Zehn Winter auf Teneriffa
und die Geschichte eines seltsamen Guanchen vom Bollullo-Strand
EUR 16,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 274
ISBN: 978-3-7116-0239-8
Erscheinungsdatum: 18.11.2024
Der Traum vom Frühling im Winter auf Teneriffa beginnt für den Rentner Paul und seine Frau, als sie eine Wohnung in Puerto de la Cruz erwerben. Begleiten Sie die beiden auf ihren Reisen und spannenden Erlebnissen in einer Mischung aus Autobiografie und Fiktion.
Kapitel 1
Los Cristianos
Es war am Sonntag, den 3. Januar des Jahres 1982, als Paul unvermittelt aus seinem gewohnten Mittagsschlaf gerissen wurde. Verschlafen rieb er sich die Augen und sah dann seinen sechzehnjährigen Sohn Peter vor sich. Erst wollte er sich über diese Störung beschweren, besann sich aber, denn er blickte in strahlende blaue Augen.
„Was ist, mein Sohn?“, lächelte Paul fragend. „Entschuldige, Vater, gestern hat mir mein Freund Detlef von seinem Urlaub auf Teneriffa erzählt. Er ist von dieser Insel sehr begeistert und hat mir sogar einen Prospekt von der Insel überlassen.“ „Ja, und?“, erkundigte sich Paul. „Die Insel soll ein wahres Naturparadies sein, und damit, so meine ich, müsste sie sich doch für deine und Mutters Suche nach einem passenden Urlaubsort empfehlen“, strahlte Peter erwartungsvoll. „Schlage es deiner Mutter vor“, grummelte Paul und wandte sich wieder zur Seite. Paul hatte eine anstrengende Woche hinter sich, er musste als verantwortlicher Bezirksdirektor in einigen von ihm überwachten Läden die Inventurarbeiten kontrollieren und war deshalb noch sehr angespannt.
Da in der Planung familiärer Urlaubsreisen Pauls Ehefrau Erika schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden hatte, war der Hinweis, es der Mutter zu sagen, sehr berechtigt. Selbst seit ihre beiden Söhne nicht immer mitreisen wollten, sondern auch mal ihre eigenen Wege gingen, blieb es bei dieser Regelung.
Bernd, der drei Jahre ältere der zwei Söhne, hatte nach dem Abitur eine Lehre als Landschaftsgärtner begonnen, diese auch erfolgreich abgeschlossen und nur wenig später mit seiner Freundin Sabine in Duisburg eine eigene Wohnung bezogen.
Sohn Peter war, im Unterschied zu Bernd, ein unruhiger Geist. Er besuchte noch das Gymnasium „Filder Benden“ in Moers, aber nur die Schulbank drücken, genügte ihm nicht. So machte er in seiner Freizeit alte Mofas wieder fahrtüchtig, um sie dann zu verkaufen. Auch besserte er sein Taschengeld mit einem Brötchen-Lieferdienst vor Schulbeginn auf. Auf Reisen mit seinen Eltern wollte er allerdings noch nicht verzichten.
An Schlafen konnte Paul nun nicht mehr denken, auch weil ihn der Hinweis auf Teneriffa zu beschäftigen begann. Als Erika ihre Männer zu Tisch bat, verflüchtigte sich das Thema Teneriffa wieder ein wenig, aber nicht bei Peter. Obwohl es eine seiner Lieblingsspeisen, grüne Bohnen mit Ketchup, gab, blieb er beim Thema Teneriffa: „Mutter, du kannst dich in dem wunderbaren Klima der Insel gewiss gut entspannen und Vater sicher auch“, lächelte er verschmitzt. „Und mir nützt es, vor dem bevorstehenden Abitur ein wenig abgelenkt zu sein.“
„Wann wäre uns ein Termin denn möglich?“, erkundigte sich Paul dann doch. „Für mich wäre, wegen der Osterferien, Ende März der beste Zeitpunkt. Wie aber passt es dir und wie Mutter?“, ereiferte sich Peter. „Den Termin könnte ich übernehmen“, sagte Paul nach kurzem Überlegen. „Zumal ich meine diesjährige Junggesellentour von März auf den Mai verschieben muss, weil einer meiner beiden Kumpels im März verhindert ist. Aber lass uns hören, was die Mutter davon hält“, nickte Paul und blickte dann mit Peter zu Erika. Und was sahen sie? Ein belustigtes Lächeln. „Lieber Peter, das kommt mir etwas zu plötzlich, dazu muss ich erst meinen Terminkalender studieren, aber die Idee finde ich nicht schlecht.“
Vielleicht dachte Erika auch daran, dass die Familie sich aus besonderen Gründen schon zwei Jahre nur kleinere Reisen innerhalb der Bundesrepublik und im nahen Ausland gönnte, eine längere Reise also durchdacht werden musste. Erika und Paul hatten sich nach zwölf berufsbedingten Ortsveränderungen in Moers eine Doppelhaushälfte gekauft, was einiges an Nerven für Erika und viel der knappen freien Zeit von Paul abverlangt hatte. Jetzt aber fühlten sie sich hier am Germendonkskamp in Moers endlich zu Hause.
Erika und Paul, sie in Hildesheim und er in Dortmund geboren, konnten sich hier erstmals während ihrer Ehe einen breiteren Bekanntenkreis aufbauen.
Für Erika war es eine lustige Kniffel-Gruppe, die sich abwechselnd einmal im Monat bei ihr, bei Tutti, Beate oder bei Margret traf, sowie zu gemeinsamen Ausflügen in die nähere Umgebung. Auch Paul wurde wieder ruhiger, er traf sich an jedem ersten Donnerstag im Monat mit seinem Nachbarn Clemens und den Sportfreunden Norbert und Artur zum Skatabend. An Mittwochabenden war fast immer Sport bei ihm angesagt, wozu er sich mit Sportinteressierten in der Turnhalle am Germendonkskamp traf, um unter der Leitung des Trainers Bernhard vom MSV-Meerbeck nach einer Lockerungsgymnastik erst Faustball und danach Fußballtennis zu spielen. So blieb es auch nicht aus, dass der Bekanntenkreis immer größer wurde, und Pauls Kellerbar an manchen Wochenenden ein Ort der Kommunikation in behaglichen Runden wurde.
Diese erfreulichen Bereicherungen ihrer privaten Zeit belebten nicht nur Erikas und Pauls Eheleben, sie führten Paul auch in seiner beruflichen Arbeit zu neuen und positiven Impulsen. Er wurde gelassener und in manchem verständnisvoller, während Erika nach dreiundzwanzig Ehejahren und anstrengender Nachwuchsbetreuung ruhiger, ausgeglichener und fröhlicher wurde.
Nach dem Mittagessen wurde noch aufgeräumt, und dies machten sich Vater und Sohn zur Aufgabe, um Erika für das Studium ihres Terminkalenders Zeit zu geben. Nach dieser Arbeit begaben sich die beiden Männer ins Wohnzimmer, wo auch Erika schon weilte, sie wollten sich die Sportschau ansehen. Peter konnte jedoch, mit Blick zu seiner Mutter, seine Neugier nicht länger zurückhalten. „Mutter, was sagt dir die Überprüfung deines Terminkalenders?“ Erika lächelte: „Bei mir ist alles klar, ich könnte dabei sein“, war ihre kurze Antwort. „Danke“, lachte Peter, „das trifft sich ja famos.“ Er sagte es und stürmte in sein Zimmer in der ersten Etage, um den Urlaubsprospekt zu holen. „Da schau mal einer“, freute sich nun auch Paul, während er darin blätterte. „Ein Bungalow mit zwei Schlafzimmern in einer wunderschönen Anlage nahe dem Strand von Los Cristianos“, las er vor. „Was hältst du davon?“, erkundigte er sich daraufhin bei Erika. „Nicht schlecht, und auch der Preis stimmt“, gab Erika ihre Zustimmung. „Dann werde ich, wenn ihr einverstanden seid, am Montag im Reisebüro alles perfekt machen“, schlug Paul lachend vor.
Und Ende März hatte ihr Warten dann ein Ende. Am Düsseldorfer Flughafen hob eine Maschine mit dem Ziel Teneriffa-Süd ab, und voller Erwartungen flogen Erika, Paul und Peter zu ihrem neuen Urlaubsort.
Los Cristianos liegt im Süden der Insel unweit ihres Zielflughafens und ist etwa 70 Kilometer von der Inselhauptstadt Santa Cruz de Tenerife im Norden der Insel entfernt. Hier im Süden hatte sich ab den 1970er Jahren um das winzig kleine Fischerdorf Los Cristianos ein beachtliches touristisches Zentrum entwickelt. Allerdings war die Gegend schon im 16. Jahrhundert bekannt, denn eben dort war schon ein Hafen geschaffen worden, von dem aus Fähren zu den Inseln El Hierro, La Gomera und La Palma ausliefen. 1924 wurde für die stetig wachsende Bevölkerung in Los Cristianos eine Kapelle errichtet und ab den 1960er Jahren siedelten sich aufgrund der klimatisch günstigen Bedingungen im Süden Teneriffas einige Pflegeheime, vor allem für Lungenkranke und deren Rehabilitation, an, womit auch die touristische Entwicklung von Los Cristianos begann. Für den aufblühenden Tourismus wurden entlang der Südküste erste Strandabschnitte künstlich mit Sand aus der Sahara angelegt und seither lassen diese Uferpromenaden keine Wünsche mehr offen. Restaurants, Cafés und allerlei unterschiedliche Einkaufsstätten, kleinere und größere, boten alles, was man in einem Urlaubsort erwarten konnte.
Das Hotel, die umgebende Parkanlage und der weite Strand hielten, was der Urlaubsprospekt versprochen hatte. Auch Erika und Paul waren von der Umgebung dieses Ortes sehr angetan. „Hier kann man Urlaub machen“, freuten sie sich.
Mit Wanderungen und vielerlei Besichtigungen ließen sie keinen der gebotenen Höhepunkte aus. Und immer, wenn sie tagsüber in der Anlage waren, tummelten sich die drei in dem großen Swimmingpool, um danach das Bad in der Sonne auf der Liege zu genießen.
Wenige Tage vor dem Ende ihres Aufenthaltes besuchten die drei eine unterhaltsame Varieté-Show in Las Américas, der sich die Costa Adeje, Torviscas, Playa de Fañabé und La Caleta anschlossen, und hier durfte Peter seine Urlaubsabenteuer krönen. Mit seiner Eintrittskartennummer gewann er bei der angekündigten Verlosung eine Flasche Schampus, die er nach der Heimkehr in ihr Ferienhotel nach kurzer Kühlung köpfte und mit seinen Eltern genießen konnte.
„Warum nennt sich dieser Ort an Teneriffas Küste Las Américas, wenn alle anderen Küstenorte spanisch klingen?“, erkundigte sich Peter während ihres gemütlichen Beisammenseins. Paul blickte interessiert auf, aber Erika wusste es: „Der Name soll sich auf die bekannten US-Schauspieler Elizabeth Taylor und Richard Burton beziehen. Das Ehepaar hatte während des hier im Süden beginnenden Touristenbooms in Santa Cruz im Norden Urlaub gemacht, und war gut beraten, sich in der in Planung befindlichen Feriensiedlung einen ganzen Wohnkomplex zu kaufen, der sich Jahre später als ihre ertragreichste Geldanlage erweisen sollte.“ „Wenn das stimmt, war es jedenfalls clever von den beiden geschäftstüchtigen Stars der amerikanischen Filmbranche“, bemerkte Peter und gähnte dabei müde. Ja, er hatte sich ausgetobt, er bedankte sich bei seinen Eltern für den gelungenen Abend und zog sich dann in sein Zimmer in einem Nebengebäude zurück.
So verbrachten die drei auf dieser ihnen bisher unbekannten Sonneninsel im Atlantischen Ozean einen unvergesslichen und nachhaltigen Urlaub. Erika und Paul tat die Erholung sichtlich gut. Sie hatten miterlebt, wie sich Peter an ungestümen Wasserschlachten im Pool mit Gleichgesinnten beteiligte und Spaß an ausgedehnten Touren durch anspruchsvolles Gelände mit einem angemieteten Moped hatte. Auch ihre Spaziergänge, kleinen Wanderungen und organisierten Bustouren in die Umgebung waren eine Bereicherung für sie. Sie fühlten sich hier sehr wohl. „Hierher fliegen wir nochmals“, war Erika überzeugt.
Aus beruflichen Gründen mussten Erika und Paul Moers nach fünf erlebnisreichen Jahren wieder verlassen. Das musste sein, da Paul als Einkaufsdirektor in die Frankfurter Zentrale seines Arbeitgebers berufen worden war. Den Kontakt zu ihrem bisherigen Bekanntenkreis ließen sie jedoch nicht abbrechen. Ihre Immobilie konnten sie günstig verkaufen und zogen nun in ein angemietetes Einfamilienhaus in Rödermark, einem Ort in der Nähe von Frankfurt am Main.
Paul besaß mit Erika zwar in Brombachtal-Hembach ein idyllisch gelegenes Zweifamilienhaus, das Paul fünfzehn Jahre zuvor hatte bauen lassen und als ihr Altersruhesitz gedacht war, aber wegen der langen Wegstrecke zu Pauls neuer Wirkungsstätte wollten sie noch nicht dorthin ziehen. Dafür erfüllte Paul seinen Eltern, Lotte und Peter, damals einen Lebenstraum. Sie verließen ihr Heim, Pauls Geburtshaus in Dortmund-Hombruch, als Vater Peter vom Arbeitsleben als Bergmann Abschied genommen hatte, und fühlten sich danach im dörflichen Hembach, mitten im Odenwald mit einem Gemüsegarten direkt am Hause, sehr wohl. Auf sie traf der Spruch „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ nicht zu, inmitten der Natur blühten sie, von neuen Aufgaben gefordert, förmlich auf. Aber auch Erika und Paul verbrachten hier mit ihren Kindern in ihrer Ferienwohnung im oberen Stockwerk viel Freizeit, worüber sich die Großeltern und deren Enkel Bernd und Peter freuten.
Leider verstarb Pauls Vater nach einer kurzen, aber schweren Erkrankung im Jahre 1988. Von da an wurde Mutter Lotte noch öfter besucht, und Weihnachten wurde nur noch bei ihr im Odenwald gefeiert.
„Wo wollen wir Sylvester diesmal feiern?“, fragte Erika Paul kurz vor Weihnachten im Jahre 1990. Paul erinnerte sich an Teneriffa, und so entschieden sich die beiden für einen Kurzurlaub zum Jahreswechsel auf dieser Insel. Paul buchte einen Aufenthalt vom 27.12. bis zum 05.01. im Hotel Botanico in Puerto de la Cruz, im grünen Norden der Insel. Zuvor hatten die beiden in den vergangenen Jahren bereits Urlaube in La Caleta und an der Costa Adeje verbracht, aber den Norden Teneriffas kannten sie noch nicht. Das Hotel war großflächig von einer bezaubernden Gartenanlage umgeben und bot alle Annehmlichkeiten, die einen Aufenthalt zu einem unvergesslichen Erlebnis machten. Vor allem aber waren sich Erika und Paul einig: „Wir haben vieles gesehen, haben viel bereist, aber hier im grünen Norden der Insel fühlen wir uns, wie man sich nur in einem Paradies fühlen kann.“ Und dieser Kurzurlaub war es, der alle ihre Erwartungen erfüllte, danach hatten sie nur noch ein bevorzugtes Urlaubsziel, Teneriffa. Hier war es vor allem Puerto de la Cruz, wo sie sich zuhause fühlten. Von da an nutzten sie nahezu jede Gelegenheit, um dieses Paradies zu besuchen.
Fern der Ferienerlebnisse ging das Leben der Familie jedoch gewohnt weiter.
Sechs Jahre vor Pauls Pensionierung dachten Erika und Paul wieder an einen neuen Umzug, und es sollte ihr letzter werden. Nachdem in recht kurzer Zeit zweimal in ihr gemietetes Einfamilienhaus in Rödermark eingebrochen worden war, woran vor allem Erika litt, wurde ein erneuter Ortswechsel nötig. Ein Umzug in das Haus im Odenwald, das ursprünglich als ihr Altersruhesitz vorgesehen war, kam für Erika aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr in Frage. Die Räume im Obergeschoss waren dafür zu klein. Und deshalb dachten beide, Erika wie Paul, wieder an Moers, ihre neue und alte Heimat. Mit der freundlichen Hilfe von Pauls Sportfreund Rüdiger, dem erfahrenen Sparkassendirektor, gelang ihnen rasch, im Ortsteil Schwafheim eine sehr schöne Bleibe zu kaufen. Sie entschieden sich für die Parterre-Wohnung in einem Zweifamilienhaus mit einem sechshundert Quadratmeter großen Garten, den ihr Sohn Bernd mit seinen Mitarbeitern nach seinen Ideen und zu Erikas Freude umgestaltete.
Jetzt begann eine Zeit der Wochenendehe für die beiden. Paul wohnte, seiner beruflichen Verpflichtung wegen, nun an Wochentagen bei seiner noch rüstigen siebenundsiebzigjährigen Mutter im Odenwald, während Erika sich in Moers allein wieder einleben musste. Über diese gefundene Lösung freute sich Pauls Mutter natürlich, sie konnte jetzt wieder ihren Sohn verwöhnen, wenn er denn mal im Lande war. Berufsbedingt war er fünf Monate des Jahres im Ausland tätig.
