Die Grump-Affäre

Die Grump-Affäre

Robert Wagner


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 276
ISBN: 978-3-99131-260-4
Erscheinungsdatum: 23.02.2022
In einer gewaltigen Explosion verliert IT-Spezialist John Brockmann alles: Frau, Kind, Heim. In den Augen der Polizei der einzige Verdächtige, macht sich John auf die Suche nach dem wahren Mörder. Die Spur führt bis in die höchsten Regierungskreise …
Prolog – New York, Sommer 2015

Als John in der Nähe seiner Straße ankam, biss er unwillkürlich die Zähne zusammen. Überall Feuerwehr und Krankenwagen. Sein Kiefer schmerzte und sein Puls ging schneller mit jedem Schritt, den er sich seinem Haus näherte. Menschen liefen aufgeregt durcheinander. Etliche hatten aschfarbenen Staub auf ihren Mänteln und Gesichtern. Einige lagen sich weinend in den Armen. John sah eine Frau, die sich den Kopf hielt. Zwischen ihren Fingern quoll Blut hervor. Der Verkehr staute sich. Ungeduldige Fahrer hupten rhythmisch, lehnten sich aus den Wagenfenstern und fluchten lauthals. John ließ seinen olivgrünen Explorer stehen. Völlig außer Atem rannte er an der Baustelle vorbei, auf der ein paar Investoren ein neues Wahrzeichen der Stadt aus dem Boden stampfen wollten. Es herrschte Chaos. Er schlängelte sich durch einen Wall von Rettungsfahrzeugen mit hektisch blinkenden Blaulichtern, bis er gegen einen Polizisten prallte, der ihn mit ausgebreiteten Armen aufhalten wollte. Er rannte weiter und blieb nach wenigen Schritten unvermittelt stehen.
Dann sah er, was sein Verstand nicht aufnehmen, geschweige denn verarbeiten konnte.
Sein Elternhaus war weg! Es stand nicht mehr da! Da war ein großes Nichts!
Man konnte noch Teile des Nachbargebäudes erkennen, das den alten Quinns gehörte. Wo einst eine gepflegte kleine Villa gestanden hatte, war nur noch ein großer Haufen rußgeschwärzter Ziegelsteine. Es roch nach brennendem Holz und stank nach Rauch und Qualm. Reste des jetzt erbärmlich verbogenen gusseisernen Vorgartenzaunes ließen erahnen, dass hier einst sein Haus gestanden hatte.
John rannte weiter und fühlte sich auf einmal unsanft an den Schultern gepackt. Er hatte das Absperrband nicht registriert. Ein junger Polizist in Uniform hielt ihn auf.
„Hey, Mann, wohin wollen Sie? Sehen Sie nicht, was hier los ist? Das ist gefährlich, niemand geht hinter die Absperrung!“
„Ich muss da rein, meine Frau und mein Sohn sind in dem Haus!“, schrie John den Beamten an und versuchte, sich loszumachen.
„Okay, okay. Ich bringe Sie zur Einsatzleitung, die wird entscheiden, was man machen kann“, sagte der Police Officer und schob ihn – immer noch an den Schultern haltend – durch die Menschenmenge. Staub lag in der Luft, und feine Rußflocken tanzten um ihn her. Funken sprühten aus den offen liegenden Stromleitungen, und er nahm den süßlichen Geruch von Gas wahr. John ließ sich von dem Beamten willenlos führen. In seinem Kopf war nichts als Leere. Die Bilder, die er sah, konnte sein Verstand, so sehr er sich mühte, einfach nicht verarbeiten.

Unvermittelt stand er vor einem provisorischen Zelt und wurde unsanft zum Stehen gebracht.
„Sie warten hier!“, sagte der Officer. „Wie ist Ihr Name?“
„John Brockmann, wohnhaft in der Baker Street 13.“
John hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, bis er erneut angesprochen wurde. Er reagierte nicht, sondern sah wie in Hypnose zu der Ruine, die einmal sein Zuhause gewesen war.
„Sind Sie der Besitzer des Hauses Nummer 13, Baker Street?“
Eine tiefe Stimme weckte John und setzte seinen Verstand halbwegs wieder in Kraft. Er musste nach oben schauen und sah in schwarze, blutunterlaufene Augen, die zu einem dunkelhäutigen Mann gehörten. Ein riesiger Mann stand John gegenüber.
„Ich bin Chief Inspector Banks, Spezialeinheit, ich muss wissen, ob Sie der Besitzer des Hauses Baker Street 13 sind!“
John wurde etwas wackelig in den Knien, aber er antwortete mit fester Stimme. „Das bin ich. Ich suche meine Frau Emma und meinen Sohn Felix, die beide in dem Haus waren, als ich heute Morgen ins Büro gefahren bin!“
Der Chief Inspector musterte ihn eingehend von oben bis unten: „Hören Sie, wir sind noch dabei, die betroffenen Gebäude zu durchsuchen. Die Suchhunde und unsere Spezialisten sind vor Ort, Bombenräumkommando, Minensuchgeräte und alles, was wir während Nine Eleven gelernt haben, bringen wir zum Einsatz, okay? Bislang wurde niemand gefunden, und niemand sonst geht dort rein. Sie bleiben hier und halten sich zu unserer Verfügung, haben wir uns verstanden?“
Banks bemerkte, dass John immer noch unter Schock stand, und fügte deshalb nachdrücklich hinzu: „Haben wir uns definitiv verstanden, Mr. Brockmann?“
John nickte stumm.
Die Zeit schien stillzustehen. In diesem Moment spürte John, wie sich ein Arm auf seine Schultern legte. Als er sich umdrehte, stand sein Freund Marco da und zog ihn schweigend zu sich heran. Als hätte diese Geste einen Damm gebrochen, stürzten die Tränen ungehemmt aus John heraus. Umgeben von gestikulierenden Polizisten, Menschen in Schutzanzügen, Feuerwehrleuten, Sanitätern und Notärzten, die sich aufgeregt Kommandos zuriefen, standen die beiden Freunde für einen Herzschlag lang wie unter einer Glasglocke.
Dann sah John in Marcos Augen. „Was zur Hölle ist hier los? Wo ist Emma? Wo ist Felix? Was ist passiert?“
Marco hielt seinem Blick stand. „Es gab eine riesige Explosion, bei uns sind die Fenster aus dem Haus geflogen. Die Bilder fielen von den Wänden, hörst du? Es war wie bei einem Anschlag in Bagdad! Ich rannte auf die Straße. Die Explosion musste aus deinem Haus gekommen sein! Ich habe sofort bei euch angerufen, weil ich dachte, du wärst womöglich im Homeoffice!“
Sie blieben schweigend eine ganze Weile so nebeneinander stehen.
In John arbeitete es und er versuchte, das Gehörte zu verstehen. Eine Woge neuer Energie fing an, sich in seinem Körper auszubreiten. Er drehte sich um und ging mit schnellen Schritten zum Zelt der Einsatzleitung. John sah den Chief Inspector in einer Ecke des Zeltes mit zwei weiteren Uniformierten. Er steuerte direkt auf ihn zu. „Sie sagen mir jetzt sofort, was hier passiert ist, und lassen mich zu meinem Haus rübergehen. Ich stehe seit einer halben Stunde vor diesem verfluchten Zelt und will endlich wissen, was hier verdammt noch mal los ist!“
Banks’ Blick verfinsterte sich, aber er antwortete mit völlig ruhiger Stimme: „Wir haben geräumt und die wichtigsten Strukturen gesichert. Sie können mit einem meiner Officers zu Ihrem Haus gehen. Sie betreten es auf gar keinen Fall oder turnen mir auf dem Schutt rum! Habe ich mich klar ausgedrückt? Wir haben bisher keine Personen in den Trümmern aufgefunden.“
John nickte und verließ wortlos das Zelt. Erneut knirschte er mit den Zähnen. Eine alte Angewohnheit aus Studienzeiten, wenn er unter Druck stand.
Vor dem Zelt stand der junge Police Officer und deutete mit einer Armbewegung an, dass John ihm folgen solle. Langsam realisierte John, was er eben gehört hatte: keine Personen gefunden! Wo waren Emma und sein Sohn?

