Einfach weggegangen ...
Die Antworten warten auf uns
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 80
ISBN: 978-3-99130-412-8
Erscheinungsdatum: 04.09.2024
„Einfach weggegangen“ ist der Sohn des Autors und hinterlässt mit seinem Suizid neben Schmerz und Leid zahlreiche Fragen, auf die der verzweifelte Vater Antworten sucht … und sie auf teils unerwarteten Wegen findet.
1. Kleines Vorwort
Ich kannte das Thema des Selbstmordes schon lange, und erkannte durch diese furchtbaren Geschehnisse, dass in menschlichen Gemeinschaften vieles nicht in Ordnung war. Doch schob ich dieses schlimme Thema, wie viele meiner Mitmenschen in weite Ferne – war ich doch nicht betroffen. Der Gedanke an dieses Thema war zu schrecklich und versetzte mich sofort in hilflose Abgründe, die ich lieber vermied.
Doch an einem trüben Oktobertag 2016 änderte sich alles, ich wurde plötzlich vom Nichtbetroffenen zum Betroffenen. Mir wurde die schreckliche Nachricht überbracht, dass mein jüngster Sohn sich umgebracht hatte …unfassbar und unglaublich.
Der tragische Heimgang eines geliebten Mitmenschen ist das Schlimmste, das man als Mensch miterleben muss. Noch schlimmer ist es, wenn es gar Familienangehörige sind – durch enge Familienbande aus direkter Nähe. Ein furchtbarer Schock, der schlimmer nicht sein kann – in einem Land, in dem noch „Frieden“ herrscht und keine kriegerischen Auseinandersetzungen stattfinden, obwohl wir, etwas kritischer und ehrlicher betrachtet, uns in Tausenden „Kleinkriegen“ befinden – jeden Tag.
Wir denken, so wäre das Leben eben – nein, so einfach ist das nicht.
Unser Leben wird tagtäglich von anderen Menschen bestimmt und in viele sogenannte „ungeschriebene Gesetze“ zerpflückt, die oftmals das Leben schwer machen können. Menschliche Tugenden werden immer weniger wert, Untugenden leider zu „Tugenden“ gemacht. Sollen das alles Zufälle sein? Bewusste, bedenkenswerte Handlungen, jeden Tag Zufälle?
Ich sehe auch das Gute, aber ich sehe auch, dass das Gute scheinbar immer weniger wird in der heutigen Zeit. Es dürfte kaum verwunderlich sein, dass immer mehr Mitmenschen mit diesen Umständen nicht mehr klarkommen – Menschen guten Willens. Die Folgen sind absehbar, von Krankheit bis zum schlimmsten aller Schritte, dem Heimgang oder Ausstieg, denn nicht jeder Mitmensch hat die Kraft, sich diesen Umständen zu stellen und ihnen entgegenzuwirken über lange Zeit. Dies ist scheinbar ein Kampf – jeden Tag aufs Neue.
Ich spreche bewusst von Heimgang, nicht von Selbstmord oder von Suizid. Damit möchte ich schon einen kleinen Wegweiser in diesem Büchlein aufzeigen.
Und so war ich nach diesem völlig unerwarteten und furchtbaren Schock gezwungen, mich mit dieser schlimmen Situation auseinanderzusetzen.
Im Gegensatz zu vielen schwierigen Lebenssituationen, die ich mehr oder weniger meistern konnte, war mir klar, dass dieses schreckliche Erlebnis endlich ist – es gibt keine Möglichkeit mehr, alles zum Guten zu wenden. Es wurde eine klare, unumkehrbare Entscheidung getroffen, mit der ich fortan zu leben hatte – aber wie?
Ab diesem Zeitpunkt quälte mich der tiefe Riss in meinem Herzen und in meiner Seele. Die Ausstrahlung dieser tiefen, schmerzenden Gefühle und Gedanken ließen mir fortan keine Ruhe mehr – für lange Zeit. Meine Kraft schwand und gedanklich drehte ich mich im Karussell – jeden Tag das gleiche Entsetzen über das Unfassbare. Und ich versuchte alles mir Mögliche, etwas Linderung zu erreichen – es half nichts. Ich musste erkennen, dass ich einen langsamen und schmerzhaften Prozess zu durchlaufen hatte, dessen Ausgang ungewiss war. Mein Leben befand und befindet sich noch in einer Sinuskurve. Mühsam klettere ich jeden Tag aus meiner Traurigkeit ein paar Sprossen, vergleichbar mit einer Leiter, hoch, um kurz darauf wieder abzustürzen und von vorne anzufangen …
Durch viele Erfahrungen wusste ich, dass mir Kirche oder Psychologen nicht helfen konnten, befriedigende Antworten zu finden. Meine quälenden Fragen würden nur durch unkonventionelle Wege eine akzeptable Antwort finden. Dabei half mir eine natürliche Denkweise, die ich mir bewahrt hatte.
