Cover: Das Farbenspiel der Gefühle

Das Farbenspiel der Gefühle


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 226
ISBN: 978-3-7116-0982-3
Erscheinungsdatum: 08.10.2026
Einfühlsam und authentisch erzählt „Das Farbenspiel der Gefühle“ die Geschichte des 14-jährigen David, der zwischen Schulstress, Selbstzweifeln und erster Liebe seinen eigenen Weg findet – und erkennt, dass Gefühle sich nicht in Schubladen stecken lassen.
Kapitel 1
Ein holpriger Start


David starrte auf das Blatt vor ihm. Rote Kreuze überall. Der Zettel mit der Mathearbeit sah aus, als wäre er mitten im Krieg gewesen. Und der Krieg war eindeutig nicht zu Davids Gunsten ausgegangen. Oben rechts stand die fette, knallrote 4–, eingerahmt von einem Kringel, der ihn förmlich auslachte.

Er ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken und stöhnte leise. „Warum muss Mathe so unnötig schwer sein?“ murmelte er, während um ihn herum die Klasse anfing zu tuscheln. Man hörte das Rascheln von Rucksäcken, das Knistern von Süßigkeiten, und irgendwo kicherten zwei Mädchen. Wahrscheinlich Lisa und ihre beste Freundin. David riskierte einen kurzen Blick nach rechts – ja, Lisa hatte schon ihre Arbeit weggepackt und sah völlig unbeeindruckt aus. Sie musste wieder eine Eins haben. Natürlich. Sie hatte immer eine Eins.

„Alles okay bei dir, David?“ Kevin lehnte sich rüber und warf einen Blick auf Davids Arbeit. „Wow, eine 4-, das ist … also, knapp daneben.“

„Danke für die Motivation“, murmelte David sarkastisch. Kevin grinste nur und zuckte mit den Schultern. Er wirkte, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen. David beneidete ihn ein bisschen darum.

Kaum hatte er die Arbeit zusammengefaltet und in seinen Rucksack gestopft, klingelte es zur Pause. Während die anderen lachend in den Flur stürmten, blieb David noch einen Moment sitzen und starrte aus dem Fenster. Eine Vier Minus. Das würde Ärger geben, das war sicher. Seine Eltern waren bei so was gnadenlos. Es spielte keine Rolle, ob es nur ein dämliches Matheblatt war – für sie war jede schlechte Note wie eine persönliche Niederlage.

Zu Hause sah es auch nicht besser aus. Die Wohnungstür hatte er kaum hinter sich geschlossen, da hörte er schon die Stimme seiner Mutter: „David? Bist du das? Wie war’s in der Schule?“

„Okay“, brummte er und schmiss seinen Rucksack in die Ecke. „So wie immer.“

Seine Mutter tauchte aus der Küche auf, einen Spüllappen in der Hand, und zog eine Augenbraue hoch. „Und? Hast du die Mathearbeit zurückbekommen?“

David zögerte. Er hätte den Zettel einfach verschwinden lassen können. Aber spätestens beim Elternsprechtag würden sie es eh erfahren. Also zog er das zerknitterte Blatt hervor und hielt es ihr hin.

Ihre Augen verengten sich, als sie die rote Note sah. „David … schon wieder eine Vier Minus? Wir hatten doch gesagt, dass du dich verbessern musst!“

„Ich hab’s versucht, okay?“, murmelte David und zog sich die Kapuze seines Pullovers über den Kopf. „Mathe ist halt nicht mein Ding.“
In diesem Moment kam auch sein Vater aus dem Wohnzimmer. „Nicht dein Ding? Du kannst doch nicht bei jedem Problem einfach sagen, dass es nicht dein Ding ist! Was denkst du, wie das später wird, wenn du mal arbeiten musst?“

David verdrehte die Augen. Das war immer das Gleiche. Sobald er eine schlechte Note nach Hause brachte, wurde das Gespräch zur Grundsatzdiskussion über seine Zukunft. Und seine Eltern fingen an, Sätze zu sagen, die alle gleich klangen: „Du musst dich anstrengen, sonst wird das nichts“ oder „Die anderen schaffen es doch auch, warum du nicht?“

„Ich hab’s doch gesagt, ich hab mich angestrengt“, murmelte er, doch es klang schwach, sogar in seinen eigenen Ohren.

„Offensichtlich nicht genug.“ Seine Mutter seufzte und stemmte die Hände in die Hüften. „Vielleicht brauchst du Nachhilfe. Oder wir schränken das Zocken mal etwas ein.“

Das Zocken einschränken? Jetzt wurde es ernst. David wollte protestieren, doch sein Vater kam ihm zuvor: „Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder? Du bist jetzt 14, langsam musst du Verantwortung übernehmen.“

„Ja, ja, ich weiß“, murmelte David, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in seinem Zimmer. „Verantwortung übernehmen“, wiederholte er leise, als er die Tür hinter sich schloss. „Als wär ich der einzige Mensch auf der Welt, der mal ne schlechte Note schreibt.“

Er ließ sich auf sein Bett fallen und starrte an die Decke. Sein Kopf war voller Gedanken, aber keiner davon war wirklich hilfreich. Warum musste alles immer so kompliziert sein? Schule, Noten, Eltern – und dann auch noch das ganze Zeug mit Lisa, das ständig in seinem Kopf herumschwirrte. Was hatte er sich überhaupt gedacht? Lisa war in einer völlig anderen Liga. Er hätte gar nicht erst anfangen sollen, von ihr zu träumen.

Sein Handy vibrierte neben ihm auf dem Bett. Eine Nachricht von Kevin:

Kevin: „Hab gerade an dich gedacht. Schon wieder Mathechaos?“

David grinste leicht. Irgendwas an Kevins Art beruhigte ihn immer. Der Typ nahm das Leben locker, als wäre alles nur ein Spiel.

David: „Wie hast du das erraten?“

Kevin: „Ich hab meine Mom überredet, dass wir nächstes Wochenende Pizza machen. Kommst du vorbei?“

David zögerte kurz, aber dann tippte er:

David: „Klar, klingt gut.“

Er legte das Handy weg und schloss die Augen. Vielleicht würde das Wochenende besser werden. Vielleicht, dachte er, würde der ganze Druck irgendwann einfach verschwinden. Vielleicht.




Kapitel 2
Der neue Sitznachbar


„So, Leute, Schluss mit dem Gequatsche!“ Frau Beck, die Mathelehrerin, klatschte in die Hände, als ob sie wilde Tiere zähmen müsste. „Wir haben einen neuen Sitzplan!“

Ein neuer Sitzplan. Super. David hasste diese Sitzplanwechsel. Jedes Mal bedeutete das Chaos, und meistens landete er neben jemandem, mit dem er sich überhaupt nicht verstand. Irgendein Klassenclown, der die ganze Zeit nervte, oder ein Streber, der ihn ständig belehren wollte.

„David, du sitzt ab sofort hier – direkt neben Tom.“

David warf einen Blick quer durchs Klassenzimmer und entdeckte Tom Schmidt, der mit einem halbwegs freundlichen Lächeln auf dem Gesicht sein Zeug zusammenpackte. Tom war einer von diesen Jungs, die man irgendwie immer übersah – nie besonders laut, nie besonders auffällig. Der Typ hatte nicht viele Freunde, war aber auch nicht der Außenseiter, den alle hänselten. Er war einfach … da. Unauffällig und entspannt.

David schnappte sich widerwillig seine Tasche und schlurfte zum neuen Platz. „Na, dann mal los“, murmelte er und ließ sich auf den Stuhl neben Tom fallen.

„Hi“, sagte Tom und grinste leicht. „Sieht so aus, als wären wir jetzt Sitznachbarn.“

„Jep.“ David packte sein Matheheft aus und versuchte, nicht allzu genervt zu wirken. Er hatte echt keine Lust auf Smalltalk. Tom schien das zu merken, denn er ließ ihn in Ruhe und widmete sich seinem eigenen Kram.

Als Frau Beck mit dem Unterricht loslegte, wanderte Davids Blick zur Seite. Tom hatte eine dieser lächerlich perfekten Schriftarten – klein, ordentlich, als würde er in Schönschriftwettbewerben mitmachen. Im Vergleich dazu sah Davids Heft aus, als hätte eine Katze darüber gekratzt.

Tom bemerkte seinen Blick und hob kurz den Kopf. „Musst du nicht mitschreiben?“

David zuckte die Schultern. „Bringt eh nix. Ich versteh das nicht.“

Tom lachte leise. „Glaub mir, ich versteh’s auch erst, wenn ich’s dreimal durchgekaut hab.“

„Und warum schreibst du dann so viel auf?“

Tom grinste. „Weil Frau Beck mir sonst wieder ’ne Standpauke hält. Und weil’s meine Mutter freut, wenn das Heft gut aussieht.“

David schnaubte. „Klassiker.“

Es war irgendwie … angenehm. Tom war keiner von den Typen, die ständig besserwisserisch tun oder versuchen, cool zu wirken. Er war einfach normal. Das war selten. Zu selten.

In der Pause holte David gerade sein Brot aus der Tasche, als Tom sich zu ihm drehte. „Sag mal, hättest du Bock, mal nach der Schule abzuhängen?“

David runzelte die Stirn. Er hatte nicht erwartet, dass Tom so direkt fragen würde. Die meisten Leute ignorierten ihn eher, es sei denn, sie brauchten irgendwas – Hausaufgaben abschreiben oder so. Aber Tom? Der klang, als hätte er wirklich Interesse.

„Äh, ja, klar“, sagte David und biss in sein Brot, um das seltsame Gefühl loszuwerden, das sich in seinem Bauch breitgemacht hatte.

„Cool.“ Tom packte seinen Kram zusammen, als ob er das einfach mal so in den Raum geworfen hätte, ohne groß nachzudenken. „Dann lass uns das mal planen.“

David kaute langsam weiter und fragte sich, was das hier eigentlich war. Freundschaft? Vielleicht. Vielleicht auch einfach nur ein neuer Sitznachbar, der nicht total nervig war. Aber egal, was es war – es fühlte sich irgendwie gut an.




Kapitel 3
Ein Blick zu Lisa


David lehnte sich im Unterricht gelangweilt auf seinem Stuhl zurück. Frau Beck war gerade dabei, irgendein kompliziertes Zeug über Algebra zu erklären, das sowieso niemanden interessierte – zumindest niemanden wie ihn. Sein Blick schweifte durchs Klassenzimmer, und wie von selbst blieben seine Augen bei Lisa hängen.

Lisa saß ein paar Reihen weiter vorn, perfekt aufrecht, als würde sie für ein Schulbuchcover posieren. Ihre blonden Haare lagen so glatt über ihren Schultern, dass es fast unverschämt war, und sie spielte beiläufig mit ihrem Stift, während sie scheinbar mühelos alles verstand, was Frau Beck erklärte. Selbst beim Zuhören sah sie gut aus. Wie war das überhaupt möglich?

David konnte nicht anders. Lisa war wie ein Magnet. Er wusste, dass es bescheuert war, aber jedes Mal, wenn er sie ansah, fing sein Herz an, schneller zu schlagen, und seine Gedanken drifteten ab in Tagträume. In seinen Träumen sah das Leben ganz anders aus: Er und Lisa saßen zusammen auf einer Parkbank, ihr Lachen klang wie Musik, und er legte ihr lässig einen Arm um die Schulter – als wäre das das Normalste auf der Welt.

In der Realität allerdings hatte Lisa noch nie mehr als zwei Sätze am Stück mit ihm gewechselt. Und selbst das war meist nur so was wie „Hast du den Füller da?“ oder „Kannst du kurz Platz machen?“. Kein Lächeln, kein Blick, der ihm Hoffnung gegeben hätte. Nichts. Aber irgendwie schaffte es David trotzdem, sich einzureden, dass sie vielleicht eines Tages doch merken würde, dass er mehr war als „der Typ, der immer schlecht in Mathe ist“.

Er stellte sich vor, wie sie zusammen auf den Fluren der Schule entlanggehen würden, Arm in Arm, während alle anderen sie bewunderten. Lisa und David. Das Traumpaar. Vielleicht würde sie sogar mal an seiner Seite auf einer Party auftauchen, die Haare im lockeren Zopf, ihre Hand in seiner. Es war fast zum Greifen nah – zumindest in seinem Kopf.

Ein kräftiger Stoß gegen seinen Arm riss David aus seinem Tagtraum.

„Alter, träumst du, oder was?“ Tom grinste ihn schief an und schob ihm ein Blatt rüber. „Frau Beck will, dass du das löst.“

David blinzelte verwirrt und schaute auf die Aufgabe, die Tom ihm hingeschoben hatte. Keine Chance, dass er das hinkriegen würde. Er kritzelte irgendwas auf das Papier, nur damit es so aussah, als hätte er zumindest versucht, mitzudenken.

Während er so tat, als würde er rechnen, wanderte sein Blick wieder zu Lisa. Diesmal sah sie ihn für den Bruchteil einer Sekunde an, aber das reichte. Es war, als hätte sie ihm einen Stromschlag verpasst. Hat sie mich gerade wirklich angesehen?

Natürlich tat sie es nicht noch mal, aber dieser winzige Moment war genug, um David den Rest des Tages auf Wolke sieben schweben zu lassen. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie ihn nicht nur ansehen, sondern auch anlächeln würde. Vielleicht würde sie irgendwann nach der Schule zu ihm kommen und sagen: „Hey, wollen wir zusammen lernen?“ Und natürlich würde er dann ja sagen – auch wenn er wusste, dass er am Ende sowieso nur dumm dasitzen und sie bewundern würde.

Tom stupste ihn wieder an. „Wenn du weiter so rumschwebst, wirst du gleich wieder von Frau Beck zur Schnecke gemacht.“

David schnaubte leise. „Ich schwebe nicht. Ich … denke nach.“

„Ach ja? Über was?“ Tom grinste breit. „Über Algebra sicher nicht.“

David zuckte mit den Schultern und grinste zurück. „Ist halt kompliziert.“

Kompliziert war das perfekte Wort, um alles zu beschreiben, was in seinem Kopf vorging. Lisa war für ihn wie ein Rätsel, das er unbedingt lösen wollte, auch wenn er wusste, dass er wahrscheinlich daran scheitern würde. Aber irgendwie machte das auch den Reiz aus. Vielleicht war das der Grund, warum er so verrückt nach ihr war.

Er wusste, dass er nicht in Lisas Liga spielte – sie war cool, beliebt, hübsch, perfekt. Und er? Er war David. Der Typ, der in Mathe struggelte und seine Hausaufgaben meistens in der Pause abschrieb. Aber in seinen Träumen zählte das nicht. In seinen Träumen waren sie beide einfach nur zwei Menschen, die sich gefunden hatten – ganz ohne Regeln, Erwartungen oder Liga-Gedöns.
David seufzte leise. Träume waren eben leichter als die Realität. Aber hey, vielleicht würde er ja irgendwann doch den Mut finden, mit Lisa zu sprechen. Vielleicht. Oder er würde einfach weiter aus der Ferne von ihr schwärmen und darauf hoffen, dass sie ihn eines Tages bemerkte.

„David?“ Frau Becks Stimme durchbrach seine Gedanken wie ein Donnerschlag. „Kannst du die nächste Aufgabe vorlesen?“

David blinzelte hektisch. „Ähm … ja, klar.“ Er sah kurz auf sein Blatt, aber seine Gedanken waren immer noch bei Lisa. Er stotterte die Aufgabe halbherzig vor und versuchte, nicht rot zu werden.

Tom grinste wieder und lehnte sich leicht zu ihm rüber. „Du bist echt kein Mathe-Ass, was?“

David zuckte nur mit den Schultern. Mathe-Ass? Nein, das war er nicht. Aber er war ein hoffnungsloser Träumer – und manchmal war das viel schwieriger.
...

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Das Farbenspiel der Gefühle

Also sprach die Mondkuh

Weitere Bücher von diesem Autor

Cover: Das Farbenspiel der Gefühle

Lars Meder

Die Heldin in mir

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder