Die Jagd der Werwölfe
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 150
ISBN: 978-3-7116-1295-3
Erscheinungsdatum: 29.01.2026
Ein neuer Anfang, eine unerwartete Freundschaft – und ein uraltes Geheimnis, das tief im Wald verborgen liegt. Jeff will nur normal sein, doch zwischen Werwölfen und Zentauren entscheidet sich sein Schicksal.
Die neue Schule
Jeff stand vor dem Spiegel in seinem Zimmer und strich sein T-Shirt glatt. Er hatte in der Eile nur dieses eine saubere gefunden. Ganz hinten hatte es zusammengeknüllt im Schrank gelegen. Jeff versuchte, leicht verzweifelt, wenigstens ein paar der Falten aus dem Stoff zu bekommen. Dass er auch ausgerechnet heute keine frischen Klamotten gefunden hatte!
Es war Jeffs erster Schultag, nachdem er seine letzte Schule wegen Mobbing verlassen hatte, und er hatte eigentlich vorgehabt, dieses Mal einen guten Eindruck zu hinterlassen. Doch stattdessen stand er hier, in diesem furchtbar zerknitterten T-Shirt mit einer Jeans, die schon erste Löcher hatte.
Seufzend versuchte er, wenigstens seine Haare in Ordnung zu bringen. Die Bürste hatte er schon wieder verlegt, und wenn er sich so im Zimmer umsah, würde er sie auch nicht so leicht wiederfinden. Auf dem Boden verstreut lagen Klamotten, die meisten davon waren schmutzig, und sein Schreibtisch war schon wieder von Papierbergen überhäuft. Unter einigen Sachen und Zeitschriften neben der Tür lugte seine Schultasche hervor.
„Jeff, wenn du jetzt nicht kommst, schaffst du es nicht mehr pünktlich!“, rief sein Vater vom Hausflur aus.
Jeff seufzte erneut und entschied, dass es heute einmal so gehen müsse. Seine braunen Haare standen zwar immer noch in alle Richtungen ab, aber das konnte er jetzt nicht mehr ändern.
Schnell griff er nach seiner Schultasche, kontrollierte, ob er die nötigen Bücher eingesteckt hatte, und lief aus seinem Zimmer und die Treppe herunter.
Sein Vater stand zusammen mit seinen zwei älteren Brüdern unten im Flur und wartete auf ihn. Als er kam, drückte sein Vater ihn noch einmal an sich.
„Pass auf dich auf und lass dir nicht alles gefallen“, riet er seinem Sohn, bevor er ihn von sich drückte. „Andreas fährt dich.“
Jeff nickte und folgte seinem Bruder Andreas aus dem Haus. Davor parkte wie immer ein kleines, bereits etwas ramponiertes Auto. Die zahlreichen Abschürfungen und Dellen, die der Opel aufzuweisen hatte, ließen bei den meisten Leuten die Frage aufkommen, ob dieses Auto auch schon unfallfreie Fahrten hinter sich hatte.
Jeff stieg auf den Beifahrersitz des kleinen Autos und Andreas fuhr los. Der Weg zur Schule war ziemlich lang, da das Haus von Jeffs Familie mitten im Wald stand. Es war ein ehemaliges Försterhaus, das die Familie vor ein paar Jahren gekauft hatte.
Die Schule, auf die er ab heute gehen sollte, lag direkt in der nächsten Ortschaft. Andreas schwieg während der Fahrt. Jeff fragte sich unweigerlich, ob sein großer Bruder noch böse auf ihn war. Es hatte schließlich ein riesiges Theater gegeben, als er die Schule wechseln wollte. Seine Familie wurde seit Generationen auf dieser Schule ausgebildet, und nun kam er und tanzte aus der Reihe. Aber er war ja auch gemobbt worden. Bei der Erinnerung daran war Jeff nur noch froh, seine Klasse nicht mehr wiedersehen zu müssen.
Er schüttelte den Kopf und versuchte, sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Inzwischen waren sie in der Stadt angekommen und fuhren auf einen halbrunden Platz zu, an dessen geradem Ende die Schule stand.
Andreas hielt an und drückte Jeff an sich: „Ich hol dich nach der Schule wieder hier ab.“
Jeff nickte und lächelte seinen Bruder etwas gequält an. „Ok, danke“, murmelte er nur und griff nach seiner Schultasche.
