Cover: Zeit, Du kleine Hure

Zeit, Du kleine Hure
was bist Du für ein merkwürdiges Ding


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 266
ISBN: 978-3-7116-0338-8
Erscheinungsdatum: 25.02.2025
Zeit ist begrenzt und dennoch gefüllt mit unendlichen Möglichkeiten. Ob Rolling-Stones-Konzert oder DDR-Jugend: Zeit wird von uns verbracht, verbraucht, aber vor allem gelebt. Antje Groths Buch „Zeit, du kleine Hure“ geht dem Leben als Zeitreise auf die Spur.
Intro


Solange ich denken kann, wollte ich ein Buch schreiben. In unserer Familie ist es Tradition. Eine kleine Tradition. Nicht Goethe, Hesse oder Fontane. Auch nicht Melville, Stevenson oder Verne. Aber es wurde aufgeschrieben, was den Autor interessierte. Schreiben als unterhaltsame Selbstfindung. Nicht für andere – für unser Leben schreiben wir.
Mein Großvater war Hobby-Ornithologe. Das soll jetzt beileibe kein spätpubertärer Spruch sein, aber deswegen kenne ich mich mit Vögeln tatsächlich gut aus. Er veröffentliche 1969 ein Fachbuch über die Papageienzucht der „Unzertrennlichen“, einer kleinen bunten Papageienart, die in großen Volieren unseren Garten bevölkerte. Es war seine Welt und ich wuchs mit kleinen bunten Papageien auf, wie andere mit Kaninchen. Sein Buch fand in der Fachwelt internationale Anerkennung.
Meine Mutter erholte sich Anfang der 80er Jahre mehrere Wochen von einer Krankheit. Bei schönem Wetter saß sie in unserem Garten vor den bunten, krächzenden Papageien in ihren Volieren und träumte sich zurück durch ihr Leben. Sie begann, geschichtliche Ereignisse, verbunden mit den Erinnerungen ihrer Kindheit, und Erzählungen von ihren Eltern und Großeltern in einem Manuskript festzuhalten, welches die Salzgewinnung und die Landwirtschaft in unserer Region sowie historische Ereignisse in Deutschland von 1875 bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts beleuchtet – verpackt in eine Familiengeschichte. Sie wurde wieder gesund und das Manuskript geriet in Vergessenheit.
1998, zu ihrem 60. Geburtstag, suchten wir das handschriftliche Manuskript heraus, brachten es in Form und ließen es mit vielen historischen Bildern als Jubiläumsausgabe binden. Diese ging mit Begeisterung im Familien- und Freundeskreis von Hand zu Hand.
2008 verstarb unsere Mutter. Um die Erinnerungen an sie und ihr Andenken weiterleben zu lassen, veröffentlichten wir ihren Roman „Brot & Salz“ 2010 mit Unterstützung der Deutschen Literaturgesellschaft Berlin. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das Buch tatsächlich in den Buchhandlungen stehen zu sehen.

Mein erster literarischer Versuch bestand aus fünf kleinen, schief zugeschnittenen und mit Zwirn zusammengenähten Zetteln, die in kindlicher Krakelschrift erzählten: „Wie das Teufelchen König wurde“. Ich war sieben Jahre alt. Dann kam das Leben dazwischen und lange Zeit passierte nichts.


25. Oktober 2022

Oft grübelte ich über ein spannendes oder wenigstens interessantes Buchthema, aber die Muse küsste lieber Eco, King oder Grisham. Oft schweiften meine Gedanken aber auch zu den vielen Momenten, die ich im Laufe der Zeit erlebt hatte, was mir wichtig war im Leben, welche Entscheidungen meinem Leben genau die Richtung gegeben hatten, die ich dann tatsächlich erlebt habe.

