Geliebter Bruder
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 40
ISBN: 978-3-99185-055-7
Erscheinungsdatum: 19.01.2026
Das Schlimmste, was einer Familie passieren kann, ist ein minderjähriges Kind zu verlieren. Darüber schreibt Jessika Rahardt, die als 12-Jährige den Tod ihres Bruders miterleben musste. Eine eindringliche Darstellung, die ans Herz geht.
***
Schon wieder ist die Weihnachtszeit da, so wie jedes Jahr. Und gerade in dieser Zeit vermisse ich Patrik sehr.
Sein Unfall ist schon mehrere Jahre her, aber trotzdem kommt es mir so vor, als hätte ich ihn gestern erst noch gesehen und mit ihm gesprochen. Seine Stimme, sein Geruch, seine ganze Art und Weise – alles ist mir bis jetzt so sehr im Gedächtnis geblieben, dass es sicher auch in Zukunft so sein wird. Aber immer wieder frage ich mich: Warum? Warum musste er mit seinen jungen Jahren von uns gehen?
Vier Jahre trennten uns. Er war immer mein großer Bruder. Wir sind zusammen aufgewachsen und hatten eine wunderschöne Kindheit, er war stets für mich da, hat mir geholfen und mich immer beschützt. Für ein Mädchen gibt es wirklich nichts Schöneres als einen großen Bruder. Inzwischen bin ich älter, als er es damals war. Aber ich habe das Gefühl, er wächst immer weiter mit mir. Wenn ich seine Fotos sehe, denke ich nicht an diesen 16-jährigen Jungen, sondern an den jungen Mann, der er jetzt wäre. Ich habe einmal gelesen: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“ Und es stimmt. Meine Erinnerungen kann mir niemand nehmen, sie sind das Schönste, das ich besitze und nie hergeben kann.
Zu Kinderzeiten hatten wir mit unseren Eltern fast jedes Jahr einen tollen Sommerurlaub an der Ostsee, spielten dort „Beach Ball“ und waren mit unseren Luftmatratzen ständig im Wasser, um Kunststücke auf den Wellen zu versuchen. In dem Ferienhaus, das wir 1994, 1995 und 1996 gemietet hatten, schliefen wir im Doppelstockbett und immer in der Hälfte des Urlaubs wurden die Betten getauscht, damit jeder gleich viele Nächte oben schlafen konnte. Gleichberechtigung musste ja schließlich sein!
Zur Schule hatten wir es von zu Hause aus nicht weit, zwei Minuten und wir waren dort. Mittag wurde deshalb daheim gegessen. Am Vortag bereitete Mutti immer etwas vor, das wir uns dann in der Mikrowelle erwärmten. Patrik war meist eher zu Hause als ich, so hatte ich also mein warmes Essen auf dem Tisch, wenn ich heimkam.
Danach wurde prinzipiell Fangen gespielt. Ich weiß nicht, wieso, es hat sich immer irgendwie ergeben und ist dann zur Gewohnheit geworden. Wir rannten durchs ganze Wohnzimmer und manchmal schloss ich mich sogar auf der Toilette ein. Aber Patrik bekam die Tür von außen immer auf. Andersherum war das nicht so leicht, ich konnte ihn einfach nie fangen, er war zu schnell und ist mir stets gekonnt ausgewichen.
Abends war ich diejenige, die zuerst ins Bett musste. Mutti, Vati und auch Patrik kamen immer noch zum Gute-Nacht-Sagen. Als ich einmal kurz vorm Einschlafen war, erschreckte mich plötzlich jemand. Ich sah im Dunkeln nur eine Gestalt und hatte im ersten Moment wirklich Angst. Dann ging das Licht an und ich erkannte Patrik. Er hatte vorher nur so getan, als würde er hinausgehen, und machte die Tür von innen anstatt von außen zu.
In den Ferien sahen wir früh immer fern, weil gerade dann die lustigsten Serien kamen. Unsere Eltern waren auf Arbeit, aber sie wollten nie, dass wir frühmorgens schon fernsehen. Heimlich taten wir es trotzdem. An einem Morgen kam Vati zurück, weil er etwas vergessen hatte. Wir schalteten sofort den Fernseher aus und rannten mit unseren Cornflakes-Schälchen in die Küche, um dort „ganz normal“ weiter zu frühstücken.
Auch mit unserem schwarzen Schäferhund Bac hatten wir viel Spaß. Er war in seinem Zwinger eingesperrt, weil er sehr wild war und somit nicht frei im Garten rumlaufen konnte. Einmal täglich musste mit ihm Gassi gegangen werden. Der Zwinger befand sich hinter unserer Garage und war an zwei Seiten komplett zugemauert. Patrik kletterte oft über die Mauer, die wirklich hoch war. Ich stand an der anderen Seite vor den Gitterstäben und schaute immer gespannt zu, ob er es auch diesmal wieder schaffte. Ich hatte oft Angst, dass er runterfällt, aber mit seinem Geschick kam er bei jedem Versuch sicher über die Mauer. Und Bac bellte vorher schon immer vor Freude und sprang wie verrückt an der Mauer hin und her.
Von unserem Küchenfenster aus konnte man, wenn man schräg nach links schaute, Bac im Zwinger sehen. Wir klopften beim Essen immer ans Fenster und winkten ihm, obwohl wir eigentlich mal gehört hatten, dass Hunde nicht durch Scheiben gucken können. Aber das war erst einmal egal, gewinkt wurde ihm trotzdem!
Donnerstags kam abends „Kommissar Rex“ im Fernsehen. Das schauten wir meist zusammen in Patriks Zimmer. Er sah es wegen der Handlungen gern, ich nur wegen des Hundes. Ich liebte Schäferhunde!
In der Weihnachtszeit war Patrik immer sehr neugierig und wollte schon vorher wissen, was er bekommt. Die Geschenke waren im Schlafzimmer unserer Eltern. Deshalb wurde abgeschlossen, weil sie wahrscheinlich ahnten, dass wir nachsehen würden, wenn sie nicht zu Hause waren. Es dauerte aber nicht lange, da fand Patrik heraus, der Schlüssel der Badtür passte auch bei der Schlafzimmertür. Das war seine Chance! Ich sollte mitgehen, obwohl ich eigentlich nie so neugierig war, dass ich unbedingt nachschauen musste. Ich ließ mich lieber überraschen. Aber Patrik meinte: „Wenn schon, dann müssten wir zusammen nachsehen!“ Ich weiß noch, dass wir unter anderem einen Fußball fanden, den er bekommen sollte.
An einem Weihnachten schenkte mir Patrik ein Bild aus dem Disney-Film „Die Schöne und das Biest“. Ich fand es supertoll und freute mich sehr darüber. Aber noch am Heiligabend fiel es mir in der Küche auf die Fliesen, sodass der Glasrahmen kaputtging. Ich konnte kaum aufhören zu weinen, obwohl mir alle erklärten, es sei doch nur der Rahmen, der zu Bruch gegangen ist, und den könne man doch neu kaufen.
***
Es verging Jahr für Jahr und wir wurden älter. Jeder hatte seine eigenen Interessen, aber die Geschwisterliebe blieb. Immer wieder mussten wir lachen, wenn wir unsere gemeinsamen Kinderfotos anschauten. Vor allem das eine, wo ich als dickes Baby auf dem Wickeltisch liege, Patrik neben mir steht und wir uns angrinsen wie ein paar Pfannkuchen!
In einem Sommer bekamen wir, zusätzlich zu Schäferhund Bac, eine Rauhaardackelhündin: Lucie. Wir hatten sie gleich ins Herz geschlossen. Die erste Nacht, in der sie bei uns war, schliefen Patrik und ich auf Luftmatratzen bei ihr auf der Terrasse. Sie jaulte anfangs sehr, weil sie weg von ihrer Mutter und ihren Geschwistern war, aber sie gewöhnte sich schnell an uns.
Patrik war nun oft mit seinen Kumpels mit den Mopeds unterwegs. Er war glücklich, als er endlich sechzehn war und den Führerschein hatte. Patrik fuhr immer ordentlich, ich fühlte mich sicher und hatte nie Angst, wenn ich bei ihm mitfuhr.
Nach seinem Schulabschluss der 10. Klasse ging Patrik aufs berufliche Gymnasium, das drei Jahre dauern sollte. Für mich war es die erste Zeit ungewohnt, wenn ich von der Schule nach Hause kam und allein Mittag essen musste, weil Patrik jetzt oft Nachmittagsunterricht hatte.
Schon bald bekam ich mit, dass er jetzt eine Freundin hatte. Sie war zwei Schuljahre älter als ich und gab mir alle paar Tage in der Schule einen Brief für Patrik mit. Meine Freundinnen und ich wollten jedes Mal wissen, was da wohl drinsteht. Und so kam es, dass wir einmal einen Brief öffneten, ihn aber nach dem Lesen wieder fein säuberlich zuklebten.
***
Dann standen, wie jedes Jahr im Februar, die Winterferien an. Am vorherigen Sonntag machten wir belegte Schnittchen zum Abendbrot. Die mochten wir Kinder immer am liebsten. Patrik wollte danach noch mal mit dem Moped wegfahren und sagte Bescheid, dass er nicht allzu spät nach Hause kommen werde. Doch niemandem von uns war zu diesem Zeitpunkt klar, dass er nie wieder nach Hause kommen würde …
Am Montag war der erste Ferientag. Ich stand so gegen neun Uhr auf, war glücklich und gut gelaunt, jetzt erst mal eine Woche nicht zur Schule gehen zu müssen. Mit dem Gedanken daran, dass Patrik sicher noch schläft und die Eltern auf Arbeit sind, ging ich in die Küche, um allein zu frühstücken.
Auf dem Küchentisch entdeckte ich einen kleinen blauen Zettel unseres Notizblocks mit Muttis Handschrift. Ich las ihn durch und wusste zunächst gar nicht, was ich denken sollte. Wir sind im Krankenhaus, Patrik hatte einen Unfall.
„O mein Gott, was soll ich davon halten?“, dachte ich. Ich las ihn wieder und wieder durch, in der Hoffnung, ich hätte mich vielleicht verlesen. Irgendwie war da plötzlich ein seltsames Gefühl in mir, das ich vorher noch nie hatte. Mir schwirrte auf einmal alles durch den Kopf. Was ist, wenn es ein tödlicher Unfall war und wie soll es überhaupt dazu gekommen sein?
Komischerweise war mir aber gleich klar, dass es sich bei dem Unfall, von dem Mutti schrieb, um einen Mopedunfall handelte. Trotzdem wusste ich mit meinen Empfindungen in diesem Moment nichts anzufangen. Einerseits wollte ich nur weinen, aber andererseits wusste ich doch noch gar nicht genau, was eigentlich passiert war.
Die Zeit des Wartens war schrecklich. Meine Eltern kamen ewig nicht nach Hause und ich bin fast wahnsinnig geworden vor Ungewissheit. Also setzte ich mich ins Wohnzimmer und versuchte, etwas in meinem Buch weiterzulesen. Darin ging es um ein 15-jähriges Mädchen und ihren Teenageralltag. An der Stelle, wo ich nun weiterlas, erfuhr sie durch einen Zettel ihrer Eltern, dass ihre Oma im Krankenhaus lag. Sie wusste nicht, was mit der Oma passiert ist, und sie musste abwarten, bis ihre Eltern zurückkommen und ihr alles erzählen. Genauso, wie es mir im gleichen Moment erging. Die Zeit schien stillzustehen.
Ich beschloss also, mit Lucie eine Runde nach draußen zu gehen. Doch auch das konnte mich nicht ablenken, im Gegenteil, immer mehr dachte ich über diesen Satz nach, den Mutti auf diesen kleinen blauen Zettel geschrieben hatte. Unfall – dieses Wort steht doch immer für etwas Schlimmes, oder? Aber bis zu diesem Tag war ich noch nie damit konfrontiert worden. Noch nie war jemandem aus meiner Familie oder meinem engsten Freundeskreis etwas Schlimmes durch einen Unfall passiert. Warum also jetzt und warum gerade Patrik? „Eigentlich gibt es so was doch nur im Fernsehen und ist weit weg von meiner heilen Welt“, redete ich mir ein. „Im Fernsehen gibt es schließlich die absurdesten Dinge, aber kann einem 16-Jährigen, der mitten im Leben steht, tatsächlich etwas Furchtbares geschehen?“
Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Ich wollte ja am liebsten glauben, dass er sich nur ein Bein oder einen Arm gebrochen hat, aber aus Muttis Satz las ich irgendwas Beunruhigendes heraus, das mich panisch machte. So ein Gefühl hatte ich vorher noch nie. Ich musste endlich Gewissheit haben und ging mit Lucie in der Hoffnung zurück, dass meine Eltern endlich aus dem Krankenhaus wieder da sind.
Zu Hause angekommen, sah ich schon unser Auto und war erleichtert – aber nervös zugleich, denn ich hatte Angst vor der Wahrheit. Noch ein zweites Auto stand vor unserem Grundstück und ein mir unbekannter Mann stand mit Vati vor der Haustür. Was, um alles in der Welt, hatte das schon wieder zu bedeuten? Außer ein „Guten Tag“ zu dem Fremden bekam ich kein Wort heraus und ging mit Lucie in den Garten, um sie von Hundeleine und Halsband zu befreien.
Nun kam mir Mutti schon entgegen und erzählte mir unter Tränen, was passiert war: „Er liegt im Koma, ein Bus hat ihn gestern Abend angefahren, als er auf dem Heimweg war.“
Ich war geschockt. Koma! Das hörte sich nicht gut an. Aber noch wusste ich zu wenig darüber. Bisher hatte ich nur mal davon gehört, dass Leute ins künstliche Koma versetzt werden, damit sie ihre starken Schmerzen nicht spüren.
Jetzt kam auch Vati von draußen wieder und ich erfuhr, dass der Mann, mit dem er eben vor der Tür gestanden hatte, der Fuhrparkleiter des Busunternehmens war, der sagen wollte, dass es ihm leidtue, was da passiert war.
Aber mich interessierte nur, wie es genau zu dem Unfall gekommen war und wie es um Patrik stand.
Am Sonntagabend zwischen 22:00 und 22:30 Uhr war er mit dem Moped auf dem Heimweg, als ihn am Ortsausgang unseres Nachbarortes ein Bus überholen wollte. Dieser streifte ihn, weil der Busfahrer wahrscheinlich in Sekundenschlaf gefallen war, und somit überschlug sich Patrik. Sein Helm, der geschlossen war, löste sich durch diesen Sturz und fiel zu Boden. Patrik kam mit dem Kopf auf dem harten Asphalt auf. An einer Augenbraue hatte er eine Wunde, aus der er viel Blut verlor. Auch seine Atmung setzte bereits aus. Der Busfahrer leistete keine Erste Hilfe, sondern lief einige Meter weiter, wo sein Arbeitskollege wohnte.
Das war zu viel für mich. Ich dachte erst, das soll ein schlechter Scherz sein, denn ich konnte es mir absolut nicht vorstellen, dass meinem Patrik so etwas Schreckliches zugestoßen sein soll. Sonst hört man in den Nachrichten von solchen Dingen und für mich war das immer weit weg, aber nun soll es tatsächlich in meiner Familie passiert sein?! Das war doch unmöglich!
Ein Bekannter von uns kam an dem Abend zufällig an der Unfallstelle vorbei und gab Vati zu Hause Bescheid. Er machte sich sofort auf den Weg. Inzwischen war der Krankenwagen da und es wurde versucht, Patrik wiederzubeleben, da sein Herz zu schlagen aufgehört hatte. Vati war geschockt bei diesem Anblick, aber irgendwie musste er ja die Fassung bewahren.
Umso erleichterter war er, als der Herzschlag plötzlich wiederkam. Vati folgte dann dem Krankenwagen bis ins Krankenhaus und machte sich während der Fahrt Gedanken, welche Folgen es wohl hätte, dass Patrik für ein paar Minuten nicht beatmet wurde und dadurch sein Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wurde …
Im Krankenhaus angekommen, ging für Vati die Zeit des Wartens los. Stunde für Stunde verging, bis er 3:30 Uhr endlich mit dem zuständigen Arzt sprechen konnte. Der sagte, dass Patrik die nächsten 24 Stunden nicht überleben würde, weil sein Gehirn abgestorben sei. Als ich das erfuhr, dachte ich, weit weg von der Realität zu sein. Das war für mich immer noch alles so unglaublich.
Gestern Abend hatte ich ihn erst noch quicklebendig gesehen und nun soll er da so hilflos im Krankenhaus liegen? Gestern Abend hatte er sich noch wie immer verabschiedet und gesagt, er kommt nicht allzu spät nach Hause, und dabei kam er nicht mehr wieder. Das war für mich wie in einem schlechten Film.
Nachdem Vati frühmorgens aus der Klinik zurückkam, holte er Mutti ab und beide fuhren gemeinsam zu Patrik. Vorher hatte Mutti in der Eile noch diesen blauen Zettel für mich geschrieben. Die Ärzte sagten meinen Eltern im Krankenhaus, dass es sehr schlecht um Patrik stehe. Kein bisschen Hoffnung. Es war schockierend.
Ich weinte und weinte und konnte nicht mehr aufhören. Die Vorstellung von Patrik im Krankenbett auf der Intensivstation war schrecklich. Und dann gab es nicht mal jemanden, der uns Mut machen konnte. Warum war das alles so passiert? Und weshalb musste er gerade mit dem Kopf auf der Straße aufkommen? Diese Fragen beschäftigten mich den ganzen restlichen Tag, während meine Eltern wieder im Krankenhaus waren. Irgendwie war ich total geistesabwesend, nahm gar nichts anderes mehr als die Angst um Patrik wahr. Aber insgeheim wünschte ich mir, dass alles nur ein böser Traum war.
Die Nacht war furchtbar. Ich brauchte lange, bis ich endlich schlief, doch dann wachte ich auch schon wieder auf und hatte nur einen einzigen Gedanken: Wie geht es ihm wohl gerade? Ich fühlte mich elend und weinte mich erneut in den Schlaf.
***
Am Dienstagmorgen telefonierte Vati mit einer Heilpraktikerin aus Berlin, die er durch unsere Verwandten kannte. Er wollte mehr über Komapatienten wissen. Sie meinte, es sei gut, wenn Tag und Nacht immer jemand bei Patrik wäre, da er dies spüre. Deshalb wechselten sich Mutti und Vati nun ständig ab, jeder war für ein paar Stunden an seinem Krankenbett.
Noch am Dienstag fuhr ich mit in die Klinik. Mutti sagte mir vorher: „Erschreck dich bitte nicht, wenn du ihn siehst. Er hat Schürfwunden im Gesicht und außerdem ist sein Kopf ziemlich angeschwollen.“
Ich hatte schreckliche Angst vor diesem Anblick und hoffte, nicht auf der Stelle loszuheulen, wenn ich ihn sah. Der Weg bis zur Intensivstation kam mir unendlich lang vor und der Krankenhausgeruch war mir unangenehm. Es war mir alles so fremd. Nun mussten wir uns grüne Wegwerfkittel überziehen und die Hände mit Desinfektionsmittel gründlich waschen. Und dann konnten wir zu ihm.
Ich war einfach sprachlos über das, was ich sah. Ich war zu geschockt, um zu weinen oder irgendwas anderes zu tun.
Vor mir lag jemand im Bett, dessen linke Augenbraue genäht war, der einen Beatmungsschlauch im Mund hatte, der ein geschwollenes Gesicht hatte, das außerdem mit Schürfwunden übersät war, und von dem aus unzählige Schläuche zu diversen Geräten führten. Und die Geräusche von den Geräten waren unheimlich. Sollte das hier wirklich Patrik sein?
Jetzt kamen mir die Tränen. Das hat er keinesfalls verdient, dass er so übel zugerichtet wurde. Der Busfahrer fuhr inzwischen wieder Bus, wie wir erfahren hatten – obwohl er angeblich am Sonntagabend, als der Unfall passierte, unter Schock stand, aber schon am nächsten Morgen wieder seine Arbeit aufnahm. Und Erste Hilfe geleistet hatte er nicht, als es drauf ankam.
Ich setzte mich nun an Patriks Bett. Es fiel mir sehr schwer, Ruhe zu bewahren und nicht laut zu schluchzen. Das tat mir alles so leid, nichts tun zu können, sondern einfach den Anblick ertragen zu müssen.
Der Arzt sagte uns heute, dass sein Zustand weiterhin kritisch, aber sein Kreislauf relativ stabil sei. Das weckte einen Hoffnungsschimmer in mir. Patrik war mit vier Nadeln, die unter die Kopfhaut gesteckt waren, am EEG angeschlossen. Dies ist eine Methode der medizinischen Diagnostik zur Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns durch Aufzeichnung der Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche. Das EEG (Elektroenzephalogramm) ist die grafische Darstellung dieser Schwankungen.
Ursache dieser Spannungsschwankungen sind physiologische Vorgänge innerhalb einzelner Gehirnzellen, die durch ihre elektrischen Zustandsänderungen zur Informationsverarbeitung des Gehirns beitragen.
Die einzelnen Ausschläge auf dem Monitor waren sehr gering, sie betrugen ca. 3 bis 5 Millimeter. Aber Patriks Körpertemperatur und sein Blutdruck gaben laut Monitor keinen Grund zur Beunruhigung. Trotzdem konnte ich es noch immer nicht fassen, dass das Patrik war, den ich vor mir sah. Er war so hilflos und konnte uns nicht mal sagen, wie es ihm geht und wie sich der schreckliche Unfall wirklich zugetragen hatte.
Auf einmal setzte ein seltsames Geräusch an einem der vielen Geräte ein. Im ersten Moment jagte es mir Angst ein, aber im nächsten Moment wusste ich gar nicht, was hier in diesem Raum mit den komischen Geräten und Schläuchen überhaupt normal war und was nicht. Vati erklärte mir, dass Patrik gerade selbst geatmet hat. Das ergibt dann so ein Geräusch, wenn plötzlich zusätzliche Luft durch den künstlichen Beatmungsschlauch gelangt. Ich war beruhigt.
