Sam und ihr magischer Farbenwald

Sam und ihr magischer Farbenwald

Hannah Prehsler


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 122
ISBN: 978-3-99131-591-9
Erscheinungsdatum: 20.10.2022
Als Sam beschließt, allein in den nahegelegenen Wald zu gehen, eröffnet sich für sie ein erstaunliches Abenteuer. Angelockt von einem rätselhaften Geraschel in einem Busch taucht Sam ein in ein herrlich leichtes Universum der schönsten Kinderphantasien.
I. Ja, so ist das

Man liest viele Geschichten von Personen, die aufbrechen und Abenteuer erleben. Von großen und kleinen Leuten, die tagein, tagaus ihr Leben leben und dann kommt eine Veränderung. Leute, die nicht ganz zufrieden sind mit dem, wie sie sind, wo sie sind, was sie sind. Die dann ändern, wie sie sind, wo sie sind, was sie sind.
Das sind unsere Helden. Wir, die wir tagein, tagaus unser Leben leben und nicht ganz zufrieden sind – zu großen Teilen schon, aber eben nicht ganz – wir suchen diese Helden. Wir lesen von ihnen, wir träumen von ihnen und am Ende der Geschichte klappen wir das Buch zu, ziehen den Vorhang über die Schlussszene unserer erdachten Geschichte und lehnen uns mit einem Seufzer in unsere Kissen zurück. Denn wir freuen uns über das Happy End unserer Helden. Wir freuen uns darüber, dass sie am Ende der Geschichte ein Stück glücklicher sind als am Anfang und schmecken noch den Nachklang der Abenteuer, die sie erlebt haben und bei denen wir ein bisschen mitkosten durften.

Unsere Heldin in dieser Geschichte ist ein kleines Mädchen von nur neun Jahren. Schauen wir uns an, welche Abenteuer sie erleben wird und ob sie am Ende doch tatsächlich auch glücklicher sein wird.
Ich bin sicher, sie nimmt uns mit auf ihre Reise.



II. Sam

Das ist der Name unserer kleinen Heldin. Sam. Merkt euch das gut, denn ab jetzt werde ich sie auch so nennen.
Sam geht jeden Tag nach der Schule den gleichen Weg nach Hause. Die Schultasche über die Schulter geworfen geht sie am Springbrunnen, den sie noch nie Wasser spucken gesehen hat, aus dem Schulhof hinaus. Sie lässt das schwere Eisentor hinter sich, das so hoch ist, dass es sich in den Wolken zu verlieren scheint, und biegt nach links ab. Sie trippelt eine Zeit lang einen gepflasterten Bürgersteig entlang und genießt dabei, wie die Bäume über ihr ein Spiel aus Schatten und Licht auf ihre Kleider und ihre Arme zeichnen. Dann kommt die kleine Steinmauer, auf der sie am liebsten oben entlang geht, außer wenn es geregnet hat, weil sie dann rutschig ist.
Am Ende der Baumallee kommt auch schon der kleine Dorfplatz, wo sich Bäcker, Post und Café dicht aneinanderdrängen und man immer einen Platz in der Sonne auf einer der Bänke bekommen kann. Auf der anderen Seite schräg nach links einbiegen und man ist auch schon in der Gasse, in der Sam wohnt. Hier reihen sich Haus an Haus, ganz dicht aneinander, als wären sie miteinander verschmolzen und das, obwohl sie alle so ganz verschieden sind.
Da gibt es Ms. Whitespoons Haus, das genauso bauchig, klein und krumm ist wie Ms. Whitespoon selbst. Die weißen Wände beugen sich dick nach vorne, das Strohdach, das schon im ersten Stock ansetzt, biegt sich in der Mitte durch und die rote Eingangstür ist so rund geschnitten, als hätte man sie der Körperform der Besitzerin angepasst.
Gegenüber wohnt Ms. Hantock, die den ganzen Tag nur beobachtet. Von morgens bis abends sitzt sie am Fenster ihres Wohnzimmers und beobachtet, wer geht, wer kommt, wer bleibt. Der einzige Unterschied in ihrer Tagesbeschäftigung findet sich in den Jahreszeiten, denn im Sommer ist das Fenster offen, im Winter hält sie es geschlossen. Ihr Haus ist überzogen mit Rissen, mindestens genauso vielen wie Ms. Hantock Falten im Gesicht trägt. Sam hat sich einmal anhand ihrer Falten ausgerechnet, wie alt sie sein müsste. Wenn ein Mensch mit fünfzig anfängt, Falten zu bekommen, und pro Jahr ungefähr drei bekommt (die Zahl erschien Sam logisch), dann wüsste sie nun auch das Alter von Ms. Hantock. Ein Alter, das Sam staunen lässt: 128.
Die Farbe der Hauswände ist schon vergilbt und wenn Ms. Hantock davor steht, sieht man sie fast gar nicht, weil sie die gleiche Hautfarbe hat. Alle Fensterläden bis auf den von dem Fenster, aus dem sie immer hinausschaut, sind immer geschlossen, was das Haus unheimlich wirken lässt, und Sam beschleunigt immer ihre Schritte ein bisschen, wenn sie daran vorbeigeht.
Gleich daneben grenzt das Haus von Ms. Grumlay an. Mit nur einem Fenster pro Etage – jeweils genau über der Eingangstür – zieht es sich ganz schmal über drei Stockwerke in die Höhe und neigt sich dabei immer mehr der Straße zu, sodass der Schornstein immer einen Schatten auf den Bürgersteig legt. Sam wundert sich immer, ob Ms. Grumlay so nach vorne gebeugt geht, weil sie in so einem schiefen Haus wohnt. Außerdem steigt aus dem Schornstein immer, auch im Sommer, Rauch auf, denn Ms. Grumlay ist immer kalt.
Jedes Haus begrüßt seine Bewohner mit einem kleinen Vorgarten, doch auch die können sich nicht mehr voneinander unterscheiden, als sie es tun.
Manche sind ganz zugewuchert, sodass man die Eingangstür von der Straße gar nicht sehen kann, andere sind ganz karg und züchtig. Aus dem Garten von Ms. Grumlay wurden wiederum alle Pflanzen verbannt. Sie hat den Boden mit Steinplatten verlegen und Statuen aufstellen lassen.
So gehen die Häuser in der Gasse weiter, bis Sam zu dem kommt, in dem sie mit ihrer Tante wohnt.
Es gibt viele Wörter, mit denen man das Haus ihrer Tante beschreiben kann und mit denen es auch beschrieben wird. Elegant. Stilvoll. Puristisch und futuristisch. Minimalistisch. Luxuriös. Das sind so die Wörter, die Sam aufgeschnappt hat, mit denen ihre Tante und die Nachbarn ihr Heim beschrieben.
Sam hat nur ein Wort, um das Haus zu beschreiben: Grau.
Es hat graue Wände, graue Fenster, ein graues Dach. Eine graue Tür und eine graue Bewohnerin. Denn auch ihre Tante beschreibt Sam am liebsten mit dem Wort Grau. Kein Wunder, denkt sie sich immer wieder, denn wenn sie sich zu lang in dem Haus aufhält, fängt sie an, sich selbst auch ganz grau zu fühlen.
Aber eines gibt es an diesem Haus, was das Glück in Sams Kindheit birgt: Direkt an dem kleinen Garten hinter dem Haus fängt der große Wald an, der sich über mehrere Hügel und Täler nach hinten erstreckt.



III. Der Wald

An die Hinterseite des Hauses grenzt ein kleiner Garten, der von Sams Tante gepflegt wird. Man sieht das Ergebnis, wohl wahr! Kein kleiner Trieb von Unkraut ist zu sehen, kein Käfer wagt sich hinein, der nicht hineindarf, keine Knospe öffnet sich, wenn sie nicht ganz sicher ist, dass ihre Blüte exakt symmetrisch sein wird. Selbst der Vogelgesang scheint sich innerhalb der Grenzen anders anzuhören als jenseits des Gartens. Im Wald und auf der Straße klingt das Gezwitscher für Sam ausgelassen, frei, beladen mit tausend Geschichten der Vogelwelt. Innerhalb der Hecken ihrer Tante wirken diese Melodien gedämpft. Fast, als würden die Töne vorsichtiger herumschwirren und nicht mehr so ausgelassen erzählen.
Von den Nachbarn werden diese paar grünen Quadratmeter stets hoch gelobt, doch für Sam geben sie kaum nährreichen Boden für all ihre Spiele und Phantasien.
Doch was für eine wunderbare Welt erstreckt sich gleich hinter den strengen Hecken!
Der Wald. Der wunderbarste, größte, verheißungsvollste Wald der Welt. So zumindest nach Einschätzung von Sam. Denn es ist ihr Wald. Es ist ihre Welt. Wann immer sich die Möglichkeit ergibt, schnappt sie ihre Buntstifte, schnappt sie sich ein paar Blätter Papier und – schwups – durch die Hecke hindurch zischt sie ab in den Wald. Dabei muss sie jedoch ein bisschen vorsichtig sein. Es gibt eine Stelle, gleich gegenüber der Gartentür, wo die Hecke ein kleines Loch aufweist. Wenn sie da die Zweige ein bisschen zur Seite zieht und den Kopf zuerst nach links neigt und dann nach rechts wegduckt, kommt sie durch die Büsche durch, ohne allzu sehr gekratzt zu werden. Dabei ist es allerdings sehr wichtig, dass sie die Zweige, die sie mit ihrer Hand weghält, nicht zu früh loslässt, sonst gibt das eine böse Schürfung auf ihrem Arm. Das hat sie in all ihrer Ungeduld über die Jahre immer wieder erkennen müssen. Doch was machen schon ein paar kleine Kratzer, wenn man dafür gleich darauf seine nackten Füße in die dicke Schicht frisch gefallenes Laub am Boden eingraben kann. Wie kühl und frisch sich das anfühlt und wie herrlich leicht es an den Fußsohlen kitzelt!
Ganz leise hört sie noch die Stimme ihrer Tante im Ohr:
„Geh nicht wieder bloßfüßig in den Wald! Zieh dir ordentliche Schuhe an, sonst verletzt du dich und vor allem werden deine Füße sonst ganz schmutzig! Komm mir ja nicht mit schmutzigen Füßen ins Haus! Ich habe den Boden gerade erst gewischt!“
Aber Sam schließt ganz fest ihre Augen und schüttelt den Kopf. Sie verbannt die Stimme ihrer Tante, sie verbannt ihre Tante aus ihrem Kopf. Der Wald gehört nur ihr. Ihr allein. Sie öffnet ihre Augen wieder und atmet tief ein. Die Luft schmeckt süßlich. Harz und schwerer Blütenduft, gewürzt von der Wärme der Sonne, die durch das Laubdach schimmert, sind zu schmecken.
Sie hüpft ein paar Schritte den Weg entlang, der bald eine leichte Biegung nach links macht und ein bisschen ansteigt. Sam pflückt ein paar Hagebutten von den großen Sträuchern, die den Wegrand säumen und saugt das sauer-herbe Fruchtfleisch heraus. Ihre Augen ziehen sich bei dem Geschmack zusammen, aber Sam macht es Spaß, die kleinen, glänzenden Früchte zu naschen. Weiter am Weg steht eine große Birke, die ein gutes Stück in den Weg hineinragt und hinter der eine Böschung steil herabfällt. Um sich hinunterzutrauen, muss Sam immer wieder Halt an Ästen und Baumstämmen suchen, sonst fürchtet sie, hinzufallen und einen Teil des Hanges hinunterzurutschen. Doch das stört sie nicht, das kleine Stück zu bewältigen bedeutet immer wieder aufs Neue ein Abenteuer für sie. Und unten angekommen, befindet sie sich an dem schönsten Platz, den sie auf dieser Welt kennt.
Denn am Fuße der Böschung liegt ein kleiner Teich, kaum größer als der Garten ihrer Tante, aber tausendmal verwunschener. Die kleine, spiegelnde Oberfläche wird rundherum von Bäumen gesäumt, die ihre Äste dem Wasser entgegenneigen. Im Frühling zeigen zarte Blumen mit Stolz ihre Farben zwischen den mächtigen Baumstämmen. Im Herbst tanzen bunte Blätter auf der Wasseroberfläche und der Winter taucht den Ort in eine beinahe vollkommene Stille, in der nur das leise Knistern des Schnees zu hören ist.
Für Sam ist es ein Ort des Trostes. Ganz gleich, wie sie sich fühlt, wenn sie her kommt – ob traurig, fröhlich, zornig, müde –, sobald sie das Wasser erreicht, ist sie glücklich. Sobald sie die kühle Luft einatmet, die ihr vom Teich entgegenströmt, legt sie all ihren Kummer zur Seite und hebt ihn erst wieder auf, wenn sie sich auf den Heimweg macht. Doch bis dahin ist er ein ganzes Stück kleiner geworden.
Der Teich ist immer auch das Ziel ihrer Ausflüge. Weiter ist sie noch nie gegangen, denn eigentlich ist das schon weiter, als sie eigentlich darf. Wenn sie ihre kleinen Zehen in das kühle Nass streckt, hat sie sich bereits über ihre Tante hinweggesetzt, die nicht möchte, dass sie den steilen Hang hinunterrutscht und noch tiefer in den Wald geht.
„Bis du das Wasser siehst und nicht weiter! Das ist weit genug. Wald ist Wald, der ändert sich nicht, da ist es doch egal, ob du 10 Meter weit gehst oder 10000. Nicht dass dir was passiert, hörst du? Ich will dich nicht holen kommen müssen, wenn dir was passiert.“
Wieder schüttelt sie den Kopf. Raus mit ihrer Tante aus ihren Gedanken!
Wie könnte sie denn nicht bis zum Wasser gehen, wenn es mit seinen tausend Farben lockt, die das Licht auf die Oberfläche zeichnet. Wenn die Wellen, die gegen das Ufer schlagen, nach ihr rufen.
So sitzt Sam fast jeden Tag am Ufer des Teiches. An heißen Tagen steckt sie ihre Füße ins Wasser und lässt sich so kühlen. An kalten Tagen wickelt sie sich in eine warme Decke ein, die sie sich für den Weg unter den Arm klemmt.

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