Im Dezember 1996 wurde Paul nach über zweiundvierzig Jahren Tätigkeit im selben Unternehmen in die Altersruhe entlassen, und von da an war dann Moers auch für ihn wieder die Heimat.
Rasch wurden einstige Freizeitaktivitäten mit den alten Bekannten und Sportfreunden in Moers wieder zur alltäglichen Gewohnheit, die Erika mit wöchentlichen Turnabenden und Paul mit monatlichen Kegelabenden ergänzten. Auf Dauer genügte dies Paul doch nicht. Als Bernhard, der Trainer der Mittwoch-Sportgruppe aus Altersgründen zurücktrat, nahm er die Herausforderung an, und machte den Trainerschein in der Sportschule Duisburg-Wedau und versuchte danach sein Glück als Trainer, zum Vergnügen seiner Sportfreunde, die begeistert mitmachten.
Kapitel 2
Die Entscheidung!
Wann immer Paul seine Reiselust beschreiben wollte, sagte er: „Besser selber sehen, als davon nur zu hören oder lesen.“ Reisen war für ihn der beste Weg, um die Welt besser kennenzulernen.
Dies galt auch für seine jährlichen vier- bis sechstägigen „Kulturtouren“ mit seinen Kollegen Peter, Reinhard und Siggi, mit denen er fast alle Hauptstädte Europas schon besucht hatte. Diese Reisen gönnte ihm Erika, zumal sie immer auch Pauls Reisen mit der Familie anregen konnten. Mit seiner Familie hatte er schon die Niederlande besucht, war mit nach Österreich gefahren, nach England und auch nach Dänemark. Und als die Kinder flügge geworden waren, bereiste er mit Erika die USA und Kanada, und einige Länder in Asien und in Afrika, und als Besonderheit betrachtete er ihre gemeinsame Reise nach Australien. Innerhalb Europas galt das Interesse der beiden vor allem den Ländern Italien, Ungarn, Polen und Frankreich, und schließlich auch Spanien und Portugal. Erst in ihren reiferen Jahren besuchten sie dann die nordischen Länder Schweden, Finnland, Litauen und Norwegen, und mit großem Interesse auch Russland. Und so konnten die beiden mit gewissem Stolz sagen, dass sie schon die halbe Welt besucht hatten.
Was war es aber, das die beiden immer wieder nach Teneriffa und vor allem in den Norden der Insel trieb? Auf den Kanaren hatten sie schon die Inseln Gran Canaria und Lanzarote besucht, aber keine dieser Inseln hatten Erika und Paul so sehr begeistert wie eben Teneriffa. „Der ewige Frühling ist es, mit seiner immergrünen, paradiesischen Natur“, lächelte Erika auf solche Fragen.
Und so war es kein Wunder, dass sich die beiden auch im Februar 2010 entschlossen, ihren bevorstehenden Urlaub wieder in Puerto de la Cruz im Norden Teneriffas im Hotel Bahia Principe San Felipe zu verbringen. Von hier versprachen sie sich eine wunderbare Sicht auf die Playa de Martiánez und den Atlantischen Ozean. Da sie den Ort und seine Umgebung schon kannten, verbrachten sie hier ihre ersten Tage vor allem in der tropischen Gartenanlage und am Pool des Hotels, wo sie sich auch von der hervorragenden Küche von morgens bis abends verwöhnen lassen konnten.
Paul fühlte sich hier sehr wohl, denn nach den kältesten und schneereichsten Winterwochen der beiden letzten Jahre in der Heimat, hätte er sein erholsames Nichtstun gerne weiter gepflegt, aber Erika ließ dies nicht zu. Sie interessierte sich für die Geschichte von Land und Leuten, und daran sollte auch Paul sich beteiligen. Sie schlug deshalb vor, Puerto de la Cruz genauer kennenzulernen.
Puerto war im Jahre 1604 gegründet worden, auch wenn schon Menschen ein Jahrhundert früher hier gelebt und gearbeitet hatten. Schon damals wurde ein einfacher Hafen angelegt, obwohl die Gegebenheiten an der Nordküste zum Atlantik nicht besonders einladend waren. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung erforderte einen Ausbau des Hafens, so entstand der „Puerto von Araotava“. Ab etwa der Mitte des 16. Jahrhunderts erblühte hier im Orotava-Tal der Weinhandel, der nach und nach immer wichtiger wurde. Weinstöcke wurden breitflächig angepflanzt, und für die Menschen in und um Puerto ergaben sich dadurch viele neue Betätigungsfelder. Fassbinder und Transportarbeiter, Schiffsleute zum Verladen und viele andere fanden mit ihren Familien dadurch zu neuem Broterwerb, was zur Folge hatte, dass die Bevölkerung ständig anwuchs. Um das Jahr 1604 gab es hier vielleicht 50 Häuser und 220 Bewohner, aber schon 630 Häuser mit 2 830 Bewohnern waren es im Jahre 1707. Ende des 19. Jahrhunderts begann das noch zarte Pflänzchen Tourismus zu wachsen, um dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, geradezu zu explodieren. Daher wurde Puerto de la Cruz von der spanischen Regierung im Jahre 1955 zu einem „Ort von touristischer Bedeutung“ erklärt. 1963 begann die bauliche Umgestaltung der Stadt, die ihren Höhepunkt mit dem vierundzwanzig Stockwerke hohen Hotel Belair erreichte. Der Umbau des Lago Martiánez nach Entwürfen des Architekten César Manrique im Jahr 1971 war der Beginn einer Rückbesinnung auf Tradition und natürlich gestaltete Landschaft, wie sie auch an der Playa Jardín, die vom selben Künstler entworfen wurde, am westlichen Ende der Stadt noch heute erkennbar ist. Am 23. Mai 2006 erklärte die Regierung der Kanarischen Inseln die Innenstadt von Puerto und einige außerhalb liegende Gebäude als Gesamtheit zu einem Ort von kultureller Bedeutung.
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Los Cristianos
Es war am Sonntag, den 3. Januar des Jahres 1982, als Paul unvermittelt aus seinem gewohnten Mittagsschlaf gerissen wurde. Verschlafen rieb er sich die Augen und sah dann seinen sechzehnjährigen Sohn Peter vor sich. Erst wollte er sich über diese Störung beschweren, besann sich aber, denn er blickte in strahlende blaue Augen.
„Was ist, mein Sohn?“, lächelte Paul fragend. „Entschuldige, Vater, gestern hat mir mein Freund Detlef von seinem Urlaub auf Teneriffa erzählt. Er ist von dieser Insel sehr begeistert und hat mir sogar einen Prospekt von der Insel überlassen.“ „Ja, und?“, erkundigte sich Paul. „Die Insel soll ein wahres Naturparadies sein, und damit, so meine ich, müsste sie sich doch für deine und Mutters Suche nach einem passenden Urlaubsort empfehlen“, strahlte Peter erwartungsvoll. „Schlage es deiner Mutter vor“, grummelte Paul und wandte sich wieder zur Seite. Paul hatte eine anstrengende Woche hinter sich, er musste als verantwortlicher Bezirksdirektor in einigen von ihm überwachten Läden die Inventurarbeiten kontrollieren und war deshalb noch sehr angespannt.
Da in der Planung familiärer Urlaubsreisen Pauls Ehefrau Erika schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden hatte, war der Hinweis, es der Mutter zu sagen, sehr berechtigt. Selbst seit ihre beiden Söhne nicht immer mitreisen wollten, sondern auch mal ihre eigenen Wege gingen, blieb es bei dieser Regelung.
Bernd, der drei Jahre ältere der zwei Söhne, hatte nach dem Abitur eine Lehre als Landschaftsgärtner begonnen, diese auch erfolgreich abgeschlossen und nur wenig später mit seiner Freundin Sabine in Duisburg eine eigene Wohnung bezogen.
Sohn Peter war, im Unterschied zu Bernd, ein unruhiger Geist. Er besuchte noch das Gymnasium „Filder Benden“ in Moers, aber nur die Schulbank drücken, genügte ihm nicht. So machte er in seiner Freizeit alte Mofas wieder fahrtüchtig, um sie dann zu verkaufen. Auch besserte er sein Taschengeld mit einem Brötchen-Lieferdienst vor Schulbeginn auf. Auf Reisen mit seinen Eltern wollte er allerdings noch nicht verzichten.
An Schlafen konnte Paul nun nicht mehr denken, auch weil ihn der Hinweis auf Teneriffa zu beschäftigen begann. Als Erika ihre Männer zu Tisch bat, verflüchtigte sich das Thema Teneriffa wieder ein wenig, aber nicht bei Peter. Obwohl es eine seiner Lieblingsspeisen, grüne Bohnen mit Ketchup, gab, blieb er beim Thema Teneriffa: „Mutter, du kannst dich in dem wunderbaren Klima der Insel gewiss gut entspannen und Vater sicher auch“, lächelte er verschmitzt. „Und mir nützt es, vor dem bevorstehenden Abitur ein wenig abgelenkt zu sein.“
„Wann wäre uns ein Termin denn möglich?“, erkundigte sich Paul dann doch. „Für mich wäre, wegen der Osterferien, Ende März der beste Zeitpunkt. Wie aber passt es dir und wie Mutter?“, ereiferte sich Peter. „Den Termin könnte ich übernehmen“, sagte Paul nach kurzem Überlegen. „Zumal ich meine diesjährige Junggesellentour von März auf den Mai verschieben muss, weil einer meiner beiden Kumpels im März verhindert ist. Aber lass uns hören, was die Mutter davon hält“, nickte Paul und blickte dann mit Peter zu Erika. Und was sahen sie? Ein belustigtes Lächeln. „Lieber Peter, das kommt mir etwas zu plötzlich, dazu muss ich erst meinen Terminkalender studieren, aber die Idee finde ich nicht schlecht.“
Vielleicht dachte Erika auch daran, dass die Familie sich aus besonderen Gründen schon zwei Jahre nur kleinere Reisen innerhalb der Bundesrepublik und im nahen Ausland gönnte, eine längere Reise also durchdacht werden musste. Erika und Paul hatten sich nach zwölf berufsbedingten Ortsveränderungen in Moers eine Doppelhaushälfte gekauft, was einiges an Nerven für Erika und viel der knappen freien Zeit von Paul abverlangt hatte. Jetzt aber fühlten sie sich hier am Germendonkskamp in Moers endlich zu Hause.
Erika und Paul, sie in Hildesheim und er in Dortmund geboren, konnten sich hier erstmals während ihrer Ehe einen breiteren Bekanntenkreis aufbauen.
Für Erika war es eine lustige Kniffel-Gruppe, die sich abwechselnd einmal im Monat bei ihr, bei Tutti, Beate oder bei Margret traf, sowie zu gemeinsamen Ausflügen in die nähere Umgebung. Auch Paul wurde wieder ruhiger, er traf sich an jedem ersten Donnerstag im Monat mit seinem Nachbarn Clemens und den Sportfreunden Norbert und Artur zum Skatabend. An Mittwochabenden war fast immer Sport bei ihm angesagt, wozu er sich mit Sportinteressierten in der Turnhalle am Germendonkskamp traf, um unter der Leitung des Trainers Bernhard vom MSV-Meerbeck nach einer Lockerungsgymnastik erst Faustball und danach Fußballtennis zu spielen. So blieb es auch nicht aus, dass der Bekanntenkreis immer größer wurde, und Pauls Kellerbar an manchen Wochenenden ein Ort der Kommunikation in behaglichen Runden wurde.
Diese erfreulichen Bereicherungen ihrer privaten Zeit belebten nicht nur Erikas und Pauls Eheleben, sie führten Paul auch in seiner beruflichen Arbeit zu neuen und positiven Impulsen. Er wurde gelassener und in manchem verständnisvoller, während Erika nach dreiundzwanzig Ehejahren und anstrengender Nachwuchsbetreuung ruhiger, ausgeglichener und fröhlicher wurde.
Nach dem Mittagessen wurde noch aufgeräumt, und dies machten sich Vater und Sohn zur Aufgabe, um Erika für das Studium ihres Terminkalenders Zeit zu geben. Nach dieser Arbeit begaben sich die beiden Männer ins Wohnzimmer, wo auch Erika schon weilte, sie wollten sich die Sportschau ansehen. Peter konnte jedoch, mit Blick zu seiner Mutter, seine Neugier nicht länger zurückhalten. „Mutter, was sagt dir die Überprüfung deines Terminkalenders?“ Erika lächelte: „Bei mir ist alles klar, ich könnte dabei sein“, war ihre kurze Antwort. „Danke“, lachte Peter, „das trifft sich ja famos.“ Er sagte es und stürmte in sein Zimmer in der ersten Etage, um den Urlaubsprospekt zu holen. „Da schau mal einer“, freute sich nun auch Paul, während er darin blätterte. „Ein Bungalow mit zwei Schlafzimmern in einer wunderschönen Anlage nahe dem Strand von Los Cristianos“, las er vor. „Was hältst du davon?“, erkundigte er sich daraufhin bei Erika. „Nicht schlecht, und auch der Preis stimmt“, gab Erika ihre Zustimmung. „Dann werde ich, wenn ihr einverstanden seid, am Montag im Reisebüro alles perfekt machen“, schlug Paul lachend vor.
Und Ende März hatte ihr Warten dann ein Ende. Am Düsseldorfer Flughafen hob eine Maschine mit dem Ziel Teneriffa-Süd ab, und voller Erwartungen flogen Erika, Paul und Peter zu ihrem neuen Urlaubsort.
Los Cristianos liegt im Süden der Insel unweit ihres Zielflughafens und ist etwa 70 Kilometer von der Inselhauptstadt Santa Cruz de Tenerife im Norden der Insel entfernt. Hier im Süden hatte sich ab den 1970er Jahren um das winzig kleine Fischerdorf Los Cristianos ein beachtliches touristisches Zentrum entwickelt. Allerdings war die Gegend schon im 16. Jahrhundert bekannt, denn eben dort war schon ein Hafen geschaffen worden, von dem aus Fähren zu den Inseln El Hierro, La Gomera und La Palma ausliefen. 1924 wurde für die stetig wachsende Bevölkerung in Los Cristianos eine Kapelle errichtet und ab den 1960er Jahren siedelten sich aufgrund der klimatisch günstigen Bedingungen im Süden Teneriffas einige Pflegeheime, vor allem für Lungenkranke und deren Rehabilitation, an, womit auch die touristische Entwicklung von Los Cristianos begann. Für den aufblühenden Tourismus wurden entlang der Südküste erste Strandabschnitte künstlich mit Sand aus der Sahara angelegt und seither lassen diese Uferpromenaden keine Wünsche mehr offen. Restaurants, Cafés und allerlei unterschiedliche Einkaufsstätten, kleinere und größere, boten alles, was man in einem Urlaubsort erwarten konnte.
Das Hotel, die umgebende Parkanlage und der weite Strand hielten, was der Urlaubsprospekt versprochen hatte. Auch Erika und Paul waren von der Umgebung dieses Ortes sehr angetan. „Hier kann man Urlaub machen“, freuten sie sich.
Mit Wanderungen und vielerlei Besichtigungen ließen sie keinen der gebotenen Höhepunkte aus. Und immer, wenn sie tagsüber in der Anlage waren, tummelten sich die drei in dem großen Swimmingpool, um danach das Bad in der Sonne auf der Liege zu genießen.
Wenige Tage vor dem Ende ihres Aufenthaltes besuchten die drei eine unterhaltsame Varieté-Show in Las Américas, der sich die Costa Adeje, Torviscas, Playa de Fañabé und La Caleta anschlossen, und hier durfte Peter seine Urlaubsabenteuer krönen. Mit seiner Eintrittskartennummer gewann er bei der angekündigten Verlosung eine Flasche Schampus, die er nach der Heimkehr in ihr Ferienhotel nach kurzer Kühlung köpfte und mit seinen Eltern genießen konnte.
„Warum nennt sich dieser Ort an Teneriffas Küste Las Américas, wenn alle anderen Küstenorte spanisch klingen?“, erkundigte sich Peter während ihres gemütlichen Beisammenseins. Paul blickte interessiert auf, aber Erika wusste es: „Der Name soll sich auf die bekannten US-Schauspieler Elizabeth Taylor und Richard Burton beziehen. Das Ehepaar hatte während des hier im Süden beginnenden Touristenbooms in Santa Cruz im Norden Urlaub gemacht, und war gut beraten, sich in der in Planung befindlichen Feriensiedlung einen ganzen Wohnkomplex zu kaufen, der sich Jahre später als ihre ertragreichste Geldanlage erweisen sollte.“ „Wenn das stimmt, war es jedenfalls clever von den beiden geschäftstüchtigen Stars der amerikanischen Filmbranche“, bemerkte Peter und gähnte dabei müde. Ja, er hatte sich ausgetobt, er bedankte sich bei seinen Eltern für den gelungenen Abend und zog sich dann in sein Zimmer in einem Nebengebäude zurück.
So verbrachten die drei auf dieser ihnen bisher unbekannten Sonneninsel im Atlantischen Ozean einen unvergesslichen und nachhaltigen Urlaub. Erika und Paul tat die Erholung sichtlich gut. Sie hatten miterlebt, wie sich Peter an ungestümen Wasserschlachten im Pool mit Gleichgesinnten beteiligte und Spaß an ausgedehnten Touren durch anspruchsvolles Gelände mit einem angemieteten Moped hatte. Auch ihre Spaziergänge, kleinen Wanderungen und organisierten Bustouren in die Umgebung waren eine Bereicherung für sie. Sie fühlten sich hier sehr wohl. „Hierher fliegen wir nochmals“, war Erika überzeugt.
Aus beruflichen Gründen mussten Erika und Paul Moers nach fünf erlebnisreichen Jahren wieder verlassen. Das musste sein, da Paul als Einkaufsdirektor in die Frankfurter Zentrale seines Arbeitgebers berufen worden war. Den Kontakt zu ihrem bisherigen Bekanntenkreis ließen sie jedoch nicht abbrechen. Ihre Immobilie konnten sie günstig verkaufen und zogen nun in ein angemietetes Einfamilienhaus in Rödermark, einem Ort in der Nähe von Frankfurt am Main.
Paul besaß mit Erika zwar in Brombachtal-Hembach ein idyllisch gelegenes Zweifamilienhaus, das Paul fünfzehn Jahre zuvor hatte bauen lassen und als ihr Altersruhesitz gedacht war, aber wegen der langen Wegstrecke zu Pauls neuer Wirkungsstätte wollten sie noch nicht dorthin ziehen. Dafür erfüllte Paul seinen Eltern, Lotte und Peter, damals einen Lebenstraum. Sie verließen ihr Heim, Pauls Geburtshaus in Dortmund-Hombruch, als Vater Peter vom Arbeitsleben als Bergmann Abschied genommen hatte, und fühlten sich danach im dörflichen Hembach, mitten im Odenwald mit einem Gemüsegarten direkt am Hause, sehr wohl. Auf sie traf der Spruch „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ nicht zu, inmitten der Natur blühten sie, von neuen Aufgaben gefordert, förmlich auf. Aber auch Erika und Paul verbrachten hier mit ihren Kindern in ihrer Ferienwohnung im oberen Stockwerk viel Freizeit, worüber sich die Großeltern und deren Enkel Bernd und Peter freuten.
Leider verstarb Pauls Vater nach einer kurzen, aber schweren Erkrankung im Jahre 1988. Von da an wurde Mutter Lotte noch öfter besucht, und Weihnachten wurde nur noch bei ihr im Odenwald gefeiert.
„Wo wollen wir Sylvester diesmal feiern?“, fragte Erika Paul kurz vor Weihnachten im Jahre 1990. Paul erinnerte sich an Teneriffa, und so entschieden sich die beiden für einen Kurzurlaub zum Jahreswechsel auf dieser Insel. Paul buchte einen Aufenthalt vom 27.12. bis zum 05.01. im Hotel Botanico in Puerto de la Cruz, im grünen Norden der Insel. Zuvor hatten die beiden in den vergangenen Jahren bereits Urlaube in La Caleta und an der Costa Adeje verbracht, aber den Norden Teneriffas kannten sie noch nicht. Das Hotel war großflächig von einer bezaubernden Gartenanlage umgeben und bot alle Annehmlichkeiten, die einen Aufenthalt zu einem unvergesslichen Erlebnis machten. Vor allem aber waren sich Erika und Paul einig: „Wir haben vieles gesehen, haben viel bereist, aber hier im grünen Norden der Insel fühlen wir uns, wie man sich nur in einem Paradies fühlen kann.“ Und dieser Kurzurlaub war es, der alle ihre Erwartungen erfüllte, danach hatten sie nur noch ein bevorzugtes Urlaubsziel, Teneriffa. Hier war es vor allem Puerto de la Cruz, wo sie sich zuhause fühlten. Von da an nutzten sie nahezu jede Gelegenheit, um dieses Paradies zu besuchen.
Fern der Ferienerlebnisse ging das Leben der Familie jedoch gewohnt weiter.
Sechs Jahre vor Pauls Pensionierung dachten Erika und Paul wieder an einen neuen Umzug, und es sollte ihr letzter werden. Nachdem in recht kurzer Zeit zweimal in ihr gemietetes Einfamilienhaus in Rödermark eingebrochen worden war, woran vor allem Erika litt, wurde ein erneuter Ortswechsel nötig. Ein Umzug in das Haus im Odenwald, das ursprünglich als ihr Altersruhesitz vorgesehen war, kam für Erika aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr in Frage. Die Räume im Obergeschoss waren dafür zu klein. Und deshalb dachten beide, Erika wie Paul, wieder an Moers, ihre neue und alte Heimat. Mit der freundlichen Hilfe von Pauls Sportfreund Rüdiger, dem erfahrenen Sparkassendirektor, gelang ihnen rasch, im Ortsteil Schwafheim eine sehr schöne Bleibe zu kaufen. Sie entschieden sich für die Parterre-Wohnung in einem Zweifamilienhaus mit einem sechshundert Quadratmeter großen Garten, den ihr Sohn Bernd mit seinen Mitarbeitern nach seinen Ideen und zu Erikas Freude umgestaltete.
Jetzt begann eine Zeit der Wochenendehe für die beiden. Paul wohnte, seiner beruflichen Verpflichtung wegen, nun an Wochentagen bei seiner noch rüstigen siebenundsiebzigjährigen Mutter im Odenwald, während Erika sich in Moers allein wieder einleben musste. Über diese gefundene Lösung freute sich Pauls Mutter natürlich, sie konnte jetzt wieder ihren Sohn verwöhnen, wenn er denn mal im Lande war. Berufsbedingt war er fünf Monate des Jahres im Ausland tätig.
Im Dezember 1996 wurde Paul nach über zweiundvierzig Jahren Tätigkeit im selben Unternehmen in die Altersruhe entlassen, und von da an war dann Moers auch für ihn wieder die Heimat.
Rasch wurden einstige Freizeitaktivitäten mit den alten Bekannten und Sportfreunden in Moers wieder zur alltäglichen Gewohnheit, die Erika mit wöchentlichen Turnabenden und Paul mit monatlichen Kegelabenden ergänzten. Auf Dauer genügte dies Paul doch nicht. Als Bernhard, der Trainer der Mittwoch-Sportgruppe aus Altersgründen zurücktrat, nahm er die Herausforderung an, und machte den Trainerschein in der Sportschule Duisburg-Wedau und versuchte danach sein Glück als Trainer, zum Vergnügen seiner Sportfreunde, die begeistert mitmachten.
Kapitel 2
Die Entscheidung!
Wann immer Paul seine Reiselust beschreiben wollte, sagte er: „Besser selber sehen, als davon nur zu hören oder lesen.“ Reisen war für ihn der beste Weg, um die Welt besser kennenzulernen.
Dies galt auch für seine jährlichen vier- bis sechstägigen „Kulturtouren“ mit seinen Kollegen Peter, Reinhard und Siggi, mit denen er fast alle Hauptstädte Europas schon besucht hatte. Diese Reisen gönnte ihm Erika, zumal sie immer auch Pauls Reisen mit der Familie anregen konnten. Mit seiner Familie hatte er schon die Niederlande besucht, war mit nach Österreich gefahren, nach England und auch nach Dänemark. Und als die Kinder flügge geworden waren, bereiste er mit Erika die USA und Kanada, und einige Länder in Asien und in Afrika, und als Besonderheit betrachtete er ihre gemeinsame Reise nach Australien. Innerhalb Europas galt das Interesse der beiden vor allem den Ländern Italien, Ungarn, Polen und Frankreich, und schließlich auch Spanien und Portugal. Erst in ihren reiferen Jahren besuchten sie dann die nordischen Länder Schweden, Finnland, Litauen und Norwegen, und mit großem Interesse auch Russland. Und so konnten die beiden mit gewissem Stolz sagen, dass sie schon die halbe Welt besucht hatten.
Was war es aber, das die beiden immer wieder nach Teneriffa und vor allem in den Norden der Insel trieb? Auf den Kanaren hatten sie schon die Inseln Gran Canaria und Lanzarote besucht, aber keine dieser Inseln hatten Erika und Paul so sehr begeistert wie eben Teneriffa. „Der ewige Frühling ist es, mit seiner immergrünen, paradiesischen Natur“, lächelte Erika auf solche Fragen.
Und so war es kein Wunder, dass sich die beiden auch im Februar 2010 entschlossen, ihren bevorstehenden Urlaub wieder in Puerto de la Cruz im Norden Teneriffas im Hotel Bahia Principe San Felipe zu verbringen. Von hier versprachen sie sich eine wunderbare Sicht auf die Playa de Martiánez und den Atlantischen Ozean. Da sie den Ort und seine Umgebung schon kannten, verbrachten sie hier ihre ersten Tage vor allem in der tropischen Gartenanlage und am Pool des Hotels, wo sie sich auch von der hervorragenden Küche von morgens bis abends verwöhnen lassen konnten.
Paul fühlte sich hier sehr wohl, denn nach den kältesten und schneereichsten Winterwochen der beiden letzten Jahre in der Heimat, hätte er sein erholsames Nichtstun gerne weiter gepflegt, aber Erika ließ dies nicht zu. Sie interessierte sich für die Geschichte von Land und Leuten, und daran sollte auch Paul sich beteiligen. Sie schlug deshalb vor, Puerto de la Cruz genauer kennenzulernen.
Puerto war im Jahre 1604 gegründet worden, auch wenn schon Menschen ein Jahrhundert früher hier gelebt und gearbeitet hatten. Schon damals wurde ein einfacher Hafen angelegt, obwohl die Gegebenheiten an der Nordküste zum Atlantik nicht besonders einladend waren. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung erforderte einen Ausbau des Hafens, so entstand der „Puerto von Araotava“. Ab etwa der Mitte des 16. Jahrhunderts erblühte hier im Orotava-Tal der Weinhandel, der nach und nach immer wichtiger wurde. Weinstöcke wurden breitflächig angepflanzt, und für die Menschen in und um Puerto ergaben sich dadurch viele neue Betätigungsfelder. Fassbinder und Transportarbeiter, Schiffsleute zum Verladen und viele andere fanden mit ihren Familien dadurch zu neuem Broterwerb, was zur Folge hatte, dass die Bevölkerung ständig anwuchs. Um das Jahr 1604 gab es hier vielleicht 50 Häuser und 220 Bewohner, aber schon 630 Häuser mit 2 830 Bewohnern waren es im Jahre 1707. Ende des 19. Jahrhunderts begann das noch zarte Pflänzchen Tourismus zu wachsen, um dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, geradezu zu explodieren. Daher wurde Puerto de la Cruz von der spanischen Regierung im Jahre 1955 zu einem „Ort von touristischer Bedeutung“ erklärt. 1963 begann die bauliche Umgestaltung der Stadt, die ihren Höhepunkt mit dem vierundzwanzig Stockwerke hohen Hotel Belair erreichte. Der Umbau des Lago Martiánez nach Entwürfen des Architekten César Manrique im Jahr 1971 war der Beginn einer Rückbesinnung auf Tradition und natürlich gestaltete Landschaft, wie sie auch an der Playa Jardín, die vom selben Künstler entworfen wurde, am westlichen Ende der Stadt noch heute erkennbar ist. Am 23. Mai 2006 erklärte die Regierung der Kanarischen Inseln die Innenstadt von Puerto und einige außerhalb liegende Gebäude als Gesamtheit zu einem Ort von kultureller Bedeutung.
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