Die Explosion hatte sich am Mittag ereignet, gewöhnlich waren beide zu Hause. Emma kochte häufig für Felix das Mittagessen. Vielleicht hatte er Glück, und sie waren auswärts essen gegangen oder Felix war bei einem Freund und Emma hatte ihn gefahren.
Er musste über Mauerreste steigen und lief gegen einen Balken, der Teil seiner alten Dachkonstruktion gewesen war.
Sie waren an den Überresten seines Elternhauses angekommen. John blickte auf den Rauch und die Asche, die überall, wie feiner Schneefall, durch den kalten Januarwind aufgewirbelt wurde. Marco trat neben ihn.
„Ich habe eben die gute Nachricht gehört, keine Menschen im Haus während der Explosion! Hast du eine Ahnung, wo Emma und Felix sein könnten?“
John packte Marco unsanft an der Schulter: „Hier stimmt etwas ganz und gar nicht!“


Die Hölle

John saß in seinem Büro im 17. Stock und sah müde aus dem Fenster. Heute hätte eigentlich sein großer Tag werden sollen. Er fühlte sich alt, gerädert und kraftlos. Monatelang hatte er darauf hingearbeitet und dafür sogar seine Familie vernachlässigt, eine große Chance für seine Karriere.
Die Ankündigung, dass Ronald Grump sich als Kandidat für die Wahl zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten bewerben würde, lief auf sämtlichen Bildschirmen im Büro. Die meisten Kollegen hatten sich vor den Fernsehern versammelt und verfolgten gebannt die gerade stattfindende Pressekonferenz. Nur John saß allein in seinem trendig eingerichteten Einzelbüro für leitende Angestellte des Kurznachrichtendienstes Twitter. Aus seinen dunkel umrandeten Augen, deren Weiß sich ungesund verfärbt hatte, nahm er eine Bewegung an der Scheibe wahr, als seine Assistentin winkte, um ihn nach draußen zu den anderen einzuladen.
Er trug seit Tagen die gleichen Sachen am Leib und verströmte einen aufdringlichen Geruch. Solche Dinge störten ihn zu normalen Zeiten empfindlich. Seit Tagen hatte er nicht mehr richtig geschlafen, war zu kraftlos gewesen, um eine Dusche zu nehmen. In Gedanken sah er seine Frau und seinen Sohn vor sich, die zum morgendlichen Abschied am Fenster winkten, als er in den Wagen stieg und zu Arbeit fuhr. Dieses Bild kam immer wieder in John auf. Alles weg. Alles vergangen. Alles genommen.
Er hatte in den letzten Tagen viel Zeit auf dem Polizeipräsidium zugebracht. Stundenlang war er von Inspector Tenner befragt worden. Die Pausen zwischen den Verhören waren kurz, Tenner bemühte sich um Mitgefühl, aber er musste die Geschichte wieder und wieder erzählen. Am Ende beschlich ihn das Gefühl, dass er der Einzige war, der seine Version für wahr hielt.
Wie konnte es sein, dass alle an einen Unfall glaubten?
Die explodierte Gasleitung, die sein Elternhaus dem Erdboden gleichgemacht hatte, war noch vor wenigen Monaten im Zusammenhang mit dem Neubau des Towers direkt neben seinem Grundstück überprüft worden. Es musste Dokumente geben, die das belegten. Nicht nur, dass ihm keiner auf dem Revier glaubte. Mehr noch: Er war der Tatverdächtige Nummer eins.

