Cover: Miralinde

Miralinde
Der „Streich mich niemals aus dem Kalender" Tag


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 94
ISBN: 978-3-99130-946-8
Erscheinungsdatum: 25.09.2025
Mal wieder Zoff mit der großen Schwester und dieser verhasste Satz von Mum, der gar nicht gut ankommt. Dazu die schlimmen Erinnerungen, „Er“ und die Sache mit Pippo. Für die 13-jährige Miralinde ein Tag zum Aus-dem-Kalender-Streichen! Oder am Ende vielleicht doch nicht?
Bad. Klotür. Pipi.
Es ist hell. Viel zu hell. Ein blöder Sonnenstrahl hat es doch tatsächlich geschafft.
Es ist Sonntagmorgen.
Zusammengekniffene Beine. Zusammengekniffene Pobacken. So was gibt einen verdammten Muskelkater. Scheiße aber auch.
Pipi stopp!
Miralinde steht an der Tür des Badezimmers und beobachtet ihre Schwester. Die klemmt ihren kleinen Arsch fest auf den Badewannenrand und rasiert sich die Beine.
Ein Scheiß-Geräusch macht das. Ein Kratz-Geräusch. Miralinde hasst Geräusche.
Vor allem die Geräusche ihrer Schwester.
Scheiß Gerüche. Miralinde hasst viele Gerüche. Vor allem die Gerüche ihrer Schwester.
Es riecht nach Cremeschiss. Es riecht nach Deo, Duschbad, Nagellackentferner. Viel zu viele Gerüche für diesen Sonntagmorgen. Viel zu viele Geräusche.
Miralinde spürt, wie ihre Kotze langsam nach oben wandert – Kotze am Ziel angekommen. Jetzt einfach hinunterschlucken. Eklig!
Wunderschöne, lange blonde Locken fallen der Schwester über die Augen. Es sind Störenfriede, definitiv, die sie sich aber augenblicklich aus dem Gesicht pustet. Ein schriller Schrei ertönt. Miralinde wartet auf „Aua! Verdammte Scheiße!“
Es kommt.
Soll sie sich dem Frieden zuliebe ein Grinsen verkneifen? Auf gar keinen Fall. Die dunkelrote dünne Blutspur kriecht über das rechte Schienbein, geradewegs in Richtung frisch manikürter Zehennägel. Es gibt doch noch Gerechtigkeit auf dieser Welt.
„Ich muss aufs Klo!“
„Hau ab!“
Ein Blick der Schwester aus stahlblauen Augen genügt, und Miralinde zieht es vor, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Nichts lieber als das. Die Lust, sich mit der da anzulegen, ist nämlich gleich null.
„Mach die Tür zu, blöde Tussi!“
„Du kannst mich mal!“
Wieder Pobacken zusammenkneifen! Geht schon fast nicht mehr vor lauter Muskelkater.
Miralinde schlurft zurück ins Zimmer und kuschelt sich in ihre Bettdecke.
Wochenende. Ferien. Alles nice.
Eigentlich gar nicht alles nice – die doofe Kuh sitzt im Bad.
Ein Sommermorgen steht vor der Tür. Die Sonne schwitzt. Megahitze. Jetzt schon.
Miralinde hasst die Hitze.
Ihre volle Blase beginnt langsam zu schmerzen. Muss warten. Ein kleines Tröpfchen rutscht durch. Egal. Muss warten.

– Der Name –
Miralinde Eleonora Roberta Emilia Violetta Ziz.
– Das Alter –
Dreizehn Jahre.
– Daseinsberechtigung ist es, jüngstes Mitglied einer „Familie“ zu sein.
Familie? Wohl kaum.
Eine etwas durchgeknallte, liebenswerte, in den 70ern stehen gebliebene Mum, eine ausgeflippte Tochter und eine Oberzicke – darf sich so etwas überhaupt Familie nennen?