Heute wäre meine Mutter 84 Jahre alt geworden. Auch meine Zeit vergeht. Tag für Tag. Sie tut es überraschend schnell. Bei vielen Erinnerungen denke ich: Das war doch gerade erst gestern. Dann rechne ich nach und schon wieder ist es nicht gestern oder vor 3 Jahren passiert, sondern vor 13 oder gar 23 Jahren. Manchmal narrt sie uns ganz schön, die Zeit. Warum? Vielleicht, weil sie’s kann!
Aber heute, da kommen sie plötzlich zur Tür herein – die Muse und die Zeit. Sie sagen: „Such doch nicht so verbissen ein Thema. Ist Dein Leben nicht Thema genug?
Finde heraus, wie alles zusammenhängt. Das Große in der Welt mit Deinem Leben und das Große in Deinem Leben mit der Welt. Schreib es nicht für die anderen. Schreib es doch erstmal für Dich.“
Im Filmepos „Jenseits von Afrika“ bekommt Tanne Blixen (Meryl Streep) nicht nur von Robert Redford romantisch den Kopf gewaschen, sondern sie kann auch auf einen beliebigen ersten Satz, der ihr von ihm angeboten wird, sofort, vor dem Kamin, eine ganze Geschichte entwickeln. Das kann ich leider nicht. Das können wahrscheinlich nur die Wenigsten. Und trotzdem birgt jedes kleine oder auch große Ereignis in unserem Leben, manchmal eben nur ein einziger Satz, spannende Verbindungen. Unsichtbare Fäden, die sich durch Raum und Zeit ziehen. Die man finden kann. Wenn man das will.
Die Muse und die Zeit sind gute Berater. Schreiben als unterhaltsame Selbstfindung, wie konnte ich nur unsere kleine Familientradition vergessen?
Heute fange ich tatsächlich mal an.


Lesehilfe für den geneigten Leser

Jedes Kapitel behandelt ein Thema, das meinen Lebenskreis berührt hat. Meist durchgängig beschrieben, aber mit Zeitsprüngen über mehrere Jahre und Jahrzehnte. So, wie es halt passiert ist. Nun aber ergänzt mit vielen Recherchen, die ich dazu angestellt habe. Oft war ich selbst überrascht, wie das Große in der Welt mit meinem kleinen Leben zusammenhängt und umgekehrt. Es war sehr unterhaltsam, das herauszufinden.
Aber es soll auch für Dich persönlich, lieber Leser, eine unterhaltsame Reise durch die Zeit sein: Zeitgeschichte und Zeitgeschichten. Deshalb solltest Du die jeweiligen Datumsangaben über den Abschnitten beachten, um nicht den Zeit-Faden zu verlieren. Gerne aber auch reflektieren, was Du selbst in der jeweiligen Zeit so getrieben hast.

Ich wünsche: „Gute Unterhaltung und viel Spaß“. Bei einer verrückten Reise durch die Zeit.




1 Lasst die Steine rollen


25. Dezember 1977

Genau am 1.977. Geburtstag des Herrn kamen sie über mich. Die Rolling Stones. Die Könige der kapitalistisch-dekadenten Rockmusik. Genau genommen kamen sie über meine ganze Familie, die am 25. Dezember 1977, einem Sonntag, am festlich gedeckten DDR-Mittagstisch saß, um einer allgemein anerkannten Weihnachtskonvention zu frönen: sich mittags mit toten Vögeln vollzustopfen und nachmittags mit gebackenem Zucker. Übrigens einer in Ost und West gleichermaßen anerkannten Konvention. Also in den beiden Teilen Deutschlands, die sich damals ansonsten unversöhnlich gegenüberzustehen schienen. Wahrscheinlich kommt tatsächlich erst das Fressen und dann die Moral.
Ich war gerade 12 Jahre alt geworden und guckte regelmäßig die ARD-Programmvorschau für die kommende Woche. So etwas gab es in den 70er Jahren. Eine Fernsehzeitung im Fernsehen. In der DDR besonders beliebt, da man sich ja nicht mal so eben eine West-Fernsehzeitung am nächsten Ost-Zeitungskiosk kaufen konnte. Gleiche Sachlage beim damals supermodernen Videotext: Gerade hatte man ihn im Sommer 1977 auf der Internationalen Funkausstellung in West-Berlin erfolgreich vorgestellt. Aber überraschenderweise ließ er sich in unserem Ost-Fernsehgerät vom RFT Staßfurt so einfach finden, wie ein Kamel, das durch ein Nadelöhr passt. Nicht zu verwechseln mit einer Schachtel Camel, die weder durch ein Nadelöhr noch durch die Grenzkontrollen passte.

In der vorweihnachtlichen ARD-Programmvorschau stolperte also mein spätkindliches Interesse über die Ankündigung:

11:30 Sendung mit der Maus
Vorspann Deutsch / Italienisch

12:00 Rockpalast
Rolling Stones im Konzert, Paris 1976 (WDR)

12:45 Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten

Nicht, dass ich mit meinen 12 DDR-Jahren etwas mit dem „Rockpalast“ anfangen konnte. Wir hatten vor anderthalb Jahren in Ost-Berlin den „Palast der Republik“ eingeweiht. Nicht mal den hatte ich bisher gesehen. Auch der/die/das „Rolling Stones“ konnte mein kleines DDR-Gehirn nicht einordnen. Zu einer Zeit, in der Biene Maja, Lolek & Bolek, Pippi Langstrumpf e solo domenica, 11:30 Uhr: Il programma con il mouse (Das war italienisch.) noch meine Wegbegleiter waren. Aber es klang für einen vorpubertären Teenager unglaublich herrlich nach großer weiter Welt. Da meine Eltern auch nichts damit anfangen konnten, wurde am 1. Weihnachtsfeiertag 1977, Punkt 12, die gebratene Ente auf den Tisch und das 1. Programm des Klassenfeindes angestellt. Was mich 12-Jährige dann ereilte, fällt definitiv in die Kategorie: Manche Momente haben keine Ahnung, wie wichtig sie sind. Das Konzert wurde am 06.06.1976 aufgenommen. In 14 Jahren wird der 06.06. (unbewusst oder unterbewusst) mein Hochzeitstag werden.

Die Hausfrau war mit der Essensverteilung beschäftigt und der Hausherr mit der Lobpreisung seiner selbst gemästeten und persönlich umgebrachten Ente. So hatte ich die absolut einmalige Gelegenheit, völlig fasziniert „Honky Tonk Woman“ und „Fool to cry“/„You Gotta Move“/„Happy“ und „Jumping Jack Flash“ zu hören und vor allem zu sehen. Mein kleines 12-Jahre-Universum stand Kopf. Wer und vor allem was („Who the fuck is Biene Maja“) – war das denn???
Ich wurde elektrifi- und infiziert und meine Ente kalt. Als Mr. Jagger sich dann bei „Street Fighting Man“ anfing auszuziehen, wurde der Hausherr dann leider doch auf das dekadente Fernsehspektakel aufmerksam. Sein Entenbein reichte gerade noch, bis Mick himself begann, einen Riesenpenis zu besteigen, um weiße Bettfedersamen ins Publikum zu schießen und mit einem (Zitat der Hausfrau) „Pferdeeimer“ Wasser ins Publikum zu schütten. Mit einem lauten elterlichen Aufschrei wurde das mittägliche, nicht jugendfreie Weihnachtsprogramm beendet. Aber es war zu spät. Der dekadente Bettfedersamen war in der Tat auf jungfräulichen Boden gefallen. Nämlich auf meinen. Der Beginn einer wunderbaren, lebenslangen Freundschaft und neugierigen Faszination.
Faszination natürlich für die Rolling Stones: Unser Gehirn vergisst nicht. Aber auch Faszination für die unglaublich vielfältigen, schillernden Facetten der Musik überhaupt. Dieses unglaubliche Gefühl, etwas zum ersten Mal in völliger, absoluter Begeisterung zu hören, zu erleben oder zu sehen, sollten wir niemals vergessen oder verlieren. Das funktioniert nämlich auch später noch. Auch viel später. Neugier ist ein verdammt unglaubliches Geschenk. Ich liebe Geschenke. Tun wir das nicht alle?

1989 rollen andere Steine. Mauer-Steine. Das ist gut. Denn danach werde ich die größte Rock-’n-Roll-Band der Welt 15mal live erleben dürfen. Ein Konzert fantastischer als das nächste. Am 27. Juli 2022 werde ich sie ein letztes Mal sehen. Charlie wird nicht mehr dabei sein. Er spielt seit dem letzten Sommer in der himmlischen Rockband, die mittlerweile eine exzellente Star-Besetzung hat. Dort jammen und jauchzen sie jeden Tag. Einmal im Monat soll es ein Live-Konzert geben und im Sommer ein himmlisches Open Air. Ich freue mich schon auf mein erstes Ticket.