Liebe Mitbetroffene, versucht, mit mir einen anderen Weg des Verstehens zu gehen, als den konventionellen – völlig unvoreingenommen, mutig und offenen Herzens.
Über diesen, meinen eigenen Weg, möchte ich wahrheitsgemäß berichten und vielleicht etwas Hilfe den Betroffenen bieten und Linderung für die tiefen Wunden verschaffen.
2. Einleitung
Dieses Buch soll versuchen, vielen betroffenen Familien und Mitmenschen zu helfen, die Fassungslosigkeit, das Leid und das weitere Leben mit dieser sehr schweren Last zu tragen, aber auch zu verarbeiten und Erkenntnisse zu vermitteln.
Und wer kann das besser als die Betroffenen selbst, die vor diesem furchtbaren Leid stehen und irgendwie damit klarkommen müssen – mit allen Gefühlen und Gedanken.
Für dieses unfassbare Leid gibt es keine Hilfsformel oder Medikamente, höchstens „psychologischen Beistand“ – helfen müssen wir uns selbst. Und wir werden uns eingestehen müssen, dass wir diese Situation aus mehreren Blickwinkeln betrachten müssen, um verstehen zu können, was einen Menschen dazu bringt, „auszusteigen“!
Natürlich gibt es viele persönliche und unterschiedliche Gründe, aber bei näherer Betrachtung sehen wir auch, dass durchaus gleiche Muster vorhanden sind. Familiäre und gesellschaftliche Muster – der Kreis, in dem wir uns bewegen. Wir werden schockartig mit dem Thema „Tod“ konfrontiert, und das aus nächster Nähe – wir sind nun selbst unmittelbar davon betroffen.
Wie verzweifelt und fertig mit diesem Leben ein Mensch ist, können wir weder verurteilen, noch beurteilen – vielleicht nicht einmal erahnen.
Umso schlimmer, wenn es keinerlei Hinweise auf die letzte Handlung aller Handlungen gibt. Es muss ein Gefühl des völligen Alleinseins und Verlorenseins sein, absolut fern eines kleinen Funkens Lebenskraft oder Hoffnung. Vielleicht will man einfach nur noch „weg“ aus allen Zwängen und Angstmachereien dieses Lebens und dieser Gesellschaft, aus allen zermürbenden Situationen – privat wie beruflich, vielleicht ist es die Sehnsucht nach einem besseren Leben jenseits des Vorhanges, der uns noch verschlossen ist. Oder scheint alles „aus“, wie ja gerne propagiert wird …nun, eines Tages werden wir es selbst in Erfahrung bringen, wenn auch wir „gehen“ müssen. Und doch keimt in jedem von uns ein Funke, ein Gefühl, das uns mitteilt, dass es nicht „aus“ sein kann – so sollten wir zumindest in dieser Beziehung ehrlich zu uns selbst sein und uns auch mit diesem Teil unseres Lebens beschäftigen. Nicht aus religiösen, kirchlichen oder wissenschaftlichen Gründen, sondern mit gesundem und logischem Menschenverstand: 1 + 1 = 2 und nicht 5 oder 8.
Unsere erste Frage ist immer das „Warum“ oder „Weshalb“, und wir stehen vor einer großen Leere, die uns gleichzeitig volle Akzeptanz abringt, da wir unabänderlich vor vollendete Tatsachen gestellt sind. Wir, die Hinterbliebenen, müssen versuchen diese schwere Last in unser Alltagsleben zu integrieren …und nichts scheint schwerer und langwieriger zu sein.
Diese Situation ist für alle Betroffenen, vor allem Eltern, das Schlimmste und Schwierigste, das man sich nur vorstellen kann – und es ist nur allzu verständlich, dass nicht betroffene Mitmenschen und auch Eltern diesem Thema teilweise aus dem Wege gehen und Gedanken daran weit von sich weisen, oftmals auch Angst davor haben, dies aber nicht zugeben. Ich hatte mich mit diesem Thema nie befasst und ließ keinen Gedanken daran zu, obwohl es mir bekannt war – war ich doch nicht betroffen.
Bis der schreckliche Tag im Oktober 2016 kam, als gegen 14:00 Uhr am frühen Nachmittag zwei Polizisten klingelten und mir die furchtbare Mitteilung überbrachten …ich wurde schlagartig in die tiefsten Tiefen der Unfassbarkeit und Traurigkeit katapultiert, und nach zwanzig Minuten stand ich alleine mit dieser furchtbaren und unfassbaren Nachricht da – ich war schlagartig von Kopf bis Fuß „leer“. Ein extremer Schock, den ich bis heute nicht verarbeiten konnte und wohl für den Rest meines Lebens nie ganz überwinden werde. Das ist die Spitze eines der schlimmsten Ereignisse, darüber kommt nichts mehr. Es ist nicht mit Worten auszudrücken, welche furchtbaren, inneren Vorgänge ein Betroffener hier durchleben und durchleiden muss. Noch schlimmer ist die Situation deshalb, da man „keine Zeit“ zur Vorbereitung hatte, wie das bei alten oder kranken Mitmenschen, deren Heimgang absehbar ist, möglich ist.
In den seltensten Fällen wird ein sogenannter Suizid angekündigt und somit sind nicht einmal minimalste Indizien erkennbar – und wenn doch, sind sie so unscheinbar und werden von uns kaum bis gar nicht registriert, da der übliche Alltag so gut wie keinen Raum für solche kleinen Signale lässt.
Damit ist nicht gemeint, dass wir deswegen Schuldgefühle aufbauen sollen – nein, bitte niemals, auch wenn man dazu neigen sollte. Diese bringen niemandem etwas, in keinster Weise. Ich habe das auch nicht getan, weil es wirklich sinnlos ist – obwohl ich auch die Neigung dazu verspürte und diese Gefühle doch nur noch mehr die schon furchtbare Situation, Trauer und Schmerz verstärken. Wir können nichts mehr ändern oder tun. Die Person, die gegangen ist, hat ihre Entscheidung längst getroffen, für sich alleine, und wir müssen das respektieren. Ich weiß, dass uns das widerstrebt und sehr schwerfällt – aber letzten Endes bleibt uns keine andere Wahl, wir müssen weiterleben.
Schon deshalb, da wir Verantwortung für unsere Nächsten haben – auch sie sind in Mitleidenschaft gezogen und stehen genauso betroffen und hilflos da wie wir selbst. Unsere Nächsten machen auch schlimme Zeiten mit uns Betroffenen durch, da wir uns verändern und sicher lange Zeit benötigen, um wieder einigermaßen in einen Regelablauf zu kommen – das sollten wir immer bedenken.
Liebe, Verständnis, Fürsorge und fester Zusammenhalt statt Vorwürfe, Schuldzuweisungen und Abwehr. Lassen wir doch die menschliche Liebe zu, sie ist die größte Kraft überhaupt. Wenn eine Kraft heilen kann, dann die Liebe – in ihr ist alles eingeschlossen, was wir zur Heilung benötigen.
Und mit dieser Liebe möchte ich ein wenig von Robin berichten, auch wenn es mich bei diesen Zeilen immer wieder in große Traurigkeit stürzt und die Erinnerung mir so schwerfällt.
3. Robin
23.3.1989–7.10.2016
Robin war der Jüngste von drei Brüdern, sozusagen ein Nesthäkchen.
Er war schon als Baby und kleiner Junge mit allem zufrieden und sorgte mit seinem Wesen immer für Freundlichkeit und eine angenehme Atmosphäre. Ich hatte als Vater ein sehr herzliches Verhältnis zu meinen Kindern aufgebaut, soweit es als Vater und Mann eben möglich ist. Natürlich kann ein Mann nie diese Herzensnähe zum Kind erreichen wie eine Mutter, die dieses Kind unter ihrem Herzen getragen hatte. Aber ich war ganz in der Nähe. Nicht zuletzt auch deshalb, da ich mitgeholfen hatte, Robin auf die Welt zu bringen – aktiv. Dadurch entstand für mich eine besondere Herzensverbindung zu ihm. Für mich hatte ich automatisch diese Herzensverbindung zu allen drei Söhnen, weil ich sie sehr liebte und wusste, dass ich sehr viel Verantwortung für sie zu tragen hatte – wie alle Eltern eben.
Als Robin 4 Jahre alt war, ging diese Ehe in die Brüche und war nicht mehr zu retten. Für alle drei Buben muss es schon schlimm gewesen sein, dass der familiäre Zusammenhalt nicht mehr vorhanden war – ich kann darüber nur mutmaßen und aus eigener Erfahrung sprechen. Dass es ein Schock für die Buben war, hatte ich immer all die Jahre im Hinterkopf. Das Gute daran, wenn man das so sagen kann: Wir einigten uns ohne Probleme über Besuchszeiten der Buben bei mir. Ich entzog mich nicht meinem Teil der Verantwortung und versuchte mit allen dreien das Beste aus der Situation zu machen.
Zu dieser Zeit waren meine Mittel aus situationsbedingten Gründen sehr beschränkt, aber ich bot meinen Buben alles, was ich möglich machen konnte – auch wenn es meistens bei kleinen Aktionen blieb. Wir spielten Fußball, Tischtennis, Gesellschaftsspiele, kleine Computerspiele – ich hatte einen Flipperautomaten, der mit Begeisterung aufgenommen wurde, wir spielten und bestaunten am Hauptbahnhof die aufgestellte Modellbahnanlage und warteten am Bahnsteig auf die einfahrenden Züge. Manchmal fuhren wir auch mit dem Auto zum Rheinufer.