Als ich abends zu Hause im Bett lag, hatte ich natürlich wieder Probleme mit dem Einschlafen. Mir gingen die Krankenhausbilder nicht aus dem Kopf und ich musste weinen – so lange, bis ich endlich einschlief.
…
Schon wieder ist die Weihnachtszeit da, so wie jedes Jahr. Und gerade in dieser Zeit vermisse ich Patrik sehr.
Sein Unfall ist schon mehrere Jahre her, aber trotzdem kommt es mir so vor, als hätte ich ihn gestern erst noch gesehen und mit ihm gesprochen. Seine Stimme, sein Geruch, seine ganze Art und Weise – alles ist mir bis jetzt so sehr im Gedächtnis geblieben, dass es sicher auch in Zukunft so sein wird. Aber immer wieder frage ich mich: Warum? Warum musste er mit seinen jungen Jahren von uns gehen?
Vier Jahre trennten uns. Er war immer mein großer Bruder. Wir sind zusammen aufgewachsen und hatten eine wunderschöne Kindheit, er war stets für mich da, hat mir geholfen und mich immer beschützt. Für ein Mädchen gibt es wirklich nichts Schöneres als einen großen Bruder. Inzwischen bin ich älter, als er es damals war. Aber ich habe das Gefühl, er wächst immer weiter mit mir. Wenn ich seine Fotos sehe, denke ich nicht an diesen 16-jährigen Jungen, sondern an den jungen Mann, der er jetzt wäre. Ich habe einmal gelesen: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“ Und es stimmt. Meine Erinnerungen kann mir niemand nehmen, sie sind das Schönste, das ich besitze und nie hergeben kann.
Zu Kinderzeiten hatten wir mit unseren Eltern fast jedes Jahr einen tollen Sommerurlaub an der Ostsee, spielten dort „Beach Ball“ und waren mit unseren Luftmatratzen ständig im Wasser, um Kunststücke auf den Wellen zu versuchen. In dem Ferienhaus, das wir 1994, 1995 und 1996 gemietet hatten, schliefen wir im Doppelstockbett und immer in der Hälfte des Urlaubs wurden die Betten getauscht, damit jeder gleich viele Nächte oben schlafen konnte. Gleichberechtigung musste ja schließlich sein!
Zur Schule hatten wir es von zu Hause aus nicht weit, zwei Minuten und wir waren dort. Mittag wurde deshalb daheim gegessen. Am Vortag bereitete Mutti immer etwas vor, das wir uns dann in der Mikrowelle erwärmten. Patrik war meist eher zu Hause als ich, so hatte ich also mein warmes Essen auf dem Tisch, wenn ich heimkam.
Danach wurde prinzipiell Fangen gespielt. Ich weiß nicht, wieso, es hat sich immer irgendwie ergeben und ist dann zur Gewohnheit geworden. Wir rannten durchs ganze Wohnzimmer und manchmal schloss ich mich sogar auf der Toilette ein. Aber Patrik bekam die Tür von außen immer auf. Andersherum war das nicht so leicht, ich konnte ihn einfach nie fangen, er war zu schnell und ist mir stets gekonnt ausgewichen.
Abends war ich diejenige, die zuerst ins Bett musste. Mutti, Vati und auch Patrik kamen immer noch zum Gute-Nacht-Sagen. Als ich einmal kurz vorm Einschlafen war, erschreckte mich plötzlich jemand. Ich sah im Dunkeln nur eine Gestalt und hatte im ersten Moment wirklich Angst. Dann ging das Licht an und ich erkannte Patrik. Er hatte vorher nur so getan, als würde er hinausgehen, und machte die Tür von innen anstatt von außen zu.
In den Ferien sahen wir früh immer fern, weil gerade dann die lustigsten Serien kamen. Unsere Eltern waren auf Arbeit, aber sie wollten nie, dass wir frühmorgens schon fernsehen. Heimlich taten wir es trotzdem. An einem Morgen kam Vati zurück, weil er etwas vergessen hatte. Wir schalteten sofort den Fernseher aus und rannten mit unseren Cornflakes-Schälchen in die Küche, um dort „ganz normal“ weiter zu frühstücken.
Auch mit unserem schwarzen Schäferhund Bac hatten wir viel Spaß. Er war in seinem Zwinger eingesperrt, weil er sehr wild war und somit nicht frei im Garten rumlaufen konnte. Einmal täglich musste mit ihm Gassi gegangen werden. Der Zwinger befand sich hinter unserer Garage und war an zwei Seiten komplett zugemauert. Patrik kletterte oft über die Mauer, die wirklich hoch war. Ich stand an der anderen Seite vor den Gitterstäben und schaute immer gespannt zu, ob er es auch diesmal wieder schaffte. Ich hatte oft Angst, dass er runterfällt, aber mit seinem Geschick kam er bei jedem Versuch sicher über die Mauer. Und Bac bellte vorher schon immer vor Freude und sprang wie verrückt an der Mauer hin und her.
Von unserem Küchenfenster aus konnte man, wenn man schräg nach links schaute, Bac im Zwinger sehen. Wir klopften beim Essen immer ans Fenster und winkten ihm, obwohl wir eigentlich mal gehört hatten, dass Hunde nicht durch Scheiben gucken können. Aber das war erst einmal egal, gewinkt wurde ihm trotzdem!
Donnerstags kam abends „Kommissar Rex“ im Fernsehen. Das schauten wir meist zusammen in Patriks Zimmer. Er sah es wegen der Handlungen gern, ich nur wegen des Hundes. Ich liebte Schäferhunde!
In der Weihnachtszeit war Patrik immer sehr neugierig und wollte schon vorher wissen, was er bekommt. Die Geschenke waren im Schlafzimmer unserer Eltern. Deshalb wurde abgeschlossen, weil sie wahrscheinlich ahnten, dass wir nachsehen würden, wenn sie nicht zu Hause waren. Es dauerte aber nicht lange, da fand Patrik heraus, der Schlüssel der Badtür passte auch bei der Schlafzimmertür. Das war seine Chance! Ich sollte mitgehen, obwohl ich eigentlich nie so neugierig war, dass ich unbedingt nachschauen musste. Ich ließ mich lieber überraschen. Aber Patrik meinte: „Wenn schon, dann müssten wir zusammen nachsehen!“ Ich weiß noch, dass wir unter anderem einen Fußball fanden, den er bekommen sollte.
An einem Weihnachten schenkte mir Patrik ein Bild aus dem Disney-Film „Die Schöne und das Biest“. Ich fand es supertoll und freute mich sehr darüber. Aber noch am Heiligabend fiel es mir in der Küche auf die Fliesen, sodass der Glasrahmen kaputtging. Ich konnte kaum aufhören zu weinen, obwohl mir alle erklärten, es sei doch nur der Rahmen, der zu Bruch gegangen ist, und den könne man doch neu kaufen.
***
Es verging Jahr für Jahr und wir wurden älter. Jeder hatte seine eigenen Interessen, aber die Geschwisterliebe blieb. Immer wieder mussten wir lachen, wenn wir unsere gemeinsamen Kinderfotos anschauten. Vor allem das eine, wo ich als dickes Baby auf dem Wickeltisch liege, Patrik neben mir steht und wir uns angrinsen wie ein paar Pfannkuchen!
In einem Sommer bekamen wir, zusätzlich zu Schäferhund Bac, eine Rauhaardackelhündin: Lucie. Wir hatten sie gleich ins Herz geschlossen. Die erste Nacht, in der sie bei uns war, schliefen Patrik und ich auf Luftmatratzen bei ihr auf der Terrasse. Sie jaulte anfangs sehr, weil sie weg von ihrer Mutter und ihren Geschwistern war, aber sie gewöhnte sich schnell an uns.
Patrik war nun oft mit seinen Kumpels mit den Mopeds unterwegs. Er war glücklich, als er endlich sechzehn war und den Führerschein hatte. Patrik fuhr immer ordentlich, ich fühlte mich sicher und hatte nie Angst, wenn ich bei ihm mitfuhr.
Nach seinem Schulabschluss der 10. Klasse ging Patrik aufs berufliche Gymnasium, das drei Jahre dauern sollte. Für mich war es die erste Zeit ungewohnt, wenn ich von der Schule nach Hause kam und allein Mittag essen musste, weil Patrik jetzt oft Nachmittagsunterricht hatte.
Schon bald bekam ich mit, dass er jetzt eine Freundin hatte. Sie war zwei Schuljahre älter als ich und gab mir alle paar Tage in der Schule einen Brief für Patrik mit. Meine Freundinnen und ich wollten jedes Mal wissen, was da wohl drinsteht. Und so kam es, dass wir einmal einen Brief öffneten, ihn aber nach dem Lesen wieder fein säuberlich zuklebten.
***
Dann standen, wie jedes Jahr im Februar, die Winterferien an. Am vorherigen Sonntag machten wir belegte Schnittchen zum Abendbrot. Die mochten wir Kinder immer am liebsten. Patrik wollte danach noch mal mit dem Moped wegfahren und sagte Bescheid, dass er nicht allzu spät nach Hause kommen werde. Doch niemandem von uns war zu diesem Zeitpunkt klar, dass er nie wieder nach Hause kommen würde …
Am Montag war der erste Ferientag. Ich stand so gegen neun Uhr auf, war glücklich und gut gelaunt, jetzt erst mal eine Woche nicht zur Schule gehen zu müssen. Mit dem Gedanken daran, dass Patrik sicher noch schläft und die Eltern auf Arbeit sind, ging ich in die Küche, um allein zu frühstücken.
Auf dem Küchentisch entdeckte ich einen kleinen blauen Zettel unseres Notizblocks mit Muttis Handschrift. Ich las ihn durch und wusste zunächst gar nicht, was ich denken sollte. Wir sind im Krankenhaus, Patrik hatte einen Unfall.
„O mein Gott, was soll ich davon halten?“, dachte ich. Ich las ihn wieder und wieder durch, in der Hoffnung, ich hätte mich vielleicht verlesen. Irgendwie war da plötzlich ein seltsames Gefühl in mir, das ich vorher noch nie hatte. Mir schwirrte auf einmal alles durch den Kopf. Was ist, wenn es ein tödlicher Unfall war und wie soll es überhaupt dazu gekommen sein?
Komischerweise war mir aber gleich klar, dass es sich bei dem Unfall, von dem Mutti schrieb, um einen Mopedunfall handelte. Trotzdem wusste ich mit meinen Empfindungen in diesem Moment nichts anzufangen. Einerseits wollte ich nur weinen, aber andererseits wusste ich doch noch gar nicht genau, was eigentlich passiert war.
Die Zeit des Wartens war schrecklich. Meine Eltern kamen ewig nicht nach Hause und ich bin fast wahnsinnig geworden vor Ungewissheit. Also setzte ich mich ins Wohnzimmer und versuchte, etwas in meinem Buch weiterzulesen. Darin ging es um ein 15-jähriges Mädchen und ihren Teenageralltag. An der Stelle, wo ich nun weiterlas, erfuhr sie durch einen Zettel ihrer Eltern, dass ihre Oma im Krankenhaus lag. Sie wusste nicht, was mit der Oma passiert ist, und sie musste abwarten, bis ihre Eltern zurückkommen und ihr alles erzählen. Genauso, wie es mir im gleichen Moment erging. Die Zeit schien stillzustehen.
