Salvator
Kampf um Colouris
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 162
ISBN: 978-3-7116-0368-5
Erscheinungsdatum: 10.12.2024
Kira, eine vierzehnjährige Schülerin, stolpert unvermittelt in ihr bisher größtes Abenteuer – sie landet im magischen Colouris und hat eine gefährliche Mission zu erfüllen. Wird sie zusammen mit ihren Freunden und den magischen Wesen Colouris retten können?
1
Amsterdam
Heute Morgen wachte ich mit einem mulmigen Gefühl auf. Verschlafen schaute ich auf meinen alten, rostigen Wecker. „3 Uhr …“, stöhnte ich. Langsam ließ ich meinen Kopf zurück auf das Kopfkissen sinken, um meine Gedanken zum ersten Schultag an meiner neuen Schule schweifen zu lassen. Doch schon bald versank ich erneut in einen tiefen unruhigen Schlaf. An diesem Morgen öffnete ich erst wieder meine Augen, als ich ein lautes, klirrendes Geräusch wahrnahm. Ich stellte leicht genervt und noch immer müde fest, dass dieses störende Geräusch von meinem rostigen, roten Wecker kam, der schreiend auf meinem Nachttisch stand. Ich drehte mich, in meinem weichen Bett, einmal um die eigene Achse, um einen Blick auf den klirrenden Wecker werfen zu können. Meine Augen weiteten sich, und auf einmal war ich hellwach. „WAS? Schon so spät!“, quiekte ich. Blitzschnell stolperte ich aus meinem Zimmer, um mir schnell die Zähne zu putzen und mir den weißen, mit roten Herzen übersäten, Lieblingspulli anzuziehen. Ich stürmte die Treppe hinunter, um mir noch meinen schwarzen Schulrucksack zu schnappen. „Guten Morgen, Schatz“, begrüßten mich mein Vater und meine Mutter liebevoll. Ich lächelte sie an, gab ihnen eine schnelle Umarmung, und nahm meine flauschige Winterjacke vom Haken. „Viel Spaß!“, rief meine Mutter mir noch nach, als ich – wie der Blitz – aus dem Haus stürmte. Ich rannte so schnell, wie meine Beine mich nur tragen konnten. Doch nach einer Weile war ich so außer Atem, dass ich mich keuchend gegen eine Straßenlaterne lehnen musste. Wärme durchströmte mich, und trotz der winterlichen Temperaturen fing ich an zu schwitzen. Meine Füße schmerzten in den neuen Sneakers, die ich von meinem Vater geschenkt bekommen hatte. Ich setzte mich auf die nächstbeste Bank. Ich merkte, wie mein Herz langsamer schlug und mein Puls sich senkte, wagte einen Blick auf die weiße Armbanduhr an meinem Handgelenk und stellte schockiert fest, dass ich nur noch weniger als zwanzig Minuten hatte, um meinen Klassenraum zu erreichen. Aufgeregt murmelte ich leise vor mich hin. Plötzlich merkte ich, dass mir jemand über die Schulter blickte. Ich drehte mich rekordverdächtig schnell um und sah zu meinem Erstaunen ein Mädchen, das knapp einen Kopf kleiner war als ich selbst und sich lächelnd eine goldene Locke aus dem Gesicht schob. Sie schaute mich erst etwas fragend an und fragte dann, genauso verwundert wie ich: „Alles okay bei dir? Du siehst gestresst aus.“ Überrumpelt starrte ich sie an. „Ähm … wer bist du?“, brachte ich nur heraus und ging nicht weiter auf ihre Frage ein. Darauf rief das Mädchen freundlich: „Ich bin Alicia, 14 Jahre alt. Und du?“ Ich entgegnete, nun etwas lockerer: „Ich heiße Kira, bin 14 und komme aus Kalifornien.“ Sie unterdrückte ein Grinsen und fragte ungläubig: „Was macht ein Mädchen aus Kalifornien hier in Amsterdam?“ Ich kratzte mich verlegen am Nacken und erklärte: „Mein Dad arbeitet bei einem Immobilienunternehmen, welches nun auch Standorte in Europa hat.“ Alicia musterte mich prüfend und überlegte sich scheinbar, ob sie mir glauben will, dass mein Vater in einen anderen Kontinent versetzt wurde, entgegnete dann aber hoffnungsvoll: „Du gehst bestimmt auf die UCSI!“ Ich nickte heftig. Ja. Meine Eltern hatten mich aufgrund der guten Kritiken der United California Secondary School kurz UCSI dort angemeldet.
