Einsamkeit von Senioren

Einsamkeit von Senioren

Cordula Ferber


EUR 28,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 362
ISBN: 978-3-99130-176-9
Erscheinungsdatum: 29.12.2022
„Altwerden ist nichts für Feiglinge“, schrieb Joachim Fuchsberger. Ein Blick hinter die Kulissen der Seniorenheime zeigt die traurige Wahrheit. Verschärft durch die Isolierung unter Corona, wird das würdevolle Altern in unserer Gesellschaft infrage gestellt.
Abstract

Die SARS-CoV-2-Pandemie bestimmt seit Anfang 2020 unser Leben. Die im Zuge der Pandemie verhängten Kontaktbeschränkungen warfen ein Thema auf, das zuvor wenig Beachtung fand: die Einsamkeit von Senioren. Einsamkeit kann nachweislich krank machen, sie beeinträchtigt Körper, Geist und Seele gleichermaßen und trifft alte Menschen in besonderem Maß, da sie hierfür eine vulnerable Gruppe darstellen. In dieser Masterarbeit wurde danach gefragt, wie das Helfernetzwerk rund um die Senioren dieses Phänomen wahrnimmt und welche Handlungsmöglichkeiten daraus abgeleitet werden. Hierzu wurden die Forschungsfragen gestellt: Wie wird das Thema Einsamkeit von Experten der Seniorenpflege wahrgenommen, und wie erlebten sie das während der Zeit der Kontaktbeschränkungen? Erkennen die Experten einen Zusammenhang zwischen der Einsamkeit in der SARS-CoV-2-Pandemie und einer Verschlechterung des Gesundheitszustands? Welchen Handlungsauftrag und welche Interventionsmöglichkeiten erkennen die Fachkräfte dabei? Für die Beantwortung dieser Fragen wurden zwölf leitfadengestützte Interviews mit Experten der Seniorenpflege durchgeführt und nach Mayring (2015) ausgewertet. Im Ergebnis wurde ersichtlich, dass es eine Vielzahl an Angeboten für Senioren gibt, die jedoch den Bedarf nicht abdecken können. Da die Angebote dann in der Zeit der Kontaktbeschränkungen ausgesetzt wurden, verschlechterte sich insbesondere der psychische Gesundheitszustand vieler Senioren, die sich zurückzogen haben und auch heute kaum noch zu motivieren sind, wieder am Leben teilzunehmen. Die Auswertungen zeigten, dass den Experten diese Situation bewusst ist. Sie benannten als herausragende Komponenten zur Hilfe gegen die Einsamkeit im Alter die Resilienz des Einzelnen und die Wichtigkeit sozialer Zuwendung. Aufgrund der hohen Arbeitsbelastung der Pflegekräfte ist es ihnen nicht möglich, diesen Bedarf zu decken, sodass eine gesellschaftliche und politische Verantwortungsfrage offengelegt wurde. Im Zuge ethischer und kritisch-wissenschaftlicher Überlegungen wurden in dieser Arbeit Handlungsansätze erarbeitet sowie eine Betonung auf die Reflexion der Arbeitssituation von Pflegekräften gelegt.



Teil I
Hinführung zum Thema


1
Einsamkeit in der Zeit der Kontaktbeschränkungen

Das Telefon läutet am späten Vormittag im Mai 2020. Frau W. ist gerade im Büro, als ihr Vater anruft. „Bitte komm vorbei. Es geht mir nicht gut!“ Wie schon häufiger zuvor lässt sich Frau W. für einige Stunden freistellen und fährt die 30 km bis zum Pflegeheim ihres Vaters, in das er aus freien Stücken sechs Monate zuvor eingezogen ist. Damals war er im Elternhaus gestürzt und wurde erst Stunden später von einer Nachbarin gefunden. Nach dem Klinikaufenthalt traute er sich nicht mehr zu, alleine zu wohnen. Als Frau W. am Pflegeheim angekommen ist, ruft sie über das Mobiltelefon beim Vater an, der daraufhin mit dem Telefon am Ohr am Fenster erscheint. Näherer Kontakt ist nicht erlaubt. „Was ist denn los?“, fragt Frau W. Ihr Vater weint. „Ich fühl mich so alleine“, sagt er. Frau W. berichtet in einem sehr persönlichen Gespräch von ihren Erlebnissen mit dem alternden Vater, die für sehr viele Menschen seit Anfang des Jahres 2020 nachvollziehbar sind.
Die Covid-19-Pandemie bestimmt seit etwa März 2020 viele Lebensbereiche der Menschen. Aufgrund der Ansteckungsfähigkeit von SARS-CoV‑2 (severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2) sind Kontaktbeschränkungen eine Erforderlichkeit, sowohl prophylaktisch als auch in der Akutsituation. „Das SARS-CoV‑2-Virus wird insbesondere durch Tröpfcheninfektion und zudem durch Aerosole übertragen und besiedelt die Atemwege“ (Heinemann et al., 2021, S. 7). Zu den staatlichen Regularien, die die Pandemie eindämmen sollen, gehört in diesem Zusammenhang die Kontaktbegrenzung für die Bevölkerung. Die Auseinandersetzung mit den Konsequenzen dieser Einschränkung führt in Folge der Erlebnisse der letzten Jahre zu einem Thema, das gesellschaftlich zuvor kaum Beachtung fand: dem Thema Einsamkeit unter Senioren. „Anfang 2018 wurde in Großbritannien ein Ministerium gegen Einsamkeit errichtet, und auch in Deutschland mehren sich die Stimmen, dass es eine Antwort von Gesellschaft und Politik auf die zunehmende Einsamkeit in der Bevölkerung braucht“ (Bürklin, 2019, S. 1). Ziel dieses britischen Ministeriums ist es, der Einsamkeit in der Bevölkerung als „der größten Herausforderung unserer Zeit“ mit Erforschung zuleibe zu rücken und diese „im Gesundheitssektor zu fördern“ (Bergmann, 2020, S. 2). Im Englischen gibt es für den Begriff Einsamkeit zwei Wörter: loneliness und solitude. Der Begriff loneliness ist „immer negativ konnotiert“, während solitude auch auf positive Empfindungen von Einsamkeit hinweisen kann (ebd., S. 3). Im Deutschen ist der Begriff eher negativ geprägt, wobei man auch aktiv die Einsamkeit suchen kann, frei wählen und genießen. Tatsächlich beginnt die negative Prägung durch Einsamkeit dann, wenn man ihr nicht mehr entkommt und darunter leidet. Dann beschreibt man sich in der Regel nicht mehr als alleine, sondern als einsam. Durch das Leid unter der Einsamkeit droht der Mensch krank zu werden und fühlt sich in zunehmendem Maß nicht mehr in der Lage, sich aus seiner Situation zu befreien. Heinemann et al., 2021, weisen in einer Stellungnahme des Ethikrates darauf hin, in diesem Zusammenhang auf Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie auf alleinstehende Pflegebedürftige im häuslichen Umfeld ein besonderes Augenmerk zu richten. Soziale Kontakte sind für Menschen lebensnotwendig, wichtig für die seelische Gesundheit und den Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit. Bereits der Umzug in eine Pflegeeinrichtung, so Heinemann et al. (2021), stellt „eine existentielle Veränderung der lebensweltlichen Situation des Betroffenen“ dar (ebd., S. 10). In diesem Zusammenhang arbeiten die Autoren heraus, dass es die Menschenwürde gebietet, den Einzelnen in seinem „Ermöglichungsraum (…) persönlich-kommunikativen Erlebens unter Einbezug von Außenkontakten“ nicht zu verletzen (ebd., S. 10). Dies gilt bis hin zu dem Wunsch, einem Sterbenden die Bitte nach Nähe und Besuch einer nahestehenden Person zu erfüllen (vgl. ebd., S. 10 f.). Die Corona-Schutzverordnungen der Länder bestimmten in diesem Sinne am 30.11.2020 und 11.01.2021:

„§ 1h Einschränkungen für Krankenhäuser, Einrichtungen für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf und ambulante Pflegedienste

(1) Der Zutritt von Besuchern und externen Personen zu Krankenhäusern und stationären Einrichtungen für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf ist nur nach vorherigem negativem Antigentest und mit einem Atemschutz, welcher die Anforderungen der DIN EN 149:2001 (FFP2) oder eines vergleichbaren Standards erfüllt, zulässig.“ (www.Baden-Württemberg.de/Corona-Verordnung)

Die Schwierigkeit besteht in der Umsetzung der Vorschriften unter Einhaltung aller Hygiene- und Schutzmaßnahmen sowie der Abwägung der Grundrechte und Grundbedürfnisse der Bewohner. Die Bewohner von Altenhilfeeinrichtungen gelten als besondere Risikogruppe in Bezug auf SARS-CoV‑2. Im Ärzteblatt vom 08.03.2021 war zu lesen, dass es seit der Pandemie alleine 29 000 Corona-Tote in Seniorenheimen gab. Bei der Risikogruppe der Senioren kommt hinzu, dass diese häufig unter weiteren körperlichen, alterstypischen Erkrankungen leiden (vgl. Heinemann et al., 2021, S. 14). Auch „hirnorganische Veränderungen (…) etwa in Form eines dementiellen Syndroms“ führen häufig zu der Notwendigkeit, dem Einzelnen viel Aufmerksamkeit und Zuwendung zukommen zu lassen, um der Fürsorgepflicht gerecht zu werden. Dabei ist Fürsorgepflicht zu verstehen als die Orientierung am Wohl der Bewohner und ist darauf ausgerichtet, seine Würde zu bewahren (vgl. ebd., S. 18).

„Soziale Kontaktbeschränkungen über einen längeren Zeitraum können bei Menschen, insbesondere im fortgeschrittenen Lebensalter oder wenn sie nicht mehr in der Lage sind, die zugrunde liegende Situation zu verstehen und richtig einzuordnen, u. U. zu einer ausgeprägten Deprivation mit körperlichen und psychischen Folgen wie sinkendem Lebensmut, Apathie, der Entwicklung einer Depression, Appetitlosigkeit und einer Abnahme kognitiver Fähigkeiten führen“ (ebd., S. 16).

Hospitalismus ist ein Leidenszustand, der den Menschen physisch und psychisch krankheitsanfälliger macht und letztlich dazu führen kann, dass der Mensch seinen Lebenswillen verliert (vgl. ebd.) Die Schwierigkeit eines Altenpflegeheims besteht somit darin, den notwendigen Kontaktbeschränkungen zum Infektionsschutz einerseits, dem Grundsatz des Nicht-Schadens des Bewohners andererseits gerecht zu werden. Um sich dem Thema Einsamkeit von Senioren anzunähern, wurde der aktuelle Forschungsstand betrachtet. Insbesondere seit den 70er-Jahren findet man Studien zum Thema Einsamkeit. Als maßgebliche Forscher und Autoren sind hier zu nennen: Weiss, R. S. (1973), „Loneliness. The experience of emotional and social isolation“ und Peplau und Perlman (1982) in „Loneliness. A Sourcebook of Current Theory, Research and Therapy.“ In den 90er-Jahren erschien in Deutschland das Werk „Einsamkeit. Psychologische Konzepte, Forschungsbefunde und Treatmentansätze“ von Elbing (1991), in dem er eine Zusammenfassung der aktuellen Forschung darlegt sowie ein Interaktionsmodell beschreibt. Cacioppo und Hawkley (2009 und 2010) beschrieben im letzten Jahrzehnt das Thema Einsamkeit im Rahmen einer ganzheitlichen und auch neurobiologischen Betrachtung. Spitzer, M. (2018) befasste sich in seinem Werk „Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit: Schmerzhaft, ansteckend, tödlich“ mit dem Thema und legte aktuelle Forschungsergebnisse vor (vgl. Bürklin, 2019, S. 4 f.).
Aktuell bekommt das Thema nochmals einen zusätzlichen Antrieb durch die aktuelle SARS-CoV‑2-Pandemie. Insbesondere beachtenswert sind daher Studien, die im Zusammenhang mit diesem Kontext entstanden sind. In dieser Arbeit werden daher die Studien von Heinemann et al. (2021), Welzel (2021) und Cacioppo und Hawkley (2009) vorgestellt. Weiterhin betrieben Huxhold et al. (2021) eine Vergleichsstudie für das Deutsche Zentrum für Altersfragen sowie Seidler et al. (o. J.) im Rahmen des Kompetenznetzwerks Public Health, welche hier Erwähnung finden, um für die anschließende Studie dieser Masterarbeit zu sensibilisieren.
Im Bereich der Altenhilfe weiß man, dass das Phänomen Einsamkeit viele Facetten hat. Die Ursachen können aus der Kindheit oder den aktuellen Lebensbedingungen stammen und qualvoll sein, doch das Gefühl, alleine zu sein, muss jeder selbst bewältigen. Menschen, die in diesem Zusammenhang tätig sind, können dabei als Dritte Hilfe leisten (vgl. Linnemann, 1995, S. 12). „Ältere Menschen werden mit einer Reihe lebensverändernder Ereignisse konfrontiert“ (ebd., S. 17). Das Älterwerden führt dazu, dass man aus der vertrauten gesellschaftlichen, beruflichen Rolle heraustritt, wenn man in Rente geht. Die Familienstrukturen verändern sich, und der körperliche Abbau und die abnehmende Mobilität führen dazu, dass man für andere weniger tun kann. Man büßt etliches an Selbstwertgefühl ein, da man scheinbar der Gesellschaft nicht mehr von Nutzen ist und das eigene Dasein seinen bisherigen Lebenssinn verliert (vgl. ebd.). Um das eigene Leben umzustrukturieren und wieder eine Aufgabe zu finden oder einfach das Leben im Alter zu genießen, können Dritte helfen, wenn sie um das Phänomen Einsamkeit wissen. Im Rahmen der Ausbildung zur Altenpflegerin oder Betreuungskraft werden beispielsweise das bio-psycho-soziale Modell und damit die notwendige Kompetenz vermittelt, mit dem Thema Einsamkeit umzugehen. „Zu nennen sind insbesondere ihre therapeutisch, beratenden Kompetenzen kombiniert mit Interventionen, welche das soziale Netzwerk adressieren“ (Bürklin, 2019, S. 2). Somit stellt sich die Frage: Wie wird das Thema Einsamkeit von Experten der Seniorenpflege wahrgenommen, und wie erlebten sie das während der Zeit der Kontaktbeschränkungen? Erkennen die Experten einen Zusammenhang zwischen der Einsamkeit in der SARS-CoV‑2-Pandemie und einer Verschlechterung des Gesundheitszustands? Welchen Handlungsauftrag und welche Interventionsmöglichkeiten erkennen die Fachkräfte dabei?
Ziel dieser Masterarbeit ist es, durch die Befragung des professionellen Helfernetzwerks rund um die Senioren in Erfahrung zu bringen, wie diese das Thema Einsamkeit vor und während der Kontaktbeschränkungen wahrnahmen, und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen hinsichtlich des Phänomens Einsamkeit und möglichen Interventionsmöglichkeiten. Zur Beantwortung dieser Forschungsfragen werden im Folgenden theoretische Grundlagen dargelegt. In diesem Zusammenhang finden sich in den nachfolgenden Kapiteln des zweiten Teils der Arbeit Darstellungen über den aktuellen Stand der Forschung, die Definitionen zum Thema Einsamkeit und die politische Situation der Alten in Deutschland. Der dritte Teil der Arbeit beschreibt anhand der Forschungsfrage die qualitative Inhaltsanalyse und Methodik, mit der die Interviewdurchführung erfolgte. In Teil IV erfolgt die Darstellung der Ergebnisse aus den Interviews mit den Experten und Helfern der Seniorenarbeit. Im letzten Teil der Arbeit, Teil V, werden die Ergebnisse ausgewertet und kritisch diskutiert. Dabei werden besondere Erkenntnisse hervorgehoben und zur dargestellten Theorie in Bezug gesetzt.

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