Mit dem Anruf von Marco vor einigen Tagen hatte alles begonnen. Johns Leben wurde innerhalb von wenigen Minuten auf den Kopf gestellt. Marco war sein bester und ältester Freund seit Kindertagen. Sie wohnten in derselben Straße und gingen auf dieselbe Schule. Die gesamte Freizeit verbrachten sie zusammen, sie stahlen Fahrräder, die sie verkauften, brachen nachts in Keller ein und wurden zu den unumstrittenen Anführern ihrer kleinen Bande. Alle Kinder der Nachbarschaft wollten dazugehören, sie beide hatten das Kommando. Es gab keinen Jugendlichen in der Nachbarschaft, der sich mit ihnen anlegte. Marco und John hatten in dieser Gegend das Sagen. Es bestand ein Band zwischen ihnen für den Rest des Lebens. Das spürten sie schon im Alter von zehn Jahren. Es ging so weit, dass Marcos Mutter eines Tages John auf Italienisch verfluchte und auf Englisch weiterschimpfte, dass er einen schlechten Einfluss auf ihren braven, süßen Figlio habe. John konnte Marco wochenlang nicht von zu Hause abholen, ohne Sorge, von dessen Eltern erwischt zu werden und eine kräftige Tracht Prügel zu beziehen.
Doch ihre Freundschaft beruhte nicht nur auf einer gemeinsamen Vergangenheit, beide genossen die Gesellschaft des anderen. Sie trafen sich so oft wie möglich, wenn Marco von seinen Einsätzen wieder zu Hause war, über die er nie sprach. Manchmal sahen sie sich monatelang nicht, und dann, wenn Marco wieder zurückkam, war es, als wären sie nie länger als einen Tag getrennt gewesen. Tiefe, alte Freundschaft. Ein Fundament.
Das Leben hielt unterschiedliche Wege für sie bereit, Marco ging zu einer Spezialeinheit der Marines, und John, der lange nichts mit seinem Leben anzufangen wusste, heuerte bei einer neumodischen Firma an, die vor allem Kurznachrichten von prominenten und weniger prominenten Menschen an Tausende von Neugierigen verteilte.
Das Internet und diese kleinen IT-Firmen waren zu Beginn etwas völlig Neues. John gefiel die Atmosphäre, die jungen und hippen Leute um ihn herum. John war älter als die meisten seiner Kollegen, doch er galt als versierter IT-Spezialist und hatte mit seinen neuen Algorithmen schnell für Aufsehen gesorgt, was ihm die Stelle als Ressortleiter im IT-Bereich einbrachte und damit gutes Geld für ein Leben in New York. Ursprünglich hatte John Politikwissenschaften studiert und Informatik nur in den Nebenfächern belegt, aber es zog ihn mehr und mehr zu IT-Themen als zur Politik, für die er sich in letzter Zeit nicht mehr großartig interessierte.
John hielt nicht viel von dem amerikanischen Parteiensystem, der Politik im Allgemeinen, wenn Milliarden von Spendengeldern in Kampagnen investiert wurden und gleichzeitig alle brennenden Probleme, die mit dem Geld behoben werden könnten, konsequent vernachlässigt wurden. Den aktuellen Kandidaten konnte er nichts abgewinnen. Grump hatte seinen Account seit Jahren bei Twitter, er wurde aber wie von den meisten Prominenten ausschließlich für geschäftliche Zwecke verwendet und ab und zu wurde ein Bild von einer Gala oder einer Party eingestreut. Man blieb so im Gespräch. John hatte eine Vielzahl von Prominenten-Accounts zu betreuen, der von Ronald Grump würde sich bald von allen anderen unterscheiden. Es war klar, dass John hier künftig in seiner Eigenschaft als Administrator gefordert werden würde.

Er konnte sich noch gut an Marcos Worte bei seinem Anruf erinnern: „Es ist furchtbar, John! Eine Katastrophe! Es gab eine riesige Explosion, die ganze Straße sieht aus wie nach einem Anschlag der Taliban! Dein Haus steht nicht mehr! Komm her!“
So hatte es angefangen.