Sie quiekte freudig: „Ich zeig dir alles. Die Schule ist toll. Du wirst sie lieben!“ Ich starrte sie an und antwortete dankbar: „Danke Alicia. Es würde mich sehr freuen, wenn du mir die UCSI zeigen könntest.“ Ich richtete mich, nach einem erneuten Blick auf meine Uhr, wieder an sie: „Wir sollten uns besser beeilen, zur Schule zu kommen. Ich habe wenig Lust, gleich am ersten Schultag zu spät zu sein!“, flitzte los und rannte in den Wald, der, wie ich mich erkundigt hatte, an die UCSI grenzte. „He, du hattest einen Vorsprung. Das ist unfair!“ Ich kicherte und gluckste: „Beeil dich!“ Doch auf einmal spürte ich, wie der Boden unter meinen Füßen verschwand. Ein paar Sekunden danach lag ich auf allen vieren auf dem dreckigen Erdboden und stöhnte. „Na toll!“ Alicia, die mich mittlerweile eingeholt hatte, zog mich hoch und half mir ein bisschen, meine Kleidung zu säubern. Schweigend liefen wir nebeneinander her. Ab und zu guckten wir uns an und lächelten schelmisch zum anderen hinüber.
Nach einer Weile hörte ich laute, schnelle Schritte hinter uns. Ich wollte mich noch schnell umdrehen, doch schon stürmte ein gut aussehender, schwarzhaariger Junge an mir vorbei und brachte mich fast, zum zweiten Mal an diesem Morgen, zu Fall. „Hey, geht es noch!“, brüllte ich den Jungen an, aber er schickte mir nur einen letzten Blick und flötete fröhlich: „Ich heiße Luc. Wir sehen uns in der Schule!“ Schon ging er weiter Richtung UCSI und ich durchbohrte ihn mit feindseligen Blicken. Meine Freundin Alicia verzog währenddessen keine Miene und schaute diesem Luc nur ängstlich hinterher. „Alles gut bei dir?“, fragte ich. Sie schaute mir in die Augen und entgegnete gereizt: „Luc ist ein Mistkerl. Trotzdem ist er tatsächlich beliebt und bildet sich etwas darauf ein.“ Ich schaute ihr in die goldenen Augen und sie guckte in meine grünen Augen. Sie seufzte einmal tief und bewegte sich dann murmelnd auf den Pausenhof der UCSI zu. Was für ein Idiot, dachte ich mir, rannte Alicia nach und griff nach ihrem Handgelenk, um sie nicht zu verlieren. Das war wahrscheinlich auch gut. Ich kam aus dem Staunen einfach nicht mehr heraus. Die UCSI war eine große, wunderschöne Schule und der prachtvolle, riesige Pausenhof war übersät mit märchenhaft schönen Blumenwiesen und in einer Ecke konnte ich einen kleinen See mit mehreren Eichen drumherum ausmachen. Weiter weg konnte ich eine kleine Höhle wahrnehmen, die zum großen Ijsselmeer führte, welches ich in der Ferne schimmern sehen konnte. Alicia lächelte mir zu und führte mich zum Eingang meiner neuen Schule. Ich bekam große Augen, denn auf der prunkvollen Tür waren dutzende Tiere abgebildet. Pfotenabdrücke, Krallenspuren und ganz viele Zeichnungen von Tierköpfen. Mit einem Knarren stieß meine Klassenkameradin die Tür zur Eingangshalle auf. Im Gebäude brannten einige Lampen und auf dem Boden lag ein schöner, roter Teppich. Mein Blick wanderte umher und ich fing an, mich hier richtig wohlzufühlen.
2
Krallen und Pinselohren
Alicia, die langsam wegen mir ungeduldig wurde, zerrte mich durch den schmalen Flur. Doch bei einem Raum mit der Aufschrift „Verwandlungsräume“ stellte ich mich breitbeinig hin. Alicia schaffte es nicht, weiterzulaufen. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen, denn es sah wirklich zum Schreien aus, wie das kleinere Mädchen versuchte, mich angespannt weiterzuziehen. Ich fragte sie: „Was ist das für ein Raum?“ Alicia wollte sich gar nicht die Mühe machen, mir zu antworten, und murmelte leise: „Das ist nur so ein Schild aus einem englischen Souvenirladen.“ Ich konnte sie nicht wirklich ernst nehmen. Deshalb beschloss ich, nach Schulschluss dort mal vorbeizuschauen.