17. November 2022

Wenn mein geschätzter Großvater früher erzählte: „Damals, aber das ist schon 45 Jahre her …“, hatte mein kleines Gehirn nicht wirklich eine Vorstellung davon, was „schon 45 Jahre her“ bedeutet. Schließlich lebte ich noch in dieser (längst versunkenen) Zeit, in der man unsterblich ist. Aber heute sitze ich ergriffen und dankbar vor meinem Monitor: sehe und vor allem höre Mick, Keith, Charlie & Ronnie. Sie haben viel in ihrem Leben erlebt. Sie können viel erzählen. Aus ihrem Leben. Von einer Zeit, die man auf keinen Fall vergessen sollte. Und wie schon seit 45 Jahren freuen mich einfach nur ihre Neugier und ihre Lebensfreude. Ich habe es im Laufe meines Lebens vielleicht nicht immer bewusst bemerkt: Aber ich war und bin Teil von einem riesengroßen Stück Musikgeschichte. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, ein Rolling Stone zu sein. Aber ich bin mir sicher: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch.

25. Dezember 2022: Ich gucke The Rolling Stones, Live in Paris, Aux Abattoirs (aufgenommen am 06.06.1976). Nach meiner Rockpalast-Fernsehpremiere besitze ich das Konzert mittlerweile als VHS-Kassette, VCD, DVD, Doppel-CD, als Vinyl und Offline-Stream. Falls die Technikevolution weiter so rasant fortschreitet, werde ich es mir wohl demnächst noch implantieren lassen können. Wer weiß. Ich bleibe da mal verdammt neugierig.

„Time is on my side.“

Der 1.977. Geburtstag des Herrn ist jetzt genau 45 Jahre her. Aber es kommt mir vor wie gestern. Und in knapp 14 Jahren wird meine Hochzeit sein … Und von dem dann noch üblichen DDR-Ehekredit werden wir uns unseren ersten Fernseher kaufen, der Videotext besitzt …

Zeit, Du kleine Hure: Was bist Du für ein merkwürdiges Ding.




2. Der König ist tot. Es lebe der König. (I)


17. August 1977

Tagesschausprecher Wilhelm Wieben berichtet in einer ARD-Sondersendung über den gestrigen Tod des King of Rock ’n Roll: Elvis Presley. Hunderte Menschen liegen sich schluchzend in den Armen. Vor einem Eisentor türmen sich Blumen. Manche Bilder brennen sich ein, auch wenn Du noch keinen Bezug dazu hast. Ich kann mich an diese Sendung tatsächlich erinnern. Er war 42 Jahre alt, sagt Wilhelm Wieben. Das ist älter als meine Mutter gerade ist. Also urst-alt, denkt da das elfjährige Kind. Und die Zeit fließt einfach weiter. Unerbittlich und gnadenlos. Aber auch gerecht und gleich für alle.




3 Zeit (I)


Die Zeit ist eine messbare physikalische Größe. Ein Babylonier hat mal festgelegt: aufstehen, Bewässerungssystem für Mesopotamien erfinden, essen, lieben, schlafen. Fertig ist ein Tag. Heute präzisieren über 400 Atomuhren an 60 Standorten weltweit diesen Vorgang. Irgendwas ist auch noch mit GPS. Aber im Prinzip hat sich nicht viel verändert: aufstehen, Bewässerungssystem für das versteppende Ost-Deutschland erfinden, essen, lieben, schlafen. Fertig ist ein Tag.

Die nordisch-germanische Mythologie bedient sich der drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld. Sie stehen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und weben unseren Schicksalsfaden. Sie stehen dafür, dass unser Schicksal irgendwann zu Ende geht. Dass wir der Zeit unterworfen sind. Dabei ist der Satz: „Ich habe keine Zeit.“ faktisch und auch postfaktisch, liebe Telegram-Gemeinde, unwahr. Wahr wird er erst, wenn wir tot sind. Also: richtig tot. Denn auch wenn die Bösen in Gangsterfilmen gerne zischen: „Ich gebe Dir 24 Stunden. Dann ist sie tot“, ist das natürlich physikalisch betrachtet Blödsinn. Niemand kann einem 24 Stunden GEBEN. Und tot ist sie nach 24 Stunden übrigens auch nicht. Denn auch wenn der Gangsterfilm-Regisseur am Filmset andauernd „Cut“ schreit, wird die betreffende Dame natürlich nicht mit einem Messer verletzt und ist nach besagten 24 Stunden noch mopsfidel.

Philosophisch betrachtet, beschreibt die Zeit die Abfolge von Ereignissen: von der Vergangenheit kommend, die Gegenwart erlebend, zur Zukunft hinführend. Eigentlich bezieht sie sich hier meist auf willkürliche, durch Konventionen festgelegte Fixpunkte: Christi Geburt, High Noon oder der Release-Termin der neuen Rammstein-CD. So weit. So „Zeit“. Aber als Albert auf der Bildfläche auftaucht, wird’s kompliziert. Albert Einstein, ihr wisst schon: die Zunge mit dem weißen Wuschelhaar. Gemeinsam mit den drei Raumdimensionen bildet die Zeit nun die vierdimensionale RaumZeit. Und nur jeweils ein einziger Punkt in dieser vierdimensionalen RaumZeit beschreibt die erlebbare Gegenwart – für eine Dauer von zirka 2,7 Sekunden. Wie empfindet man denn bitte schön zirka!! zwei Komma sieben Sekunden? Versucht es. Ich hatte nur mäßigen Erfolg. Aber ich arbeite daran.
Und dann gilt das auch nur für Menschen, Tiere und Aliens, die sich mit der gleichen Geschwindigkeit durch Raum und Zeit bewegen. Ich schlage vor, wir belassen es dabei, denn wenn ich jetzt auch noch mit der Lichtgeschwindigkeit und Zeitreisen um die Ecke komme, bekommen einige wahrscheinlich sofort einen Knoten im Gehirn.
Zeit vergeht eben einfach. Und wir können sie partout nicht umkehren. Eltern bemerken den sich stetig nach vorne abwickelnden Zeitfaden dadurch, dass die Hosen der Kleinen schon wieder zu eng geworden sind. Wenn die Hosen von uns Großen zu eng geworden sind, hat das nichts mit unserem Schicksalsfaden zu tun, sondern mit einem Zwirnsfaden. Damit sind nachts – besonders gerne um die Weihnachtszeit – fiese Zwerge am Werk, die unsere Hosen enger nähen … Ich merke, dass die Zeit vergeht, weil sich schon wieder ein paar meiner geliebten alten Tonträger verabschiedet haben. Alte Tonträger im Sinne von Musik. Nicht betagte Menschen, die einen mineralischen Rohstoff durch die Gegend tragen. Mr. Cliff Burton bleibt auf Metallicas „Kill ‘Em all“-CD mitten im göttlichen Bass-Solo „Anesthesia“ hängen. „Whiplash“ bleibt zumindest hier für immer ungehört. Auf der „Live-Aid“-DVD erscheint nach der Ankündigung der beiden englischen Bobbys nicht der unvergleichliche Freddy Mercury im Wembley-Stadion, sondern blaue Streifen. Und die härteste Heavy-Metal-Kassette aller Zeiten hat Bandsalat …

Nun ja: Alles hat eben seine Zeit, denn Leben ist ein ewiger Abschied. Manche Abschiede sind aber einfach zu zeitig. Ich denke, hier hat jeder sein eigenes „zu-zeitig-Erlebnis“ zu verarbeiten. Der Tod gehört zum Leben dazu. Klar. Aber definitiv nicht in einem Alter, in dem wir noch glauben, unsterblich zu sein.

Elvis Aaron Presley war am 16. August 1977 noch in diesem Alter.
...
5 Sterne
Wertvolles Zeugnis bewegender Zeiten - 03.09.2025
Birgit Kaiser

Für alle, die in der DDR aufgewachsen sind, eine "ganz normale" Kindheit hatten und in ihrer Jugend merkten, dass da was nicht stimmt, ist dieses Buch ein MUSS. Aber auch für die, die bis heute nicht verstehen, woher das kommt, dass wir manchmal anders sind ...Wie wir damit umgegangen sind, uns betäubt haben mit legalen Mitteln, Musik als Droge und als verschwörerisches Medium für verschlüsselte Kritik am System, das kann man hier erfahren. Wie es sich anfühlt, plötzlich so viele Möglichkeiten zu haben und nicht zu wissen, wohin damit. Wichtig, was man nach der Zeit der Verwirrung und Überforderung mit der Freiheit angefangen hat! Da bin ich Antje Groth sehr dankbar dafür, dass sie den aufmüpfigen aber aufrechten Weg beschreibt, abgewandt von Parolen, Hass und Feindlichkeit gegen alles Fremde.Ich bin froh, dass Antje Groth das alles aufgeschrieben hat. Als ich es gelesen habe, fühlte es sich oft an, als hätte ich es selbst geschrieben. Danke für dieses Buch!

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