Cover: LEH, der kleine Schneeleopard

LEH, der kleine Schneeleopard
Eine Reise in den Himalaya auf der Suche nach dem großen, weißen Bruder und eine Heimkehr zu sich selbst


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 140
ISBN: 978-3-99130-829-4
Erscheinungsdatum: 07.10.2025
Begleite Leh, den kleinen Schneeleoparden, auf seiner Reise in den Himalaya! Eine herzerwärmende Geschichte über Selbstfindung, Mut und die Kraft der Freundschaft. Für kleine und große Entdecker, die daran glauben, dass in jedem etwas Einzigartiges steckt.
Teil 1


Ankommen in Küsnacht


1. Unter dem Weihnachtsbaum

Mein Name ist Leh, ich bin ein kleiner Schneeleopard, und ich will euch die abenteuerliche Geschichte meiner Reise erzählen. Wie ihr noch erfahren werdet, bin ich kein normaler Schneeleopard, aber ich greife bereits vor. Lasst uns dort anfangen, wo alles begonnen hat.

Ich schlummere eingerollt im Dunkeln vor mich hin. Mich umgibt eine wärmende Hülle aus etwas Festem, das an vier Seiten zusammengehalten wird. Ich fühle einen leichten Druck an meinen Schultern und an meinem Hintern. Um mich herum höre ich Stimmen. Auf einmal kommt mir etwas oder jemand ganz nahe. Durch die mich umgebende Hülle nehme ich wahr, wie ich leicht angestupst und beschnüffelt werde. Dann tapst der Störenfried auch schon weiter und mein kurzer Schreck ist schnell verflogen. Ich schließe die Augen und schlummere weiter.

Ein Rascheln um mich herum reißt mich aus meinem friedlichen Schlummerzustand. Es hat mich jemand hochgehoben und macht sich an der Hülle, die mich schützend umgibt, zu schaffen. Der leichte Druck an meinen Schultern und an meinem Hintern lässt nach. Auf einmal umgibt mich warmes Licht. Ich blinzle und erblicke direkt vor mir einen Tannenbaum, jedoch nicht einen Tannenbaum in einem Wald, sondern einen Tannenbaum in einem warmen großen Raum. Der Baum ist auch nicht einfach ein Baum, sondern eine reich mit Kugeln, Figuren und sich in der Wärme bewegenden Engelshaaren geschmückte Rottanne. Das Licht und die Wärme, die mich und alle Anwesenden einhüllt, stammen von roten Wachskerzen, welche die ausladenden Äste des Baumes zieren.

An meiner linken Wange spüre ich auf einmal etwas Kaltes und Nasses. Eine schwarze Nase, die mitten auf einer weißen mit Tasthaaren gespickten Schnauze prangt. Die Schnauze wiederum gehört zu einem kleinen weißen Hund mit schwarzen Knopfaugen, einem schwarzen Fleck auf dem Kopf und einem schwarzen Fleck auf dem Rücken. Das weiße Ungetüm ist, obwohl klein, sicher viermal so groß wie ich. Etwas mulmig wird mir im ersten Augenblick schon. Es stellt sich jedoch heraus, dass ich nicht in Gefahr schwebe. Denn das Ungetüm ist eine 12-jährige Jack-Russel-Hündin, die auf den Namen Pipi hört. Meistens tut sie dies jedenfalls. In meiner Zeit in Küsnacht lerne ich sie besser kennen und verstehe, dass sie einen sanften und zurückhaltenden Charakter hat. Lediglich wenn sie mit ihrem Frisbee spielt, kann sie doch sehr laut und nervig sein und sie mag es nicht, wenn sich ihre Menschen umarmen und küssen, ohne dass sie auch mit dabei sein darf. Eifersucht nennt man das, glaube ich. Aber ich greife bereits wieder vor. Halten wir hier noch fest, dass ihr Interesse an mir, weil ich nicht essbar bin, schnell wieder verflogen ist.

Die Freude über mein Auftauchen aus dem Packpapier, die Hülle, in der ich mich befand, ist groß. Die Hände, die mich ausgepackt haben, heben mich behutsam hoch. Die kleine Runde der vier Menschen, die hier gemütlich beisammensitzen und feiern, bestaunt mich und kommt einstimmig zum Schluss, dass Leh ein würdiger Name für mich sei. Das Fest, an welchem ich in meiner neuen Familie angekommen bin, heißt Weihnachten und wird jedes Jahr im Rahmen der Familie gefeiert. Ein schönes Fest der Besinnlichkeit, der Liebe und der vielen Leckereien.

Der Abend plätschert weiter dahin. Ich, Leh, mir gefällt mein Name, sitze gemütlich auf einem weichen weißen Sessel zwischen den beiden jungen Menschen, einem Weibchen und einem Männchen, und beobachte mit großem Interesse, was um mich herum geschieht.

Es wird sich noch herausstellen, dass mein Name, Leh, den ich bereits jetzt sehr mag, eine wichtige Rolle in der weiteren Geschichte spielen wird. Ist es doch genau dieser Name, der mich zum Nachdenken anregt und erste Fragen betreffend meine Herkunft aufwerfen wird.
Der Name Leh soll also der initiale Funke werden, der das Feuer der Unruhe entfacht und mich zu einer abenteuerlichen Reise aufbrechen lässt. Eine Reise, die mich in die weite Ferne führt und mir in vieler Hinsicht die Augen öffnet.




2. Ankunft in Küsnacht


Nach den Weihnachtsfeierlichkeiten trete ich wohl verpackt in einer warmen Tasche, in der es nach Weihnachtsgebäck, Zimt, Muskatnuss und vielen weiteren mir unbekannten Gewürzen riecht, meine erste Reise an. Es ist wenig verwunderlich, dass ich nervös bin und mein Herz in meiner kleinen Brust wie verrückt hämmert. Bis jetzt weiß ich noch nicht, wohin es geht und was am neuen Ort auf mich wartet.

Mit mir kommen die beiden jungen Menschen, die ich bereits ins Herz geschlossen habe, und das kleine weiße Untier, wie hieß es noch gleich, ah ja, Pipi.

Diese erste sehr behütete und komfortable Reise in meiner Tasche führt mich nach Küsnacht in Zürich, in eine hübsche Wohnung, welche neben Pipi und den beiden Menschen noch weitere Bewohner beherbergt. Einer dieser Bewohner mausert sich sehr rasch zu meinem besten Freund. Aber alles der Reihe nach. Zurück zu meiner Ankunft in meiner neuen Bleibe.

Der Motorenlärm verstummt, Türen werden geöffnet, dann gibt es einen Ruck, meine Transporttasche, die ich mit herrlichen Düften und mehr teile, wird hochgehoben. Es folgen wenige Minuten Geschaukel, mir wird etwas flau im Magen, ein zweiter Ruck und dann öffnet sich der Reißverschluss der Tasche. Behutsam werde ich von zwei warmen Händen aus der Tasche genommen, kurz gedrückt und dann auf eine weiche Decke auf einem großen Bett gesetzt. Einen Moment lausche ich den Geräuschen, die Geschäftigkeit vermuten lassen. Ich strecke meine bei der Fahrt etwas steif gewordenen Glieder, räkle mich auf dem kuscheligen Untergrund und lege zufrieden den Kopf auf meine Pfoten. Dann lasse ich meinen Blick schweifen.

In einem großen Spiegel mir gegenüber erkenne ich mich selbst und im selben Atemzug realisiere ich, dass neben mir auf der Decke noch jemand sitzt oder aufgerichtet steht. Blitzartig, meine Reflexe funktionieren ganz hervorragend, setze ich mich auf und gehe in eine Kauerstellung, bereit, mich zu verteidigen oder mich mit einem Sprung auf das nahegelegene Nachttischchen zu retten.

Sprungbereit betrachte ich mein Gegenüber. Ein auf den Hinterbeinen stehendes schlankes braunmeliertes Tier, das die Vorderpfoten unter der Brust adrett angezogen hat und seine glänzende schwarze Nase, die in einer spitzen Schnauze prangt, in meine Richtung streckt. Bei der Aufnahme meiner Witterung vibrieren die feinen Tasthaare im schmalen Gesicht meines Gegenübers. Zwei kluge, kugelrunde schwarze Augen nehmen mich genau ins Visier. Der Körper des Tieres ist angespannt und biegt sich mehr interessiert als bedrohlich in meine Richtung. Eine Weile beäugen wir uns schweigend. Dann ist der Moment der Spannung auch bereits verflogen. Auf allen vieren nähert sich mir das Erdmännchen, ein solches habe ich nämlich vor mir, behände. Die schwarze Nase trifft ohne Scheu direkt auf meine und eine mit kleinen Krallen versehene schmale Pfote stupst mich an.

„Wer bist du?“ Ich bin etwas perplex und weiß im ersten Moment nicht, was ich antworten soll. Zögerlich sage ich: „Ich bin Leh“, es entsteht eine kurze Pause, dann blitzen die schlauen Augen meines Gegenübers schelmisch auf: „Schöner Name für einen Schneeleoparden-Winzling, etwas hoch gestochen, aber warum nicht“, bekomme ich als Antwort. Bevor ich zu einem Gegenschlag ausholen kann, plappert mein Gegenüber bereits los. Sein Name sei Tiko, er sei ein anderthalbjähriges Erdmännchen, das seit fast einem Jahr bei den beiden Menschen, Annabelle und John, lebe. Annabelle und John seien sehr angenehme und liebe Zeitgenossen. Der quirlige Tiko erzählt mir, wie gut das Zuhause hier ist. Das Essen schmecke gut, kuscheln dürfe man sehr viel und in der Wohnung gäbe es außer den verschiedenen Bettchen von Pipi keine Tabus. In diesen Bettchen, es gibt in der Wohnung verteilt mehrere davon, riskiere man jedoch, angeknabbert zu werden. Auch die im Sommer sonnige Terrasse und der kleine Garten vor der Küche seien frei zugänglich und sehr einladend, um die trägen Sonnenstunden ausgiebig zu genießen. Im Sommer dürfe man manchmal auch mit auf den großen blauen Teich, den Zürichsee. Abenteuerlich sei das schon, so auf einem Boot. Weiter erzählt Tiko, dass es verschiedene Arten von Booten gäbe und man bei John und Annabelle nie sicher sein kann, ob es bei den Ausflügen gemütlich oder sportlich zu und her gehe. Abwechselnd würden nämlich entweder ein braunes sehr altes Motorboot mit komfortablen Sesseln, auf denen man sich gemütlich herumfläzen könne, oder ein ganz schmales, langes und eher unbequemes Ruderboot, das fast geräuschlos über das Wasser gleite, für die Ausfahrt gewählt.

Sehr viele Informationen für mich, ich verstehe nicht alles und bin leicht verwirrt. Boote, Wohnung, Tabus, kuscheln, angeknabbert werden. Bevor ich Luft für eine Frage holen kann, denn ich hinterfrage gerne alles, will alles verstehen, analysieren und den Details ganz genau auf den Grund gehen, strömt Tikos Redefluss auch schon weiter.

Nicht weit von der Wohnung habe es auch ein schönes Tal mit einem Bach und einem dichten Urwald, in welchem man spazieren, herumklettern und mit einem Graureiher spannende Gespräche führen könne. „Grau … was“, will ich gerade ansetzen, da geht es aber auch schon weiter. Und dann gäbe es in Zürich auch noch einen Zoo, also einen großen Garten, in welchem ein Teil seiner Familie wohne. Seine Familie besuche er ab und zu im Zoo. In diesem großen Garten seien ganz viele verschiedene Tiere zu Hause. Auch habe es dort einen richtigen, großen Schneeleoparden. Einen Moment herrscht verlegenes Schweigen, Tiko tritt von einem Bein auf das andere und reibt seinen Pfoten mit den scharfen Krallen vor seinem hellbraunen Bauch. So sei das Richtig nicht gemeint gewesen, er wolle damit lediglich sagen, dass es im Zoo auch noch weitere meiner Art gäbe, die jedoch größer seien als ich. Weiter meint Tiko, dass er sich darauf freut, mit mir zusammen den Zoo und das Tobel zu erkunden und mich seinen Freunden und seiner Familie vorzustellen.

Obwohl ich nicht geredet habe, fühle ich mich erschöpft, die vielen Gedanken und unzähligen Fragen, die in meinem Kopf herumgeistern, müssen zuerst geordnet werden. Eins ist klar, ich fühle mich hier willkommen und wohl. Den quirligen Tiko habe ich bereits ins Herz geschlossen. Jetzt brauche ich aber erst mal etwas Ruhe. Tiko knufft mich freundschaftlich in die Seite und hüpft dann in Richtung Küche, weil er dort Geschirr klappern hört und Leckerbissen vermutet.

Ich lege meinen Kopf auf meine Pfoten, atme tief aus und schlummere mit dem Gedanken, an einem sehr schönen Ort gelandet zu sein, ein. In meinem Traum wandere ich im Tobel-Urwald, finde heraus, was ein Graureiher ist, schaukle über den Zürichsee und lerne die vielen Tiere im großen Garten, dem Zoo, wie ihn Tiko genannt hat, kennen. Ich fühle mich geborgen und freue mich auf mein Leben in Küsnacht.




3. Freundschaftliche Bande mit dem Erdmännchen Tiko


In den ersten Wochen in Küsnacht nimmt mich Tiko unter seine Fittiche. Ich lebe mich vorzüglich ein und genieße jeden Moment. Tiko, so schnell, chaotisch und sprunghaft er ist, entpuppt sich auch als guter Zuhörer und beantwortet mir viele meiner brennenden Fragen. So erfahre ich von ihm, wie man sich in der Wohnung zurechtfindet, wo es zu fressen gibt und welches die besten Orte drinnen und draußen sind, um auf der faulen Haut zu liegen. Auch erklärt mir Tiko, was ein Motorboot und ein Ruderboot ist und wie man sich damit fortbewegen kann. Beides habe seinen Reiz. Er ziehe jedoch das Motorboot vor.

Bald ist mir klar, dass Tiko ein aufgeweckter, schlauer Kerl und auch ein wahrer Genießer ist. Hüpft er nicht wild herum und redet, kann er auch faul in der Sonne liegen und den Moment genießen. Dies tun wir in den kurzen Wintertagen in Küsnacht viel zusammen und sinnieren über das Leben.

Ich habe auch großes Interesse daran, mehr über den Zoo zu erfahren. Tiko erzählt mir, wie es im Zoo aussieht, wie man dorthin kommt, wo seine Familie lebt und bei welcher Gelegenheit er meinen Verwandten, den großen Schneeleoparden, gesehen und ein paar Worte mit ihm gewechselt hat. Dies sei bei seinem letzten Besuch im Zoo der Fall gewesen, er habe extra den Umweg über das Schneeleoparden-Gehege auf sich genommen, um dem Leoparden von mir zu erzählen. Wie ich in Küsnacht gelandet und was für ein toller Freund ich sei. Das aus sicherer Distanz geführte Gespräch mit meinem Verwandten sei leider sehr kurz gewesen. Mein Verwandter sei nicht sehr gesprächig und habe auf seine Erzählung lediglich kurzangebunden gebrummt, dass ein richtiger Schneeleopard draußen in der Kälte und nicht zusammen mit einem redseligen Erdmännchen in einer Wohnung leben sollte und Leh eine Stadt im Himalaya und kein Name für einen Schneeleoparden sei. Danach habe er seinen Kopf wieder auf seine Pfoten gelegt und sei eingedöst oder habe ihn, Tiko, lediglich ignoriert.

Die kurze Erzählung von Tiko wühlt mich auf und macht mich nachdenklich, denn das Wort Himalaya löst etwas in meinem Innersten aus, das ich jedoch nicht einordnen kann. „Arroganter Kerl!“, meint Tiko noch dazu, zuckt etwas ratlos mit den Schultern. Als er meine Nachdenklichkeit wahrnimmt, funkelt es in seinen intelligenten schwarzen Augen und er fügt rasch hinzu: „Vielleicht solltest du selbst mit dem Leoparden sprechen, es kann gut sein, dass er mit einem seiner Art viel umgänglicher ist und Freude am Gespräch mit dir findet. Mir schien er nicht bösartig, sondern eher schwermütig. Komm doch einfach mit, wenn ich das nächste Mal meine Familie besuche.“ Tikos Erklärung ist plausibel und meine anfängliche Bedrücktheit verzieht sich beim Schmieden des Plans eines gemeinsamen Ausfluges in den Zoo in den kommenden Tagen ganz schnell wieder.
...
5 Sterne
Meditation in Form eines Abenteuers - 07.12.2025
Lesia

Dieses Buch ist wie Lehs schwarz-weißes Fell – es verbindet auf ideale Weise Gefühlstiefe mit Abenteuer, detailreiche Beschreibungen mit einer dynamischen Entwicklung der Handlung.Die Harmonie der Erzählung ist so spürbar, dass die schwarzen Buchstaben auf dem weißen Seitenhintergrund gegen Ende der Lektüre selbst an Lehs Fell erinnern. Man hat das Gefühl, dass dies von der Autorin ganz bewusst so gestaltet wurde, die auf jedes einzelne Element des Buches mit großer Aufmerksamkeit eingeht.Der Nachklang der Geschichte reicht weit über schöne Assoziationen hinaus. Es bleibt das Gefühl zurück, als hätte man viele Stunden in einer Art Meditation verbracht, auf der Suche nach Antworten auf wesentliche Fragen – und diese Antworten sind gekommen. Mit ihnen ist auch ein tiefes Gefühl der Ruhe eingekehrt.

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