Cover: Der Keller der Zeit

Der Keller der Zeit
Eine magische Reise zu den Anfängen der Himmelsforschung bis heute


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 282
ISBN: 978-3-7116-0069-1
Erscheinungsdatum: 06.09.2024
Siebtklässler Finn bekommt eine Strafarbeit über Astronomie aufgebrummt. Wie ärgerlich! Dann aber trifft er auf mysteriöse Weise einen alten Professor und eine quirlige Elfe, die ihn mitnehmen auf Zeitreisen in die Vergangenheit.
Nexus 1 - Die Mission beginnt


Der Raum ist einer von vielen, etwa so groß wie eine Lagerhalle ohne Fenster und es herrscht ein diffuses Licht. Eine Klimaanlage quält sich durch die abgestandene Luft sowohl der vergangenen Jahrhunderte wie auch der kommenden.
Es sitzen und stehen circa 50 Personen im Raum an mehreren Schreibtischen und Schreibpulten. Männer und Frauen. Einige schaben von alten Pergamenten die oberste Schicht ab, um zu sehen, ob es noch ältere Inschriften gibt. Andere beschriften Papyrusrollen. Wieder andere sitzen vor einer Schreibmaschine oder tippen endlose Zahlenkolonnen in einen Computer ein. Einige benutzen sogar Gerätschaften, die zu unserer Zeit noch gar nicht erfunden sind. In diesem Raum gibt es keine Zeit.

Alles passiert gleichzeitig und trotzdem dehnen sich Sekunden, Minuten und Stunden bis zur Unendlichkeit. Auch wer hier genau hinschaut, bemerkt das nicht. Auch die Menschen, die in diesem Raum arbeiten, spüren davon nichts. Er macht den Eindruck, als handele es sich um ein ganz normales Großraumbüro. Und doch ist hier alles anders. Wo der Raum sich befindet, weiß auch niemand so genau. Irgendwo zwischen Hier und Da, zwischen Allem und Nichts. Und überhaupt: Fast niemand auf der ganzen Welt weiß, dass er überhaupt existiert.
Auch das Aussehen der Personen ist sehr unterschiedlich. Einige tragen eine zerlumpte weiße Toga, andere Kostüme in schreiend bunten Farben, dazu lange Strümpfe, Schnabelschuhe und einen Hut mit Feder. Dann gibt es noch einige, die einen Anzug tragen mit Krawatte und Lackschuhen. Wieder andere umhüllen sich mit einem Dress aus einem unbekannten Material, schimmernd wie ein hochmoderner Kunststoff und doch gleichzeitig rau und matt wie ein altes Leinennachthemd.
An den Wänden hängen verschiedene Uhren, die unterschiedliche Zeiten anzeigen. Einige mit Zifferblatt, andere mit digitalen Ziffern, wieder andere mit roten und blauen Punkten. Sogar eine Sonnenuhr steht in der linken hinteren Ecke des Raumes.

Alle kritzeln, schreiben, tippen oder rechnen vor sich hin. Es herrscht eine Atmosphäre angespannter Tätigkeit. Große Monitore an der hinteren Wand zeigen Aufnahmen verschiedener Länder der Erde und Ausschnitte des Universums. Darunter sind mehrere Leisten von Leuchtdioden angebracht. Die meisten leuchten grün – alles in Ordnung. Einige wenige leuchten orange, eine sogar rot. Rings um diese Lämpchen arbeiten Männer und Frauen fieberhaft daran, dass diese ihre Farbe wieder in ein beruhigendes „Grün“ ändern.

Ein kurzes „Bling“ bahnt sich aus einem kleinen Lautsprecher seinen Weg in den Raum. Da niemand spricht, wird es scheinbar lauter und lauter, sodass alle Anwesenden es hören können. Ein Fenster auf einem der Monitore ploppt auf.
Eine Dame im mittleren Alter hält plötzlich in ihrer Arbeit inne, schaut auf und richtet das Wort an die anderen. Sie trägt eine Hochsteckfrisur, wie sie bei vornehmen Damen am Anfang des 18. Jahrhunderts modern war.

„Wir haben eine neue Mission“, teilt sie den anderen mit. „Es geht in die Vergangenheit vor dem 21. Jahrhundert.“
„Wissen wir schon, um wen es sich handelt, Estrella?“, fragt ein junger Mann.
Estrella scrollt einige Zentimeter auf ihrem Computerbildschirm herunter und nickt. „Ja, ein Junge braucht unsere Hilfe auf seiner Reise. Es geht um Astronomie. Wen könnten wir schicken?“
Ein alter Mann, der gerade dabei war, ein noch älteres Pergament zu lesen, meldet sich zu Wort. „Ich denke, die Elfe könnte es tun!“
„Bist du dir sicher?“, fragt Estrella, „Sie scheint mir doch ein wenig … hm … flatterhaft.“ Einige der Älteren nicken. Die Jüngeren schauen sich fragend an. Einer meint: „Ach was, die Elfe ist doch cool. Genau die richtige Begleitung für einen Jungen.“

Estrella überlegt. Der alte Mann legt seinen Pergamentbogen beiseite. „Dann lass doch den Alten als Begleitung mitgehen. Der kann auf sie aufpassen!“
„In Ordnung“, erwidert Estrella. „Dann ist es beschlossen. Aber er muss uns ständig Bericht erstatten und auf dem Laufenden halten, um das Raum-Zeit-Kontinuum zu schützen.“
„Und er soll die Elfe an der kurzen Leine halten! Wer weiß, was sie sonst anstellt“, sind sich die anderen einig.
Estrella nickt ihnen zu und drückt auf die Entertaste ihres Computers. Der Auftrag ist erteilt. An der Hinterwand flackert ein neuer Monitor auf und zeigt das Bild einer deutschen Kleinstadt und das Gesicht eines Jungen im Alter von 13 Jahren. Darunter erscheint ein Schriftzug: „MISSION XDP4408“. Die Mission ist gestartet.

Der Raum versinkt wieder in konzentrierte Geschäftigkeit. Es kratzt auf Papier, klappert auf Tastaturen und piepst an großen Monitoren, die aus einem Material bestehen, das wir heute noch nicht kennen. „Hoffentlich baut sie keinen Mist!“, murmelt Estrella vor sich hin.

In einer kleinen englischen Mönchskemenate bei Oxford, die sehr spartanisch eingerichtet war und nur von einer Kerze erleuchtet wurde, klingelte mitten im 13. Jahrhundert ein moderner Digitalwecker und riss seinen Besitzer aus dem Schlaf …




Kapitel 1 - Der Brunnen im Keller


Finn liebte alles, was mit dem Weltraum zu tun hatte. In seinen Träumen flog er mit dem Raumschiff Enterprise in Galaxien, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte, er freundete sich mit einer Horde Wookies an und besaß natürlich einen kleinen Droiden wie R2-D2.
In der realen Welt wohnte er allerdings in einem Reihenhaus in einem kleinen Städtchen mitten in Deutschland zusammen mit seinen Eltern, und was er den ganzen Tag erlebte, hatte natürlich nichts mit aufregenden Schlachten in irgendeiner entfernten Galaxie zu tun.

Er war, wie man so sagt, ein ganz normaler Jugendlicher mit ganz normalen Hobbys wie Skateboard fahren, Musikhören oder ins Kino gehen. Aber seine Leidenschaft waren entfernte Galaxien und spannende Actiongeschichten.
Mit seinen dreizehn Jahren ging er in die 7. Klasse der örtlichen Gesamtschule und schlug sich mit einigermaßen bescheidenen Schulnoten von Halbjahr zu Halbjahr durch. Das Leben schien nichts Aufregendes für ihn bereitzuhalten.
Nun hatte aber Dr. Aloisius Hirschenschwindt, der Physiklehrer der wahrscheinlich ältesten und heruntergekommensten Schule der Welt, nämlich Finns Schule, angekündigt, dass es in der kommenden Unterrichtseinheit seiner Physikstunden um das Weltall gehen sollte.
Finn malte es sich schon in den buntesten Farben aus, wie spannend das werden würde. Aber Dr. Hirschenschwindt fing an, über alte, verknöcherte Forscher zu sprechen, über Berechnungen und Abstände zwischen Planeten.
„Typisch“, dachte Finn, was sollte er auch von seinem Physiklehrer anderes erwarten. Schon sein Name wies darauf hin, dass er den Unterricht alles andere als spannend gestalten würde. „Aloisius Hirschenschwindt – das ist doch kein Name“, dachte er, „Das ist höchstens eine Bezeichnung für einen alten Museumsdirektor, der wahrscheinlich älter ist als die Dinge, die es im Museum zu sehen gibt.“ Und diese Ankündigung machte der Physiklehrer wenige Tage vor den Herbstferien. „Damit ihr euch darauf freuen könnt, womit wir uns nach den Ferien beschäftigen werden“, kündigte er seiner Klasse mit einem Gesicht an, das wohl Freude ausdrücken sollte.

Allerdings war Dr. Hirschenschwindt so ein verknöcherter alter Griesgram, dass, sollte er wirklich einmal freundlich schauen oder gar einmal fröhlich sein, dies sowieso niemand bemerkt hätte. Finn freute sich jedenfalls nicht.
Je mehr er darüber nachdachte, wie langweilig es werden würde, desto mehr ärgerte er sich. Und dann … ja, dann ließ er sich zu einem kleinen Spaß von der kleinen missgelaunten Stimme in seinem Hinterkopf verleiten, der ihm Ärger einbringen sollte.
Der Ärger ereilte Finn am letzten Schultag vor den Herbstferien. „Das ist absolut unfair!“ Finn musste mit den Tränen kämpfen und hatte richtig Lust, etwas kaputtzumachen. Aber Dr. Hirschenschwindt blieb hart. Nur weil er sich diesen kleinen Spaß erlaubt hatte und vor der Physikstunde einen Satz an die Tafel geschrieben hatte, bekam er jetzt über die Ferien eine Strafarbeit aufgedrückt.

Das Weltall ist so langweilig,
dass man es auch in einem unserer
Schulklos herunterspülen kann!

Der Physiklehrer war so aufgebracht, dass Finn nach der Stunde nicht nach Hause gehen durfte, sondern sich immer noch mit Dr. Hirschenschwindt im leeren Physikraum befand. Das war besonders schlimm, da es sich ja um die letzte Schulstunde vor den Ferien gehandelt hatte. Die anderen Schülerinnen und Schüler verließen nach dem Gong, der das Ende der Stunde und den Beginn der Ferien eingeläutet hatte, lachend den Klassenraum. „Wir sehen uns!“, rief Finns bester Kumpel Mark seinem Freund zu, dann war auch er verschwunden. Finn sank vor Wut und Scham in sich zusammen.
„Damit sich deine Einstellung zur Astronomie und den großen Gelehrten der Geschichte ändert, wirst du mir über die Ferien eine Hausarbeit über die Erforschung des Universums schreiben!“, knarzte Dr. Hirschenschwindt mit seiner unangenehmsten Stimme, und Finn konnte nichts dagegen machen, denn er war schon öfter wegen unangemessenen Benehmens, wie es die Lehrer nannten, aufgefallen und riskierte einen Schulrauswurf, wenn er sich weigerte.
Seine Eltern durften natürlich nichts davon erfahren, denn Finn würde sonst neben der Hausarbeit noch so manche Einschränkungen in den Ferien zu erleiden haben wie etwa Hausarrest. Am besten, er regelte das alles still und heimlich selbst. Eltern müssen nun mal auch nicht alles wissen!
Finn beschloss, in die Bücherei zu gehen und nach Büchern zu suchen, die er für die Anfertigung seiner Strafarbeit brauchen könnte. Dass die anderen Kinder jetzt vielleicht in der Eisdiele saßen oder sein Kumpel Mark irgendein cooles Computerspiel zocken würde, verbesserte seine Laune nicht.
Es war herrliches Wetter und die Sonne lud zu einem Spiel auf dem Bolzplatz mit allen Freunden ein. Stattdessen betrat Finn die große Eingangshalle der Stadtbücherei und folgte der Beschilderung, die ihm den Weg in die Abteilung ‚Physik und Astronomie‘ wies.

Finn musste feststellen, dass die Luft in der Bücherei deutlich abgestandener und muffiger roch als draußen. „Dieser Geruch wird mich wohl durch die Ferien begleiten“, dachte er verdrossen und schlich lustlos durch die Regale. „Alles langweilig!“, murmelte er, als er plötzlich vor einem Buch stehen blieb, das etwas zwischen den anderen hervorstand. Er zog es heraus. Der Einband war so abgegriffen und unleserlich, dass Finn ihn nicht entziffern konnte. Ein kleiner Zettel, den wahrscheinlich jemand als Lesezeichen hineingesteckt hatte, fiel heraus.
Es stand nur ein Satz auf dem Zettel in einer alten verschnörkelten Schrift:

Komm heute Nacht
in den Keller der Bücherei –
die Kellertür wird offen sein

Zuerst wunderte Finn sich über die merkwürdige Nachricht, dann fand er aber, dass es eine wunderbare Begründung sei, jetzt sofort die Bücherei zu verlassen und in die Ferien zu gehen. Daran, mitten in der Nacht zurückzukehren, dachte er nicht.
Zu Hause angekommen fragten seine Eltern, wie denn der letzte Schultag gewesen sei, und Finn zuckte nur lustlos die Schultern und verschwand in seinem Zimmer. „Das ist die Pubertät!“, waren sich seine Eltern einig. Aber Finn wusste: „Die haben ja gar keine Ahnung!“

Als Finn abends im Bett lag, ging ihm die seltsame Aufschrift auf dem Zettel nicht aus dem Kopf. „Sollte wirklich ich mit der Nachricht gemeint sein?“, fragte er sich. Er stand auf, zog sich wieder an und machte sich auf den Weg zur Bücherei. „Wenn ich nicht gemeint bin, dann wird die Kellertür verschlossen sein und ich gehe wieder zurück!“, sagte er sich. Er war sich sicher, dass das, was er nun vorhatte, vollkommen verrückt war, aber er ging trotzdem.
Es war 23:52 Uhr. Die Straßen waren wie leer gefegt. An der Kellertür der Bücherei angelangt, wollte Finn schon umkehren, als er sah, dass die Tür sperrangelweit offenstand. Er musste einmal kurz schlucken, seine Haut fühlte sich vor Unbehagen leicht feucht an und er starrte in die Dunkelheit, die hinter der offenen Tür jedes bisschen Licht zu verschlucken schien. Im Gegensatz zu dem Satz, den er heute Vormittag an die Tafel geschrieben hatte, war das, was er jetzt vorhatte, nicht nur ein kleiner Streich, sondern wirklich und in echt verboten!

Finn ging durch die Tür und gelangte an eine Treppe, die steil nach unten führte. Ganz vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, denn er hatte unglücklicherweise seine Taschenlampe zu Hause liegen gelassen. Es ging tiefer und tiefer hinab. Finn hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, was unterhalb der Bücherei für Räume sein könnten. Warum auch? Aber es musste sich um ein gewaltiges Kellergewölbe handeln, denn die Stufen schienen nicht aufzuhören. Je weiter er die Treppe hinabstieg, desto heller wurde es allerdings. Es schien, als würde ganz tief unten im Keller ein Feuer brennen. Lichtschein flackerte über die bemoosten Treppenstufen, die schon lange niemand mehr gereinigt hatte. „Fast so wie bei unseren Schultoiletten!“, ging es Finn durch den Kopf.
...
5 Sterne
Wunderbar - 08.08.2025
Sebastian Retzlaff

So stillt man die Neugier von Kindern... und Erwachsenen. Wunderbar erzählt. Wann gibt es weitere "Reisen".Das wäre mal was für die Schulen in Deutschland. Packt es in den Plan und erfreut euch über den Wissensdurst der Kinder.

5 Sterne
Phantasie trifft das Universum  - 20.02.2025
Michael Seifert

Erfrischend kurzweilige Geschichte, die die Astronomie in einer schönen Geschichte verpackt, verständlich erlebbar macht.

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