„Hey, so schlimm wird es schon nicht werden“, versuchte Andreas ihn aufzumuntern, „Und jetzt los, sonst komm ich zu spät zur Arbeit.“
Jeff atmete noch einmal tief durch, dann stieg er aus dem Auto. Auf dem Vorplatz war bereits eine Menge los. Er beobachtete, wie sein Bruder ausparkte und sich sofort ein neues Auto in die freigewordene Lücke schob, um ein Kind rauszulassen. Der kleine, zerbeulte Opel seiner Familie fiel in dieser Stadt voll schicker Vorstadtgärten und gepflegter Häuserfassaden wirklich auf. Jeff schmunzelte leicht. Wenn er sich das Treiben auf diesem Platz ansah, war er froh, etwas abgeschieden zu leben.
Jeff bahnte sich den Weg zwischen schwatzenden Schülergruppen hindurch zum Schulgebäude. Es war ein altes Gebäude mit Stuckornamenten, deren genaues Muster nicht mehr zu erkennen war. Verputzt war das Gebäude nicht, aber die Fassade war trotzdem makellos sauber. Jeff begann sich langsam zu fragen, ob in dieser Stadt überhaupt etwas nicht sauber war. Mit einem Mal kam er sich in seinen Klamotten wie ein abgerissener Straßenjunge vor.
Jeff erklomm die Stufen zum Eingangsportal der Schule und sah sich im Gang um. Wie nicht anders zu erwarten, war es auch hier sauber. Langsam begann ihn das richtig zu nerven. Es war geradezu klinisch sauber. Und voll war es. Sehr voll. Überall standen Schüler herum, die ihre Köpfe über Hefter beugten oder mit anderen Schülern redeten.
Da Jeff nicht wusste, wo er hinsollte, ging er einfach den Wegweisern in Richtung Sekretariat nach. Es war nur den Gang hinunter, dann stand er vor der Tür.
Diese war, wie alle Türen, die er bis jetzt gesehen hatte, aus dunklem Eichenholz. Jeff strich kurz über die Tür und wünschte sich, es würde noch etwas von dem ursprünglichen Geruch des Baumes daran hängen. Dann hätte er wenigstens etwas Vertrautes in seiner Umgebung gehabt.
Stattdessen stand er hier in seiner neuen Schule. Jeff seufzte leise und klopfte an die Tür.
„Ja?“, rief eine Frauenstimme.
Er trat ein und sah die Sprecherin hinter einem Tresen am Computer sitzen.
„Silvers, Jeff, nehme ich an?“, fragte sie mit künstlichem Lächeln.
Jeff nickte und bekam von der Frau einen Stapel Bücher zugeschoben.
„Dein Klassenraum ist die 421. Einfach rechts den Gang runter“, sie legte eine kleine Pause ein und kramte zwei Zettel hervor, „Hier einmal unterschreiben und das ist dein Stundenplan.“
Jeff nickte, unterschrieb und verstaute die Bücher in seiner Tasche. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Klassenraum.
Nach kurzer Zeit hatte Jeff den Klassenraum gefunden. Der Raum war allerdings nicht eben, sondern hatte im Mittelgang eine Treppe, über die man zu den Bänken auf den einzelnen Stufen kam. Das Ganze erinnerte ein bisschen an einen Kinosaal. Nur waren die Schulbänke und Stühle bestimmt nicht so bequem.
Jeff sah sich im Raum nach dem Lehrer um, doch der schien noch nicht da zu sein.
„Du kannst dich in die dritte Reihe, dort drüben rechts, setzen“, informierte ihn eines der Mädchen.
„Danke“, meinte Jeff und fühlte sich noch verpflichtet hinzuzufügen: „Ich heiße Jeff.“
Das Mädchen lachte auf: „Das weiß ich doch, wir sind informiert worden, dass du kommst. Ich bin die Klassensprecherin Julia.“
Jeff nickte und ging die Stufen zu seiner Bank nach oben. Als er sich an den Platz an der Wandseite niederlassen wollte, fiel ihm auf, dass da bereits eine Schultasche stand. Jeff ließ sich also auf den Platz daneben fallen und sah sich im Raum um. Alle Schüler saßen auf ihren Plätzen, lachten und redeten. Keiner von ihnen schien woanders zu sein, und Jeff fragte sich, wo denn dann sein Sitznachbar war. Vielleicht, so überlegte er, war er noch einmal auf den Flur gegangen.
Ein leises Summen, das von der Tür kam, lenkte Jeffs Aufmerksamkeit auf sich. Ein normaler Mensch hätte das Geräusch wahrscheinlich gar nicht gehört, aber Jeff war nun mal nicht ganz normal. Neugierig sah er zur Tür und entdeckte die Ursache. Ein Rollstuhl war in den Raum gekommen, er war wohl elektrisch betrieben und die Batterie summte leicht. Das Mädchen, zu dem der Rollstuhl gehörte, sah sich nicht groß um, sondern fuhr zielsicher zum Ende des Raumes. Jeff folgte ihr mit den Augen und bemerkte dabei die leichte Rampe, die dort angebracht war. Das Mädchen unternahm ein paar Anläufe, den Anstieg nach oben zu fahren, gab dann aber auf. Sie schien es gewohnt zu sein, dass sie nicht allein hochkam, und nach ein paar Minuten entdeckte Julia sie und schob sie nach oben.
„Stellst du bitte mal den Stuhl weg“, bat Julia, als sie mit dem Mädchen im Rollstuhl auf der Höhe seiner Bank angekommen war. Jeff nickte und beeilte sich, den Stuhl zur Seite zu rücken. Dieses Mädchen war also seine Sitznachbarin. Neugierig beobachtete Jeff sie. Er gab zu, er starrte ihren Rollstuhl an, so was sah er zum ersten Mal.
Das Mädchen bedankte sich bei Julia und wandte sich dann an ihn: „Hey, du musst Jeff sein, ich bin Alex.“
Sie grinste Jeff breit an. „Noch nicht vielen Leuten im Rollstuhl begegnet, wie?“
Jeff schüttelte den Kopf und bekam dafür eine Welle von Lachern von Alex.
„Ich bin da nicht empfindlich, starr ruhig, bis du dich an den Anblick gewöhnt hast“, meinte sie dann.
Jeff wusste nicht wirklich, was er antworten sollte, also fragte er nur vorsichtig: „Wie lange hast du das schon?“
„Du meinst den Rollstuhl? Den benutze ich, seit ich ein kleines Mädchen bin. Hab kein Gefühl in diesen Beinen“, erklärte Alex und klopfte auf ihre Oberschenkel.
„Ach so“, murmelte Jeff leise. Irgendwie war ihm seine Frage nun doch peinlich.
Alex dagegen grinste ihn weiter fröhlich an. „Und warum bist du so plötzlich auf unsere Schule gekommen?“, fragte sie neugierig.
„Kam in meiner alten Schule mit ein paar Leuten nicht zurecht“, erklärte Jeff.
Das war zwar sehr vage ausgedrückt, entsprach aber weitestgehend der Wahrheit. Zum Glück fragte Alex nicht weiter nach, da gerade die Lehrerin den Raum betrat und das Mädchen ihre Aufmerksamkeit nach vorn richtete.
Die Lehrerin begrüßte die Klasse und begann damit, die Anwesenheit zu prüfen, indem sie jeden einzeln aufrief. Dabei bekam Jeff mit, dass Alex wohl eigentlich Alexandra hieß. Als ihr Name aufgerufen wurde, berichtigte sie die Lehrerin zwar sofort, welche davon aber keine große Notiz nahm. Danach begann der Unterricht.
Jeff war froh, als es endlich zur Pause klingelte. Sein Kopf schwirrte von den ganzen Matheformeln, ein Gebiet, das nicht unbedingt seine Stärke war.
Schnell packte er seine Sachen zusammen und stand auf. Der Raum hatte sich schon ziemlich geleert, scheinbar war er nicht der Einzige, der endlich nach draußen wollte.
„Kommst du mit nach draußen?“, sprach Alex ihn an.
Jeff zuckte zusammen. Er hatte tatsächlich vergessen, dass sie noch da war!
Seine Sitznachbarin deutete die Geste aber anscheinend falsch, denn sie senkte beschämt den Kopf. „Ich meinte ja nur, weil die anderen immer in den Aufenthaltsraum gehen. Es kommt kaum einer mit mir nach draußen“, nuschelte sie.
Jeff warf einen Blick auf das Mädchen und fühlte sich fast schon etwas schuldig, weil sie so enttäuscht aussah. Ihre wilden Locken fielen ihr ins Gesicht, während sie traurig zu Boden sah. Dann setzte sie ihren Rollstuhl in Bewegung und begann, die Rampe nach unten zu fahren.
Jeff überlegte. Eigentlich hatte er nie Freunde gehabt, aber es schadete sicher nicht, wenn er sie einmal nach draußen begleitete.
„Warte doch, ich komme mit“, meinte er also betont fröhlich und lief die Stufen im Mittelgang hinunter.
Alex war bereits unten angelangt und strahlte ihn an. „Danke!“, meinte sie erfreut, „Ich wusste, dass du gerne draußen bist.“
Jeff blickte sie verwirrt an. „Woher das denn?“, fragte er.
Alex setzte ihren Rollstuhl wieder in Bewegung und fuhr aus dem Klassenraum. „Du hast ein bisschen Erde an der Hose“, erwiderte sie und grinste ihn über die Schulter an.
Jeff lief eilig neben sie und zusammen machten sie sich auf den Weg zum Schulhof.
„Mal daran gedacht, dass ich auch auf dem Weg zur Schule mit Erde in Berührung gekommen sein könnte?“, fragte er, „Das heißt nicht automatisch, dass ich gerne draußen bin.“
Es stimmte zwar, er war gerne draußen, doch er wollte sie etwas ärgern.
„Das Braun an deiner Hose sieht mir aber eher nach Walderde aus“, meinte Alex unverblümt, „Und, ohne dir jetzt zu nahe treten zu wollen, du riechst auch etwas nach feuchter Walderde.“
Jetzt hatte Jeff schon wieder einen Grund, komisch zu gucken. Was war das denn bitte für eine Begründung? Unauffällig roch er an seinem T-Shirt. Roch nicht schlecht und selbst er roch kaum Erde daran. Dabei hatte er einen ziemlich guten Geruchssinn.
Draußen angekommen, empfingen sie direkt ein paar Sonnenstrahlen. Jeff musste automatisch lächeln. Er mochte diese Sommertage, nur zu gerne wäre er jetzt ein bisschen durch den Wald gestreift.
„Es ist schön in der Sonne“, riss Alex ihn aus seinen Träumereien.
Jeff nickte nur und Alex fuhr neben eine Bank. „Willst du dich nicht setzen?“, fragte sie.
Jeff lachte auf und nickte. Alex war schon ein nettes Mädchen.
„Was machst du so nach der Schule?“, versuchte er, ein normales Gespräch in Gang zu bringen.
„Ich habe zweimal die Woche Training im Bogenschießen und ich übe auch zu Hause gerne. Ansonsten bin ich gern draußen unterwegs“, erzählte Alex und grinste ihn an, „Und du?“
„Ich bin auch gern draußen, meistens im Wald.“
Alex strahlte. „Im Wald bin ich auch oft, wir wohnen ziemlich am Waldrand.“
Gedanklich ging Jeff die Waldränder seines Reviers durch. „Dann wohnst du am West End“, stellte er fest.
Alex warf ihm einen überraschten Blick zu. „Ja, genau.“
Jeff nickte nur. Wenn Alex am West End wohnte, mussten ihre Eltern ziemlich reich sein. Das war dort ein richtiges Bonzenviertel. Er verzog leicht das Gesicht, reiche Menschen zogen immer so viel Aufmerksamkeit auf sich, davon wollte er nun wirklich keine abhaben.
Als hätte Alex seine Gedanken gelesen, meinte sie: „Du brauchst gar nicht so dein Gesicht zu verziehen, wir leben dort ziemlich abgeschottet. Du brauchst dir also keine Gedanken zu machen, dass ich aufmerksamkeitsgeil bin oder so.“
Dabei klang sie ziemlich eingeschnappt.
„Also bist du eher einsam?“, rutschte es Jeff heraus, bevor er überhaupt nachdenken konnte.
„Es geht. Ich will auch nicht immer so viele Menschen um mich herum haben. Zu viel Aufmerksamkeit ist lästig. Da bin ich lieber ein bisschen allein. Du auch, oder?“
Jeff nickte. „Wir leben … ein bisschen weiter draußen. Mir reicht meine Familie eigentlich aus.“
Alex schloss die Augen und legte ihren Kopf in den Nacken. Jeff musste bei dem Anblick schmunzeln. Irgendetwas hatte dieses Mädchen an sich, was ihn anzog. Der Gedanke daran, dass sie viel Bogenschießen machte, schreckte ihn aber etwas ab. Er sollte doch eigentlich unauffällig bleiben. Keine falschen Gedanken wecken, vor allem aber: sich nicht finden lassen.
Er warf einen Blick auf ihre Beine und streckte die Hand aus, um sie zu berühren. Kurz bevor er sie berührte, haute Alex ihm auf die Finger.
„Ich dachte, du spürst da sowieso nichts“, murrte Jeff und rieb sich die Hand.
„Nur gucken, nicht anfassen“, ermahnte Alex ihn belustigt.
Jeff warf ihr ein freches Grinsen zu. Dieses Mädchen war ein Mensch, rief er sich in Erinnerung, kein Grund zur Panik.
„Wir sollten mal langsam wieder nach drinnen gehen“, meinte Alex.
Jeff stöhnte auf. Er konnte sich nun wirklich Schöneres vorstellen, als zurück in den muffigen, vollen Klassenraum zu gehen. Alex löste die Bremsen ihres Rollstuhls.
„Nun komm schon“, sagte sie und warf ihm einen belustigten Blick zu, „Ich will keinen Ärger fürs Zu-spät-Kommen kriegen.“
Dann fuhr sie los und Jeff lief neben ihr her zum Klassenraum.
Jeff stand vor dem Spiegel in seinem Zimmer und strich sein T-Shirt glatt. Er hatte in der Eile nur dieses eine saubere gefunden. Ganz hinten hatte es zusammengeknüllt im Schrank gelegen. Jeff versuchte, leicht verzweifelt, wenigstens ein paar der Falten aus dem Stoff zu bekommen. Dass er auch ausgerechnet heute keine frischen Klamotten gefunden hatte!
Es war Jeffs erster Schultag, nachdem er seine letzte Schule wegen Mobbing verlassen hatte, und er hatte eigentlich vorgehabt, dieses Mal einen guten Eindruck zu hinterlassen. Doch stattdessen stand er hier, in diesem furchtbar zerknitterten T-Shirt mit einer Jeans, die schon erste Löcher hatte.
Seufzend versuchte er, wenigstens seine Haare in Ordnung zu bringen. Die Bürste hatte er schon wieder verlegt, und wenn er sich so im Zimmer umsah, würde er sie auch nicht so leicht wiederfinden. Auf dem Boden verstreut lagen Klamotten, die meisten davon waren schmutzig, und sein Schreibtisch war schon wieder von Papierbergen überhäuft. Unter einigen Sachen und Zeitschriften neben der Tür lugte seine Schultasche hervor.
„Jeff, wenn du jetzt nicht kommst, schaffst du es nicht mehr pünktlich!“, rief sein Vater vom Hausflur aus.
Jeff seufzte erneut und entschied, dass es heute einmal so gehen müsse. Seine braunen Haare standen zwar immer noch in alle Richtungen ab, aber das konnte er jetzt nicht mehr ändern.
Schnell griff er nach seiner Schultasche, kontrollierte, ob er die nötigen Bücher eingesteckt hatte, und lief aus seinem Zimmer und die Treppe herunter.
Sein Vater stand zusammen mit seinen zwei älteren Brüdern unten im Flur und wartete auf ihn. Als er kam, drückte sein Vater ihn noch einmal an sich.
„Pass auf dich auf und lass dir nicht alles gefallen“, riet er seinem Sohn, bevor er ihn von sich drückte. „Andreas fährt dich.“
Jeff nickte und folgte seinem Bruder Andreas aus dem Haus. Davor parkte wie immer ein kleines, bereits etwas ramponiertes Auto. Die zahlreichen Abschürfungen und Dellen, die der Opel aufzuweisen hatte, ließen bei den meisten Leuten die Frage aufkommen, ob dieses Auto auch schon unfallfreie Fahrten hinter sich hatte.
Jeff stieg auf den Beifahrersitz des kleinen Autos und Andreas fuhr los. Der Weg zur Schule war ziemlich lang, da das Haus von Jeffs Familie mitten im Wald stand. Es war ein ehemaliges Försterhaus, das die Familie vor ein paar Jahren gekauft hatte.
Die Schule, auf die er ab heute gehen sollte, lag direkt in der nächsten Ortschaft. Andreas schwieg während der Fahrt. Jeff fragte sich unweigerlich, ob sein großer Bruder noch böse auf ihn war. Es hatte schließlich ein riesiges Theater gegeben, als er die Schule wechseln wollte. Seine Familie wurde seit Generationen auf dieser Schule ausgebildet, und nun kam er und tanzte aus der Reihe. Aber er war ja auch gemobbt worden. Bei der Erinnerung daran war Jeff nur noch froh, seine Klasse nicht mehr wiedersehen zu müssen.
Er schüttelte den Kopf und versuchte, sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Inzwischen waren sie in der Stadt angekommen und fuhren auf einen halbrunden Platz zu, an dessen geradem Ende die Schule stand.
Andreas hielt an und drückte Jeff an sich: „Ich hol dich nach der Schule wieder hier ab.“
Jeff nickte und lächelte seinen Bruder etwas gequält an. „Ok, danke“, murmelte er nur und griff nach seiner Schultasche.
„Hey, so schlimm wird es schon nicht werden“, versuchte Andreas ihn aufzumuntern, „Und jetzt los, sonst komm ich zu spät zur Arbeit.“
Jeff atmete noch einmal tief durch, dann stieg er aus dem Auto. Auf dem Vorplatz war bereits eine Menge los. Er beobachtete, wie sein Bruder ausparkte und sich sofort ein neues Auto in die freigewordene Lücke schob, um ein Kind rauszulassen. Der kleine, zerbeulte Opel seiner Familie fiel in dieser Stadt voll schicker Vorstadtgärten und gepflegter Häuserfassaden wirklich auf. Jeff schmunzelte leicht. Wenn er sich das Treiben auf diesem Platz ansah, war er froh, etwas abgeschieden zu leben.
Jeff bahnte sich den Weg zwischen schwatzenden Schülergruppen hindurch zum Schulgebäude. Es war ein altes Gebäude mit Stuckornamenten, deren genaues Muster nicht mehr zu erkennen war. Verputzt war das Gebäude nicht, aber die Fassade war trotzdem makellos sauber. Jeff begann sich langsam zu fragen, ob in dieser Stadt überhaupt etwas nicht sauber war. Mit einem Mal kam er sich in seinen Klamotten wie ein abgerissener Straßenjunge vor.
Jeff erklomm die Stufen zum Eingangsportal der Schule und sah sich im Gang um. Wie nicht anders zu erwarten, war es auch hier sauber. Langsam begann ihn das richtig zu nerven. Es war geradezu klinisch sauber. Und voll war es. Sehr voll. Überall standen Schüler herum, die ihre Köpfe über Hefter beugten oder mit anderen Schülern redeten.
Da Jeff nicht wusste, wo er hinsollte, ging er einfach den Wegweisern in Richtung Sekretariat nach. Es war nur den Gang hinunter, dann stand er vor der Tür.
Diese war, wie alle Türen, die er bis jetzt gesehen hatte, aus dunklem Eichenholz. Jeff strich kurz über die Tür und wünschte sich, es würde noch etwas von dem ursprünglichen Geruch des Baumes daran hängen. Dann hätte er wenigstens etwas Vertrautes in seiner Umgebung gehabt.
Stattdessen stand er hier in seiner neuen Schule. Jeff seufzte leise und klopfte an die Tür.
„Ja?“, rief eine Frauenstimme.
Er trat ein und sah die Sprecherin hinter einem Tresen am Computer sitzen.
„Silvers, Jeff, nehme ich an?“, fragte sie mit künstlichem Lächeln.
Jeff nickte und bekam von der Frau einen Stapel Bücher zugeschoben.
„Dein Klassenraum ist die 421. Einfach rechts den Gang runter“, sie legte eine kleine Pause ein und kramte zwei Zettel hervor, „Hier einmal unterschreiben und das ist dein Stundenplan.“
Jeff nickte, unterschrieb und verstaute die Bücher in seiner Tasche. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Klassenraum.
Nach kurzer Zeit hatte Jeff den Klassenraum gefunden. Der Raum war allerdings nicht eben, sondern hatte im Mittelgang eine Treppe, über die man zu den Bänken auf den einzelnen Stufen kam. Das Ganze erinnerte ein bisschen an einen Kinosaal. Nur waren die Schulbänke und Stühle bestimmt nicht so bequem.
Jeff sah sich im Raum nach dem Lehrer um, doch der schien noch nicht da zu sein.
„Du kannst dich in die dritte Reihe, dort drüben rechts, setzen“, informierte ihn eines der Mädchen.
„Danke“, meinte Jeff und fühlte sich noch verpflichtet hinzuzufügen: „Ich heiße Jeff.“
Das Mädchen lachte auf: „Das weiß ich doch, wir sind informiert worden, dass du kommst. Ich bin die Klassensprecherin Julia.“
Jeff nickte und ging die Stufen zu seiner Bank nach oben. Als er sich an den Platz an der Wandseite niederlassen wollte, fiel ihm auf, dass da bereits eine Schultasche stand. Jeff ließ sich also auf den Platz daneben fallen und sah sich im Raum um. Alle Schüler saßen auf ihren Plätzen, lachten und redeten. Keiner von ihnen schien woanders zu sein, und Jeff fragte sich, wo denn dann sein Sitznachbar war. Vielleicht, so überlegte er, war er noch einmal auf den Flur gegangen.
Ein leises Summen, das von der Tür kam, lenkte Jeffs Aufmerksamkeit auf sich. Ein normaler Mensch hätte das Geräusch wahrscheinlich gar nicht gehört, aber Jeff war nun mal nicht ganz normal. Neugierig sah er zur Tür und entdeckte die Ursache. Ein Rollstuhl war in den Raum gekommen, er war wohl elektrisch betrieben und die Batterie summte leicht. Das Mädchen, zu dem der Rollstuhl gehörte, sah sich nicht groß um, sondern fuhr zielsicher zum Ende des Raumes. Jeff folgte ihr mit den Augen und bemerkte dabei die leichte Rampe, die dort angebracht war. Das Mädchen unternahm ein paar Anläufe, den Anstieg nach oben zu fahren, gab dann aber auf. Sie schien es gewohnt zu sein, dass sie nicht allein hochkam, und nach ein paar Minuten entdeckte Julia sie und schob sie nach oben.
„Stellst du bitte mal den Stuhl weg“, bat Julia, als sie mit dem Mädchen im Rollstuhl auf der Höhe seiner Bank angekommen war. Jeff nickte und beeilte sich, den Stuhl zur Seite zu rücken. Dieses Mädchen war also seine Sitznachbarin. Neugierig beobachtete Jeff sie. Er gab zu, er starrte ihren Rollstuhl an, so was sah er zum ersten Mal.
Das Mädchen bedankte sich bei Julia und wandte sich dann an ihn: „Hey, du musst Jeff sein, ich bin Alex.“
Sie grinste Jeff breit an. „Noch nicht vielen Leuten im Rollstuhl begegnet, wie?“
Jeff schüttelte den Kopf und bekam dafür eine Welle von Lachern von Alex.
„Ich bin da nicht empfindlich, starr ruhig, bis du dich an den Anblick gewöhnt hast“, meinte sie dann.
Jeff wusste nicht wirklich, was er antworten sollte, also fragte er nur vorsichtig: „Wie lange hast du das schon?“
„Du meinst den Rollstuhl? Den benutze ich, seit ich ein kleines Mädchen bin. Hab kein Gefühl in diesen Beinen“, erklärte Alex und klopfte auf ihre Oberschenkel.
„Ach so“, murmelte Jeff leise. Irgendwie war ihm seine Frage nun doch peinlich.
Alex dagegen grinste ihn weiter fröhlich an. „Und warum bist du so plötzlich auf unsere Schule gekommen?“, fragte sie neugierig.
„Kam in meiner alten Schule mit ein paar Leuten nicht zurecht“, erklärte Jeff.
Das war zwar sehr vage ausgedrückt, entsprach aber weitestgehend der Wahrheit. Zum Glück fragte Alex nicht weiter nach, da gerade die Lehrerin den Raum betrat und das Mädchen ihre Aufmerksamkeit nach vorn richtete.
Die Lehrerin begrüßte die Klasse und begann damit, die Anwesenheit zu prüfen, indem sie jeden einzeln aufrief. Dabei bekam Jeff mit, dass Alex wohl eigentlich Alexandra hieß. Als ihr Name aufgerufen wurde, berichtigte sie die Lehrerin zwar sofort, welche davon aber keine große Notiz nahm. Danach begann der Unterricht.
Jeff war froh, als es endlich zur Pause klingelte. Sein Kopf schwirrte von den ganzen Matheformeln, ein Gebiet, das nicht unbedingt seine Stärke war.
Schnell packte er seine Sachen zusammen und stand auf. Der Raum hatte sich schon ziemlich geleert, scheinbar war er nicht der Einzige, der endlich nach draußen wollte.
„Kommst du mit nach draußen?“, sprach Alex ihn an.
Jeff zuckte zusammen. Er hatte tatsächlich vergessen, dass sie noch da war!
Seine Sitznachbarin deutete die Geste aber anscheinend falsch, denn sie senkte beschämt den Kopf. „Ich meinte ja nur, weil die anderen immer in den Aufenthaltsraum gehen. Es kommt kaum einer mit mir nach draußen“, nuschelte sie.
Jeff warf einen Blick auf das Mädchen und fühlte sich fast schon etwas schuldig, weil sie so enttäuscht aussah. Ihre wilden Locken fielen ihr ins Gesicht, während sie traurig zu Boden sah. Dann setzte sie ihren Rollstuhl in Bewegung und begann, die Rampe nach unten zu fahren.
Jeff überlegte. Eigentlich hatte er nie Freunde gehabt, aber es schadete sicher nicht, wenn er sie einmal nach draußen begleitete.
„Warte doch, ich komme mit“, meinte er also betont fröhlich und lief die Stufen im Mittelgang hinunter.
Alex war bereits unten angelangt und strahlte ihn an. „Danke!“, meinte sie erfreut, „Ich wusste, dass du gerne draußen bist.“
Jeff blickte sie verwirrt an. „Woher das denn?“, fragte er.
Alex setzte ihren Rollstuhl wieder in Bewegung und fuhr aus dem Klassenraum. „Du hast ein bisschen Erde an der Hose“, erwiderte sie und grinste ihn über die Schulter an.
Jeff lief eilig neben sie und zusammen machten sie sich auf den Weg zum Schulhof.
„Mal daran gedacht, dass ich auch auf dem Weg zur Schule mit Erde in Berührung gekommen sein könnte?“, fragte er, „Das heißt nicht automatisch, dass ich gerne draußen bin.“
Es stimmte zwar, er war gerne draußen, doch er wollte sie etwas ärgern.
„Das Braun an deiner Hose sieht mir aber eher nach Walderde aus“, meinte Alex unverblümt, „Und, ohne dir jetzt zu nahe treten zu wollen, du riechst auch etwas nach feuchter Walderde.“
Jetzt hatte Jeff schon wieder einen Grund, komisch zu gucken. Was war das denn bitte für eine Begründung? Unauffällig roch er an seinem T-Shirt. Roch nicht schlecht und selbst er roch kaum Erde daran. Dabei hatte er einen ziemlich guten Geruchssinn.
Draußen angekommen, empfingen sie direkt ein paar Sonnenstrahlen. Jeff musste automatisch lächeln. Er mochte diese Sommertage, nur zu gerne wäre er jetzt ein bisschen durch den Wald gestreift.
„Es ist schön in der Sonne“, riss Alex ihn aus seinen Träumereien.
Jeff nickte nur und Alex fuhr neben eine Bank. „Willst du dich nicht setzen?“, fragte sie.
Jeff lachte auf und nickte. Alex war schon ein nettes Mädchen.
„Was machst du so nach der Schule?“, versuchte er, ein normales Gespräch in Gang zu bringen.
„Ich habe zweimal die Woche Training im Bogenschießen und ich übe auch zu Hause gerne. Ansonsten bin ich gern draußen unterwegs“, erzählte Alex und grinste ihn an, „Und du?“
„Ich bin auch gern draußen, meistens im Wald.“
Alex strahlte. „Im Wald bin ich auch oft, wir wohnen ziemlich am Waldrand.“
Gedanklich ging Jeff die Waldränder seines Reviers durch. „Dann wohnst du am West End“, stellte er fest.
Alex warf ihm einen überraschten Blick zu. „Ja, genau.“
Jeff nickte nur. Wenn Alex am West End wohnte, mussten ihre Eltern ziemlich reich sein. Das war dort ein richtiges Bonzenviertel. Er verzog leicht das Gesicht, reiche Menschen zogen immer so viel Aufmerksamkeit auf sich, davon wollte er nun wirklich keine abhaben.
Als hätte Alex seine Gedanken gelesen, meinte sie: „Du brauchst gar nicht so dein Gesicht zu verziehen, wir leben dort ziemlich abgeschottet. Du brauchst dir also keine Gedanken zu machen, dass ich aufmerksamkeitsgeil bin oder so.“
Dabei klang sie ziemlich eingeschnappt.
„Also bist du eher einsam?“, rutschte es Jeff heraus, bevor er überhaupt nachdenken konnte.
„Es geht. Ich will auch nicht immer so viele Menschen um mich herum haben. Zu viel Aufmerksamkeit ist lästig. Da bin ich lieber ein bisschen allein. Du auch, oder?“
Jeff nickte. „Wir leben … ein bisschen weiter draußen. Mir reicht meine Familie eigentlich aus.“
Alex schloss die Augen und legte ihren Kopf in den Nacken. Jeff musste bei dem Anblick schmunzeln. Irgendetwas hatte dieses Mädchen an sich, was ihn anzog. Der Gedanke daran, dass sie viel Bogenschießen machte, schreckte ihn aber etwas ab. Er sollte doch eigentlich unauffällig bleiben. Keine falschen Gedanken wecken, vor allem aber: sich nicht finden lassen.
Er warf einen Blick auf ihre Beine und streckte die Hand aus, um sie zu berühren. Kurz bevor er sie berührte, haute Alex ihm auf die Finger.
„Ich dachte, du spürst da sowieso nichts“, murrte Jeff und rieb sich die Hand.
„Nur gucken, nicht anfassen“, ermahnte Alex ihn belustigt.
Jeff warf ihr ein freches Grinsen zu. Dieses Mädchen war ein Mensch, rief er sich in Erinnerung, kein Grund zur Panik.
„Wir sollten mal langsam wieder nach drinnen gehen“, meinte Alex.
Jeff stöhnte auf. Er konnte sich nun wirklich Schöneres vorstellen, als zurück in den muffigen, vollen Klassenraum zu gehen. Alex löste die Bremsen ihres Rollstuhls.
„Nun komm schon“, sagte sie und warf ihm einen belustigten Blick zu, „Ich will keinen Ärger fürs Zu-spät-Kommen kriegen.“
Dann fuhr sie los und Jeff lief neben ihr her zum Klassenraum.

