Die Rudel der Wölfe
Geheimnis der Vergangenheit
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 370
ISBN: 978-3-7116-1841-2
Erscheinungsdatum: 13.07.2026
In der Vergangenheit der jungen Wölfin Amsel liegt eine gefährliche Lüge verborgen. Gelingt es ihr, die Wahrheit rechtzeitig ans Licht zu bringen – oder wird ein großes Unheil über die Wolfsrudel hereinbrechen?
1
Amsel stürmte, gefolgt von ihrem Bruder Luchs, aus dem Uwayebau und rannte quer durch das Lager, der heimkehrenden Jagdpatrouille entgegen, die gerade durch den Eingangstunnel schlüpfte. Schwalbe und Schwarzfell zogen ein kleines Reh auf die Lichtung, während Nacht, der Vater der Welpen, mit einem Hasen zwischen den Zähnen folgte.
Amsel sprang wild bellend um ihren Vater herum. „Ist das für Luchs, Graufell und mich?“, fragte sie hoffnungsvoll.
Bevor er antworten konnte, schnappte Luchs den Hasen und riss ihn ihm aus der Schnauze.
„Luchs!“, knurrte Nacht streng, „Du darfst niemals jemandem die Beute aus dem Maul reißen – besonders nicht einem Ranghöheren. Das ist respektlos und du könntest dem anderen Wolf einen Zahn abbrechen.“
Luchs schaute beschämt zu Boden und entschuldigte sich leise. Nach einiger Zeit blickte er seinen Vater erschrocken an und ließ die Rute hängen. „Darf ich jetzt kein Mala mehr werden, weil ich das gemacht habe?“, fragte er mit zitternder Stimme.
Nacht wedelte belustigt mit dem Schwanz und antwortete: „In zwei Monaten, wenn du fünf Monate alt bist, wirst du zum Mala ernannt. So, jetzt nehmt den Hasen und bringt ihn zu Graufell.“
Luchs zerrte den Hasen in den Uwayebau. Amsel verabschiedete sich kurz von ihrem Vater und folgte ihrem Bruder. Zwei Monate, das ist noch so lang. Ich will aber jetzt Mala werden!, dachte sie.
Als sie den Bau betrat, wurde sie vom warmen Milchgeruch eingehüllt und sie erinnerte sich sehnsüchtig an die Zeit, in der Eichel sie noch gesäugt hatte. Sie ließ sich neben ihrem Bruder zum Fressen nieder, während ihre Mutter versuchte, Graufell, welche eindeutig das schwächste Junge aus ihrem Wurf war, zum Essen zu überreden. Eigentlich hatte Amsel noch einen Bruder gehabt, Rauch, aber dieser war nur wenige Tage nach der Geburt gestorben. Sie konnte sich nicht an ihn erinnern.
Nachdem sie satt war, kuschelte sie sich an den Bauch ihrer Mutter. Die Sonnenwölfe begannen mit dem täglichen Abendgeheul und Amsel schlief bei der vertrauten Melodie schnell ein.
Amsel öffnete blinzelnd die Augen. Sie lag unter einem großen Baum. Wie bin ich aus dem Lager gekommen und wo bin ich jetzt?, fragte sie sich. Verunsichert zuckte sie mit den Ohren. Langsam drehte sie sich um und erschrak. Neben dem Baum, es war eine knorrige, alte Eiche, saß ein schöner graublauer Wolf mit schimmerndem Fell. Amsel hatte ihn noch nie gesehen. Sie wich ängstlich zurück und starrte ihn mit großen Augen an. Gehört dieser Wolf zu einem anderen Rudel?, schoss es ihr durch den Kopf. Sie schnupperte, doch konnte nur den vertrauten Geruch des Sonnenrudels erkennen. Aber wie kann es sein, dass ich diesen Wolf noch nie gesehen habe? Ich kenne doch jeden aus meinem Rudel!, überlegte sie verwirrt und knurrte leise, um sich den Fremden vom Leibe zu halten.
Dieser trat langsam einen Schritt auf Amsel zu. „Hallo, kleine Amsel“, sagte er mit einer so glockenklaren Stimme, wie Amsel noch nie eine gehört hatte, „Ich bin Tanne. Ich war vor Mond Alphawolf des Sonnenrudels. Jetzt wandle ich als Geist durch den Wald der Ewigkeit.“
Amsel riss ungläubig die Augen auf und ihr Knurren verstummte augenblicklich.
Eichel hatte ihr vom Wald der Ewigkeit erzählt. Laut der Legende kamen dort Wölfe hin, wenn sie starben. Rauch und Moos’ Bruder Flechte war auch dorthin gegangen. Das Abendgeheul war dazu da, Kontakt mit seinen Bewohnern aufzunehmen und ihnen zu gedenken.
Tanne sprach ruhig weiter: „In der Zukunft wirst du Großes vollbringen, doch dein Weg wird nicht einfach sein. In deiner Vergangenheit verbirgt sich eine Lüge, die ans Licht kommen muss. Deine Treue, deine Loyalität und deine Liebe werden auf harte Probe gestellt werden, und du wirst Opfer bringen müssen. Amsel – egal, wohin dein Weg dich führt, folge immer deinem Herzen und vergiss niemals: Du bist nicht allein.“
Amsel schreckte ruckartig aus dem Schlaf hoch, Licht strömte in den Bau. Habe ich das wirklich erlebt? Ist der Traum echt gewesen? Habe ich eine Prophezeiung von einem Wolf des Waldes der Ewigkeit empfangen, kann das wirklich sein? Auch wenn sie wusste, dass normalerweise nur Schamanen und Alphawölfe wirklich mit den Geistern sprechen konnten, glaubte sie fest daran, dass es so war. Sie hatte noch nie einen so lebendigen Traum gehabt.
Sie blickte sich im Uwayebau um. Eichel und ihre Geschwister schliefen noch. Vor dem Nest lag das Hinterbein eines Hirsches. Wahrscheinlich hatte es einer der Malas vorhin vorbeigebracht, als sie noch geschlafen hatte.
Vorsichtig schlich sie zu dem Fleisch und fraß einige Bissen. Plötzlich spürte sie, wie etwas Schweres auf ihr landete. Mit einem erschrockenen Bellen ging sie zu Boden.
„Ich habe dich erwischt! Wag es ja nicht, noch einmal vor mir zu fressen!“, hörte Amsel den triumphierenden Ruf ihres Bruders.
Amsel versuchte ihn abzuschütteln und knurrte: „Ich kann fressen, wann ich will. Selbst schuld, wenn du zu lange schläfst!“
Jetzt regten sich auch Eichel und Graufell. „Macht doch nicht solch einen Lärm! Fisch muss sich ausruhen. In wenigen Tagen kommen ihre Jungen. Geht raus, wenn ihr spielen wollt!“, befahl die sandfarbene Wölfin verschlafen.
Amsel schaffte es, sich aus dem Griff ihres Bruders zu befreien und stürmte kläffend aus dem Uwayebau.
Draußen kam sie zum Stehen. Die Sonne schien zwischen den Bäumen und erwärmte ihren dunklen Pelz. Mond und Amsels Tante Sand, die Bethawölfin, besprachen sich vor dem Alphawolfbau.
Der Beuteplatz war schon gut gefüllt. Im Schutze des Schwarzdornbusches lagen ein Reh, zwei Hasen und die Reste eines Hirsches. Floh, ein grauer Wolf, kam aus dem Sonnenwolfbau, streckte sich gähnend, bevor er nach Moos rief. Die Mala, welche nicht viel älter als Amsel war, rannte sofort zu ihm. Er würde heute ihr Training übernehmen. Gemeinsam verließen sie das Lager
Wo sie wohl hingehen?, fragte sich Amsel. Sie sah den beiden sehnsüchtig nach. Sie konnte es kaum erwarten, endlich zu entdecken, was hinter dem Lagerwall lag.
Jetzt tauchte Luchs hinter ihr auf. Amsel drehte sich um und wedelte mit dem Schwanz, dann duckte sie sich und knurrte: „Was willst du hier, du gemeiner Silberwolf? Das ist Sonnenrudelterritorium!“
Luchs sah sie verwirrt an, dann verstand er und bellte: „Nicht mehr lange. Nach diesem Kampf ist das hier ein Gebiet des Silberrudels!“
Mit einem Kampfgeheul stürzte sich Amsel auf ihren Bruder. Dieser duckte sich und schlug mit der Pfote nach ihrer Nase. Sie zuckte zurück und wartete einen Moment zu lange. Luchs stürzte sich auf sie und riss sie von den Pfoten. Die beiden Welpen rollten, mit gespieltem Hass, über die Lichtung.
„Ein Sonnenwolf gibt sich niemals geschlagen, du räudiger Insektenfresser!“, schrie Amsel.
„Das Silberrudel wird dieses Territorium an sich reißen!“, rief Luchs und nagelte Amsel am Boden fest.
Sie dachte schon, dass sie verloren hatte, als plötzlich etwas Graues hinter Luchs auftauchte.
Graufell zerrte ihn von Amsels Rücken und knurrte: „Sonnenwölfe müssen nie allein kämpfen! Wir sind Rudelgenossen und halten immer zusammen!“
Gemeinsam stürzten sich die Schwestern auf ihren Bruder und trieben ihn zurück. Nach kurzer Zeit klemmte Luchs seine Rute zwischen die Beine und winselte, bevor er hinter einem Stein in Deckung ging.
