Hoffnung im Glanz des Morgen
EUR 20,90
Format: 15 x 21 cm
Seitenanzahl: 238
ISBN: 978-3-99185-005-2
Erscheinungsdatum: 13.11.2025
Gott möchte unsere Grenzen erweitern und uns zu einem Leben berufen, das weit über das hinausgeht, was wir uns je hätten träumen lassen. Er stärkt uns in unserer Schwäche und hebt uns aus den tiefsten Tälern unseres Lebens immer wieder empor.
Vorwort
In einer Welt, die von Herausforderungen, Verlust und Ungewissheit geprägt ist, gibt es eine tiefere Wahrheit, die uns durch alle Stürme hindurchträgt: die bedingungslose Liebe Gottes und die unerschütterliche Hoffnung, die er uns schenkt. Die Reise, die in diesem Buch beschrieben wird, ist eine Geschichte von Schmerz und Heilung, von Verlust und Wiederherstellung, von den vielen Wegen, die Gott führt, um uns zu dem zu machen, wofür er uns geschaffen hat.
Diese Erzählung ist mehr als nur die Chronik eines Lebens, das von tragischen Wendepunkten und überwältigenden Herausforderungen geprägt ist. Sie ist ein Zeugnis davon, dass auch in den dunkelsten Momenten des Lebens die Gnade Gottes wirksam ist – dass er uns niemals allein lässt und uns zu größerer Tiefe und größerer Stärke führt. Die Autorin hat durch ihre eigene Reise hindurch erfahren, wie Gott sie in ihrer Schwäche stärkt und wie er sie aus den tiefsten Tälern ihres Lebens immer wieder emporhebt.
Das vorliegende Buch ist nicht nur die Erzählung eines persönlichen Lebensweges, sondern auch eine Einladung, den Glauben an einen treuen und liebevollen Gott zu erneuern. Es lädt ein, in die Erkenntnis einzutauchen, dass Gott uns nicht nur in unseren Stürmen begleitet, sondern uns auch zu einem tieferen Verständnis seiner Liebe und seines Plans für unser Leben führt.
Wir sind alle auf einer Reise, und wie die Autorin erfahren hat, führt uns diese Reise oft an Orte, die wir uns nie hätten vorstellen können – Orte der Heilung, der Transformation und des Glaubens. Was als eine Herausforderung begann, wurde schließlich zu einer Quelle von tiefer Freude und Frieden. Diese Biografie ist eine Erinnerung daran, dass Gott unsere Grenzen erweitern möchte und dass er uns zu einem Leben berufen hat, das weit über das hinausgeht, was wir uns je hätten träumen lassen.
Möge dieses Buch auch für Sie eine Quelle der Ermutigung und des Glaubens sein, dass auch Sie die Hand Gottes erfahren können, die Sie trägt, aufrichtet und Sie zu einem Leben führt, das in seiner Herrlichkeit und Liebe strahlt.
N. N.
Einleitung
Wie wahr ist meine Wirklichkeit?
Wie lebendig lebe ich Leben?
Das sind die ersten zwei Zeilen eines Gedichtes, das ich im Alter von vierundfünfzig Jahren schrieb. Diese Fragen stellte ich mir im Leben auf der Suche nach Wahrheit, Sinn, Bestimmung und Lebendigkeit.
Irgendwann erkannte ich, dass unsere irdische Wirklichkeit im Hier und Jetzt die Plattform für Entscheidungen ist, die Tragweite haben. Sie ist zudem eine Zeit, in der geistliche Prinzipien zur Geltung kommen sollen, ein Übungsfeld zum Überwinden, ein Übergang – wie ein Geburtskanal – in die eigentliche, ewige Wirklichkeit.
In der Bibel steht: „Ich nehme heute Himmel und Erde gegen euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt; so wähle nun das Leben, damit du lebst, du und dein Same“ (5. Mose 30,19 Schlachter 2000).
Aber was für ein Leben ist gemeint? Ein normales, gewöhnliches, gemütliches, sorgenfreies, langweiliges, beschwerliches oder bedrücktes Leben? Nein! Es sollte sprühen vor Energie, vor Lebendigkeit, Begeisterung, Kreativität und Kraft. Ein Leben in Freiheit, in der Bestimmung. Wünscht sich das nicht jeder? Ist das erreichbar oder nur ein frommer Wahn?
Mit dem Tod oft konfrontiert und selbst am Abgrund stehend, geschah in meinem Leben dieses Wunder. Trotz Verzagtheit, in mutlose oder verzweifelte Gedanken abdriftend, entschied ich mich immer wieder für das Leben. Ich erlebte, wie das Gesetz von Saat und Ernte wirkte. Dieses Gesetz gilt nicht nur in der Landwirtschaft. Denn auch jedes Wort, jede Tat, jede Entscheidung bringen eine Frucht hervor, gut oder böse, Leben spendend oder zerstörerisch. Durch unser Sprechen, durch unsere Aussagen, durch unsere Bekenntnisse gestalten wir die eigene Zukunft. Dies wurde mir 2011 erst so richtig bewusst, obwohl dieses Prinzip mein Leben lang schon wirksam war.
Dann war da noch das Thema ‚Kampf‘. Wie anstrengend und ätzend, dachte ich lange, da ich mich meistens überfordert fühlte. Doch diesbezüglich erlebte ich ebenfalls eine Veränderung. Gott schenkte mir immer mehr Spaß am Überwinden und Kämpfen. Auch die Art des Kämpfens änderte sich. Ich empfand eine tiefe Freude, als ich mit Jesu Hilfe von Sieg zu Sieg ging. Ein Abenteuer hatte begonnen!
Teil 1 beginnt ganz unspektakulär, nimmt langsam Fahrt auf und gipfelt in einer dramatischen Krise. Die Darstellung meiner Kindheit und Jugend ist wichtig, um das Bild zu komplettieren. Sie macht verständlich, durch welche Erfahrungen mein Glaube so geprägt wurde, dass er mich in schweren Stunden durchtragen konnte. Des Weiteren gibt sie etwas Einblick in meinen Charakter, der meinen Lebensweg beeinflusste.
Die Biografie ist aus meiner persönlichen Wahrnehmungsperspektive geschildert. Sie befasst sich hauptsächlich mit dem Umgang und der Lösung von eigenen Konflikten. Es war nicht meine Absicht, die inneren Kämpfe anderer Akteure ausführlich zu beleuchten. Das findet nur in dem Maße statt, wie es zum Verständnis des gesamten Geschehens nötig ist. Auch war es nicht mein Anliegen, meine Ehe mit allen Auseinandersetzungen, die in ihr stattfanden, zu analysieren und zu reflektieren. Das würde ein weiteres Buch füllen. Die Intention dieses Buches ist, Gott zu rühmen und seine Taten bekannt zu machen, indem ich über viele Gebetserhörungen berichte, über seine großartige Führung, über von ihm gewirkte seelische Heilung, die ich erfuhr. Ihm allein gebührt die Ehre!
Die Namen der Akteure wurden alle geändert, außer der Name meines Sohnes Marian.
Die mit * versehenen Begriffe und Wörter werden in den Worterklärungen erläutert.
Alles, was mit # markiert wurde, ist im Anhang beigefügt.
Teil 2 beginnt mit meinem Familienabenteuer, in dem ich immer noch stecke. Aber ich will nicht zu viel verraten. Seien Sie beim Lesen gesegnet!
Teil 1
Bekehrung
Wie alles anfing? Es begann mit dem Geschenk einer Geburt.
Am 13. Februar 1963 erblickte das winzige Menschenkindlein, Katharina, das Licht der Welt. Zur großen Freude der Eltern war es ein Mädchen geworden, wo doch das erstgeborene Kind ein Junge war. Das Familienglück war perfekt. Das frisch geborene Baby wurde gehegt und gepflegt. Mit wachen, lebensfrohen, sehnsüchtigen Augen erkundete es die Welt. Wie ein Püppchen wurde Katharina für den Fotografen gestylt, der mit zahlreichen Bildern die lustigen Posen, Mimiken und Gesten jeder Art auffangen konnte. Wie lebendig, ebenso ausdrucksstark diese Porträts doch sind!
Die Familienplanung war abgeschlossen. Aber Gott hatte andere Gedanken. Diese Katharina muss noch eine Weggefährtin bekommen. So wurde anderthalb Jahre später ein bezauberndes Mädchen geboren: meine Schwester Carola. Diese Schwester ist eine ganz wichtige Person in meinem Leben. Und oh, welch Mysterium, sie war, wie jeder Mensch, vor der Erschaffung der Welt von Gott geplant. Für mich war es wichtig, einen Spielkameraden zu haben, wo doch mein Hauptcharakterzug darin besteht, Geselligkeit zu lieben. „Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18a Schlachter 2000). Dieses Wort war wohl schon von Anfang an in mich hineingepflanzt. Es brachte eine starke Sehnsucht nach zuverlässiger Gemeinschaft und einem makellosen Zuhause hervor. So genoss ich es, diese schwesterliche Begleiterin um mich herumzuhaben. Mein Bruder, der sechs Jahre älter als ich ist, hatte an meiner Art zu spielen kein Interesse mehr, deshalb hatten wir schon als Kinder wenig Gemeinschaft miteinander. Die Prägung eines starken Verantwortungsgefühls war ein Nebeneffekt dieser Schwesternschaft. Ob im Kindergarten oder zu Hause, ich übernahm die Verantwortung für Carola.
Auch anderes wurde mir, vielleicht zu früh, zugemutet. Ich war dreieinhalb Jahre alt, als man mich mit einer Einkaufstasche, mit Einkaufszettel und Geld zum zwei Parallelstraßen weiter gelegenen Lebensmittelladen schickte. Dort erledigte die Verkäuferin den Einkauf, indem sie die Lebensmittel und das Rückgeld in die Tasche packte. Danach trat ich meinen Heimweg wieder an. Damals waren noch wenige Autos unterwegs, so war es verkehrstechnisch kein Risiko, ein kleines Mädchen allein zu Fuß diese Entfernung bewältigen zu lassen. Doch ich hatte nicht immer gute Gefühle dabei. War es die Sehnsucht, die mich bedrückte, oder eine innere Ahnung, dass irgendetwas verloren gegangen war? Oder war die mir gestellte Aufgabe einfach nur zu viel für mich?
In dieser Zeit spielte ich oft mit meinem inniglich geliebten Lieblingspudel. Er war einen Zentimeter im Durchmesser, aus gelbem Hartplastik, das glitzerte wie eine Perle. Aus irgendeinem Grund hatte ich mich in den Pudel verliebt. Vielleicht, weil er so winzig war. Oder weckte er einfach nur den Beschützer- und Mutterinstinkt in mir? Irgendwann war dann dieser Pudel verschwunden, verschenkt oder verloren. Im Endeffekt war es aber egal, wie er mir abhandengekommen war. Mein sensibles Herz empfand diesen Verlust als sehr groß, was mich sehr traurig stimmte.
Wenn ich mich entspannen oder beruhigen wollte, machte ich es mir, mit meinem Schnuller im Mund, auf einer roten, kleinen Couch bequem, die in der großen Küche neben dem Kühlschrank stand, direkt beim Heizkörper. Wie es damals für viele deutsche Hausfrauen üblich war, hörte meine Mutter jeden Tag während des Kochens das Wunschkonzert des Süddeutschen Rundfunks von elf bis zwölf Uhr. Begeistert versuchte ich, die Lieder mitzusingen, wobei ich mich natürlich auch rhythmisch dazu bewegte. So hüpfte, schaukelte und schunkelte ich auf dieser roten Couch, dass meine Haare senkrecht nach oben wedelten. Als es einmal zu wild zuging, rutschte ich mit meiner rechten Hand vom Sofa ab, das an dieser Seite keine Lehne hatte. Ich stürzte kopfüber in den Rippenheizkörper. Es war passiert: eine stark blutende Wunde, Loch im Kopf, Ausnahmezustand im Haus! So dramatisch es auch ausgesehen hatte, war diese Verletzung im Krankenhaus gut behandelt, schnell verheilt und bald bedeutungslos geworden. Zurückgeblieben ist allerdings eine anderthalb Zentimeter lange Narbe, auf der keine Haare mehr wachsen.
Das erste Kindergartenjahr war nicht sehr angenehm, weil eine Ordensschwester die Leitung hatte, die nicht sehr viel von moderner Pädagogik verstand. Sie hatte dem Gerechtigkeitssinn der Kinder nicht ausreichend Genüge getan. Ich kann mich an eine Situation erinnern, in der ich mich ungerecht bestraft fühlte. Nachdem ein Kindergartenkind mir mein gemaltes Bild weggenommen hatte, wehrte ich mich mit den Worten: „Du blöde Sau.“ Dafür wurde ich eine Zeit lang in die Ecke gestellt. Es wurde nämlich gepetzt. Dadurch wurde mein Zorn nur noch größer. Die Nonne hatte weder verstanden, worum es wirklich ging, noch für Klärung gesorgt. Was für eine ungerechte Welt!
Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil es manchmal sehr langweilig im Kindergarten war, empfand ich den Besuch dessen oftmals wie einen Zwang. An einem Morgen war die Abneigung, in den Kindergarten zu gehen, so groß, dass ich meine Mutter bat, zu Hause bleiben zu dürfen. Diese Bitte wurde natürlich nicht gewährt, da es für meine Mutter äußerst wichtig war, eine Regelmäßigkeit in meinem Leben zu etablieren, unabhängig von meinem Gemütszustand. Außerdem war es sowieso schwierig, sich gegen den Willen meiner Mutter durchzusetzen. Wie konnte ich dennoch zu meinem Ziel kommen? Ideen und Lösungen hatte ich schon immer parat. Das ist ein Charakterzug, den ich von meinem Vater vererbt bekam. So beschloss ich einfach, mich in Nachbars Garten zwischen Büschen zu verstecken. Dort wollte ich warten, bis der Kindergarten aus war. Ich setzte mich auf meine leichte Sommerjacke ins kühle Gras, umgeben von einem pflanzlichen Sichtschutz. Es fühlte sich sehr unangenehm an, in diesem schattigen Versteck auszuharren. Auch durfte ich mich nicht bemerkbar machen, um nicht entdeckt zu werden. Nach ein paar Minuten gähnender Langeweile, die dann doch unerträglich wurde, sah ich mich gezwungen, meinen Weg in den Kindergarten fortzusetzen. Vielleicht konnte ich dem Programm dort ja noch etwas Spaß abgewinnen.
Der Gang zum Kindergarten führte an einer langen Ligusterhecke vorbei. Der Geruch der Ligusterblüten im Frühling lässt in mir bis heute Erinnerungen und Gefühle an diese Zeit hochsteigen. Viele Jahre waren es beklemmende Gefühle.
Etwas Finsteres begann damals in meiner Seele zu wachsen.
Inzwischen ist mir durch den Frieden Gottes in dieser Herzensregion Heilung widerfahren. Nun verursacht der Duft von Ligusterblüten keine negativen Empfindungen mehr in mir.
Zur täglichen Beschäftigung im Kindergarten gehörte das Malen von Bildern. Ich zeichnete fast immer das gleiche Motiv: ein Haus mit Garten, Blume, Baum, Schmetterling, Wolken, Sonne, Vogel, Menschen. Das Dach des Hauses war mit einem rauchenden Schornstein versehen. Ich erinnere mich noch an den Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal diesen Schornstein nicht mehr im rechten Winkel zum Dach zeichnete, sondern senkrecht. In meiner Wahrnehmung und Intelligenz schien sich etwas verändert zu haben. Das Bewusstsein in Bezug auf etwas anderes hatte sich kurze Zeit später ebenfalls verändert. Bis dahin glaubte ich immer, wenn es regnet oder die Sonne scheint, dass dies auf der ganzen Welt so sei. Mein Weltbild kam ins Wanken, als ich erkannte, dass anderswo auf der Erde, selbst wenn es nur fünf Kilometer entfernt war, ein anderes Wetter herrschen könnte als bei uns. Diese Erkenntnis verunsicherte mich sehr. Ein Stück Geborgenheit ging mir verloren.
