Cover: Livia und Silver in der Unterwelt

Livia und Silver in der Unterwelt
2 Bücher in einem Band: Der Drache und das Licht & Der Wald der Schattentiere


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 146
ISBN: 978-3-7116-1606-7
Erscheinungsdatum: 29.04.2026
Die Zwillinge Livia und Silver folgen einem Ruf aus dem Inneren der Erde und entdecken eine Welt voller Magie, Abenteuer und Geheimnisse. Mit Mut, Mitgefühl, Weisheit und der Freundschaft von Tieren bringen sie Licht dorthin, wo Dunkelheit herrscht.
Kapitel 1
Das Flüstern in der Eiche


Livia liebt den Wald. Weil ihre Eltern den ganzen Tag arbeiten, verbringt sie den Nachmittag nach der Schule mit ihrem Zwillingsbruder Silver bei ihren Großeltern, die nahe am Wald leben. Wenn sie mit den Hausaufgaben fertig ist, zieht sie ihre Gummistiefel an, schnappt sich ihr Notizbuch und verschwindet zwischen den Bäumen und Farnen. Sie lauscht dem Rascheln der Blätter, dem Wispern des Windes und dem Flattern der Vögel. Gerne verfolgt sie auch Tierspuren. Wenn sie etwas entdeckt, das sie noch nie gesehen hat, zeichnet sie es in ihr Notizheft und beschreibt es.
Ihr Bruder Silver kennt den Wald auch gut, geht aber lieber zu seinem Großvater in seine Werkstatt, wo er hobeln und schrauben, schneiden und kleben kann. Am liebsten basteln sie zusammen an ihrer Spielestadt, für die sie Häuser, Menschen, Tiere, Pflanzen und viele Gegenstände brauchen.
Livia spaziert gerne allein in der Natur herum. Vor ein paar Monaten ist sie 9 Jahre alt geworden. Jetzt darf sie ohne Begleitung von Erwachsenen herumstreifen. Mit ihrer Großmutter hat sie, seit sie denken kann, stundenlang Bäume, Pflanzen, Tiere und Kräuter kennengelernt und studiert. Sie kennt den Wald wie ihre Hosentasche, sieht und hört jede Veränderung. Manchmal steht sie einfach still und lauscht. Und staunt immer wieder, was sie alles Neues entdeckt.
An diesem Nachmittag ist der Wald stiller als sonst. Irgendetwas ist merkwürdig, denkt sie. Livia bleibt ruhig stehen und sieht sich aufmerksam um. Merkwürdig. Kein Vogel zwitschert, kein Ast knackt. Obwohl es vorher windig war, bewegt sich kein Blatt an den Bäumen.
Livia schließt die Augen. Und dann hörte sie es: ein leises Summen. Es klingt wie eine vertraute Melodie, wie ein Lied ohne Worte. Livia lauscht. Sie hat keine Angst. Die Melodie ist ganz sanft, ganz leise. Sie kommt aus der Tiefe der Erde. Livia geht dem Summen nach und kommt zu einer mächtigen alten Eiche, die sie gut kennt. Als kleines Kind war das ihr Zauberbaum. Schon oft hat sie sich hier ausgeruht, sich an den Stamm gelehnt oder einfach nur die Hände auf die raue Rinde gelegt und die Kraft der Eiche gespürt.
Aber heute hat sich rund um den Stamm ein großer Hügel gebildet, den sie noch nie zuvor gesehen hat. Er ist von Moos bedeckt, die Wurzeln der Eiche ziehen sich wie Finger darüber. Livia beugt sich neugierig zum Hügel hinunter. Das Summen ist jetzt lauter. Es kommt aus der Tiefe der Eiche.
Livia kniet sich hin. Zwischen den Wurzeln blitzt etwas auf. Es ist ein kleines Licht, das immer wieder blinkt. Wie ein Glühwürmchen. Ganz klein. Das Summen verändert sich, es wird zu einem Flüstern.
«Livia …»
Livia erschrickt. Hat der Baum gerade ihren Namen gesagt?
«Livia und Silver …»
Und dann ruft die Stimme noch einmal, deutlicher.
«Livia und Silver …»
Livia legt ihre Hand auf das Moos. Es ist warm. Lebendig. Ihr Herz pocht wie wild, aber nicht vor Angst – da ist ein merkwürdiges Gefühl, das sie nicht kennt. Wie eine Ahnung von einem Abenteuer, das ganz leise beginnt. Und der Baum ruft auch nach ihrem Bruder.
«Livia und Silver …»
«Warte. Ich komme wieder», flüstert sie. «Ich hole Silver.»
Sie rennt zum Haus und stürmt in die Werkstatt.
«Silver, du musst mitkommen!», ruft sie atemlos. «Ich habe etwas entdeckt. Du musst ganz schrecklich dringend mitkommen!»
«Ach, Livia», sagt Silver, während er an seinem Holz weiterfeilt. «Ich habe wirklich keine Zeit. Schau mal, was wir schon gemacht haben.» Er zeigt ihr stolz ein paar Tierfiguren. Eine Eule, ein Löwe, ein Reh und einen Dachs.
«Jaja», sagt Livia hastig, «die sind wunderschön. Aber bitte, bitte komm mit, ich muss dir unbedingt etwas zeigen.»
Silver sieht Livia erstaunt an. Sie ist sonst immer ausgeglichen und ruhig. Aber jetzt scheint sie ganz aufgeregt zu sein. Als ihr Zwillingsbruder kennt er sie sehr gut und spürt immer, wenn sie etwas beschäftigt.
«Geh nur», sagt Großvater, «ich mache hier weiter. Es kann wirklich nichts schaden, wenn du dich heute auch noch ein bisschen bewegst und nicht stundenlang bei einem alten Mann herumsitzt.»
«Okay», sagt Silver. «Du hast recht. Ich kann wirklich Bewegung brauchen. Ich komme mit.»
«Beeil dich», drängt Livia und zappelt unruhig herum.
«Kinder, wenn es dunkel wird, kommt ihr zurück, hört ihr!», ruft Großvater ihnen nach.