„Sieg!“, heulte Amsel laut, „das Sonnenrudel ist das stärkste Rudel überhaupt und die Silberwölfe sind nichts als herzlose Feiglinge und Insektenfresser!“
Graufell fiel in Amsels Triumphgeheul ein.
„Es reicht!“, rief Eichel streng, „nicht alle Silberwölfe sind so schlimm. Sie sind Wölfe wie wir und halten zu ihren Rudelgenossen. Außerdem ist es ehrlos, einen geschlagenen Feind so zu verhöhnen! Geht lieber zu eurem Großvater, er wird euch sicher wieder eine Geschichte erzählen.“
Die Welpen nickten und stürmten zu den Amenas.
Hoch lebe das Sonnenrudel!, dachte Amsel und hatte Tannes Worte bereits fast wieder vergessen.
Die drei schlüpften bellend in den Amenabau. Farn hob den Kopf und ermahnte die Welpen, leise zu sein. „Efeu schläft, sie braucht ihre Ruhe und ich will nicht, dass sie geweckt wird“, erklärte er und sah zu seiner Wurfgenossin. Sein Blick verdüsterte sich und er murmelte: „In letzter Zeit hat sie nicht gut geschlafen.“
Die Welpen verstummten, sie wollten die alte Wölfin nicht wecken.
Auch wenn wahrscheinlich ein Baum neben ihren Ohren umfallen könnte und sie es trotzdem nicht hören würde, dachte Amsel, hütete sich aber davor, etwas zu sagen.
„Erzählst du uns eine Geschichte?“, fragte Luchs leise.
„Ja bitte! Eichel hat uns zu dir geschickt, weil wir gespielt haben und uns über die Silberwölfe lustig gemacht haben“, erklärte Graufell und blickte Farn erwartungsvoll an.
Dieser wedelte mit dem Schwanz und antwortete: „Natürlich, ich gebe meinen kleinen Enkeln immer gerne die alten Geschichten unseres Rudels weiter. Nur so können unsere Traditionen bewahrt werden.“
Graufell entfuhr ein freudiges Quieken und die drei sprangen schwanzwedelnd in Farns Nest und kuschelten sich an ihren Großvater. Dieser überlegte kurz, bevor er fragte: „Eichel hat euch zu mir geschickt, weil sie nicht wollte, dass ihr euch über andere Rudel lustig macht?“
„Genau“, bestätigte Amsel, „sie sagte, es sei ehrlos und sie seien Wölfe genau wie wir.“
„Aber wie können wir alle gleich sein, wenn wir doch Feinde sind?“, Luchs blickte Farn fragend an und fügte hinzu: „Ich bin doch ganz anders als diese Insektenfres … äh, ich meine diese Silberwölfe.“
Farn nickte langsam, dann begann er: „Ich werde es euch erklären. Wisst ihr, wie die vier Rudel entstanden sind?“
Die Welpen schüttelten die Köpfe und kuschelten sich näher an den alten Wolf, welcher nun erzählte: „Es war vor langer Zeit, nicht einmal die Wölfe, die Amenas waren, als ich noch jung war, haben das noch erlebt …“
Wow, dachte Amsel, das muss ja schon ewig her sein, Farn ist wahrscheinlich schon älter als der größte Baum im Wald! Das muss wirklich eine sehr alte Geschichte sein.
„… Damals lebte in diesem Gebiet nur ein großes Rudel. Dieses wurde jeweils von zwei Wölfen angeführt. Einem Alphawolf und einer Alphawölfin. Der Wolf kümmerte sich um die Sicherheit und das Überleben des Rudels, während die Wölfin für die Jagd und die Versorgung jedes Wolfes zuständig war. Es war in der Zeit, in welcher ein Wolf namens Wasser und eine Wölfin namens Eichhörnchen das Rudel führten. Sie durchlebten schwere Jahre. Die Winter waren eiskalt und die Sommer regnerisch. Es war schwer, alle Wölfe satt zu bekommen und einige munkelten, dass das Rudel mit Wasser und Eichhörnchen an der Spitze nicht mehr lange überleben konnte.
Ein anderes, jüngeres Paar von Wölfen, der Wolf Fels und die Wölfin Sonne, wollten Wasser und Eichhörnchen stürzen, um selber an die Macht zu kommen. Sie organisierten eine Verschwörung. Etwa die Hälfte des Rudels schien sich ihnen anzuschließen. Sie erhofften sich eine bessere Zukunft mit neuen Alphawölfen. In einer ruhigen Nacht griffen die Verschwörer den Rest des Rudels an. Jedoch hatten sie einen Verräter in ihren Reihen gehabt, welcher die bestehenden Anführer gewarnt hatte. Der Aufstand konnte niedergeschlagen werden. Wasser wollte Sonne und Fels hinrichten lassen, aber Eichhörnchen konnte ihn überzeugen, dass ihretwegen schon genug Blut vergossen worden war. Stattdessen wurden die Aufständischen verbannt. Fels und Sonne gründeten so ihr eigenes Rudel.
Man sagt, an dem Tag hätte der Fluss seinen Lauf geändert und habe fortan – und bis heute – eine sichere Grenze gebildet. Ich glaube nicht daran, aber jeder muss selbst wissen, ob dieser Glaube richtig für ihn ist oder nicht. Beweise gibt es keine. Auf jeden Fall lebten die Rudel eine Zeit lang in Frieden. Doch dann starb Eichhörnchen. Die Wölfin Silber nahm ihren Platz ein. Sie und Wasser waren sich nicht einig darüber, wie das Rudel geführt werden sollte. Irgendwann eskalierte ihr Streit und als Folge davon verließ Silber das Rudel mit ihren Anhängern und gründete ihr eigenes Rudel, welches sie Silberrudel nannte. Sie war alleinige Anführerin dieses Rudels. Dies entsetzte die anderen Rudel. Wie konnte so ein Rudel, wenn man es überhaupt noch so nennen konnte, überleben?Wasser blieb den alten Traditionen erst noch treu. Farn übernahm das Amt der Alphawölfin, doch sie starb bald an einer schlimmen Krankheit, welche heute als Blutatem bekannt ist …“
Blutatem! Amsel schauerte nur schon beim Namen dieser Krankheit.
„… Wasser beschloss daraufhin, sein Rudel auch alleine zu führen. Er hatte keine Lust mehr auf die Unruhen, die die Wahl einer neuen Anführerin mit sich brachte. Das Wasserrudel war geboren. Sonne und Fels bekamen das Ganze natürlich mit über. Fels sah darin seine Chance. Wieso sollte er seine Macht teilen, wenn es auch anders ging? Er führte Sonne in einen Hinterhalt und ermordete sie gnadenlos. Was er nicht wusste: Er wurde beobachtet. Sonnes Sohn Meer hatte es gesehen und erzählte es dem ganzen Rudel. Fels bezichtigte ihn der Lüge und verbannte ihn. Einige Wölfe, die ihm glaubten, folgten dem jungen Wolf. Er gründete sein eigenes Rudel, welches er Sonnenrudel nannte – zu Ehren seiner Mutter. Fels’ Rudel hieß fortan Felsenrudel. Seither lebten die Rudel getrennt und in ständigem Misstrauen. Nur selten kommt es vor, dass ein Wolf das Rudel wechselte oder Junge von einem Wolf aus einem anderen Rudel bekommt. Diese Wölfe werden immer wie Verräter behandelt, verbannt oder gar hingerichtet. Aber eigentlich sind wir alle Wölfe. Wir haben denselben Ursprung. Wir waren einst eine große Familie. Deshalb haben wir mehr mit den anderen Rudeln gemeinsam, als man denkt …“
Ein Mond war vergangen, Fisch hatte ihre Jungen, Schmetterling, Habicht und Bussard, bekommen. Nachts Bruder Schwarzfell war ihr Vater. Es war kälter geworden. Die Blätter fielen von den Bäumen und ein eisiger Wind blies.
Amsel und Luchs tollten auf der Lichtung herum, Graufell war bereits in den Uwayebau gegangen, um sich vor der Kälte zu schützen. Luchs blieb vor dem Eingangstunnel stehen, durch welchen die Sonnenwölfe das Lager betraten und verließen. Die Brombeerranken, welche ihn bildeten, zitterten leicht. Vor kurzer Zeit war eine Jagdpatrouille mit einer erlegten Hirschkuh zurückgekehrt.
„Was hältst du davon, wenn wir uns rausschleichen? Ich meine, würdest du nicht auch gerne mal in den Wald gehen? Bevor Eichel überhaupt merkt, dass wir weg sind, sind wir schon wieder zurück“, flüsterte Luchs Amsel ins Ohr.
Diese war von seinem Vorschlag sofort begeistert. Sie schaute sich um, um sicherzustellen, dass niemand sie sah, und rannte dann aus dem Lager. Sie hörte ihren Bruder hinter sich. Die beiden rannten eine Weile kreuz und quer durch den Wald und bellten laut vor Vergnügen. Irgendwann blieb Amsel stehen und schnupperte aufmerksam. „Ob wir wohl etwas fangen können?“, fragte sie. Die beiden schauten sich nach Beute um und entdeckten kurze Zeit später ein Eichhörnchen, das an einer Nuss knabberte.
Amsel duckte sich und schlich vorwärts. Als sie nicht mehr weit von ihrer Beute entfernt war, sprang sie mit lautem Geheul los.
Das Eichhörnchen erstarrte und flüchtete dann schnell auf den nächsten Baum, wo es laut schimpfend sitzen blieb. Amsel hüpfte bellend um den Baum und kratzte an der Rinde. Schließlich gab sie auf und kehrte zu ihrem Bruder zurück.
...
Amsel stürmte, gefolgt von ihrem Bruder Luchs, aus dem Uwayebau und rannte quer durch das Lager, der heimkehrenden Jagdpatrouille entgegen, die gerade durch den Eingangstunnel schlüpfte. Schwalbe und Schwarzfell zogen ein kleines Reh auf die Lichtung, während Nacht, der Vater der Welpen, mit einem Hasen zwischen den Zähnen folgte.
Amsel sprang wild bellend um ihren Vater herum. „Ist das für Luchs, Graufell und mich?“, fragte sie hoffnungsvoll.
Bevor er antworten konnte, schnappte Luchs den Hasen und riss ihn ihm aus der Schnauze.
„Luchs!“, knurrte Nacht streng, „Du darfst niemals jemandem die Beute aus dem Maul reißen – besonders nicht einem Ranghöheren. Das ist respektlos und du könntest dem anderen Wolf einen Zahn abbrechen.“
Luchs schaute beschämt zu Boden und entschuldigte sich leise. Nach einiger Zeit blickte er seinen Vater erschrocken an und ließ die Rute hängen. „Darf ich jetzt kein Mala mehr werden, weil ich das gemacht habe?“, fragte er mit zitternder Stimme.
Nacht wedelte belustigt mit dem Schwanz und antwortete: „In zwei Monaten, wenn du fünf Monate alt bist, wirst du zum Mala ernannt. So, jetzt nehmt den Hasen und bringt ihn zu Graufell.“
Luchs zerrte den Hasen in den Uwayebau. Amsel verabschiedete sich kurz von ihrem Vater und folgte ihrem Bruder. Zwei Monate, das ist noch so lang. Ich will aber jetzt Mala werden!, dachte sie.
Als sie den Bau betrat, wurde sie vom warmen Milchgeruch eingehüllt und sie erinnerte sich sehnsüchtig an die Zeit, in der Eichel sie noch gesäugt hatte. Sie ließ sich neben ihrem Bruder zum Fressen nieder, während ihre Mutter versuchte, Graufell, welche eindeutig das schwächste Junge aus ihrem Wurf war, zum Essen zu überreden. Eigentlich hatte Amsel noch einen Bruder gehabt, Rauch, aber dieser war nur wenige Tage nach der Geburt gestorben. Sie konnte sich nicht an ihn erinnern.
Nachdem sie satt war, kuschelte sie sich an den Bauch ihrer Mutter. Die Sonnenwölfe begannen mit dem täglichen Abendgeheul und Amsel schlief bei der vertrauten Melodie schnell ein.
Amsel öffnete blinzelnd die Augen. Sie lag unter einem großen Baum. Wie bin ich aus dem Lager gekommen und wo bin ich jetzt?, fragte sie sich. Verunsichert zuckte sie mit den Ohren. Langsam drehte sie sich um und erschrak. Neben dem Baum, es war eine knorrige, alte Eiche, saß ein schöner graublauer Wolf mit schimmerndem Fell. Amsel hatte ihn noch nie gesehen. Sie wich ängstlich zurück und starrte ihn mit großen Augen an. Gehört dieser Wolf zu einem anderen Rudel?, schoss es ihr durch den Kopf. Sie schnupperte, doch konnte nur den vertrauten Geruch des Sonnenrudels erkennen. Aber wie kann es sein, dass ich diesen Wolf noch nie gesehen habe? Ich kenne doch jeden aus meinem Rudel!, überlegte sie verwirrt und knurrte leise, um sich den Fremden vom Leibe zu halten.
Dieser trat langsam einen Schritt auf Amsel zu. „Hallo, kleine Amsel“, sagte er mit einer so glockenklaren Stimme, wie Amsel noch nie eine gehört hatte, „Ich bin Tanne. Ich war vor Mond Alphawolf des Sonnenrudels. Jetzt wandle ich als Geist durch den Wald der Ewigkeit.“
Amsel riss ungläubig die Augen auf und ihr Knurren verstummte augenblicklich.
Eichel hatte ihr vom Wald der Ewigkeit erzählt. Laut der Legende kamen dort Wölfe hin, wenn sie starben. Rauch und Moos’ Bruder Flechte war auch dorthin gegangen. Das Abendgeheul war dazu da, Kontakt mit seinen Bewohnern aufzunehmen und ihnen zu gedenken.
Tanne sprach ruhig weiter: „In der Zukunft wirst du Großes vollbringen, doch dein Weg wird nicht einfach sein. In deiner Vergangenheit verbirgt sich eine Lüge, die ans Licht kommen muss. Deine Treue, deine Loyalität und deine Liebe werden auf harte Probe gestellt werden, und du wirst Opfer bringen müssen. Amsel – egal, wohin dein Weg dich führt, folge immer deinem Herzen und vergiss niemals: Du bist nicht allein.“
Amsel schreckte ruckartig aus dem Schlaf hoch, Licht strömte in den Bau. Habe ich das wirklich erlebt? Ist der Traum echt gewesen? Habe ich eine Prophezeiung von einem Wolf des Waldes der Ewigkeit empfangen, kann das wirklich sein? Auch wenn sie wusste, dass normalerweise nur Schamanen und Alphawölfe wirklich mit den Geistern sprechen konnten, glaubte sie fest daran, dass es so war. Sie hatte noch nie einen so lebendigen Traum gehabt.
Sie blickte sich im Uwayebau um. Eichel und ihre Geschwister schliefen noch. Vor dem Nest lag das Hinterbein eines Hirsches. Wahrscheinlich hatte es einer der Malas vorhin vorbeigebracht, als sie noch geschlafen hatte.
Vorsichtig schlich sie zu dem Fleisch und fraß einige Bissen. Plötzlich spürte sie, wie etwas Schweres auf ihr landete. Mit einem erschrockenen Bellen ging sie zu Boden.
„Ich habe dich erwischt! Wag es ja nicht, noch einmal vor mir zu fressen!“, hörte Amsel den triumphierenden Ruf ihres Bruders.
Amsel versuchte ihn abzuschütteln und knurrte: „Ich kann fressen, wann ich will. Selbst schuld, wenn du zu lange schläfst!“
Jetzt regten sich auch Eichel und Graufell. „Macht doch nicht solch einen Lärm! Fisch muss sich ausruhen. In wenigen Tagen kommen ihre Jungen. Geht raus, wenn ihr spielen wollt!“, befahl die sandfarbene Wölfin verschlafen.
Amsel schaffte es, sich aus dem Griff ihres Bruders zu befreien und stürmte kläffend aus dem Uwayebau.
Draußen kam sie zum Stehen. Die Sonne schien zwischen den Bäumen und erwärmte ihren dunklen Pelz. Mond und Amsels Tante Sand, die Bethawölfin, besprachen sich vor dem Alphawolfbau.
Der Beuteplatz war schon gut gefüllt. Im Schutze des Schwarzdornbusches lagen ein Reh, zwei Hasen und die Reste eines Hirsches. Floh, ein grauer Wolf, kam aus dem Sonnenwolfbau, streckte sich gähnend, bevor er nach Moos rief. Die Mala, welche nicht viel älter als Amsel war, rannte sofort zu ihm. Er würde heute ihr Training übernehmen. Gemeinsam verließen sie das Lager
Wo sie wohl hingehen?, fragte sich Amsel. Sie sah den beiden sehnsüchtig nach. Sie konnte es kaum erwarten, endlich zu entdecken, was hinter dem Lagerwall lag.
Jetzt tauchte Luchs hinter ihr auf. Amsel drehte sich um und wedelte mit dem Schwanz, dann duckte sie sich und knurrte: „Was willst du hier, du gemeiner Silberwolf? Das ist Sonnenrudelterritorium!“
Luchs sah sie verwirrt an, dann verstand er und bellte: „Nicht mehr lange. Nach diesem Kampf ist das hier ein Gebiet des Silberrudels!“
Mit einem Kampfgeheul stürzte sich Amsel auf ihren Bruder. Dieser duckte sich und schlug mit der Pfote nach ihrer Nase. Sie zuckte zurück und wartete einen Moment zu lange. Luchs stürzte sich auf sie und riss sie von den Pfoten. Die beiden Welpen rollten, mit gespieltem Hass, über die Lichtung.
„Ein Sonnenwolf gibt sich niemals geschlagen, du räudiger Insektenfresser!“, schrie Amsel.
„Das Silberrudel wird dieses Territorium an sich reißen!“, rief Luchs und nagelte Amsel am Boden fest.
Sie dachte schon, dass sie verloren hatte, als plötzlich etwas Graues hinter Luchs auftauchte.
Graufell zerrte ihn von Amsels Rücken und knurrte: „Sonnenwölfe müssen nie allein kämpfen! Wir sind Rudelgenossen und halten immer zusammen!“
Gemeinsam stürzten sich die Schwestern auf ihren Bruder und trieben ihn zurück. Nach kurzer Zeit klemmte Luchs seine Rute zwischen die Beine und winselte, bevor er hinter einem Stein in Deckung ging.
„Sieg!“, heulte Amsel laut, „das Sonnenrudel ist das stärkste Rudel überhaupt und die Silberwölfe sind nichts als herzlose Feiglinge und Insektenfresser!“
Graufell fiel in Amsels Triumphgeheul ein.
„Es reicht!“, rief Eichel streng, „nicht alle Silberwölfe sind so schlimm. Sie sind Wölfe wie wir und halten zu ihren Rudelgenossen. Außerdem ist es ehrlos, einen geschlagenen Feind so zu verhöhnen! Geht lieber zu eurem Großvater, er wird euch sicher wieder eine Geschichte erzählen.“
Die Welpen nickten und stürmten zu den Amenas.
Hoch lebe das Sonnenrudel!, dachte Amsel und hatte Tannes Worte bereits fast wieder vergessen.
Die drei schlüpften bellend in den Amenabau. Farn hob den Kopf und ermahnte die Welpen, leise zu sein. „Efeu schläft, sie braucht ihre Ruhe und ich will nicht, dass sie geweckt wird“, erklärte er und sah zu seiner Wurfgenossin. Sein Blick verdüsterte sich und er murmelte: „In letzter Zeit hat sie nicht gut geschlafen.“
Die Welpen verstummten, sie wollten die alte Wölfin nicht wecken.
Auch wenn wahrscheinlich ein Baum neben ihren Ohren umfallen könnte und sie es trotzdem nicht hören würde, dachte Amsel, hütete sich aber davor, etwas zu sagen.
„Erzählst du uns eine Geschichte?“, fragte Luchs leise.
„Ja bitte! Eichel hat uns zu dir geschickt, weil wir gespielt haben und uns über die Silberwölfe lustig gemacht haben“, erklärte Graufell und blickte Farn erwartungsvoll an.
Dieser wedelte mit dem Schwanz und antwortete: „Natürlich, ich gebe meinen kleinen Enkeln immer gerne die alten Geschichten unseres Rudels weiter. Nur so können unsere Traditionen bewahrt werden.“
Graufell entfuhr ein freudiges Quieken und die drei sprangen schwanzwedelnd in Farns Nest und kuschelten sich an ihren Großvater. Dieser überlegte kurz, bevor er fragte: „Eichel hat euch zu mir geschickt, weil sie nicht wollte, dass ihr euch über andere Rudel lustig macht?“
„Genau“, bestätigte Amsel, „sie sagte, es sei ehrlos und sie seien Wölfe genau wie wir.“
„Aber wie können wir alle gleich sein, wenn wir doch Feinde sind?“, Luchs blickte Farn fragend an und fügte hinzu: „Ich bin doch ganz anders als diese Insektenfres … äh, ich meine diese Silberwölfe.“
Farn nickte langsam, dann begann er: „Ich werde es euch erklären. Wisst ihr, wie die vier Rudel entstanden sind?“
Die Welpen schüttelten die Köpfe und kuschelten sich näher an den alten Wolf, welcher nun erzählte: „Es war vor langer Zeit, nicht einmal die Wölfe, die Amenas waren, als ich noch jung war, haben das noch erlebt …“
Wow, dachte Amsel, das muss ja schon ewig her sein, Farn ist wahrscheinlich schon älter als der größte Baum im Wald! Das muss wirklich eine sehr alte Geschichte sein.
„… Damals lebte in diesem Gebiet nur ein großes Rudel. Dieses wurde jeweils von zwei Wölfen angeführt. Einem Alphawolf und einer Alphawölfin. Der Wolf kümmerte sich um die Sicherheit und das Überleben des Rudels, während die Wölfin für die Jagd und die Versorgung jedes Wolfes zuständig war. Es war in der Zeit, in welcher ein Wolf namens Wasser und eine Wölfin namens Eichhörnchen das Rudel führten. Sie durchlebten schwere Jahre. Die Winter waren eiskalt und die Sommer regnerisch. Es war schwer, alle Wölfe satt zu bekommen und einige munkelten, dass das Rudel mit Wasser und Eichhörnchen an der Spitze nicht mehr lange überleben konnte.
Ein anderes, jüngeres Paar von Wölfen, der Wolf Fels und die Wölfin Sonne, wollten Wasser und Eichhörnchen stürzen, um selber an die Macht zu kommen. Sie organisierten eine Verschwörung. Etwa die Hälfte des Rudels schien sich ihnen anzuschließen. Sie erhofften sich eine bessere Zukunft mit neuen Alphawölfen. In einer ruhigen Nacht griffen die Verschwörer den Rest des Rudels an. Jedoch hatten sie einen Verräter in ihren Reihen gehabt, welcher die bestehenden Anführer gewarnt hatte. Der Aufstand konnte niedergeschlagen werden. Wasser wollte Sonne und Fels hinrichten lassen, aber Eichhörnchen konnte ihn überzeugen, dass ihretwegen schon genug Blut vergossen worden war. Stattdessen wurden die Aufständischen verbannt. Fels und Sonne gründeten so ihr eigenes Rudel.
Man sagt, an dem Tag hätte der Fluss seinen Lauf geändert und habe fortan – und bis heute – eine sichere Grenze gebildet. Ich glaube nicht daran, aber jeder muss selbst wissen, ob dieser Glaube richtig für ihn ist oder nicht. Beweise gibt es keine. Auf jeden Fall lebten die Rudel eine Zeit lang in Frieden. Doch dann starb Eichhörnchen. Die Wölfin Silber nahm ihren Platz ein. Sie und Wasser waren sich nicht einig darüber, wie das Rudel geführt werden sollte. Irgendwann eskalierte ihr Streit und als Folge davon verließ Silber das Rudel mit ihren Anhängern und gründete ihr eigenes Rudel, welches sie Silberrudel nannte. Sie war alleinige Anführerin dieses Rudels. Dies entsetzte die anderen Rudel. Wie konnte so ein Rudel, wenn man es überhaupt noch so nennen konnte, überleben?Wasser blieb den alten Traditionen erst noch treu. Farn übernahm das Amt der Alphawölfin, doch sie starb bald an einer schlimmen Krankheit, welche heute als Blutatem bekannt ist …“
Blutatem! Amsel schauerte nur schon beim Namen dieser Krankheit.
„… Wasser beschloss daraufhin, sein Rudel auch alleine zu führen. Er hatte keine Lust mehr auf die Unruhen, die die Wahl einer neuen Anführerin mit sich brachte. Das Wasserrudel war geboren. Sonne und Fels bekamen das Ganze natürlich mit über. Fels sah darin seine Chance. Wieso sollte er seine Macht teilen, wenn es auch anders ging? Er führte Sonne in einen Hinterhalt und ermordete sie gnadenlos. Was er nicht wusste: Er wurde beobachtet. Sonnes Sohn Meer hatte es gesehen und erzählte es dem ganzen Rudel. Fels bezichtigte ihn der Lüge und verbannte ihn. Einige Wölfe, die ihm glaubten, folgten dem jungen Wolf. Er gründete sein eigenes Rudel, welches er Sonnenrudel nannte – zu Ehren seiner Mutter. Fels’ Rudel hieß fortan Felsenrudel. Seither lebten die Rudel getrennt und in ständigem Misstrauen. Nur selten kommt es vor, dass ein Wolf das Rudel wechselte oder Junge von einem Wolf aus einem anderen Rudel bekommt. Diese Wölfe werden immer wie Verräter behandelt, verbannt oder gar hingerichtet. Aber eigentlich sind wir alle Wölfe. Wir haben denselben Ursprung. Wir waren einst eine große Familie. Deshalb haben wir mehr mit den anderen Rudeln gemeinsam, als man denkt …“
Ein Mond war vergangen, Fisch hatte ihre Jungen, Schmetterling, Habicht und Bussard, bekommen. Nachts Bruder Schwarzfell war ihr Vater. Es war kälter geworden. Die Blätter fielen von den Bäumen und ein eisiger Wind blies.
Amsel und Luchs tollten auf der Lichtung herum, Graufell war bereits in den Uwayebau gegangen, um sich vor der Kälte zu schützen. Luchs blieb vor dem Eingangstunnel stehen, durch welchen die Sonnenwölfe das Lager betraten und verließen. Die Brombeerranken, welche ihn bildeten, zitterten leicht. Vor kurzer Zeit war eine Jagdpatrouille mit einer erlegten Hirschkuh zurückgekehrt.
„Was hältst du davon, wenn wir uns rausschleichen? Ich meine, würdest du nicht auch gerne mal in den Wald gehen? Bevor Eichel überhaupt merkt, dass wir weg sind, sind wir schon wieder zurück“, flüsterte Luchs Amsel ins Ohr.
Diese war von seinem Vorschlag sofort begeistert. Sie schaute sich um, um sicherzustellen, dass niemand sie sah, und rannte dann aus dem Lager. Sie hörte ihren Bruder hinter sich. Die beiden rannten eine Weile kreuz und quer durch den Wald und bellten laut vor Vergnügen. Irgendwann blieb Amsel stehen und schnupperte aufmerksam. „Ob wir wohl etwas fangen können?“, fragte sie. Die beiden schauten sich nach Beute um und entdeckten kurze Zeit später ein Eichhörnchen, das an einer Nuss knabberte.
Amsel duckte sich und schlich vorwärts. Als sie nicht mehr weit von ihrer Beute entfernt war, sprang sie mit lautem Geheul los.
Das Eichhörnchen erstarrte und flüchtete dann schnell auf den nächsten Baum, wo es laut schimpfend sitzen blieb. Amsel hüpfte bellend um den Baum und kratzte an der Rinde. Schließlich gab sie auf und kehrte zu ihrem Bruder zurück.
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