Der Verdacht

John ging zusammen mit Marco zum Zelt, wo er dem Officer, der sie zu der Ruine begleitet hatte, seine Mobilfunknummer und Marcos Adresse gab. Marco lebte allein in dem Haus direkt die Straße runter, seit seine Eltern vor Jahren gestorben waren. Er hatte seinem Freund angeboten, fürs Erste in seinem alten Kinderzimmer zu übernachten. Sie gingen in die Küche, und Marco machte für beide einen starken Kaffee mit der altersschwachen Bialetti.
Marco liebte es, zu kochen, und immer, wenn er nachdenken wollte, fing er an, egal ob hungrig oder nicht, die leckersten Gerichte zu zaubern mit allem, was gerade im Haus war. Marco stammte aus Neapel, hatte einen Bruder und war das älteste Kind einer Auswandererfamilie, die stolz auf ihre Wurzeln war und nun schon in der dritten Generation in den Staaten lebte. Sein Vater hatte ein italienisches Restaurant betrieben und die Kunst des Kochens an seinen Sohn weitergegeben.
„Was ist los, John, was glaubst du, was geschehen ist?“
John blickte auf, holte tief Luft: „Im Frühling fing das alles an. Ich habe dem erst keine Bedeutung beigemessen. Morgens auf dem Weg zur Arbeit sprach mich ein Mann an, als ich gerade ins Auto steigen wollte. Er sagte, er habe großes Interesse, mein Haus zu kaufen, und möchte mir ein einmaliges Angebot unterbreiten. Ich lachte laut, sagte ‚Danke‘, stieg ins Auto und fuhr los.“
„Klingt wie in einem schlechten Mafiafilm“, sagte Marco mit einem grimmigen Lächeln und füllte frisch gemahlenes Kaffeepulver in die Espressokanne.
John, dem nicht nach Späßen zumute war, fuhr fort: „Zwei Tage später stand derselbe Mann wieder morgens da. Wir müssten dringend sprechen, er müsse mir das Angebot erklären. Ich ließ ihn wieder stehen und sagte, ich hätte kein Interesse an einem Verkauf. Mir gehöre das Haus seit 15 Jahren, es sei mein Elternhaus. So etwas verkaufe man nicht. Er ließ nicht locker und sagte, wenn wir uns nicht unterhielten, werde etwas Schlimmes passieren. Das ließ mich aufhorchen, aber ich glaubte dem Typen nicht, er war kein Geschäftsmann, dazu war er zu schlecht gekleidet. Eine Woche später stand er wieder da und sagte, dass er mich heute Abend in dem Irish Pub an der Ecke erwarte, und wenn ich nicht käme, passiere etwas.“
Marco hatte aufmerksam zugehört. Jetzt setzte er die sorgfältig befüllte Bialetti nachdenklich auf die Herdplatte. „Warum hast du mir nichts gesagt, ich hätte dich begleitet und mal unter Männern mit dem Kerl geredet.“ Er ballte seine Faust.
John winkte ab. „Ich willigte jedenfalls ein und ging nach der Arbeit direkt in den Pub. Ich habe niemandem etwas davon erzählt, weil ich dem Ganzen keine wahnsinnige Bedeutung beigemessen habe. Ein Spekulant, den ich in die Schranken weisen musste. Eine unmittelbare Bedrohung, daran habe ich nicht gedacht. Ich wollte den Kerl einfach nur loswerden.“
„Na ja, es klingt auf jeden Fall so, als ob es ernst gemeint war“, sagte Marco.
John zuckte vage mit den Schultern. „Als ich nach der Arbeit in die Kneipe ging, sah ich den fremden Mann in der Ecke des Pubs sitzen, und obwohl es voll war, schienen alle anderen Gäste Abstand zu dem Tisch zu halten. Ohne Umschweife begann der Typ und sagte: ‚Mein Name ist Gianluca, und ich komme als Vermittler meines Mandanten auf Sie zu, um Ihnen ein wirklich gutes und einmaliges Angebot zu machen, das Sie auch annehmen sollten. Wir werden expandieren und wollen in Ihrer Straße einige weitere Grundstücke erwerben. Wir zahlen Ihnen eine Million Dollar, wenn Sie bis Mai ausgezogen sind. Sie haben exakt drei Wochen Zeit, um sich zu entscheiden!‘
Wieder unterbrach Marco. „Eine Million, das ist ja lächerlich.“
„Ich konnte es erst gar nicht fassen. Ich hatte grob im Kopf überschlagen, was das Haus samt Grundstück wirklich wert ist, und kam bei ungefähr dem Doppelten an!“
„Was passierte dann?“, fragte Marco.
„Ich habe ihm gesagt, dass dieses Gespräch hier für mich beendet ist, doch er erwiderte, das sei ein Angebot, das man nicht einfach ablehnen könne. Entweder ich nähme es an, oder es würden viele schlimme Dinge geschehen.“
„Schlimme Dinge?! Und jetzt haben wir den Salat“, meinte Marco.
„Ich habe die Kneipe verlassen und nichts mehr von dem Typen gehört, die ganze nächste Zeit nichts. Jeden Morgen habe ich mich umgeschaut, aber da war kein Gianluca.“
„Und wie ging es weiter?“, fragte Marco.
„Nach zwei Wochen, in denen ich die morgendliche Begegnung mit Gianluca bereits wieder verdrängt hatte, stand er auf einmal vor mir und meinte, dass die Zeit laufen würde. Nächste Woche bräuchte er meine Entscheidung.“
Marco blickte erstaunt auf.
„Du meinst, die Sachen gehören zusammen? Erst der Typ mit dem Angebot, und nun das Verschwinden deiner Familie?“
„Ja, natürlich! Ich habe Gianluca nur noch ein Mal gesehen, und ich lehnte wieder ab und sagte ihm, dass ich nicht daran denken würde, zu verkaufen. Danach habe ich nichts mehr von ihm oder seinen Auftraggebern gehört.“
Beide schwiegen nachdenklich.
John war ein Mann, der schon unter normalen Umständen immer leicht übermüdet aussah. Seine dunklen Haare hingen ihm ungepflegt, in langen Strähnen, ins Gesicht. Die Sorge um seine Familie vertiefte seine Falten, er sah mit einem Schlag noch erschöpfter und niedergeschlagener aus als sonst. Hilflosigkeit war sein Empfinden.
Trostlos der Tag.

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