Ein Rückblick auf Jahre der Erinnerung

Ein Rückblick auf Jahre der Erinnerung

Johann Plankenbüchler


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 216
ISBN: 978-3-99131-428-8
Erscheinungsdatum: 30.06.2022
Heute wählen wir bei einem Notfall 144 und werden schon telefonisch hochprofessionell betreut, aber das war nicht immer so. Das Rettungswesen entwickelte sich über viele Jahre hinweg, bis das Rote Kreuz schließlich seine heutige Form annahm.
Vorwort

Sechzig Jahre ist das Wiener Rote Kreuz nun alt.
Sechzig Jahre …

„… und kein bisschen weise, aus gehabtem Schaden nichts gelernt“, sang Curd Jürgens vor knapp fünfzig Jahren. In seinem Leben sei nicht alles nach Plan gelaufen, er habe den einen oder anderen Kratzer abgekriegt, und Reife hätte nichts mit Falten zu tun, singt er.

Natürlich hat es in dieser Zeit auch ein paar Kratzer und Schrammen abbekommen, aber insgesamt hat es sich großartig entwickelt.

Vor uns liegt die Geschichte des Wiener Roten Kreuzes erzählt von einem der Gründungsmitglieder, jemandem der im Juni 1961 dabei gewesen war.

Johann Plankenbüchler hat nicht nur viele Verdienste für das Wiener Rote Kreuz geleistet, sondern hat seine Erinnerungen nun auch aufgeschrieben. Es sind berührende Erinnerungen an bewegte Zeiten. Ein Leistungsdokument der Rot-Kreuz Familie.

Immer wieder gibt und gab es im Laufe dieser 60 Jahre junge, engagierte Mitarbeiter*innen, die anderen Menschen helfen wollen. Ob im Rettungs-, Ambulanz- oder Katastrophenhilfsdienst, in der Wohnungslosenhilfe, bei den Freiwilligen Sozialen Diensten, im Bereich Pflege und Betreuung, in der Jugendarbeit oder in der Ausbildung.

Wir freuen uns über jede*n Einzelne*n, die*der uns und damit die Bevölkerung in Wien unterstützt.

Wenn jemand Hilfe braucht, sind wir da, für alle Menschen!

Ich danke Hans Plankenbüchler für seine aus Liebe zum Menschen geleistete Lebensarbeit und wünsche ihm, seiner Familie, der großen Wiener Rotkreuz-Gemeinschaft und allen in Wien Lebenden eine friedvolle und harmonische Zukunft.

Präsidentin
Dr. Gabriele Domschitz
Österreichisches Rotes Kreuz, Landesverband Wien



Wie alles begann

Der Beginn des Rettungswesens

Menschen haben einander immer schon geholfen. Die Hilfe entwickelte sich von einem primitiven zu einem organisierten System. In Österreich, speziell in Wien, finden sich erste Spuren eines organisierten Rettungssystems unter Kaiserin Maria Theresia und ihrem Leibarzt sowie Berater Gerard van Swieten. Ein kaiserliches Patent vom 1. Juli 1769 gab allgemeine Belehrungen – wie es damals hieß – bekannt, um ertrunken oder erstickt scheinende Personen am Leben zu erhalten. Leider wurden die Helfenden dann von den Behörden derart in die Mangel genommen, dass niemand mehr gewillt war zu helfen. Denn die Helfenden mussten sich dafür verantworten, wenn keine Hilfe mehr möglich war, oder versucht wurde Scheintote mit Herz-Kreislaufstillstand lebendig zu begraben (vergl. Manuela Brodinger, 2014, S. 3).
Unter Kaiser Josef II (1741-1790) wurden Erste-Hilfe-Schriften verfasst, diese konnten jedoch nur wenige lesen, da es viel Analphabeten gab.
Unter Kaiser Franz II wurden für lebensrettende Hilfsmaßnahmen Prämien in der Höhe von 25 Gulden ausgesetzt. Grundsätzlich ist in dieser Zeit jedoch zwischen Ärzten und Wundärzten zu unterscheiden: Nach der Ausbildung zum Bader – also zum Heilgehilfen –, die in Wien bereits um 1370 über eine eigene Zeche (mittelalterliche Zunft, vergl. 1873- Bremisches Urkundenbuch Diedrich Rudolf; Bippen Wilhelm; Entholt Herman; Hofmeister Adolf,: Müller S.15) verfügten, konnten sich diese zu Wundärzten ausbilden lassen. Nach der Gesellenprüfung waren sie befähigt, Verletzungen und äußere Krankheiten zu behandeln und operative Eingriffe vorzunehmen. Die Behandlungen innerer Krankheiten, wie z. B. Diagnosen, Medikamentenverordnungen, oder Therapien, waren den akademisch ausgebildeten Ärzten vorbehalten.
Die Wiener Zeitung veröffentlichte im Amtsblatt vom 15. Juni, 9. Juli und 13. Juli 1803 ein k. u. k. Rundschreiben mit folgendem Inhalt:

„Ärzte und Wundärzte müssen im Rettungsgeschäft unterrichtet sein. Die Professoren der Arznei und Wundarznei werden angewiesen, von nun an über diesen wichtigen Gegenstand insbesondere jährlich einige Vorlesungen zu halten, und bei den Prüfungen keinen Arzt oder Wundarzt zu approbieren, welcher nicht hierin eine vollkommene Kenntnis hat.
Die Wundärzte haben den besonderen Auftrag erhalten, ihre Lehrlinge und Gesellen in dem Rettungsgeschäft zu unterrichten und öfters in Erste-Hilfe zu üben.“ (vgl. Amtsblatt der Wiener Zeitung vom 15.6., 9.7. und 13.7.1803)

Einen weiteren Meilenstein in der Wundversorgung erreichte Louis Pasteur. Er erkannte, dass Bakterien die Ursache von Gärung und der Zersetzung organischer Massen sind.
Durch die medizinischen Reformen Gerard van Swietens wurde die Chirurgie zu einem akademischen Fach, das an der 1754 gegründeten medizinisch-praktischen Lehranstalt unterrichtet wurde. Die chirurgische Klinik war von 1774 bis 1784 im mittelalterlichen Bürgerspital vor dem Kärntnertor untergebracht und dann im Allgemeinen Krankenhaus.


Baron Jaromir Mundy

Baron Jaromir Mundy war Mediziner und Gründer der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft deren Modell weltweit kopiert wurde und die sich später zur Wiener Berufsrettung, der heutigen Magistratsabteilung 70, entwickelte. Dank seiner technischen Begabung konzipierte er Hilfsmittel für eine humane Erstversorgung von Verwundeten. Als Militärarzt, der an diversen Kriegsschauplätzen tätig war, zeichnete er sich durch eine aufopfernde Hilfsbereitschaft an der Front aus, sorgte für die logistische Bereitstellung von Instrumenten, aktivierte Mithelfende, sicherte Erstversorgungen und organisierte Verwundetentransporte. Mundy setzte sich für eine Verbesserung der Verhältnisse auf den Schlachtfeldern des späten 19. Jahrhunderts ein, deren Rettungseinsätze meist schlecht organisiert waren. Der Chirurg Theodor Billroth, ein langjähriger Freund Mundys, bezeichnete diesen als einen der größten praktischen Humanisten seines Jahrhunderts. In seiner Funktion als General-Chefarzt des Malteser Ritterordens setzt sich Mundy ab 1875 unermüdlich für eine Reform des öffentlichen und Militärsanitätswesens und für die Gründung einer Ersten-Hilfe-Organisation in Wien ein.

Dieses Bestreben ging mit der Gründung der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft in Erfüllung.


