Dragatea
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 224
ISBN: 978-3-7116-0667-9
Erscheinungsdatum: 30.06.2025
Leon stolpert durch ein Portal in seiner geheimnisvollen Schule in die fremde Welt Dragatea, dicht gefolgt von seinem besten Kumpel Jimmy. Wird es Ihnen gemeinsam mit einer wild zusammengewürfelten Truppe gelingen, Dragatea vor dem Untergang zu bewahren?
Prolog
Ich kam wieder zu mir, wusste nicht, wo ich war, und kurz auch nicht, wer ich war. Mein Kopf dröhnte und mein linkes Auge war zugeschwollen, sodass ich kaum etwas sehen konnte. Ich wollte mir die Augen reiben, doch waren meine Hände hinter meinem Rücken gefesselt.
Verdammt, was ist bloß passiert?
Langsam kamen Erinnerungsfetzen auf, wie ein Puzzle.
Kapitel 1
Mein Name ist James, aber mein bester Freund nennt mich nur Jimmy. Ich bin vierzehn Jahre alt und lebe in Miami, Florida. Meine Eltern gehören der High Society an, sie sind erfolgreiche Immobilienmakler. Es fehlt mir an nichts. Ja, ich werde mit Geschenken verwöhnt, aber genau das kotzt mich oft an. Was würde ich nicht alles für ein normales Leben geben, in dem meine Eltern auch Zeit für mich haben. An meiner Schule, der Kingston, muss ich immer adrett aussehen, obwohl ich nicht einmal weiß, was das bedeuten soll. Man muss immer höflich sein und darf keine schlechten Noten bekommen. Selbst die einheitliche Schulkleidung muss perfekt sitzen. Apropos Schule: Jeder, der was auf sich hält und genug Geld hat, schickt sein Kind auf die elitäre Kingston-Academy. Viele wichtige Persönlichkeiten waren auf dieser Schule, wenn man den Erzählungen glauben will.
Zumindest teile ich mein Schicksal mit meinem besten Freund Leon, den ich schon so lange kenne, wie ich denken kann. Leon ist ein totaler Chaot, der Ärger nur so anzieht, doch für mich bedeutet er einen Hauch von Freiheit und Ich-selbst-Sein.
Leon und ich treffen uns jeden Morgen Punkt sieben Uhr am prachtvollen Tor zur Schule, atmen noch einmal tief durch, bevor wir hindurchtreten. Es ist wie das Tor in eine andere Welt:
Die Schüler laufen in Reih und Glied, ohne ein Wort oder einen Ton von sich zu geben, in ihre Klassenräume. Kein Wind wagt sich hinter die Mauern der Schule, kein Tierlaut ist zu vernehmen. Alles geschieht unter den wachsamen Augen der Lehrer und des Direktors.
Im Klassenraum muss man direkt zu seinem Platz gehen, kein Wort wird gewechselt. Wir müssen strammstehen, bis die Lehrerin eintritt, ihren Blick über die Klasse schweifen lässt und das Zeichen zum Hinsetzen gibt.
***
Mist, ich fand mein Mathebuch nicht. Gestern lag es doch noch auf meinem Platz, wo war es nur? Schweiß trat mir auf die Stirn, denn ausgerechnet jetzt hatten wir Mathematik und die Lehrerin wollte, dass wir Aufgaben aus dem Buch bearbeiteten. Als ob sie meinen Schweißausbruch sehen oder riechen konnte, kam sie schnurstracks auf mich zu. Stotternd versuchte ich, ihr die Sache zu erklären, doch sah sie mich nur mit ihren kalten Augen scharf an und zischte: „James, das ist der vierte Regelbruch. Beim nächsten Vergehen steht ein Besuch beim Direktor an.“
Mist, wie konnte das passieren? Ich kannte niemanden, der es so weit hatte kommen lassen, zum Direktor zu müssen. Alle hatten zu viel Angst vor ihm, obwohl ich auch niemanden kannte, der dem Direktor je begegnet war. Aber wenn die Lehrer schon so gruselig waren, wie war dann wohl der Direktor? Selbst Leon hatte nicht mehr als vier Verwarnungen. Panik stieg in mir auf. Ich war dankbar, dass mein Sitznachbar sein Buch etwas zu mir schob, damit ich die Aufgaben erledigen konnte.
Der Schultag neigte sich dem Ende, doch das panische Gefühl aus der Mathestunde ließ mich einfach nicht mehr los. Aber jetzt hieß es noch, den Sportunterricht überstehen, bevor ich endlich wieder mit Leon reden konnte. Er wollte mir heute unbedingt noch die Skaterbahn zeigen, die er gestern entdeckt hatte.
Ich hasste Sport, war irgendwie eine Niete in jeder Disziplin, aber schlechte Noten durfte man hier auf dieser Schule einfach nicht bekommen, sodass ich mich zusammenreißen und voll konzentrieren musste. Ausgerechnet heute stand Weitsprung an. Es gab zwei parallel verlaufende Bahnen, sodass wir uns in zwei Reihen aufstellen mussten. Ich freute mich, dass ich gleichzeitig mit Leon an der Reihe war. Wir nahmen Anlauf und … Filmriss …
Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war, dass ich mit dröhnendem Kopf gefesselt zu mir kam.
Ich versuchte, meine Lage Stück für Stück zu realisieren. Okay, mein linkes Auge war zugeschwollen, meine Hände hinterm Rücken gefesselt. Meine Füße waren frei. Ich richtete mich auf. Anscheinend befand ich mich in einem Keller oder Verlies, das würde besser zur Schule passen. Ich schritt den Raum ab, um herauszufinden, wie groß er war und wo sich vielleicht die Tür befand. Ein Fenster war anscheinend nicht vorhanden, denn es gab keinerlei Licht. Als ich den Raum abschritt, stieß mein Fuß gegen ein Hindernis, doch es war keine Wand. Es stöhnte und fragte mit verschlafener Stimme: „Jimmy, bist du das?“ „Leon? Mensch Leon, bin ich froh, dass du hier bist.“ Das Glücksgefühl in diesem Moment war überwältigend. „Jimmy, was ist passiert und wo sind wir?“ „Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Wahrscheinlich hat man uns im Keller eingesperrt, warum weiß ich nicht. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass wir Sport hatten.“ „Oh Käse, stimmt, ja. Jimmy, wir haben den Sprung beide voll verkackt. Schlimmer ging es kaum. Wir sind voll ineinander gekracht.“
„Fünftes Vergehen“, kam es gleichzeitig aus unseren Mündern.
„Darauf hoffen, dass unsere Eltern uns abholen oder vermissen, brauchen wir wohl nicht, oder? Meine Eltern sind in L. A. und meine Nanny rechnet nicht vor einundzwanzig Uhr mit mir.“
„Ja Leon, auf die brauchen wir wohl nicht zählen. Also, wie kommen wir hier raus?“
„Na ja, ewig können uns diese Mutanten ja nicht festhalten, das wäre selbst für die zu krass.“
Ich musste schmunzeln über Leons Ausdrucksweise.
Nach einer gefühlten Ewigkeit und zehn verworfenen Fluchtideen hörten wir ein Klappern und Rasseln. Eine Tür öffnete sich quietschend. Plötzlich wurden wir von einem grellen Licht geblendet und eine freundliche Stimme fragte: „Na Jungs, endlich wieder wach? Das hat aber ganz schön gerumst, als ihr zusammengeprallt seid.“ Ein Kichern folgte. „So, na dann wollen wir euch mal aus eurer Strafe entlassen. Lars, können Sie bitte die Fesseln lösen?“
„Selbstverständlich, Herr Direktor“, antwortete der Mann, der mit Lars angesprochen worden war.
Als sich unsere Augen an das Licht gewöhnt hatten, sahen wir einen gebeugten älteren Herrn und seinen strammstehenden Lakaien. Der ältere Mann kicherte immer noch vor sich hin.
„Lars, bringen Sie die Jungen zu Mary in die Krankenstation. Sie soll sich das Auge von James noch einmal anschauen und prüfen, ob die beiden eine Gehirnerschütterung haben.“
„Jawohl, Herr Direktor. Los, hier entlang, ihr Rabauken!“
Als der Direktor unsere überraschten, verwirrten und fragenden Gesichter sah, sagte er nur: „Jungs, merkt euch eins: Nur durch Disziplin und Ehrgeiz erreicht man viel.“
„Ja, Sir“, antworteten wir gleichzeitig.
Nachdem uns die Krankenschwester durchgecheckt hatte, durften wir endlich das Schulgelände verlassen. Was für ein schräger Tag!
„Also auf Skaterbahn habe ich gerade gar keinen Bock mehr“, sagte Leon.
„Na, ich könnte jetzt ein riesiges Eis vertragen …“, sinnierte ich.
„… Sahne und Smarties? Bin dabei“, sagte Leon.
So zeitig wie heute war ich noch nie im Bett und schlief auch sofort ein.
Kapitel 2
Merkwürdige Träume verfolgten mich die ganze Woche. Jedes Mal wachte ich schweißgebadet auf. Als ich am Freitagabend zu Bett ging, beschloss ich, das Wochenende zu nutzen, um mehr über meine Schule herauszufinden. Warum hatte die Schule Keller, die wie Verliese aussahen und rochen? Wer war der Direktor, vor dem alle so viel Angst hatten? Und wo zum Teufel rekrutierten sie diese schrägen Lehrer? Fragen über Fragen, die mich nicht losließen.
Als ich am Samstagmorgen in die Küche kam, fand ich meine Mutter topgestylt und kaffeeschlürfend vor.
„Hallo Schatz, schön, dass ich dich noch sehe, bevor wir fahren.“
„Fahren? Wohin denn?“
„Ach Dummerchen, ich hatte dir doch erzählt, dass Dad und ich nach Vegas zu einer Konferenz müssen“, sagte sie und drückte mir einen Kuss auf.
Mist, den Lippenstift werde ich wieder ewig nicht aus meinem Gesicht bekommen, dachte ich mir und sagte nur: „Okay.“
„Conzuela wird auf dich aufpassen und für dich sorgen, bis wir wieder zurück sind.“
„Okay.“
Ich liebte Conzuela. Sie war lustig und liebte es, zu tanzen, was mich jedes Mal zum Lachen brachte, aber sie kontrollierte mich auch gern. Wollte immer wissen, was ich machte, wohin ich ging und so weiter.
Als Conzuela eintraf, machten sich meine Eltern auf den Weg zum Flughafen. Nach der Verabschiedung schnappte ich mir mein iPad, setzte mich an den Pool im Garten und fing an zu recherchieren. Conzuela versorgte mich mit fruchtigen Getränken und kleinen Snacks. – Aber nicht zu viel, nicht, dass ich zu den Mahlzeiten keinen Hunger mehr haben würde.
„Hey Alter, was machst du so?“
Ich zuckte zusammen, als Leon neben mir stand und mich ansprach. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass er da war.
„Scheiße, Mann, was schleichst du dich so an?“
Leon lachte sich schlapp. „Hättest dich mal sehen sollen. Voll zusammengezuckt. Hahahaha…“
„Sehr witzig, Leon.“
„Aber echt, Mann, was hängst du am iPad? Hast du ein cooles neues Spiel entdeckt?“
„Nee. Ich versuche, mehr über unsere Schule herauszufinden.“
„Schule? Am Wochenende? Mann, der Zusammenprall muss dich härter getroffen haben, als gedacht.“
„Mir geht’s gut. Aber … aber … ich hab’ seit dem Vorfall Albträume von der Schule, den Lehrern und so. Ich wollte einfach schauen, ob ich mehr über die Schule herausfinden kann, aber dieses verdammte WWW hat einfach keine Infos.“
„Ja, die sind schon schräg, aber auch nicht schräger als die Leute, die ihre Kinder dorthin schicken.“
Als er meinen frustrierten Blick sah, versprach er mir, zu helfen.
Auch zu zweit fanden wir nicht viel mehr Informationen, nur dass es diese Schule schon über zweihundert Jahre gab und berühmte Persönlichkeiten dort ausgebildet worden waren. Ich hatte einfach mehr erwartet, so was wie Fotos von alten Schulklassen, Berichte über irgendwelche wichtigen Ereignisse, irgendwas, was jede Schule gern berichten würde. Aber es gab nichts. Das Einzige, was wir feststellen konnten, war, dass viele der Ehemaligen sehr diszipliniert waren und teilweise gnadenlos ihre Ziele verfolgt hatten.
Mittlerweile war Leon genauso frustriert wie ich.
„Ist doch verrückt. Irgendwas muss es doch zu finden geben?“, schnaufte er.
„Und was nun? Aufgeben? Ich weiß nicht, ob ich aufgeben will.“
„Keine Option. Je weniger es gibt, desto neugieriger werde ich. Aber ’ne Pause muss mal sein, um den Kopf etwas freizukriegen.“
„’ne Runde schwimmen?“, schlug ich vor.
„Nee, wie wäre es jetzt mit Skaten? Lenkt ab …“, dachte er laut.
„Na gut, aber du weißt, dass ich voll der Loser beim Skaten bin.“
„Kann ja nicht jeder als Meister geboren werden, Padawan“, entgegnete er und grinste von einem Ohr zum anderen.
Wir sagten Conzuela Bescheid und machten uns auf den Weg zur Skaterbahn. Auf dem Weg dorthin gingen wir weitere Recherchemöglichkeiten durch, aber die meisten wurden auch gleich wieder verworfen.
...
Ich kam wieder zu mir, wusste nicht, wo ich war, und kurz auch nicht, wer ich war. Mein Kopf dröhnte und mein linkes Auge war zugeschwollen, sodass ich kaum etwas sehen konnte. Ich wollte mir die Augen reiben, doch waren meine Hände hinter meinem Rücken gefesselt.
Verdammt, was ist bloß passiert?
Langsam kamen Erinnerungsfetzen auf, wie ein Puzzle.
Kapitel 1
Mein Name ist James, aber mein bester Freund nennt mich nur Jimmy. Ich bin vierzehn Jahre alt und lebe in Miami, Florida. Meine Eltern gehören der High Society an, sie sind erfolgreiche Immobilienmakler. Es fehlt mir an nichts. Ja, ich werde mit Geschenken verwöhnt, aber genau das kotzt mich oft an. Was würde ich nicht alles für ein normales Leben geben, in dem meine Eltern auch Zeit für mich haben. An meiner Schule, der Kingston, muss ich immer adrett aussehen, obwohl ich nicht einmal weiß, was das bedeuten soll. Man muss immer höflich sein und darf keine schlechten Noten bekommen. Selbst die einheitliche Schulkleidung muss perfekt sitzen. Apropos Schule: Jeder, der was auf sich hält und genug Geld hat, schickt sein Kind auf die elitäre Kingston-Academy. Viele wichtige Persönlichkeiten waren auf dieser Schule, wenn man den Erzählungen glauben will.
Zumindest teile ich mein Schicksal mit meinem besten Freund Leon, den ich schon so lange kenne, wie ich denken kann. Leon ist ein totaler Chaot, der Ärger nur so anzieht, doch für mich bedeutet er einen Hauch von Freiheit und Ich-selbst-Sein.
Leon und ich treffen uns jeden Morgen Punkt sieben Uhr am prachtvollen Tor zur Schule, atmen noch einmal tief durch, bevor wir hindurchtreten. Es ist wie das Tor in eine andere Welt:
Die Schüler laufen in Reih und Glied, ohne ein Wort oder einen Ton von sich zu geben, in ihre Klassenräume. Kein Wind wagt sich hinter die Mauern der Schule, kein Tierlaut ist zu vernehmen. Alles geschieht unter den wachsamen Augen der Lehrer und des Direktors.
Im Klassenraum muss man direkt zu seinem Platz gehen, kein Wort wird gewechselt. Wir müssen strammstehen, bis die Lehrerin eintritt, ihren Blick über die Klasse schweifen lässt und das Zeichen zum Hinsetzen gibt.
***
Mist, ich fand mein Mathebuch nicht. Gestern lag es doch noch auf meinem Platz, wo war es nur? Schweiß trat mir auf die Stirn, denn ausgerechnet jetzt hatten wir Mathematik und die Lehrerin wollte, dass wir Aufgaben aus dem Buch bearbeiteten. Als ob sie meinen Schweißausbruch sehen oder riechen konnte, kam sie schnurstracks auf mich zu. Stotternd versuchte ich, ihr die Sache zu erklären, doch sah sie mich nur mit ihren kalten Augen scharf an und zischte: „James, das ist der vierte Regelbruch. Beim nächsten Vergehen steht ein Besuch beim Direktor an.“
Mist, wie konnte das passieren? Ich kannte niemanden, der es so weit hatte kommen lassen, zum Direktor zu müssen. Alle hatten zu viel Angst vor ihm, obwohl ich auch niemanden kannte, der dem Direktor je begegnet war. Aber wenn die Lehrer schon so gruselig waren, wie war dann wohl der Direktor? Selbst Leon hatte nicht mehr als vier Verwarnungen. Panik stieg in mir auf. Ich war dankbar, dass mein Sitznachbar sein Buch etwas zu mir schob, damit ich die Aufgaben erledigen konnte.
Der Schultag neigte sich dem Ende, doch das panische Gefühl aus der Mathestunde ließ mich einfach nicht mehr los. Aber jetzt hieß es noch, den Sportunterricht überstehen, bevor ich endlich wieder mit Leon reden konnte. Er wollte mir heute unbedingt noch die Skaterbahn zeigen, die er gestern entdeckt hatte.
Ich hasste Sport, war irgendwie eine Niete in jeder Disziplin, aber schlechte Noten durfte man hier auf dieser Schule einfach nicht bekommen, sodass ich mich zusammenreißen und voll konzentrieren musste. Ausgerechnet heute stand Weitsprung an. Es gab zwei parallel verlaufende Bahnen, sodass wir uns in zwei Reihen aufstellen mussten. Ich freute mich, dass ich gleichzeitig mit Leon an der Reihe war. Wir nahmen Anlauf und … Filmriss …
Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war, dass ich mit dröhnendem Kopf gefesselt zu mir kam.
Ich versuchte, meine Lage Stück für Stück zu realisieren. Okay, mein linkes Auge war zugeschwollen, meine Hände hinterm Rücken gefesselt. Meine Füße waren frei. Ich richtete mich auf. Anscheinend befand ich mich in einem Keller oder Verlies, das würde besser zur Schule passen. Ich schritt den Raum ab, um herauszufinden, wie groß er war und wo sich vielleicht die Tür befand. Ein Fenster war anscheinend nicht vorhanden, denn es gab keinerlei Licht. Als ich den Raum abschritt, stieß mein Fuß gegen ein Hindernis, doch es war keine Wand. Es stöhnte und fragte mit verschlafener Stimme: „Jimmy, bist du das?“ „Leon? Mensch Leon, bin ich froh, dass du hier bist.“ Das Glücksgefühl in diesem Moment war überwältigend. „Jimmy, was ist passiert und wo sind wir?“ „Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Wahrscheinlich hat man uns im Keller eingesperrt, warum weiß ich nicht. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass wir Sport hatten.“ „Oh Käse, stimmt, ja. Jimmy, wir haben den Sprung beide voll verkackt. Schlimmer ging es kaum. Wir sind voll ineinander gekracht.“
„Fünftes Vergehen“, kam es gleichzeitig aus unseren Mündern.
„Darauf hoffen, dass unsere Eltern uns abholen oder vermissen, brauchen wir wohl nicht, oder? Meine Eltern sind in L. A. und meine Nanny rechnet nicht vor einundzwanzig Uhr mit mir.“
„Ja Leon, auf die brauchen wir wohl nicht zählen. Also, wie kommen wir hier raus?“
„Na ja, ewig können uns diese Mutanten ja nicht festhalten, das wäre selbst für die zu krass.“
Ich musste schmunzeln über Leons Ausdrucksweise.
Nach einer gefühlten Ewigkeit und zehn verworfenen Fluchtideen hörten wir ein Klappern und Rasseln. Eine Tür öffnete sich quietschend. Plötzlich wurden wir von einem grellen Licht geblendet und eine freundliche Stimme fragte: „Na Jungs, endlich wieder wach? Das hat aber ganz schön gerumst, als ihr zusammengeprallt seid.“ Ein Kichern folgte. „So, na dann wollen wir euch mal aus eurer Strafe entlassen. Lars, können Sie bitte die Fesseln lösen?“
„Selbstverständlich, Herr Direktor“, antwortete der Mann, der mit Lars angesprochen worden war.
Als sich unsere Augen an das Licht gewöhnt hatten, sahen wir einen gebeugten älteren Herrn und seinen strammstehenden Lakaien. Der ältere Mann kicherte immer noch vor sich hin.
„Lars, bringen Sie die Jungen zu Mary in die Krankenstation. Sie soll sich das Auge von James noch einmal anschauen und prüfen, ob die beiden eine Gehirnerschütterung haben.“
„Jawohl, Herr Direktor. Los, hier entlang, ihr Rabauken!“
Als der Direktor unsere überraschten, verwirrten und fragenden Gesichter sah, sagte er nur: „Jungs, merkt euch eins: Nur durch Disziplin und Ehrgeiz erreicht man viel.“
„Ja, Sir“, antworteten wir gleichzeitig.
Nachdem uns die Krankenschwester durchgecheckt hatte, durften wir endlich das Schulgelände verlassen. Was für ein schräger Tag!
„Also auf Skaterbahn habe ich gerade gar keinen Bock mehr“, sagte Leon.
„Na, ich könnte jetzt ein riesiges Eis vertragen …“, sinnierte ich.
„… Sahne und Smarties? Bin dabei“, sagte Leon.
So zeitig wie heute war ich noch nie im Bett und schlief auch sofort ein.
Kapitel 2
Merkwürdige Träume verfolgten mich die ganze Woche. Jedes Mal wachte ich schweißgebadet auf. Als ich am Freitagabend zu Bett ging, beschloss ich, das Wochenende zu nutzen, um mehr über meine Schule herauszufinden. Warum hatte die Schule Keller, die wie Verliese aussahen und rochen? Wer war der Direktor, vor dem alle so viel Angst hatten? Und wo zum Teufel rekrutierten sie diese schrägen Lehrer? Fragen über Fragen, die mich nicht losließen.
Als ich am Samstagmorgen in die Küche kam, fand ich meine Mutter topgestylt und kaffeeschlürfend vor.
„Hallo Schatz, schön, dass ich dich noch sehe, bevor wir fahren.“
„Fahren? Wohin denn?“
„Ach Dummerchen, ich hatte dir doch erzählt, dass Dad und ich nach Vegas zu einer Konferenz müssen“, sagte sie und drückte mir einen Kuss auf.
Mist, den Lippenstift werde ich wieder ewig nicht aus meinem Gesicht bekommen, dachte ich mir und sagte nur: „Okay.“
„Conzuela wird auf dich aufpassen und für dich sorgen, bis wir wieder zurück sind.“
„Okay.“
Ich liebte Conzuela. Sie war lustig und liebte es, zu tanzen, was mich jedes Mal zum Lachen brachte, aber sie kontrollierte mich auch gern. Wollte immer wissen, was ich machte, wohin ich ging und so weiter.
Als Conzuela eintraf, machten sich meine Eltern auf den Weg zum Flughafen. Nach der Verabschiedung schnappte ich mir mein iPad, setzte mich an den Pool im Garten und fing an zu recherchieren. Conzuela versorgte mich mit fruchtigen Getränken und kleinen Snacks. – Aber nicht zu viel, nicht, dass ich zu den Mahlzeiten keinen Hunger mehr haben würde.
„Hey Alter, was machst du so?“
Ich zuckte zusammen, als Leon neben mir stand und mich ansprach. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass er da war.
„Scheiße, Mann, was schleichst du dich so an?“
Leon lachte sich schlapp. „Hättest dich mal sehen sollen. Voll zusammengezuckt. Hahahaha…“
„Sehr witzig, Leon.“
„Aber echt, Mann, was hängst du am iPad? Hast du ein cooles neues Spiel entdeckt?“
„Nee. Ich versuche, mehr über unsere Schule herauszufinden.“
„Schule? Am Wochenende? Mann, der Zusammenprall muss dich härter getroffen haben, als gedacht.“
„Mir geht’s gut. Aber … aber … ich hab’ seit dem Vorfall Albträume von der Schule, den Lehrern und so. Ich wollte einfach schauen, ob ich mehr über die Schule herausfinden kann, aber dieses verdammte WWW hat einfach keine Infos.“
„Ja, die sind schon schräg, aber auch nicht schräger als die Leute, die ihre Kinder dorthin schicken.“
Als er meinen frustrierten Blick sah, versprach er mir, zu helfen.
Auch zu zweit fanden wir nicht viel mehr Informationen, nur dass es diese Schule schon über zweihundert Jahre gab und berühmte Persönlichkeiten dort ausgebildet worden waren. Ich hatte einfach mehr erwartet, so was wie Fotos von alten Schulklassen, Berichte über irgendwelche wichtigen Ereignisse, irgendwas, was jede Schule gern berichten würde. Aber es gab nichts. Das Einzige, was wir feststellen konnten, war, dass viele der Ehemaligen sehr diszipliniert waren und teilweise gnadenlos ihre Ziele verfolgt hatten.
Mittlerweile war Leon genauso frustriert wie ich.
„Ist doch verrückt. Irgendwas muss es doch zu finden geben?“, schnaufte er.
„Und was nun? Aufgeben? Ich weiß nicht, ob ich aufgeben will.“
„Keine Option. Je weniger es gibt, desto neugieriger werde ich. Aber ’ne Pause muss mal sein, um den Kopf etwas freizukriegen.“
„’ne Runde schwimmen?“, schlug ich vor.
„Nee, wie wäre es jetzt mit Skaten? Lenkt ab …“, dachte er laut.
„Na gut, aber du weißt, dass ich voll der Loser beim Skaten bin.“
„Kann ja nicht jeder als Meister geboren werden, Padawan“, entgegnete er und grinste von einem Ohr zum anderen.
Wir sagten Conzuela Bescheid und machten uns auf den Weg zur Skaterbahn. Auf dem Weg dorthin gingen wir weitere Recherchemöglichkeiten durch, aber die meisten wurden auch gleich wieder verworfen.
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