Sascha und der König ohne Krone
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 400
ISBN: 978-3-99130-922-2
Erscheinungsdatum: 12.01.2026
Eigentlich wollte Sascha nur ein wenig in der alten Burg stöbern, da trifft er auf ein Skelett, einen König und ganz viele Geheimnisse. Hierbei dreht sich alles um ein Testament und schwarze Krieger. Sascha und seinen Freunden steht eine große Prüfung bevor.
Prolog
König Alexander eilte die Wendeltreppe vom höchsten Turm der Burg hinab auf die Wehrebene und von dort direkt in die Gemächer des »Alten«. So wurde der alte Chinese genannt. Er hatte lange weiße Haare, einen langen weißen Bart und trug weiße Gewänder. Um seinen Hals hing eine Kette mit einem großen Schlüssel.
Der König übergab ihm das Pergament mit der Aufschrift »Testament«, legte seine Krone nieder und reichte auch diese dem alten Mann. Er nahm sich ein Bernsteinamulett vom Hals, entfernte die silberne Kette, nahm den Bernstein in seinen Mund und schluckte ihn hinunter. Anschließend schaute er den »Alten« an. Dieser nickte, drehte sich um und verließ den Raum. König Alexander, noch immer außer Atem, atmete tief durch, richtete seine Kleider, zog sein Schwert und begab sich wieder in den Thronsaal. Dort setzte er sich auf seinen Thron und wartete.
Er hatte seinen Wachen befohlen, die Angreifer ohne Gegenwehr hereinzulassen. Der König wollte einen Kampf unbedingt verhindern, um ein weiteres unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. In letzter Zeit hatten bei Kämpfen zu viele tapfere Ritter ihr Leben lassen müssen.
Zuerst hörte König Alexander Schritte, dann öffnete sich die schwere Eichentür des Thronsaales. Ein Mann trat ein. Er war groß, hager und komplett in Schwarz gekleidet. Auf dem Kopf trug er einen schwarzen Hut mit breiter Krempe und um ihn herum wehte ein weiter schwarzer Umhang. Auf dem Umhang fand sich ein Wappen mit einem Symbol: einem auf eine Ecke gestellten Viereck, an dessen unterem Ende sich ein nach unten offenes Dreieck befand. Dichte Augenbrauen wucherten über seinen dunklen Augen. Seine Wangen waren eingefallen, sodass seine eh schon spitze Nase noch größer erschien. Eine dunkle Aura umgab den Mann.
»Ich würde Euch ja gerne hereinbitten, aber wie ich sehe, seid Ihr auch so schon hineingekommen«, sagte König Alexander mit tiefer, voller Stimme zu dem schwarz gekleideten Mann.
»Hört mit dem Gerede auf, gebt mir, was ich will, dann können wir das hier ganz schnell beenden«, entgegnete dieser, wobei dessen Stimme zischend und hohl klang.
König Alexander antwortete: »Ich habe meine Krone und mein Testament nicht mehr. Beides ist an einem sicheren Ort gut versteckt. Nichts werdet Ihr finden, nichts werdet Ihr bekommen.«
»Ich bekomme alles, was ich will, und wenn ich das ganze Schloss abreißen muss«, sagte der Fremde zum König und fuhr an seine Soldaten gewandt fort:
»Ihr da, entwaffnet den König und fesselt ihn! Die Übrigen durchsuchen das Schloss. Ich will das Testament und die Krone.«
Die angesprochenen Soldaten gingen zum König, nahmen ihm das Schwert aus den Händen und legten ihm schwere Eisenketten an Hände und Füße. So gefesselt führten die Soldaten König Alexander aus dem Thronsaal. Jeder der vier Soldaten hatte eine der Eisenketten in den Händen. Zwanzig weitere, mit Speeren bewaffnete Soldaten des ganz in Schwarz gekleideten Mannes schlossen sich ihnen am Ende des Thronsaales an, und es ging weiter durch die große Halle mit den steinernen Säulen zum Hauptportal.
Kurz vor dem Portal ging eine Wendeltreppe hinab Richtung Verlies. An den Wänden brannten Fackeln. Das Licht flackerte beim Vorbeimarschieren der Soldaten und hinterließ tanzende Schatten an den Wänden. Die Luft wurde stickiger und kälter, je weiter sie die Wendeltreppe nach unten stiegen. Am Ende der Wendeltreppe erstreckte sich ein langer Gang, an dessen Seiten sich die Verlieszellen befanden. Es tropfte Wasser von der Decke und jedes Mal, wenn ein Tropfen auf die Erde in eine Pfütze fiel, konnte man ein helles »Pling« hören. Es roch modrig.
Am Ende des Ganges befand sich eine einzelne Zelle. Ein Soldat schloss sie auf und der König wurde hineingeführt. An der gegenüberliegenden Wand waren vier schwere Eisenringe in der Wand befestigt, woran sie den König festbanden, sodass dieser mit ausgestreckten Händen und Beinen angekettet war.
Nun trat der schwarz gekleidete Mann wieder vor den König.
»Hier endet Euer Weg – König ohne Krone. Bald werdet Ihr in Vergessenheit geraten, Eure Frau und Eure Freunde finden wir auch noch. Keine Angst. SIE werden nicht so lange leiden müssen wie Ihr.«
König Alexander hob den Kopf, spuckte seinem Gegenüber ins Gesicht und antwortete:
»Ich verfluche Euch! Nie werdet Ihr bekommen, was Ihr haben wollt. Ihr werdet Euer Ziel nie erreichen, dafür haben wir gesorgt!«
»Du Narr«, sagte jetzt der feindliche Anführer und schlug dem König mit der flachen Hand mitten ins Gesicht.
»Natürlich werde ich bekommen, was ich haben will. Euer Gefolge ist geflohen, die Burg gehört mir, ich brauche nur noch zu suchen, dann finde ich schon Euer Testament und Eure Krone, und dann, König, dann wird mich nichts mehr aufhalten können. Und an Euch, König, wird sich später niemand mehr erinnern, denn niemand wird Euch jemals mehr sehen, niemand wird Euch hier unten finden und Ihr werdet niemals mehr etwas anderes als diese Kerkerwände sehen, und auch diese nicht mehr sehr lange.«
»Mauert ihn ein!«, waren die letzten Worte, die König Alexander hörte. Die Soldaten mauerten nun die Zelle von außen zu. Stein um Stein, Reihe um Reihe wuchs die Mauer vor seiner Zelle. Es wurde immer dunkler – immer dunkler um ihn herum. Das Letzte, was der König sah, war das nichtssagende, ausdruckslose Gesicht des Soldaten, der den letzten Stein in die Mitte der Mauer einfügte. Dann war es stockfinster und … totenstill!
Burg Drachenstein
Der Koffer war gepackt. Jedes Jahr freute sich Sascha erneut auf die großen Ferien, um die Zeit mit seinen zwei besten Freunden Mascha und Viktor auf dem Land und bei »seinem« Schloss zu verbringen. Die Zwillinge wohnten direkt neben einer alten Burganlage, die einmal Saschas Vorfahren gehört haben soll. Ein kurzer Blick in den Spiegel, schnell noch eine blonde Haarsträhne zur Seite schieben und schon konnte es losgehen. Sascha nahm den Koffer in die Hand, überquerte den Innenhof mit dem kleinen Spielplatz in der Mitte und verließ den Wohnblock. Es war einer dieser typischen Wohnblocks, mitten in Moskau gelegen, wie man ihn häufig finden konnte. Sascha ging zum Moskauer Leningrader Bahnhof, von wo aus er den Zug Richtung Sankt Petersburg nehmen wollte. Sein Ziel waren die Waldaihöhen. Hier wohnten seine Freunde, die ebenfalls zwölf Jahre alten Zwillinge Mascha und Viktor.
Aber noch war er in Moskau. Sascha sprang die letzten Stufen der Metrostation Akademicheskaya herunter, zwängte sich mit seinem Koffer durch die auf- und zuklappenden Eingangstüren, nahm sein Ticket und öffnete damit die Sperre zum Innenbereich der Station. Im Metrozug hatte Sascha wegen des Koffers kaum Platz, aber die anderen Passagiere natürlich noch viel weniger. Doch darauf konnte er leider keine Rücksicht nehmen; irgendwie musste er ja schließlich zum Leningrader Bahnhof kommen.
An der Station Oktyabrskaya stieg er um. Hier erwartete ihn das gleiche Gedränge, doch auf die anderen Reisenden natürlich auch. Endlich hatte er sein Ziel, den Leningrader Bahnhof, erreicht. Er stieg die Treppen hinauf und verließ die Metrostation.
Die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht, sodass er blinzeln musste. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das grelle Sonnenlicht und er konnte den Bahnhof nun gut sehen.
Sascha gefiel der Leningrader Bahnhof schon immer sehr. Es war ein großes, rechteckiges – majestätisch wirkendes – zweistöckiges Gebäude mit einem in der Mitte aufragenden weiteren Gebäudetrakt. Das Erdgeschoss hatte große Fenster mit wunderschönen steinernen Rundbögen darüber. Das erste Obergeschoss wirkte dagegen eher schlicht.
Seine Fahrkarte hatte Saschas Mutter ihm schon vor Wochen gekauft; er ging also direkt durch die Halle hin zum Bahnsteig, wo der Zug schon auf die Reisenden wartete.
Sascha stieg ein. Er liebte diese Abteile: die Dreiersitzbänke auf jeder Seite des Abteils mit jeweils einem Gepäcknetz oberhalb der Köpfe für die Koffer, in welches er seinen auch sofort verstaute. Und natürlich gefielen ihm die großen Fenster zum Öffnen. Sascha setzte sich in Fahrtrichtung ans Fenster, damit er besser in die Ferne schauen konnte.
Mit einem kleinen Ruck setzte sich der Zug in Bewegung. Zuerst langsam, dann immer schneller werdend verließ der Zug den Bahnhof. Wie immer sah Sascha gebannt aus dem Fenster. Er sah die Häuser von Moskau vorbeihuschen. Sascha hielt besonders Ausschau nach den Hochhäusern im Zuckerbäckerstil und dem Fernsehturm. Langsam veränderte sich das Stadtbild von Moskau. Am Fenster zeigten sich die großen Plattenbausiedlungen mit den riesigen Geschäftszentren. Danach kam immer mehr Grün zwischen die Hochhäuser und es erschienen die ersten Datschas. Das war das sicherste Zeichen, dass er Moskau hinter sich gelassen hatte.
Der Schaffner betrat das Abteil und fragte nach den Fahrkarten. Sascha zeigte ihm seine, der Schaffner entwertete sie und verließ das Abteil wieder. Sascha konnte jetzt hören, wie der Schaffner das nächste Abteil öffnete und seinen Refrain erneut aufsagte und nach den Fahrkarten verlangte.
Sascha hatte Glück. Er hatte das ganze Abteil für sich alleine und konnte sich so richtig entspannen. Er fragte sich, ob seine Freunde Mascha und Viktor ihn gemeinsam vom Bahnhof abholen würden.
Saschas Familie und die Familie der Zwillinge kannten sich schon ewig. Und wenn ewig auch ewig heißt, so war wirklich ewig gemeint. Angeblich kannten sich beide Familien nämlich schon seit nahezu 500 Jahren. Für Sascha jedoch bedeutete ewig einfach nur sein ganzes Leben lang.
Die Familie der Zwillinge wohnte in einem Häuschen dicht an einem großen Waldgebiet in Sichtweite zu einer Burganlage. Diese Burganlage hatte mal einem entfernten Verwandten von Sascha gehört. Wie Sascha es von seiner Mutter erfahren hatte, war der letzte König der Burg sein Vorfahr gewesen. Nach einer Schlacht vor ungefähr 500 Jahren war dieser jedoch gestürzt worden und seine Familie hatte in den Osten fliehen müssen. Der König selbst war seit dieser Zeit verschwunden, man hatte ihn nie mehr wieder gesehen oder etwas von ihm gehört. Danach hatte ein Fremder die Macht an sich gerissen, war dann aber auch genauso plötzlich wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war. Seitdem war die Burg herrenlos gewesen. Der Ur-Ur-Ur-und-so-weiter-Großvater der Zwillinge jedoch war dem König treu und weiterhin als Förster im Wald geblieben. Nach dem Verschwinden des Fremden hatte er sich dann um die Burg gekümmert. Und so war es bis heute, sodass es nun an der Reihe des Vaters der Zwillinge war, diese Aufgabe fortzuführen.
Die Landschaft wurde noch einsamer, der Himmel immer etwas dunkler und bei Einbruch der Nacht nickte Sascha ein wenig ein. Das Rattern des Zuges über die Bahnschwellen wirkte sehr beruhigend und einschläfernd, sodass Sascha auch tatsächlich einschlief.
Wie lange er geschlafen hatte, wusste er nicht mehr. Beim Blick aus dem Fenster sah er jedoch, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er den Bahnhof erreichen würde. Seine Vorfreude wurde größer und größer. Endlich konnten die Sommerferien richtig beginnen.
Der Zug wurde allmählich langsamer und Sascha konnte die ersten Häuser von Waldai erkennen. Mit laut quietschenden Bremsen kam der Zug zum Stillstand. Sascha nahm seinen Koffer aus der Gepäckablage, zog seine Jacke an und ging zur Ausstiegstür. Er öffnete die Tür, stieg die zwei Stufen zum Bahnsteig herunter und wurde sofort von den Zwillingen umgerannt, die sich zur Begrüßung auf ihn stürzten.
»Na endlich, wir dachten schon, du würdest gar nicht mehr hier eintreffen«, sagte Mascha. Dabei war der Zug doch ganz pünktlich gewesen. Er traf genau um 2:07 Uhr morgens in Waldai ein.
»Ihr hättet ja nicht so früh losfahren müssen, ihr seid wahrscheinlich wie immer viel zu früh hier gewesen«, antwortete Sascha.
»Besser zu früh als zu spät«, sagte nun Viktor.
»Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!«, riefen alle im Chor und fielen sich erneut in die Arme.
Viktor nahm Saschas Koffer und zu dritt machten sie sich auf den Weg aus dem Bahnhof in Richtung Vorplatz, wo Wanja, der Vater der Zwillinge, auf sie wartete.
Und WIE er wartete!
Wanja und die Zwillinge waren doch tatsächlich mit einem Pferdegespann gekommen. Wanja hatte seine drei Pferde, die er für die Waldarbeit benötigte, vor einen großen, mit Heu beladenen Holzwagen gespannt. So waren sie gekommen, um Sascha abzuholen.
»Mein Gott, ist das genial! Eine Troika!«, rief Sascha, ließ alles stehen und liegen und rannte zu den Pferden. Mascha, Viktor und Wanja grinsten über das ganze Gesicht und alle fingen herzlich an zu lachen. Sascha nahm aus seiner Jackentasche einen Apfel, teilte ihn mit seinem Taschenmesser in drei Teile und gab jedem der Tiere einen Anteil vom Apfel. Diese dankten es ihm mit einem Nicken ihrer Köpfe.
Die Heimfahrt wurde so zu einem tollen Spaß. Mit drei PS fuhren sie nach Hause. Wanja lenkte das Gespann und die drei Kinder lagen auf der Heufläche des Wagens. Das Klingeln des Glöckchens des Pferdegeschirrs läutete fröhlich hell bei jedem Schritt der prächtigen Tiere. Es würde ein herrlicher, warmer Sommertag werden, keine Wolke trübte den Nachthimmel mit all seiner Sternenpracht.
»Wann seid ihr eigentlich heute Morgen losgefahren?«, fragte Sascha in die Runde.
»Um zwei Uhr Mittag hat uns Mama geweckt, wir haben extra ein bisschen vorgeschlafen. Papa hatte den Wagen schon angespannt. Mama hat uns noch Decken gegeben und was zum Essen. Dann sind wir los«, erzählte Mascha und zeigte in Richtung ihres Bruders: »Und der da ist sofort wieder eingeschlafen und hat die Pferde mit seinem Schnarchen gestört.«
Das ließ sich Viktor natürlich nicht gefallen und es entwickelte sich sofort eine wilde Balgerei. Nach Friedensschluss lag jeder der drei ermattet im Heu und schaute in den Himmel.
Die Sonne ging auf. Der Himmel verfärbte sich, wurde zuerst rot, dann orange und mit jeder Minute wurde es immer heller. Auf halbem Weg machten sie ein Picknick, denn die Pferde brauchten auch ihre Pausen, um sich zu erholen. Aber dann ging es sofort weiter.
»Wie schön es hier doch ist«, dachte Sascha bei sich. Er liebte die Waldaihöhen. Die Waldaihöhen sind eine Hochebene oder ein Hochplateau im Westen von Russland, zwischen Sankt Petersburg und Moskau gelegen. Es ist eine malerische, idyllische Landschaft. Geprägt ist sie durch Seen und Sümpfe, sanfte Anhöhen und malerische Waldgebiete. Eine wirklich verwunschene Gegend.
Da konnte Sascha in der Ferne schon die Umrisse einer Burg – seiner Burg – erkennen. Er hielt kurz inne und dachte daran, wie es wohl gewesen sein musste, als seine Familie noch auf der Burg gewohnt hatte. Wie gerne hätte er das erlebt!
Kurz bevor die Straße zum Burgberg hochging, bog Wanja nach rechts ab. Anschließend führte die Straße wieder etwas bergab in Richtung Wald. Um die Burg herum befanden sich weite, dichte Waldgebiete, die sowohl als Nutzholz für die Burg als auch als Einnahmequelle beim Holzverkauf dienten. In diesen zum Teil sehr undurchdringlichen Wäldern gab es noch so manche Gegend, die noch nicht richtig erschlossen war. Dort lebten auch Wölfe, Bären und Biber.
…
König Alexander eilte die Wendeltreppe vom höchsten Turm der Burg hinab auf die Wehrebene und von dort direkt in die Gemächer des »Alten«. So wurde der alte Chinese genannt. Er hatte lange weiße Haare, einen langen weißen Bart und trug weiße Gewänder. Um seinen Hals hing eine Kette mit einem großen Schlüssel.
Der König übergab ihm das Pergament mit der Aufschrift »Testament«, legte seine Krone nieder und reichte auch diese dem alten Mann. Er nahm sich ein Bernsteinamulett vom Hals, entfernte die silberne Kette, nahm den Bernstein in seinen Mund und schluckte ihn hinunter. Anschließend schaute er den »Alten« an. Dieser nickte, drehte sich um und verließ den Raum. König Alexander, noch immer außer Atem, atmete tief durch, richtete seine Kleider, zog sein Schwert und begab sich wieder in den Thronsaal. Dort setzte er sich auf seinen Thron und wartete.
Er hatte seinen Wachen befohlen, die Angreifer ohne Gegenwehr hereinzulassen. Der König wollte einen Kampf unbedingt verhindern, um ein weiteres unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. In letzter Zeit hatten bei Kämpfen zu viele tapfere Ritter ihr Leben lassen müssen.
Zuerst hörte König Alexander Schritte, dann öffnete sich die schwere Eichentür des Thronsaales. Ein Mann trat ein. Er war groß, hager und komplett in Schwarz gekleidet. Auf dem Kopf trug er einen schwarzen Hut mit breiter Krempe und um ihn herum wehte ein weiter schwarzer Umhang. Auf dem Umhang fand sich ein Wappen mit einem Symbol: einem auf eine Ecke gestellten Viereck, an dessen unterem Ende sich ein nach unten offenes Dreieck befand. Dichte Augenbrauen wucherten über seinen dunklen Augen. Seine Wangen waren eingefallen, sodass seine eh schon spitze Nase noch größer erschien. Eine dunkle Aura umgab den Mann.
»Ich würde Euch ja gerne hereinbitten, aber wie ich sehe, seid Ihr auch so schon hineingekommen«, sagte König Alexander mit tiefer, voller Stimme zu dem schwarz gekleideten Mann.
»Hört mit dem Gerede auf, gebt mir, was ich will, dann können wir das hier ganz schnell beenden«, entgegnete dieser, wobei dessen Stimme zischend und hohl klang.
König Alexander antwortete: »Ich habe meine Krone und mein Testament nicht mehr. Beides ist an einem sicheren Ort gut versteckt. Nichts werdet Ihr finden, nichts werdet Ihr bekommen.«
»Ich bekomme alles, was ich will, und wenn ich das ganze Schloss abreißen muss«, sagte der Fremde zum König und fuhr an seine Soldaten gewandt fort:
»Ihr da, entwaffnet den König und fesselt ihn! Die Übrigen durchsuchen das Schloss. Ich will das Testament und die Krone.«
Die angesprochenen Soldaten gingen zum König, nahmen ihm das Schwert aus den Händen und legten ihm schwere Eisenketten an Hände und Füße. So gefesselt führten die Soldaten König Alexander aus dem Thronsaal. Jeder der vier Soldaten hatte eine der Eisenketten in den Händen. Zwanzig weitere, mit Speeren bewaffnete Soldaten des ganz in Schwarz gekleideten Mannes schlossen sich ihnen am Ende des Thronsaales an, und es ging weiter durch die große Halle mit den steinernen Säulen zum Hauptportal.
Kurz vor dem Portal ging eine Wendeltreppe hinab Richtung Verlies. An den Wänden brannten Fackeln. Das Licht flackerte beim Vorbeimarschieren der Soldaten und hinterließ tanzende Schatten an den Wänden. Die Luft wurde stickiger und kälter, je weiter sie die Wendeltreppe nach unten stiegen. Am Ende der Wendeltreppe erstreckte sich ein langer Gang, an dessen Seiten sich die Verlieszellen befanden. Es tropfte Wasser von der Decke und jedes Mal, wenn ein Tropfen auf die Erde in eine Pfütze fiel, konnte man ein helles »Pling« hören. Es roch modrig.