Die Schlacht von Solferino

Am 24. Juni 1859 lernte Jaromir Mundy in der Schlacht bei Solferino, bei der es zu tausenden Toten und Verwundeten kam, den Schweizer Geschäftsmann, Schriftsteller und Menschenfreund aus Überzeugung Henry Dunant kennen. Henry Dunant (1828-1910) war im Juni 1859 als Privatmann und Schriftsteller in Solferino. Er hatte auch, neben der Schweizer Staatsbürgerschaft seit 1858 die französische Staatsbürgerschaft. Dunant verfasste unter dem Titel Das wiederhergestellte Kaiserreich Karls des Großen, oder das Heilige Römische Reich, erneuert durch Seine Majestät, den Kaiser Napoleon III. eine schmeichelhafte Lobschrift auf Napoleon III., i. (vergl. Czech, Textfragment.Diplomarbeit 2009, S 2.1.) geht davon aus, dass Dunant als Kaufmann Kaiser Napoleon treffen wollte, um Mühlengeschäfte in der französischen Kolonie Algerien zu besprechen. Er wurde Augenzeuge der blutigsten Schlacht und des größten Versagens der Verwundeten Fürsorge des 19. Jahrhunderts. Er sah wie Verwundete auf dem Schlachtfeld liegengelassen wurden und Plünderer durch die Reihen zogen, um die Hilflosen auszurauben. Aufgrund dessen fühlte er sich verpflichtet, sich für Menschenrechte im Krieg einzusetzen. Er verfasste die Genfer Konvention, die am 22. August 1864 zur Verbesserung der Lage von Kriegsgefangenen und Verwundeten beschlossen wurde. Im Februar 1863 gründete er das Internationale Rote Kreuz. Dunant erhielt am 10. Dezember 1901 den Friedensnobelpreis in der Höhe von 100.000 Franken. (Quelle: Kopie der Urkunde aus ca. 1901, unbekannter Photograph; Bildquelle: Schweizerisches Rotes Kreuz, © Archiv IKRK.)
Das Preisgeld wurde von einem norwegischen Treuhänder verwaltet, da Dunant hoch verschuldet war. (vergl. Czech Textfragment Diplomarbeit 2009 S/2.1) Sein Buch Erinnerungen an Solferino, erschienen 1862 in Genf, finanzierte Jean Henry Dunant aus eigenen Mitteln. Das Buch sollte europäische Herrscherhäuser, vor allem die Ehefrauen der Herrscher, von seiner humanistischen Idee überzeugen und ihr Gewissen wachrütteln.

Am 30. Oktober 1910 verstarb Henry Dunant im Alter von 82 Jahren, verarmt und vergessen im Altersasyl des Bezirkskrankenhauses in Heiden am Bodensee. Seine letzten Worte waren an Hermann Altherr, Arzt und einer der wenigen Vertrauenspersonen: „Ah que ca devient noir …“ („Ach wie wird es dunkel …“) Ein menschliches Schicksal. Heute wird Henry Dunant verehrt. (vgl. Betreuung von Henry Dunant,Wikipedia, aufgerufen 4.3.2022)


Der Ringtheater Brand

Bei einer Vorstellung von Jaques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen mit 1.760 Zuschauern kam es am 8. Dezember 1881 kurz vor Vorstellungsbeginn gegen dreiviertel sieben zu einem entsetzlichen Brand. Die Künstler konnten sich in letzter Minute über den Bühnenausgang in die Hessgasse retten. Im Zuschauerraum jedoch kam es zu Panik, Entsetzen und Tod.
Ein Mitglied des Theaters berichtete in der Wiener Tagespost, einer Beilage der Wiener Zeitung:

„Als ich noch halb angekleidet beim Schminken war, und das Zeichen für den Beginn der Vorstellung – fünf Minuten vor dreiviertel sieben Uhr – gegeben wurde, erklangen Schreckensrufe vom Bühneneingang her, der plötzlich in Flammen stand. Wie sich später herausstellte, war ein Theaterdiener mit der Soffittenbeleuchtung (Anm. d. Verfassers: Soffitten sind Teil der Dekoration, um den Eindruck eines geschlossenen Raums zu erreichen, die Beleuchtung erfolgte damals mit einer Spiritusflamme) zu nahe an den Schleiervorhang gekommen, der der Dekoration diente. Das Feuer züngelte in Windeseile den Vorhang bis zum Schnürboden (Anm. d. Verfassers: das ist die Zwischendecke im Theater oberhalb der Bühne, die auch als Seilboden bezeichnet wird. Oftmals befindet sich oberhalb des Schnürbodens eine weitere Ebene, der sogenannte Rollenboden, der eine einfachere Begehbarkeit des Schnürbodens gewährleisten soll) hinauf. In der Folge barst der Theatervorhang in der Mitte explosionsartig, das Feuer stob in den Zuschauerraum und die Gasflammen der Beleuchtung erloschen. Panik erfasste die Zuschauer und nach kurzer Zeit war das Theater ein Sterbehaus und eine Stätte des Grauens.“ (Wiener Zeitung vom 9. Dezember 1881, Nr. 280, Seite 1–2)

Landesgerichtspräsident Eduard Graf Lamezan (Mitbegründer der „Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft“) gelangte als Helfer mit den ersten Feuerwehrleuten in das Theaters und schilderte seine Eindrücke:

„Im vom Qualm erfüllten Foyer herrschte totale Finsternis. Wir sahen keine Menschen nur die Flammen, die im Parterre hell loderten und es war ganz still. Wieder machte die Stiege eine Biegung in gänzlicher Finsternis. Im selben Augenblick blitzte eine Flamme auf und das Haarsträubendste bot sich unseren Blicken. Wir sahen vier- bis fünffach übereinander gehäufte Menschenkörper vor uns liegen. Mit dem Oberkörper nach abwärts. Hie und da bemerkte man im Fackellicht noch die Bewegung einiger Glieder, das Zucken eines Fußes, das Zittern einer Hand. Soweit es meine Kräfte zugelassen haben, versuchte ich zu helfen und zu bergen.“ (Wiener Zeitung vom 9. Dezember 1881, Nr. 280, Seite 1–2)

Viele Leichen konnten nicht identifiziert werden. Daher wurde erstmals die Zahnstellung als Identifikationsmethode herangezogen und damit eine Grundlage für die später renommierte Wiener Schule der Kriminalistik gelegt. Es war der Einstieg in die forensische Zahnmedizin (vergl. Nachrichten aus der Eisenbibliothek, Band 69, 1997, S. 59-68).
Dieses Ereignis ist als die Geburtsstunde des organisierten Rettungsdienstes in Wien zu sehen, denn Baron Jaromír Mundy gründete am 9. Dezember 1881, also einen Tag nach dem Brand, mit Hans Graf Wilczek (1837-1922) und Eduard Graf von Lamezan (1835-1903) die „Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft“. An dem Ort des Ringtheaters befindet sich heute die Wiener Polizeidirektion.
Mundy war wie kein anderer dazu berufen, einen Rettungsdienst zu schaffen. Er hatte Erfahrungen auf den Schlachtfeldern Europas gesammelt und war immer um den Ausbau und die Verbesserung der Militärsanität bemüht gewesen, was dem zivilen Rettungsdienst zugutekam. Sein Plan, ein zivilen Rettungsdienst ins Leben zu rufen war schon lange fertig. Dennoch mussten unzählige Schwierigkeiten und Anfeindungen überwunden werden, um ein gut organisiertes Rettungswesen zu schaffen. Es musste etwas passieren, damit etwas passierte.


Gründung der Freiwilligen Wiener Rettungsgesellschaft

Mundy sprach mit seinem Freund Hans Wilczek schon vor dem Ringtheaterbrand über eine für Wien so dringend erforderliches Rettungssystem. Mundy immer ungeduldig und energiegeladen wollte dieses Projekt mit Gewalt durchsetzen und zur Tat schreiten. Seine Idealvorstellung war eine Vereinsgründung. Der Verein sollte unter dem Protektorat des Prinzen von Wales, dem späteren König Eduard VII von England stehen. Mit dem Ziel Erste-Hilfe- und Sanitätsdienst nur mit Freiwilligen zu besetzen. (vergl. Kinsky-Wilczek, 1933,S. 412). Die Behörden jedoch wollten davon nichts wissen. Sie stützten sich auf die, sich seit 1874 im Ausbau befindende Sanität und auch bei der Bevölkerung stieß Mundys Idee auf wenig Enthusiasmus. Lamezan, Wilczek und Mundy einigten sich, auf einen geeigneten Zeitpunkt zu warten, an dem die Bürger und Bürgerinnen der Stadt Wien den Willen zu helfen besser verstehen und annehmen würden. Dieser Zeitpunkt kam am 8. Dezember 1881, als das Ringtheater am Schottenring brannte, und die Wiener begriffen, wie ohnmächtig sie einer Katastrophe gegenüberstanden, und dass etwas geschehen musste. Hans Graf Wilczek war am 8. Dezember 1881 in Venedig, kehrte jedoch nach Bekanntwerden des Unglücks sofort nach Wien zurück (vergl. Kinsky-Wilczek Elisabeth, 1933 S. 412).
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Das Buch eines Freundes und Rettungskollegen

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Sehr interessantes Buch. Gibt mir einen guten Einblick in die Geschichte des Rettungswesens.

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