Ich beschloss also, mit Lucie eine Runde nach draußen zu gehen. Doch auch das konnte mich nicht ablenken, im Gegenteil, immer mehr dachte ich über diesen Satz nach, den Mutti auf diesen kleinen blauen Zettel geschrieben hatte. Unfall – dieses Wort steht doch immer für etwas Schlimmes, oder? Aber bis zu diesem Tag war ich noch nie damit konfrontiert worden. Noch nie war jemandem aus meiner Familie oder meinem engsten Freundeskreis etwas Schlimmes durch einen Unfall passiert. Warum also jetzt und warum gerade Patrik? „Eigentlich gibt es so was doch nur im Fernsehen und ist weit weg von meiner heilen Welt“, redete ich mir ein. „Im Fernsehen gibt es schließlich die absurdesten Dinge, aber kann einem 16-Jährigen, der mitten im Leben steht, tatsächlich etwas Furchtbares geschehen?“
Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Ich wollte ja am liebsten glauben, dass er sich nur ein Bein oder einen Arm gebrochen hat, aber aus Muttis Satz las ich irgendwas Beunruhigendes heraus, das mich panisch machte. So ein Gefühl hatte ich vorher noch nie. Ich musste endlich Gewissheit haben und ging mit Lucie in der Hoffnung zurück, dass meine Eltern endlich aus dem Krankenhaus wieder da sind.
Zu Hause angekommen, sah ich schon unser Auto und war erleichtert – aber nervös zugleich, denn ich hatte Angst vor der Wahrheit. Noch ein zweites Auto stand vor unserem Grundstück und ein mir unbekannter Mann stand mit Vati vor der Haustür. Was, um alles in der Welt, hatte das schon wieder zu bedeuten? Außer ein „Guten Tag“ zu dem Fremden bekam ich kein Wort heraus und ging mit Lucie in den Garten, um sie von Hundeleine und Halsband zu befreien.
Nun kam mir Mutti schon entgegen und erzählte mir unter Tränen, was passiert war: „Er liegt im Koma, ein Bus hat ihn gestern Abend angefahren, als er auf dem Heimweg war.“
Ich war geschockt. Koma! Das hörte sich nicht gut an. Aber noch wusste ich zu wenig darüber. Bisher hatte ich nur mal davon gehört, dass Leute ins künstliche Koma versetzt werden, damit sie ihre starken Schmerzen nicht spüren.
Jetzt kam auch Vati von draußen wieder und ich erfuhr, dass der Mann, mit dem er eben vor der Tür gestanden hatte, der Fuhrparkleiter des Busunternehmens war, der sagen wollte, dass es ihm leidtue, was da passiert war.
Aber mich interessierte nur, wie es genau zu dem Unfall gekommen war und wie es um Patrik stand.
Am Sonntagabend zwischen 22:00 und 22:30 Uhr war er mit dem Moped auf dem Heimweg, als ihn am Ortsausgang unseres Nachbarortes ein Bus überholen wollte. Dieser streifte ihn, weil der Busfahrer wahrscheinlich in Sekundenschlaf gefallen war, und somit überschlug sich Patrik. Sein Helm, der geschlossen war, löste sich durch diesen Sturz und fiel zu Boden. Patrik kam mit dem Kopf auf dem harten Asphalt auf. An einer Augenbraue hatte er eine Wunde, aus der er viel Blut verlor. Auch seine Atmung setzte bereits aus. Der Busfahrer leistete keine Erste Hilfe, sondern lief einige Meter weiter, wo sein Arbeitskollege wohnte.
Das war zu viel für mich. Ich dachte erst, das soll ein schlechter Scherz sein, denn ich konnte es mir absolut nicht vorstellen, dass meinem Patrik so etwas Schreckliches zugestoßen sein soll. Sonst hört man in den Nachrichten von solchen Dingen und für mich war das immer weit weg, aber nun soll es tatsächlich in meiner Familie passiert sein?! Das war doch unmöglich!
Ein Bekannter von uns kam an dem Abend zufällig an der Unfallstelle vorbei und gab Vati zu Hause Bescheid. Er machte sich sofort auf den Weg. Inzwischen war der Krankenwagen da und es wurde versucht, Patrik wiederzubeleben, da sein Herz zu schlagen aufgehört hatte. Vati war geschockt bei diesem Anblick, aber irgendwie musste er ja die Fassung bewahren.
Umso erleichterter war er, als der Herzschlag plötzlich wiederkam. Vati folgte dann dem Krankenwagen bis ins Krankenhaus und machte sich während der Fahrt Gedanken, welche Folgen es wohl hätte, dass Patrik für ein paar Minuten nicht beatmet wurde und dadurch sein Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wurde …
Im Krankenhaus angekommen, ging für Vati die Zeit des Wartens los. Stunde für Stunde verging, bis er 3:30 Uhr endlich mit dem zuständigen Arzt sprechen konnte. Der sagte, dass Patrik die nächsten 24 Stunden nicht überleben würde, weil sein Gehirn abgestorben sei. Als ich das erfuhr, dachte ich, weit weg von der Realität zu sein. Das war für mich immer noch alles so unglaublich.
Gestern Abend hatte ich ihn erst noch quicklebendig gesehen und nun soll er da so hilflos im Krankenhaus liegen? Gestern Abend hatte er sich noch wie immer verabschiedet und gesagt, er kommt nicht allzu spät nach Hause, und dabei kam er nicht mehr wieder. Das war für mich wie in einem schlechten Film.