Am Ende des Ganges befand sich eine einzelne Zelle. Ein Soldat schloss sie auf und der König wurde hineingeführt. An der gegenüberliegenden Wand waren vier schwere Eisenringe in der Wand befestigt, woran sie den König festbanden, sodass dieser mit ausgestreckten Händen und Beinen angekettet war.
Nun trat der schwarz gekleidete Mann wieder vor den König.
»Hier endet Euer Weg – König ohne Krone. Bald werdet Ihr in Vergessenheit geraten, Eure Frau und Eure Freunde finden wir auch noch. Keine Angst. SIE werden nicht so lange leiden müssen wie Ihr.«
König Alexander hob den Kopf, spuckte seinem Gegenüber ins Gesicht und antwortete:
»Ich verfluche Euch! Nie werdet Ihr bekommen, was Ihr haben wollt. Ihr werdet Euer Ziel nie erreichen, dafür haben wir gesorgt!«
»Du Narr«, sagte jetzt der feindliche Anführer und schlug dem König mit der flachen Hand mitten ins Gesicht.
»Natürlich werde ich bekommen, was ich haben will. Euer Gefolge ist geflohen, die Burg gehört mir, ich brauche nur noch zu suchen, dann finde ich schon Euer Testament und Eure Krone, und dann, König, dann wird mich nichts mehr aufhalten können. Und an Euch, König, wird sich später niemand mehr erinnern, denn niemand wird Euch jemals mehr sehen, niemand wird Euch hier unten finden und Ihr werdet niemals mehr etwas anderes als diese Kerkerwände sehen, und auch diese nicht mehr sehr lange.«
»Mauert ihn ein!«, waren die letzten Worte, die König Alexander hörte. Die Soldaten mauerten nun die Zelle von außen zu. Stein um Stein, Reihe um Reihe wuchs die Mauer vor seiner Zelle. Es wurde immer dunkler – immer dunkler um ihn herum. Das Letzte, was der König sah, war das nichtssagende, ausdruckslose Gesicht des Soldaten, der den letzten Stein in die Mitte der Mauer einfügte. Dann war es stockfinster und … totenstill!
Burg Drachenstein
Der Koffer war gepackt. Jedes Jahr freute sich Sascha erneut auf die großen Ferien, um die Zeit mit seinen zwei besten Freunden Mascha und Viktor auf dem Land und bei »seinem« Schloss zu verbringen. Die Zwillinge wohnten direkt neben einer alten Burganlage, die einmal Saschas Vorfahren gehört haben soll. Ein kurzer Blick in den Spiegel, schnell noch eine blonde Haarsträhne zur Seite schieben und schon konnte es losgehen. Sascha nahm den Koffer in die Hand, überquerte den Innenhof mit dem kleinen Spielplatz in der Mitte und verließ den Wohnblock. Es war einer dieser typischen Wohnblocks, mitten in Moskau gelegen, wie man ihn häufig finden konnte. Sascha ging zum Moskauer Leningrader Bahnhof, von wo aus er den Zug Richtung Sankt Petersburg nehmen wollte. Sein Ziel waren die Waldaihöhen. Hier wohnten seine Freunde, die ebenfalls zwölf Jahre alten Zwillinge Mascha und Viktor.
Aber noch war er in Moskau. Sascha sprang die letzten Stufen der Metrostation Akademicheskaya herunter, zwängte sich mit seinem Koffer durch die auf- und zuklappenden Eingangstüren, nahm sein Ticket und öffnete damit die Sperre zum Innenbereich der Station. Im Metrozug hatte Sascha wegen des Koffers kaum Platz, aber die anderen Passagiere natürlich noch viel weniger. Doch darauf konnte er leider keine Rücksicht nehmen; irgendwie musste er ja schließlich zum Leningrader Bahnhof kommen.
An der Station Oktyabrskaya stieg er um. Hier erwartete ihn das gleiche Gedränge, doch auf die anderen Reisenden natürlich auch. Endlich hatte er sein Ziel, den Leningrader Bahnhof, erreicht. Er stieg die Treppen hinauf und verließ die Metrostation.
Die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht, sodass er blinzeln musste. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das grelle Sonnenlicht und er konnte den Bahnhof nun gut sehen.
Sascha gefiel der Leningrader Bahnhof schon immer sehr. Es war ein großes, rechteckiges – majestätisch wirkendes – zweistöckiges Gebäude mit einem in der Mitte aufragenden weiteren Gebäudetrakt. Das Erdgeschoss hatte große Fenster mit wunderschönen steinernen Rundbögen darüber. Das erste Obergeschoss wirkte dagegen eher schlicht.
Seine Fahrkarte hatte Saschas Mutter ihm schon vor Wochen gekauft; er ging also direkt durch die Halle hin zum Bahnsteig, wo der Zug schon auf die Reisenden wartete.
Sascha stieg ein. Er liebte diese Abteile: die Dreiersitzbänke auf jeder Seite des Abteils mit jeweils einem Gepäcknetz oberhalb der Köpfe für die Koffer, in welches er seinen auch sofort verstaute. Und natürlich gefielen ihm die großen Fenster zum Öffnen. Sascha setzte sich in Fahrtrichtung ans Fenster, damit er besser in die Ferne schauen konnte.
Mit einem kleinen Ruck setzte sich der Zug in Bewegung. Zuerst langsam, dann immer schneller werdend verließ der Zug den Bahnhof. Wie immer sah Sascha gebannt aus dem Fenster. Er sah die Häuser von Moskau vorbeihuschen. Sascha hielt besonders Ausschau nach den Hochhäusern im Zuckerbäckerstil und dem Fernsehturm. Langsam veränderte sich das Stadtbild von Moskau. Am Fenster zeigten sich die großen Plattenbausiedlungen mit den riesigen Geschäftszentren. Danach kam immer mehr Grün zwischen die Hochhäuser und es erschienen die ersten Datschas. Das war das sicherste Zeichen, dass er Moskau hinter sich gelassen hatte.
Der Schaffner betrat das Abteil und fragte nach den Fahrkarten. Sascha zeigte ihm seine, der Schaffner entwertete sie und verließ das Abteil wieder. Sascha konnte jetzt hören, wie der Schaffner das nächste Abteil öffnete und seinen Refrain erneut aufsagte und nach den Fahrkarten verlangte.
Sascha hatte Glück. Er hatte das ganze Abteil für sich alleine und konnte sich so richtig entspannen. Er fragte sich, ob seine Freunde Mascha und Viktor ihn gemeinsam vom Bahnhof abholen würden.
Saschas Familie und die Familie der Zwillinge kannten sich schon ewig. Und wenn ewig auch ewig heißt, so war wirklich ewig gemeint. Angeblich kannten sich beide Familien nämlich schon seit nahezu 500 Jahren. Für Sascha jedoch bedeutete ewig einfach nur sein ganzes Leben lang.
Die Familie der Zwillinge wohnte in einem Häuschen dicht an einem großen Waldgebiet in Sichtweite zu einer Burganlage. Diese Burganlage hatte mal einem entfernten Verwandten von Sascha gehört. Wie Sascha es von seiner Mutter erfahren hatte, war der letzte König der Burg sein Vorfahr gewesen. Nach einer Schlacht vor ungefähr 500 Jahren war dieser jedoch gestürzt worden und seine Familie hatte in den Osten fliehen müssen. Der König selbst war seit dieser Zeit verschwunden, man hatte ihn nie mehr wieder gesehen oder etwas von ihm gehört. Danach hatte ein Fremder die Macht an sich gerissen, war dann aber auch genauso plötzlich wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war. Seitdem war die Burg herrenlos gewesen. Der Ur-Ur-Ur-und-so-weiter-Großvater der Zwillinge jedoch war dem König treu und weiterhin als Förster im Wald geblieben. Nach dem Verschwinden des Fremden hatte er sich dann um die Burg gekümmert. Und so war es bis heute, sodass es nun an der Reihe des Vaters der Zwillinge war, diese Aufgabe fortzuführen.
Die Landschaft wurde noch einsamer, der Himmel immer etwas dunkler und bei Einbruch der Nacht nickte Sascha ein wenig ein. Das Rattern des Zuges über die Bahnschwellen wirkte sehr beruhigend und einschläfernd, sodass Sascha auch tatsächlich einschlief.
Wie lange er geschlafen hatte, wusste er nicht mehr. Beim Blick aus dem Fenster sah er jedoch, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er den Bahnhof erreichen würde. Seine Vorfreude wurde größer und größer. Endlich konnten die Sommerferien richtig beginnen.
Der Zug wurde allmählich langsamer und Sascha konnte die ersten Häuser von Waldai erkennen. Mit laut quietschenden Bremsen kam der Zug zum Stillstand. Sascha nahm seinen Koffer aus der Gepäckablage, zog seine Jacke an und ging zur Ausstiegstür. Er öffnete die Tür, stieg die zwei Stufen zum Bahnsteig herunter und wurde sofort von den Zwillingen umgerannt, die sich zur Begrüßung auf ihn stürzten.
»Na endlich, wir dachten schon, du würdest gar nicht mehr hier eintreffen«, sagte Mascha. Dabei war der Zug doch ganz pünktlich gewesen. Er traf genau um 2:07 Uhr morgens in Waldai ein.
»Ihr hättet ja nicht so früh losfahren müssen, ihr seid wahrscheinlich wie immer viel zu früh hier gewesen«, antwortete Sascha.
»Besser zu früh als zu spät«, sagte nun Viktor.
»Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!«, riefen alle im Chor und fielen sich erneut in die Arme.
Viktor nahm Saschas Koffer und zu dritt machten sie sich auf den Weg aus dem Bahnhof in Richtung Vorplatz, wo Wanja, der Vater der Zwillinge, auf sie wartete.
Und WIE er wartete!
Wanja und die Zwillinge waren doch tatsächlich mit einem Pferdegespann gekommen. Wanja hatte seine drei Pferde, die er für die Waldarbeit benötigte, vor einen großen, mit Heu beladenen Holzwagen gespannt. So waren sie gekommen, um Sascha abzuholen.
»Mein Gott, ist das genial! Eine Troika!«, rief Sascha, ließ alles stehen und liegen und rannte zu den Pferden. Mascha, Viktor und Wanja grinsten über das ganze Gesicht und alle fingen herzlich an zu lachen. Sascha nahm aus seiner Jackentasche einen Apfel, teilte ihn mit seinem Taschenmesser in drei Teile und gab jedem der Tiere einen Anteil vom Apfel. Diese dankten es ihm mit einem Nicken ihrer Köpfe.
Die Heimfahrt wurde so zu einem tollen Spaß. Mit drei PS fuhren sie nach Hause. Wanja lenkte das Gespann und die drei Kinder lagen auf der Heufläche des Wagens. Das Klingeln des Glöckchens des Pferdegeschirrs läutete fröhlich hell bei jedem Schritt der prächtigen Tiere. Es würde ein herrlicher, warmer Sommertag werden, keine Wolke trübte den Nachthimmel mit all seiner Sternenpracht.
»Wann seid ihr eigentlich heute Morgen losgefahren?«, fragte Sascha in die Runde.
»Um zwei Uhr Mittag hat uns Mama geweckt, wir haben extra ein bisschen vorgeschlafen. Papa hatte den Wagen schon angespannt. Mama hat uns noch Decken gegeben und was zum Essen. Dann sind wir los«, erzählte Mascha und zeigte in Richtung ihres Bruders: »Und der da ist sofort wieder eingeschlafen und hat die Pferde mit seinem Schnarchen gestört.«
Das ließ sich Viktor natürlich nicht gefallen und es entwickelte sich sofort eine wilde Balgerei. Nach Friedensschluss lag jeder der drei ermattet im Heu und schaute in den Himmel.
Die Sonne ging auf. Der Himmel verfärbte sich, wurde zuerst rot, dann orange und mit jeder Minute wurde es immer heller. Auf halbem Weg machten sie ein Picknick, denn die Pferde brauchten auch ihre Pausen, um sich zu erholen. Aber dann ging es sofort weiter.
»Wie schön es hier doch ist«, dachte Sascha bei sich. Er liebte die Waldaihöhen. Die Waldaihöhen sind eine Hochebene oder ein Hochplateau im Westen von Russland, zwischen Sankt Petersburg und Moskau gelegen. Es ist eine malerische, idyllische Landschaft. Geprägt ist sie durch Seen und Sümpfe, sanfte Anhöhen und malerische Waldgebiete. Eine wirklich verwunschene Gegend.
Da konnte Sascha in der Ferne schon die Umrisse einer Burg – seiner Burg – erkennen. Er hielt kurz inne und dachte daran, wie es wohl gewesen sein musste, als seine Familie noch auf der Burg gewohnt hatte. Wie gerne hätte er das erlebt!
Kurz bevor die Straße zum Burgberg hochging, bog Wanja nach rechts ab. Anschließend führte die Straße wieder etwas bergab in Richtung Wald. Um die Burg herum befanden sich weite, dichte Waldgebiete, die sowohl als Nutzholz für die Burg als auch als Einnahmequelle beim Holzverkauf dienten. In diesen zum Teil sehr undurchdringlichen Wäldern gab es noch so manche Gegend, die noch nicht richtig erschlossen war. Dort lebten auch Wölfe, Bären und Biber.
…