*****

Es denkt ihr. Schon wieder. Es denkt einfach!
„Eigentlich ist das mit dem Denken voll scheiße!“ Miralindes Wangen glühen. „Jeder Gedanke ist zu viel. Pure Verschwendung von was auch immer. Eigentlich.“ Sie nickt sich selber zu. Ohne ihre Erlaubnis schleichen sich die kleinen Scheißerchen ins Gehirn und fressen sich dort fest wie gierige, kleine Zecken.
Sie erinnert sich.
An Tage, an denen zwischen ihr und der Schwester Rosarote-und-himmelblaue-Wölkchen-Stimmung herrschte.
Tage, an denen die Schwester ihre Hand nahm und sie zusammen zum kleinen Bach hinunterliefen, um Steine zu sammeln. An guten Tagen sammelte die Schwester für die kleine Miralinde unzählige Steine.
Es gab sogar Tage, an denen sie sich zusammen ins Bett kuschelten, unter die Decke krochen, eine Taschenlampe anknipsten und die Schwester Miralinde wunderbar lang Geschichten vorlas.
Es gab auch Tage, da verkugelten sie sich fast vor Lachen und kriegten sich nicht mehr ein. Ohne Grund. Einfach so. Weil es lustig war! Mum stand grinsend an der Tür und schüttelte den Kopf.
Sich an die zu erinnern, fällt verdammt schwer. Miralinde muss sich anstrengen.
An die anderen erinnert sie sich leichter. An die dunkelgrauen und schwarzen Erinnerungen. Sie kramt Tage aus ihrem Gedächtnis, an denen sich in ihrem Pausenbrot zwischen den heiß geliebten Salamischeiben Regenwürmer tummelten.
Sie erinnert sich an Nächte, in denen sie von der Schwester in ihrem eigenen Zimmer eingesperrt wurde. Heimlich, still und leise. Ohne dass es ihre Mum mitbekommen hätte. Einfach so – aus Spaß und purer Bösartigkeit. Mum schlief schon tief und fest, und die kleine Miralinde hatte keine Chance, sich irgendwie bemerkbar zu machen. Die Schwester hatte nämlich damit gedroht, ihrer Lieblingspuppe die Haare abzuschneiden, sollte sie auch nur einen Laut von sich geben. Mitten in der Nacht wurde der Schlüssel wieder umgedreht. Da hatte Miralinde allerdings schon längst in ihr Bett gemacht!
Sie weinte, und sie wusste – obwohl sie noch so klein war –, dass in einer Familie alle lieb zueinander sein mussten. Das war einfach so. Überall war das so. In allen Familien auf der ganzen großen Welt waren alle lieb zueinander. Punkt. Aus. Schluss.
Gott, wie naiv war sie doch gewesen, denn eines Tages wurde ihr schmerzlich bewusst, dass das in ihrer Familie gar nicht so sein konnte, weil sie ja keine Familie mehr waren. Schon lange nicht mehr. Es fehlte ja ihr Dad. Alles klar. Darum durfte die Schwester also so gemein sein – zu ihr.
Mum tröstete sie.
Die Schwester stand daneben. Wie ein Unschuldsengel.

Irgendwann erzählte ihr Mum dann, dass die Schwester ganz doll ihren Dad vermissen würde. War keine gute Idee von Mum. Die Schwester begann nämlich wie auf Kommando ohrenbetäubend zu schreien. Miralinde stand daneben und hielt sich die Ohren zu.
„Geh weg!“, schrie die große, dumme Schwester.
Ohren zu, Augen zu. Alles zu. Hört nix!
Miralinde weinte. Mum tröstete sie.
Die Schwester wurde hysterisch. Mum beruhigte sie.

Miralinde verstand die Welt nicht mehr. Sie vermisste ihren Dad doch auch, zumindest bildete sie sich das ein.
Sicher war sie sich allerdings nicht. Sie war nämlich noch ganz klein gewesen. Damals. Als er ging.
Mittlerweile hatten sich die Schandtaten der Schwester verändert. Sie hatte sich zu einer Oberzicke entwickelt, und Zicken greifen zu ganz anderen Mitteln, um ihre Opfer zu quälen.

*****

Trost. Sie braucht Trost. Sofort.
Miralinde verkriecht sich unter ihrer Bettdecke.
„Pst! Bist du da?“
Sie presst sich die Bettdecke ganz fest aufs Gesicht. Die Luft, sie atmet sie aus, sie atmet sie ein. Wieder ein Geräusch. Ein komisches Geräusch. Ein Geräusch, das Angst macht. Stumm schreit sie dem Geräusch ins Gesicht, dass es weggehen soll. Ihr wird heiß. Sie hasst die Hitze, und sie hasst dieses undefinierbare Geräusch. Unter der Nase bilden sich kleine Schweißtröpfchen. Sie fühlt sich wie eine Gefangene. Gefangen in einer Kiste. In einer engen, dunklen Kiste.
Irgendwie krank, was sie da denkt. Irgendwie. Aber nur irgendwie. Miralinde hält den Atem an. Das Geräusch verstummt. Gott sei Dank. Tief Luft holen. Ganz tief. Es ist wie eine Erlösung.