Nachdem Vati frühmorgens aus der Klinik zurückkam, holte er Mutti ab und beide fuhren gemeinsam zu Patrik. Vorher hatte Mutti in der Eile noch diesen blauen Zettel für mich geschrieben. Die Ärzte sagten meinen Eltern im Krankenhaus, dass es sehr schlecht um Patrik stehe. Kein bisschen Hoffnung. Es war schockierend.
Ich weinte und weinte und konnte nicht mehr aufhören. Die Vorstellung von Patrik im Krankenbett auf der Intensivstation war schrecklich. Und dann gab es nicht mal jemanden, der uns Mut machen konnte. Warum war das alles so passiert? Und weshalb musste er gerade mit dem Kopf auf der Straße aufkommen? Diese Fragen beschäftigten mich den ganzen restlichen Tag, während meine Eltern wieder im Krankenhaus waren. Irgendwie war ich total geistesabwesend, nahm gar nichts anderes mehr als die Angst um Patrik wahr. Aber insgeheim wünschte ich mir, dass alles nur ein böser Traum war.
Die Nacht war furchtbar. Ich brauchte lange, bis ich endlich schlief, doch dann wachte ich auch schon wieder auf und hatte nur einen einzigen Gedanken: Wie geht es ihm wohl gerade? Ich fühlte mich elend und weinte mich erneut in den Schlaf.
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Am Dienstagmorgen telefonierte Vati mit einer Heilpraktikerin aus Berlin, die er durch unsere Verwandten kannte. Er wollte mehr über Komapatienten wissen. Sie meinte, es sei gut, wenn Tag und Nacht immer jemand bei Patrik wäre, da er dies spüre. Deshalb wechselten sich Mutti und Vati nun ständig ab, jeder war für ein paar Stunden an seinem Krankenbett.
Noch am Dienstag fuhr ich mit in die Klinik. Mutti sagte mir vorher: „Erschreck dich bitte nicht, wenn du ihn siehst. Er hat Schürfwunden im Gesicht und außerdem ist sein Kopf ziemlich angeschwollen.“
Ich hatte schreckliche Angst vor diesem Anblick und hoffte, nicht auf der Stelle loszuheulen, wenn ich ihn sah. Der Weg bis zur Intensivstation kam mir unendlich lang vor und der Krankenhausgeruch war mir unangenehm. Es war mir alles so fremd. Nun mussten wir uns grüne Wegwerfkittel überziehen und die Hände mit Desinfektionsmittel gründlich waschen. Und dann konnten wir zu ihm.
Ich war einfach sprachlos über das, was ich sah. Ich war zu geschockt, um zu weinen oder irgendwas anderes zu tun.
Vor mir lag jemand im Bett, dessen linke Augenbraue genäht war, der einen Beatmungsschlauch im Mund hatte, der ein geschwollenes Gesicht hatte, das außerdem mit Schürfwunden übersät war, und von dem aus unzählige Schläuche zu diversen Geräten führten. Und die Geräusche von den Geräten waren unheimlich. Sollte das hier wirklich Patrik sein?
Jetzt kamen mir die Tränen. Das hat er keinesfalls verdient, dass er so übel zugerichtet wurde. Der Busfahrer fuhr inzwischen wieder Bus, wie wir erfahren hatten – obwohl er angeblich am Sonntagabend, als der Unfall passierte, unter Schock stand, aber schon am nächsten Morgen wieder seine Arbeit aufnahm. Und Erste Hilfe geleistet hatte er nicht, als es drauf ankam.
Ich setzte mich nun an Patriks Bett. Es fiel mir sehr schwer, Ruhe zu bewahren und nicht laut zu schluchzen. Das tat mir alles so leid, nichts tun zu können, sondern einfach den Anblick ertragen zu müssen.
Der Arzt sagte uns heute, dass sein Zustand weiterhin kritisch, aber sein Kreislauf relativ stabil sei. Das weckte einen Hoffnungsschimmer in mir. Patrik war mit vier Nadeln, die unter die Kopfhaut gesteckt waren, am EEG angeschlossen. Dies ist eine Methode der medizinischen Diagnostik zur Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns durch Aufzeichnung der Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche. Das EEG (Elektroenzephalogramm) ist die grafische Darstellung dieser Schwankungen.
Ursache dieser Spannungsschwankungen sind physiologische Vorgänge innerhalb einzelner Gehirnzellen, die durch ihre elektrischen Zustandsänderungen zur Informationsverarbeitung des Gehirns beitragen.
Die einzelnen Ausschläge auf dem Monitor waren sehr gering, sie betrugen ca. 3 bis 5 Millimeter. Aber Patriks Körpertemperatur und sein Blutdruck gaben laut Monitor keinen Grund zur Beunruhigung. Trotzdem konnte ich es noch immer nicht fassen, dass das Patrik war, den ich vor mir sah. Er war so hilflos und konnte uns nicht mal sagen, wie es ihm geht und wie sich der schreckliche Unfall wirklich zugetragen hatte.
Auf einmal setzte ein seltsames Geräusch an einem der vielen Geräte ein. Im ersten Moment jagte es mir Angst ein, aber im nächsten Moment wusste ich gar nicht, was hier in diesem Raum mit den komischen Geräten und Schläuchen überhaupt normal war und was nicht. Vati erklärte mir, dass Patrik gerade selbst geatmet hat. Das ergibt dann so ein Geräusch, wenn plötzlich zusätzliche Luft durch den künstlichen Beatmungsschlauch gelangt. Ich war beruhigt.
Als ich abends zu Hause im Bett lag, hatte ich natürlich wieder Probleme mit dem Einschlafen. Mir gingen die Krankenhausbilder nicht aus dem Kopf und ich musste weinen – so lange, bis ich endlich einschlief.
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