Das böse K-Wort
Ein Blick hinter die Kulissen von Krebs
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 174
ISBN: 978-3-7116-1652-4
Erscheinungsdatum: 11.05.2026
Martha Robin steht mitten im Leben, als sie die Zweitausbildung zur Religionslehrerin beginnt. Dann erkrankt sie schwer. Um wieder heil zu werden, erzählt sie ihrer Freundin Masim, was sie in Ausbildungsstätte, Kirche und Gesundheitswesen erlebt hat.
Kapitel 1: Will Kür
„Wie ist es dir die letzten drei Jahre ergangen?“, fragt Masim und schenkt mir Kaffee ein. Wir sitzen bei ihr am Küchentisch, vor dem Fenster erheben sich lieblich hell einige Hügel, Kühe grasen auf der Weide.
„Hast du etwas Zeit, dann lese ich dir vor, wie ich meine Krankheit erlebt habe“, erwidere ich.
„Du kannst mir vorlesen, solange du möchtest. Heute kommen ausnahmsweise weder mein Mann noch meine Kinder nach Hause.“
Es geschah in den beiden A-Monaten. Der erste Schlag erfolgte, als Kts, meine Dozentin, auf mich zukam und wie gewohnt innerlich unwillig sagte:
„Es hat nicht gereicht!“
Sie schaute mich dabei kaum an, versteckte sich hinter einer unsichtbaren Membran und legte den Kopf schief. Ich war gerade dem Personenlift des Bildungshauses entstiegen. Verloren streckte mein roter Rollkoffer, der sämtliche Lernutensilien enthielt und mit jedem Semester schwerer wurde, seinen verstellbaren schwarzen Griff in die Luft.
Ich holte Luft und dann kam er, langsam, aber unaufhaltsam, der schwere Elefant, um sich als Zentnerlast auf meine Brust zu setzen. Er würde dort sehr lange sitzen bleiben und mich immer dünner plätten. Zeitgleich sah ich mich auf dem schwarzen Ledersofa sitzen, den Computer vor mir auf den Knien, abgefedert durch ein rotes, stark erhitztes Kissen, den Fernseher zu meiner Rechten. Immer innerlich zerrissen, wollte ich doch auch Zeit für mich haben, etwa um die Olympischen Spiele zu verfolgen. Ein Ohr hörte den Kommentar zum schweizerischen Curlingteam, ein Auge überflog die hinzugefügten Sätze. Vor Anstrengung drückte ich den Computer, der immerzu laut kühlte, an meinen Bauch.
Meine wenigen freien Minuten, die mir Familie, Politik, Studium und Praktikum liessen, steckten in der Seminararbeit, auf die sich Kts Worte bezogen. Nur noch drei Stunden bis Abgabetermin.
Irgendwie hatte ich es geschafft, unter den verlangten 40.000 Zeichen zu bleiben. Ein Höllenritt durch die komplizierten Überlegungen eines fremdsprachigen Philosophen; viel Grundsätzliches, übersetzt und, was noch schwieriger war, zusammengefasst. Im ersten Teil ging es um das Erzählen, im zweiten Teil musste ich einen fachspezifischen Teil einbauen, den Kts unterrichtete. Es hatte sich anstrengend gestaltet, der Dozentin das schriftliche Einverständnis abzuringen, ein zweigeteiltes Werk zu verfassen.
In der Arbeit kamen zuerst grossbogige, grundlegende Überlegungen. Wie wird Zeit vom Menschen wahrgenommen? Bereits Augustinus hat herausgearbeitet, dass dies im Sprechen geschieht. Am Anfang steht die Absicht, wenn der Mensch noch bei sich ist, sich sammelt. Dann folgt die zeitliche Ausdehnung, das Sprechen. Der Ursprung, das (göttliche) verbum, stellt den Zustand dar, als die Welt erschaffen worden ist. Dann erschallt die (menschliche) vox und verhallt. Daraus entsteht eine Zerrissenheit, eine Sehnsucht nach dem idealen Ursprung, zu dem die Menschen aber nicht mehr zurückkönnen. Gemäss dem zitierten Philosophen gestalten wir mit Sprechen die Welt. Insbesondere die Erzählung dient dem Menschen dazu, sein Leben und Handeln zu reflektieren und darin einen Sinn zu suchen. Durch Erzählen machen wir uns die Bedingungen unserer Existenz bewusst und schaffen (eine menschliche) Dauerhaftigkeit, indem sich die anderen auf unser Wort verlassen können.
Meine Arbeit näherte sich ebenso ehrgeizig wie schüchtern dem Thema an, allmählich entstanden breite, ebene Asphaltstrassen neben holprigen, zaghaften Trampelpfaden. Die erarbeiteten Erkenntnisse mussten nur noch zu einer einigermassen ansprechenden Figur zurechtgelegt werden. Wie funktioniert eine Erzählung, wie verhalten sich Fakten gegenüber Fiktion? Was ich zusammengetragen hatte, gewichtete ich für die Exegese der Bibel. Welche Texte waren für welche Altersstufe angemessen? Wieviel Hintergrundwissen musste bereitgestellt werden? Wie weit durfte die Interpretation gehen? Von der Sprachwissenschaft herkommend, stand ich diesbezüglich in der Theologie stets unter Verdacht.
„Wie meinst du das?“, fragt Masim.
Ich erwidere: „Dafür lassen sich die Gedanken des fremdsprachigen Philosophen ebenfalls fruchtbar machen. Es geht darum, den Interpretationsrahmen nicht zu weit, aber auch nicht zu eng zu stecken. Die Sprachwissenschaft neigt zum Ersteren, die Theologie zum Zweiten.“
Einen Monat zuvor hatten Kts und ich bereits zusammengesessen. Aus Zeitgründen musste ich damals vorzeitig und unvollendet die erste Version abgeben. Erwartungsgemäss wurde sie abgelehnt. Vor einer grossen Bücherwand pendelte Kts auf dem Bürostuhl hin und her. Sie sprach davon, dass sie die ausgewählten Texte nicht kenne. Besser wäre es, wenn ich andere Ausführungen nähme, die in der Theologie bereits bekannt seien. Zudem wünschte sie sich, dass ich ein pädagogisches Interpretationsraster erstelle, um eine Gestalt aus der Bibel zu erklären.