Kapitel 2
Das Tor öffnet sich


Livia rennt so schnell voraus, dass Silver kaum mitkommt. Außer Atem kommen sie bei der großen Eiche an. Zuerst fühlt sich alles völlig normal an, kein Licht, kein Summen, kein Flüstern. Die Vögel zwitschern, die Blätter bewegen sich sanft im Wind.
Livia kniet sich auf den Hügel und lauscht.
«Und? Was möchtest du mir unbedingt zeigen?» fragt Silver ungeduldig.
«Pscht», sagt Livia leise und legt den Zeigefinger auf den Mund. Sie flüstert zum Baum: «Hallo, Baum. Wir sind jetzt hier. Livia und Silver sind hier.»
Silver rollt die Augen zum Himmel. «Was soll dieser Unsinn, Livia», sagt er ein bisschen verärgert. «Ich gehe zurück zu…»
«Nein. Warte nur, warte!», flüstert Livia leise. Noch einmal redet sie zur alten Eiche. «Lieber Baum, Livia und Silver sind hier.»
Silver muss laut lachen. «Komm, Livia, das ist doch Quatsch.»
Aber Livia bedeutet ihm noch einmal zu schweigen. Plötzlich wird es wieder totenstill im Wald, kein Laut, kein Wind. Silver hat auf einmal eine Gänsehaut. Unter dem Moos blinkt das Lichtlein wieder und dann hören es beide sehr deutlich: «Livia und Silver! Livia und Silver!»
«Lass uns abhauen, Livia», flüstert Silver. «Da stimmt etwas nicht.»
Aber Livia greift ins Moos und versucht, das Lichtlein zu fassen. Da öffnet sich ein kleiner Spalt, aus dem noch mehr Licht dringt. Die Kinder halten den Atem an und blicken nun beide in die Öffnung, die sich immer mehr weitet. Ein warmer Nebel strömt heraus, umfasst sie sanft und zieht sie in die Erde hinein. Beide schreien kurz auf, aber vor lauter Schreck wehren sie sich nicht und lassen sich mittragen. Der Nebel ist weich und warm, es ist wie ein sanftes Schweben in einer Wolke. Die Kinder fühlen sich wie im Traum, jede Angst fällt von ihnen ab. Sie fallen und fallen.




