Cover: SUE und MERLE und die Chroniken von Xybos

SUE und MERLE und die Chroniken von Xybos
Band 1


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 274
ISBN: 978-3-7116-1234-2
Erscheinungsdatum: 15.10.2026
Witzig, pfiffig und fantasievoll – ein Urlaub mit Sue und Merle kann kommen.
Kapitel 1
Tage wie diese


„Ich hätte wirklich mehr von dir erwartet, Susan. Was ist in letzter Zeit bloß mit dir los?“ Die Lehrerin überflog ein weiteres Mal die Zeilen. „Nein, es tut mir leid, was Besseres als eine Vier wird es nicht. Der gesamte Inhalt ist absolut ausdruckslos und sagt nichts über die eigentliche Geschichte aus. Er ist fantasielos und viel zu kurz.“ Mit einem roten Stift besserte sie einen erneuten Rechtschreibfehler aus, den sie übersehen hatte. Sie reichte Sue den Aufsatz und rieb sich erschöpft die Augen, als ob die rote Farbe sie blenden würde. „Eine Geschichte sollte spannend, rührend, oder abenteuerlich sein, oder am besten alles zusammen. Früher hattest du doch kein Problem mit so etwas, aber seit einiger Zeit merkt man, dass du deine Hausübung nur noch machst, damit irgendetwas dasteht.“ Susan sah auf ihre Zensur. „Ich werde mir mehr Mühe geben.“, meinte sie mit ehrlicher Entschlossenheit. „Das hoffe ich für dich, denn deine Deutscharbeit ist, was ich von Frau Cent gehört habe, auch nicht gerade vielversprechend. Wenn du deinen Notendurchschnitt retten willst, müssen wir uns was einfallen lassen.“ Sue blickte auf die Uhr. Na toll. Noch eine Stunde Deutsch, wo sie gleich die nächste schlechte Beurteilung einheimsen würde, und das alles noch dazu an ihrem fünfzehnten Geburtstag.
„Merde!“ dachte sie, als sie zurück zu ihrem Platz ging und sich fragte, was eigentlich mit ihr los war. Frau Lester setzte im beiläufigen Ton ihren Unterricht fort und das Ende eines langen Schultages schien bei den Gedanken an Deutsch bei Miss Cent unerträglich lange. Aber sie musste aufpassen, sich konzentrieren und wieder seit langer Zeit bei den Fragen, die die Lehrerin in die Klasse warf, ihre Hand heben. Sie brauchte gute Noten, sie wollte gute Noten und sie würde den Lehrern beweisen, dass sie auch gute Noten verdiente. Beim Läuten, welches das Ende dieser Stunde ankündigte, warf Sue ihre Sachen als eine Letzten in den Rucksack und stürmte nicht wie die anderen aus dem Klassenzimmer. Selbst als ihre beste Freundin schon lange auf den Schulgängen den neuesten Klatsch und Tratsch wie ein Schwamm aufsog und weiterverbreitete, ging sie zu ihrem Spind und kramte ihre Bücher hervor. Dann ging sie in den Unterrichtsraum, um sich noch ein wenig auf den Unterricht vorzubereiten. Wenigstens hatte sie nie ein Problem damit, sich etwas in kurzer Zeit zu merken, nur in letzter Zeit spielte ihre Konzentration Streiche.
Aber durch das nötige Verständnis für den Ernst der Lage versagte ihre jahrelange Selbstdisziplin diesmal nicht und rettete sie tatsächlich vor einigen Fragen, als sie Miss Cent aufrief. Ihre Schularbeit, die sie am Ende der Schulstunde erhielt, war ein weiterer Ansporn. Als sie ihr Heft aufschlug, übertrumpfte ein roter Schriftzug ihr Geschriebenes. Und mit einem Anflug von Enttäuschung begann sie nun erst recht zu realisieren, dass sie nun wirklich etwas tun müsse.
Der Tag war gelaufen. Obwohl das Wetter schön war und nach dem morgigen Schultag das Wochenende bevorstand, konnte sich Sue nichts Wichtigeres als ihre Noten vorstellen. Erneut steuerte sie zu ihrem Spind und packte alle ihre Bücher ein. Als sie ihn gedankenverloren zuklappte, riss sie eine Stimme aus ihrem abwesenden Zustand. „Hey, sag bloß, du wechselst die Schule mit deinem Büchertransport?“
Cindy starrte sie mit belustigter Miene an. „Macht es dich denn so fertig, dass du mal ein bisschen von deinem Streberdasein Abstand genommen hast?“
„Wenn meine Noten darunter leiden, dann ja! Englisch pack ich sicher noch und schaffe eine Drei, weil ich da besser im Laufe des Jahres abgeschnitten habe, aber Deutsch hab ich sicher verbockt. Ich brauch keine Vier im Zeugnis!“ Sie holte Schwung und hievte den Rucksack auf ihren Rücken. „Und? Was gibt’s für Neuigkeiten?“, meinte sie im beiläufigen Ton, da sie genau wusste, dass Cindy, die überhaupt kein Verständnis für die Schule hatte, so am besten von ihrem Thema abwich, über ihren „abnormalen“ Zustand zu reden. Cindy strich sich durch die braunen Haare und nickte mit dem Kopf seitlich zu Philip, der in einiger Entfernung mit ein paar anderen Jungs heftig zu lachen begann. „Ich hab gehört, dass er gestern auf der Party mit Emma Schluss gemacht hat.