Ich schaue von den Notizen auf: „Erst später merke ich, dass sie im Grunde komplett neue Inhalte verlangt … in nur 30 Tagen, die bis zur definiten Abgabe verbleiben.“
Also setzte ich mich hin und bemühte mich, ein Frageraster aus den gewonnenen philosophischen Erkenntnissen zu erstellen und wie verlangt, auf Kts theologisches Fach anzuwenden. Es war absehbar, dass wegen der begrenzten Anzahl Zeichen nicht alle Fragen tiefschürfend beantwortet werden konnten. Ein kurzer Satz wies darauf hin.
Ich entschied mich für die biblische Gestalt, die schwer greifbar, träumend unter Bäumen steht – die sich auf Augenhöhe mit Gott und der vermutlich noch mehrbeinigen Schlange unterhält. Statt Erdbeben oder Vulkane hervorzurufen, greift sie in einen Baum und holt eine Frucht herunter. Kaum je zog ein einfacher Handgriff grössere Konsequenzen nach sich, vor allem für die Frauen.
„Rückblickend muss ich sagen, dass ich mich falsch entschieden habe. Die biblische Mutter ist sehr komplex und lässt sich nicht so nebenbei befragen.“
Bereits meine erste Arbeit, die Proseminararbeit, hatte ich nicht regelkonform erledigt. Nach mündlicher Rücksprache mit dem Dozenten analysierte ich einen Evangeliumstext narratologisch. Das heisst, ich betrachtete ihn als stark erweitertes Verb. Damals war ich motiviert und investierte viel Zeit, auch um die Leserinnen und Leser mit Zusammenfassungen und Fazits an die Hand zu nehmen und durch die Überlegungen zu führen. Die Arbeit war gut ausgestochen, unnötige Texte landeten im Anhang.
„Wie ist die Note gewesen?“, will Masim wissen.
„Bestnote!“, erwidere ich.
„Also bist du in allen Arbeiten immer sehr gut?“
„Eine schriftliche Betrachtung wiederhole ich, weil sie nicht den Vorgaben entspricht. Im zweiten Anlauf nehme ich genau dieselben Sätze und arrangiere sie wie gewünscht. Ansonsten bin ich gut bis sehr gut.“
Die vorliegende Seminararbeit musste ich erledigen, um für die Prüfung zugelassen zu werden. Es gab eine mündliche Vereinbarung zwischen mir und dem Kursverantwortlichen. Um nicht zu viel gleichzeitig erledigen zu müssen, hängte ich ein zusätzliches Jahr an. Die Abschlussprüfung, in der Gruppe vorbereitet und vorgetragen, würde ich mit dem Kurs absolvieren. Das Praktikum würde ich auf drei Jahre verteilen und die beiden grossen Seminararbeiten so, dass ich, entgegen dem Reglement, eine Arbeit vor und eine nach der Prüfung schreibe. Im letzten Jahr würde ich noch die zweite Seminararbeit absolvieren.
„Wir haben doch abgemacht, was ich schreibe“, sagte ich, als ich erneut vor Kts Bücherwand sass. Sie hatte zuvor noch ein Telefonat erledigt.
Ihre Begründung fiel knapp aus:
„Du hast nicht auf mich gehört. Deshalb ist es dir diesmal nicht gelungen!“
Nach einer kurzen Pause sprach Kts weiter, tippte dabei mit dem Zeigefinger immer wieder auf meine Arbeit. Dunkel erinnerte ich mich, dass der Kursverantwortliche erzählt hatte, dass sie einst an der Universität nicht mehr gefördert worden war. Deshalb musste sie zur Bildungsstätte wechseln.
Dumpf schaute ich vor mich hin, ausgelaugt von vier Jahren verpflichteter Präsenz in der Ausbildungsstätte, währenddessen sich zu Hause alles stapelte. Manchmal hatte ich, mangels Zeit, Briefe ungeöffnet in den Abfall geworfen.
Matt erwiderte ich: „Das ist sicher nicht die beste Arbeit, die ich je geschrieben habe. Aber ich verstehe nicht, warum du sie total verwirfst. Ich habe dir doch immer erklärt, dass ich nicht in die Tiefe, sondern in die Breite schreiben möchte. Ein Überblick!“
„Einen Überblick? Darauf habe ich tatsächlich nicht geachtet. Aber du kannst ja Beschwerde einlegen, wenn es dir nicht passt“, erwiderte sie trocken.
In ihrer schriftlichen Begründung bemängelte Kts dann vor allem die Form, überlas grosszügig die Einleitung sowie sämtliche philosophischen Ausführungen. Damit amputierte sie die Hälfte meiner Arbeit. Sprunghaft seien die Gedanken, nicht ausgereift … Die einzige, knapp genügende Note vergab sie in der Sprache.
Leider erfuhr ich nie, wer als Korrektor:in tätig gewesen war. Irgendein Dozent oder eine Dozentin, still vor sich hin lehrend und vermutlich regelmässig mit mir in Kontakt, war zu faul gewesen, die Arbeit als Zweitleser:in ernst zu nehmen. Ich stellte mir vor, wie die Dozentenrunde zusammensass und gelangweilt Kts lauschte, die meine Seminararbeit auseinanderrupfte. Niemand stellte Fragen, alle waren froh, mit der wirren Seminararbeit nichts zu tun zu haben. Vermutlich gingen sie davon aus, dass ich ja rasch wieder eine Arbeit verfassen könne und mal eine Lektion verdient hätte.
Beruhigend fährt mir Masim über den Rücken, während ich still vor mich hin schluchze.
„Wie geht es euch?“, fragte der Supervisor auch am Dienstag danach. Wie immer begann er mit einem Spiel, um uns aufzulockern. Danach sassen wir Kursteilnehmer:innen im Kreis und alle erzählten reihum. Rundt fand sein Praktikum anstrengend, aber die Pfarreileiterin unterstütze ihn. Leider habe sie wenig Zeit. Er habe mit den Jugendlichen seiner Gemeinde in der Kirche übernachtet. Zuvor hätten sie spielerisch die Seitenaltäre erkundet, die eigenen Lieblingssongs gehört und ein Gebet gesprochen.
Auch ich wusste etwas beizutragen: „Mein Leben ist wie am Fliessband bei der Post. Alle 20 Sekunden kommt ein Paket und ich muss entscheiden, in welches Fach ich es lege. So geht es 12 bis 14 Stunden am Tag. Ich bin erschöpft, weiss aber nicht, wie ich das Band abstellen kann. Jetzt habe ich auch noch Probleme mit Kts.“
„Ja, sie ist streng und pingelig. Aber so ist sie halt, die Kts. Bei mir etwa hat sie …“, wurde ich mit kurzen Anekdoten aus dem Leben der anderen getröstet.
„Ich weiss nicht, ob ich mit euch abschliessen kann“, schloss ich. Nach einem kurzen Schweigen begann mein Nachbar zur Linken von seinen Problemen zu erzählen.
In der nächsten Lektion legte uns der Dozent eine Trockenübung vor. In einem Beispiel erfuhren wir von einem Kind: Einzelgänger, von der Klasse in der Pause über den Hof gejagt und misshandelt. Die Mutter: alleinerziehend, Anwältin. In der Übung ruft diese Mutter eines Tages verzweifelt an und erzählt: „Mein Kind ist hochbegabt. Wenn es zu Hause ist, erzählt es mir von der Relativitätstheorie Einsteins und rechnet mit der Zahl µ. Aber in der Schule wird mein Kind nicht verstanden, seine Kameradinnen und Kameraden sind eifersüchtig und meiden es.“
Als zukünftige Religionsverantwortliche durften wir übungshalber vorschlagen, wie wir reagieren würden.
„Diese Mutter ist doch total durchgeknallt. Das kenne ich aus einer meiner Klassen. Hält sich für etwas Besseres und verwöhnt ihren Fratz. Da würde ich gar nichts unternehmen“, ereiferte sich Garibelda.
„Schau dir das Beispiel nochmals an. Welche Rückschlüsse lassen sich auf das Kind und damit auf dein Verhalten ziehen?“, ermahnte der Dozent sanft.
„Wieso erzählst du mir von dieser Übung?“, will Masim wissen.
„Anfänglich ist mir diese Reaktion gar nicht besonders aufgefallen, weil Garibelda immer schnell mit Urteilen zur Hand ist. Erst nachträglich hat mich ein mulmiges Gefühl beschlichen, als ich mir vorzustellen beginne, ich wäre die Mutter oder – noch schlimmer – das mit µ rechnende Kind.“
Bald erhielt ich einen Brief, worin mir die Institutsleiterin mitteilte, dass meine Seminararbeit auch im zweiten Versuch ungenügend war. Abschliessend stand auch die übliche juristische Klausel, dass ich 30 Tage Zeit hätte, gegen die Note Beschwerde einzulegen – und zwar bei der staatlichen Rechtsabteilung. Die ‚Sache‘ hatte die Ausbildungsstätte bereits verlassen.
„Mach es nicht, gib dieser Sache nicht so viel Gewicht“, riet mir Brandt. Er war im zweiten Jahr, noch im Grundstudium, zu unserem Kurs gestossen, als wir viel Theorie hörten über Kirchengeschichte, Grenzen setzen, Altes und Neues Testament. Dieses Wissen wurde konzentriert in Doppellektionen vermittelt. Zwischendurch gab es immer wieder ein Modul, wovon ich dispensiert war. Da hatte ich frei, um in die Bibliothek zu eilen und zu schmökern. Oder ich trank einen Kaffee mit Brandt und wir besprachen die soeben gehörten Ideen. Mein Hirn erwachte aus dem Tiefschlaf, kramte altes Wissen hervor, begann wieder, Argumente aneinanderzureihen. Natürlich gab es auch die langweiligen Stunden, etwa wenn Uraltskripte heruntergelesen wurden. Aber wir Kursteilnehmenden waren ein eingespieltes Team. Jemand stellte eine Frage, die zu langen, meist spannenden Ausführungen seitens der dozierenden Person oder zu Diskussionen im Plenum führte.
Danach, im Aufbaustudium, war es vorbei mit der Aufbruchstimmung. Die Module umfassten vier Lektionen – inhaltlich nicht dichter als die Doppellektionen. Brandt sass neben mir und nutzte die acht Stunden dazu, seine literarischen Notizen ins Reine zu übertragen, seinen Dichterfreunden zu schreiben und alle ‚Behördengänge‘ elektronisch zu erledigen. Schon nach kurzer Zeit tat ich es ihm gleich, starrte auf meinen Computer, schrieb der ganzen Welt, während vorne am Pult jemand dahinplätscherte. Einmal nahm ich Hosen mit, die ausgebessert werden mussten, und hantierte mit Nadel und Faden. Manchmal taten mir die Dozierenden aber auch leid und ich hörte ihnen, wenn sie sich Mühe gaben, meist als Einzige zu.
Masim schüttet Kaffee nach und berührt meine Schulter.
Kurz bevor ein Modul beendet werden konnte, musste ein Leistungsnachweis erbracht werden, meist in schriftlicher Form. Dabei war Schritt für Schritt vorgegeben. Das bedeutete jeweils, dass ein riesiges Paket auf dem Postband auf mich zukam, das spät nachts oder in der Präsenzzeit des nächsten Moduls geschnürt werden musste.
„Lege keine Beschwerde ein“, wiederholte Brandt.
„Aber ich bin doch im Recht! Ich will und kann nicht schweigen!“, konterte ich.