Robin war immer gerne dabei und besonders stolz, als er zum ersten Mal mit 6 Jahren mit der Straßenbahn eine weitere Strecke ganz alleine zu mir fuhr – seine Fahrkarte steckten wir gut sichtbar an einen Bilderrahmen. Manchmal wollte er mich auch nicht besuchen und ich akzeptierte das. Ein anderes Mal war er da, wir hatten viel Spaß, und plötzlich kippte seine Stimmung und er wollte sofort zur Mutter zurück. Dies ging natürlich spätabends nicht, aber er ließ sich nicht beruhigen, auch ein Telefonat mit seiner Mama konnte ihn nicht beruhigen. In dieser Phase lag er weinend in seinem Bett, ich saß an der Bettkante, auf einmal fielen ihm die Augen zu und er schlief ein. Am nächsten Morgen, ich hatte schon die größten Bedenken, wachte er auf und freute sich, dass er bei mir war. Als ich ihn auf die Situation am Vorabend ansprach, konnte er sich an nichts erinnern – das erstaunte mich, sollte aber später manchmal in anderer Form wieder auftauchen. Sauberkeit, aufgeräumtes Zimmer und kaum war der Wecker an, war er schon aus dem Bett – das war seine Welt.
Als Robin zur Schule ging, wurde es schwieriger, er hatte Schwierigkeiten beim Lernen und war eher an anderen, für ihn interessanteren Dingen interessiert, z. B. Graffiti usw., wir fuhren öfters lange mit der Straßenbahn durch die Stadt und er bestaunte die „gesprayten“ Bilder an den Hauswänden oder unter Brücken. Manchmal musste auch ich staunen, denn es waren wirklich auch kleine Kunstwerke darunter.
Robin hatte auch seinen Sturkopf, wenn ihm etwas nicht passte, konnte er rigoros werden und einfach gehen. Einmal kämpften wir zum Spaß miteinander und ich trat aus Versehen auf sein Hosenbein, das bedauerlicherweise auch noch einriss – Spaß war sofort erledigt und er wurde mächtig sauer und ging einfach. Alle meine Beteuerungen halfen nichts. Mit ihm an anderen Tagen das Problem zu klären, half auch nichts, er blieb bei seiner Meinung. Und so musste ich manche Dinge einfach akzeptieren und unerledigt lassen.
Im heißen Sommer 2003 renovierte ich die Wohnung und er half mir gerne dabei. Robin liebte Döner, und er wollte mitten in der Arbeit Döner essen gehen. Ich wollte noch die Wände fertig streichen und danach gehen. Ich sagte ihm, dass wir mit der Straßenbahn fahren müssen und längere Zeit brauchen – die Weißelrollen trocknen bei der Hitze zu schnell, und dann sind sie unbrauchbar. Es half alle Vernunft nichts, und an ein Weiterarbeiten war nicht zu denken – also fuhren wir. Wieder zurück waren die Rollen durch die Hitze total trocken und innerhalb kurzer Zeit unbrauchbar geworden. Kurz danach hatte er keine Lust mehr, und ging einfach heim zu seiner Mutter. Aber mit solchen Situationen lernte ich schnell umzugehen, denn ich konnte nichts dagegen ausrichten, selbst wenn ich mal sauer wurde – es half nichts gegen seinen Sturkopf. Ansonsten hatten wir nie Probleme miteinander und verstanden uns auch immer gut, aber ich war immer in „Alarmbereitschaft“ … und so kam der Tag, der vieles veränderte.
Wir saßen mal wieder zusammen beim Lernen, und es war nicht möglich, konstant miteinander zu arbeiten. So gab ich dann auch nach kurzer Zeit auf und lenkte aber das Gespräch auf seine Zukunft. Nun, ich vermittelte ihm seine Chancen bei der zukünftigen Ausbildungssuche mit schlechten Zeugnisnoten usw. Wer kann es besser wissen als der Vater, der in der Industrie tätig ist? So machte ich ihm den Vorschlag, die Klasse freiwillig zu wiederholen, um in den entsprechenden Fächern mehr Zeit für bessere Noten und damit bessere Chancen zu bekommen – eigentlich eine logische Sache und heutzutage so gut wie kein Problem im Vergleich zu früheren Zeiten. Das war für ihn natürlich undenkbar, und ich sorgte für Druck, indem ich darauf bestand und das mit der Schulleitung selbst klären wollte. Er erwiderte nur, wenn ich das machen würde, wollte er mich nie wieder sehen. Ich diskutierte nicht und bestand auf meine Absichten – kurz darauf ging er wieder wortlos aus der Wohnung.
Ich setzte meine Absicht in die Tat um, weil ich wusste, dass das die letzte Möglichkeit für seine beruflichen Chancen sein würde und nicht, um ihm zu zeigen, dass der Vater stärker war. Es dauerte auch nicht lange und er bekam aus der Schule mit, dass ich Ernst machte. Und es kam, wie er mir ankündigt hatte – ein Telefonat mit mir, er war sehr aufgebracht, wiederholte energisch seine Absicht und dann legte er den Hörer auf.
Zuerst dachte ich, das legt sich wieder, aber ich hatte mich getäuscht. Robin machte auch Ernst und ich überlegte mir sehr viel, auch mit ihm nochmals zu sprechen usw., aber ich wusste, dass es an seinem sturen Kopf scheitern würde. Also blieb mir nur noch die eigene Vernunft und Akzeptanz. Meine Hoffnung war, dass diese Phase nur kurz andauern würde und vielleicht etwas später doch die Einsicht kommen würde.
Ich kannte das Thema des Selbstmordes schon lange, und erkannte durch diese furchtbaren Geschehnisse, dass in menschlichen Gemeinschaften vieles nicht in Ordnung war. Doch schob ich dieses schlimme Thema, wie viele meiner Mitmenschen in weite Ferne – war ich doch nicht betroffen. Der Gedanke an dieses Thema war zu schrecklich und versetzte mich sofort in hilflose Abgründe, die ich lieber vermied.
Doch an einem trüben Oktobertag 2016 änderte sich alles, ich wurde plötzlich vom Nichtbetroffenen zum Betroffenen. Mir wurde die schreckliche Nachricht überbracht, dass mein jüngster Sohn sich umgebracht hatte …unfassbar und unglaublich.
Der tragische Heimgang eines geliebten Mitmenschen ist das Schlimmste, das man als Mensch miterleben muss. Noch schlimmer ist es, wenn es gar Familienangehörige sind – durch enge Familienbande aus direkter Nähe. Ein furchtbarer Schock, der schlimmer nicht sein kann – in einem Land, in dem noch „Frieden“ herrscht und keine kriegerischen Auseinandersetzungen stattfinden, obwohl wir, etwas kritischer und ehrlicher betrachtet, uns in Tausenden „Kleinkriegen“ befinden – jeden Tag.
Wir denken, so wäre das Leben eben – nein, so einfach ist das nicht.
Unser Leben wird tagtäglich von anderen Menschen bestimmt und in viele sogenannte „ungeschriebene Gesetze“ zerpflückt, die oftmals das Leben schwer machen können. Menschliche Tugenden werden immer weniger wert, Untugenden leider zu „Tugenden“ gemacht. Sollen das alles Zufälle sein? Bewusste, bedenkenswerte Handlungen, jeden Tag Zufälle?
Ich sehe auch das Gute, aber ich sehe auch, dass das Gute scheinbar immer weniger wird in der heutigen Zeit. Es dürfte kaum verwunderlich sein, dass immer mehr Mitmenschen mit diesen Umständen nicht mehr klarkommen – Menschen guten Willens. Die Folgen sind absehbar, von Krankheit bis zum schlimmsten aller Schritte, dem Heimgang oder Ausstieg, denn nicht jeder Mitmensch hat die Kraft, sich diesen Umständen zu stellen und ihnen entgegenzuwirken über lange Zeit. Dies ist scheinbar ein Kampf – jeden Tag aufs Neue.
Ich spreche bewusst von Heimgang, nicht von Selbstmord oder von Suizid. Damit möchte ich schon einen kleinen Wegweiser in diesem Büchlein aufzeigen.
Und so war ich nach diesem völlig unerwarteten und furchtbaren Schock gezwungen, mich mit dieser schlimmen Situation auseinanderzusetzen.
Im Gegensatz zu vielen schwierigen Lebenssituationen, die ich mehr oder weniger meistern konnte, war mir klar, dass dieses schreckliche Erlebnis endlich ist – es gibt keine Möglichkeit mehr, alles zum Guten zu wenden. Es wurde eine klare, unumkehrbare Entscheidung getroffen, mit der ich fortan zu leben hatte – aber wie?
Ab diesem Zeitpunkt quälte mich der tiefe Riss in meinem Herzen und in meiner Seele. Die Ausstrahlung dieser tiefen, schmerzenden Gefühle und Gedanken ließen mir fortan keine Ruhe mehr – für lange Zeit. Meine Kraft schwand und gedanklich drehte ich mich im Karussell – jeden Tag das gleiche Entsetzen über das Unfassbare. Und ich versuchte alles mir Mögliche, etwas Linderung zu erreichen – es half nichts. Ich musste erkennen, dass ich einen langsamen und schmerzhaften Prozess zu durchlaufen hatte, dessen Ausgang ungewiss war. Mein Leben befand und befindet sich noch in einer Sinuskurve. Mühsam klettere ich jeden Tag aus meiner Traurigkeit ein paar Sprossen, vergleichbar mit einer Leiter, hoch, um kurz darauf wieder abzustürzen und von vorne anzufangen …
Durch viele Erfahrungen wusste ich, dass mir Kirche oder Psychologen nicht helfen konnten, befriedigende Antworten zu finden. Meine quälenden Fragen würden nur durch unkonventionelle Wege eine akzeptable Antwort finden. Dabei half mir eine natürliche Denkweise, die ich mir bewahrt hatte.
Liebe Mitbetroffene, versucht, mit mir einen anderen Weg des Verstehens zu gehen, als den konventionellen – völlig unvoreingenommen, mutig und offenen Herzens.
Über diesen, meinen eigenen Weg, möchte ich wahrheitsgemäß berichten und vielleicht etwas Hilfe den Betroffenen bieten und Linderung für die tiefen Wunden verschaffen.
