verlangen nach Erlebnissen und Erfahrungen geprägt war. Trotz seiner körperlichen Symptome – einem großen, schlaffen Körper, der keine Muskeln aufbauen konnte, und viel zu großen Füßen – kämpfte er tapfer gegen diese Herausforderungen an. Doch innerlich konnte er seinen Körper nie wirklich akzeptieren. Nach außen hin war dies jedoch nicht zu erkennen.
Rafaels Verhalten wurde mit der Zeit immer rebellischer. Für uns bedeutete dies, dass wir ihn einfach begleiten und in allen schwierigen Situationen schützen mussten. Seine Unvorhersehbarkeit und seine Unerschrockenheit machten ihn zu einer faszinierenden, aber auch herausfordernden Persönlichkeit. Die ständige Ungewissheit, wie lange er noch auf dieser Erde bleiben würde, begleitete uns täglich. Dennoch versuchten wir, ihm so viel Liebe und Unterstützung wie möglich zu geben und jede gemeinsame Minute zu schätzen.
Rafaels Weg zur Unabhängigkeit
Mit 15 Jahren lernte Rafael seine erste große Liebe kennen, eine Begegnung, die gleichzeitig den Beginn seiner Unabhängigkeit von der Familie markierte. Voller Enthusiasmus gründete er seine eigene „Firma“, wie er es stolz nannte. Eines Tages fanden wir ihn auf seinem Bett, umgeben von Cannabis, unserer Küchenwaage und kleinen Plastiktüten. In seiner gewohnt trockenen Art erklärte er uns, dass diese Pflanze schließlich gesund sei und er damit sein eigenes Geld verdienen möchte. Wir als Eltern konnten diese Unternehmung nicht so bewundern, wie er es sich erträumt hatte. Das „Geschäft“ brachte jedoch nicht den erhofften Erfolg und führte zu Schwierigkeiten mit Behörden, Ämtern und seinen „Lieferanten“. Wir Eltern konnten ihn dabei nicht unterstützen, da es illegal war. Wir entwendeten ihm immer wieder alles bis hin zur Selbstanzeige bei der Polizei. Es war traurig mitzuerleben, wie wir und die Behörden versuchten, ihn auf den richtigen Weg zu leiten. Es ist uns gelungen. Rafael beendete den illegalen Weg. Diese Erfahrung war doch nicht so befriedigend, wie er sich das vorgestellt hatte. Er lernte danach wertvolle Freunde kennen, die ihn bis zum Tod mit viel Liebe begleiteten.
Rafaels Leben war geprägt von intensiven Erlebnissen und unvergesslichen Momenten. Kein Aufwand war ihm zu groß, um auf dem Hof seines Großvaters zu arbeiten und sich so sein Taschengeld zu verdienen. Obwohl er die Notwendigkeit einer Ausbildung nicht verstand, machte er sich jeden Tag auf den Weg zur Baustelle und zur Berufsschule, obwohl er fest daran glaubte, das Gelernte nie zu benötigen. Doch schließlich erkannte er, dass eine Ausbildung ihm helfen könnte, seine Träume zu verwirklichen.
Rafaels Lebensmotto lautete, das Leben zu genießen, im Hier und Jetzt zu leben, Liebe zu verbreiten und seine eigenen Ideen umzusetzen. Er kämpfte stets für seine Überzeugungen und träumte von einer Welt, die seiner Realität entsprach. Für ihn war es das Größte, sich für Schwächere und Gerechtigkeit einzusetzen.
Doch oft stellte er sich folgende Frage: Warum wird das, was sich für mich richtig anfühlt, meistens von der Gesellschaft abgelehnt?
Er liebte seine Familie und Freunde über alles. Mit seiner starken Persönlichkeit zeigte er uns, dass man auf sein Herz und seine eigenen Ideen hören sollte, um auf dieser Erde etwas zu bewegen. Obwohl es für uns Eltern, die Schwester sowie für die Großeltern eine tägliche Herausforderung war, mit einem so eigenwilligen Menschen zusammenzuleben, können wir sagen, dass Rafael ein kurzes, aber sehr spannendes und intensives Leben genossen hat. Er blieb seinen Idealen stets treu, unabhängig davon, ob sie von der Gesellschaft anerkannt wurden oder nicht.
Genau solche Menschen brauchen wir auf dieser Erde. Danke, Rafael, dass du uns diesen Weg gezeigt hast. Wir lieben dich und du wirst immer in unseren Herzen bleiben.
Tag des Unfassbaren
Der Albtraum am Morgen
Der Tag begann mit einem Albtraum, der so real und verstörend war, dass er mich frühmorgens aus dem Schlaf riss. Normalerweise kann ich mich nicht an meine Träume erinnern, aber dieser Tag war von Anfang an anders. Noch heute, Jahre später, erinnere ich mich an jedes Detail, als ob es erst gestern gewesen wäre.
Ich träumte, dass meine Freundin mir ihre Kinder anvertraute, weil sie arbeiten musste. Plötzlich tauchte vor unserem Haus ein unheimliches Baustellengerüst auf. Zuoberst stand eine vermummte Frau, die ein Baby über den Abgrund hielt. Sie schrie aus voller Kehle, dass berufstätige Frauen keine Kinder haben sollten, und warf das Baby in die Tiefe. Ich war entsetzt und rannte panisch zu dem Kind. Doch als ich dort ankam, erkannte ich, dass es nicht das Kind meiner Freundin war. Es war ein fremdes Kind, das ich noch nie gesehen hatte. Trotzdem empfand ich einen Schock und eine Trauer, als wäre es mein eigenes Kind gewesen. Schweißgebadet wachte ich aus diesem Albtraum auf und spürte ein tiefes Unbehagen in mir.
Diese unheimliche Vorahnung durchzog den gesamten Morgen, aber ich ahnte nicht im Geringsten, was uns an diesem schicksalhaften Tag noch erwarten sollte.
Nach diesem beunruhigenden Traum griff ich sofort zum Telefon und rief meinen Mann an, der bereits auf seiner Arbeit war. Er versuchte, mich mit beruhigenden Worten zu trösten, und sagte: „Es war doch nur ein Traum.“ Doch das nagende Unbehagen wollte nicht verschwinden. Es fühlte sich so real an, als ob ich alles tatsächlich erlebt hätte.
Beim Mittagessen erreichte mich dann die Nachricht von einem tragischen Autounfall, bei dem ein Mädchen ums Leben gekommen war. Tief betroffen sprachen wir darüber, wie die Eltern wohl mit diesem unvorstellbaren Verlust umgehen würden. Mein Herz war voller Mitgefühl für diese Eltern, die sich nun ihren schlimmsten Albträumen stellen mussten.
...
Als ich 1972 das Licht der Welt erblickte, war noch alles in bester Ordnung. Ich kam auf diese Erde und hatte keine Ahnung. Ich lag in den Armen meiner Eltern und fühlte die Liebe und Zuneigung, die Freude meiner Ankunft. Nichts ist wichtiger, als alles auf dieser Erde zu entdecken und mit großer Neugier die ganze Welt zu erobern.
Die Geburt und der Tod gehören zu unserem Leben mit dazu. Bereits mein Vater hat mit zehn Jahren seine Mama verloren. Er und seine zwei jüngeren Geschwister verloren ihre Mama. Damals wurde nicht darüber gesprochen, man wurde einfach mit diesem Schock und diesem Schmerz alleingelassen. Was geschieht mit einem Kind, das die Mutter verliert und keine psychologische Hilfe bekommt? Es muss einfach lernen, damit umzugehen. Es entstehen viele negative Glaubenssätze und es wird automatisch eine Herzmauer aufgebaut. Dies bedeutet, dass du dich schützt, damit du nie mehr so einen Schmerz fühlen musst. Du fühlst aber auch die positiven Emotionen nicht mehr. Alle Menschen, die dann in deiner Nähe leben, bekommen nie mehr deine ganze Liebe, sondern nur einen Teil, den du dich traust, preiszugeben. Dies wiederum bedeutet, dass die Menschen um dich herum sich nicht angenommen fühlen. Sie bekommen scheinbar zu wenig Liebe und es fehlt ihnen immer irgendetwas, was man aber mit Worten und dem Verstand nicht benennen kann. Du kannst es nur fühlen, dass du bei diesem Menschen nicht ans Innere des Herzens gelangst. Ich könnte dir noch viele Konsequenzen aufzählen, was mit einem Menschen geschieht, der sich mit diesem Thema allein durchs Leben kämpfen muss.
Ich bin bereits wieder abgeschweift. Den ersten Verlust erlebte ich mit zwölf Jahren, als meine Urgroßmutter verstarb. Ich weiß, sie war alt und hatte ein erfülltes Leben, und ja, 90 % der Menschen verlieren ihre Urgroßeltern, wenn sie jung sind. Da wir immer Hunde und Katzen zu Hause hatten, folgte im Laufe der Jahre immer wieder ein Tier, das ich loslassen musste. Bei jedem Tod, ob es nun ein Mensch oder ein Tier war, fühlte es sich an, als ob ich das nie überleben könnte. Im Nachhinein betrachtet, waren diese Verluste für mich zwar unerträglich, aber es war nur die Vorbereitung auf das, was in meinem Leben folgen sollte.
Ich lernte meinen Mann Roger kennen, wir heirateten und unsere zwei wunderbaren Kinder wurden geboren. Ich durfte unsere Kinder mit viel Freude und Dankbarkeit begleiten. Ich genieße jeden Augenblick mit meiner Familie. Diese Zeiten sind so kostbar. Jeder einzelne Moment mit unserer Tochter Fabienne und unserem Sohn Rafael ist bzw. war ein Geschenk und ich betrachte es auch nicht als selbstverständlich, dass man eigene Kinder als Leihgabe begleiten darf.
Um nun wieder auf das eigentliche Thema zurückzukehren: Im Jahre 2017, ein Tag wie jeder andere, es war wunderschönes Wetter, kurze Kommunikation mit meiner Mama, sie wollte mittags zu einer großen Messe in Bern. Wir wohnten im gleichen Haus übereinander und hatten zusammen einen Pferdestall, in dem ein paar eigene und einige Pensionspferde eingestellt waren. Sie fühlte sich an diesem Morgen quicklebendig und gesund. Kurz darauf ist sie zusammengebrochen. In jenem Moment war ein Aneurysma der Aorta knapp über ihrem Herzen gerissen. Die Mediziner kämpften drei Tage lang erfolglos um ihr Leben und wir mussten sie dann loslassen. Sie kam nicht mehr zu Bewusstsein. Wir konnten uns nicht verabschieden. Dies war für unsere ganze Familie und für meinen Papa, der bereits seine Mutter früh verloren hatte, ein weiterer Schock.
Wie kann das sein, dass sich in einem Augenblick alles verändert? Wie geht man denn damit um?
Als wir den ersten Schmerz und die Trauer um meine Mutter endlich verarbeitet hatten, wurde auch unser Sohn Rafael von einem Augenblick auf den anderen aus dem Leben gerissen. Er hatte mit seinen 20 Jahren einen Riss in seiner Herzwand. Wieder konnten wir nicht Abschied nehmen, wieder katapultierte dieser Verlust uns in den nächsten Schock, in die nächste Schockstarre. Da die Mutter meines Mannes, Lena Rieben, mit dem Verlust ihres geliebten Enkels Rafael nicht umgehen konnte, folgte sie ihm zwei Jahre später in den Tod.
Rafaels Lebensgeschichte
Rafael wurde am 25. August 2000 geboren. Er trat in unser Leben mit einem lebhaften und neugierigen Geist, der schon früh seine Besonderheit offenbarte.
Am 13. Januar 2002 wurde seine Schwester Fabienne geboren. Von diesem Tag an übernahm Rafael die Rolle des stolzen und beschützenden großen Bruders. Er war stets an ihrer Seite und beschützte sie mit unerschütterlicher Hingabe.
Rafael war ein besonderer Junge. Erst mit drei Jahren begann er, sich mit Worten auszudrücken. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er seine eigene Zeichensprache entwickelt, die ihm alles ermöglichte, was er brauchte. Als er jedoch entdeckte, dass Worte ihm halfen, besser verstanden zu werden, sprudelte er über vor Redefreude und ließ keinen Moment ungenutzt, um seine Gedanken und Geschichten zu teilen.
Der Kindergarten und die Schule waren für Rafael oft eine lästige Pflicht. Er glaubte fest daran, dass diese Zeit ihm im späteren Leben kaum nützen würde. Stattdessen träumte er von Abenteuern und Entdeckungsreisen. Ein Freigeist durch und durch, genoss er die Ferien mit seinen Großeltern in vollen Zügen und unternahm mit seinen Freunden Reisen nach Barcelona, in die Türkei und an andere Orte. Rafael ließ sich nie etwas verbieten und setzte sich leidenschaftlich für seine Meinung, Gerechtigkeit und seine ausgefallenen Ideen ein. Wenn er etwas wollte, musste es sofort sein, und er fand immer einen Weg, es zu bekommen.
Diagnose
Nach einer Hirnhautentzündung fanden die Ärzte heraus, dass Rafael an einem Gendefekt namens Marfan-Syndrom leidet. Die Nachricht traf uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Ärzte übermittelten diese schwerwiegende Diagnose ohne Rücksicht darauf, ob unser kleiner Schatz dies mitbekommen würde. Von diesem Zeitpunkt an wusste Rafael, dass seine Zeit auf Erden begrenzt sein wird und dass der Tod jederzeit an seine Tür klopfen könnte. Diese Erkenntnis prägte sein Leben und verstärkte sein Streben danach, jeden Moment in vollen Zügen zu genießen und nach seinen eigenen Vorstellungen zu leben. Er ließ sich von dieser schweren Bürde jedoch nicht unterkriegen und kämpfte jeden Tag tapfer weiter, im Bewusstsein der Endlichkeit des Lebens.
Der Schock der Diagnose
Für uns war die Diagnose ein schwerer Schock. Unser geliebter Sohn könnte jederzeit sterben! Was bedeutet das wirklich? Welche Möglichkeiten gibt es, dagegen anzukämpfen? Leider gleicht dieser Gendefekt einer tickenden Zeitbombe, der wir machtlos gegenüberstanden. Diese Erkenntnis führte uns zu der schmerzlichen Wahrheit, dass wir unseren Sohn früher oder später verlieren würden, ohne zu wissen, wann dieser Moment eintreten wird. Die Ungewissheit lastete schwer auf uns, doch wir beschlossen, jede verbleibende Minute mit ihm in vollen Zügen zu genießen und ihm unsere Liebe und Unterstützung zu schenken.
Rafaels ungebändigter Geist
Da Rafael nie wusste, wann dieser Zeitpunkt kommen würde, wollte er selbstverständlich alles ausprobieren, was das Leben zu bieten hatte. Er lebte mit einer Intensität, die von einem tiefen Verlangen nach Erlebnissen und Erfahrungen geprägt war. Trotz seiner körperlichen Symptome – einem großen, schlaffen Körper, der keine Muskeln aufbauen konnte, und viel zu großen Füßen – kämpfte er tapfer gegen diese Herausforderungen an. Doch innerlich konnte er seinen Körper nie wirklich akzeptieren. Nach außen hin war dies jedoch nicht zu erkennen.
Rafaels Verhalten wurde mit der Zeit immer rebellischer. Für uns bedeutete dies, dass wir ihn einfach begleiten und in allen schwierigen Situationen schützen mussten. Seine Unvorhersehbarkeit und seine Unerschrockenheit machten ihn zu einer faszinierenden, aber auch herausfordernden Persönlichkeit. Die ständige Ungewissheit, wie lange er noch auf dieser Erde bleiben würde, begleitete uns täglich. Dennoch versuchten wir, ihm so viel Liebe und Unterstützung wie möglich zu geben und jede gemeinsame Minute zu schätzen.
Rafaels Weg zur Unabhängigkeit
Mit 15 Jahren lernte Rafael seine erste große Liebe kennen, eine Begegnung, die gleichzeitig den Beginn seiner Unabhängigkeit von der Familie markierte. Voller Enthusiasmus gründete er seine eigene „Firma“, wie er es stolz nannte. Eines Tages fanden wir ihn auf seinem Bett, umgeben von Cannabis, unserer Küchenwaage und kleinen Plastiktüten. In seiner gewohnt trockenen Art erklärte er uns, dass diese Pflanze schließlich gesund sei und er damit sein eigenes Geld verdienen möchte. Wir als Eltern konnten diese Unternehmung nicht so bewundern, wie er es sich erträumt hatte. Das „Geschäft“ brachte jedoch nicht den erhofften Erfolg und führte zu Schwierigkeiten mit Behörden, Ämtern und seinen „Lieferanten“. Wir Eltern konnten ihn dabei nicht unterstützen, da es illegal war. Wir entwendeten ihm immer wieder alles bis hin zur Selbstanzeige bei der Polizei. Es war traurig mitzuerleben, wie wir und die Behörden versuchten, ihn auf den richtigen Weg zu leiten. Es ist uns gelungen. Rafael beendete den illegalen Weg. Diese Erfahrung war doch nicht so befriedigend, wie er sich das vorgestellt hatte. Er lernte danach wertvolle Freunde kennen, die ihn bis zum Tod mit viel Liebe begleiteten.
Rafaels Leben war geprägt von intensiven Erlebnissen und unvergesslichen Momenten. Kein Aufwand war ihm zu groß, um auf dem Hof seines Großvaters zu arbeiten und sich so sein Taschengeld zu verdienen. Obwohl er die Notwendigkeit einer Ausbildung nicht verstand, machte er sich jeden Tag auf den Weg zur Baustelle und zur Berufsschule, obwohl er fest daran glaubte, das Gelernte nie zu benötigen. Doch schließlich erkannte er, dass eine Ausbildung ihm helfen könnte, seine Träume zu verwirklichen.
Rafaels Lebensmotto lautete, das Leben zu genießen, im Hier und Jetzt zu leben, Liebe zu verbreiten und seine eigenen Ideen umzusetzen. Er kämpfte stets für seine Überzeugungen und träumte von einer Welt, die seiner Realität entsprach. Für ihn war es das Größte, sich für Schwächere und Gerechtigkeit einzusetzen.
Doch oft stellte er sich folgende Frage: Warum wird das, was sich für mich richtig anfühlt, meistens von der Gesellschaft abgelehnt?
Er liebte seine Familie und Freunde über alles. Mit seiner starken Persönlichkeit zeigte er uns, dass man auf sein Herz und seine eigenen Ideen hören sollte, um auf dieser Erde etwas zu bewegen. Obwohl es für uns Eltern, die Schwester sowie für die Großeltern eine tägliche Herausforderung war, mit einem so eigenwilligen Menschen zusammenzuleben, können wir sagen, dass Rafael ein kurzes, aber sehr spannendes und intensives Leben genossen hat. Er blieb seinen Idealen stets treu, unabhängig davon, ob sie von der Gesellschaft anerkannt wurden oder nicht.
Genau solche Menschen brauchen wir auf dieser Erde. Danke, Rafael, dass du uns diesen Weg gezeigt hast. Wir lieben dich und du wirst immer in unseren Herzen bleiben.
Tag des Unfassbaren
Der Albtraum am Morgen
Der Tag begann mit einem Albtraum, der so real und verstörend war, dass er mich frühmorgens aus dem Schlaf riss. Normalerweise kann ich mich nicht an meine Träume erinnern, aber dieser Tag war von Anfang an anders. Noch heute, Jahre später, erinnere ich mich an jedes Detail, als ob es erst gestern gewesen wäre.
Ich träumte, dass meine Freundin mir ihre Kinder anvertraute, weil sie arbeiten musste. Plötzlich tauchte vor unserem Haus ein unheimliches Baustellengerüst auf. Zuoberst stand eine vermummte Frau, die ein Baby über den Abgrund hielt. Sie schrie aus voller Kehle, dass berufstätige Frauen keine Kinder haben sollten, und warf das Baby in die Tiefe. Ich war entsetzt und rannte panisch zu dem Kind. Doch als ich dort ankam, erkannte ich, dass es nicht das Kind meiner Freundin war. Es war ein fremdes Kind, das ich noch nie gesehen hatte. Trotzdem empfand ich einen Schock und eine Trauer, als wäre es mein eigenes Kind gewesen. Schweißgebadet wachte ich aus diesem Albtraum auf und spürte ein tiefes Unbehagen in mir.
Diese unheimliche Vorahnung durchzog den gesamten Morgen, aber ich ahnte nicht im Geringsten, was uns an diesem schicksalhaften Tag noch erwarten sollte.
Nach diesem beunruhigenden Traum griff ich sofort zum Telefon und rief meinen Mann an, der bereits auf seiner Arbeit war. Er versuchte, mich mit beruhigenden Worten zu trösten, und sagte: „Es war doch nur ein Traum.“ Doch das nagende Unbehagen wollte nicht verschwinden. Es fühlte sich so real an, als ob ich alles tatsächlich erlebt hätte.
Beim Mittagessen erreichte mich dann die Nachricht von einem tragischen Autounfall, bei dem ein Mädchen ums Leben gekommen war. Tief betroffen sprachen wir darüber, wie die Eltern wohl mit diesem unvorstellbaren Verlust umgehen würden. Mein Herz war voller Mitgefühl für diese Eltern, die sich nun ihren schlimmsten Albträumen stellen mussten.
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