Der Monat ging rasch vorüber, vor allem weil er sich um die Schulferien gruppierte. Es war absolut unmöglich, so kurzfristig ein Gegengutachten zu organisieren. Um mich zu vergewissern, dass ich nicht völlig durch den Wind war und nur noch wirres Zeug geschrieben hatte, bat ich zwei Bekannte, eine Journalistin und einen Theologen, meine 42 Seiten zu lesen und ehrlich zu beurteilen. Beide bescheinigten mir, dass die Einleitung zwar anspruchsvoll, die Arbeit nicht ganz rund, aber gut und spannend zu lesen sei …
Ich erfuhr, als ich interessehalber an einer Universität anrief, dass sie dort für solche Fälle ein internes, unabhängiges Schiedsgericht hätten. Die Leiterin dieser Stelle erzählte mir, dass ihre eigene Dissertation vom Doktorvater vor 20 Jahren ungerecht benotet worden sei. Jahrelang hätte sie darunter gelitten, bis endlich ihr theoretischer Ansatz von einer breiteren Öffentlichkeit gewürdigt worden sei. Zudem meinte eine ehemalige Schulkollegin, die ein eigenes Anwaltsbüro führt, ich solle inhaltlich argumentieren. Was ich dann auch tat.
Mühsam quälte ich mich nun durch die Sätze, die Kts zu meiner Arbeit verfasst hatte. Ich benotete meine eigene Arbeit und kam auf eine 4,93. Kein Überflieger, aber viele anregende Gedanken. Anhand der bewilligten Disposition zeigte ich Punkt für Punkt auf, was besprochen und abgeliefert worden war. Die Übereinstimmung war hoch, zu hoch. Langsam dämmerte es mir, Kts hatte meine Übersichts- als Thesenarbeit korrigiert! Die schriftliche, gegenseitig anerkannte Disposition hatte sie dabei total ausser Acht gelassen.
„Was bedeutet das?“, fragt Masim.
„Ich hätte bereits bei der Besprechung der ersten – unfertigen – Version auf die Disposition pochen müssen. Doch damals ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass sich Kts nicht daran halten könnte. Sie ist es gewesen, die unbedingt eine Disposition gewollt hat. Mir selbst ist diese schriftliche Abmachung gar nicht so wichtig gewesen.“
Termingerecht reichte ich Rekurs ein, kreierte dazu ein eigenes, juristisches Interpretationsraster.
„Ich muss zur Prüfung zugelassen werden, denn ich habe eine genügend gute Seminararbeit abgeliefert. Ich habe mich an die Abmachungen, die ich mit dem Kursverantwortlichen und der Dozentin getroffen habe, gehalten“, meinte ich zur Institutsleiterin. „Ich möchte eine Zweitmeinung. Wenn es nicht anders geht, dann halt durch die Juristin der übergeordneten Behörde.“
„Was ist das für eine Abmachung mit dem Kursverantwortlichen?“, will sie wissen.
Ich erklärte das zusätzliche Jahr und die noch ausstehenden Leistungen. Mir wurde flau im Magen.
„Ich stelle mich hinter meine Dozierenden und habe kein Problem damit, der Institution mit juristischen Mitteln zum Recht zu verhelfen“, beendete die Institutsleiterin das Gespräch.
Am nächsten Tag setzte sich diese hin und verfasste ein zweites Schreiben, das den ersten Entscheid ersetzte. Wie in einem Bienenhaus sei es zugegangen, erzählte mir später mein betreuender Dozent. Und Rundt erzählte mir, dass er hinter einer angelehnten Türe gehört habe:
„Wir wollen sicher nicht per Rekurs eine Seminararbeit anerkennen!“
Im neuen Schreiben wurde festgehalten, dass die laut Reglement verlangten zwei Arbeiten nicht vorliegen. Ich solle die erste nochmals schreiben und eine zweite verfassen, beide mit einer genügenden Note, dann würde ich zur Prüfung zugelassen.
Um mit Rundt und Co. abzuschliessen, fehlte mir nun exakt diejenige Arbeit, von der ich zuvor mündlich durch den Kursverantwortlichen entbunden worden war.
Wieder wende ich mich Masim zu: „Dieser meinte dann Wochen später, bei unserem Abschiedsgespräch: ‚Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist. Ich bin davon ausgegangen, dass du eine 08/15-Arbeit schreibst.‘“
„Hat sonst noch jemand von den Dozierenden mit dir darüber gesprochen?“
„Nein, juristisch darf sich ja niemand in ein ‚laufendes Verfahren‘ einmischen und irgendwie Stellung beziehen“, murmle ich.
Mein Rekurs wurde nicht behandelt, da ich nicht mehr ‚beschwert‘ genug war.
Masim lächelt verstohlen: „Das klingt ziemlich chinesisch für mich.“
„Das ist es auch. Es bedeutet juristisch: Mein Rekurs ist nicht behandelt worden, weil ich noch die ausserjuristische Möglichkeit habe, die Seminararbeit neu zu schreiben. Ich bin also nicht ‚beschwert‘ genug. Wäre diese Möglichkeit nicht mehr gegeben gewesen, hätte ich darauf bestehen können, dass meine vorliegende Seminararbeit beurteilt wird. Da dies länger gedauert hätte, wäre ich vorläufig zur Abschlussprüfung zugelassen worden. Ob ich das Abschlussdiplom erhalten hätte, wäre vom Resultat der Überprüfung der Seminararbeit abhängig gewesen.“
Im vorliegenden Fall war also klar, es würde niemand mehr meine philosophisch-tollen Überlegungen lesen. Der dunkle Elefant setzte sich nach dem Gespräch mit der Institutsleiterin auf alle meine Gliedmassen. Mein Hals war wie zugeschnürt, mein Bauch zog sich zusammen, mein Gehirn spulte im Schleudergang: „Wieso war keine Zweitmeinung möglich?“
„Ich mache die Prüfung nicht mit euch“, sagte ich zu Contée, ebenfalls Mutter – allerdings von drei Kindern –, als sie ein paar Tage später an mich herantrat. Contée litt nicht am Kurs, aber an den Zuständen in der Kirche.
Sie fragte mich: „Was würdest du anders machen, wenn du zurück könntest?“
Ich überlegte kurz und sagte: „Nichts! Ich verfasste eine Disposition und hielt mich daran. Ich schrieb, was mich interessierte. Vor Studienbeginn hatte ich mir selbst versprochen, mir treu zu bleiben – wenigstens in den grossen Abschlussarbeiten … oder doch, ich würde etwas anders machen, mir eine andere Betreuerin aussuchen. Wenn die Chemie nicht stimmt, geht es nicht mehr um die Inhalte.“
„Manchmal muss man sich zurücknehmen“, erwiderte Contée, bevor sie zum Bahnhof eilte.
