Die Heldin in mir
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 146
ISBN: 978-3-7116-0767-6
Erscheinungsdatum: 04.05.2026
Lisa ist ein unscheinbares Mädchen, das in der Schule gemobbt und zu Hause kaum beachtet wird. Ängstlich und unglücklich sucht sie Trost in Büchern. Ein Buch über die Heldentaten des Herkules schickt sie eines Tages auf eine Reise, die ihr Leben verändert.
Kapitel 1
Die Flucht in die Bücher
Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben von Lisas Zimmer. Es war ein grauer, kühler Nachmittag, der so schwer auf ihrer Brust lag wie die Worte, die sie am Morgen in der Schule gehört hatte. „Fette Kuh“, „komischer Bücherwurm“ – die vertrauten Sticheleien ihrer Klassenkameraden hallten in ihrem Kopf nach. Obwohl es nicht das erste Mal war, dass sie solche Worte hörte, stachen sie jedes Mal neu. Lisa hatte sich angewöhnt, auf Durchzug zu stellen, wenn sie ausgelacht wurde, doch an manchen Tagen, wie heute, war es schwer, den Knoten in ihrer Brust zu ignorieren.
Sie hatte gehofft, dass es zu Hause besser sein würde, doch auch dort herrschte Krieg – nur dass er leise geführt wurde, mit scharfen Worten und kalten Blicken. Vom Flur hörte sie ihre Mutter und ihren Vater streiten. Es ging wieder um die gleiche Sache wie immer: Rechnungen, Verpflichtungen und wie wenig der jeweils andere dazu beitrug, dass ihre Ehe funktionierte.
Lisa kniete sich auf ihr Bett und zog die Decke um sich, als könnte sie sich damit unsichtbar machen. „Wäre ich nur mutiger … oder stärker … dann wäre alles anders.“ Der Gedanke kam ihr so oft, dass er schon zu einem stillen Begleiter geworden war. Was wäre, wenn sie jemand wie Herkules wäre, dieser mächtige Held, der alle Herausforderungen meisterte und Monster besiegte? Aber Lisa war nicht Herkules. Sie war nur Lisa – ein unscheinbares, leicht pummeliges Mädchen, das in der Schule gemobbt und zu Hause übersehen wurde.
Als das Geschrei im Flur lauter wurde, kroch Lisa noch tiefer unter die Decke. Hier, in ihrem Bett, unter dem warmen Stoff, war der einzige Ort, an dem sie sich sicher fühlte. Die alte, schief stehende Nachttischlampe verbreitete ein sanftes Licht, das in der Dunkelheit ihres Zimmers wie eine kleine Insel aus Wärme wirkte.
Sie zog das Buch unter ihrem Kissen hervor. Der Einband war schon abgewetzt, die Ecken der Seiten leicht eingerissen. Die Heldentaten des Herkules – eines ihrer Lieblingsbücher. Darin gab es nichts von all dem, was sie belastete. Keine Streitigkeiten, keine Hänseleien, keine Unsicherheiten. Nur Abenteuer, Mut und Stärke. Und all das lag auf den Seiten vor ihr, wartete nur darauf, dass sie hineintauchte.
Sie schob sich die Brille auf die Nase und blätterte durch die ersten Kapitel. „Der Kampf mit dem Nemeischen Löwen“, las sie leise vor. Ihre Finger strichen sanft über die Zeilen, als könnte sie die Geschichten spüren. Mit jedem Satz, den sie las, verblasste die Realität ein wenig mehr. Die Stimmen ihrer Eltern verschwanden. Der dumpfe Schmerz der Hänseleien schien wie weggeweht. Es gab nur noch die Welt des Herkules – eine Welt, in der es um Mut, Stärke und das Überwinden von Grenzen ging.
Lisa stellte sich vor, wie es wäre, so zu sein wie er: eine Heldin, die keine Angst kennt und die alle Prüfungen besteht, egal wie schwer sie sind. Was wäre, wenn sie plötzlich auch so stark werden könnte? Wenn sie nicht mehr die stille, unsichtbare Lisa wäre, sondern jemand, den man bewunderte?
Doch sobald sie das Buch zuschlug, war die Magie verflogen. Sie war immer noch in ihrem kleinen Zimmer, die Stimmen ihrer Eltern drangen gedämpft durch die Wände, und die Vorstellung, morgen wieder zur Schule zu gehen, zog einen schweren Schatten über ihren Geist. Lisa stieß einen tiefen Seufzer aus und kuschelte sich in ihr Bett, als könnte sie sich darin vor der Welt verstecken. Nur hier, unter dieser Decke, fühlte sie sich wirklich sicher.
***
Aber heute Nacht sollte etwas anders sein.
Lisa spürte es bereits, als sie auf die Seite umblätterte und erneut in die Abenteuer eintauchte. Ihre Augen wurden schwer, doch ihre Gedanken waren lebendig und klar. Bilder von heldenhaften Schlachten, von gefährlichen Bestien und mythischen Welten flimmerten in ihrem Kopf auf. Plötzlich schien es, als würden die Worte auf der Seite anfangen zu leuchten, zu verschmelzen, zu wirbeln, bis sie nicht mehr lesen konnte – sondern mittendrin war.
***
Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Ihr Bett und ihr Zimmer waren verschwunden. Um sie herum breitete sich eine weite, fremdartige Landschaft aus. Hohe Berge zogen sich am Horizont entlang, der Himmel leuchtete in Farben, die Lisa noch nie gesehen hatte – ein tiefes, magisches Violett, durchzogen von goldenen Wolken. Eine warme Brise wehte ihr ins Gesicht, und auf ihrer Haut fühlte sie den schweren Stoff einer Lederrüstung. Ihre Arme fühlten sich stark an, als wären sie mit neuer Kraft erfüllt.
Lisa blickte an sich herunter und erkannte, dass sie einen gewaltigen, mit Fell überzogenen Umhang trug – wie die legendäre Löwenhaut, die Herkules als Zeichen seines ersten Sieges erlangt hatte. In ihrer Hand hielt sie ein Schwert, dessen Klinge im Sonnenlicht glänzte. War sie wirklich hier? War sie die Heldin dieser Welt?
Ein Zittern lief ihr über den Rücken – war es Angst? Oder Aufregung? Vielleicht beides. Aber zum ersten Mal seit Langem spürte Lisa keine Hilflosigkeit. Hier, in dieser fremden, fantastischen Welt, schien alles möglich. Hier konnte sie mutig sein. Hier konnte sie etwas bewirken.
***
In der Ferne erklang ein tiefes, durchdringendes Brüllen, das die Luft erzittern ließ. Ein Gefühl stieg in Lisa auf, das sie bisher nur in ihren Träumen gekannt hatte: Neugier, gepaart mit Mut. Sie umklammerte das Schwert fester und machte ihren ersten Schritt in diese neue Welt.
Wenn die Realität sie ständig enttäuschte, würde sie ihre eigene Geschichte schreiben – eine Geschichte, in der sie die Heldin war.
Kapitel 2
Der Ruf des Abenteuers
Lisa saß wieder unter ihrer Decke, eingehüllt in das weiche Licht ihrer Lampe. Es war spät geworden, viel später. Der Streit der Eltern im Wohnzimmer war leiser geworden, ein dumpfes Murmeln hinter den Wänden. Der Regen hatte aufgehört, und die einzige Geräuschkulisse war das gelegentliche Rascheln der Buchseiten, wenn Lisa umblätterte.
Ihre Augen glitten über die Worte der Geschichte, die sie schon so oft gelesen hatte: „Herkules trat dem Nemeischen Löwen entgegen. Sein Schwert war nutzlos gegen das unverwundbare Fell des Ungeheuers. Doch Herkules, klug wie stark, legte seine Waffe beiseite und erdrosselte das Biest mit bloßen Händen.“
Lisa ließ die Szene vor ihrem inneren Auge aufleben. Wie wäre es, so stark und mutig zu sein? Wie wäre es, in eine andere Welt einzutauchen, in der Mut und Willenskraft über alles entscheiden? Sie stellte sich vor, die Welt um sich herum einfach hinter sich zu lassen – die Schule, die verletzenden Worte ihrer Mitschüler, das leise Chaos zu Hause.
Während sie die nächsten Zeilen las, begann etwas Seltsames zu geschehen. Die Buchstaben auf der Seite verschwammen plötzlich, als hätte jemand Tinte auf Wasser gegossen. Lisas Augen wurden groß. Sie blinzelte, hielt das Buch ein Stück von sich weg, doch die Worte tanzten weiter wie kleine Funken, die sich auflösen und neu zusammensetzen. Das Papier fühlte sich plötzlich warm unter ihren Fingern an. War sie so müde, dass sie halluzinierte?
Und dann geschah es: Die Seiten des Buches leuchteten in einem sanften, goldenen Licht. Es breitete sich aus, wuchs, bis es die gesamte Decke erhellte und alles um sie herum zu verschlucken schien. Lisa spürte, wie die Welt um sie herum ins Wanken geriet. Ihr Bett, ihr Zimmer, der Streit ihrer Eltern – alles zerfiel in Nebel, bis nichts mehr übrig war.
Mit einem letzten Wirbel aus Licht und Dunkelheit wurde sie nach vorne gezogen – und stürzte in die Geschichte hinein.
***
Lisa landete hart auf dem Boden einer anderen Welt.
Als sie die Augen öffnete, blickte sie auf einen purpurfarbenen Himmel, in dem silberne Wolken wie schwere Segel trieben. Die Luft schmeckte nach Moos und Regen, obwohl die Sonne warm auf ihre Haut schien. Um sie herum erstreckte sich eine mystische Landschaft: Im Norden ragten hohe, gezackte Berge auf, von denen Nebelschwaden herabflossen wie Wasserfälle. Im Süden erstreckte sich ein dichter, dunkler Wald, aus dem geheimnisvolle Geräusche drangen – Rufe und Flügelschläge, die weder Tier noch Mensch zugeordnet werden konnten.
Lisa setzte sich langsam auf. Etwas Schweres fiel von ihren Schultern, und als sie hinunterblickte, verschlug es ihr den Atem. Sie trug eine schwere, lederne Rüstung, und über ihren Schultern hing ein gewaltiges Fell – das goldene Fell einer Bestie, dicht und unverwundbar, genau wie die Löwenhaut, die Herkules einst erbeutet hatte. Die Rüstung schmiegte sich an ihren Körper, als wäre sie nur für sie gemacht, und obwohl sie niemals zuvor ein Schwert gehalten hatte, fühlten sich die Waffen an ihrer Seite merkwürdig vertraut an.
Lisa rappelte sich auf die Beine. Der weiche, moosige Boden gab bei jedem Schritt sanft nach. Sie war größer, stärker – als hätte diese Welt nicht nur ihre Kleidung, sondern auch ihren Körper verändert. Sie war keine unscheinbare, schüchterne 14-Jährige mehr. Hier war sie eine Heldin.
„Bin ich … wirklich hier?“ Ihre Stimme klang kräftiger, fester als sonst. Ein Gefühl durchströmte sie, das sie noch nie zuvor gespürt hatte: Selbstvertrauen. In der echten Welt fühlte sie sich unsichtbar und schwach, aber hier … hier war sie jemand.
Sie streckte ihre Hände aus und ballte sie zu Fäusten. Jede Bewegung fühlte sich leicht an, als hätte ihr Körper die Stärke eines Kriegers. Und doch war da ein leises Flattern in ihrer Brust. Wie hatte sie es hierher geschafft? Und was sollte sie tun?
***
Lisa drehte sich langsam um die eigene Achse und nahm ihre Umgebung in sich auf. Es war eine wunderschöne, aber auch fremdartige Welt. Der Himmel, die Berge, der Wald – alles strahlte etwas Magisches aus, doch auch eine unterschwellige Gefahr lag in der Luft. Ein Gefühl sagte ihr, dass dies kein Ort war, an dem man sich lange aufhalten sollte, ohne ein Ziel zu haben.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch hinter sich – ein tiefes Brüllen, das den Boden unter ihren Füßen erzittern ließ. Es kam aus Richtung des Waldes. Instinktiv legte Lisa die Hand an den Griff des Schwertes, das an ihrer Hüfte hing. Sie zog es ein Stück aus der Scheide, und die Klinge glitzerte im Sonnenlicht wie flüssiges Silber. In diesem Moment wusste sie: Ihre Prüfungen hatten begonnen.
Ein großer Vogel mit dunklen Schwingen flog über sie hinweg, seine Schreie hallten durch die Luft. Lisa folgte ihm mit den Augen und sah, wie er in Richtung der Berge davonflog. Vielleicht war das ein Zeichen – eine Richtung, in die sie gehen musste? Oder sollte sie in den finsteren Wald vordringen, aus dem das Brüllen kam?
Unsicherheit kroch in ihr hoch. Aber dann erinnerte sie sich an die Geschichten von Herkules. Herkules hätte keine Zeit mit Zögern verschwendet. Er hätte das Abenteuer angenommen, ohne zu fragen.
Lisa atmete tief durch und nahm ihre neue Welt in sich auf. Die Entscheidung lag bei ihr – und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich das gut an. Hier konnte sie ihr eigener Held sein.
***
Der Wind trug ein Flüstern zu ihr herüber, eine Stimme, die aus der Ferne zu ihr sprach:
„Willkommen, junge Heldin. Deine Prüfungen erwarten dich. Beweise deinen Mut, finde deine Stärke. Und erinnere dich: Nicht alle Herausforderungen werden mit dem Schwert gelöst.“
Lisa nickte. Die Stimme schien aus der Welt selbst zu kommen, als würde die Luft um sie herum lebendig. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht – das erste echte Lächeln seit langer Zeit.
„Ich bin bereit“, flüsterte sie.
Und mit diesen Worten machte sie ihren ersten Schritt in das Abenteuer, das sie für immer verändern würde.
Kapitel 3
Das Ungeheuer der Dornenberge
Lisa wanderte durch das endlose Tal, das sich vor ihr ausgebreitet hatte. Hohe Gräser streiften ihre Beine, und kleine Glühwürmchen schwebten zwischen den Büschen umher, als würden sie den Weg weisen. Ein Gefühl von Aufregung und Verwirrung durchströmte sie gleichzeitig. War dies wirklich ihre neue Realität, oder träumte sie? Und wenn es kein Traum war – wie sollte sie wissen, was zu tun war?
Da hörte sie das Flüstern im Wind erneut. Es klang sanft, beinahe beruhigend, aber doch fremdartig und geheimnisvoll. „Deine erste Aufgabe liegt vor dir, junge Heldin“, raunte die Stimme, so klar, als würde jemand neben ihr stehen. „Du musst dem Herzen der Dornenberge begegnen. Dort haust ein Wesen, das noch nie ein Held überwinden konnte. Finde es – und finde dich selbst.“
Lisa blieb stehen und lauschte. Der Wind schien eine Richtung vorzugeben, als hätte er Hände, die sie schieben wollten. Ein Kribbeln lief ihr über den Rücken. Dornenberge? Ein Ungeheuer? Ihre Hände umfassten fest das Schwert an ihrer Seite. Der Gedanke an ein solches Abenteuer erfüllte sie gleichermaßen mit Furcht und Entschlossenheit.
„Was ist das für ein Ungeheuer?“, fragte sie leise, doch der Wind war bereits weitergezogen.
Lisa folgte dem Pfad, den der Wind für sie vorgezeichnet hatte. Während sie durch das Tal schritt, stieß sie auf eine kleine Gruppe von Wesen, die am Wegesrand saßen. Auf den ersten Blick wirkten sie wie Menschen – sie sprachen miteinander in gedämpften Stimmen und wärmten sich an einem kleinen, schimmernden Feuer. Doch als Lisa näherkam, erkannte sie, dass sie seltsam anders waren: Ihre Haut schimmerte in einem blassen Grün, ihre Augen leuchteten gelb wie die von Katzen, und ihre Finger waren dünn und lang, als wären sie aus Ranken gesponnen. Um ihre Köpfe wanden sich Schleier aus Moos und Blüten.
Eines der Wesen wandte sich zu ihr um und musterte sie neugierig. „Oh! Ein Menschenkind?“ Es sprach mit einer weichen, singenden Stimme. „Seltsam, dich hier zu sehen. Verirrst du dich, Mädchen?“
Lisa zögerte, aber dann erinnerte sie sich daran, dass sie hier nicht ängstlich sein durfte. „Ich suche die Dornenberge. Der Wind sagte mir, dass ich dorthin gehen soll.“
Die Wesen wechselten Blicke, als hätten sie etwas sehr Interessantes erfahren. Eines der Geschöpfe, das besonders groß und dünn war, beugte sich zu Lisa hinunter. „Die Dornenberge?“ Seine Stimme klang bedächtig, fast besorgt. „Dort lebt das große Dornentier. Hast du wirklich vor, ihm zu begegnen?“
„Ich … ja.“ Lisa straffte die Schultern. „Der Wind sagte, es sei meine Aufgabe.“
Die Wesen schienen darüber zu grübeln, und schließlich sprach eine andere Gestalt, deren Gesicht hinter einem Schleier aus Moos verborgen war: „Das Dornentier ist nicht einfach nur eine Bestie, Kind. Es ist uralt, so alt wie die Berge selbst. Viele haben es mit Gewalt versucht – und alle sind gescheitert. Seine Dornen sind schärfer als jedes Schwert. Es kennt keinen Schmerz und zeigt kein Mitleid.“
„Niemand kann es bezwingen“, fügte ein weiteres Wesen hinzu, das mit einer leisen, traurigen Stimme sprach. „Und niemand, der es versucht hat, kehrte je zurück.“
Lisa schluckte. Die Geschichten, die diese seltsamen Wesen erzählten, klangen beunruhigend. Ein Ungeheuer, das sich nicht verletzen ließ? Ein Feind, den niemand je bezwungen hatte? Für einen Moment spürte sie die alte Unsicherheit in sich aufsteigen – dieselbe Unsicherheit, die sie immer in der Schule gefühlt hatte, wenn ihre Mitschüler sie verspotteten und ignorierten. War sie wirklich stark genug, um sich dieser Prüfung zu stellen?
Doch dann erinnerte sie sich an die Worte der Stimme im Wind. Ihre Aufgabe lag in den Dornenbergen. Wenn sie wirklich stark werden wollte, durfte sie nicht aufgeben.
„Ich muss es versuchen“, sagte Lisa leise, aber bestimmt. „Ich kann nicht zurück.“
Die Wesen sahen sie einen Moment lang schweigend an. Dann nickte das größte von ihnen. „Der Wind hat dich also ausgewählt.“ Seine Augen funkelten wie zwei kleine Sonnen im Schatten. „Dann geh, Menschkind. Folge dem Pfad nach Norden. Aber vergiss nicht: Gewalt allein wird dir nicht helfen. Du musst weise sein, wenn du das Ungeheuer bezwingen willst.“
Ein anderes Wesen trat vor und reichte Lisa ein kleines Bündel, eingewickelt in Blätter. „Hier. Das wird dir auf deinem Weg helfen.“ Als Lisa es entgegennahm und vorsichtig öffnete, fand sie darin eine Handvoll Beeren und ein wenig Brot, das nach Kräutern duftete.
„Danke“, murmelte sie dankbar und legte das Bündel in ihren Beutel.
…
Die Flucht in die Bücher
Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben von Lisas Zimmer. Es war ein grauer, kühler Nachmittag, der so schwer auf ihrer Brust lag wie die Worte, die sie am Morgen in der Schule gehört hatte. „Fette Kuh“, „komischer Bücherwurm“ – die vertrauten Sticheleien ihrer Klassenkameraden hallten in ihrem Kopf nach. Obwohl es nicht das erste Mal war, dass sie solche Worte hörte, stachen sie jedes Mal neu. Lisa hatte sich angewöhnt, auf Durchzug zu stellen, wenn sie ausgelacht wurde, doch an manchen Tagen, wie heute, war es schwer, den Knoten in ihrer Brust zu ignorieren.
Sie hatte gehofft, dass es zu Hause besser sein würde, doch auch dort herrschte Krieg – nur dass er leise geführt wurde, mit scharfen Worten und kalten Blicken. Vom Flur hörte sie ihre Mutter und ihren Vater streiten. Es ging wieder um die gleiche Sache wie immer: Rechnungen, Verpflichtungen und wie wenig der jeweils andere dazu beitrug, dass ihre Ehe funktionierte.
Lisa kniete sich auf ihr Bett und zog die Decke um sich, als könnte sie sich damit unsichtbar machen. „Wäre ich nur mutiger … oder stärker … dann wäre alles anders.“ Der Gedanke kam ihr so oft, dass er schon zu einem stillen Begleiter geworden war. Was wäre, wenn sie jemand wie Herkules wäre, dieser mächtige Held, der alle Herausforderungen meisterte und Monster besiegte? Aber Lisa war nicht Herkules. Sie war nur Lisa – ein unscheinbares, leicht pummeliges Mädchen, das in der Schule gemobbt und zu Hause übersehen wurde.
Als das Geschrei im Flur lauter wurde, kroch Lisa noch tiefer unter die Decke. Hier, in ihrem Bett, unter dem warmen Stoff, war der einzige Ort, an dem sie sich sicher fühlte. Die alte, schief stehende Nachttischlampe verbreitete ein sanftes Licht, das in der Dunkelheit ihres Zimmers wie eine kleine Insel aus Wärme wirkte.
Sie zog das Buch unter ihrem Kissen hervor. Der Einband war schon abgewetzt, die Ecken der Seiten leicht eingerissen. Die Heldentaten des Herkules – eines ihrer Lieblingsbücher. Darin gab es nichts von all dem, was sie belastete. Keine Streitigkeiten, keine Hänseleien, keine Unsicherheiten. Nur Abenteuer, Mut und Stärke. Und all das lag auf den Seiten vor ihr, wartete nur darauf, dass sie hineintauchte.
Sie schob sich die Brille auf die Nase und blätterte durch die ersten Kapitel. „Der Kampf mit dem Nemeischen Löwen“, las sie leise vor. Ihre Finger strichen sanft über die Zeilen, als könnte sie die Geschichten spüren. Mit jedem Satz, den sie las, verblasste die Realität ein wenig mehr. Die Stimmen ihrer Eltern verschwanden. Der dumpfe Schmerz der Hänseleien schien wie weggeweht. Es gab nur noch die Welt des Herkules – eine Welt, in der es um Mut, Stärke und das Überwinden von Grenzen ging.
Lisa stellte sich vor, wie es wäre, so zu sein wie er: eine Heldin, die keine Angst kennt und die alle Prüfungen besteht, egal wie schwer sie sind. Was wäre, wenn sie plötzlich auch so stark werden könnte? Wenn sie nicht mehr die stille, unsichtbare Lisa wäre, sondern jemand, den man bewunderte?
Doch sobald sie das Buch zuschlug, war die Magie verflogen. Sie war immer noch in ihrem kleinen Zimmer, die Stimmen ihrer Eltern drangen gedämpft durch die Wände, und die Vorstellung, morgen wieder zur Schule zu gehen, zog einen schweren Schatten über ihren Geist. Lisa stieß einen tiefen Seufzer aus und kuschelte sich in ihr Bett, als könnte sie sich darin vor der Welt verstecken. Nur hier, unter dieser Decke, fühlte sie sich wirklich sicher.
***
Aber heute Nacht sollte etwas anders sein.
Lisa spürte es bereits, als sie auf die Seite umblätterte und erneut in die Abenteuer eintauchte. Ihre Augen wurden schwer, doch ihre Gedanken waren lebendig und klar. Bilder von heldenhaften Schlachten, von gefährlichen Bestien und mythischen Welten flimmerten in ihrem Kopf auf. Plötzlich schien es, als würden die Worte auf der Seite anfangen zu leuchten, zu verschmelzen, zu wirbeln, bis sie nicht mehr lesen konnte – sondern mittendrin war.
***
Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Ihr Bett und ihr Zimmer waren verschwunden. Um sie herum breitete sich eine weite, fremdartige Landschaft aus. Hohe Berge zogen sich am Horizont entlang, der Himmel leuchtete in Farben, die Lisa noch nie gesehen hatte – ein tiefes, magisches Violett, durchzogen von goldenen Wolken. Eine warme Brise wehte ihr ins Gesicht, und auf ihrer Haut fühlte sie den schweren Stoff einer Lederrüstung. Ihre Arme fühlten sich stark an, als wären sie mit neuer Kraft erfüllt.
Lisa blickte an sich herunter und erkannte, dass sie einen gewaltigen, mit Fell überzogenen Umhang trug – wie die legendäre Löwenhaut, die Herkules als Zeichen seines ersten Sieges erlangt hatte. In ihrer Hand hielt sie ein Schwert, dessen Klinge im Sonnenlicht glänzte. War sie wirklich hier? War sie die Heldin dieser Welt?
Ein Zittern lief ihr über den Rücken – war es Angst? Oder Aufregung? Vielleicht beides. Aber zum ersten Mal seit Langem spürte Lisa keine Hilflosigkeit. Hier, in dieser fremden, fantastischen Welt, schien alles möglich. Hier konnte sie mutig sein. Hier konnte sie etwas bewirken.
***
In der Ferne erklang ein tiefes, durchdringendes Brüllen, das die Luft erzittern ließ. Ein Gefühl stieg in Lisa auf, das sie bisher nur in ihren Träumen gekannt hatte: Neugier, gepaart mit Mut. Sie umklammerte das Schwert fester und machte ihren ersten Schritt in diese neue Welt.
Wenn die Realität sie ständig enttäuschte, würde sie ihre eigene Geschichte schreiben – eine Geschichte, in der sie die Heldin war.
Kapitel 2
Der Ruf des Abenteuers
Lisa saß wieder unter ihrer Decke, eingehüllt in das weiche Licht ihrer Lampe. Es war spät geworden, viel später. Der Streit der Eltern im Wohnzimmer war leiser geworden, ein dumpfes Murmeln hinter den Wänden. Der Regen hatte aufgehört, und die einzige Geräuschkulisse war das gelegentliche Rascheln der Buchseiten, wenn Lisa umblätterte.
Ihre Augen glitten über die Worte der Geschichte, die sie schon so oft gelesen hatte: „Herkules trat dem Nemeischen Löwen entgegen. Sein Schwert war nutzlos gegen das unverwundbare Fell des Ungeheuers. Doch Herkules, klug wie stark, legte seine Waffe beiseite und erdrosselte das Biest mit bloßen Händen.“
Lisa ließ die Szene vor ihrem inneren Auge aufleben. Wie wäre es, so stark und mutig zu sein? Wie wäre es, in eine andere Welt einzutauchen, in der Mut und Willenskraft über alles entscheiden? Sie stellte sich vor, die Welt um sich herum einfach hinter sich zu lassen – die Schule, die verletzenden Worte ihrer Mitschüler, das leise Chaos zu Hause.
Während sie die nächsten Zeilen las, begann etwas Seltsames zu geschehen. Die Buchstaben auf der Seite verschwammen plötzlich, als hätte jemand Tinte auf Wasser gegossen. Lisas Augen wurden groß. Sie blinzelte, hielt das Buch ein Stück von sich weg, doch die Worte tanzten weiter wie kleine Funken, die sich auflösen und neu zusammensetzen. Das Papier fühlte sich plötzlich warm unter ihren Fingern an. War sie so müde, dass sie halluzinierte?
Und dann geschah es: Die Seiten des Buches leuchteten in einem sanften, goldenen Licht. Es breitete sich aus, wuchs, bis es die gesamte Decke erhellte und alles um sie herum zu verschlucken schien. Lisa spürte, wie die Welt um sie herum ins Wanken geriet. Ihr Bett, ihr Zimmer, der Streit ihrer Eltern – alles zerfiel in Nebel, bis nichts mehr übrig war.
Mit einem letzten Wirbel aus Licht und Dunkelheit wurde sie nach vorne gezogen – und stürzte in die Geschichte hinein.
***
Lisa landete hart auf dem Boden einer anderen Welt.
Als sie die Augen öffnete, blickte sie auf einen purpurfarbenen Himmel, in dem silberne Wolken wie schwere Segel trieben. Die Luft schmeckte nach Moos und Regen, obwohl die Sonne warm auf ihre Haut schien. Um sie herum erstreckte sich eine mystische Landschaft: Im Norden ragten hohe, gezackte Berge auf, von denen Nebelschwaden herabflossen wie Wasserfälle. Im Süden erstreckte sich ein dichter, dunkler Wald, aus dem geheimnisvolle Geräusche drangen – Rufe und Flügelschläge, die weder Tier noch Mensch zugeordnet werden konnten.
Lisa setzte sich langsam auf. Etwas Schweres fiel von ihren Schultern, und als sie hinunterblickte, verschlug es ihr den Atem. Sie trug eine schwere, lederne Rüstung, und über ihren Schultern hing ein gewaltiges Fell – das goldene Fell einer Bestie, dicht und unverwundbar, genau wie die Löwenhaut, die Herkules einst erbeutet hatte. Die Rüstung schmiegte sich an ihren Körper, als wäre sie nur für sie gemacht, und obwohl sie niemals zuvor ein Schwert gehalten hatte, fühlten sich die Waffen an ihrer Seite merkwürdig vertraut an.
Lisa rappelte sich auf die Beine. Der weiche, moosige Boden gab bei jedem Schritt sanft nach. Sie war größer, stärker – als hätte diese Welt nicht nur ihre Kleidung, sondern auch ihren Körper verändert. Sie war keine unscheinbare, schüchterne 14-Jährige mehr. Hier war sie eine Heldin.
„Bin ich … wirklich hier?“ Ihre Stimme klang kräftiger, fester als sonst. Ein Gefühl durchströmte sie, das sie noch nie zuvor gespürt hatte: Selbstvertrauen. In der echten Welt fühlte sie sich unsichtbar und schwach, aber hier … hier war sie jemand.
Sie streckte ihre Hände aus und ballte sie zu Fäusten. Jede Bewegung fühlte sich leicht an, als hätte ihr Körper die Stärke eines Kriegers. Und doch war da ein leises Flattern in ihrer Brust. Wie hatte sie es hierher geschafft? Und was sollte sie tun?
***
Lisa drehte sich langsam um die eigene Achse und nahm ihre Umgebung in sich auf. Es war eine wunderschöne, aber auch fremdartige Welt. Der Himmel, die Berge, der Wald – alles strahlte etwas Magisches aus, doch auch eine unterschwellige Gefahr lag in der Luft. Ein Gefühl sagte ihr, dass dies kein Ort war, an dem man sich lange aufhalten sollte, ohne ein Ziel zu haben.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch hinter sich – ein tiefes Brüllen, das den Boden unter ihren Füßen erzittern ließ. Es kam aus Richtung des Waldes. Instinktiv legte Lisa die Hand an den Griff des Schwertes, das an ihrer Hüfte hing. Sie zog es ein Stück aus der Scheide, und die Klinge glitzerte im Sonnenlicht wie flüssiges Silber. In diesem Moment wusste sie: Ihre Prüfungen hatten begonnen.
Ein großer Vogel mit dunklen Schwingen flog über sie hinweg, seine Schreie hallten durch die Luft. Lisa folgte ihm mit den Augen und sah, wie er in Richtung der Berge davonflog. Vielleicht war das ein Zeichen – eine Richtung, in die sie gehen musste? Oder sollte sie in den finsteren Wald vordringen, aus dem das Brüllen kam?
Unsicherheit kroch in ihr hoch. Aber dann erinnerte sie sich an die Geschichten von Herkules. Herkules hätte keine Zeit mit Zögern verschwendet. Er hätte das Abenteuer angenommen, ohne zu fragen.
Lisa atmete tief durch und nahm ihre neue Welt in sich auf. Die Entscheidung lag bei ihr – und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich das gut an. Hier konnte sie ihr eigener Held sein.
***
Der Wind trug ein Flüstern zu ihr herüber, eine Stimme, die aus der Ferne zu ihr sprach:
„Willkommen, junge Heldin. Deine Prüfungen erwarten dich. Beweise deinen Mut, finde deine Stärke. Und erinnere dich: Nicht alle Herausforderungen werden mit dem Schwert gelöst.“
Lisa nickte. Die Stimme schien aus der Welt selbst zu kommen, als würde die Luft um sie herum lebendig. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht – das erste echte Lächeln seit langer Zeit.
„Ich bin bereit“, flüsterte sie.
Und mit diesen Worten machte sie ihren ersten Schritt in das Abenteuer, das sie für immer verändern würde.
Kapitel 3
Das Ungeheuer der Dornenberge
Lisa wanderte durch das endlose Tal, das sich vor ihr ausgebreitet hatte. Hohe Gräser streiften ihre Beine, und kleine Glühwürmchen schwebten zwischen den Büschen umher, als würden sie den Weg weisen. Ein Gefühl von Aufregung und Verwirrung durchströmte sie gleichzeitig. War dies wirklich ihre neue Realität, oder träumte sie? Und wenn es kein Traum war – wie sollte sie wissen, was zu tun war?
Da hörte sie das Flüstern im Wind erneut. Es klang sanft, beinahe beruhigend, aber doch fremdartig und geheimnisvoll. „Deine erste Aufgabe liegt vor dir, junge Heldin“, raunte die Stimme, so klar, als würde jemand neben ihr stehen. „Du musst dem Herzen der Dornenberge begegnen. Dort haust ein Wesen, das noch nie ein Held überwinden konnte. Finde es – und finde dich selbst.“
Lisa blieb stehen und lauschte. Der Wind schien eine Richtung vorzugeben, als hätte er Hände, die sie schieben wollten. Ein Kribbeln lief ihr über den Rücken. Dornenberge? Ein Ungeheuer? Ihre Hände umfassten fest das Schwert an ihrer Seite. Der Gedanke an ein solches Abenteuer erfüllte sie gleichermaßen mit Furcht und Entschlossenheit.
„Was ist das für ein Ungeheuer?“, fragte sie leise, doch der Wind war bereits weitergezogen.
Lisa folgte dem Pfad, den der Wind für sie vorgezeichnet hatte. Während sie durch das Tal schritt, stieß sie auf eine kleine Gruppe von Wesen, die am Wegesrand saßen. Auf den ersten Blick wirkten sie wie Menschen – sie sprachen miteinander in gedämpften Stimmen und wärmten sich an einem kleinen, schimmernden Feuer. Doch als Lisa näherkam, erkannte sie, dass sie seltsam anders waren: Ihre Haut schimmerte in einem blassen Grün, ihre Augen leuchteten gelb wie die von Katzen, und ihre Finger waren dünn und lang, als wären sie aus Ranken gesponnen. Um ihre Köpfe wanden sich Schleier aus Moos und Blüten.
Eines der Wesen wandte sich zu ihr um und musterte sie neugierig. „Oh! Ein Menschenkind?“ Es sprach mit einer weichen, singenden Stimme. „Seltsam, dich hier zu sehen. Verirrst du dich, Mädchen?“
Lisa zögerte, aber dann erinnerte sie sich daran, dass sie hier nicht ängstlich sein durfte. „Ich suche die Dornenberge. Der Wind sagte mir, dass ich dorthin gehen soll.“
Die Wesen wechselten Blicke, als hätten sie etwas sehr Interessantes erfahren. Eines der Geschöpfe, das besonders groß und dünn war, beugte sich zu Lisa hinunter. „Die Dornenberge?“ Seine Stimme klang bedächtig, fast besorgt. „Dort lebt das große Dornentier. Hast du wirklich vor, ihm zu begegnen?“
„Ich … ja.“ Lisa straffte die Schultern. „Der Wind sagte, es sei meine Aufgabe.“
Die Wesen schienen darüber zu grübeln, und schließlich sprach eine andere Gestalt, deren Gesicht hinter einem Schleier aus Moos verborgen war: „Das Dornentier ist nicht einfach nur eine Bestie, Kind. Es ist uralt, so alt wie die Berge selbst. Viele haben es mit Gewalt versucht – und alle sind gescheitert. Seine Dornen sind schärfer als jedes Schwert. Es kennt keinen Schmerz und zeigt kein Mitleid.“
„Niemand kann es bezwingen“, fügte ein weiteres Wesen hinzu, das mit einer leisen, traurigen Stimme sprach. „Und niemand, der es versucht hat, kehrte je zurück.“
Lisa schluckte. Die Geschichten, die diese seltsamen Wesen erzählten, klangen beunruhigend. Ein Ungeheuer, das sich nicht verletzen ließ? Ein Feind, den niemand je bezwungen hatte? Für einen Moment spürte sie die alte Unsicherheit in sich aufsteigen – dieselbe Unsicherheit, die sie immer in der Schule gefühlt hatte, wenn ihre Mitschüler sie verspotteten und ignorierten. War sie wirklich stark genug, um sich dieser Prüfung zu stellen?
Doch dann erinnerte sie sich an die Worte der Stimme im Wind. Ihre Aufgabe lag in den Dornenbergen. Wenn sie wirklich stark werden wollte, durfte sie nicht aufgeben.
„Ich muss es versuchen“, sagte Lisa leise, aber bestimmt. „Ich kann nicht zurück.“
Die Wesen sahen sie einen Moment lang schweigend an. Dann nickte das größte von ihnen. „Der Wind hat dich also ausgewählt.“ Seine Augen funkelten wie zwei kleine Sonnen im Schatten. „Dann geh, Menschkind. Folge dem Pfad nach Norden. Aber vergiss nicht: Gewalt allein wird dir nicht helfen. Du musst weise sein, wenn du das Ungeheuer bezwingen willst.“
Ein anderes Wesen trat vor und reichte Lisa ein kleines Bündel, eingewickelt in Blätter. „Hier. Das wird dir auf deinem Weg helfen.“ Als Lisa es entgegennahm und vorsichtig öffnete, fand sie darin eine Handvoll Beeren und ein wenig Brot, das nach Kräutern duftete.
„Danke“, murmelte sie dankbar und legte das Bündel in ihren Beutel.
…