Eine andere Erinnerung in dieser Phase war die Angst vor bösen Geistern unterm Bett. Ich glaubte, dass ich von ihnen unters Bett in die Finsternis gezogen werden würde, sobald ich schlafen ginge. Deshalb hatte ich über Wochen die Angewohnheit, von der Zimmertür ab, rennend, dann mit einem weiten Sprung, ins Bett zu hüpfen, damit die Geister meine Füße nicht schnappen konnten. Was für ein Stress! Es kostete mich sehr viel Überwindung, diese sportliche Aktion jeden Abend zu vollziehen. Ich war herausgefordert, die Angst zu besiegen und einer großen Gefahr zu entkommen. Meine Mutter versuchte mir diese Fantasie auszureden, indem sie zu mir sagte: „Es gibt keine Geister.“
Jahrzehnte später musste ich erkennen, dass dies nicht stimmte.
Über Monate hatte ich als Kindergartenkind zudem schreckliche Alpträume. Ich träumte, von einem bösen Wolf verfolgt zu werden, der mich fressen wollte. Diesem Monster konnte ich jedes Mal nur knapp entkommen. In einem anderen Traum befand ich mich in einer finsteren Höhle. Ich wurde in dieser Dunkelheit von mehreren Teufeln angegriffen. Jedoch war da auch eine gute Person, die mich beschützte.
Mein leidenschaftliches Hobby war damals das Schaukeln. Der Sitzrahmen der Schaukel bestand aus bunten Querstreben, die aus Holz gefertigt waren. Die Sitzfläche war mit Hanfseilen an der Betondecke des Balkons befestigt. Ich konnte über die Länge des Balkons schaukeln, während ich den Anblick unseres Birkenbaumes genoss. Dabei sang ich Lieder, die ich im Kindergarten oder in der Kinderkirche gelernt hatte. Das löste fantastische Gefühle in mir aus. Es wurde mir auf diese Weise nicht langweilig. Stundenlang beschallte ich die Nachbarschaft. Ich wünschte mir in diesen Momenten, die Zeit würde stehen bleiben. Auch überredete ich meine Schwester des Öfteren, in die Schaukel zu klettern. Während sie auf der Sitzfläche saß, stand ich auf deren hinteren Ecken und hielt mich an den Seilen fest. Die Schaukel wurde von mir dann so stark angestoßen, dass meine Schwester sich beinahe an der Decke anschlug, weshalb Carola oft bleich vor Stress wurde. Doch was für einen Spaß hatte ich dabei! Für mich konnte es nie wild genug sein.
Auf dem Balkon vernahm ich eines Tages einen schönen Trompetenklang. Schnell war er entdeckt, der etwas ältere Herr in einem grauen Anzug, der an der Straßenkreuzung stand, ungefähr dreißig Meter entfernt von unserem Haus. Er blies die bezauberndsten Melodien. Irgendwie hatten die Musikstücke etwas Melancholisches. Sie stimmten mich traurig. Ich bekam den Impuls, diesem Mann zwanzig Pfennig zu bringen, die sich noch in meinem kleinen Geldbeutel befanden. Leider brachte ich den Mut für diesen Plan nicht auf. Meine Schüchternheit hielt mich davon ab. Sehr lange bereute ich das noch.
Vergnügen bereitete mir das Kämpfen mit meinem Bruder. Ihn zu besiegen, war mein Ziel. Nach unzähligen Niederlagen wusste ich, dass dies ein hoffnungsloses Unterfangen war, doch trotzdem versuchte ich es immer wieder. So wie das Tier Vielfraß, das sich mit weitaus stärkeren Gegnern wie Bären anlegt und dann oft den Kürzeren zieht. So scheute auch ich es nicht, mich mit Stärkeren anzulegen. Vielleicht identifizierte ich mich mit David, der gegen Goliath kämpfte. Ich wollte einfach das Unmögliche möglich machen. Ich liebte dieses Kribbeln, diese Spannung, die Energie, die ich dabei fühlte. Es war auch Kreativität erlaubt. Also überredete ich meine Schwester, beim Kämpfen mitzumachen. Doch selbst zu zweit konnten wir unseren Bruder nicht überwältigen. Irgendwann hatte er dann keine Lust mehr auf diese Aktionen.
Als ich fünf Jahre alt war, erlebte ich ein Trauma. Ein Vertrauensarzt meiner Mutter kümmerte sich darum, dass sie eine vierwöchige Kur in einem Müttergenesungswerk machen konnte. Sie war nämlich durch den Hausbau und andere Umstände nervlich ziemlich angegriffen. Wir Kinder mussten nun irgendwo untergebracht werden. Meine Schwester und mein Bruder lebten während der Auszeit meiner Mutter bei Verwandten. Ich wurde in ein Erholungsheim geschickt, über zweihundert Kilometer entfernt von zu Hause. Dieses Heim war von Nonnen geführt. Instinktiv spürte ich, dass auch dort die Pädagogik zu wünschen übrig lassen würde, wie in meinem ersten Kindergartenjahr. Ein tiefes Gefühl von Verlorenheit machte sich in mir breit, war ich doch emotional nicht reif genug, um für so lange Zeit aus meiner sicheren Umgebung herausgerissen sein zu können! Zu allem Unglück musste ich mich gegen viel ältere Kinder behaupten. Von den Nonnen wurde ich gezwungen, Quittengelee zu essen, was für mich sehr eklig war. Als an einem Morgen das Quittengelee, kurz nach dem Verspeisen, von mir wieder erbrochen wurde, folgte eine Bestrafung. Ich sollte das Waschbecken selber sauber machen, auch bekam ich einen Tag lang Hausarrest. Bei meinen Erinnerungen an diese Zeit im Erholungsheim finde ich nichts Schönes. Ich fühlte mich von Anfang bis Ende in dieser Einrichtung unwohl, ganz und gar fehl am Platz. Der krönende Abschluss dieser Leidenszeit war die Nachricht von meiner Mutter, dass unsere geliebte Oma in unserer Abwesenheit gestorben war. Das teilte sie mir auf der Zugfahrt nach Hause mit.
...
In einer Welt, die von Herausforderungen, Verlust und Ungewissheit geprägt ist, gibt es eine tiefere Wahrheit, die uns durch alle Stürme hindurchträgt: die bedingungslose Liebe Gottes und die unerschütterliche Hoffnung, die er uns schenkt. Die Reise, die in diesem Buch beschrieben wird, ist eine Geschichte von Schmerz und Heilung, von Verlust und Wiederherstellung, von den vielen Wegen, die Gott führt, um uns zu dem zu machen, wofür er uns geschaffen hat.
Diese Erzählung ist mehr als nur die Chronik eines Lebens, das von tragischen Wendepunkten und überwältigenden Herausforderungen geprägt ist. Sie ist ein Zeugnis davon, dass auch in den dunkelsten Momenten des Lebens die Gnade Gottes wirksam ist – dass er uns niemals allein lässt und uns zu größerer Tiefe und größerer Stärke führt. Die Autorin hat durch ihre eigene Reise hindurch erfahren, wie Gott sie in ihrer Schwäche stärkt und wie er sie aus den tiefsten Tälern ihres Lebens immer wieder emporhebt.
Das vorliegende Buch ist nicht nur die Erzählung eines persönlichen Lebensweges, sondern auch eine Einladung, den Glauben an einen treuen und liebevollen Gott zu erneuern. Es lädt ein, in die Erkenntnis einzutauchen, dass Gott uns nicht nur in unseren Stürmen begleitet, sondern uns auch zu einem tieferen Verständnis seiner Liebe und seines Plans für unser Leben führt.
Wir sind alle auf einer Reise, und wie die Autorin erfahren hat, führt uns diese Reise oft an Orte, die wir uns nie hätten vorstellen können – Orte der Heilung, der Transformation und des Glaubens. Was als eine Herausforderung begann, wurde schließlich zu einer Quelle von tiefer Freude und Frieden. Diese Biografie ist eine Erinnerung daran, dass Gott unsere Grenzen erweitern möchte und dass er uns zu einem Leben berufen hat, das weit über das hinausgeht, was wir uns je hätten träumen lassen.
Möge dieses Buch auch für Sie eine Quelle der Ermutigung und des Glaubens sein, dass auch Sie die Hand Gottes erfahren können, die Sie trägt, aufrichtet und Sie zu einem Leben führt, das in seiner Herrlichkeit und Liebe strahlt.
N. N.
Einleitung
Wie wahr ist meine Wirklichkeit?
Wie lebendig lebe ich Leben?
Das sind die ersten zwei Zeilen eines Gedichtes, das ich im Alter von vierundfünfzig Jahren schrieb. Diese Fragen stellte ich mir im Leben auf der Suche nach Wahrheit, Sinn, Bestimmung und Lebendigkeit.
Irgendwann erkannte ich, dass unsere irdische Wirklichkeit im Hier und Jetzt die Plattform für Entscheidungen ist, die Tragweite haben. Sie ist zudem eine Zeit, in der geistliche Prinzipien zur Geltung kommen sollen, ein Übungsfeld zum Überwinden, ein Übergang – wie ein Geburtskanal – in die eigentliche, ewige Wirklichkeit.
In der Bibel steht: „Ich nehme heute Himmel und Erde gegen euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt; so wähle nun das Leben, damit du lebst, du und dein Same“ (5. Mose 30,19 Schlachter 2000).
Aber was für ein Leben ist gemeint? Ein normales, gewöhnliches, gemütliches, sorgenfreies, langweiliges, beschwerliches oder bedrücktes Leben? Nein! Es sollte sprühen vor Energie, vor Lebendigkeit, Begeisterung, Kreativität und Kraft. Ein Leben in Freiheit, in der Bestimmung. Wünscht sich das nicht jeder? Ist das erreichbar oder nur ein frommer Wahn?
Mit dem Tod oft konfrontiert und selbst am Abgrund stehend, geschah in meinem Leben dieses Wunder. Trotz Verzagtheit, in mutlose oder verzweifelte Gedanken abdriftend, entschied ich mich immer wieder für das Leben. Ich erlebte, wie das Gesetz von Saat und Ernte wirkte. Dieses Gesetz gilt nicht nur in der Landwirtschaft. Denn auch jedes Wort, jede Tat, jede Entscheidung bringen eine Frucht hervor, gut oder böse, Leben spendend oder zerstörerisch. Durch unser Sprechen, durch unsere Aussagen, durch unsere Bekenntnisse gestalten wir die eigene Zukunft. Dies wurde mir 2011 erst so richtig bewusst, obwohl dieses Prinzip mein Leben lang schon wirksam war.
Dann war da noch das Thema ‚Kampf‘. Wie anstrengend und ätzend, dachte ich lange, da ich mich meistens überfordert fühlte. Doch diesbezüglich erlebte ich ebenfalls eine Veränderung. Gott schenkte mir immer mehr Spaß am Überwinden und Kämpfen. Auch die Art des Kämpfens änderte sich. Ich empfand eine tiefe Freude, als ich mit Jesu Hilfe von Sieg zu Sieg ging. Ein Abenteuer hatte begonnen!
Teil 1 beginnt ganz unspektakulär, nimmt langsam Fahrt auf und gipfelt in einer dramatischen Krise. Die Darstellung meiner Kindheit und Jugend ist wichtig, um das Bild zu komplettieren. Sie macht verständlich, durch welche Erfahrungen mein Glaube so geprägt wurde, dass er mich in schweren Stunden durchtragen konnte. Des Weiteren gibt sie etwas Einblick in meinen Charakter, der meinen Lebensweg beeinflusste.
Die Biografie ist aus meiner persönlichen Wahrnehmungsperspektive geschildert. Sie befasst sich hauptsächlich mit dem Umgang und der Lösung von eigenen Konflikten. Es war nicht meine Absicht, die inneren Kämpfe anderer Akteure ausführlich zu beleuchten. Das findet nur in dem Maße statt, wie es zum Verständnis des gesamten Geschehens nötig ist. Auch war es nicht mein Anliegen, meine Ehe mit allen Auseinandersetzungen, die in ihr stattfanden, zu analysieren und zu reflektieren. Das würde ein weiteres Buch füllen. Die Intention dieses Buches ist, Gott zu rühmen und seine Taten bekannt zu machen, indem ich über viele Gebetserhörungen berichte, über seine großartige Führung, über von ihm gewirkte seelische Heilung, die ich erfuhr. Ihm allein gebührt die Ehre!
Die Namen der Akteure wurden alle geändert, außer der Name meines Sohnes Marian.
Die mit * versehenen Begriffe und Wörter werden in den Worterklärungen erläutert.
Alles, was mit # markiert wurde, ist im Anhang beigefügt.
Teil 2 beginnt mit meinem Familienabenteuer, in dem ich immer noch stecke. Aber ich will nicht zu viel verraten. Seien Sie beim Lesen gesegnet!
Teil 1
Bekehrung
Wie alles anfing? Es begann mit dem Geschenk einer Geburt.
Am 13. Februar 1963 erblickte das winzige Menschenkindlein, Katharina, das Licht der Welt. Zur großen Freude der Eltern war es ein Mädchen geworden, wo doch das erstgeborene Kind ein Junge war. Das Familienglück war perfekt. Das frisch geborene Baby wurde gehegt und gepflegt. Mit wachen, lebensfrohen, sehnsüchtigen Augen erkundete es die Welt. Wie ein Püppchen wurde Katharina für den Fotografen gestylt, der mit zahlreichen Bildern die lustigen Posen, Mimiken und Gesten jeder Art auffangen konnte. Wie lebendig, ebenso ausdrucksstark diese Porträts doch sind!
Die Familienplanung war abgeschlossen. Aber Gott hatte andere Gedanken. Diese Katharina muss noch eine Weggefährtin bekommen. So wurde anderthalb Jahre später ein bezauberndes Mädchen geboren: meine Schwester Carola. Diese Schwester ist eine ganz wichtige Person in meinem Leben. Und oh, welch Mysterium, sie war, wie jeder Mensch, vor der Erschaffung der Welt von Gott geplant. Für mich war es wichtig, einen Spielkameraden zu haben, wo doch mein Hauptcharakterzug darin besteht, Geselligkeit zu lieben. „Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18a Schlachter 2000). Dieses Wort war wohl schon von Anfang an in mich hineingepflanzt. Es brachte eine starke Sehnsucht nach zuverlässiger Gemeinschaft und einem makellosen Zuhause hervor. So genoss ich es, diese schwesterliche Begleiterin um mich herumzuhaben. Mein Bruder, der sechs Jahre älter als ich ist, hatte an meiner Art zu spielen kein Interesse mehr, deshalb hatten wir schon als Kinder wenig Gemeinschaft miteinander. Die Prägung eines starken Verantwortungsgefühls war ein Nebeneffekt dieser Schwesternschaft. Ob im Kindergarten oder zu Hause, ich übernahm die Verantwortung für Carola.
Auch anderes wurde mir, vielleicht zu früh, zugemutet. Ich war dreieinhalb Jahre alt, als man mich mit einer Einkaufstasche, mit Einkaufszettel und Geld zum zwei Parallelstraßen weiter gelegenen Lebensmittelladen schickte. Dort erledigte die Verkäuferin den Einkauf, indem sie die Lebensmittel und das Rückgeld in die Tasche packte. Danach trat ich meinen Heimweg wieder an. Damals waren noch wenige Autos unterwegs, so war es verkehrstechnisch kein Risiko, ein kleines Mädchen allein zu Fuß diese Entfernung bewältigen zu lassen. Doch ich hatte nicht immer gute Gefühle dabei. War es die Sehnsucht, die mich bedrückte, oder eine innere Ahnung, dass irgendetwas verloren gegangen war? Oder war die mir gestellte Aufgabe einfach nur zu viel für mich?
In dieser Zeit spielte ich oft mit meinem inniglich geliebten Lieblingspudel. Er war einen Zentimeter im Durchmesser, aus gelbem Hartplastik, das glitzerte wie eine Perle. Aus irgendeinem Grund hatte ich mich in den Pudel verliebt. Vielleicht, weil er so winzig war. Oder weckte er einfach nur den Beschützer- und Mutterinstinkt in mir? Irgendwann war dann dieser Pudel verschwunden, verschenkt oder verloren. Im Endeffekt war es aber egal, wie er mir abhandengekommen war. Mein sensibles Herz empfand diesen Verlust als sehr groß, was mich sehr traurig stimmte.