Brav trottete ich nun neben Alicia her und schaute mich weiter um. Zwischendurch begegneten wir einigen Schüler aus dem ersten Jahrgang. Da Alicia und ich auch zu diesem gehörten, gab ich mir große Mühe, mir einige Namen ins Gedächtnis einzubrennen. Währenddessen waren wir an unserem ersten Raum für den heutigen Tag angekommen. „Mathe“ stand in schnörkeliger Schrift an der blauen, rundlichen Tür vor uns. Schon nach kurzer Zeit gesellten sich weitere Schüler aus unserer Klasse zu uns und gespannt warteten wir, welcher Lehrer uns die Tür aufschloss. Was mich am Warten störte, war, dass Luc auch dastand und gerade einer Schülerin mit roten Haaren das Pausenbrot stibitzte. Wut und Mitleid schäumte in mir hoch und ich ging auf Luc zu. Zielstrebig griff ich nach dem Pausenbrot des Mädchens und riss es Luc, der ganz verdattert dreinschaute, aus der Hand. Ich drehte mich um und übergab dem Mädchen ihr Essen. Sie murmelte schüchtern „Danke. Das ist sehr nett von dir“, und eilte zügig davon. Ich lächelte zufrieden. Doch dann spürte ich, wie jemand mein Handgelenk nahm. Es war Luc. Er zischte mir ins Ohr: „Wag das ja nicht noch mal, Neuling!“ Ich schluckte. Gnädig ließ er von mir ab und wandte sich seinen Freunden zu. Ich lief langsam und vorsichtig Richtung Alicia und rieb mir währenddessen mein schmerzendes Handgelenk. Als ich wieder neben ihr stand, flüsterte sie: „Hab ich es nicht gesagt? Oder hab ich es nicht gesagt! Du solltest dich in Zukunft von Luc fernhalten.“ Grummelnd nickte ich und kurz darauf hörte ich am Ende des Flures Schritte. Vermutlich von Stöckelschuhen. Aus dem Schatten, den einige kaputte Wandlampen schufen, kam eine große, schlaksige, durchtrainierte Dame zum Vorschein, die sich als unsere Mathe- und Biologielehrerin vorstellte. Sie schloss mit einer schnellen Schlüsselbewegung unseren Matheraum auf und bat uns, Platz zu nehmen. Schnell sicherte ich mir einen freien Platz neben Alicia. Mir fiel auf, dass unser Mathematikraum ein helles Zimmer war, mit vielen Sitzplätzen, die aussahen wie Sessel, die ich nur aus Amsterdams schönsten Cafés kannte. Das rote Leder schimmerte im Sonnenlicht und die großen Tische davor hatten genug Platz für mehrere Hefte und Blöcke. Ich machte es mir gemütlich und lauschte Mrs. Mirro, unserer Mathelehrerin, die uns von Brüchen und Gleichungen erzählte. Am Ende der Stunde spielten wir noch ein Spiel. Ein Junge mit zerzaustem, braunem Haar malte an der riesigen Tafel ein wunderschönes Bild von einem Luchs im Morgengrauen. Ich bewunderte seine Zeichnung, doch etwas lenkte mich ab. Ich spürte in meiner linken Hand ein Jucken. Das Jucken wurde immer stärker und meine Hand fühlte sich an wie betäubt. Ich wollte mit meiner rechten Hand meine linke untersuchen, doch ich erschrak fürchterlich, als ich die linke Hand berührte. Ich spürte und sah dichtes helles Fell, mit schwarzen Mustern verziert, welches in einer dicken Schicht dort, wo eigentlich meine Hand zu sehen sein müsste, wuchs. Wäre ich zu Hause gewesen, hätte ich vermutlich meine Mutter gerufen oder wäre zum Arzt gegangen – doch hier? Ich entschied mich schließlich dazu, mich mit der rechten Hand zu melden. „Ja, was ist?“, fragte mich Mrs. Mirro nach einer gefühlten Ewigkeit. „Darf ich bitte zur Toilette?“ Meine Lehrerin nickte mir stumm zu und bevor man hätte bis drei zählen können, rannte ich den langen, schmalen Gang entlang. Kurz bevor ich um die letzte Kurve bog, hörte ich Stimmen. Vorsichtig wagte ich einen Blick um die Ecke und erblickte eine große Frau mit kastanienbraunen Haaren, die, wie sich später herausstellte, die Schulleiterin Mrs. Chang war. Sie telefonierte im Moment leise aber aufgeregt und ich hörte sie flüsternd sagen: „Das Mädchen ist ganz nah dran.“ Sie guckte sich suchend um, als würde sie Spione vermuten. Dann ging alles ganz schnell. Die Dame, meine Schulleiterin, packte ihr Handy weg und verschwand. Das Jucken breitete sich gerade wie eine Termitenplage auf meinem Arm aus. Ohne zu beachten, ob Mrs. Chang noch da war, rannte ich aus der wunderschönen Eingangstür auf den Pausenhof hinaus und versteckte mich außer Sichtweite in der kleinen Höhle. Das Jucken umspann mittlerweile meinen ganzen Körper und wenige Momente später wurde mir schwarz vor Augen. Nach ein paar Minuten wachte ich auf und fühlte mich, als wäre ich gerade kopfüber drei Runden Achterbahn gefahren. Das merkwürdige Jucken war verschwunden und verwundert schaute ich an mir herab. Ich versuchte zu schreien, doch heraus kam ein ohrenbetäubendes Knurren. Ich blickte entgeistert an mir herab und fiel fast erneut in Ohnmacht. Mein Körper hatte sich in den eines ausgewachsenen Luchses verwandelt. Aus der Schule hörte ich währenddessen ein lautes Läuten und eilig rannten viele Kinder heraus. Alicia, die sich suchend umblickte, entdeckte mich fröhlich. Grinsend schlenderte sie auf die Höhle zu, in welcher ich mich verkrochen hatte, und rief: „Hallo, Kira. Wie schön, dass du deine zweite Gestalt entdeckt hast.“ Fragend starrte ich sie an und lächelnd begann sie, mir alles zu erklären.
Fasziniert murmelte ich: „Ist wirklich jeder in der Schule in der Lage, sich in ein Tier zu verwandeln?“ Sie nickte freundlich und lachte mich verschmitzt an.
Ich lächelte zurück, so gut das in Raubkatzengestalt eben ging, und dachte: Kann mein Leben noch verrückter werden?
3
Colouris
Sie schaute mich unsicher an und murmelte dann entschlossen „Transformatio“. Meine Tasthaare zuckten, als urplötzlich ein kleiner Zwerghamster vor mir saß und sich panisch umsah. Mit funkelnden Augen blickte ich auf sie herab. Sie krabbelte an mir hoch und klammerte sich an meinem Ohr fest. Aufgeregt quietschte sie: „Setz deine Riesentatzen in Bewegung!“ und lief dann wild auf meinem Rücken herum. Ich richtete mich auf und gab mir jegliche Mühe, meinen Körper zu kontrollieren. Tatsächlich gehorchte er mir besser als ich es mir hätte vorstellen können. Es war, als hätte ich nie etwas anders gemacht. Angespannt lief ich durch die Höhle und bewegte mich auf den anderen Höhleneingang zu, der zum Strand des Ijsselmeeres führte. Ich legte mich vorsichtig in den warmen, weichen Sand und ließ meine Freundin von mir runter klettern. Diese verwandelte sich zurück und schmiegte sich zufrieden an mein von der Sonne erwärmtes Fell. Leider erklang in diesem Moment ein lauter Gong. Das bedeutete, dass die Lehrer und Lehrerinnen etwas besprechen mussten und dass die Schule für uns Kinder ausfiel. Ich zögerte nicht lange, verwandelte mich mit Hilfe von Alicias Anweisungen zurück und machte mich nach einer kurzen Verabschiedung auf den Weg nach Hause. Es brannte mir auf der Zunge, meinen Eltern von meinem kurzen, eigenartig verrückten, ersten Schultag zu berichten. Doch ich hätte nicht so schnell laufen sollen. Ohne eine Vorwarnung stolperte ich über eine morsche Wurzel und wurde in ein großes Loch in einem naheliegenden Baum geschleudert. Ich bereitete mich auf einen schmerzhaften Aufprall vor, doch komischerweise fand ich mich auf einer malerisch schönen Blumenwiese wieder. „Wo bin ich?“, überlegte ich verwundert. „Du bist in Colouris!“, rief eine schüchtern wirkende Stimme hinter mir aus. Erschrocken wirbelte ich herum. „Wer ist da?“, fragte ich kleinlaut. „Na ich!“, kicherte die geheimnisvolle Stimme. Leicht genervt schnaufte ich vor mich hin. Plötzlich kam mir ein Gedanke. Vorsichtig lugte ich in die Richtung des Sees, der nicht weit von mir entfernt war. Wenn es Menschen gibt, die sich in Tiere verwandeln können und Bäume, die – wie vollkommen verrückt es auch klingen mag – einen in einer vollkommen anderen Welt absetzen, dann muss es doch auch sprechende Meereswesen geben, fasste ich gedanklich zusammen. Vorsichtig pirschte ich mich zum See hin und riskierte einen Blick ins Wasser. „Hallo?“, murmelte ich. In diesem Augenblick tauchte ein nervös wirkender Kopf aus dem Wasser auf. Mir kroch der Schreck den Rücken hoch und bevor eine weitere Gestalt, die sich von hinten unbemerkt an mich angeschlichen hatte, etwas sagen konnte, schrie ich auf. Vor lauter Schreck verlor ich das Gleichgewicht und stürzte kopfüber in den See …
Amsterdam
Heute Morgen wachte ich mit einem mulmigen Gefühl auf. Verschlafen schaute ich auf meinen alten, rostigen Wecker. „3 Uhr …“, stöhnte ich. Langsam ließ ich meinen Kopf zurück auf das Kopfkissen sinken, um meine Gedanken zum ersten Schultag an meiner neuen Schule schweifen zu lassen. Doch schon bald versank ich erneut in einen tiefen unruhigen Schlaf. An diesem Morgen öffnete ich erst wieder meine Augen, als ich ein lautes, klirrendes Geräusch wahrnahm. Ich stellte leicht genervt und noch immer müde fest, dass dieses störende Geräusch von meinem rostigen, roten Wecker kam, der schreiend auf meinem Nachttisch stand. Ich drehte mich, in meinem weichen Bett, einmal um die eigene Achse, um einen Blick auf den klirrenden Wecker werfen zu können. Meine Augen weiteten sich, und auf einmal war ich hellwach. „WAS? Schon so spät!“, quiekte ich. Blitzschnell stolperte ich aus meinem Zimmer, um mir schnell die Zähne zu putzen und mir den weißen, mit roten Herzen übersäten, Lieblingspulli anzuziehen. Ich stürmte die Treppe hinunter, um mir noch meinen schwarzen Schulrucksack zu schnappen. „Guten Morgen, Schatz“, begrüßten mich mein Vater und meine Mutter liebevoll. Ich lächelte sie an, gab ihnen eine schnelle Umarmung, und nahm meine flauschige Winterjacke vom Haken. „Viel Spaß!“, rief meine Mutter mir noch nach, als ich – wie der Blitz – aus dem Haus stürmte. Ich rannte so schnell, wie meine Beine mich nur tragen konnten. Doch nach einer Weile war ich so außer Atem, dass ich mich keuchend gegen eine Straßenlaterne lehnen musste. Wärme durchströmte mich, und trotz der winterlichen Temperaturen fing ich an zu schwitzen. Meine Füße schmerzten in den neuen Sneakers, die ich von meinem Vater geschenkt bekommen hatte. Ich setzte mich auf die nächstbeste Bank. Ich merkte, wie mein Herz langsamer schlug und mein Puls sich senkte, wagte einen Blick auf die weiße Armbanduhr an meinem Handgelenk und stellte schockiert fest, dass ich nur noch weniger als zwanzig Minuten hatte, um meinen Klassenraum zu erreichen. Aufgeregt murmelte ich leise vor mich hin. Plötzlich merkte ich, dass mir jemand über die Schulter blickte. Ich drehte mich rekordverdächtig schnell um und sah zu meinem Erstaunen ein Mädchen, das knapp einen Kopf kleiner war als ich selbst und sich lächelnd eine goldene Locke aus dem Gesicht schob. Sie schaute mich erst etwas fragend an und fragte dann, genauso verwundert wie ich: „Alles okay bei dir? Du siehst gestresst aus.“ Überrumpelt starrte ich sie an. „Ähm … wer bist du?“, brachte ich nur heraus und ging nicht weiter auf ihre Frage ein. Darauf rief das Mädchen freundlich: „Ich bin Alicia, 14 Jahre alt. Und du?“ Ich entgegnete, nun etwas lockerer: „Ich heiße Kira, bin 14 und komme aus Kalifornien.“ Sie unterdrückte ein Grinsen und fragte ungläubig: „Was macht ein Mädchen aus Kalifornien hier in Amsterdam?“ Ich kratzte mich verlegen am Nacken und erklärte: „Mein Dad arbeitet bei einem Immobilienunternehmen, welches nun auch Standorte in Europa hat.“ Alicia musterte mich prüfend und überlegte sich scheinbar, ob sie mir glauben will, dass mein Vater in einen anderen Kontinent versetzt wurde, entgegnete dann aber hoffnungsvoll: „Du gehst bestimmt auf die UCSI!“ Ich nickte heftig. Ja. Meine Eltern hatten mich aufgrund der guten Kritiken der United California Secondary School kurz UCSI dort angemeldet.
Sie quiekte freudig: „Ich zeig dir alles. Die Schule ist toll. Du wirst sie lieben!“ Ich starrte sie an und antwortete dankbar: „Danke Alicia. Es würde mich sehr freuen, wenn du mir die UCSI zeigen könntest.“ Ich richtete mich, nach einem erneuten Blick auf meine Uhr, wieder an sie: „Wir sollten uns besser beeilen, zur Schule zu kommen. Ich habe wenig Lust, gleich am ersten Schultag zu spät zu sein!“, flitzte los und rannte in den Wald, der, wie ich mich erkundigt hatte, an die UCSI grenzte. „He, du hattest einen Vorsprung. Das ist unfair!“ Ich kicherte und gluckste: „Beeil dich!“ Doch auf einmal spürte ich, wie der Boden unter meinen Füßen verschwand. Ein paar Sekunden danach lag ich auf allen vieren auf dem dreckigen Erdboden und stöhnte. „Na toll!“ Alicia, die mich mittlerweile eingeholt hatte, zog mich hoch und half mir ein bisschen, meine Kleidung zu säubern. Schweigend liefen wir nebeneinander her. Ab und zu guckten wir uns an und lächelten schelmisch zum anderen hinüber.
Nach einer Weile hörte ich laute, schnelle Schritte hinter uns. Ich wollte mich noch schnell umdrehen, doch schon stürmte ein gut aussehender, schwarzhaariger Junge an mir vorbei und brachte mich fast, zum zweiten Mal an diesem Morgen, zu Fall. „Hey, geht es noch!“, brüllte ich den Jungen an, aber er schickte mir nur einen letzten Blick und flötete fröhlich: „Ich heiße Luc. Wir sehen uns in der Schule!“ Schon ging er weiter Richtung UCSI und ich durchbohrte ihn mit feindseligen Blicken. Meine Freundin Alicia verzog währenddessen keine Miene und schaute diesem Luc nur ängstlich hinterher. „Alles gut bei dir?“, fragte ich. Sie schaute mir in die Augen und entgegnete gereizt: „Luc ist ein Mistkerl. Trotzdem ist er tatsächlich beliebt und bildet sich etwas darauf ein.“ Ich schaute ihr in die goldenen Augen und sie guckte in meine grünen Augen. Sie seufzte einmal tief und bewegte sich dann murmelnd auf den Pausenhof der UCSI zu. Was für ein Idiot, dachte ich mir, rannte Alicia nach und griff nach ihrem Handgelenk, um sie nicht zu verlieren. Das war wahrscheinlich auch gut. Ich kam aus dem Staunen einfach nicht mehr heraus. Die UCSI war eine große, wunderschöne Schule und der prachtvolle, riesige Pausenhof war übersät mit märchenhaft schönen Blumenwiesen und in einer Ecke konnte ich einen kleinen See mit mehreren Eichen drumherum ausmachen. Weiter weg konnte ich eine kleine Höhle wahrnehmen, die zum großen Ijsselmeer führte, welches ich in der Ferne schimmern sehen konnte. Alicia lächelte mir zu und führte mich zum Eingang meiner neuen Schule. Ich bekam große Augen, denn auf der prunkvollen Tür waren dutzende Tiere abgebildet. Pfotenabdrücke, Krallenspuren und ganz viele Zeichnungen von Tierköpfen. Mit einem Knarren stieß meine Klassenkameradin die Tür zur Eingangshalle auf. Im Gebäude brannten einige Lampen und auf dem Boden lag ein schöner, roter Teppich. Mein Blick wanderte umher und ich fing an, mich hier richtig wohlzufühlen.
2
Krallen und Pinselohren
Alicia, die langsam wegen mir ungeduldig wurde, zerrte mich durch den schmalen Flur. Doch bei einem Raum mit der Aufschrift „Verwandlungsräume“ stellte ich mich breitbeinig hin. Alicia schaffte es nicht, weiterzulaufen. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen, denn es sah wirklich zum Schreien aus, wie das kleinere Mädchen versuchte, mich angespannt weiterzuziehen. Ich fragte sie: „Was ist das für ein Raum?“ Alicia wollte sich gar nicht die Mühe machen, mir zu antworten, und murmelte leise: „Das ist nur so ein Schild aus einem englischen Souvenirladen.“ Ich konnte sie nicht wirklich ernst nehmen. Deshalb beschloss ich, nach Schulschluss dort mal vorbeizuschauen.
Brav trottete ich nun neben Alicia her und schaute mich weiter um. Zwischendurch begegneten wir einigen Schüler aus dem ersten Jahrgang. Da Alicia und ich auch zu diesem gehörten, gab ich mir große Mühe, mir einige Namen ins Gedächtnis einzubrennen. Währenddessen waren wir an unserem ersten Raum für den heutigen Tag angekommen. „Mathe“ stand in schnörkeliger Schrift an der blauen, rundlichen Tür vor uns. Schon nach kurzer Zeit gesellten sich weitere Schüler aus unserer Klasse zu uns und gespannt warteten wir, welcher Lehrer uns die Tür aufschloss. Was mich am Warten störte, war, dass Luc auch dastand und gerade einer Schülerin mit roten Haaren das Pausenbrot stibitzte. Wut und Mitleid schäumte in mir hoch und ich ging auf Luc zu. Zielstrebig griff ich nach dem Pausenbrot des Mädchens und riss es Luc, der ganz verdattert dreinschaute, aus der Hand. Ich drehte mich um und übergab dem Mädchen ihr Essen. Sie murmelte schüchtern „Danke. Das ist sehr nett von dir“, und eilte zügig davon. Ich lächelte zufrieden. Doch dann spürte ich, wie jemand mein Handgelenk nahm. Es war Luc. Er zischte mir ins Ohr: „Wag das ja nicht noch mal, Neuling!“ Ich schluckte. Gnädig ließ er von mir ab und wandte sich seinen Freunden zu. Ich lief langsam und vorsichtig Richtung Alicia und rieb mir währenddessen mein schmerzendes Handgelenk. Als ich wieder neben ihr stand, flüsterte sie: „Hab ich es nicht gesagt? Oder hab ich es nicht gesagt! Du solltest dich in Zukunft von Luc fernhalten.“ Grummelnd nickte ich und kurz darauf hörte ich am Ende des Flures Schritte. Vermutlich von Stöckelschuhen. Aus dem Schatten, den einige kaputte Wandlampen schufen, kam eine große, schlaksige, durchtrainierte Dame zum Vorschein, die sich als unsere Mathe- und Biologielehrerin vorstellte. Sie schloss mit einer schnellen Schlüsselbewegung unseren Matheraum auf und bat uns, Platz zu nehmen. Schnell sicherte ich mir einen freien Platz neben Alicia. Mir fiel auf, dass unser Mathematikraum ein helles Zimmer war, mit vielen Sitzplätzen, die aussahen wie Sessel, die ich nur aus Amsterdams schönsten Cafés kannte. Das rote Leder schimmerte im Sonnenlicht und die großen Tische davor hatten genug Platz für mehrere Hefte und Blöcke. Ich machte es mir gemütlich und lauschte Mrs. Mirro, unserer Mathelehrerin, die uns von Brüchen und Gleichungen erzählte. Am Ende der Stunde spielten wir noch ein Spiel. Ein Junge mit zerzaustem, braunem Haar malte an der riesigen Tafel ein wunderschönes Bild von einem Luchs im Morgengrauen. Ich bewunderte seine Zeichnung, doch etwas lenkte mich ab. Ich spürte in meiner linken Hand ein Jucken. Das Jucken wurde immer stärker und meine Hand fühlte sich an wie betäubt. Ich wollte mit meiner rechten Hand meine linke untersuchen, doch ich erschrak fürchterlich, als ich die linke Hand berührte. Ich spürte und sah dichtes helles Fell, mit schwarzen Mustern verziert, welches in einer dicken Schicht dort, wo eigentlich meine Hand zu sehen sein müsste, wuchs. Wäre ich zu Hause gewesen, hätte ich vermutlich meine Mutter gerufen oder wäre zum Arzt gegangen – doch hier? Ich entschied mich schließlich dazu, mich mit der rechten Hand zu melden. „Ja, was ist?“, fragte mich Mrs. Mirro nach einer gefühlten Ewigkeit. „Darf ich bitte zur Toilette?“ Meine Lehrerin nickte mir stumm zu und bevor man hätte bis drei zählen können, rannte ich den langen, schmalen Gang entlang. Kurz bevor ich um die letzte Kurve bog, hörte ich Stimmen. Vorsichtig wagte ich einen Blick um die Ecke und erblickte eine große Frau mit kastanienbraunen Haaren, die, wie sich später herausstellte, die Schulleiterin Mrs. Chang war. Sie telefonierte im Moment leise aber aufgeregt und ich hörte sie flüsternd sagen: „Das Mädchen ist ganz nah dran.“ Sie guckte sich suchend um, als würde sie Spione vermuten. Dann ging alles ganz schnell. Die Dame, meine Schulleiterin, packte ihr Handy weg und verschwand. Das Jucken breitete sich gerade wie eine Termitenplage auf meinem Arm aus. Ohne zu beachten, ob Mrs. Chang noch da war, rannte ich aus der wunderschönen Eingangstür auf den Pausenhof hinaus und versteckte mich außer Sichtweite in der kleinen Höhle. Das Jucken umspann mittlerweile meinen ganzen Körper und wenige Momente später wurde mir schwarz vor Augen. Nach ein paar Minuten wachte ich auf und fühlte mich, als wäre ich gerade kopfüber drei Runden Achterbahn gefahren. Das merkwürdige Jucken war verschwunden und verwundert schaute ich an mir herab. Ich versuchte zu schreien, doch heraus kam ein ohrenbetäubendes Knurren. Ich blickte entgeistert an mir herab und fiel fast erneut in Ohnmacht. Mein Körper hatte sich in den eines ausgewachsenen Luchses verwandelt. Aus der Schule hörte ich währenddessen ein lautes Läuten und eilig rannten viele Kinder heraus. Alicia, die sich suchend umblickte, entdeckte mich fröhlich. Grinsend schlenderte sie auf die Höhle zu, in welcher ich mich verkrochen hatte, und rief: „Hallo, Kira. Wie schön, dass du deine zweite Gestalt entdeckt hast.“ Fragend starrte ich sie an und lächelnd begann sie, mir alles zu erklären.
Fasziniert murmelte ich: „Ist wirklich jeder in der Schule in der Lage, sich in ein Tier zu verwandeln?“ Sie nickte freundlich und lachte mich verschmitzt an.
Ich lächelte zurück, so gut das in Raubkatzengestalt eben ging, und dachte: Kann mein Leben noch verrückter werden?
3
Colouris
Sie schaute mich unsicher an und murmelte dann entschlossen „Transformatio“. Meine Tasthaare zuckten, als urplötzlich ein kleiner Zwerghamster vor mir saß und sich panisch umsah. Mit funkelnden Augen blickte ich auf sie herab. Sie krabbelte an mir hoch und klammerte sich an meinem Ohr fest. Aufgeregt quietschte sie: „Setz deine Riesentatzen in Bewegung!“ und lief dann wild auf meinem Rücken herum. Ich richtete mich auf und gab mir jegliche Mühe, meinen Körper zu kontrollieren. Tatsächlich gehorchte er mir besser als ich es mir hätte vorstellen können. Es war, als hätte ich nie etwas anders gemacht. Angespannt lief ich durch die Höhle und bewegte mich auf den anderen Höhleneingang zu, der zum Strand des Ijsselmeeres führte. Ich legte mich vorsichtig in den warmen, weichen Sand und ließ meine Freundin von mir runter klettern. Diese verwandelte sich zurück und schmiegte sich zufrieden an mein von der Sonne erwärmtes Fell. Leider erklang in diesem Moment ein lauter Gong. Das bedeutete, dass die Lehrer und Lehrerinnen etwas besprechen mussten und dass die Schule für uns Kinder ausfiel. Ich zögerte nicht lange, verwandelte mich mit Hilfe von Alicias Anweisungen zurück und machte mich nach einer kurzen Verabschiedung auf den Weg nach Hause. Es brannte mir auf der Zunge, meinen Eltern von meinem kurzen, eigenartig verrückten, ersten Schultag zu berichten. Doch ich hätte nicht so schnell laufen sollen. Ohne eine Vorwarnung stolperte ich über eine morsche Wurzel und wurde in ein großes Loch in einem naheliegenden Baum geschleudert. Ich bereitete mich auf einen schmerzhaften Aufprall vor, doch komischerweise fand ich mich auf einer malerisch schönen Blumenwiese wieder. „Wo bin ich?“, überlegte ich verwundert. „Du bist in Colouris!“, rief eine schüchtern wirkende Stimme hinter mir aus. Erschrocken wirbelte ich herum. „Wer ist da?“, fragte ich kleinlaut. „Na ich!“, kicherte die geheimnisvolle Stimme. Leicht genervt schnaufte ich vor mich hin. Plötzlich kam mir ein Gedanke. Vorsichtig lugte ich in die Richtung des Sees, der nicht weit von mir entfernt war. Wenn es Menschen gibt, die sich in Tiere verwandeln können und Bäume, die – wie vollkommen verrückt es auch klingen mag – einen in einer vollkommen anderen Welt absetzen, dann muss es doch auch sprechende Meereswesen geben, fasste ich gedanklich zusammen. Vorsichtig pirschte ich mich zum See hin und riskierte einen Blick ins Wasser. „Hallo?“, murmelte ich. In diesem Augenblick tauchte ein nervös wirkender Kopf aus dem Wasser auf. Mir kroch der Schreck den Rücken hoch und bevor eine weitere Gestalt, die sich von hinten unbemerkt an mich angeschlichen hatte, etwas sagen konnte, schrie ich auf. Vor lauter Schreck verlor ich das Gleichgewicht und stürzte kopfüber in den See …