...
„Wie ist es dir die letzten drei Jahre ergangen?“, fragt Masim und schenkt mir Kaffee ein. Wir sitzen bei ihr am Küchentisch, vor dem Fenster erheben sich lieblich hell einige Hügel, Kühe grasen auf der Weide.
„Hast du etwas Zeit, dann lese ich dir vor, wie ich meine Krankheit erlebt habe“, erwidere ich.
„Du kannst mir vorlesen, solange du möchtest. Heute kommen ausnahmsweise weder mein Mann noch meine Kinder nach Hause.“
Es geschah in den beiden A-Monaten. Der erste Schlag erfolgte, als Kts, meine Dozentin, auf mich zukam und wie gewohnt innerlich unwillig sagte:
„Es hat nicht gereicht!“
Sie schaute mich dabei kaum an, versteckte sich hinter einer unsichtbaren Membran und legte den Kopf schief. Ich war gerade dem Personenlift des Bildungshauses entstiegen. Verloren streckte mein roter Rollkoffer, der sämtliche Lernutensilien enthielt und mit jedem Semester schwerer wurde, seinen verstellbaren schwarzen Griff in die Luft.
Ich holte Luft und dann kam er, langsam, aber unaufhaltsam, der schwere Elefant, um sich als Zentnerlast auf meine Brust zu setzen. Er würde dort sehr lange sitzen bleiben und mich immer dünner plätten. Zeitgleich sah ich mich auf dem schwarzen Ledersofa sitzen, den Computer vor mir auf den Knien, abgefedert durch ein rotes, stark erhitztes Kissen, den Fernseher zu meiner Rechten. Immer innerlich zerrissen, wollte ich doch auch Zeit für mich haben, etwa um die Olympischen Spiele zu verfolgen. Ein Ohr hörte den Kommentar zum schweizerischen Curlingteam, ein Auge überflog die hinzugefügten Sätze. Vor Anstrengung drückte ich den Computer, der immerzu laut kühlte, an meinen Bauch.
Meine wenigen freien Minuten, die mir Familie, Politik, Studium und Praktikum liessen, steckten in der Seminararbeit, auf die sich Kts Worte bezogen. Nur noch drei Stunden bis Abgabetermin.
Irgendwie hatte ich es geschafft, unter den verlangten 40.000 Zeichen zu bleiben. Ein Höllenritt durch die komplizierten Überlegungen eines fremdsprachigen Philosophen; viel Grundsätzliches, übersetzt und, was noch schwieriger war, zusammengefasst. Im ersten Teil ging es um das Erzählen, im zweiten Teil musste ich einen fachspezifischen Teil einbauen, den Kts unterrichtete. Es hatte sich anstrengend gestaltet, der Dozentin das schriftliche Einverständnis abzuringen, ein zweigeteiltes Werk zu verfassen.
In der Arbeit kamen zuerst grossbogige, grundlegende Überlegungen. Wie wird Zeit vom Menschen wahrgenommen? Bereits Augustinus hat herausgearbeitet, dass dies im Sprechen geschieht. Am Anfang steht die Absicht, wenn der Mensch noch bei sich ist, sich sammelt. Dann folgt die zeitliche Ausdehnung, das Sprechen. Der Ursprung, das (göttliche) verbum, stellt den Zustand dar, als die Welt erschaffen worden ist. Dann erschallt die (menschliche) vox und verhallt. Daraus entsteht eine Zerrissenheit, eine Sehnsucht nach dem idealen Ursprung, zu dem die Menschen aber nicht mehr zurückkönnen. Gemäss dem zitierten Philosophen gestalten wir mit Sprechen die Welt. Insbesondere die Erzählung dient dem Menschen dazu, sein Leben und Handeln zu reflektieren und darin einen Sinn zu suchen. Durch Erzählen machen wir uns die Bedingungen unserer Existenz bewusst und schaffen (eine menschliche) Dauerhaftigkeit, indem sich die anderen auf unser Wort verlassen können.
Meine Arbeit näherte sich ebenso ehrgeizig wie schüchtern dem Thema an, allmählich entstanden breite, ebene Asphaltstrassen neben holprigen, zaghaften Trampelpfaden. Die erarbeiteten Erkenntnisse mussten nur noch zu einer einigermassen ansprechenden Figur zurechtgelegt werden. Wie funktioniert eine Erzählung, wie verhalten sich Fakten gegenüber Fiktion? Was ich zusammengetragen hatte, gewichtete ich für die Exegese der Bibel. Welche Texte waren für welche Altersstufe angemessen? Wieviel Hintergrundwissen musste bereitgestellt werden? Wie weit durfte die Interpretation gehen? Von der Sprachwissenschaft herkommend, stand ich diesbezüglich in der Theologie stets unter Verdacht.
„Wie meinst du das?“, fragt Masim.
Ich erwidere: „Dafür lassen sich die Gedanken des fremdsprachigen Philosophen ebenfalls fruchtbar machen. Es geht darum, den Interpretationsrahmen nicht zu weit, aber auch nicht zu eng zu stecken. Die Sprachwissenschaft neigt zum Ersteren, die Theologie zum Zweiten.“
Einen Monat zuvor hatten Kts und ich bereits zusammengesessen. Aus Zeitgründen musste ich damals vorzeitig und unvollendet die erste Version abgeben. Erwartungsgemäss wurde sie abgelehnt. Vor einer grossen Bücherwand pendelte Kts auf dem Bürostuhl hin und her. Sie sprach davon, dass sie die ausgewählten Texte nicht kenne. Besser wäre es, wenn ich andere Ausführungen nähme, die in der Theologie bereits bekannt seien. Zudem wünschte sie sich, dass ich ein pädagogisches Interpretationsraster erstelle, um eine Gestalt aus der Bibel zu erklären.
Ich schaue von den Notizen auf: „Erst später merke ich, dass sie im Grunde komplett neue Inhalte verlangt … in nur 30 Tagen, die bis zur definiten Abgabe verbleiben.“
Also setzte ich mich hin und bemühte mich, ein Frageraster aus den gewonnenen philosophischen Erkenntnissen zu erstellen und wie verlangt, auf Kts theologisches Fach anzuwenden. Es war absehbar, dass wegen der begrenzten Anzahl Zeichen nicht alle Fragen tiefschürfend beantwortet werden konnten. Ein kurzer Satz wies darauf hin.
Ich entschied mich für die biblische Gestalt, die schwer greifbar, träumend unter Bäumen steht – die sich auf Augenhöhe mit Gott und der vermutlich noch mehrbeinigen Schlange unterhält. Statt Erdbeben oder Vulkane hervorzurufen, greift sie in einen Baum und holt eine Frucht herunter. Kaum je zog ein einfacher Handgriff grössere Konsequenzen nach sich, vor allem für die Frauen.
„Rückblickend muss ich sagen, dass ich mich falsch entschieden habe. Die biblische Mutter ist sehr komplex und lässt sich nicht so nebenbei befragen.“
Bereits meine erste Arbeit, die Proseminararbeit, hatte ich nicht regelkonform erledigt. Nach mündlicher Rücksprache mit dem Dozenten analysierte ich einen Evangeliumstext narratologisch. Das heisst, ich betrachtete ihn als stark erweitertes Verb. Damals war ich motiviert und investierte viel Zeit, auch um die Leserinnen und Leser mit Zusammenfassungen und Fazits an die Hand zu nehmen und durch die Überlegungen zu führen. Die Arbeit war gut ausgestochen, unnötige Texte landeten im Anhang.
„Wie ist die Note gewesen?“, will Masim wissen.
„Bestnote!“, erwidere ich.
„Also bist du in allen Arbeiten immer sehr gut?“
„Eine schriftliche Betrachtung wiederhole ich, weil sie nicht den Vorgaben entspricht. Im zweiten Anlauf nehme ich genau dieselben Sätze und arrangiere sie wie gewünscht. Ansonsten bin ich gut bis sehr gut.“
Die vorliegende Seminararbeit musste ich erledigen, um für die Prüfung zugelassen zu werden. Es gab eine mündliche Vereinbarung zwischen mir und dem Kursverantwortlichen. Um nicht zu viel gleichzeitig erledigen zu müssen, hängte ich ein zusätzliches Jahr an. Die Abschlussprüfung, in der Gruppe vorbereitet und vorgetragen, würde ich mit dem Kurs absolvieren. Das Praktikum würde ich auf drei Jahre verteilen und die beiden grossen Seminararbeiten so, dass ich, entgegen dem Reglement, eine Arbeit vor und eine nach der Prüfung schreibe. Im letzten Jahr würde ich noch die zweite Seminararbeit absolvieren.
„Wir haben doch abgemacht, was ich schreibe“, sagte ich, als ich erneut vor Kts Bücherwand sass. Sie hatte zuvor noch ein Telefonat erledigt.
Ihre Begründung fiel knapp aus:
„Du hast nicht auf mich gehört. Deshalb ist es dir diesmal nicht gelungen!“
Nach einer kurzen Pause sprach Kts weiter, tippte dabei mit dem Zeigefinger immer wieder auf meine Arbeit. Dunkel erinnerte ich mich, dass der Kursverantwortliche erzählt hatte, dass sie einst an der Universität nicht mehr gefördert worden war. Deshalb musste sie zur Bildungsstätte wechseln.
Dumpf schaute ich vor mich hin, ausgelaugt von vier Jahren verpflichteter Präsenz in der Ausbildungsstätte, währenddessen sich zu Hause alles stapelte. Manchmal hatte ich, mangels Zeit, Briefe ungeöffnet in den Abfall geworfen.
Matt erwiderte ich: „Das ist sicher nicht die beste Arbeit, die ich je geschrieben habe. Aber ich verstehe nicht, warum du sie total verwirfst. Ich habe dir doch immer erklärt, dass ich nicht in die Tiefe, sondern in die Breite schreiben möchte. Ein Überblick!“
„Einen Überblick? Darauf habe ich tatsächlich nicht geachtet. Aber du kannst ja Beschwerde einlegen, wenn es dir nicht passt“, erwiderte sie trocken.
In ihrer schriftlichen Begründung bemängelte Kts dann vor allem die Form, überlas grosszügig die Einleitung sowie sämtliche philosophischen Ausführungen. Damit amputierte sie die Hälfte meiner Arbeit. Sprunghaft seien die Gedanken, nicht ausgereift … Die einzige, knapp genügende Note vergab sie in der Sprache.
Leider erfuhr ich nie, wer als Korrektor:in tätig gewesen war. Irgendein Dozent oder eine Dozentin, still vor sich hin lehrend und vermutlich regelmässig mit mir in Kontakt, war zu faul gewesen, die Arbeit als Zweitleser:in ernst zu nehmen. Ich stellte mir vor, wie die Dozentenrunde zusammensass und gelangweilt Kts lauschte, die meine Seminararbeit auseinanderrupfte. Niemand stellte Fragen, alle waren froh, mit der wirren Seminararbeit nichts zu tun zu haben. Vermutlich gingen sie davon aus, dass ich ja rasch wieder eine Arbeit verfassen könne und mal eine Lektion verdient hätte.
Beruhigend fährt mir Masim über den Rücken, während ich still vor mich hin schluchze.
„Wie geht es euch?“, fragte der Supervisor auch am Dienstag danach. Wie immer begann er mit einem Spiel, um uns aufzulockern. Danach sassen wir Kursteilnehmer:innen im Kreis und alle erzählten reihum. Rundt fand sein Praktikum anstrengend, aber die Pfarreileiterin unterstütze ihn. Leider habe sie wenig Zeit. Er habe mit den Jugendlichen seiner Gemeinde in der Kirche übernachtet. Zuvor hätten sie spielerisch die Seitenaltäre erkundet, die eigenen Lieblingssongs gehört und ein Gebet gesprochen.
