Cover: Lu und Susi

Lu und Susi
Absurde Erzählung


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 160
ISBN: 978-3-99185-091-5
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
Eine Frau, die das Leben hasst. Eine liebende Katze, ein netter Dämon und ein süchtiger Engel. Dazu ein vermeintlicher Höllenfürst. Alle angetreten, um ALLES zu retten. Lu und Susi ist eine Erzählung über zwei Kräfte, die einander bedingen: Abgrund und Liebe.
1 – Lu und Susi


„Ich bin müde.
Nicht die Art, die ich mit Schlaf beheben kann.
Die Art, bei der das Atmen anstrengend ist.
Bei der nichts je richtig war.
Die Wand gegenüber hat einen Riss.
Er sieht aus wie ein Blitz, der es sich anders überlegt hat. Die Kaffeemaschine blinkt. Als hätte sie etwas zu sagen. Vielleicht will sie lügen.
Die Stimme im Radio verspricht mir, dass mein Leben besser wird, wenn ich einen Wasserfilter kaufe. Ich überlege, wie man Blut filtern könnte. Oder Gedanken.
Susi liegt auf dem Fenstersims. Ihre Augen sind offen. Wie fast immer. Ich frage mich oft, wann sie gemerkt hat, mit wem sie es zu tun hat. Bestimmt sofort. Sie war einfach zu höflich, das lebenslange Angebot auf Kost und Logie abzulehnen.
Ich habe lange nicht geduscht.
Mein Körper fühlt sich an wie geliehene, gebrauchte Unterwäsche. Zu eng, zu ekelhaft, irgendwie falsch.
Draußen ist Welt, Autos, Menschen, Kinder mit bunten Jacken. Ich weiß nicht, wie man das macht – da draußen sein. Mensch sein.
Ich denke an die Badewanne. Nur für einen Moment. Nur, weil Wasser so friedlich ist. Ich denke an meine Pulsadern. Aber nicht melodramatisch, nur für den Tagtraum über ein Leben als Fehler im System.
Es würde bestimmt zwei Monate dauern, bis man mich findet. Susi frisst mich dann. Ich gönne es ihr. Aufrichtig.
Sie war die meiste Zeit alleine. Hat etwas traurig ausgesehen, wenn Sie mich so direkt fragen, aber immer höflich gegrüßt. Hach, hätte man das nur ahnen können. Diese heuchlerischen Wichser. Würde ich jetzt aufstehen und bei jemandem im Haus klopfen … Nase rümpfen, abwimmeln oder 110 wählen.
Aber ich tue es sowieso nicht. Lasse Susi nicht allein. Niemals.“

Lu weiß etwas. Verstehen gehört nicht dazu. Sie liebt Susi. Mehr, als sie je einen Menschen geliebt hat. Ihr ganzes Leben war sie Dosenöffnerin und hat alle ihre Katzen aufrichtig geliebt.
Aber Susi – das ist etwas anderes.
Sie gehören zusammen.

Lu und Susi.
Susi blinzelt.

Plopp.
Wie eine schlecht geöffnete Käsepackung.

Lu hebt den Kopf nicht.

Ein Pärchen küsst sich vor einem Zebrastreifen. Das Auto wartet. Niemand hupt.

Ein Laptop in Prag malt nachts Bilder. Immer dasselbe Gesicht: eine Frau mit Tränen aus Licht.




2 – Patschuli, Schwefel und Furz


Plopp.
Mitten im fleckigen Dreckteppich klafft für den Bruchteil eines von Lus lahmen Herzschlägen ein grellweißes Loch. Es spautzt eine Gestalt aus dem Nichts wie ein Kaugummi.
Zwei Meter groß und breit (inklusive Flügelspanne).
Blondes Haar, fast genauso ungewaschen-filzig wie Lus Mähne. Sein himmelblaues (!!) Shirt ziert ein leicht missglückter, aber süßer Ironieversuch:
DON’T PANIC – I’m an Angel

Toni landet auf seinem knochigen Popo, rappelt sich hoch und drückt mit beiden Händen gegen seinen zerbeulten Blech-Heiligenschein, als wäre er ein Hula-Hoop-Reifen, der nicht aufhört zu eiern. Beim ersten Schritt bleibt er mit dem linken Flügel in der Deckenlampe hängen.