“ Sie war ein hübsches Mädchen, doch konnte sich Sue nicht wirklich vorstellen, dass ausgerechnet Cindy seine neue Eroberung darstellen würde. Aber sie waren viel zu gut befreundet, als dass sie ihr das ins Gesicht gesagt hätte. Außerdem hatte sie zeitweise keine gute Meinung von ihm, so wie er herumstolzierte und ein wichtigtuerisches Lächeln aufsetzte, wenn ihm ein kurzer Rock über den Weg lief. Sie kämpften sich durch die Menge Richtung Ausgang und Sue entging es nicht, wie Cindy Philip ein Lächeln schenkte, als dieser zu ihnen rüberkam und Sue brüderlich den Arm um die Schulter legte. Sie vermied es sorgfältig, mehr als ein kurz angebundenes, gequältes „Hey“ von sich zu geben, als die anderen ihm folgten, und beschleunigte ungewollt ihre Schritte. „Susan Winster!“ Aus dem Lehrerzimmer winkte eine Hand. Sie löste sich insgeheim dankend aus der Männerrunde und driftete zu ihrer Lehrerin hinüber, was sich mit ihrem Bündel auf ihrem Rücken als gar nicht so leicht herausstellte. „Es dauert nicht lange.“versicherte ihr ihre Deutschlehrerin Miss Lester und schloss die Tür, um das Geschrei der Schüler zu dämpfen. Sie waren nicht alleine. Einige andere Lehrer waren mit Zettel sortieren oder Benoten beschäftigt und musterten Sue beiläufig. Der Direktor Herr Davids führte eine Diskussion mit einem Herrn am anderen Ende der Telefonleitung. Ihr wurde unwohl. Stand es wirklich so schlecht um sie? „Am besten stellst du den mal in die Ecke.“ Sie musterte den Rucksack. „Nach deiner heutigen Mitarbeit freut es mich zu sehen, dass du dich wieder anstrengen willst.“ Und zog einen der Lehrersessel vom Tisch und deutete ihr, sich zu setzen. „Du kannst dir zwar vorstellen, warum du hier bist, aber den genauen Grund weißt du nicht, nehme ich einmal an.“ Sues Miene sprach Bände des Unwohlseins, die mit jeder Sekunde neue Kapitel füllten. Ihre Deutschlehrerin lächelte. „Nun ja, es hängt beides irgendwie zusammen. Wir sind uns im Klaren, dass es mit deinen Noten in diesem Semester ziemlich bergab ging, und ich freue mich, wie gesagt, zu sehen, dass du das auch erkannt und verstanden hast. In der weiteren Stunde hast du wirklich seit Langem wieder Mitarbeit bewiesen.“ Sue wäre es lieber gewesen, sie hätte einfach gesagt, was sie wollte, anstatt sie hier für ihren Sinneswandel zu loben, anscheinend ging es ihr nicht nur um die Zensuren. Hinten beendete der Direktor das Gespräch und legte den Hörer auf, während er Sue eines kurzen Blickes würdigte. Frau Lester sah sie einen Moment lang an, da sie jedoch keine Anstalten machte, etwas zu sagen, ergriff sie erneut das Wort. „Ich kenne deine früheren Arbeiten und ich weiß, dass keiner dieser Einsen verschenkt war. Deshalb habe ich auch eine Bitte an dich, die uns beiden helfen würde. In kurzer Zeit findet ein Schreibwettbewerb in den Landesschulen statt und nur zwei haben sich dazu bereit erklärt, unsere Schule zu vertreten.“ Sue sah sie weiter an und wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Sie fühlte sich ein wenig geschmeichelt, dass ausgerechnet sie dieses Los traf, unterschätzte aber auch nicht das Ausmaß der Teilnehmerschaft.
„Ich weiß, dass du das kannst. Ich selbst werde deine Arbeit als großes Plus für Mitarbeit eintragen und sie ebenso wie eine Schularbeit benoten. Vielleicht brauchst du einfach wieder eine Herausforderung, um wieder besser zu werden? Das wäre der Vorschlag, den ich dir anbieten kann, wenn du wirklich auf eine deutliche Verbesserung hinarbeiten willst. Ansonsten wird es dir schwerfallen, deinen Notendurchschnitt auf das übliche Niveauzurückzubringen.
„Ich verstehe“, sagte Sue und blickte auf den Boden. „Wann wäre denn der Abgabetermin?“
Frau Lester warf einen Blick zu dem Direktor, der eine Mappe aus dem Regal fischte.
„Geben Sie ihr den Zettel, Margret.“ Miss Lester ging zu einer Lade am Schreibtisch und zog einen Umschlag hervor.
„Alles Notwendige steht hier drauf.“ Und mit einem zuversichtlichen Zwinkern bekam sie von Miss Lester die Ausschreibung. „Am besten gibst du mir die Geschichte noch einmal ab, damit ich sie mir durchlesen kann. Das wäre eigentlich alles.“
Sue schnappte sich ihren Rucksack und es schien ihr Veranlassung zu sein, ihrer Lehrerin zu danken. Auch wenn ihr bei dem Gedanken etwas mulmig wurde, an so einem Bewerb teilzunehmen, war es doch ihre einzige Hoffnung, ein ihr entsprechendes Zeugnis in der Hand zu halten. Als sie aus dem Lehrerzimmer kam, war der Gang wie ausgestorben. Alle Schüler waren bereits draußen. Sie fühlte sich ein wenig müde und durch den Wind. Cindy war sicher schon auf dem Weg nach Hause oder wartete vor dem Eingangstor mit Philip. Es war schwül und Sue überkam eine schlagartige Übelkeit durch ihre aufgemischten Gefühle, die ihr erst jetzt bewusst wurden. Am anderen Ende war die Damentoilette und sie beschloss,ihre Hände ein wenig zu kühlen. Das Wasser rann kalt über ihre Hände, doch wirklich besser fühlte sie sich nicht. Heute war ein merkwürdiger Tag. Es war, als ob man wieder wachgerüttelt wurde und das Leben erkannte. Im Gegensatz zu anderen verstand sie sehr früh, wie wichtig es war, sich anzustrengen und schulische Leistungen vorzubringen. Sie wartete, bis sich ihre Hände mit Wasser füllten, und wusch ihr Gesicht. Das kühle Nass tat ihr gut und sie fühlte sich gleich viel klarer im Kopf. Sie wandte sich entschlossen um, öffnete die Tür. Sie hätte umsichtiger sein sollen, denn sie knallte gegen jemanden, der dahinter gestanden hatte. Als sie erkannte, wer es war, fragte sie erschrocken: „Marius, sorry, ich hab dich nicht gesehen! Alles okay?“ Er tat es mit einer Handbewegung ab und er begleitete sie Richtung Ausgang. „Ich soll dir von Cindy ausrichten, dass sie draußen wartet, ich hab noch mal schnell was aus dem Spind holen müssen.“ Und wedelte beiläufig mit einem Schnellhefter.
„Was wollte die Lester von dir? Hast was ausgefressen?
„Nein, wir haben nur über die Noten geredet.“ Und ihr Ausdruck auf dem Gesicht wurde wieder ernst. „Ich würde mir da nicht so viel Gedanken drüber machen, dann kriegst du halt mal eine Drei ins Zeugnis. Sorgt für Abwechslung.“ Sue starrte ihn an: „Es ist nicht nur eine Drei! Ich bekomme eine Vier!“
„Und was hat die Lester dann zu dir gesagt?“ Marius,für den eine Drei oder Vier im Zeugnis zur Normalität gehörte, konnte dieses Unterfangen nicht so ganz nachvollziehen. Keiner konnte das. Und Sue wollte sich auch nicht die Mühe machen irgendjemandem diese Situation zu erklären. „Ich soll mehr für Englisch lernen und in Deutsch ein wenig mehr Mitarbeit zeigen und so etwas wie einen Aufsatz schreiben.“ Sie vermied es sorgfältig, von dem Bewerb zu erzählen, da sie kein sonderliches Bedürfnis verspürte, wieder von ihren Freunden als Streber hingestellt zu werden. Selbst wenn sie einer war, so wurde sie doch recht ungern daran erinnert. Als sie endlich das Schulgebäude verließen, stand Cindy immer noch mit Philip am Eingang und unterhielt sich. „Und was wollte sie von dir?!“ rief Cindy über den Hof, als sie die beiden kommen sah. Wie auch bei Marius erzählte sie ihnen die halbe Geschichte und ging mit ihnen die kleine Baumallee entlang. Die Träger ihrer Schultasche schnürten ihr in die Schulter und das warme Wetter war in diesem Fall auch mehr als verachtenswert, wenn man so ein Bündel mit sich rumschleppen musste. Froh, dass keiner von ihnen mehr über die Schule redete, schlenderten sie die Straße entlang und Sue überlegte, was die Kommission wohl für eine Geschichte verlangte. Der Umschlag mit dem Zettel lag irgendwo in einer Seitentasche, der einziger Ort, der noch Platz zuließ.
„Wie wär’s, wenn wir auf ein Eis gehen? Immerhin hat heute Sue ihren fünfzehnten Geburtstag.“, meinte Philip und nickte zu einem kleinen Lokal, wo ein hübsches blondes Mädchen stand, das gerade bestellte. Worauf hast du es wirklich abgesehen? fragte Marius scherzhaft: „Auf was Heißes oder auf etwas Kaltes?“ Er grinste verwegen. Dann deutete Philip seinem Freund und den anderen beiden, ihm zu folgen. Lässig lehnte er sich über die Theke. Er wollte offensichtlich diesem hübschen Mädchen gefallen. Sue konnte es nachvollziehen. Immerhin war sie langgestreckt und hatte eine Modelfigur. Doch als auch Marius eine geradere Haltung einnahm und einen großen Geldschein aus seiner Tasche zog, um der Fremden zu imponieren, verdrehte sie die Augen. Sue schrumpfte innerlich ein wenig und Cindy sah sie etwas enttäuscht an. Nachdem die unbekannte Schönheit gezahlt hatte, bedankte sie sich bei der Verkäuferin für ihren Eisbecher und wechselte die Straßenseite. Marius entspannte sich wieder und Philip schaute ihr bewundernd nach. „Wollte wohl nichts von dir, du Loser.“ Cindy gab ihm einen scherzhaften Klaps auf den Rücken, um wieder seine Aufmerksamkeit zu erhalten. „Eiiiskalte Abfuhr, wenn du mich fragst.“ „Lass uns bestellen.“ meinte Sue, die etwas rot im Gesicht war. „Ich nehme bitte zweimal Erdbeere und einmal Vanille …“ Während Sue den Eisbecher entgegennahm und Marius für sie zahlte, drehte sie sich um und verfolgte ihren ästhetischen Gang. Erst als die blonde Schönheit aus ihrem Umfeld verschwunden war, bedankte sie sich bei Marius für das Eis. „Lass uns nach Hause gehen. Ich muss heute noch einiges erledigen.“ Cindy nickte und meinte dann zu ihren Begleitern:

„Na gut. Wir sehen uns, Jungs!“ und mit einem recht gezwungenen Lächeln kehrte sie ihnen den Rücken zu. „Ach ja, ich weiß, dass heute dein Geburtstag ist, aber ich hab dein Geschenk zu Hause vergessen.“ „Kein Ding, Cindy. Mach dir da bloß keinen Kopf. Alles gut.“ Der Weg zu Sue nach Hause war nun mit Eis um einiges angenehmer, vor allem aber die Tatsache, dass sie eingeladen wurde. „Ah! Ich wäre so gerne mit Philip zusammen!“, meinte Cindy etwas genervt. Aber irgendwie bleiben wir immer auf der Freundschaftsschiene hängen. „Ich weiß, mir geht es mit Marius genauso.“ Cindy starrte finster auf ihren Becher. Doch dann hellte ihr Gesicht sich auf und meinte im gezwungen beiläufigen Ton: „Das war ja richtig nett von ihm, dich einzuladen. Da könnt sich Philip noch ne Scheibe von abschneiden!
Sue wusste, welche Spur ihre Freundin da gleich einschlagen würde, und wollte sie so schnell wie möglich ausbremsen.
„Ich hab wirklich keine Lust, über Marius zu reden, weil es da auch nichts zu sagen gibt.“ Sie seufzte und Cindy konnte nachvollziehen, was sich in ihr abspielte.
Mit einem ungläubigen Seitenblick musterte sie ihre Freundin.
„Wie du meinst.“
„Ich freu mich schon auf die Ferien!
Dieses Jahr werden wir wieder den Ätna anschauen. Und ich sag dir, da gibt es die besten Pizzas, die du dir nur vorstellen kannst!“
Cindy machte wie fast jeden Sommer Urlaub in Italien bei ihrem Onkel. Sie und ihre Mutter hatten nie das Geld, das Land zu verlassen. Für sie galt es zu sparen und keine größeren Ausgaben zu haben. Immerhin hatte sie noch einen Kredit für ihr Haus abzubezahlen.
„Sag mal, wen habt ihr denn heute zu Besuch?“
„Meine Tante Agnes kommt mit Julia. Und ich hab heute echt schon genug zu tun.
Aufsatz, lernen. Ich weiß nicht. ob ich mein Versprechen halten und am Freitag ins Strandbad mitkommen kann …“
Cindy verzog das Gesicht.
Sue erklärte ihr: „Ich weiß nicht, ob sich das ausgeht, ich muss da noch was für die Lester schreiben, um meine Note auszubessern.“
„Wenn du nicht mitkommst, setz ich Marius auf dich an, dass er dich überreden soll.
Ihr zwei seid echt witzig!“und lachte ohne Zurückhaltung.
„Schön. dass wir dich so amüsieren! Nur ist das bei uns nicht so einfach!“
„Ja ja, is ja gut. Ich lass dich schon in Ruhe.“
Sie näherten sich der Kreuzung, wo sie sich trennten.
„Also bis morgen und such schon mal deine Schwimmsachen zusammen!“
Sue verdrehte die Augen und ging.

Zehn Minuten dauerte es, bis sie endlich zu Hause war. Sie tastete unter einem Blumentopf nach dem Haustürschlüssel und öffnete sie mit einem erschöpften Seufzer. Sie nahm den Schlüssel für ihren Briefkasten hinter den Jacken hervor und kontrollierte, ob der Postbote schon da gewesen war. Unter ein paar Rechnungen und einer Zeitschrift war tatsächlich ein kleiner Briefumschlag, der an Sue adressiert war. Sie überlegte, ob dies eventuell eine Geburtstagskarte ihres Vaters war, und öffnete ihn neugierig, als sie in die Küche trat. Es war ein kleines Haus, das jedoch scheinbar viel zu viele Sachen besaß, welche zum Teil verstreut am Boden oder auf den Kästen herumlagen. Aber Sue hatte sich an diesen Anblick schon gewöhnt, da sie es meistens war, die dieses Chaos in Ordnung brachte. Ihre Tante war sicher schon auf dem Nachhauseweg von der Arbeit und war meistens zu müde, um den alten Kram einmal auszusortieren. Sie hing den Rucksack über die Sessellehne und machte sich dran, das widerspenstige Kuvert zu öffnen. Zum Vorschein kam eine nette Geburtstagskarte mit einem kleinen Delfinanhänger. Sue, die den Umschlag in den Müll schmiss, freute sich. Dann begann sie zu lesen. „Alles alles Liebe zum 15. Geburtstag!“ „Also, ein wenig mehr Mühe hätte er sich mit der Karte schon geben können. Das passte sonst nicht so ganz zu ihm.“, dachte sich Sue und betrachtete den Goldanhänger etwas genauer. Ein roter Rubin war als Auge eingearbeitet und die schöne, filigrane Arbeit gefiel ihr sofort. Sie hatte heute wirklich keine Zeit, die Küche ordentlich zu machen, aber das Notwendigste wie den Essenstisch abzuwischen oder den Abwasch wegzuräumen, machte schon mal einen besseren Gesamteindruck, wenn Besuch kam. Den Weg zum Kühlschrank ersparte sie sich, da er ohnehin nicht viel zu bieten hatte, und öffnete die Gefriertruhe. Eine Auswahl an Fertiggerichten wie Pizza oder Pfannenmenüs stand ihr zur Verfügung und sie entschied sich für die letzte Tiefkühllasagne, die sich am Boden befand. Während diese wenige Augenblicke später in der Mikrowelle vor sich hin puffte und blubberte, machte sie sich dran, ihren Rucksack die Treppe hochzuschleppen und ihre Schulbücher auf den Schreibtisch zu stapeln. Dann ging sie zu ihrem Kater, der auf dem Bett lag, und kraulte ihn ausgiebig. Der kleine Tiger schnurrte und gurrte und genoss die Streicheleinheit. Als sie von ihm abließ, fixierte er plötzlich und mit steigendem Interesse den Kommodentisch mit dem Spiegel und hüpfte vom Bett. Langsam schlich er darauf zu, als Sue den Umschlag hervorholte.
Er sah reichlich mitgenommen aus, ganz zerknittert lag er nun in ihrer Hand, bevor sie ihn entschlossen und sogar ein wenig neugierig aufriss und sich selber laut vorlas.
...

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: SUE und MERLE und die Chroniken von Xybos

Frank Gerhard Kowalew

Leipzig Käthe-Kollwitz-Straße

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder