Cover: Jagd auf Spione

Jagd auf Spione


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 148
ISBN: 978-3-7116-0133-9
Erscheinungsdatum: 04.12.2024
Marc, Ueli und Reto sind beste Freunde und verbringen ihre Sommerferien damit, Flugzeuge auf dem Flugplatz bei Luzern zu beobachten. Dabei geraten sie in ein nicht ungefährliches Abenteuer, denn sie sind nicht die Einzigen, die auf dem Platz herumschleichen … 
Kapitel 1

Der erste Ferientag


Die Sonne brannte heiß auf die drei bald siebzehnjährigen Jungen, die im frisch gemähten Gras lagen. Auf dem Bauch liegend, die Köpfe in die Hände gestützt, schauten sie auf dem nördlich der Stadt Luzern liegenden Flugplatz Emmen den startenden und landenden Flugzeugen zu. Marc, Ueli und Reto genossen auf ihrem bevorzugten Beobachtungsplatz den ersten Tag der lang ersehnten Schulferien.
Der Flugplatz lag auf einer weiten Ebene. Im Süden ragte der Pilatus, der berühmte Luzerner Hausberg, wie ein Monolith in den Himmel. Im Norden stieg das Gelände allmählich auf das höher gelegene Luzerner Mittelland mit dem Sempachersee.

»Achtung, 9 Uhr tief«, schrie Ueli. Blitzartig drehten die anderen zwei ihre Köpfe in Richtung Westen. Auf der Pistenachse brauste ihnen im Tiefflug ein Jagdflugzeug Mirage IIIS entgegen. Am Pistenende zog der Pilot das Flugzeug steil an und zündete den im hinteren Rumpfteil eingebauten Raketenmotor SEPR, der mit einer langen, nach hinten schießenden Flamme dem Flugzeug zu zusätzlichem Schub verhalf. Der fast senkrecht hochschießenden Mirage schauten die drei gebannt nach. Das Flugzeug war bereits unsichtbar in großer Höhe, nur das Raketentriebwerk leuchtete wie ein heller Stern am blauen Himmel. »Wow, das war eine Schau«, rief Marc mit Begeisterung. Reto meinte: »Ja, das war eine Schau, aber nicht gerade umweltfreundlich. Die SEPR-Rakete ist eine Dreckschleuder, sie belastet die Umwelt. Sie verbrennt Salpetersäure, gemischt mit Kerosin.« »Aber beeindruckend war es trotzdem«, meinte Marc. Kurz darauf zogen zwei Hawker Hunter, welche aus der Richtung Emmenbrücke dem Pistenanfang zurollten, die drei wieder in ihren Bann. Auch wenn die Mirage und der Hunter total spannend waren, die Jungen warteten auf das gelbe Versuchsflugzeug, den Jetgleiter namens Arbalète. Retos Vater war Ingenieur im Flugzeugwerk Emmen, dessen Gebäude und Konstruktionshallen nicht weit von den drei Kiebitzen entfernt am Rand des Flugplatzes standen. Vom Vater erfuhr Reto, wann und wo auf dem Flugplatz etwas Spannendes zu sehen war. Heute werde ein weiterer Testflug des Jetgleiters Arbalète durchgeführt.

»Was heißt eigentlich Arbalète?«, fragte Ueli. »Ueli, hast du nicht aufgepasst im Französischunterricht? L’Arbalète ist eine Armbrust«, belehrte ihn Reto. »Die Arbalète ist ein verkleinertes Versuchsflugzeug im Größenverhältnis 2/3 zum neuen Kampfflugzeug N-20, das im Flugzeugwerk im Bau ist. Der Zweck dieses gelben Versuchsflugzeugs ist die Erprobung der Aerodynamik und verschiedener anderer Flugeigenschaften für den neuen N-20 Jet«, erklärte Reto, »Mein Vater erzählte mir, aus dem Ausland sei schon verschiedentlich versucht worden, via Spionage an die neuen, revolutionären Flugdaten heranzukommen. Bis jetzt hätten diese unerwünschten Angriffe aber abgewehrt werden können. Für genaue Flugdaten und Konstruktionspläne würden Millionen bezahlt, da käme so mancher Spion gerne ins Geschäft.«
Der Ausruf von Ueli, »Achtung, 9 Uhr tief«, ist eine Ortsangabe und bestimmt den Standort eines Objekts. Mit einem gedachten Uhrzifferblatt, 12 Uhr im Norden. Im Uhrzeigersinn folgend ist Osten 3 Uhr, Süden 6 Uhr und Westen 9 Uhr. »Achtung, tief« heißt ein Gegenstand auf dem Gelände oder knapp darüber. »Hoch« bedeutet hoch am Himmel. »Mittel« ist ungefähr zwischen »tief« und »hoch«. Als Ueli »Achtung, 9 Uhr tief«, schrie, erspähte er die tieffliegende Mirage aus Richtung West.

Die drei bemerkten, wie Mechaniker ein Hallentor öffneten. Ein kleines Fahrzeug zog das gelbe Versuchsflugzeug aus der dunklen Halle ins gleißende Sonnenlicht. »Wow, jetzt geht’s los«, rief Marc begeistert. Reto erklärte weiter: »Die Arbalète ist ein Nurflügler, das sind deltaförmige Flügel mit einem Seitenleitwerk und vier Turbinen, die am Flügelende übereinander platziert sind. Zwei Triebwerke oberhalb des Flügels, zwei darunter. Aus Gewichts- und Platzgründen besitzt die Arbalète keinen Schleudersitz. Im Rumpf ist eine sogenannte Blackbox untergebracht. Dieses Aufnahmegerät registriert alle Messdaten während des Flugs. Die Ingenieure können so nach der Landung die Flugabfolge genau nachvollziehen und die Messdaten für die Weiterentwicklung des N-20 Flugzeugs auswerten. Bei einer nicht mehr kontrollierbaren Störung verlässt der Pilot das Flugzeug mit dem Fallschirm. Um die Blackbox zu retten, löst der Pilot durch eine kleine Sprengung die Box vom Flugzeug. Das Aufnahmegerät gleitet daraufhin sicher zu Boden. Die Bodenberührung aktiviert dann einen Sender, um die Box zu lokalisieren.«

Heute sollte aber noch etwas Außergewöhnliches getestet werden. Ein Bekannter von Retos Vater, Ingenieur Winter, hatte ein neues Kurzstartverfahren, POHWARO genannt, für Flugzeuge entwickelt.
Dabei handelt es sich um eine umweltfreundliche Flugzeugstartrakete, die mit Wasserdampf den zusätzlichen Startschub erzeugte. In der zylinderförmigen Rakete werden 250 Liter Wasser auf 360 Grad Celsius erhitzt. Dieser Heißdampf entweicht durch das Öffnen von zwei Ventilen und gibt den nötigen Startschub. Das Kurzstartverfahren ist für kurze oder beschädigte Flugpisten geeignet. Die Rakete funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie man es vom Loslassen eines prall aufgeblasenen Ballons kennt.
Heute sollte eine Mirage mit zwei unter dem Rumpf befestigten POHWARO-Raketen einen Starttest durchführen. Bei solchen Gelegenheiten hatten die drei Freunde jedes Mal die Nasen nicht zuvorderst, aber immerhin weit vorne. Sie hatten auch schon vom Sicherheitspersonal zurückgepfiffen werden müssen. Plötzlich stieß Ueli Reto mit dem Ellbogen in die Seite. Letzterem entfuhr: »Aua, was ist los?« »Schaut mal den komischen Typ hinter uns.«, raunte Ueli. Die beiden andern drehten sich um und fragten: »Was findest du komisch an ihm?« »Weiß nicht, hab nur so ein Gefühl.« Der Typ schien die drei im Gras Liegenden nicht zu beachten. »Es ist schon eigenartig, bei dieser Hitze eine Jacke zu tragen. Habt ihr das gesehen? Er hat in der vorne halb geöffneten Jacke mit einer Kamera Aufnahmen gemacht«, flüsterte Ueli. Nicht sehr weit entfernt am Zaun hing eine Tafel: »Militärische Anlage Fotografieren verboten.«
Ueli erhob sich plötzlich auf die Knie und massierte mit den Händen die Unterschenkel: »Ich liege auf einer Ameisenstraße, es kribbelt und krabbelt überall. Wir verlagern uns besser auf unseren Aussichtspunkt.« Einen Steinwurf entfernt erhob sich ein alter, grasüberwachsener Bunker. Zuoberst lud eine bequeme, ameisenfreie Sitzbank zum weiteren Beobachten ein. Beim Aufstieg auf halber Höhe riss Reto ein Kräuterbüschel ab und hielt es Marc unter die Nase: »Was ist das?« »Weiß nicht, riecht aber würzig gut.« »Wilder Thymian«, belehrte ihn Reto. »Vom Triebwerk verbranntes Kerosin riecht aber ebenso gut«, bemerkte Marc lachend. Ueli meinte: »Thymian ist mein Lieblingsgewürz, um Speisen zu verfeinern.«

Obschon sie gute Freunde waren, außer dem gemeinsamen Hobby der Fliegerei waren ihre Interessen ganz verschieden. Marc war der Techniker, alles, was mit Ingenieurwissen und Technik zu tun hatte, fand er spannend. Reto war eher mit der Biologie vertraut. Pflanzen, Tiere und Umwelt beschäftigten ihn. Und dann war da noch Ueli, der ein begeisterter Hobbykoch war und die beiden anderen manchmal mit Kochrezepten nervte. Seine Eltern besaßen ein mittelgroßes Hotel in der Stadt Luzern. Ueli liebte es, in der Hotelküche zu experimentieren. Wenn etwas gelang, hatten die Freunde schon oft davon probieren dürfen. Er wollte das Hotel seiner Eltern später einmal übernehmen. Trotz der Verschiedenheit ihrer Interessen gingen sie zusammen durch dick und dünn. Wenn einer nicht mehr weiterwusste, kam sicher ein anderer auf die Lösung. Inzwischen entfernte sich der Fremde und schritt gemächlich, als wäre er ein Aviatikfan, der Straße zu. »Den will ich mir mal genauer anschauen«, sagte Ueli, und schon verließ er mit einem Sprung den Beobachtungshügel. Er folgte dem Fremden mit genügend Abstand, um keinen Verdacht zu erwecken. Was als harmlose Beobachtung begann, sollte die drei in ein nicht ungefährliches und riskantes Abenteuer verwickeln. Als Ueli den Blicken von Marc und Reto entschwunden war, fesselte das Geschehen vor der Halle die beiden.

Da stand die gelbe Arbalète, die zu vibrieren schien. Es war die heiße Luft auf dem Betonvorplatz, die das Flimmern des gelben Rumpfes verursachte. Das Kabinendach war zurückgestoßen und eine Einstiegsleiter ans Cockpit gestellt. Der Testpilot schnallte sich mithilfe eines Mechanikers an. Daraufhin führte er Checks anhand einer Liste durch.

Mit dem Steuerknüppel und den Fußpedalen bewegte der Pilot die Seiten- und Höhenleitwerke zur Prüfung hin und her. Der Mechaniker, inzwischen in genügendem Abstand vom Flugzeug, gab dem Piloten Jean Mathys mit dem Arm ein Zeichen, dass rund ums Flugzeug alles in Ordnung sei. Dann begannen die vier Turbinen eine nach der anderen zu heulen. Das hohe Pfeifen der Triebwerke im Leerlauf ging in ein Dröhnen über, als der Pilot mehr Schub gab und das Experimentierflugzeug langsam zu rollen begann.

Auf dem Weg zum Startplatz, keine zehn Meter entfernt, erblickten Reto und Marc den Piloten im Cockpit und winkten ihm begeistert. Mit der Hand begrüßte der Pilot die beiden, dann konzentrierte er sich wieder auf das Flugzeug. Noch ahnten weder die Freunde noch der Pilot, dass sie sich bald unter ungewöhnlichen Umständen persönlich kennenlernen würden. Nach Erreichen des Pistenanfangs blieb die Arbalète einige Minuten stehen, um einer anfliegenden und landenden Mirage den Vortritt zu lassen. Ein weißer Bremsschirm verringerte die Landegeschwindigkeit der Mirage. Auf Höhe der beiden jungen Beobachter löste sich der Bremsschirm vom Flugzeug und fiel in sich zusammen. Ein Mechaniker sammelte das auf der Piste liegende Stoffpaket ein und trug es zu einem Fahrzeug. Nun wurde der Start für die Arbalète freigegeben. Gleichzeitig mit dem Losrollen vernahmen sie das Aufheulen der Triebwerke. Schon nach kurzer Rollstrecke löste sich das Flugzeug von der Asphaltpiste und begann einen Steigflug. Das Konzept des neuen Flugzeugprojektes waren auch minimale Start-und Landerollstrecken. Auf der Höhe der beiden flog die gelbe Arbalète bereits auf 300 Meter Höhe. Mit einer leichten Rechtskurve entschwand sie ihren Blicken.

Ueli, der dem Fremden nachschlich, erfuhr geheimnisvolle Sachen. Er konnte den Fremden, der sich mit einem zweiten Mann unterhielt, auf dem Parkplatz belauschen. Die startende Arbalète verursachte dann aber einen solchen Lärm, dass er vom weiteren Gespräch der beiden nichts mehr verstand. Kurz darauf beendeten die zwei Männer ihr Gespräch. Der zweite Mann fuhr mit einem weißen Porsche weg. Ueli erkannte am Porsche ein Aargauer Kennzeichen. Da die Distanz zum Auto zu groß war, konnte er die Zahlen nicht erkennen.

Plötzlich fühlte Ueli eine Hand auf seiner Schulter. Er drehte sich um und schaute in die Augen des illegalen Fotografen. Dieser sprach ihn auf Englisch an. Ueli zuckte mit den Schultern, als ob er nichts verstehen würde. In gebrochenem Deutsch meinte der Mann: »Hast du uns belauscht?« Ueli erwiderte: »Nein, ich habe nichts verstanden. Es ist verboten, auf dem Flugplatz zu fotografieren.« Ungehalten herrschte der Mann Ueli an:
»Kümmere dich um deine Sachen, stecke nicht die Nase in Angelegenheiten anderer Leute!« Nach dem kurzen Intermezzo mit dem Jungen entfernte sich der Fremde und stieg in einen silberfarbenen Range Rover. Aus größerer Distanz konnte Ueli gerade noch die Autonummer erkennen. Mit einem in der Hosentasche gefundenen Filzstift schrieb er die Nummer auf seinen Handrücken, um später den Autobesitzer ausfindig zu machen. Diese erste Begegnung mit dem Mann war der Anfang eines ungewollten Abenteuers.
Nun nichts wie los, zurück zu den Kameraden. Am Fuße des Beobachtungshügels angekommen, erklomm Ueli mit zwei großen Sprüngen den Hügel. Dort warf er sich auf den Rücken ins Gras. »Pass doch auf, hier ist ein Heupferd im Gras«, rief Reto. »Aua, das Pferd hat mich mit den Hinterläufen getreten«, grinste Ueli. »Quatschkopf, das grüne Heupferd misst bis zu fünf Zentimetern und ist die größte Heuschrecke in unserer Gegend. Sie tritt niemanden, kann aber kräftig zubeißen. Ich habe es selbst erfahren, als ich eine Heuschrecke in die Hände nahm. Nun erzähl, was hast du gesehen und erfahren?« »Mir wird es hier zu heiß, zudem habe ich einen riesigen Durst. Fahren wir nach Hause, dort werde ich euch alles erzählen. Es wird spannend«, meinte Ueli. »Ich möchte noch der Mirage mit den Heißdampf-Startraketen zusehen«, rief Reto, »denn mein Vater erklärte mir, dass der Start um diese Zeit stattfinden werde.« Sie mussten nicht lange warten, da rollte ein Mirage-Fotoaufklärer auf die Hauptpiste. »Seht ihr die zwei langen roten Zylinder unter dem Rumpf? Das sind die POHWARO.« Mit genügendem Abstand zu der Hauptpiste stellten sich Messfahrzeuge auf. Die Mirage drehte auf der Piste Richtung Emmenbrücke und positionierte sich auf der Pistenachse. Vor dem Losrollen ließ der Pilot das Triebwerk ein paarmal hochfahren. Als das Flugzeug langsam zu rollen begann, schwoll der Triebwerkslärm an. Nach zehn Metern Rollstrecke zündete der Pilot den Zusatzschub, den Nachbrenner. Die drei schützten wegen des infernalen Donnerns des Triebwerks die Ohren mit den Händen. Auf der Höhe der Jungen öffnete der Pilot die Ventile der Startraketen. Mit einem lauten Zischen, das sich unter das Donnern des Triebwerks mischte, schossen zwei Dampfstrahle 20 Meter weit aus den Zylindern unter dem Rumpf. Das Flugzeug beschleunigte rasant, nach kurzer Strecke hob sich das Bugrad und die Mirage löste sich vom Boden. Die ganze Piste war voll weißen Dampfs, der durch einen leichten Wind zu den Jungen geweht wurde. »Puhhh, es ist heiß wie aus dem Dampfkochtopf, wir werden ganz nass. Fahren wir jetzt zurück«, meinte Ueli. Dass dieser Dampf gar nicht so harmlos war, würden die drei Freunde in ein paar Tagen erfahren.
...
4 Sterne
Vorzäglich - 10.06.2025
Guido Schraner

Das Jugendbuch ist sehr unterhaltsam geschrieben und aber auch spannend. Der Autor kennt die Örtlichkeiten und hat ein technischen Verständniszudem kennt er die Charaktere der Jungen und Mädchen. Eine Abweichung habe ich nicht festgestellt.Das Buch wirkt fast schon wie eine Werbung für den Tourismus in der Schweiz.

5 Sterne
Sehr spannende Spionagegeschichte mit viel Wissen aus der Flugtechnik untermauert.  - 16.12.2024
Michèle

Eine spannende Abenteuer erzählt eine fiktive Spionagegeschichte im Raum Luzern, im Zentrum der Schweiz, mit vielen fundierten Recherchen im Bereich der Flugtechnik. Fesselnd geschrieben und mit viel Wissen über Technik und Natur untermauert. Für junge Erwachsene und alle Jung geblieben eine tolle Geschichte. 😉

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