Ritsch.
Drei Federn trudeln zu Boden. Er pult sie hastig wieder rein – natürlich falsch herum.
Pfuup.
Ein faustgroßer Rauchkringel auf dem dreckigen Teppich. Clemens materialisiert sich:
Pink. Etwa einen Meter groß – behauptet er.
Hörner wie verbogene Büroklammern.
Toni realisiert gerade erst die Teppich-Situation. Nicht, weil sie für ihn ungewöhnlich, sondern er nicht so ganz bei der Sache ist.
Clemens, mit seinem pinkrosa Bäuchlein obenrum, seiner lächerlich engen Skinny-Jeans untenrum, verströmt einen schier unbeschreiblich entsetzlichen Geruch. Susi tippt auf Patchouliöl. Direkt auf die leicht nach Fäulnis riechende Haut aufgetragen. (Völlig normal für Dämonen. Höhere Kasten beheben das bei Olfaktospezialisten – aber das kann sich Clemens natürlich nicht leisten.)
Susis felidae Intuition verrät ihr: Der hätte gern einen Dämonendutt. Und ärgert sich auf diverse Weisen, dass sie reflexartig an den Unbegriff DämonInnendutt denken muss.
Dank einer Unterwissenschaft der Intangiblation oder schlichter Biologie hat der Dämon keine Haare auf dem Kopf. Susi schlittert von Ärger in Dankbarkeit. Clemens reckt sich, glotzt ins Leere.
Dann schaltet er sich wieder ein. „Hallo, du musst Toni sein. Ich bin Clemens, Rasskaste 22.880.000.5673. Subsidärer Sinnstörling. Spezialgebiet: semantische Erosion in Gesprächen über Liebe oder Wetter.“ Toni streckt ihm die Hand hin: „Toni, Typ β-R, Seriennummer 2323-Ω-kaputt.
Funktion: Auflösen falscher Entscheidungen durch passives Herumstehen. Eigenschaft: Schimmert im Nebel des Vielleichts. Besonderes Talent: Kann mit Lauge kommunizieren, die zur Herstellung von Seifenblasen verwendet wird.
Letzter Versuch einer Heldentat: Hat einem Dämon das Handy aufgeladen.“ Clemens ist heimlich beeindruckt. Der hier ist ranghöher.
„Kennst du die Akte? Ich weiß nicht, wo ich bin und warum. Wurde wortwörtlich per Arschtritt hierher befördert.“ Er rubbelt sich den Hintern.
Da prangt ein lila Hufabdruck – direkt auf denjenigen Poposegmenten, die sich schon aus der Hose befreien konnten. Toni nickt.
„Ich bin ihr Schutzengel. Und das ist nicht leicht. Sie leidet furchtbar. Schwere Depression, Borderline, ADS, PTBS, Polytox…“ „Schon gut.“ Clemens winkt ab. „Aber seit wann werden Engel und Dämonen zusammen abgestellt? Das ist doch seltsam.“
Toni zuckt mit den Schultern. „Da oben passieren komische Dinge. Einige meiner Freunde sind in so einer Art Sekte. Völlig ballaballa. Die wollen Negativität ausmerzen. Als ob nicht jedes Kind in jeder Dimension weiß, was Polarität bedeutet.
Andere versuchen, sich nach unten versetzen zu lassen.“ Clemens hört schon nicht mehr zu.
Er will den Job schnell machen und sich wieder mit seinen Fußnägeln beschäftigen.

Am Boden: Lu. Zusammengerollt wie ein Shrimp im Schlafrock. Für sie sind Toni und Clemens nur luftleere Flecken. Susi dagegen hockt vor den beiden wie eine resignierte Bibliothekarin. Der Blick: „Ein Laut zu viel – und ich verkratze euch die Aura.“
Toni knipst ein Trostlicht an – gezielt auf Lus Brust und trifft den Wandspiegel.
Ergebnis: eine grau-braune Regenbogenexplosion.
Lu stöhnt, Susi faucht.
Clemens schnippt – will den Effekt löschen –, doch es entweicht nur ein peinlicher Schwefelfurz. Der mischt sich mit Patchouli. Es gibt wirklich alles, sogar die olfaktorische Apokalypse.
Fünf sehr stille Minuten mit Durchzug.
Toni sitzt auf der umgekippten Stehlampe, rollt sich die Federn mit einer Fusselrolle.
Clemens liegt rücklings auf dem Teppich, merkt, dass er Mühe hat, wieder hochzukommen.
Er denkt dabei an Heinz Kafka. Er weiß nicht, wer das ist. Aber die coolen Toten, von denen da unten seit Neuestem alles voll ist, sagen den Namen manchmal bedeutungsschwer. In seinem Aggrum – dem haselnussgroßen Denk- und Schluckorgan niederer Dämonen – brummt etwas. Vielleicht eine primitive Form von Instinkt, vielleicht das festsitzende Stück Fingernagel. Susis Blick. Wie ein Zollbeamter der achten Dimension. Clemens kriegt Gänsehaut. „Manche Katzen stehen drauf, schwächere Dämonen zu … ärgern … Und wenn sie seine Schwäche durchschauen, dann …“ Er schluckt. „Was?“, fragt Toni. „Ach, nix.“ Susi hebt betont beiläufig eine Pfote. Clemens robbt sofort rückwärts durch die Wohnung, sicherheitshalber schon mal auf der Suche nach der Schippe für die großen Häufchen.
Susi: unbewegt. Augen halb geschlossen.
Toni murmelt: „Deadline Woche sieben. Ungültige Schutzauftragspaarung.“ Er kratzt sich mit der Feder die Nase. „Fehlt eigentlich nur noch ’ne PowerPoint über Achtsamkeit. Oder ein Podcast zu spiritueller Resilienz.“ Clemens hebt den Kopf. Sein Schädel glänzt. Er grinst: „Hab mal gehört, Suizidgedanken kann man wegatmen. Oder mit Hafermilch aufschreiben.“ Er reicht Toni ein Zettelchen aus seiner Hosentasche. Darauf: ein krummes Herz mit Teufelshörnchen, ein Regenbogen und die Worte:
„Gefühle sind auch nur Gefühle, die triggern.“ Darunter: C. Toni hasst das erste Mal seine sprachtelepathische Gabe und schließt daraus, dass Clemens, stolz auf seinen Gedankengang, seine Initiale mit dem Zitat versehen hat und es nun als Talisman mit sich rumträgt. Ganz schön viele Schlussfolgerungen für einen Buchstaben. Lu schläft.
Vielleicht bleibt ihr diesmal das Schlimmste erspart.
Vielleicht aber auch nicht.

Zwei Fremde schauen sich in der Bahn an und wissen beide: Das hier war kurz wichtig.

Ein Obdachloser in Berlin sagt jeden Morgen den Wetterbericht. Niemand hört zu – bis er einmal recht hat. Dann wird er Prophet.