Urplötzlich findet Vanilleduft den Weg in ihre Nase.
Mmmmh, Vanille!
Dieser ganz spezielle Geruch. Der einzige Geruch auf dieser komischen Welt, den Miralinde nicht hasst. Dieser Geruch, der sie an ihre geliebte Großmutter, die Nonna, erinnert. An die wunderschöne Zeit, als sie sogar noch bei ihrer Nonna in dem uralten, knarrenden, kleinen Häuschen mit den blauen Fensterläden und dem verwunschenen Garten wohnte. Dieses Häuschen – Treffpunkt unzähliger Geheimnisse. Jedes Wochenende stand sie am Herd und kochte liebevoll für ihre Mädchen den besten Vanillepudding der Welt. Miralinde wurde immer der verantwortungsvolle Job der Pudding-Umrührerin übertragen. Da stand sie dann, ein kleiner Stöpsel auf einem Schemel, der kaum über die Herdplatte sah, und rührte gewissenhaft in der immer dicker werdenden, gelb blubbernden, unglaublich wohlriechenden Masse.

„Brauchst du mich mal wieder, Miralinde?“
Da ist er ja. Gott sei Dank. Fast ein wenig überraschend. Aber eben nur fast.
Er – einfach nur er. Ohne große Erklärung. Ihr geliebter Freund und Beschützer. Seit vielen Jahren.
Er kündigt sich immer an. Durch diesen zarten Vanilleduft. Auch wenn sie ihn noch lange nicht sehen kann – riechen kann sie ihn schon kilometer- oder besser gesagt sphärenweit oder wie auch immer man das nennt.
„Rutsch ein wenig zur Seite, Miralinnnde!“ Saublöd klingt es, wie er den Namen ausspricht. Seine Stimme quiekt, überschlägt sich fast. Miralinde hasst das. Am liebsten möchte sie ihm eine scheuern.
„Was soll denn das jetzt? Spinnst du oder was? Da kannst du dich ja gleich wieder verpuffen.“
Er sitzt vor ihr, die schwarzen Locken hängen ihm über die noch schwärzeren (geht das überhaupt – kann Schwarz noch schwärzer sein als schwarz?) Augen, und grinst unwiderstehlich.
Miralinde seufzt und reagiert trotzdem schärfer, als eigentlich beabsichtigt. Unbeabsichtigt beabsichtigt sozusagen.
Sie ist nämlich nicht gerade gut zu sprechen auf ihren Namen. Und das weiß er. Eigentlich. Das war sie nämlich noch nie.

*****

Wieder taucht eine Erinnerung auf. Eine von den dunkelgrauen. Wie sie mit sieben Jahren an einem Sonntagmorgen in aller Herrgottsfrühe auf ihr klappriges, ihr von der Schwester, wohlgemerkt nicht freiwillig, vererbtes Fahrrad gestiegen und in einer Saukälte heimlich zur Kirche geradelt war.
Es pisste.
It was raining cats and dogs. Der Wind peitschte ihr die Regentropfen so unerbittlich ins Gesicht, als wollte er sie von ihrem Vorhaben abhalten. Aber es musste einfach sein. Heute und jetzt!
Sie hatte einen Plan. Einen guten Plan, wie sie meinte. Sie war nämlich wild entschlossen, den Pfarrer, der sie damals getauft hatte, zur Rede zu stellen. Für sie war alles klar. Sonnenklar.
Er war schuld.
Der Pfarrer!

Miralinde. Das war doch kein Name. Das war eine Missgeburt, eine Katastrophe. Ein Altweibername mit einem Baum hintendran. Hässlich, peinlich. Mira hießen alte Weiber – und außerdem hatte kein, oder fast kein einziger Mensch auf der Welt (sie hatte das recherchiert!) einen Baumnamen als Namen. Wie krass war das denn! Und trotz dieser Tatsache hatte sie dieser Pfarrer getauft. Einfach so. Auf diesen Namen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Das war fast schon teuflisch!
Sie hatte geschrien. Natürlich. Wie am Spieß. Ihren ganzen Unmut über diesen uncoolen Namen hatte sie hinausgeschrien. Genützt hatte es nichts.
Damals.
Aber heute war sie wieder da. Sie knallte ihr Fahrrad an die Friedhofsmauer. Eine kleine Weinbergschnecke, die es fast bis ans obere Ende der Mauer geschafft hatte, plumpste wieder zurück auf den Asphalt.
Pech!
Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.
Kabumm! Kabumm! Kabumm!
Die siebenundfünfzig Stufen bis zum riesigen Kirchenportal hinauf rannte sie. Auf den regennassen Stufen rutschte sie aus und schlug sich ein Knie blutig.
Herrgottkruzifixnoamol! Das Fluchen hatte sie von ihrer Nonna gelernt.
Vor dem Tor blieb sie kurz stehen und holte einmal tief Luft. Wie ein nasser Hund schüttelte sie sich, putzte die Rotznase mit dem Ärmel ihres Lieblingspullis ab und war bereit.
Mit einem Ruck riss sie das schwere Tor auf – und erstarrte. Der Pfarrer stand am Ende des riesigen Kirchenschiffes. Verwundert blickte er sie an. Ebenso die wenigen alten Frauen und Männer, die sich zur Frühmesse eingefunden hatten.
Macht eure Münder wieder zu, sonst fallen euch noch die falschen Zähne raus!
Nach einer Schrecksekunde begannen sie miteinander zu tuscheln. Alle starrten sie an.
Miralinde fing an zu beten. Betete darum, der Steinboden der Kirche möge sich doch bitte sofort auftun und sie verschlingen. Den Gefallen tat er ihr nicht. Natürlich nicht. Warum sollte er auch? Er hatte ja keinen Nutzen daraus.
Es war eine Niederlage. Es war die erste große Niederlage in ihrem jungen Leben. Sie hatte keine Lust mehr aufs Radeln. Trotz des starken Regens. Lieber schob sie ihr Fahrrad nach Hause. Hüpfte in jede Wasserpfütze und freute sich, als sie spürte, wie sich ihre heiß geliebten, neuen, rot-weiß gepunkteten Gummistiefel langsam mit Regenwasser füllten.
Das Donnerwetter, das sie etwas später über sich ergehen lassen musste, war heftig. Die große Schwester stand hämisch grinsend hinter Mum.

*****

„Wieder zurück von deinem Ausflug in die Vergangenheit, Süße?“ Er schlägt die Bettdecke zurück, setzt sich auf und unterdrückt ein Gähnen.
„Ach Gottchen! Du kannst einem ja wirklich leidtun.“
Sein Dackelblick geht ihr durch und durch.
„Was ist schon ein Name. Es gibt Wichtigeres im Leben, Schätzelchen. Da kannst du aber einen drauf –!“ Miralindes Blick macht ihn stumm. Kurzfristig. Ist ja auch wahr – er nervt mit seinen blöden Sprüchen.

Vanilleduft. Sein Vanilleduft.
Plötzlich ist da aber auch noch ein anderer Duft.
Kein süßer, sondern ein ekelhafter Duft.
Miralinde ist auf der Hut. Sie hält sich instinktiv die Nase zu.
„Na super! Wer hat dir denn ins Hirn geschissen? Sprichst du jetzt schon mit dir selber?“
Der Blick der Schwester, die an Miralindes Zimmertür lehnt, ist abschätzig. Spöttisch. Miralinde möchte sich auf sie stürzen.
Aber dafür ist sie im Moment zu perplex. Sie steht völlig neben sich und sucht nach ihm. Er ist nicht da. Hat sich verdünnisiert.

5 Sterne
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Marco Franzelin

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5 Sterne
Super - 13.10.2025

Sehr Kurzweilig!

5 Sterne
Super Jugendbuch!  - 06.10.2025

Die Schreibweise, die Geschichte, genau so ist es. Für jung und auch für Ältere ein total humorvolles und gelungenes Buch :)

5 Sterne
Klare Kaufempfehlung - 06.10.2025
Anonym

Humorvolle Schreibweise die sofort fesselt

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