Wenn ich mich entspannen oder beruhigen wollte, machte ich es mir, mit meinem Schnuller im Mund, auf einer roten, kleinen Couch bequem, die in der großen Küche neben dem Kühlschrank stand, direkt beim Heizkörper. Wie es damals für viele deutsche Hausfrauen üblich war, hörte meine Mutter jeden Tag während des Kochens das Wunschkonzert des Süddeutschen Rundfunks von elf bis zwölf Uhr. Begeistert versuchte ich, die Lieder mitzusingen, wobei ich mich natürlich auch rhythmisch dazu bewegte. So hüpfte, schaukelte und schunkelte ich auf dieser roten Couch, dass meine Haare senkrecht nach oben wedelten. Als es einmal zu wild zuging, rutschte ich mit meiner rechten Hand vom Sofa ab, das an dieser Seite keine Lehne hatte. Ich stürzte kopfüber in den Rippenheizkörper. Es war passiert: eine stark blutende Wunde, Loch im Kopf, Ausnahmezustand im Haus! So dramatisch es auch ausgesehen hatte, war diese Verletzung im Krankenhaus gut behandelt, schnell verheilt und bald bedeutungslos geworden. Zurückgeblieben ist allerdings eine anderthalb Zentimeter lange Narbe, auf der keine Haare mehr wachsen.
Das erste Kindergartenjahr war nicht sehr angenehm, weil eine Ordensschwester die Leitung hatte, die nicht sehr viel von moderner Pädagogik verstand. Sie hatte dem Gerechtigkeitssinn der Kinder nicht ausreichend Genüge getan. Ich kann mich an eine Situation erinnern, in der ich mich ungerecht bestraft fühlte. Nachdem ein Kindergartenkind mir mein gemaltes Bild weggenommen hatte, wehrte ich mich mit den Worten: „Du blöde Sau.“ Dafür wurde ich eine Zeit lang in die Ecke gestellt. Es wurde nämlich gepetzt. Dadurch wurde mein Zorn nur noch größer. Die Nonne hatte weder verstanden, worum es wirklich ging, noch für Klärung gesorgt. Was für eine ungerechte Welt!
Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil es manchmal sehr langweilig im Kindergarten war, empfand ich den Besuch dessen oftmals wie einen Zwang. An einem Morgen war die Abneigung, in den Kindergarten zu gehen, so groß, dass ich meine Mutter bat, zu Hause bleiben zu dürfen. Diese Bitte wurde natürlich nicht gewährt, da es für meine Mutter äußerst wichtig war, eine Regelmäßigkeit in meinem Leben zu etablieren, unabhängig von meinem Gemütszustand. Außerdem war es sowieso schwierig, sich gegen den Willen meiner Mutter durchzusetzen. Wie konnte ich dennoch zu meinem Ziel kommen? Ideen und Lösungen hatte ich schon immer parat. Das ist ein Charakterzug, den ich von meinem Vater vererbt bekam. So beschloss ich einfach, mich in Nachbars Garten zwischen Büschen zu verstecken. Dort wollte ich warten, bis der Kindergarten aus war. Ich setzte mich auf meine leichte Sommerjacke ins kühle Gras, umgeben von einem pflanzlichen Sichtschutz. Es fühlte sich sehr unangenehm an, in diesem schattigen Versteck auszuharren. Auch durfte ich mich nicht bemerkbar machen, um nicht entdeckt zu werden. Nach ein paar Minuten gähnender Langeweile, die dann doch unerträglich wurde, sah ich mich gezwungen, meinen Weg in den Kindergarten fortzusetzen. Vielleicht konnte ich dem Programm dort ja noch etwas Spaß abgewinnen.
Der Gang zum Kindergarten führte an einer langen Ligusterhecke vorbei. Der Geruch der Ligusterblüten im Frühling lässt in mir bis heute Erinnerungen und Gefühle an diese Zeit hochsteigen. Viele Jahre waren es beklemmende Gefühle.
Etwas Finsteres begann damals in meiner Seele zu wachsen.
Inzwischen ist mir durch den Frieden Gottes in dieser Herzensregion Heilung widerfahren. Nun verursacht der Duft von Ligusterblüten keine negativen Empfindungen mehr in mir.
Zur täglichen Beschäftigung im Kindergarten gehörte das Malen von Bildern. Ich zeichnete fast immer das gleiche Motiv: ein Haus mit Garten, Blume, Baum, Schmetterling, Wolken, Sonne, Vogel, Menschen. Das Dach des Hauses war mit einem rauchenden Schornstein versehen. Ich erinnere mich noch an den Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal diesen Schornstein nicht mehr im rechten Winkel zum Dach zeichnete, sondern senkrecht. In meiner Wahrnehmung und Intelligenz schien sich etwas verändert zu haben. Das Bewusstsein in Bezug auf etwas anderes hatte sich kurze Zeit später ebenfalls verändert. Bis dahin glaubte ich immer, wenn es regnet oder die Sonne scheint, dass dies auf der ganzen Welt so sei. Mein Weltbild kam ins Wanken, als ich erkannte, dass anderswo auf der Erde, selbst wenn es nur fünf Kilometer entfernt war, ein anderes Wetter herrschen könnte als bei uns. Diese Erkenntnis verunsicherte mich sehr. Ein Stück Geborgenheit ging mir verloren.
Eine andere Erinnerung in dieser Phase war die Angst vor bösen Geistern unterm Bett. Ich glaubte, dass ich von ihnen unters Bett in die Finsternis gezogen werden würde, sobald ich schlafen ginge. Deshalb hatte ich über Wochen die Angewohnheit, von der Zimmertür ab, rennend, dann mit einem weiten Sprung, ins Bett zu hüpfen, damit die Geister meine Füße nicht schnappen konnten. Was für ein Stress! Es kostete mich sehr viel Überwindung, diese sportliche Aktion jeden Abend zu vollziehen. Ich war herausgefordert, die Angst zu besiegen und einer großen Gefahr zu entkommen. Meine Mutter versuchte mir diese Fantasie auszureden, indem sie zu mir sagte: „Es gibt keine Geister.“
Jahrzehnte später musste ich erkennen, dass dies nicht stimmte.
Über Monate hatte ich als Kindergartenkind zudem schreckliche Alpträume. Ich träumte, von einem bösen Wolf verfolgt zu werden, der mich fressen wollte. Diesem Monster konnte ich jedes Mal nur knapp entkommen. In einem anderen Traum befand ich mich in einer finsteren Höhle. Ich wurde in dieser Dunkelheit von mehreren Teufeln angegriffen. Jedoch war da auch eine gute Person, die mich beschützte.
Mein leidenschaftliches Hobby war damals das Schaukeln. Der Sitzrahmen der Schaukel bestand aus bunten Querstreben, die aus Holz gefertigt waren. Die Sitzfläche war mit Hanfseilen an der Betondecke des Balkons befestigt. Ich konnte über die Länge des Balkons schaukeln, während ich den Anblick unseres Birkenbaumes genoss. Dabei sang ich Lieder, die ich im Kindergarten oder in der Kinderkirche gelernt hatte. Das löste fantastische Gefühle in mir aus. Es wurde mir auf diese Weise nicht langweilig. Stundenlang beschallte ich die Nachbarschaft. Ich wünschte mir in diesen Momenten, die Zeit würde stehen bleiben. Auch überredete ich meine Schwester des Öfteren, in die Schaukel zu klettern. Während sie auf der Sitzfläche saß, stand ich auf deren hinteren Ecken und hielt mich an den Seilen fest. Die Schaukel wurde von mir dann so stark angestoßen, dass meine Schwester sich beinahe an der Decke anschlug, weshalb Carola oft bleich vor Stress wurde. Doch was für einen Spaß hatte ich dabei! Für mich konnte es nie wild genug sein.
Auf dem Balkon vernahm ich eines Tages einen schönen Trompetenklang. Schnell war er entdeckt, der etwas ältere Herr in einem grauen Anzug, der an der Straßenkreuzung stand, ungefähr dreißig Meter entfernt von unserem Haus. Er blies die bezauberndsten Melodien. Irgendwie hatten die Musikstücke etwas Melancholisches. Sie stimmten mich traurig. Ich bekam den Impuls, diesem Mann zwanzig Pfennig zu bringen, die sich noch in meinem kleinen Geldbeutel befanden. Leider brachte ich den Mut für diesen Plan nicht auf. Meine Schüchternheit hielt mich davon ab. Sehr lange bereute ich das noch.
Vergnügen bereitete mir das Kämpfen mit meinem Bruder. Ihn zu besiegen, war mein Ziel. Nach unzähligen Niederlagen wusste ich, dass dies ein hoffnungsloses Unterfangen war, doch trotzdem versuchte ich es immer wieder. So wie das Tier Vielfraß, das sich mit weitaus stärkeren Gegnern wie Bären anlegt und dann oft den Kürzeren zieht. So scheute auch ich es nicht, mich mit Stärkeren anzulegen. Vielleicht identifizierte ich mich mit David, der gegen Goliath kämpfte. Ich wollte einfach das Unmögliche möglich machen. Ich liebte dieses Kribbeln, diese Spannung, die Energie, die ich dabei fühlte. Es war auch Kreativität erlaubt. Also überredete ich meine Schwester, beim Kämpfen mitzumachen. Doch selbst zu zweit konnten wir unseren Bruder nicht überwältigen. Irgendwann hatte er dann keine Lust mehr auf diese Aktionen.
Als ich fünf Jahre alt war, erlebte ich ein Trauma. Ein Vertrauensarzt meiner Mutter kümmerte sich darum, dass sie eine vierwöchige Kur in einem Müttergenesungswerk machen konnte. Sie war nämlich durch den Hausbau und andere Umstände nervlich ziemlich angegriffen. Wir Kinder mussten nun irgendwo untergebracht werden. Meine Schwester und mein Bruder lebten während der Auszeit meiner Mutter bei Verwandten. Ich wurde in ein Erholungsheim geschickt, über zweihundert Kilometer entfernt von zu Hause. Dieses Heim war von Nonnen geführt. Instinktiv spürte ich, dass auch dort die Pädagogik zu wünschen übrig lassen würde, wie in meinem ersten Kindergartenjahr. Ein tiefes Gefühl von Verlorenheit machte sich in mir breit, war ich doch emotional nicht reif genug, um für so lange Zeit aus meiner sicheren Umgebung herausgerissen sein zu können! Zu allem Unglück musste ich mich gegen viel ältere Kinder behaupten. Von den Nonnen wurde ich gezwungen, Quittengelee zu essen, was für mich sehr eklig war. Als an einem Morgen das Quittengelee, kurz nach dem Verspeisen, von mir wieder erbrochen wurde, folgte eine Bestrafung. Ich sollte das Waschbecken selber sauber machen, auch bekam ich einen Tag lang Hausarrest. Bei meinen Erinnerungen an diese Zeit im Erholungsheim finde ich nichts Schönes. Ich fühlte mich von Anfang bis Ende in dieser Einrichtung unwohl, ganz und gar fehl am Platz. Der krönende Abschluss dieser Leidenszeit war die Nachricht von meiner Mutter, dass unsere geliebte Oma in unserer Abwesenheit gestorben war. Das teilte sie mir auf der Zugfahrt nach Hause mit.
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