3 – Teppich, Theorie und Tonis Toxikologie


Die Küche war früher gelb. Jetzt ist sie vergilbt.
Lu liegt noch immer auf dem taubengrauen Sofa im Wohnzimmer. Sie atmet. Das ist doch was.
Toni sitzt auf einem Hocker, umgeben von leeren Tassen, Teebeuteln, To-do-Listen. Er tippt auf seinem Heiligenschein herum. Seit Minuten blinkt da: Paarungskonflikt – Notfallprotokoll.
Clemens streicht mit einem Löffel über die Tischplatte. Er hat Butter geschnitzt. In Form von Flügeln. Sie schmelzen. Er ist stolz. „Ich geh kurz auf Toilette“, sagt Toni. Susi hebt den
Blick.
Engel pinkeln nicht. Und das andere erst recht nicht. Hinterher! Im Flur bleibt Toni einen Moment stehen. Atmet durch. Dann geht er ins Bad. Schließt ab. Susi hört ein sachtes Klicken. Das dumpfe Geräusch eines Plastikdeckels. Ein … selbst für Susi nicht definierbares, sehr leises Zischen (?). Verwundert und entsetzt über ihr nie dagewesenes Unvermögen, eine auditive Situation zu durchschauen, geht sie beleidigt von dannen. Vorbei an Lu, die daliegt wie eine abgeranzte Sexpuppe.
Clemens schaut zu ihr, dann zu Susi, dann zu sich selbst. „Ich glaube, ich hab gestern was geträumt“, murmelt er. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das war. Oder jemand mit meinem Gesicht.“
Toni kommt zurück, setzt sich und wippt mit dem Bein, als folge er einem unhörbaren Rhythmus.
Da es allein in dieser Galaxie mehr als 20 Millionen übersinnliche Radiofrequenzen gibt – und fast so viele Sender –, wundert das niemanden.

Aber Toni verpeilt in letzter Zeit so einiges.

Lu hat es nach Stunden der Quälerei ins Bad geschafft. Tod durch geplatzte Blase fand sie zu uncool. Eine Linie auf dem Spiegelsims. Geil. Einladung zur Abwesenheit.
Lu ist egal, woher die Line stammt und um welche Substanz es sich handelt. Sie zieht sie langsam, fast zärtlich, während Toni im Flur versucht, ein riesiges Sweatshirt über seine Flügel zu stülpen. Clemens flucht, weil der Fernseher nur rosa Schnee zeigt.
Der Boden schwankt besoffen unter ihr. Ihre Gliedmaßen werden zu Wortfetzen. Sie fällt.
Oder steht. Oder fällt stehend. Kein Raum, keine Zeit. Eigentlich nicht übel. Toni steht plötzlich vor ihr – groß, leuchtend, schweißgebadet. Er trägt ihr Nachthemd. Es ist zu eng. „B…b…bitte nicht erschrecken, ich … äh … bin dein Schutzengel.“
Lu will was Nettes entgegnen, aber besteht gerade nur aus Ambivalenz.
Clemens tritt hinzu, elegant wie ein Hotelportier.
Er reicht ihr eine Zigarette, die rückwärts brennt.
„Verzeih den Auftritt. Ich bin neu im Dienst.“
Er verbeugt sich vor Susi, die plötzlich auf dem Kopf des Dämons sitzt und ein Diadem trägt. „Hau ab! Wieso kann sie dich überhaupt sehen? Du bist doch nicht …“ „Du solltest mal wieder regelmäßig deine Dämonenduden schlucken.“ Der Raum beginnt zu glitzern. Nicht schön – eher wie altes Lametta.
Lu existiert. Ein Zustand, den sie schon viele Male infrage gestellt hat. Keiner sagt was, aber das ist nicht schlimm. Die Stille klingt nach Trost. Aber in Moll.
Sie sieht sich selbst auf dem Boden liegen. Susi auf der Brust. Toni hat seine Flügel ausgebreitet, um den Wind draußen zu halten.
Clemens sitzt im Schneidersitz und sortiert Murmeln, die wie Erinnerungen klingen. Über ihnen schweben sonderbare Hieroglyphen: Lil⟡u ⁂ Luzi. Die nimmt sie aber kaum wahr, weil das gesamte Bild sie zu Tränen rührt. Dann kommt Dunkelheit und gibt ihr zu verstehen, dass sie nicht bedrohlich ist. Nur leer.
Die samtroten Theatervorhänge schließen sich langsam – nach Stunden, Tagen oder Wochen.
Lu weiß: Der Knoten ist schon auf.
Nicht fein säuberlich entwirrt, sondern mit einer ungeduldigen Gartenschere durchgeschnitten.
Als sie die Augen öffnet, ist sie zurück.
Susi schnurrt. Toni schläft auf dem Boden in dem Nachthemd, das selbst an Lu doof aussieht.
Clemens betrachtet seine Hände, als hätte er sie zum ersten Mal gesehen, und denkt dabei wieder an Heinz Kafka.
...

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