2. Einleitung
Dieses Buch soll versuchen, vielen betroffenen Familien und Mitmenschen zu helfen, die Fassungslosigkeit, das Leid und das weitere Leben mit dieser sehr schweren Last zu tragen, aber auch zu verarbeiten und Erkenntnisse zu vermitteln.
Und wer kann das besser als die Betroffenen selbst, die vor diesem furchtbaren Leid stehen und irgendwie damit klarkommen müssen – mit allen Gefühlen und Gedanken.
Für dieses unfassbare Leid gibt es keine Hilfsformel oder Medikamente, höchstens „psychologischen Beistand“ – helfen müssen wir uns selbst. Und wir werden uns eingestehen müssen, dass wir diese Situation aus mehreren Blickwinkeln betrachten müssen, um verstehen zu können, was einen Menschen dazu bringt, „auszusteigen“!
Natürlich gibt es viele persönliche und unterschiedliche Gründe, aber bei näherer Betrachtung sehen wir auch, dass durchaus gleiche Muster vorhanden sind. Familiäre und gesellschaftliche Muster – der Kreis, in dem wir uns bewegen. Wir werden schockartig mit dem Thema „Tod“ konfrontiert, und das aus nächster Nähe – wir sind nun selbst unmittelbar davon betroffen.
Wie verzweifelt und fertig mit diesem Leben ein Mensch ist, können wir weder verurteilen, noch beurteilen – vielleicht nicht einmal erahnen.
Umso schlimmer, wenn es keinerlei Hinweise auf die letzte Handlung aller Handlungen gibt. Es muss ein Gefühl des völligen Alleinseins und Verlorenseins sein, absolut fern eines kleinen Funkens Lebenskraft oder Hoffnung. Vielleicht will man einfach nur noch „weg“ aus allen Zwängen und Angstmachereien dieses Lebens und dieser Gesellschaft, aus allen zermürbenden Situationen – privat wie beruflich, vielleicht ist es die Sehnsucht nach einem besseren Leben jenseits des Vorhanges, der uns noch verschlossen ist. Oder scheint alles „aus“, wie ja gerne propagiert wird …nun, eines Tages werden wir es selbst in Erfahrung bringen, wenn auch wir „gehen“ müssen. Und doch keimt in jedem von uns ein Funke, ein Gefühl, das uns mitteilt, dass es nicht „aus“ sein kann – so sollten wir zumindest in dieser Beziehung ehrlich zu uns selbst sein und uns auch mit diesem Teil unseres Lebens beschäftigen. Nicht aus religiösen, kirchlichen oder wissenschaftlichen Gründen, sondern mit gesundem und logischem Menschenverstand: 1 + 1 = 2 und nicht 5 oder 8.
Unsere erste Frage ist immer das „Warum“ oder „Weshalb“, und wir stehen vor einer großen Leere, die uns gleichzeitig volle Akzeptanz abringt, da wir unabänderlich vor vollendete Tatsachen gestellt sind. Wir, die Hinterbliebenen, müssen versuchen diese schwere Last in unser Alltagsleben zu integrieren …und nichts scheint schwerer und langwieriger zu sein.
Diese Situation ist für alle Betroffenen, vor allem Eltern, das Schlimmste und Schwierigste, das man sich nur vorstellen kann – und es ist nur allzu verständlich, dass nicht betroffene Mitmenschen und auch Eltern diesem Thema teilweise aus dem Wege gehen und Gedanken daran weit von sich weisen, oftmals auch Angst davor haben, dies aber nicht zugeben. Ich hatte mich mit diesem Thema nie befasst und ließ keinen Gedanken daran zu, obwohl es mir bekannt war – war ich doch nicht betroffen.
Bis der schreckliche Tag im Oktober 2016 kam, als gegen 14:00 Uhr am frühen Nachmittag zwei Polizisten klingelten und mir die furchtbare Mitteilung überbrachten …ich wurde schlagartig in die tiefsten Tiefen der Unfassbarkeit und Traurigkeit katapultiert, und nach zwanzig Minuten stand ich alleine mit dieser furchtbaren und unfassbaren Nachricht da – ich war schlagartig von Kopf bis Fuß „leer“. Ein extremer Schock, den ich bis heute nicht verarbeiten konnte und wohl für den Rest meines Lebens nie ganz überwinden werde. Das ist die Spitze eines der schlimmsten Ereignisse, darüber kommt nichts mehr. Es ist nicht mit Worten auszudrücken, welche furchtbaren, inneren Vorgänge ein Betroffener hier durchleben und durchleiden muss. Noch schlimmer ist die Situation deshalb, da man „keine Zeit“ zur Vorbereitung hatte, wie das bei alten oder kranken Mitmenschen, deren Heimgang absehbar ist, möglich ist.
In den seltensten Fällen wird ein sogenannter Suizid angekündigt und somit sind nicht einmal minimalste Indizien erkennbar – und wenn doch, sind sie so unscheinbar und werden von uns kaum bis gar nicht registriert, da der übliche Alltag so gut wie keinen Raum für solche kleinen Signale lässt.
Damit ist nicht gemeint, dass wir deswegen Schuldgefühle aufbauen sollen – nein, bitte niemals, auch wenn man dazu neigen sollte. Diese bringen niemandem etwas, in keinster Weise. Ich habe das auch nicht getan, weil es wirklich sinnlos ist – obwohl ich auch die Neigung dazu verspürte und diese Gefühle doch nur noch mehr die schon furchtbare Situation, Trauer und Schmerz verstärken. Wir können nichts mehr ändern oder tun. Die Person, die gegangen ist, hat ihre Entscheidung längst getroffen, für sich alleine, und wir müssen das respektieren. Ich weiß, dass uns das widerstrebt und sehr schwerfällt – aber letzten Endes bleibt uns keine andere Wahl, wir müssen weiterleben.
Schon deshalb, da wir Verantwortung für unsere Nächsten haben – auch sie sind in Mitleidenschaft gezogen und stehen genauso betroffen und hilflos da wie wir selbst. Unsere Nächsten machen auch schlimme Zeiten mit uns Betroffenen durch, da wir uns verändern und sicher lange Zeit benötigen, um wieder einigermaßen in einen Regelablauf zu kommen – das sollten wir immer bedenken.
Liebe, Verständnis, Fürsorge und fester Zusammenhalt statt Vorwürfe, Schuldzuweisungen und Abwehr. Lassen wir doch die menschliche Liebe zu, sie ist die größte Kraft überhaupt. Wenn eine Kraft heilen kann, dann die Liebe – in ihr ist alles eingeschlossen, was wir zur Heilung benötigen.
Und mit dieser Liebe möchte ich ein wenig von Robin berichten, auch wenn es mich bei diesen Zeilen immer wieder in große Traurigkeit stürzt und die Erinnerung mir so schwerfällt.
3. Robin
23.3.1989–7.10.2016
Robin war der Jüngste von drei Brüdern, sozusagen ein Nesthäkchen.
Er war schon als Baby und kleiner Junge mit allem zufrieden und sorgte mit seinem Wesen immer für Freundlichkeit und eine angenehme Atmosphäre. Ich hatte als Vater ein sehr herzliches Verhältnis zu meinen Kindern aufgebaut, soweit es als Vater und Mann eben möglich ist. Natürlich kann ein Mann nie diese Herzensnähe zum Kind erreichen wie eine Mutter, die dieses Kind unter ihrem Herzen getragen hatte. Aber ich war ganz in der Nähe. Nicht zuletzt auch deshalb, da ich mitgeholfen hatte, Robin auf die Welt zu bringen – aktiv. Dadurch entstand für mich eine besondere Herzensverbindung zu ihm. Für mich hatte ich automatisch diese Herzensverbindung zu allen drei Söhnen, weil ich sie sehr liebte und wusste, dass ich sehr viel Verantwortung für sie zu tragen hatte – wie alle Eltern eben.
Als Robin 4 Jahre alt war, ging diese Ehe in die Brüche und war nicht mehr zu retten. Für alle drei Buben muss es schon schlimm gewesen sein, dass der familiäre Zusammenhalt nicht mehr vorhanden war – ich kann darüber nur mutmaßen und aus eigener Erfahrung sprechen. Dass es ein Schock für die Buben war, hatte ich immer all die Jahre im Hinterkopf. Das Gute daran, wenn man das so sagen kann: Wir einigten uns ohne Probleme über Besuchszeiten der Buben bei mir. Ich entzog mich nicht meinem Teil der Verantwortung und versuchte mit allen dreien das Beste aus der Situation zu machen.
Zu dieser Zeit waren meine Mittel aus situationsbedingten Gründen sehr beschränkt, aber ich bot meinen Buben alles, was ich möglich machen konnte – auch wenn es meistens bei kleinen Aktionen blieb. Wir spielten Fußball, Tischtennis, Gesellschaftsspiele, kleine Computerspiele – ich hatte einen Flipperautomaten, der mit Begeisterung aufgenommen wurde, wir spielten und bestaunten am Hauptbahnhof die aufgestellte Modellbahnanlage und warteten am Bahnsteig auf die einfahrenden Züge. Manchmal fuhren wir auch mit dem Auto zum Rheinufer.
Robin war immer gerne dabei und besonders stolz, als er zum ersten Mal mit 6 Jahren mit der Straßenbahn eine weitere Strecke ganz alleine zu mir fuhr – seine Fahrkarte steckten wir gut sichtbar an einen Bilderrahmen. Manchmal wollte er mich auch nicht besuchen und ich akzeptierte das. Ein anderes Mal war er da, wir hatten viel Spaß, und plötzlich kippte seine Stimmung und er wollte sofort zur Mutter zurück. Dies ging natürlich spätabends nicht, aber er ließ sich nicht beruhigen, auch ein Telefonat mit seiner Mama konnte ihn nicht beruhigen. In dieser Phase lag er weinend in seinem Bett, ich saß an der Bettkante, auf einmal fielen ihm die Augen zu und er schlief ein. Am nächsten Morgen, ich hatte schon die größten Bedenken, wachte er auf und freute sich, dass er bei mir war. Als ich ihn auf die Situation am Vorabend ansprach, konnte er sich an nichts erinnern – das erstaunte mich, sollte aber später manchmal in anderer Form wieder auftauchen. Sauberkeit, aufgeräumtes Zimmer und kaum war der Wecker an, war er schon aus dem Bett – das war seine Welt.
Als Robin zur Schule ging, wurde es schwieriger, er hatte Schwierigkeiten beim Lernen und war eher an anderen, für ihn interessanteren Dingen interessiert, z. B. Graffiti usw., wir fuhren öfters lange mit der Straßenbahn durch die Stadt und er bestaunte die „gesprayten“ Bilder an den Hauswänden oder unter Brücken. Manchmal musste auch ich staunen, denn es waren wirklich auch kleine Kunstwerke darunter.
Robin hatte auch seinen Sturkopf, wenn ihm etwas nicht passte, konnte er rigoros werden und einfach gehen. Einmal kämpften wir zum Spaß miteinander und ich trat aus Versehen auf sein Hosenbein, das bedauerlicherweise auch noch einriss – Spaß war sofort erledigt und er wurde mächtig sauer und ging einfach. Alle meine Beteuerungen halfen nichts. Mit ihm an anderen Tagen das Problem zu klären, half auch nichts, er blieb bei seiner Meinung. Und so musste ich manche Dinge einfach akzeptieren und unerledigt lassen.
Im heißen Sommer 2003 renovierte ich die Wohnung und er half mir gerne dabei. Robin liebte Döner, und er wollte mitten in der Arbeit Döner essen gehen. Ich wollte noch die Wände fertig streichen und danach gehen. Ich sagte ihm, dass wir mit der Straßenbahn fahren müssen und längere Zeit brauchen – die Weißelrollen trocknen bei der Hitze zu schnell, und dann sind sie unbrauchbar. Es half alle Vernunft nichts, und an ein Weiterarbeiten war nicht zu denken – also fuhren wir. Wieder zurück waren die Rollen durch die Hitze total trocken und innerhalb kurzer Zeit unbrauchbar geworden. Kurz danach hatte er keine Lust mehr, und ging einfach heim zu seiner Mutter. Aber mit solchen Situationen lernte ich schnell umzugehen, denn ich konnte nichts dagegen ausrichten, selbst wenn ich mal sauer wurde – es half nichts gegen seinen Sturkopf. Ansonsten hatten wir nie Probleme miteinander und verstanden uns auch immer gut, aber ich war immer in „Alarmbereitschaft“ … und so kam der Tag, der vieles veränderte.
Wir saßen mal wieder zusammen beim Lernen, und es war nicht möglich, konstant miteinander zu arbeiten. So gab ich dann auch nach kurzer Zeit auf und lenkte aber das Gespräch auf seine Zukunft. Nun, ich vermittelte ihm seine Chancen bei der zukünftigen Ausbildungssuche mit schlechten Zeugnisnoten usw. Wer kann es besser wissen als der Vater, der in der Industrie tätig ist? So machte ich ihm den Vorschlag, die Klasse freiwillig zu wiederholen, um in den entsprechenden Fächern mehr Zeit für bessere Noten und damit bessere Chancen zu bekommen – eigentlich eine logische Sache und heutzutage so gut wie kein Problem im Vergleich zu früheren Zeiten. Das war für ihn natürlich undenkbar, und ich sorgte für Druck, indem ich darauf bestand und das mit der Schulleitung selbst klären wollte. Er erwiderte nur, wenn ich das machen würde, wollte er mich nie wieder sehen. Ich diskutierte nicht und bestand auf meine Absichten – kurz darauf ging er wieder wortlos aus der Wohnung.
Ich setzte meine Absicht in die Tat um, weil ich wusste, dass das die letzte Möglichkeit für seine beruflichen Chancen sein würde und nicht, um ihm zu zeigen, dass der Vater stärker war. Es dauerte auch nicht lange und er bekam aus der Schule mit, dass ich Ernst machte. Und es kam, wie er mir ankündigt hatte – ein Telefonat mit mir, er war sehr aufgebracht, wiederholte energisch seine Absicht und dann legte er den Hörer auf.
Zuerst dachte ich, das legt sich wieder, aber ich hatte mich getäuscht. Robin machte auch Ernst und ich überlegte mir sehr viel, auch mit ihm nochmals zu sprechen usw., aber ich wusste, dass es an seinem sturen Kopf scheitern würde. Also blieb mir nur noch die eigene Vernunft und Akzeptanz. Meine Hoffnung war, dass diese Phase nur kurz andauern würde und vielleicht etwas später doch die Einsicht kommen würde.