Auch ich wusste etwas beizutragen: „Mein Leben ist wie am Fliessband bei der Post. Alle 20 Sekunden kommt ein Paket und ich muss entscheiden, in welches Fach ich es lege. So geht es 12 bis 14 Stunden am Tag. Ich bin erschöpft, weiss aber nicht, wie ich das Band abstellen kann. Jetzt habe ich auch noch Probleme mit Kts.“
„Ja, sie ist streng und pingelig. Aber so ist sie halt, die Kts. Bei mir etwa hat sie …“, wurde ich mit kurzen Anekdoten aus dem Leben der anderen getröstet.
„Ich weiss nicht, ob ich mit euch abschliessen kann“, schloss ich. Nach einem kurzen Schweigen begann mein Nachbar zur Linken von seinen Problemen zu erzählen.
In der nächsten Lektion legte uns der Dozent eine Trockenübung vor. In einem Beispiel erfuhren wir von einem Kind: Einzelgänger, von der Klasse in der Pause über den Hof gejagt und misshandelt. Die Mutter: alleinerziehend, Anwältin. In der Übung ruft diese Mutter eines Tages verzweifelt an und erzählt: „Mein Kind ist hochbegabt. Wenn es zu Hause ist, erzählt es mir von der Relativitätstheorie Einsteins und rechnet mit der Zahl µ. Aber in der Schule wird mein Kind nicht verstanden, seine Kameradinnen und Kameraden sind eifersüchtig und meiden es.“
Als zukünftige Religionsverantwortliche durften wir übungshalber vorschlagen, wie wir reagieren würden.
„Diese Mutter ist doch total durchgeknallt. Das kenne ich aus einer meiner Klassen. Hält sich für etwas Besseres und verwöhnt ihren Fratz. Da würde ich gar nichts unternehmen“, ereiferte sich Garibelda.
„Schau dir das Beispiel nochmals an. Welche Rückschlüsse lassen sich auf das Kind und damit auf dein Verhalten ziehen?“, ermahnte der Dozent sanft.
„Wieso erzählst du mir von dieser Übung?“, will Masim wissen.
„Anfänglich ist mir diese Reaktion gar nicht besonders aufgefallen, weil Garibelda immer schnell mit Urteilen zur Hand ist. Erst nachträglich hat mich ein mulmiges Gefühl beschlichen, als ich mir vorzustellen beginne, ich wäre die Mutter oder – noch schlimmer – das mit µ rechnende Kind.“
Bald erhielt ich einen Brief, worin mir die Institutsleiterin mitteilte, dass meine Seminararbeit auch im zweiten Versuch ungenügend war. Abschliessend stand auch die übliche juristische Klausel, dass ich 30 Tage Zeit hätte, gegen die Note Beschwerde einzulegen – und zwar bei der staatlichen Rechtsabteilung. Die ‚Sache‘ hatte die Ausbildungsstätte bereits verlassen.
„Mach es nicht, gib dieser Sache nicht so viel Gewicht“, riet mir Brandt. Er war im zweiten Jahr, noch im Grundstudium, zu unserem Kurs gestossen, als wir viel Theorie hörten über Kirchengeschichte, Grenzen setzen, Altes und Neues Testament. Dieses Wissen wurde konzentriert in Doppellektionen vermittelt. Zwischendurch gab es immer wieder ein Modul, wovon ich dispensiert war. Da hatte ich frei, um in die Bibliothek zu eilen und zu schmökern. Oder ich trank einen Kaffee mit Brandt und wir besprachen die soeben gehörten Ideen. Mein Hirn erwachte aus dem Tiefschlaf, kramte altes Wissen hervor, begann wieder, Argumente aneinanderzureihen. Natürlich gab es auch die langweiligen Stunden, etwa wenn Uraltskripte heruntergelesen wurden. Aber wir Kursteilnehmenden waren ein eingespieltes Team. Jemand stellte eine Frage, die zu langen, meist spannenden Ausführungen seitens der dozierenden Person oder zu Diskussionen im Plenum führte.
Danach, im Aufbaustudium, war es vorbei mit der Aufbruchstimmung. Die Module umfassten vier Lektionen – inhaltlich nicht dichter als die Doppellektionen. Brandt sass neben mir und nutzte die acht Stunden dazu, seine literarischen Notizen ins Reine zu übertragen, seinen Dichterfreunden zu schreiben und alle ‚Behördengänge‘ elektronisch zu erledigen. Schon nach kurzer Zeit tat ich es ihm gleich, starrte auf meinen Computer, schrieb der ganzen Welt, während vorne am Pult jemand dahinplätscherte. Einmal nahm ich Hosen mit, die ausgebessert werden mussten, und hantierte mit Nadel und Faden. Manchmal taten mir die Dozierenden aber auch leid und ich hörte ihnen, wenn sie sich Mühe gaben, meist als Einzige zu.
Masim schüttet Kaffee nach und berührt meine Schulter.
Kurz bevor ein Modul beendet werden konnte, musste ein Leistungsnachweis erbracht werden, meist in schriftlicher Form. Dabei war Schritt für Schritt vorgegeben. Das bedeutete jeweils, dass ein riesiges Paket auf dem Postband auf mich zukam, das spät nachts oder in der Präsenzzeit des nächsten Moduls geschnürt werden musste.
„Lege keine Beschwerde ein“, wiederholte Brandt.
„Aber ich bin doch im Recht! Ich will und kann nicht schweigen!“, konterte ich.
Der Monat ging rasch vorüber, vor allem weil er sich um die Schulferien gruppierte. Es war absolut unmöglich, so kurzfristig ein Gegengutachten zu organisieren. Um mich zu vergewissern, dass ich nicht völlig durch den Wind war und nur noch wirres Zeug geschrieben hatte, bat ich zwei Bekannte, eine Journalistin und einen Theologen, meine 42 Seiten zu lesen und ehrlich zu beurteilen. Beide bescheinigten mir, dass die Einleitung zwar anspruchsvoll, die Arbeit nicht ganz rund, aber gut und spannend zu lesen sei …
Ich erfuhr, als ich interessehalber an einer Universität anrief, dass sie dort für solche Fälle ein internes, unabhängiges Schiedsgericht hätten. Die Leiterin dieser Stelle erzählte mir, dass ihre eigene Dissertation vom Doktorvater vor 20 Jahren ungerecht benotet worden sei. Jahrelang hätte sie darunter gelitten, bis endlich ihr theoretischer Ansatz von einer breiteren Öffentlichkeit gewürdigt worden sei. Zudem meinte eine ehemalige Schulkollegin, die ein eigenes Anwaltsbüro führt, ich solle inhaltlich argumentieren. Was ich dann auch tat.
Mühsam quälte ich mich nun durch die Sätze, die Kts zu meiner Arbeit verfasst hatte. Ich benotete meine eigene Arbeit und kam auf eine 4,93. Kein Überflieger, aber viele anregende Gedanken. Anhand der bewilligten Disposition zeigte ich Punkt für Punkt auf, was besprochen und abgeliefert worden war. Die Übereinstimmung war hoch, zu hoch. Langsam dämmerte es mir, Kts hatte meine Übersichts- als Thesenarbeit korrigiert! Die schriftliche, gegenseitig anerkannte Disposition hatte sie dabei total ausser Acht gelassen.
„Was bedeutet das?“, fragt Masim.
„Ich hätte bereits bei der Besprechung der ersten – unfertigen – Version auf die Disposition pochen müssen. Doch damals ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass sich Kts nicht daran halten könnte. Sie ist es gewesen, die unbedingt eine Disposition gewollt hat. Mir selbst ist diese schriftliche Abmachung gar nicht so wichtig gewesen.“
Termingerecht reichte ich Rekurs ein, kreierte dazu ein eigenes, juristisches Interpretationsraster.
„Ich muss zur Prüfung zugelassen werden, denn ich habe eine genügend gute Seminararbeit abgeliefert. Ich habe mich an die Abmachungen, die ich mit dem Kursverantwortlichen und der Dozentin getroffen habe, gehalten“, meinte ich zur Institutsleiterin. „Ich möchte eine Zweitmeinung. Wenn es nicht anders geht, dann halt durch die Juristin der übergeordneten Behörde.“
„Was ist das für eine Abmachung mit dem Kursverantwortlichen?“, will sie wissen.
Ich erklärte das zusätzliche Jahr und die noch ausstehenden Leistungen. Mir wurde flau im Magen.
„Ich stelle mich hinter meine Dozierenden und habe kein Problem damit, der Institution mit juristischen Mitteln zum Recht zu verhelfen“, beendete die Institutsleiterin das Gespräch.
Am nächsten Tag setzte sich diese hin und verfasste ein zweites Schreiben, das den ersten Entscheid ersetzte. Wie in einem Bienenhaus sei es zugegangen, erzählte mir später mein betreuender Dozent. Und Rundt erzählte mir, dass er hinter einer angelehnten Türe gehört habe:
„Wir wollen sicher nicht per Rekurs eine Seminararbeit anerkennen!“
Im neuen Schreiben wurde festgehalten, dass die laut Reglement verlangten zwei Arbeiten nicht vorliegen. Ich solle die erste nochmals schreiben und eine zweite verfassen, beide mit einer genügenden Note, dann würde ich zur Prüfung zugelassen.
Um mit Rundt und Co. abzuschliessen, fehlte mir nun exakt diejenige Arbeit, von der ich zuvor mündlich durch den Kursverantwortlichen entbunden worden war.
Wieder wende ich mich Masim zu: „Dieser meinte dann Wochen später, bei unserem Abschiedsgespräch: ‚Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist. Ich bin davon ausgegangen, dass du eine 08/15-Arbeit schreibst.‘“
„Hat sonst noch jemand von den Dozierenden mit dir darüber gesprochen?“
„Nein, juristisch darf sich ja niemand in ein ‚laufendes Verfahren‘ einmischen und irgendwie Stellung beziehen“, murmle ich.
Mein Rekurs wurde nicht behandelt, da ich nicht mehr ‚beschwert‘ genug war.
Masim lächelt verstohlen: „Das klingt ziemlich chinesisch für mich.“
„Das ist es auch. Es bedeutet juristisch: Mein Rekurs ist nicht behandelt worden, weil ich noch die ausserjuristische Möglichkeit habe, die Seminararbeit neu zu schreiben. Ich bin also nicht ‚beschwert‘ genug. Wäre diese Möglichkeit nicht mehr gegeben gewesen, hätte ich darauf bestehen können, dass meine vorliegende Seminararbeit beurteilt wird. Da dies länger gedauert hätte, wäre ich vorläufig zur Abschlussprüfung zugelassen worden. Ob ich das Abschlussdiplom erhalten hätte, wäre vom Resultat der Überprüfung der Seminararbeit abhängig gewesen.“
Im vorliegenden Fall war also klar, es würde niemand mehr meine philosophisch-tollen Überlegungen lesen. Der dunkle Elefant setzte sich nach dem Gespräch mit der Institutsleiterin auf alle meine Gliedmassen. Mein Hals war wie zugeschnürt, mein Bauch zog sich zusammen, mein Gehirn spulte im Schleudergang: „Wieso war keine Zweitmeinung möglich?“
„Ich mache die Prüfung nicht mit euch“, sagte ich zu Contée, ebenfalls Mutter – allerdings von drei Kindern –, als sie ein paar Tage später an mich herantrat. Contée litt nicht am Kurs, aber an den Zuständen in der Kirche.
Sie fragte mich: „Was würdest du anders machen, wenn du zurück könntest?“
Ich überlegte kurz und sagte: „Nichts! Ich verfasste eine Disposition und hielt mich daran. Ich schrieb, was mich interessierte. Vor Studienbeginn hatte ich mir selbst versprochen, mir treu zu bleiben – wenigstens in den grossen Abschlussarbeiten … oder doch, ich würde etwas anders machen, mir eine andere Betreuerin aussuchen. Wenn die Chemie nicht stimmt, geht es nicht mehr um die Inhalte.“
„Manchmal muss man sich zurücknehmen“, erwiderte Contée, bevor sie zum Bahnhof eilte.
...

