Der Mensch im Fluss der Verwandlung
Ein interdisziplinäres Mensch-Umwelt Modell
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 384
ISBN: 978-3-99146-699-4
Erscheinungsdatum: 27.08.2024
Dieses Werk beschreibt aus medizinischer Sicht komplexe Mensch-Umwelt-Interaktionen: welche Rolle Informationen dabei physiologisch und psychologisch spielen, wenn wir diese z.B. bei Angst bewerten, und die Auswirkung der allgegenwärtigen Informationsflut.
EINLEITUNG
Der britische Autor und Biologe Rupert Sheldrake schrieb:
„Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich glaube, dass die Naturwissenschaften spannender und mitreißender sein werden, wenn sie sich über die Dogmen hinwegsetzen,
die dem forschenden Geist Grenzen setzen und die Phantasie hinter Gittern halten.“
(Rupert Sheldrake, 2015)
Über das Mensch-Umwelt-Interaktion-Modell:
Fluss der Verwandlung
Hat der Titel Der Mensch im Fluss der Verwandlung Ihre Neugier geweckt? Anscheinend schon, da Sie das Cover bereits umgeblättert haben und nun diese Zeilen lesen. Gleich zu Beginn möchte ich klarstellen: Dieses Buch erzählt keine Geschichte über einen Fluss. Der Fluss ist eine Metapher für eine Reihe aufeinanderfolgender neurobiologischer und quantenphysikalischer Prozesse, die Menschen miteinander und mit ihrer Umwelt verbinden. Die Geschichte, die ich Ihnen hier erzähle, ist die Geschichte von meiner eigenen Forschungs- und Entdeckungsreise, die ich vor ein paar Jahrzehnten spontan begann und die mich nach mehreren Jahren zu diesem Mensch-Umwelt-Interaktion-Modell führte.
Meine Entdeckungsreise
Für mich begann diese Reise zunächst völlig unspektakulär und unvorhergesehen, irgendwann am Ende der 1990er-Jahre, als ich meine doppelte Facharztausbildung zur Neuropsychiaterin machte. Zur damaligen Zeit verliefen die Vorlesungen in den beiden Fachgebieten Neurologie und Psychiatrie im Parallelslalom. Dies erlebte ich, wie alle anderen, die sie absolvierten, als anstrengend. Später, während meiner Forschung zu dem hier präsentierten Mensch-Umwelt-Interaktion-Modell, erwies sich diese Ausbildung als sehr hilfreich. Meine Neuropsychiatrie-Fachausbildung ermöglichte es mir, einen soliden Wissenspool aus beiden Fachgebieten zu gewinnen, auf den ich zurückgreifen kann. Auch prägten die beiden gleichzeitig verlaufenden Fachausbildungen mein Denken. Sie führten dazu, dass ich lernte, in Komplementaritäten zu denken, nämlich psychische und somatische, also körperliche, Ausdrucksformen aus neurologischer und psychiatrischer Perspektive betrachten zu können. Das erweiterte meinen Horizont: Ich stellte mir viele „Wie“- und „Warum“-Fragen, die mich neugierig nach Antworten suchen ließen und ermutigten, mit Konzepten zu experimentieren.
Wenn es damals darum ging, Ursache-Wirkungs-Prinzipien bei bestimmten neurologischen und psychiatrischen Symptomen zu finden, war die Lage klar. Für Neurologen war es wesentlich leichter, den Ursprung von neurologischen Symptomen zu finden. Basierend auf dem Wissen der Neuroanatomie erlangten die Neurologen zu klaren Erkenntnissen, wie sich elektrische Impulse entlang der Nervenbahnen ausbreiten, eine mit der anderen Hirnregion verbinden und neuronale Schaltkreise bilden. Dieses Modell erleichtert den Neurologen, sich im menschlichen Gehirn zu orientieren. Bei einem neurologischen Ausfall können sie auf diese Weise schnell herausfinden, wo Läsionen zu suchen sind, die für das beobachtete Symptom verantwortlich sein könnten. Die in der Zwischenzeit immer leistungsfähigeren Untersuchungsverfahren wie (Magnetresonanztomografie oder MRT), Positronen-Emissions-Tomografie (oder PET) machen es möglich, den Ort der Läsion und den Mechanismus, der hinter dem Symptom steht, genauer zu lokalisieren.
Im Gegensatz dazu waren die Ursache-Wirkungs-Prinzipien bei psychischen Ausdrucksformen nicht gänzlich transparent. Als es in den 1990er-Jahren, am Beginn meiner Entdeckungs- und Forschungsreise, darum ging, die biologischen Grundlagen für psychische Ausdrucksformen zu erkunden, konnten keine erkennbaren organischen Veränderungen im Gehirn von Erkrankten nachgewiesen werden. Die Forscher fanden zwar zum Beispiel Asymmetrien in Hirnstrukturen oder unterschiedliche Werte bei bestimmten biologischen Markern, doch wiesen diese nur manche der Erkrankten auf. Aus wissenschaftlicher Sichtweise sind sie daher nicht ausreichend als neurobiologische Grundlagen von psychischen Symptomen oder Erkrankungen anzusehen.
Trotz vieler entdeckter einzelner Zusammenhänge scheint ein ganzheitliches Bild über psychische Ausdrucksformen verloren zu gehen. Um in unserer Metapher des Flusses zu bleiben: Durch den Fokus auf einzelne Tropfen wird die Manifestation eines Gesamtstromes an Geschehnissen nicht erkannt. Trotz vieler Fortschritte, die im Bereich der Psychiatrie gemacht wurden, hat sich bis heute kaum grundsätzlich das Bild über die Ursachen von psychischen Ausdrucksformen verändert. Es bleibt lückenhaft.
Ohne Nachweise auf organische Grundlagen psychischer Erkrankungen sprach man in der Medizin lange von rein „psychisch bedingten“ Symptomen und Erkrankungen. Man weiß, dass die individuellen genetischen Grundlagen an der Manifestation dieser Erkrankungen wie auch die Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt beteiligt sind. Forscher sprechen immer häufiger von Epigenetik – die als das Bindeglied zwischen Umwelteinflüssen und Genen gilt –, ohne bisher den genauen Mechanismus am Übergang zwischen Mensch und Umwelt aufgespürt zu haben.
Wenn es jedoch um die neurobiologischen Hintergründe der Entstehung unterschiedlicher Persönlichkeitsmerkmale geht, ist die Situation in Bezug auf ihre organischen Grundlagen noch schwerer. Zum Beispiel konnten in den Hirnstrukturen von Personen, die als Optimisten oder als Pessimisten bezeichnet werden, keine Unterschiede gefunden werden, die erklären würden, warum ein Optimist ein bis zur Hälfte mit Bier gefülltes Glas mit Freude betrachtend („Schön, ich habe noch die Hälfte vor mir“) und ein Pessimist darauf eher enttäuscht reagiert („Wie kommt es, dass nur noch die Hälfte da ist?“).
An Versuchen, diese Interaktionen zwischen Menschen und ihrer Umwelt auf jeweiligen biologischen, psychologischen und sozialen Ebenen zu erklären, mangelt es nicht. Jede Disziplin versucht aus ihrem Erkenntnispool eine Erklärung hervorzubringen. Doch im Laufe der Zeit wurde den Forschern immer deutlicher, dass eine wissenschaftliche Disziplin allein keine ausreichende Kenntnisressourcen zur Verfügung hat, um eine übergreifende Gesamttheorie zur Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt zu liefern. Die Wissenschaftler einigten sich darauf, den Ruhm, dies zu erklären, miteinander zu teilen.
Das war der Punkt, an dem die wissenschaftliche Community begann, von einem bio-psycho-sozialen Modell der psychischen Erkrankungen und Ausdrucksformen zu sprechen. Dieses Modell prägt das Denken der Neurowissenschaftler noch immer. Wichtig ist, festzuhalten, dass es sich dabei nicht um ein ganzheitliches Modell handelte, das die Realität abbildet, sondern um Theorieansätze, die aus biologischen, psychologischen und sozialen Perspektiven zusammengefügt sind.
Diese unterschiedlichen Modelle koexistieren wie Paralleluniversen. Im Unterschied zur Koexistenz von Paralleluniversen in der Kosmologie, die angeblich nichts voneinander wissen, kennen sich die biologischen, psychologischen und soziologischen Universen untereinander und sind sich ihren Überlappungen „bewusst“. Wo die Schnittstellen bei diesen Überlappungen liegen und auch wie die Übergänge zwischen Biologie, Psychologie und Soziologie ablaufen, konnte bislang nicht erklärt werden. Ein gemeinsamer Nenner fehlt.
Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner
Meine Suche nach so ein einem möglichen Nenner nahm ihren Anfang während einer eher langweiligen Vorlesung aus dem Fachgebiet der Psychiatrie. An diesem Tag trug der Psychiatrieprofessor, ein eingefleischter Psychoanalytiker, zu Anpassungsstörungen (ein Symptomspektrum aus Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Isolation, Traurigkeit, Verspannungen der Halswirbelsäulenmuskulatur) vor. Grundsätzlich handelte es sich dabei um eine pessimistische Lebenseinstellung verbunden mit Desinteresse und Freudlosigkeit. Bei diesen psychischen Erkrankungen ist eine Interaktion zwischen biologischen,
psychologischen und sozialen Faktoren deutlich sichtbar.
Der Professor listete die Symptome auf: psychische Auffälligkeiten wie Angst, Depressivität, Ärger, Verbitterung, Verzweiflung, Aggressivität, aber auch körperliche Symptome wie beispielsweise Muskelverspannungen. Seiner Ansicht nach waren diese körperlichen Symptome rein psychisch bedingt. In die von ihm vorgenommene Auflistung der Symptome schmuggelte sich ein weiteres Symptom, und zwar lebhafte Muskeldehnungsreflexe (Hyperreflexie). Das sind Reflexe, die bei einer Muskelanspannung entstehen, die durch eine Längendehnung eines Muskels bei einer raschen Bewegung ausgelöst werden. Ein Beispiel hierfür ist der Reflex des Kniegelenkstreckers (Kniesehnenreflex). Er kann mittels eines Schlags mit dem Reflexhammer unter die Kniescheibe erreicht werden und bewirkt eine unwillkürliche Streckung des angewinkelten Beins. Das Vorhandensein dieses Reflexes würde bedeuten, dass das Spektrum an Symptomen einer Anpassungsstörung eine gleichzeitige Koexistenz von rein psychisch bedingten Symptomen mit rein neurologischen Symptomen darstellt.
Dass der Vortragende diese Reflexe erwähnte, ließ mich aufhorchen. Irgendwo in meinem Gehirn schrillte die Alarmglocke. Es stellte sich mir plötzlich die Frage: Was hat ein organisch bedingtes Symptom in einer rein psychisch bedingten Erkrankung, der Anpassungsstörung, verloren? Mir wurde klar: In diesem Erklärungsmodell zur Entstehung von psychischen Erkrankungen stimmte etwas nicht. Wie konnte eine psychische Erkrankung – halb Fisch (psychisch) – halb Fleisch (neurologisch) sein?
Das konnte ich nicht nachvollziehen. Die damals überzeugte Neurologin in mir wusste, dass auch die bei psychischen Zuständen feststellbaren neurologischen Symptome, wie Muskelanspannungen und lebhafte Reflexe, eine organische Ursache verbergen mussten. Aus der Neurologie war mir bekannt, dass diese Reflexe auf eine organische Ursache verwiesen, die im Gehirn auf dem Niveau der sogenannten oberen motorischen Neuronen, die das Gehirn mit dem Rückenmark verbinden, zu suchen wären.
Diese Koexistenz von rein psychischen und neurologischen Symptomen konnte kein Zufall sein. Sie war ein Phänomen, das auch bei vielen anderen psychischen Erkrankungen zu finden war, bei denen Anspannung ein Teil des Symptomspektrums ist (Urban, 2012). Angespannte Muskeln und lebhafte Reflexe trifft man auch bei einem heutzutage weitverbreiteten psychischen Zustand, nämlich dem Stress. Ich griff damals zu meinem Notizbuch und notierte mir 2 mathematische Beziehungen:
Anpassungsstörung = lebhafte Reflexe
Läsion des oberen Motoneurons = lebhafte Reflexe
Legende: Das Symbol „=“ in der ersten Gleichung bezeichnet den
Zusammenhang, eine verborgene Verbindung zwischen einem rein
psychischen und einem rein neurologischen Zustand zu vermitteln.
Die Nutzung einer solchen „mathematischen“ Darstellungsform von beobachteten Koinzidenzen zwischen auf den ersten Blick unterschiedlichen Phänomenen bringt die Gefahr mit sich, von manchen Wissenschaftlern als sehr vereinfacht und unseriös eingestuft zu werden. Das muss nicht immer der Fall sein, wie der Historiker Thomas Goldstein in seinem Buch Down of Modern Science schrieb:
„Mathematische Beziehungen zeigen oft eine immer wieder überraschende elementare Einfachheit, so als implizierten sie, dass der unendlichen Vielfalt an beobachtbaren Einzelheiten, die sich unseren Sinnen darbietet,
bestimmt relativ wenige fundamentale Gesetze oder Varianten davon zugrunde liegen.“
(zitiert nach Calvin, 1997, 541)
Die Erfahrung während meiner Forschungsarbeit zeigte, dass eine solche Form der Darstellung die Funktion einer Notiz auf der Pinnwand meiner Aufmerksamkeit bot, die mich immer wieder daran erinnerte, auf der Suche nach verborgenen Verbindungen „am Ball“ zu bleiben. Sie erwies sich als richtungweisend beim Versuch, ein Prinzip aufzuspüren, und zwar den gemeinsamen Nenner, der hinter den Übergängen eines neurobiologischen Prozesses zum anderen liegt; oder metaphorisch: von einem zum anderen Abschnitt des Flusses der Verwandlung. Ich mutmaßte, dass hinter diese Koinzidenz ein verborgener Zusammenhang bestand, und zwar auf folgende Weise:
Anpassungsstörung = Läsion des Motorneurons
Achtung, bei der Interpretation der Gleichung ist Vorsicht geboten. Sie impliziert keinesfalls, dass eine Anpassungsstörung die Folge einer Läsion des oberen motorischen Neurons ist. Sie weist lediglich darauf hin, dass es eine Verbindung, einen gemeinsamen Nenner, zwischen einem rein psychischen und einem rein neurologischen Zustand geben müsste, der auf den Ebenen neurobiologischer Prozessen zu suchen wäre. Was konnte dieser? Diese Frage trat danach jedoch etwas an die Peripherie meines Aufmerksamkeitsfeldes und verschwand irgendwann komplett aus meinem Interessenhorizont. Andere Prioritäten erwiesen sich als relevanter in meinem Leben. Aber wie es sich im Nachhinein herausstellte, waren diese Gleichungen wie Samen, die sehr langsam, aber unaufhörlich irgendwo in mir keimten, meine Neugier mir keine Ruhe ließen nach dieser Verbindung zu suchen. Die 3 Gleichungen zogen immer wieder meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Frage, welche neuronalen Wege verantwortlich für Muskelverspannungen und lebhafte Reflexe bei psychischen Störungen sein könnten, ließ mir keine Ruhe.
Irgendwann kam ein Impuls, wieder nach meinen alten Neurologie- und Neuroanatomie-Büchern zu greifen, um genauer zu erkunden, welche neuronalen Wege für Muskelverspannungen und lebhafte Reflexe auch bei psychischen Störungen verantwortlich sein könnten. Doch dort fand ich kein Indiz, das einen gemeinsamen Nenner zwischen den neurologischen und psychischen Symptomen bei einer Anpassungsstörung andeuten könnte. Auch in den damaligen Lehrbüchern der Neurologie und Neuroanatomie fand ich keine Aufklärung dieser Fragen.
Nach diesem verborgenen Nenner suchend, wurde ich gezwungen, die Komfortzone meiner beiden Fachgebiete Neurologie und Psychiatrie zu verlassen und mich in andere Fachgebiete wie die Physiologie und Psychologie zu begeben. In der Physiologie stieß ich auf die Thermodynamik (auch Wärmelehre genannt). Als ein Teilgebiet der Physik beschäftigt sich die Thermodynamik mit der Umwandlung und Veränderung von Energie innerhalb eines oder mehrerer Systeme, deren Gesetze auch im menschlichen Körper gültig sind. Den 0. und den 2. Hauptsatz der Thermodynamik nach Rudolf Clausius (siehe Kapitel „Mensch-Umwelt-Interaktion: Die Rolle der Thermodynamik“) zu berücksichtigen, zeigte sich als hilfreich, um a) die Interaktion zwischen dem Menschen als einer Einheit und seiner Umwelt besser zu verstehen, b) wichtige Geschehnisse auf der motorischen, physiologischen und der psychologischen Ebene des Menschen nach einem Kontakt mit der Umwelt zu erklären.
Um die Schnittstellen verstehen zu können, wo Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt stattfindet, fehlten es noch an Erklärungsansätzen. Da der Mensch ein Teil eines großen Ganzen, des Universums, ist, war es für mich naheliegend, eine Erklärung für dieses in der Quantenphysik zu suchen. Und genau hier wurde ich fündig.
Eines Tages versuchte ich all die Gleichungen in Form eines Diagramms darzustellen. Das Ergebnis war keinesfalls aufmunternd. Es wirkte sehr komplex und verworren. Damit konnte ich kaum etwas anfangen. Trotzdem fixierte ich es auf einer Pinnwand und ließ es sozusagen reifen. In der Zwischenzeit navigierte ich durch die in unterschiedlichen Fachgebieten geltenden Modelle, um Spuren zu finden, die mir klare Hinweise über das Verbindungsglied zwischen einer psychischen Erkrankung und neurologischen Symptom liefern könnten.
Einmal stieß ich auf folgendes Zitat des amerikanischen Physikers Hans Christian von Baeyer:
„Wenn Sie etwas nicht verstehen, zerlegen Sie es. Reduzieren Sie es auf seine Bestandteile. Da sie einfacher sind als Ganze, haben Sie eine viel bessere Chance, sie zu verstehen; und wenn Ihnen das gelungen ist, bauen Sie das Ganze wieder zusammen.“
(Baeyer, 2004, zitiert nach Bryson, 2011)
„Das ist leichter gesagt als getan, Herr von Baeyer!“, dachte ich. In meiner Forschungsarbeit mangelte es nicht an Einzelheiten. Das Problem war, dass die immer mehr wurden. Als Summe erinnerten sie mich an einen Farbenblindheit-Test, der aus vielen Punkten in unterschiedlichen Größen und Farben besteht, aus denen eine versteckte Zahl zu erkennen ist, wenn Sie nicht farbenblind sind. Ich konnte nichts erkennen.
Die Suche nach schlüssigen Verbindungen zwischen Einzelheiten, die auf wissenschaftlichen Fundamenten fußten, wurde zu meiner ständigen Begleiterin, ich kann sagen zu meiner Lebensgefährtin: mich bisweilen herausfordernd, mich bisweilen immer wieder zur Verzweiflung bringend. Vor allem wenn ich mich in einer Sackgasse meiner Forschung befand, wenn ich den Überblick über das Ganze verlor. Es war eine sehr frustrierende Angelegenheit, die immer wieder wiederholte. Trotzdem gab ich nicht auf. An Ausdauer fehlte es mir nicht. Allerdings, je mehr ich mich in den folgenden Jahren in unterschiedliche Gebieten einlas, desto mehr potenzielle Zusammenhänge zwischen Einzelheiten aus diesen Gebieten erschlossen sich mir. Diese notierte ich als weitere Gleichungen, bevor sie dann wieder neben Anforderungen meines Alltags untertauchten.
Wie Sie auf dieser Entdeckungsreise erfahren werden, ging das Ergebnis meiner Recherche weit über meine ursprüngliche Absicht hinaus. Wie bereits angedeutet, wollte ich ursprünglich nur klären, was sich hinter dem Gleichheitszeichen in den erwähnten Gleichungen verbergen könnte, was also Anpassungsstörungen und angenommene Läsionen des oberen motorischen Neurons verbinden könnte. Der verborgene gemeinsame Nenner wurde deutlicher. Und nicht nur das: Im Verlauf der Entdeckungsreise zeichneten sich allmählich Umrisse von etwas viel Komplexerem ab, was am Ende in einem Modell über die Mensch-Umwelt-Interaktion resultierte, das ich Fluss der Verwandlung taufte.
Die Entwicklung des Modells über die Mensch-Umwelt-Interaktion
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass meine Arbeit an diesem Modell nicht möglich wäre ohne die Werke äußerst kompetenter Vorgänger. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ich habe mich bei der Entwicklung dieses Modells auf jene Aspekte konzentriert, die ich für notwendig erachtete, um es auf ein wissenschaftlich festes Fundament zu stellen. Erkenntnisse aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen wurden entlehnt, die wie Puzzleteile in ein kompakteres Modell hineingefügt wurden.
In die Entscheidung, welche der mir zur Verfügung stehenden Theorien ich auswählen möchte, sind auch meine Vorlieben sowie meine beruflichen Überzeugungen und Erfahrungen aus meinem privaten und beruflichen Alltag geflossen. Daher wurden einige bekannte Theorien nicht hinreichend berücksichtigt. Das soll jedoch nicht als Geringschätzung dieser Theorien angesehen werden.
Meine hier präsentierten Annahmen basieren auf Erkenntnissen von Nobelpreisträgern wie den Physikern Max Planck, Richard Feynman, Frank Wilczek, Robert Brout, François Englert, Peter Higgs, den Physiologen Andrew Huxley und Alan Hodgkin wie auch dem Psychologen Daniel Kahneman. Und nicht nur das. Das Modell steht im Einklang mit uralten und als überholt betrachteten Thesen in Bezug auf Information oder Unsterblichkeit der Seele von Platon, Descartes, Augustinus und Thomas von Aquin. Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie wissen, was Information ist, warten Sie ab. Die ist nicht das, was Sie meinen. Wenn Sie zu den Entschlossenen gehören, die die Existenz einer Seele misstrauisch betrachten, warten Sie ab.
...
Der britische Autor und Biologe Rupert Sheldrake schrieb:
„Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich glaube, dass die Naturwissenschaften spannender und mitreißender sein werden, wenn sie sich über die Dogmen hinwegsetzen,
die dem forschenden Geist Grenzen setzen und die Phantasie hinter Gittern halten.“
(Rupert Sheldrake, 2015)
Über das Mensch-Umwelt-Interaktion-Modell:
Fluss der Verwandlung
Hat der Titel Der Mensch im Fluss der Verwandlung Ihre Neugier geweckt? Anscheinend schon, da Sie das Cover bereits umgeblättert haben und nun diese Zeilen lesen. Gleich zu Beginn möchte ich klarstellen: Dieses Buch erzählt keine Geschichte über einen Fluss. Der Fluss ist eine Metapher für eine Reihe aufeinanderfolgender neurobiologischer und quantenphysikalischer Prozesse, die Menschen miteinander und mit ihrer Umwelt verbinden. Die Geschichte, die ich Ihnen hier erzähle, ist die Geschichte von meiner eigenen Forschungs- und Entdeckungsreise, die ich vor ein paar Jahrzehnten spontan begann und die mich nach mehreren Jahren zu diesem Mensch-Umwelt-Interaktion-Modell führte.
Meine Entdeckungsreise
Für mich begann diese Reise zunächst völlig unspektakulär und unvorhergesehen, irgendwann am Ende der 1990er-Jahre, als ich meine doppelte Facharztausbildung zur Neuropsychiaterin machte. Zur damaligen Zeit verliefen die Vorlesungen in den beiden Fachgebieten Neurologie und Psychiatrie im Parallelslalom. Dies erlebte ich, wie alle anderen, die sie absolvierten, als anstrengend. Später, während meiner Forschung zu dem hier präsentierten Mensch-Umwelt-Interaktion-Modell, erwies sich diese Ausbildung als sehr hilfreich. Meine Neuropsychiatrie-Fachausbildung ermöglichte es mir, einen soliden Wissenspool aus beiden Fachgebieten zu gewinnen, auf den ich zurückgreifen kann. Auch prägten die beiden gleichzeitig verlaufenden Fachausbildungen mein Denken. Sie führten dazu, dass ich lernte, in Komplementaritäten zu denken, nämlich psychische und somatische, also körperliche, Ausdrucksformen aus neurologischer und psychiatrischer Perspektive betrachten zu können. Das erweiterte meinen Horizont: Ich stellte mir viele „Wie“- und „Warum“-Fragen, die mich neugierig nach Antworten suchen ließen und ermutigten, mit Konzepten zu experimentieren.
Wenn es damals darum ging, Ursache-Wirkungs-Prinzipien bei bestimmten neurologischen und psychiatrischen Symptomen zu finden, war die Lage klar. Für Neurologen war es wesentlich leichter, den Ursprung von neurologischen Symptomen zu finden. Basierend auf dem Wissen der Neuroanatomie erlangten die Neurologen zu klaren Erkenntnissen, wie sich elektrische Impulse entlang der Nervenbahnen ausbreiten, eine mit der anderen Hirnregion verbinden und neuronale Schaltkreise bilden. Dieses Modell erleichtert den Neurologen, sich im menschlichen Gehirn zu orientieren. Bei einem neurologischen Ausfall können sie auf diese Weise schnell herausfinden, wo Läsionen zu suchen sind, die für das beobachtete Symptom verantwortlich sein könnten. Die in der Zwischenzeit immer leistungsfähigeren Untersuchungsverfahren wie (Magnetresonanztomografie oder MRT), Positronen-Emissions-Tomografie (oder PET) machen es möglich, den Ort der Läsion und den Mechanismus, der hinter dem Symptom steht, genauer zu lokalisieren.
Im Gegensatz dazu waren die Ursache-Wirkungs-Prinzipien bei psychischen Ausdrucksformen nicht gänzlich transparent. Als es in den 1990er-Jahren, am Beginn meiner Entdeckungs- und Forschungsreise, darum ging, die biologischen Grundlagen für psychische Ausdrucksformen zu erkunden, konnten keine erkennbaren organischen Veränderungen im Gehirn von Erkrankten nachgewiesen werden. Die Forscher fanden zwar zum Beispiel Asymmetrien in Hirnstrukturen oder unterschiedliche Werte bei bestimmten biologischen Markern, doch wiesen diese nur manche der Erkrankten auf. Aus wissenschaftlicher Sichtweise sind sie daher nicht ausreichend als neurobiologische Grundlagen von psychischen Symptomen oder Erkrankungen anzusehen.
Trotz vieler entdeckter einzelner Zusammenhänge scheint ein ganzheitliches Bild über psychische Ausdrucksformen verloren zu gehen. Um in unserer Metapher des Flusses zu bleiben: Durch den Fokus auf einzelne Tropfen wird die Manifestation eines Gesamtstromes an Geschehnissen nicht erkannt. Trotz vieler Fortschritte, die im Bereich der Psychiatrie gemacht wurden, hat sich bis heute kaum grundsätzlich das Bild über die Ursachen von psychischen Ausdrucksformen verändert. Es bleibt lückenhaft.
Ohne Nachweise auf organische Grundlagen psychischer Erkrankungen sprach man in der Medizin lange von rein „psychisch bedingten“ Symptomen und Erkrankungen. Man weiß, dass die individuellen genetischen Grundlagen an der Manifestation dieser Erkrankungen wie auch die Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt beteiligt sind. Forscher sprechen immer häufiger von Epigenetik – die als das Bindeglied zwischen Umwelteinflüssen und Genen gilt –, ohne bisher den genauen Mechanismus am Übergang zwischen Mensch und Umwelt aufgespürt zu haben.
Wenn es jedoch um die neurobiologischen Hintergründe der Entstehung unterschiedlicher Persönlichkeitsmerkmale geht, ist die Situation in Bezug auf ihre organischen Grundlagen noch schwerer. Zum Beispiel konnten in den Hirnstrukturen von Personen, die als Optimisten oder als Pessimisten bezeichnet werden, keine Unterschiede gefunden werden, die erklären würden, warum ein Optimist ein bis zur Hälfte mit Bier gefülltes Glas mit Freude betrachtend („Schön, ich habe noch die Hälfte vor mir“) und ein Pessimist darauf eher enttäuscht reagiert („Wie kommt es, dass nur noch die Hälfte da ist?“).
An Versuchen, diese Interaktionen zwischen Menschen und ihrer Umwelt auf jeweiligen biologischen, psychologischen und sozialen Ebenen zu erklären, mangelt es nicht. Jede Disziplin versucht aus ihrem Erkenntnispool eine Erklärung hervorzubringen. Doch im Laufe der Zeit wurde den Forschern immer deutlicher, dass eine wissenschaftliche Disziplin allein keine ausreichende Kenntnisressourcen zur Verfügung hat, um eine übergreifende Gesamttheorie zur Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt zu liefern. Die Wissenschaftler einigten sich darauf, den Ruhm, dies zu erklären, miteinander zu teilen.
Das war der Punkt, an dem die wissenschaftliche Community begann, von einem bio-psycho-sozialen Modell der psychischen Erkrankungen und Ausdrucksformen zu sprechen. Dieses Modell prägt das Denken der Neurowissenschaftler noch immer. Wichtig ist, festzuhalten, dass es sich dabei nicht um ein ganzheitliches Modell handelte, das die Realität abbildet, sondern um Theorieansätze, die aus biologischen, psychologischen und sozialen Perspektiven zusammengefügt sind.
Diese unterschiedlichen Modelle koexistieren wie Paralleluniversen. Im Unterschied zur Koexistenz von Paralleluniversen in der Kosmologie, die angeblich nichts voneinander wissen, kennen sich die biologischen, psychologischen und soziologischen Universen untereinander und sind sich ihren Überlappungen „bewusst“. Wo die Schnittstellen bei diesen Überlappungen liegen und auch wie die Übergänge zwischen Biologie, Psychologie und Soziologie ablaufen, konnte bislang nicht erklärt werden. Ein gemeinsamer Nenner fehlt.
Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner
Meine Suche nach so ein einem möglichen Nenner nahm ihren Anfang während einer eher langweiligen Vorlesung aus dem Fachgebiet der Psychiatrie. An diesem Tag trug der Psychiatrieprofessor, ein eingefleischter Psychoanalytiker, zu Anpassungsstörungen (ein Symptomspektrum aus Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Isolation, Traurigkeit, Verspannungen der Halswirbelsäulenmuskulatur) vor. Grundsätzlich handelte es sich dabei um eine pessimistische Lebenseinstellung verbunden mit Desinteresse und Freudlosigkeit. Bei diesen psychischen Erkrankungen ist eine Interaktion zwischen biologischen,
psychologischen und sozialen Faktoren deutlich sichtbar.
Der Professor listete die Symptome auf: psychische Auffälligkeiten wie Angst, Depressivität, Ärger, Verbitterung, Verzweiflung, Aggressivität, aber auch körperliche Symptome wie beispielsweise Muskelverspannungen. Seiner Ansicht nach waren diese körperlichen Symptome rein psychisch bedingt. In die von ihm vorgenommene Auflistung der Symptome schmuggelte sich ein weiteres Symptom, und zwar lebhafte Muskeldehnungsreflexe (Hyperreflexie). Das sind Reflexe, die bei einer Muskelanspannung entstehen, die durch eine Längendehnung eines Muskels bei einer raschen Bewegung ausgelöst werden. Ein Beispiel hierfür ist der Reflex des Kniegelenkstreckers (Kniesehnenreflex). Er kann mittels eines Schlags mit dem Reflexhammer unter die Kniescheibe erreicht werden und bewirkt eine unwillkürliche Streckung des angewinkelten Beins. Das Vorhandensein dieses Reflexes würde bedeuten, dass das Spektrum an Symptomen einer Anpassungsstörung eine gleichzeitige Koexistenz von rein psychisch bedingten Symptomen mit rein neurologischen Symptomen darstellt.
Dass der Vortragende diese Reflexe erwähnte, ließ mich aufhorchen. Irgendwo in meinem Gehirn schrillte die Alarmglocke. Es stellte sich mir plötzlich die Frage: Was hat ein organisch bedingtes Symptom in einer rein psychisch bedingten Erkrankung, der Anpassungsstörung, verloren? Mir wurde klar: In diesem Erklärungsmodell zur Entstehung von psychischen Erkrankungen stimmte etwas nicht. Wie konnte eine psychische Erkrankung – halb Fisch (psychisch) – halb Fleisch (neurologisch) sein?
Das konnte ich nicht nachvollziehen. Die damals überzeugte Neurologin in mir wusste, dass auch die bei psychischen Zuständen feststellbaren neurologischen Symptome, wie Muskelanspannungen und lebhafte Reflexe, eine organische Ursache verbergen mussten. Aus der Neurologie war mir bekannt, dass diese Reflexe auf eine organische Ursache verwiesen, die im Gehirn auf dem Niveau der sogenannten oberen motorischen Neuronen, die das Gehirn mit dem Rückenmark verbinden, zu suchen wären.
Diese Koexistenz von rein psychischen und neurologischen Symptomen konnte kein Zufall sein. Sie war ein Phänomen, das auch bei vielen anderen psychischen Erkrankungen zu finden war, bei denen Anspannung ein Teil des Symptomspektrums ist (Urban, 2012). Angespannte Muskeln und lebhafte Reflexe trifft man auch bei einem heutzutage weitverbreiteten psychischen Zustand, nämlich dem Stress. Ich griff damals zu meinem Notizbuch und notierte mir 2 mathematische Beziehungen:
Anpassungsstörung = lebhafte Reflexe
Läsion des oberen Motoneurons = lebhafte Reflexe
Legende: Das Symbol „=“ in der ersten Gleichung bezeichnet den
Zusammenhang, eine verborgene Verbindung zwischen einem rein
psychischen und einem rein neurologischen Zustand zu vermitteln.
Die Nutzung einer solchen „mathematischen“ Darstellungsform von beobachteten Koinzidenzen zwischen auf den ersten Blick unterschiedlichen Phänomenen bringt die Gefahr mit sich, von manchen Wissenschaftlern als sehr vereinfacht und unseriös eingestuft zu werden. Das muss nicht immer der Fall sein, wie der Historiker Thomas Goldstein in seinem Buch Down of Modern Science schrieb:
„Mathematische Beziehungen zeigen oft eine immer wieder überraschende elementare Einfachheit, so als implizierten sie, dass der unendlichen Vielfalt an beobachtbaren Einzelheiten, die sich unseren Sinnen darbietet,
bestimmt relativ wenige fundamentale Gesetze oder Varianten davon zugrunde liegen.“
(zitiert nach Calvin, 1997, 541)
Die Erfahrung während meiner Forschungsarbeit zeigte, dass eine solche Form der Darstellung die Funktion einer Notiz auf der Pinnwand meiner Aufmerksamkeit bot, die mich immer wieder daran erinnerte, auf der Suche nach verborgenen Verbindungen „am Ball“ zu bleiben. Sie erwies sich als richtungweisend beim Versuch, ein Prinzip aufzuspüren, und zwar den gemeinsamen Nenner, der hinter den Übergängen eines neurobiologischen Prozesses zum anderen liegt; oder metaphorisch: von einem zum anderen Abschnitt des Flusses der Verwandlung. Ich mutmaßte, dass hinter diese Koinzidenz ein verborgener Zusammenhang bestand, und zwar auf folgende Weise:
Anpassungsstörung = Läsion des Motorneurons
Achtung, bei der Interpretation der Gleichung ist Vorsicht geboten. Sie impliziert keinesfalls, dass eine Anpassungsstörung die Folge einer Läsion des oberen motorischen Neurons ist. Sie weist lediglich darauf hin, dass es eine Verbindung, einen gemeinsamen Nenner, zwischen einem rein psychischen und einem rein neurologischen Zustand geben müsste, der auf den Ebenen neurobiologischer Prozessen zu suchen wäre. Was konnte dieser? Diese Frage trat danach jedoch etwas an die Peripherie meines Aufmerksamkeitsfeldes und verschwand irgendwann komplett aus meinem Interessenhorizont. Andere Prioritäten erwiesen sich als relevanter in meinem Leben. Aber wie es sich im Nachhinein herausstellte, waren diese Gleichungen wie Samen, die sehr langsam, aber unaufhörlich irgendwo in mir keimten, meine Neugier mir keine Ruhe ließen nach dieser Verbindung zu suchen. Die 3 Gleichungen zogen immer wieder meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Frage, welche neuronalen Wege verantwortlich für Muskelverspannungen und lebhafte Reflexe bei psychischen Störungen sein könnten, ließ mir keine Ruhe.
Irgendwann kam ein Impuls, wieder nach meinen alten Neurologie- und Neuroanatomie-Büchern zu greifen, um genauer zu erkunden, welche neuronalen Wege für Muskelverspannungen und lebhafte Reflexe auch bei psychischen Störungen verantwortlich sein könnten. Doch dort fand ich kein Indiz, das einen gemeinsamen Nenner zwischen den neurologischen und psychischen Symptomen bei einer Anpassungsstörung andeuten könnte. Auch in den damaligen Lehrbüchern der Neurologie und Neuroanatomie fand ich keine Aufklärung dieser Fragen.
Nach diesem verborgenen Nenner suchend, wurde ich gezwungen, die Komfortzone meiner beiden Fachgebiete Neurologie und Psychiatrie zu verlassen und mich in andere Fachgebiete wie die Physiologie und Psychologie zu begeben. In der Physiologie stieß ich auf die Thermodynamik (auch Wärmelehre genannt). Als ein Teilgebiet der Physik beschäftigt sich die Thermodynamik mit der Umwandlung und Veränderung von Energie innerhalb eines oder mehrerer Systeme, deren Gesetze auch im menschlichen Körper gültig sind. Den 0. und den 2. Hauptsatz der Thermodynamik nach Rudolf Clausius (siehe Kapitel „Mensch-Umwelt-Interaktion: Die Rolle der Thermodynamik“) zu berücksichtigen, zeigte sich als hilfreich, um a) die Interaktion zwischen dem Menschen als einer Einheit und seiner Umwelt besser zu verstehen, b) wichtige Geschehnisse auf der motorischen, physiologischen und der psychologischen Ebene des Menschen nach einem Kontakt mit der Umwelt zu erklären.
Um die Schnittstellen verstehen zu können, wo Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt stattfindet, fehlten es noch an Erklärungsansätzen. Da der Mensch ein Teil eines großen Ganzen, des Universums, ist, war es für mich naheliegend, eine Erklärung für dieses in der Quantenphysik zu suchen. Und genau hier wurde ich fündig.
Eines Tages versuchte ich all die Gleichungen in Form eines Diagramms darzustellen. Das Ergebnis war keinesfalls aufmunternd. Es wirkte sehr komplex und verworren. Damit konnte ich kaum etwas anfangen. Trotzdem fixierte ich es auf einer Pinnwand und ließ es sozusagen reifen. In der Zwischenzeit navigierte ich durch die in unterschiedlichen Fachgebieten geltenden Modelle, um Spuren zu finden, die mir klare Hinweise über das Verbindungsglied zwischen einer psychischen Erkrankung und neurologischen Symptom liefern könnten.
Einmal stieß ich auf folgendes Zitat des amerikanischen Physikers Hans Christian von Baeyer:
„Wenn Sie etwas nicht verstehen, zerlegen Sie es. Reduzieren Sie es auf seine Bestandteile. Da sie einfacher sind als Ganze, haben Sie eine viel bessere Chance, sie zu verstehen; und wenn Ihnen das gelungen ist, bauen Sie das Ganze wieder zusammen.“
(Baeyer, 2004, zitiert nach Bryson, 2011)
„Das ist leichter gesagt als getan, Herr von Baeyer!“, dachte ich. In meiner Forschungsarbeit mangelte es nicht an Einzelheiten. Das Problem war, dass die immer mehr wurden. Als Summe erinnerten sie mich an einen Farbenblindheit-Test, der aus vielen Punkten in unterschiedlichen Größen und Farben besteht, aus denen eine versteckte Zahl zu erkennen ist, wenn Sie nicht farbenblind sind. Ich konnte nichts erkennen.
Die Suche nach schlüssigen Verbindungen zwischen Einzelheiten, die auf wissenschaftlichen Fundamenten fußten, wurde zu meiner ständigen Begleiterin, ich kann sagen zu meiner Lebensgefährtin: mich bisweilen herausfordernd, mich bisweilen immer wieder zur Verzweiflung bringend. Vor allem wenn ich mich in einer Sackgasse meiner Forschung befand, wenn ich den Überblick über das Ganze verlor. Es war eine sehr frustrierende Angelegenheit, die immer wieder wiederholte. Trotzdem gab ich nicht auf. An Ausdauer fehlte es mir nicht. Allerdings, je mehr ich mich in den folgenden Jahren in unterschiedliche Gebieten einlas, desto mehr potenzielle Zusammenhänge zwischen Einzelheiten aus diesen Gebieten erschlossen sich mir. Diese notierte ich als weitere Gleichungen, bevor sie dann wieder neben Anforderungen meines Alltags untertauchten.
Wie Sie auf dieser Entdeckungsreise erfahren werden, ging das Ergebnis meiner Recherche weit über meine ursprüngliche Absicht hinaus. Wie bereits angedeutet, wollte ich ursprünglich nur klären, was sich hinter dem Gleichheitszeichen in den erwähnten Gleichungen verbergen könnte, was also Anpassungsstörungen und angenommene Läsionen des oberen motorischen Neurons verbinden könnte. Der verborgene gemeinsame Nenner wurde deutlicher. Und nicht nur das: Im Verlauf der Entdeckungsreise zeichneten sich allmählich Umrisse von etwas viel Komplexerem ab, was am Ende in einem Modell über die Mensch-Umwelt-Interaktion resultierte, das ich Fluss der Verwandlung taufte.
Die Entwicklung des Modells über die Mensch-Umwelt-Interaktion
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass meine Arbeit an diesem Modell nicht möglich wäre ohne die Werke äußerst kompetenter Vorgänger. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ich habe mich bei der Entwicklung dieses Modells auf jene Aspekte konzentriert, die ich für notwendig erachtete, um es auf ein wissenschaftlich festes Fundament zu stellen. Erkenntnisse aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen wurden entlehnt, die wie Puzzleteile in ein kompakteres Modell hineingefügt wurden.
In die Entscheidung, welche der mir zur Verfügung stehenden Theorien ich auswählen möchte, sind auch meine Vorlieben sowie meine beruflichen Überzeugungen und Erfahrungen aus meinem privaten und beruflichen Alltag geflossen. Daher wurden einige bekannte Theorien nicht hinreichend berücksichtigt. Das soll jedoch nicht als Geringschätzung dieser Theorien angesehen werden.
Meine hier präsentierten Annahmen basieren auf Erkenntnissen von Nobelpreisträgern wie den Physikern Max Planck, Richard Feynman, Frank Wilczek, Robert Brout, François Englert, Peter Higgs, den Physiologen Andrew Huxley und Alan Hodgkin wie auch dem Psychologen Daniel Kahneman. Und nicht nur das. Das Modell steht im Einklang mit uralten und als überholt betrachteten Thesen in Bezug auf Information oder Unsterblichkeit der Seele von Platon, Descartes, Augustinus und Thomas von Aquin. Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie wissen, was Information ist, warten Sie ab. Die ist nicht das, was Sie meinen. Wenn Sie zu den Entschlossenen gehören, die die Existenz einer Seele misstrauisch betrachten, warten Sie ab.
...