Kapitel 3
Die Welt unter dem Hügel


Livia und Silver wissen nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Sie landen sanft auf einer großen Wiese voller Pflanzen und Tiere. Wie aus einem tiefen Schlaf erwacht, sehen sie sich etwas benommen um.
«So viele Tiere», flüstert Silver. «Schau doch mal, Livia. Da sind nicht nur Waldtiere, sondern auch wilde Tiere, Löwen, Affen, Elefanten.»
«Und schau, was für schöne Blumen und Bäume!», sagt Livia. «Und kleine Bäche und Wasserfälle. So wunderbar alles. Wie verzaubert.»
Ein paar Tiere nähern sich neugierig und beschnuppern die Zwillinge. Die Kinder verspüren keine Angst, nur Neugier und ein warmes Gefühl, das sie an etwas erinnert. So fühlt es sich an, wenn man sich auf etwas freut, denkt Livia. Auf den Geburtstag oder auf Weihnachten. Man weiß, dass etwas Schönes passieren wird. Es wird dann ganz wohlig im Bauch.
«Wo sind wir hier?», fragt Livia.
«Ihr seid in der geheimen Unterwelt», sagt eine Eule, die auf dem Rücken eines mächtigen Löwen sitzt. «Wundert euch nicht, wir alle können die Menschensprache sprechen. Und wir sind ganz friedlich. Niemand wird hier gefressen oder bedroht. Ihr müsst keine Angst haben.»
Livia und Silver staunen. Jetzt fällt ihnen auch auf, dass auf dieser wundervollen Wiese eine sanfte Dämmerung liegt.
«Warum sind wir hier?», fragt Silver die Eule. Aber die blinzelt nur mit den Augen und schweigt. Der Löwe legt sich majestätisch vor die Füße der Kinder. Dazu kommen ein Reh und ein Dachs.
«Schau doch mal, Livia», flüstert Silver. «Die sehen ja genauso aus wie die Tiere, die ich geschnitzt habe.»
«Du hast recht, Silver. Das ist ja merkwürdig.»
Der Löwe schüttelt jetzt seine prächtige Mähne. «Das ist nicht merkwürdig», sagt er. «Wir haben auf euch gewartet. Auf zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, die ein Herz haben für Tiere und die Natur. Ihr wurdet ausgesucht unter allen Kindern der Welt. Wir sind so unendlich dankbar, dass wir euch gefunden haben. Dass ihr Zwillinge seid, ist unser größtes Glück. Das macht alles viel leichter.»
Livia und Silver schauen sich an. Sie verstehen gar nichts. «Aber was wollt ihr von uns?», fragt Livia. «Und sollten wir nicht längst wieder zu Hause sein? Unsere Großeltern machen sich sicher schon große Sorgen.»
«Keine Angst», sagt das Reh, «dafür ist gesorgt. Sie werden gar nichts merken. Bei uns läuft die Zeit anders.»
«Aber…», sagt Silver. Der Dachs unterbricht ihn. «Nichts aber», sagt er. «Ihr müsst uns einfach vertrauen und gut zuhören. Alles wird gut. Wir brauchen euch hier unten, aber wir leihen euch nur ein bisschen aus und lassen euch nachher wieder in eure Welt. Niemand dort oben wird etwas merken, versprochen.»
Livia ist etwas mulmig zumute. Aber was bleibt ihr anderes übrig, als den Tieren zu vertrauen?
«Also», sagt sie, «dann erklärt uns doch jetzt, was wir für euch tun können.»




Kapitel 4
Der Diebstahl


Der Löwe beginnt zu erzählen von ihrer schönen Unterwelt, die bis vor Kurzem in einem prächtigen, warmen Licht eingebettet lag. Alles blühte und war im Gleichgewicht, die Tiere lebten friedlich und freuten sich des Lebens. Aber seit ein paar Wochen wird es immer dunkler. Nur ganz langsam, aber deutlich spürbar.Die Tiere waren besorgt und gingen zur Hüterin des Lichts. Sie heißt Myra und ist eine kleine, kluge Maus. Sie verwaltet und regelt die Helligkeit in der Unterwelt und stellt mit ihrem Vorrat an Lichtfunken immer wieder das Gleichgewicht des Lichts her. So geht es allen Lebewesen und der Natur immer gut. Natürlich war Myra sehr bekümmert, als sie merkte, dass die Lichtfunken verschwunden waren. Wenn die Unterwelt ganz dunkel würde, könnte kein Tier, keine Pflanze mehr darin leben.
Sie fragte überall herum. Vielleicht hat ja ein Tier gesehen, wer die Lichtfunken gestohlen hat? Und tatsächlich. Die Vögel im Wald hatten beobachtet, dass ein Drache die Lichtfunken stahl, als Myra schlief. Sie waren dem Drachen gefolgt, aber er war in den Schattensumpf getaucht und schnell verschwunden. Die Vögel trauten sich aber nicht, ihm zu folgen und ihre schöne Unterwelt zu verlassen. Sie flogen zurück und erzählten Myra alles.
Myra war ganz verzweifelt. Was sollte sie jetzt tun? Wie konnte sie ihre Lichtfunken zurückholen? Sie suchte alle älteren, weisen Tiere auf. Vielleicht hatten die schon einmal so etwas erlebt und wussten, was getan werden musste? Aber niemand wusste Rat. Die urältesten Tiere, ein blinder Gorilla und ein tauber Elefant, konnten sich nicht erinnern, dass das schon einmal passiert war. Noch nie war ein Tier aus der dunklen Unterwelt hinter dem Schattensumpf in ihre Welt eingedrungen.
...

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