Baloo Baloo
Eine Geschichte über die Freundschaft
EUR 28,90
Format: 18 x 27 cm
Seitenanzahl: 74
ISBN: 978-3-7116-0663-1
Erscheinungsdatum: 15.04.2025
Die Labradore Baloo und Karenin sind unzertrennlich, bis Karenin plötzlich mit seiner Familie umzieht. Jetzt ist Baloo ganz auf sich allein gestellt. Doch stimmt das wirklich? Neuankömmling Gibbs bringt frischen Wind. Wird Baloo ihn in sein Herz schließen?
ICH, BALOO
Mein Name ist Baloo. Ich bin ein schokobrauner Labrador und fünf Jahre alt.
Woher ich komme? Aus Italien.
Einem kleinen Ort, wo mein Frauchen und Herrchen mich zufällig gefunden haben. Auf der Durchreise, sagen sie.
Was für ein Glück, denn mein Zuhause ist schön.
Wo das genau ist? In Zürich. Also der Schweiz.
Ich bin ein sehr glücklicher Hund. Oder sagen wir es mal so:
Bis vor Kurzem war ich es.
Doch seit Karenin weg ist, ist alles anders.
Sie nennen mich Baloo, weil ich wie ein kleiner brauner Bär aussehe. Das war ein guter Einfall – denn ich bin, wie Baloo der Bär, ein sehr gemütlicher Bursche. Neben dem Fressen ist Schlafen meine Hauptbeschäftigung. Zuerst wollten sie mich doch tatsächlich Strolch nennen! Das konnte aber keiner so richtig gut aussprechen, außer meinem Frauchen. Die Italiener haben mit dem «st» irgendwie ein Problem. Ach so: Mein Herrchen und seine Verwandten sind Italiener.
Mein bester Freund heißt Karenin. Er ist ein Labrador, genau wie ich. Nur schwarz. Wir Labradore haben einen guten Ruf. Man sagt uns nach, dass wir echte Familienhunde sind, außerdem treu und ausgeglichen. Es heißt, dass wir für unser Leben gern spielen und für etwas zu fressen alles, wirklich alles tun.
Jetzt denkt ihr sicher, dass das ein wenig übertrieben ist. Aber auf mich trifft es zu, hundertprozentig. Ich gebe die Pfote drauf. Und auf Karenin genauso. Ihr glaubt mir nicht? Ihr werdet es gleich hören, wartet ab!
Karenin ist neun Jahre alt, also ein wenig älter als ich. Und
grösser. Aber das macht mir nichts aus. Denn er ist mein erster und längster Freund, der mir ganz viel beigebracht und mir
vieles gezeigt hat. Zum Beispiel, wie man noch besser und schneller schwimmt. Vor allem hat er mich in alle Geheimnisse des Waldes eingeweiht. Außerdem hat Karenin mich mutiger gemacht und mich immer dann beschützt, wenn andere Hunde gemein zu mir waren.
ABER FANGEN WIR MAL VON VORNE AN
In Zürich haben wir früher in einer Wohnung am See gewohnt. Da war ich noch klein, nur wenige Monate alt. Ein richtiges
Hundebaby eben. Wenn man klein ist, sieht alles groß und so weit entfernt aus. Vor allem die Wiese. Sie führt direkt zum See. Dort habe ich schwimmen gelernt.
Alle meine Freunde schwimmen für ihr Leben gern. Karenin und ich sind echte Wasserratten, doch ich bin dabei viel
vorsichtiger als er. Ich mag Wasser sehr, aber ich beobachte lieber erstmal alles vom Ufer aus. Aus einer gewissen
Distanz. Wisst ihr, der See macht mir manchmal ein wenig Angst. Er kommt mir etwas unheimlich vor. Weil er so tief ist und ich nicht sehen kann, was unter mir ist. Ja klar, kann ich schwimmen! Aber trotzdem.
Wenn mein Frauchen aber mit mir spielt und den Ball ins Wasser wirft, hält mich nichts mehr. Ich springe ins Wasser und hole ihn, um ihn ihr zurückzubringen. Es ist das Schönste für mich, wenn sie sich freut. Manchmal, wenn ich es geschafft habe, ohne Angst ins Wasser zu springen, bekomme ich einen Flipp. Ihr wisst nicht, was ein Flipp ist? Ein Flipp ist ein lustiges Gefühl. Plötzlich kann ich zum Beispiel schnell laufen und drehe mich vor Freude hundertmal im Kreis, weil ich es geschafft habe,
zu schwimmen. Okay, okay, nicht gleich hundertmal – aber
vielleicht doch zehnmal. Manchmal ist mir dann vor lauter
Drehungen ganz schwindelig.
Wisst ihr, Karenin und noch ein paar andere Freunde von mir sind ein wenig mutiger als ich – aber das gebe ich ihnen gegenüber natürlich nicht zu. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Zweitkleinster von meinen sechs Geschwistern auf die Welt gekommen bin. Zweitkleinster wohlgemerkt. Nicht ganz der Kleinste immerhin.
Meine Eltern heißen Mathilda und Gandalf. Sie sind genauso schokobraun wie ich. Komischerweise sind sie sehr groß und stark. Also stark bin ich auch, aber so groß wie Papa leider doch nicht. Naja, halb so schlimm. Die Größe sagt schließlich nichts über die Stärke oder Intelligenz aus!
Ich kann mich noch gut an meine Eltern erinnern. Und auch an den Reithof, wo ich und meine Geschwister aufgewachsen sind. Genauer gesagt, im Stall. Da gab es viel Heu und vor allem Pferde. Mathilda und Gandalf waren sehr liebevolle Eltern. Sie haben sich immer fürsorglich um uns alle gekümmert.
Der Tag, an dem mich mein Frauchen und Herrchen in Italien abgeholt haben, ist mir noch deutlich in Erinnerung. Als Zweitkleinster habe ich mich gaaaaanz groß gemacht, als sie zu Besuch kamen. So schnell ich konnte, bin ich um sie herumgelaufen und an ihnen hochgesprungen. Warum?
Weil ich unbedingt zu ihnen wollte. Und da bin ich nun, seit fast fünf Jahren.
«Baloooooooooooooooooooo!» Eine mir sehr vertraute Stimme ruft meinen Namen. Karenin ist da. Ich bin überglücklich und laufe sofort zu meinem besten Freund, um ihn zu begrüßen. Gemeinsam rennen wir über die Wiese in Richtung See. Wenn Karenin bei mir ist, traue ich mir viel mehr zu. Mit ihm habe ich so gut wie keine Angst. Außerdem bin ich viel mutiger. Das liegt einfach daran, dass er mir Sicherheit gibt.
Eine Abkühlung ist jetzt genau das Richtige. Das Wasser ist herrlich kalt. Das lieben wir. Nur noch unsere Köpfe schauen
aus dem Wasser heraus. Wir sehen jetzt aus wie Robben.
Zürichsee-Robben.
Neben den Enten schwimmen auch noch zwei Schwäne neben uns her. Wir pirschen uns langsam an die beiden heran. Sie sehen sehr elegant aus. Ihre Körper sind kräftig, und sie sind mit wunderschönen weißen Federn geschmückt. Sie haben einen sehr langen und lustigen Hals. Am Ende, also oben am Hals, haben sie einen kleinen Kopf mit einem schwarzen Schnabel. Ihre Augen sitzen jeweils an der linken und an der rechten Seite. Die Augen blitzen im Sonnenlicht. Wie können sie richtig sehen, fragen wir uns ... wenn ihre Augen doch auf der Seite sitzen!?
Die Schwäne bewegen sich nun in unsere Richtung. Ich glaube, sie haben uns entdeckt. Vorsichtig drehen Karenin und ich ab. Wir wollen sie nicht verärgern, obwohl es mich schon reizen würde, zu schauen, was passiert, wenn wir doch auf sie losschwimmen würden.
Karenin hat wohl das Gleiche gedacht. Ohne ein Wort zueinander zu sagen, kehren wir nochmals um. Der größere Schwan paddelt plötzlich schneller und stellt sich im Wasser vor den anderen. Will er ihn etwa beschützen?
Vor lauter Aufregung verschlucke ich mich und muss husten. Das findet der Größere der beiden gar nicht lustig und schwimmt ganz schnell auf mich zu. Dabei stellt er seine Flügel auf und macht sich riesig groß. Jetzt habe ich ein wenig Angst.
So schnell ich kann, schwimme ich zu Karenin. Mein Herz pocht. Karenin bleibt ganz cool. Mit seiner ruhigen Art signalisiert er mir, dass wir abdrehen sollen. So unauffällig wie möglich. Damit die anderen Schwäne nicht auch noch auf uns aufmerksam werden und uns am Ende alle zusammen angreifen.
Wir schwimmen los. Ich ganz dicht hinter Karenin. Mein Herz schlägt mir jetzt bis zum Hals. Gut, dass Karenin da ist! Verdammt sind die groß. Und diese Flügel!
Am Ufer angekommen, steigen wir langsam und erschöpft aus dem Wasser. Unser Fell ist klitschnass. Wir schütteln uns kräftig ab und laufen zurück auf die Wiese, wo unsere Frauchen auf uns warten. Zum Glück haben unsere Frauchen dieses waghalsige Abenteuer nicht mitbekommen. Sie waren wohl wieder am Schnattern, so wie die Enten im See. So machen sie es immer, wenn sie sich sehen.
Heute habe ich gelernt, dass Schwäne gar nicht so freundlich sind, wie sie aussehen. Manchmal schwimmen sie schnell auf einen zu und geben schrille Laute von sich. Und dann haben sie diesen langen Hals und ehe man sich versieht, schnappen sie mit ihrem langen Schnabel zu.
Mit Karenin erlebe ich immer die tollsten Abenteuer. Er ist so mutig, stark und groß. Manchmal wäre ich auch gerne so groß wie er. Er wirkt zwar angsteinflößend, weil er so groß ist, aber im tiefsten Inneren seines Herzens ist er ein genauso verschmuster und verspielter Kerl wie ich. Von Anfang an war da so eine Verbindung zwischen uns. Das haben wir gleich gemerkt, also gerochen. Dass ich noch jung und unerfahren bin, hat ihn nicht gestört. Er hat mich einfach so akzeptiert wie ich war, denn er hat sein Herz am richtigen Fleck. Und er ist treu und liebenswert und übrigens genauso sensibel wie ich. Aber das hört er nicht gerne.
Ich bin sehr stolz darauf, dass er mein Freund ist.
Leider ist er im letzten Jahr mit seinem Frauchen nach Sylt
gezogen. Sylt ist eine Insel in Norddeutschland. Nun können wir uns nicht mehr jeden Tag sehen wie früher. Wie sehr ich es vermisse, ihn als Fixstern in meinem Alltag zu haben!
Denn ich habe Karenin nicht nur zum Spazierengehen gesehen, nein, er war auch oft am Tag oder sogar über Nacht bei uns. Immer dann, wenn sein Frauchen arbeiten musste. Oder auch andersherum. Dann übernachtete ich bei ihm zu Hause.
Ich habe es geliebt, ihn immer um mich zu haben. Egal, wo wir waren. Zu zweit ist man nämlich weniger allein, wisst ihr?
Und wer hätte nicht gerne seinen besten Freund immer und
jederzeit bei sich? Selbst wenn wir stundenlang einfach nur zusammen auf unseren Decken gelegen und nicht geredet haben, konnten wir uns ansehen und haben das Gleiche gedacht. So wie echte Freunde das eben machen.
Was Karenin so besonders macht: Er ist ungemein treu. Er ist immer für mich da, er läuft nicht davon und er lässt mich nie stehen. Er dreht sich immer nach mir um und schaut, ob ich ihm auch folgen kann. Im Gegensatz zu Karenin bin ich etwas aufbrausend und manchmal auch auf meine Art frech. Das sagt jedenfalls mein Frauchen. Dass ich ein Schlitzohr bin.
Was auch immer sie damit meint.
Karenin hingegen ist sehr ruhig und bedacht. Er mag überhaupt keinen Streit und ist sehr sensibel. Er hasst Feuerwerke, Blitz und Donner. Da bekommt er furchtbare Angst und verkriecht sich. Ich habe keine Angst vor all dem. Ich habe ja auch dickes Fell. Wie ein Bär, sagt mein Frauchen.
UNSER NEUES ZUHAUSE
Mit Karenins Abschied haben mein Herrchen und Frauchen
entschieden, dass auch wir umziehen. Nicht weg aus Zürich, sondern einfach in ein neues Zuhause. Was das konkret bedeutet, habe ich nicht wirklich verstanden.
Zu Anfang ist mir Karenins Wegzug weniger traurig vorgekommen, beziehungsweise habe ich gar nicht so viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, ob ich ihn vermisse. Denn bei uns zu Hause war so viel los!
Seit Wochen schon sieht unsere Wohnung ganz anders aus. Mein Hundebettchen steht ständig an einem anderen Ort.
Daher springe ich aufs Bett meines Frauchens. Das ist nämlich immer noch am gleichen Ort, denn es ist viel zu schwer, um es eben mal zu bewegen.
Sie packen große Kisten und es kommen ständig neue Leute in unsere Wohnung. Sie laufen auf und ab und stellen komische Fragen. Ob mich mein Frauchen und Herrchen mitnehmen?
Daran glaube ich ganz fest. Ich bin doch ihr Baloo!
Am folgenden Tag kommt ein riesiges Auto angefahren und parkt direkt vor unserer Haustür. Fünf große Männer stehen in unserer Wohnung und nehmen alles mit. Dürfen die das?
Was wollen sie denn mit dem ganzen Zeug, frage ich mich. Einer nimmt mein Bett. Ich fange augenblicklich an zu knurren.
«Lass mein Bett stehen, sonst... .» Ich knurre lauter und
mache das böseste Baloo-Gesicht, das ich zustande kriege. Meine Zähne habe ich ihm aber nicht gezeigt ... er war doch
viel grösser als ich.
Mein Frauchen kommt. Sie nimmt mich an die Leine und geht mit mir hinaus. Ich bleibe also bei ihnen. Was für ein Glück.
Sie öffnet den Kofferraum des Autos, und es geht los.
Ich fahre sehr gern Auto. Hinten im Kofferraum ist es sehr
gemütlich. Auf meiner Decke habe ich immer Spielzeug und manchmal bekomme ich auch einen Knochen. Immer dann, wenn wir eine längere Autofahrt machen. Das Blöde ist nur, dass ich danach immer einen riesigen Durst habe. Wisst ihr, die Knochen sind sehr salzig und dann muss man schnell etwas trinken.
Heute gibt es aber keinen Knochen. Das heißt dann wohl, dass es eine kurze Autofahrt wird. Wo es wohl hingeht? Mein
Frauchen startet den Motor. Sie und mein Herrchen sind glücklich. Sie reden viel und lachen. Sie sagen etwas von einem Garten und einem Teich.
Fahren wir vielleicht in unser neues Zuhause? Nach kurzer
Zeit halten wir an. Der Kofferraum geht auf und ich halte
meine Nase in die Luft. Es riecht alles anders als am See. Es duftet nach Blumen und Bäumen und auch nach fremden Tieren.
Ich springe aus dem Auto. Ganz schön hoch, aber ich schaffe es. Ein Tor öffnet sich. Ist das etwa unser neues Zuhause?
Haben wir jetzt einen Garten? Einen Garten für mich ganz allein? Ich schnappe nach Luft. Ein warmes Gefühl breitet sich in meinem Körper aus. Ich renne los, die Einfahrt runter. Ein Garten erstreckt sich vor mir. Oh wie schön! Und was für eine Wiese! Ich lege mich auf den Rasen und drehe mich von einer Seite auf die andere. Das machen Hunde so, wenn sie glücklich sind.
Und weil es so schön ist und mein Hundeherz höherschlägt, wälze ich mich nochmals hin und her und gebe zufriedene Laute und Schnalzer von mir.
Moment, was ist das denn? Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Treppe. Ganz schön steil ... Was ist denn das da unten? Ich gehe auf die Treppe zu. Ist das etwa ein kleiner See?
Ein blau leuchtendes Becken liegt vor mir. Es ist mit Wasser gefüllt. Kann man da etwa drin schwimmen? Langsam gehe ich die steile Treppe hinunter. Es ist tatsächlich ein ziemlich großes Becken. Ganz allein für mich? Was würde Karenin dazu sagen, wenn er wüsste, dass wir jetzt einen eigenen See haben? Unseren eigenen kleinen Zürichsee. Oh Karenin, du fehlst mir sehr!
Während ich mich langsam auf das Wasser zubewege, merke ich, dass ich gar nicht wie am See einfach hineinlaufen kann. Es ist ganz schön tief. Ich stecke meine Schnauze langsam hinein. Igitt, was ist denn damit passiert? Es riecht ja ganz anders als der See! Egal. Ich stecke meine Pfote kurz rein: herrlich kühl. Aber ganz rein traue ich mich doch nicht. Naja, muss ja auch nicht gleich am ersten Tag sein, denke ich mir.
Karenin wäre sicher gleich hineingesprungen. Er kennt keine Furcht, zumindest nicht, wenn es um Wasser geht. Ich laufe zurück. Wo sind sie nur? Ich laufe die Treppe zur Terrasse hoch. Das ist es also: unser neues Zuhause. Wie schön es hier ist! Und so viel grösser als unser altes Zuhause. Mein Bettchen steht auch bereits. Hier bleiben wir also.
DER TRAUM
Mitten in der Nacht wache ich auf. Komisch, dass passiert mir sonst nie. Habe ich vielleicht geträumt? Manchmal wacht man ja von seinen Träumen auf. Meine Augen sind immer noch ganz müde und schwer und ich muss mich konzentrieren, damit ich in der Dunkelheit etwas sehen kann. So – die Augen sind scharf gestellt. Langsam stehe ich von meinem Bettchen auf und schleiche mich leise in die Küche. Ich habe Durst.
Was war das nur für ein Traum? Ich kann mich nicht so gut erinnern. So sehr ich mich auch anstrenge, die Erinnerung ist wie verschwommen. Das Einzige, was ich gerade weiß, ist, dass es ein schöner Traum war. Am Wassernapf angekommen, trinke ich so schnell und so viel ich kann. Vielleicht hilft die Erfrischung, damit ich mich erinnere. Das Wasser ist schön kalt und frisch.
Es schmeckt fast so wie am Meer – nur gar nicht salzig. Jetzt ist der Traum wieder zum Greifen nah: Ich war am Meer – nein, wir waren am Meer. An der Nordsee. Im nördlichsten Teil Deutschlands, auf Sylt. Unserer Insel. Karenin und ich: vereint.
Ich habe geträumt, wie wir beide zusammen in den Wellen schwimmen. Den Möwen hinterherjagen und am Strand spielen. Der Sand an der Küste riecht nach Algen, Krebsen und Quallen. Das Wasser nach Salz und dabei weht uns eine kühle Brise Nordseeluft um die Nase. Seufzend lege ich mich wieder auf mein Bettchen. Neben mir liegt Karenins Spielzeug, ein Stofftier. Es ist eine kleine Robbe. Sie riecht immer noch nach ihm. Er hat sie mir geschenkt, als er fortgegangen ist.
Oh Karenin, du fehlst mir so. Wenn es wahr ist, was mein
Frauchen einmal zu meinem Herrchen gesagt hat, dann soll sich der erste Traum, den man an einem neuen Ort hat, bewahrheiten. Im Halbschlaf und in Gedanken an Karenin und dem großen Wunsch, dass genau dieser Traum Wirklichkeit wird, schlafe
ich wieder ein. Bitte, bitte, hoffentlich geht mein Traum gleich weiter.
DER TAG NACH DEM TRAUM
Am nächsten Morgen wache ich mit einem komischen Gefühl auf. Irgendwas ist anders. Ich fühle mich nicht wohl. Traurig bleibe ich auf meinem Bettchen liegen. Die Robbe ganz dicht bei mir.
Ich begrüße mein Frauchen und mein Herrchen an diesem Morgen nicht. Ich mag nicht aufstehen. Der Traum und das Gefühl, dass Karenin mich verlassen hat, stimmen mich noch wehmütiger, als ich es schon war. Warum kann ich nicht einfach weiterträumen? «Baloooooo», höre ich mein Frauchen rufen. «Komm», sagt sie.
Ich mag nicht aufstehen. Sie kommt zu mir und streichelt mir über den Kopf. Das mag ich gar nicht und schon gar nicht heute Morgen. Sie soll weggehen. Sie merkt, dass irgendwas komisch ist und bringt mir zur Aufheiterung einen Knochen. Ich will nichts essen, ich will schlafen und weiterträumen. Sie soll mich in Ruhe lassen. Mit dem Geruch von Karenin in der Nase schlafe ich langsam wieder ein. Werde ich je wieder so glücklich sein wie mit Karenin? Und werde ich je wieder einen so guten Freund haben, mit dem ich durch die Wälder toben und viele Abenteuer erleben kann? Werde ich jemals wieder ein glücklicher Baloo?
Karenin hat mir gesagt, dass da draußen viele tolle Freunde warten. Man muss sie nur sehen wollen. Wahrscheinlich wollte er mich damit nur aufheitern und mir unseren Abschied leichter machen.
Das ist einfach gesagt, Karenin. Wahrscheinlich wird es ihm ähnlich gehen wie mir. Schließlich hat er seinen besten Freund ja auch verlassen müssen. Wäre es nämlich nach uns gegangen, dann blieben wir zusammen – für immer. Das haben wir uns beim Abschied geschworen: für immer du und ich.
GIBBS (UND ICH)
Es fällt mir zurzeit schwer, mich nicht ständig in meinen
Gedanken an Karenin zu verlieren. Mein Frauchen und Herrchen
machen viele Spaziergänge mit mir, dabei lerne ich unseren neuen Wald besser kennen. Heute wählt mein Frauchen
auf dem Morgenspaziergang plötzlich einen anderen Weg als sonst. Es ist warm, die Sonne scheint und der Wald duftet
herrlich nach Bäumen und Tannen und allen Bewohnern des Waldes.
Plötzlich taucht vor uns eine Frau mit einem anderen Hund an der Leine auf. Der Arme, denke ich. Er darf gar nicht frei laufen so wie ich. Er hat eine sehr lange Leine. Eine Laufleine. Laufleinen müssen die Hunde tragen, die weglaufen oder nicht so gut gehorchen (mache ich auch nicht immer). Glück gehabt, ich darf ohne Leine sein.
...
Mein Name ist Baloo. Ich bin ein schokobrauner Labrador und fünf Jahre alt.
Woher ich komme? Aus Italien.
Einem kleinen Ort, wo mein Frauchen und Herrchen mich zufällig gefunden haben. Auf der Durchreise, sagen sie.
Was für ein Glück, denn mein Zuhause ist schön.
Wo das genau ist? In Zürich. Also der Schweiz.
Ich bin ein sehr glücklicher Hund. Oder sagen wir es mal so:
Bis vor Kurzem war ich es.
Doch seit Karenin weg ist, ist alles anders.
Sie nennen mich Baloo, weil ich wie ein kleiner brauner Bär aussehe. Das war ein guter Einfall – denn ich bin, wie Baloo der Bär, ein sehr gemütlicher Bursche. Neben dem Fressen ist Schlafen meine Hauptbeschäftigung. Zuerst wollten sie mich doch tatsächlich Strolch nennen! Das konnte aber keiner so richtig gut aussprechen, außer meinem Frauchen. Die Italiener haben mit dem «st» irgendwie ein Problem. Ach so: Mein Herrchen und seine Verwandten sind Italiener.
Mein bester Freund heißt Karenin. Er ist ein Labrador, genau wie ich. Nur schwarz. Wir Labradore haben einen guten Ruf. Man sagt uns nach, dass wir echte Familienhunde sind, außerdem treu und ausgeglichen. Es heißt, dass wir für unser Leben gern spielen und für etwas zu fressen alles, wirklich alles tun.
Jetzt denkt ihr sicher, dass das ein wenig übertrieben ist. Aber auf mich trifft es zu, hundertprozentig. Ich gebe die Pfote drauf. Und auf Karenin genauso. Ihr glaubt mir nicht? Ihr werdet es gleich hören, wartet ab!
Karenin ist neun Jahre alt, also ein wenig älter als ich. Und
grösser. Aber das macht mir nichts aus. Denn er ist mein erster und längster Freund, der mir ganz viel beigebracht und mir
vieles gezeigt hat. Zum Beispiel, wie man noch besser und schneller schwimmt. Vor allem hat er mich in alle Geheimnisse des Waldes eingeweiht. Außerdem hat Karenin mich mutiger gemacht und mich immer dann beschützt, wenn andere Hunde gemein zu mir waren.
ABER FANGEN WIR MAL VON VORNE AN
In Zürich haben wir früher in einer Wohnung am See gewohnt. Da war ich noch klein, nur wenige Monate alt. Ein richtiges
Hundebaby eben. Wenn man klein ist, sieht alles groß und so weit entfernt aus. Vor allem die Wiese. Sie führt direkt zum See. Dort habe ich schwimmen gelernt.
Alle meine Freunde schwimmen für ihr Leben gern. Karenin und ich sind echte Wasserratten, doch ich bin dabei viel
vorsichtiger als er. Ich mag Wasser sehr, aber ich beobachte lieber erstmal alles vom Ufer aus. Aus einer gewissen
Distanz. Wisst ihr, der See macht mir manchmal ein wenig Angst. Er kommt mir etwas unheimlich vor. Weil er so tief ist und ich nicht sehen kann, was unter mir ist. Ja klar, kann ich schwimmen! Aber trotzdem.
Wenn mein Frauchen aber mit mir spielt und den Ball ins Wasser wirft, hält mich nichts mehr. Ich springe ins Wasser und hole ihn, um ihn ihr zurückzubringen. Es ist das Schönste für mich, wenn sie sich freut. Manchmal, wenn ich es geschafft habe, ohne Angst ins Wasser zu springen, bekomme ich einen Flipp. Ihr wisst nicht, was ein Flipp ist? Ein Flipp ist ein lustiges Gefühl. Plötzlich kann ich zum Beispiel schnell laufen und drehe mich vor Freude hundertmal im Kreis, weil ich es geschafft habe,
zu schwimmen. Okay, okay, nicht gleich hundertmal – aber
vielleicht doch zehnmal. Manchmal ist mir dann vor lauter
Drehungen ganz schwindelig.
Wisst ihr, Karenin und noch ein paar andere Freunde von mir sind ein wenig mutiger als ich – aber das gebe ich ihnen gegenüber natürlich nicht zu. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Zweitkleinster von meinen sechs Geschwistern auf die Welt gekommen bin. Zweitkleinster wohlgemerkt. Nicht ganz der Kleinste immerhin.
Meine Eltern heißen Mathilda und Gandalf. Sie sind genauso schokobraun wie ich. Komischerweise sind sie sehr groß und stark. Also stark bin ich auch, aber so groß wie Papa leider doch nicht. Naja, halb so schlimm. Die Größe sagt schließlich nichts über die Stärke oder Intelligenz aus!
Ich kann mich noch gut an meine Eltern erinnern. Und auch an den Reithof, wo ich und meine Geschwister aufgewachsen sind. Genauer gesagt, im Stall. Da gab es viel Heu und vor allem Pferde. Mathilda und Gandalf waren sehr liebevolle Eltern. Sie haben sich immer fürsorglich um uns alle gekümmert.
Der Tag, an dem mich mein Frauchen und Herrchen in Italien abgeholt haben, ist mir noch deutlich in Erinnerung. Als Zweitkleinster habe ich mich gaaaaanz groß gemacht, als sie zu Besuch kamen. So schnell ich konnte, bin ich um sie herumgelaufen und an ihnen hochgesprungen. Warum?
Weil ich unbedingt zu ihnen wollte. Und da bin ich nun, seit fast fünf Jahren.
«Baloooooooooooooooooooo!» Eine mir sehr vertraute Stimme ruft meinen Namen. Karenin ist da. Ich bin überglücklich und laufe sofort zu meinem besten Freund, um ihn zu begrüßen. Gemeinsam rennen wir über die Wiese in Richtung See. Wenn Karenin bei mir ist, traue ich mir viel mehr zu. Mit ihm habe ich so gut wie keine Angst. Außerdem bin ich viel mutiger. Das liegt einfach daran, dass er mir Sicherheit gibt.
Eine Abkühlung ist jetzt genau das Richtige. Das Wasser ist herrlich kalt. Das lieben wir. Nur noch unsere Köpfe schauen
aus dem Wasser heraus. Wir sehen jetzt aus wie Robben.
Zürichsee-Robben.
Neben den Enten schwimmen auch noch zwei Schwäne neben uns her. Wir pirschen uns langsam an die beiden heran. Sie sehen sehr elegant aus. Ihre Körper sind kräftig, und sie sind mit wunderschönen weißen Federn geschmückt. Sie haben einen sehr langen und lustigen Hals. Am Ende, also oben am Hals, haben sie einen kleinen Kopf mit einem schwarzen Schnabel. Ihre Augen sitzen jeweils an der linken und an der rechten Seite. Die Augen blitzen im Sonnenlicht. Wie können sie richtig sehen, fragen wir uns ... wenn ihre Augen doch auf der Seite sitzen!?
Die Schwäne bewegen sich nun in unsere Richtung. Ich glaube, sie haben uns entdeckt. Vorsichtig drehen Karenin und ich ab. Wir wollen sie nicht verärgern, obwohl es mich schon reizen würde, zu schauen, was passiert, wenn wir doch auf sie losschwimmen würden.
Karenin hat wohl das Gleiche gedacht. Ohne ein Wort zueinander zu sagen, kehren wir nochmals um. Der größere Schwan paddelt plötzlich schneller und stellt sich im Wasser vor den anderen. Will er ihn etwa beschützen?
Vor lauter Aufregung verschlucke ich mich und muss husten. Das findet der Größere der beiden gar nicht lustig und schwimmt ganz schnell auf mich zu. Dabei stellt er seine Flügel auf und macht sich riesig groß. Jetzt habe ich ein wenig Angst.
So schnell ich kann, schwimme ich zu Karenin. Mein Herz pocht. Karenin bleibt ganz cool. Mit seiner ruhigen Art signalisiert er mir, dass wir abdrehen sollen. So unauffällig wie möglich. Damit die anderen Schwäne nicht auch noch auf uns aufmerksam werden und uns am Ende alle zusammen angreifen.
Wir schwimmen los. Ich ganz dicht hinter Karenin. Mein Herz schlägt mir jetzt bis zum Hals. Gut, dass Karenin da ist! Verdammt sind die groß. Und diese Flügel!
Am Ufer angekommen, steigen wir langsam und erschöpft aus dem Wasser. Unser Fell ist klitschnass. Wir schütteln uns kräftig ab und laufen zurück auf die Wiese, wo unsere Frauchen auf uns warten. Zum Glück haben unsere Frauchen dieses waghalsige Abenteuer nicht mitbekommen. Sie waren wohl wieder am Schnattern, so wie die Enten im See. So machen sie es immer, wenn sie sich sehen.
Heute habe ich gelernt, dass Schwäne gar nicht so freundlich sind, wie sie aussehen. Manchmal schwimmen sie schnell auf einen zu und geben schrille Laute von sich. Und dann haben sie diesen langen Hals und ehe man sich versieht, schnappen sie mit ihrem langen Schnabel zu.
Mit Karenin erlebe ich immer die tollsten Abenteuer. Er ist so mutig, stark und groß. Manchmal wäre ich auch gerne so groß wie er. Er wirkt zwar angsteinflößend, weil er so groß ist, aber im tiefsten Inneren seines Herzens ist er ein genauso verschmuster und verspielter Kerl wie ich. Von Anfang an war da so eine Verbindung zwischen uns. Das haben wir gleich gemerkt, also gerochen. Dass ich noch jung und unerfahren bin, hat ihn nicht gestört. Er hat mich einfach so akzeptiert wie ich war, denn er hat sein Herz am richtigen Fleck. Und er ist treu und liebenswert und übrigens genauso sensibel wie ich. Aber das hört er nicht gerne.
Ich bin sehr stolz darauf, dass er mein Freund ist.
Leider ist er im letzten Jahr mit seinem Frauchen nach Sylt
gezogen. Sylt ist eine Insel in Norddeutschland. Nun können wir uns nicht mehr jeden Tag sehen wie früher. Wie sehr ich es vermisse, ihn als Fixstern in meinem Alltag zu haben!
Denn ich habe Karenin nicht nur zum Spazierengehen gesehen, nein, er war auch oft am Tag oder sogar über Nacht bei uns. Immer dann, wenn sein Frauchen arbeiten musste. Oder auch andersherum. Dann übernachtete ich bei ihm zu Hause.
Ich habe es geliebt, ihn immer um mich zu haben. Egal, wo wir waren. Zu zweit ist man nämlich weniger allein, wisst ihr?
Und wer hätte nicht gerne seinen besten Freund immer und
jederzeit bei sich? Selbst wenn wir stundenlang einfach nur zusammen auf unseren Decken gelegen und nicht geredet haben, konnten wir uns ansehen und haben das Gleiche gedacht. So wie echte Freunde das eben machen.
Was Karenin so besonders macht: Er ist ungemein treu. Er ist immer für mich da, er läuft nicht davon und er lässt mich nie stehen. Er dreht sich immer nach mir um und schaut, ob ich ihm auch folgen kann. Im Gegensatz zu Karenin bin ich etwas aufbrausend und manchmal auch auf meine Art frech. Das sagt jedenfalls mein Frauchen. Dass ich ein Schlitzohr bin.
Was auch immer sie damit meint.
Karenin hingegen ist sehr ruhig und bedacht. Er mag überhaupt keinen Streit und ist sehr sensibel. Er hasst Feuerwerke, Blitz und Donner. Da bekommt er furchtbare Angst und verkriecht sich. Ich habe keine Angst vor all dem. Ich habe ja auch dickes Fell. Wie ein Bär, sagt mein Frauchen.
UNSER NEUES ZUHAUSE
Mit Karenins Abschied haben mein Herrchen und Frauchen
entschieden, dass auch wir umziehen. Nicht weg aus Zürich, sondern einfach in ein neues Zuhause. Was das konkret bedeutet, habe ich nicht wirklich verstanden.
Zu Anfang ist mir Karenins Wegzug weniger traurig vorgekommen, beziehungsweise habe ich gar nicht so viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, ob ich ihn vermisse. Denn bei uns zu Hause war so viel los!
Seit Wochen schon sieht unsere Wohnung ganz anders aus. Mein Hundebettchen steht ständig an einem anderen Ort.
Daher springe ich aufs Bett meines Frauchens. Das ist nämlich immer noch am gleichen Ort, denn es ist viel zu schwer, um es eben mal zu bewegen.
Sie packen große Kisten und es kommen ständig neue Leute in unsere Wohnung. Sie laufen auf und ab und stellen komische Fragen. Ob mich mein Frauchen und Herrchen mitnehmen?
Daran glaube ich ganz fest. Ich bin doch ihr Baloo!
Am folgenden Tag kommt ein riesiges Auto angefahren und parkt direkt vor unserer Haustür. Fünf große Männer stehen in unserer Wohnung und nehmen alles mit. Dürfen die das?
Was wollen sie denn mit dem ganzen Zeug, frage ich mich. Einer nimmt mein Bett. Ich fange augenblicklich an zu knurren.
«Lass mein Bett stehen, sonst... .» Ich knurre lauter und
mache das böseste Baloo-Gesicht, das ich zustande kriege. Meine Zähne habe ich ihm aber nicht gezeigt ... er war doch
viel grösser als ich.
Mein Frauchen kommt. Sie nimmt mich an die Leine und geht mit mir hinaus. Ich bleibe also bei ihnen. Was für ein Glück.
Sie öffnet den Kofferraum des Autos, und es geht los.
Ich fahre sehr gern Auto. Hinten im Kofferraum ist es sehr
gemütlich. Auf meiner Decke habe ich immer Spielzeug und manchmal bekomme ich auch einen Knochen. Immer dann, wenn wir eine längere Autofahrt machen. Das Blöde ist nur, dass ich danach immer einen riesigen Durst habe. Wisst ihr, die Knochen sind sehr salzig und dann muss man schnell etwas trinken.
Heute gibt es aber keinen Knochen. Das heißt dann wohl, dass es eine kurze Autofahrt wird. Wo es wohl hingeht? Mein
Frauchen startet den Motor. Sie und mein Herrchen sind glücklich. Sie reden viel und lachen. Sie sagen etwas von einem Garten und einem Teich.
Fahren wir vielleicht in unser neues Zuhause? Nach kurzer
Zeit halten wir an. Der Kofferraum geht auf und ich halte
meine Nase in die Luft. Es riecht alles anders als am See. Es duftet nach Blumen und Bäumen und auch nach fremden Tieren.
Ich springe aus dem Auto. Ganz schön hoch, aber ich schaffe es. Ein Tor öffnet sich. Ist das etwa unser neues Zuhause?
Haben wir jetzt einen Garten? Einen Garten für mich ganz allein? Ich schnappe nach Luft. Ein warmes Gefühl breitet sich in meinem Körper aus. Ich renne los, die Einfahrt runter. Ein Garten erstreckt sich vor mir. Oh wie schön! Und was für eine Wiese! Ich lege mich auf den Rasen und drehe mich von einer Seite auf die andere. Das machen Hunde so, wenn sie glücklich sind.
Und weil es so schön ist und mein Hundeherz höherschlägt, wälze ich mich nochmals hin und her und gebe zufriedene Laute und Schnalzer von mir.
Moment, was ist das denn? Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Treppe. Ganz schön steil ... Was ist denn das da unten? Ich gehe auf die Treppe zu. Ist das etwa ein kleiner See?
Ein blau leuchtendes Becken liegt vor mir. Es ist mit Wasser gefüllt. Kann man da etwa drin schwimmen? Langsam gehe ich die steile Treppe hinunter. Es ist tatsächlich ein ziemlich großes Becken. Ganz allein für mich? Was würde Karenin dazu sagen, wenn er wüsste, dass wir jetzt einen eigenen See haben? Unseren eigenen kleinen Zürichsee. Oh Karenin, du fehlst mir sehr!
Während ich mich langsam auf das Wasser zubewege, merke ich, dass ich gar nicht wie am See einfach hineinlaufen kann. Es ist ganz schön tief. Ich stecke meine Schnauze langsam hinein. Igitt, was ist denn damit passiert? Es riecht ja ganz anders als der See! Egal. Ich stecke meine Pfote kurz rein: herrlich kühl. Aber ganz rein traue ich mich doch nicht. Naja, muss ja auch nicht gleich am ersten Tag sein, denke ich mir.
Karenin wäre sicher gleich hineingesprungen. Er kennt keine Furcht, zumindest nicht, wenn es um Wasser geht. Ich laufe zurück. Wo sind sie nur? Ich laufe die Treppe zur Terrasse hoch. Das ist es also: unser neues Zuhause. Wie schön es hier ist! Und so viel grösser als unser altes Zuhause. Mein Bettchen steht auch bereits. Hier bleiben wir also.
DER TRAUM
Mitten in der Nacht wache ich auf. Komisch, dass passiert mir sonst nie. Habe ich vielleicht geträumt? Manchmal wacht man ja von seinen Träumen auf. Meine Augen sind immer noch ganz müde und schwer und ich muss mich konzentrieren, damit ich in der Dunkelheit etwas sehen kann. So – die Augen sind scharf gestellt. Langsam stehe ich von meinem Bettchen auf und schleiche mich leise in die Küche. Ich habe Durst.
Was war das nur für ein Traum? Ich kann mich nicht so gut erinnern. So sehr ich mich auch anstrenge, die Erinnerung ist wie verschwommen. Das Einzige, was ich gerade weiß, ist, dass es ein schöner Traum war. Am Wassernapf angekommen, trinke ich so schnell und so viel ich kann. Vielleicht hilft die Erfrischung, damit ich mich erinnere. Das Wasser ist schön kalt und frisch.
Es schmeckt fast so wie am Meer – nur gar nicht salzig. Jetzt ist der Traum wieder zum Greifen nah: Ich war am Meer – nein, wir waren am Meer. An der Nordsee. Im nördlichsten Teil Deutschlands, auf Sylt. Unserer Insel. Karenin und ich: vereint.
Ich habe geträumt, wie wir beide zusammen in den Wellen schwimmen. Den Möwen hinterherjagen und am Strand spielen. Der Sand an der Küste riecht nach Algen, Krebsen und Quallen. Das Wasser nach Salz und dabei weht uns eine kühle Brise Nordseeluft um die Nase. Seufzend lege ich mich wieder auf mein Bettchen. Neben mir liegt Karenins Spielzeug, ein Stofftier. Es ist eine kleine Robbe. Sie riecht immer noch nach ihm. Er hat sie mir geschenkt, als er fortgegangen ist.
Oh Karenin, du fehlst mir so. Wenn es wahr ist, was mein
Frauchen einmal zu meinem Herrchen gesagt hat, dann soll sich der erste Traum, den man an einem neuen Ort hat, bewahrheiten. Im Halbschlaf und in Gedanken an Karenin und dem großen Wunsch, dass genau dieser Traum Wirklichkeit wird, schlafe
ich wieder ein. Bitte, bitte, hoffentlich geht mein Traum gleich weiter.
DER TAG NACH DEM TRAUM
Am nächsten Morgen wache ich mit einem komischen Gefühl auf. Irgendwas ist anders. Ich fühle mich nicht wohl. Traurig bleibe ich auf meinem Bettchen liegen. Die Robbe ganz dicht bei mir.
Ich begrüße mein Frauchen und mein Herrchen an diesem Morgen nicht. Ich mag nicht aufstehen. Der Traum und das Gefühl, dass Karenin mich verlassen hat, stimmen mich noch wehmütiger, als ich es schon war. Warum kann ich nicht einfach weiterträumen? «Baloooooo», höre ich mein Frauchen rufen. «Komm», sagt sie.
Ich mag nicht aufstehen. Sie kommt zu mir und streichelt mir über den Kopf. Das mag ich gar nicht und schon gar nicht heute Morgen. Sie soll weggehen. Sie merkt, dass irgendwas komisch ist und bringt mir zur Aufheiterung einen Knochen. Ich will nichts essen, ich will schlafen und weiterträumen. Sie soll mich in Ruhe lassen. Mit dem Geruch von Karenin in der Nase schlafe ich langsam wieder ein. Werde ich je wieder so glücklich sein wie mit Karenin? Und werde ich je wieder einen so guten Freund haben, mit dem ich durch die Wälder toben und viele Abenteuer erleben kann? Werde ich jemals wieder ein glücklicher Baloo?
Karenin hat mir gesagt, dass da draußen viele tolle Freunde warten. Man muss sie nur sehen wollen. Wahrscheinlich wollte er mich damit nur aufheitern und mir unseren Abschied leichter machen.
Das ist einfach gesagt, Karenin. Wahrscheinlich wird es ihm ähnlich gehen wie mir. Schließlich hat er seinen besten Freund ja auch verlassen müssen. Wäre es nämlich nach uns gegangen, dann blieben wir zusammen – für immer. Das haben wir uns beim Abschied geschworen: für immer du und ich.
GIBBS (UND ICH)
Es fällt mir zurzeit schwer, mich nicht ständig in meinen
Gedanken an Karenin zu verlieren. Mein Frauchen und Herrchen
machen viele Spaziergänge mit mir, dabei lerne ich unseren neuen Wald besser kennen. Heute wählt mein Frauchen
auf dem Morgenspaziergang plötzlich einen anderen Weg als sonst. Es ist warm, die Sonne scheint und der Wald duftet
herrlich nach Bäumen und Tannen und allen Bewohnern des Waldes.
Plötzlich taucht vor uns eine Frau mit einem anderen Hund an der Leine auf. Der Arme, denke ich. Er darf gar nicht frei laufen so wie ich. Er hat eine sehr lange Leine. Eine Laufleine. Laufleinen müssen die Hunde tragen, die weglaufen oder nicht so gut gehorchen (mache ich auch nicht immer). Glück gehabt, ich darf ohne Leine sein.
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