Auf großer Fahrt
Eine Reise durch zwei Welten
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 48
ISBN: 978-3-7116-0904-5
Erscheinungsdatum: 06.08.2025
Tim Klark nimmt uns mit auf große Fahrt. Sein Traum: zur See fahren. Im gespaltenen Deutschland 1987 kein leichtes Unterfangen. Auf seinen Seefahrten erwarten Tim schließlich einige Abenteuer und Herausforderungen. Herz oder Verstand, er muss sich entscheiden.
Erstes Kapitel
Tim Klark war ein kluger und fleißiger Junge im Alter von 16 Jahren. Er war überzeugt davon, ein Leben lang zur See zu fahren, wie es sein Vater machte und sein Großvater getan hatte. Nur mit dem Unterschied, dass sein Vater als Kapitän bei der Deutschen Volksmarine auf einem Küstenschutzboot tätig war. Tim aber wollte lieber zivil, das heißt, bei der Handelsschifffahrt, seine Heuer (Seemannslohn) verdienen.
Gestern, am 26. Februar 1987, nahm er sein Schulhalbjahreszeugnis zur Hand und ging zum Vorstellungsgespräch zur Deutschen Seereederei DSR nach Rostock. Er strebte eine Ausbildung als Matrose an und wollte gleichzeitig sein Abitur zu Ende bringen. Das hieß im Klartext: Arbeiten und pauken, dass die Schwarte kracht! Dessen war er sich bewusst.
Der dominante und doch freundliche Personalchef der DSR machte Tim darauf aufmerksam, dass diese kombinierte Ausbildung drei Jahre in Anspruch nehmen würde. Dazu gehörten Theorie in der Seefahrtschule, eine vierwöchige kleine Seefahrt auf dem Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“ auf der Ostsee sowie eine halbjährliche Seefahrt auf einem Stückgutfrachter im internationalen Seeverkehr. Das hieß im Klartext zweieinhalb Jahre Theorie und ein halbes Jahr Praxis. Und das Ganze auch noch in dieser Reihenfolge.
Tims Voraussetzungen für diese Plagerei waren die besten. Körperlich fit, groß gewachsen und absolut gesund. Auch seine familiäre Herkunft war ganz oben anzusiedeln. Großvater war Maschinist auf großen Schiffen gewesen. Sein Vater war Kapitän auf einem Küstenschutzboot und bewachte unsere Seegrenzen zum kapitalistischen Feind. Seine Mutter war Oberschullehrerin für Geschichte und Staatsbürgerkunde. Auch Westverwandte hatte er nicht.
Er glaubte wahrhaftig an den großen Siegeszug des Sozialismus und Kommunismus weltweit. All dies waren die besten Voraussetzungen für solch eine harte Ausbildung. Nach über zwei Stunden andauerndem Gespräch mit dem Personalchef der DSR unterschrieb Tim seinen Lehrvertrag, bedankte sich herzlich bei ihm und ging fröhlich nach Hause.
Tim wohnte bei seinen Eltern in Wismar in einer feinen Siedlung mit vielen Eigenheimen, die extra für Offiziere der Volksmarine gebaut worden waren. Am 29. Februar war sein erster Winterferientag. Und genau an diesem Tag begann seine kleine Seefahrt auf dem Segelschulschiff. Das Wetter war zurzeit sehr gut. Sonnig und nicht zu kalt für diese Jahreszeit. Tim hoffte, es würde vier Wochen so bleiben, was eigentlich unrealistisch war.
Zweites Kapitel
An der Rostocker Hafenmauer (Kai) standen vierzig zur Ausbildung bereite Jungs im zarten Alter von 16 bis 17 Jahren. Die meisten von ihnen wollten Seekadetten bei der Volksmarine werden. Das große Segelschulschiff, die „Wilhelm Pieck“, war ein eisernes Dreimastvollschiff.
Der Kapitän, Genosse Hansen, stand davor und begrüßte jeden Einzelnen seiner neuen Mannschaft mit Handschlag. Danach sprach er zu allen: „Auf meinem Schiff herrscht ein militärischer Drill und Ton. Es wird jeden Morgen zur Wachübergabe angetreten zum Appell. Das heißt auch zwölf Stunden Dienst und zwölf Stunden Ruhe, falls es keinen Alarm gibt. Bei Alarm sind alle verpflichtet, an Deck zu erscheinen, egal zu welcher Zeit. Alles, was ihr hier lernt, wird euch im Leben von Nutzen sein. Eingekleidet hat euch schon der Hafenkapitän. Ab heute tragt ihr vier Wochen die Uniform, die euch danach, wenn ihr ehrenhaft von dem Schiff abmustert, gehören wird. Eine finanzielle Vergütung für euren Ehrendienst ist nicht vorgesehen. Antrag auf Fahrgeld von eurer Wohnung zum Hafen und zurück wird beim Genossen Hafenkapitän zu stellen sein. Auf See sind Kost und Logis frei. Wenn ich meine Befehle zu Ende gesprochen habe, werde ich euch stets fragen, ob ihr mich verstanden habt! Und dann will ich von euch im Gleichklang hören: ‚Jawoll, Genosse Kapitän!‘“
Dieser Mann, dachte Tim, hat eine gewaltige, tiefe, angstmachende Stimmkraft. So war auch sein brutales, dominantes Verhalten als Kapitän. Zuerst wurden alle neuen Schiffsjungen auf dem Schiff eingewiesen. Es gab acht Kojen für je fünf Mann. Alles auf dem Schiff war sehr sauber, aber nicht gepflegt. Die Ankerwinde (Spill) war mit deutlichen Gebrauchsspuren behaftet. Zum Bedienen dieser Winde bedurfte es acht Mann, die am Drehkreuz den Anker lichteten. Auch Tim war dabei. Danach wurden die Segel gesetzt. Die Strickleitern waren vom Deck bis zur Mastspitze 35 Meter hoch. Alle Schiffsjungen waren ausnahmslos schwindelfrei. Ein Ausbilder der Stammmannschaft, der Zweite Offizier, der die Jungs mit Handgriffen, Fertigkeiten und Wissen vertraut machte, ging voran in die Takelage, um die Segel zu setzen.
Keiner der vierzig Schiffsjungen sprach auch nur ein Wort. Alle hörten und sahen angespannt dem Zweiten Offizier zu. Nachdem das Kommando „Leinen los“ erschallt war, bemerkte ein jeder die majestätische Bewegung des Schiffes auf dem Weg in die offene See. Es ging ein Wind der Stärke drei. „Zum Eingewöhnen ganz gut“, sagte der Offizier. Keiner der Jungen spürte die Kälte von minus fünf Grad. Alle waren voller Anspannung und Neugier auf das ungewohnte neue Erlebnis. Einige waren Freizeitsegler, aber das hatte mit dem riesigen Segelschiff, auf dem sie jetzt fuhren, wenig gemeinsam. Die wetterfesten Sachen, das sogenannte Ölzeug, hatte auch noch niemand angezogen. Der Zweite Offizier sagte zu allen: „Hört genau her. Jetzt werdet ihr erfahren, was ihr hier lernt. Es wird euch beigebracht, wie das Schiff zu segeln ist. Ihr werdet dem Schiffskoch (Smutje) genauso zur Hand gehen wie dem Steuermann, dem Funker, dem Signalgast, dem Bootsmann und mir, dem Zweiten Offizier. In jedem Bereich werdet ihr euch auskennen, wenn ihr das Schiff verlasst. Das heißt aber auch, ihr werdet vier Wochen kein Land unter euren Füßen haben. Ist das klar?“ „Jawoll, Genosse Offizier!“
„Unsere Reise wird in nördliche und östliche Gewässer gehen. Immer außerhalb der Drei-Meilen-Zone, also im internationalen Seegebiet. Wir fahren in den Finnischen Meerbusen bis kurz vor Leningrad. Danach zurück in den Bottnischen Meerbusen. Vorbei an Helsinki, Turku bis zum nördlichsten Punkt der Ostsee, kurz vor Haparanda an der finnisch-schwedischen Grenze. Dann wieder südlich vorbei an Skellefteå und Hörnösand in Richtung Stockholm, Malmö und zurück nach Rostock. Jeder von Ihnen trägt eine eingestickte Nummer am Revers. Wer eine gerade Zahl hat, hat heute 18:00 Uhr Dienstantritt. Die anderen morgen früh um 06:00 Uhr. Der Wechsel findet immer auf Deck statt. Dort werden Aufgaben verteilt und eine Auswertung des vergangenen Tages vorgenommen. Jeder Sonntag ist frei. Danach wechseln die Gruppen die Schicht. Ist das klar?“ „Jawohl, Genosse Offizier!“ „Wegtreten!“
Tim hatte die Nummer 18, also noch fünf Stunden bis zum Antritt. Er und die anderen machten es sich in ihren Kojen bequem. Plötzlich: ein lautes Pfeifen und der Ruf „Alarm“. Wie besessen rannten alle drei Etagen hoch Richtung Deck. Der Kapitän stand da und stoppte die Zeit. Er sagte: „40 Sekunden. Nicht schlecht für den ersten Alarm von null, bis alle hier oben strammstehen. Alle Mann in den Mannschaftsraum (Messe) zum Essen fassen.“ Und alle riefen: „Jawohl, Genosse Kapitän!“
Erst jetzt fiel es Tim ein, dass er noch nichts gegessen hatte. Schon 13:00 Uhr, es wurde auch Zeit. Er aß mit wenig Appetit seine Nudelsuppe, trank ein Glas Wasser und einen Apfel als Nachtisch. Danach ging es in die Koje. Nach kurzer Zeit rannte er zum Deck, um sich zu übergeben. Da standen auch schon über 20 Schiffsjungen und brachten Neptun ihr Opfer dar. Im Hintergrund lachte der Bootsmann und sagte höhnisch: „Das wird nicht das letzte Mal sein, dass ihr kotzt.“ Es kamen fast alle Neulinge zu dieser Opfergabe, die auch recht schmerzlich war. Als es dann nichts mehr zu opfern gab, krochen sie wieder in ihre Kojen. Tim schlief sofort ein.
Pünktlich wurde zum Wachwechsel gepfiffen. Alle traten auf Deck an, alle weiß wie Kalkwände. Der Kapitän und der Zweite Offizier empfingen uns mit den Worten: „Jeder Seemann hat das am Anfang erlebt und sollte hart zu sich selbst sein.“ Danach schickten sie die ungeraden Zahlen wieder zurück in die Koje. 20 Mann durften in dieser Nacht Kotze wegputzen und Kartoffeln schälen für die Opfergabe am nächsten Tag. Bei vielen Schiffsjungen trat nach dem dritten Tag auf See Besserung ein, nur nicht bei Tim. Einmal in seinem Leben hatte Tim einen richtig guten Alkoholrausch gehabt. Der Zustand, den er jetzt hatte, war ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass er jetzt einen klaren, wenn auch schmerzhaften Kopf hatte. Das Fatale an seinem Zustand war auch, dass er immer mehr entkräftete und von seinen Kojen-Kameraden dazu noch gehänselt und verspottet wurde. Erst wenn er das überwunden hatte, durfte er in die Tagelage steigen und Segel raffen oder hissen. Bis dahin hatte er Putz- und Küchendienst. Am fünften Tag der Reise war er am Ende seiner psychischen und physischen Kräfte angelangt. Eine Stunde vor dem Sechs-Uhr-Wachwechsel stand er auf Deck an der Schiffsbordwand (Reling) und wusste nicht, ob er leben oder sterben wollte. Ja, er spielte mit dem Gedanken, über Bord zu springen. Das überlebte niemand in dem kalten Wasser. Er wollte gerade den ersten Fuß heben, als ihm von hinten jemand auf die Schulter griff und sagte: „Tim, tu es nicht!“ Es war der Zweite Offizier, der Tim in den Arm nahm. Danach, als sich Tim von seinem Zusammenbruch gelöst hatte, gab ihm der Zweite Offizier eine Schachtel Tabletten und sagte: „Nimm jetzt zwei Stück und morgen eine. Du hast jetzt 24 Stunden Zeit, gesund zu werden.“
Nach dem Wachwechsel schlief Tim fast 20 Stunden durch. Nach dem Aufwachen hatte er einen ungeheuren Hunger, den er sogleich beim Smutje bekämpfte, mit drei Eiern und Bratkartoffeln. Jetzt stand fest: Die Seekrankheit hatte er für immer überstanden. Nun durfte er in die Tagelage und wurde vom Funker mit Morsealphabet und Kurzwellensender vertraut gemacht, half dem Zweiten Offizier beim Navigieren mit der Seekarte, dem Lineal, dem Dreieck mit dem Winkelmesser und Zirkel, ging dem Steuermann bei Tag und Nacht zur Hand, versuchte, Seezeichen zu verstehen, und Standortbestimmung mittels Sextanten. Der Signalgast half ihm dabei, und seine Kameraden pflegten auch einen normalen Ton und Umgang zu ihm. So vergingen die Wochen wie im Flug. Selbst ein heftiger Sturm der Stärke zehn Beaufort machte Tim nichts aus.
Diese vier Wochen Anstrengungen auf dem Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“ sind die beste Grundlage für ein Seemannsleben, dachte Tim am Ende dieser Seereise.
Drittes Kapitel
Noch ein halbes Jahr Schule, danach die Berufsschule und das Abitur absolvieren. Diese Belastung würde doppelt so hoch werden wie der Prüfungsstress am Ende der zehnten Klasse. Das wusste Tim, da er seinen Ausbildungsvertrag in der Tasche hatte. Auf jeden Fall hatte er seinen Klassenkameraden am ersten Schultag nach den Winterferien etwas zu erzählen. Und die lauschten gespannt seinen Ausführungen über sein Erlebnis auf der „Wilhelm Pieck“. Das mit der Seekrankheit und dessen Folgen ließ er aufgrund seiner Scham einfach weg. Nur seinem Vater erzählte er davon, der ihm versprach, nichts und niemandem davon zu berichten. Auch sein Vater hatte vor 25 Jahren einen solch schlimmen Ausbruch der Seekrankheit erleiden müssen. Aber wenn es überstanden ist, dann für immer. Überhaupt hatte Tim zu seinem Vater ein ausgezeichnetes, wirklich sehr gutes Verhältnis im Umgang wie auch auf Gegenseitigkeit beruhendem Vertrauen. Wenn die beiden miteinander sprachen, konnte ein Außenstehender meinen, es unterhielten sich zwei Freunde. Der Umgang mit seiner Mutter war dagegen etwas reservierter. Sie war und blieb Lehrerin, auch nach Schulschluss oder in den Ferien. Immer dieser fordernde Ton in ihrer Stimme. Diese Gestik und Mimik und Neutralität in ihrem Verhalten, zuweilen richtig kalt, kaum dass sie Emotionen zeigte. Eigentlich ein seltsamer Mensch!
Voller Stolz zeigte Tim seinen Eltern seinen Lehrvertrag. Die Lehrzeit betrug drei Jahre. Das Ziel war eine abgeschlossene Ausbildung als Matrose der Handelsschifffahrt zur See und das Abitur. Die monatliche Vergütung betrug im ersten Lehrjahr 130,00 Mark der DDR und als Sahnehäubchen obendrauf pro Seetag 1,25 Valuta, dies entsprach 1,25 Deutsche Mark. 20 Tage Urlaub im Jahr. Kaum drei Wochen danach bekam Tim Post vom Wehrkreis-Kommando in Wismar, bei dem er sich einzufinden hätte. Schulzeugnis und Lehrvertrag seien mitzubringen und vorzulegen. Am befohlenen Tag trat Tim der Musterungskommission gegenüber. Vorsitzender dieser Kommission war ein Hauptmann der NVA. Dieser versuchte, Tim allen Ernstes seine Lehre auszureden, und löcherte ihn mit einer Offizierslaufbahn bei der Volksmarine. Immer wieder im Gespräch war der Vater von Tim. Welch ein ausgezeichneter Genosse er sei und wie treu dem Vaterland ergeben und dass es gut für ihn sei, wenn sein Sohn in seine Fußstapfen treten würde.
Tim wandte ein, dass er einen gültigen Lehrvertrag hatte und dieser auch von beiden Elternteilen unterzeichnet worden war. Der Hauptmann sagte, es sei egal, wenn er den Vertrag kündige und jetzt sofort einen Seekadettenvertrag unterzeichnen würde. Das war Tim zuwider. Höflich, aber bestimmend sagte er dem Vorhaben des Hauptmannes ab.
„Nun, wir können auch anders“, sagte der Hauptmann. „Sie werden nach Ihrer Ausbildung eingezogen und absolvieren den Grundwehrdienst 48 Monate bei der Volksmarine. Glauben Sie mir, dort haben Sie nichts zu lachen. Wollen Sie das?“, fragte der Hauptmann. „Jawoll, Genosse Offizier!“, sagte Tim. „Gut, Sie sind gemustert und als zukünftiger Reserveoffizierskadett der NVA Volksmarine eingetragen.“ Als Tim diese Begebenheit seinem Vater erzählte, sagte der: „Es ist gut, dass du dich von deinem Vorhaben nicht abbringen lässt und standhaft bleibst. Wenn ein Mann einen Willen hat, so hat er auch die verdammte Pflicht, den in die Tat umzusetzen!“ Jetzt hatte Tim Lust, ein Bier zu trinken. Zu diesem Zweck ging er in die nächste, beste Hafenkneipe. Das erste Mal allein, ohne Freunde, einfach so, um das Erlebte zu verarbeiten. Es wurde ein richtig geiler Abend. Er musste um 22:00 Uhr zu Hause sein, das war die Bedingung. Aber was er bis dahin erlebte, würde er nicht gleich wieder vergessen. Ein alter Seebär lud ihn zu Bier und Schnaps ein. Dieser Typ war auf allen sieben Meeren zu Hause. Und jetzt lag sein Schiff in Rostock im Hafen. Mann, hatte der ein Seemannsgarn gesponnen. Sein Name war Eric, auch aus dieser Gegend. Er erzählte zum Beispiel: Sie hatten mit ihrem Schiff vor Westafrika auf Reede gelegen. In Äquatornähe vor Anker. Da war es so heiß gewesen, dass die Ankerkette geschmolzen war. Oder: Sie hatten sich im Kanal befunden, kurz vor Dover, und der Nebel war so stark gewesen, dass der Bootsmann mit seinen Matrosen die Nebelschwaden mit langen Besen hatte wegfegen müssen, damit der Steuermann freie Sicht gehabt hatte. Oder: Dass sie auf Reede vor Rio gelegen und aus Langeweile geangelt hatten. Es waren fliegende Fische an Deck gekommen und schließlich dort gelandet. So viel Stuss hatte Tim überhaupt noch nicht gehört. Aber das tat gut nach so einem seltsamen Tag.
Bis Ende Juni paukte Tim für mündliche und schriftliche Prüfungen, so dass er das Endergebnis der zehnten Klasse als Zeugnis vor sich liegen hatte. Ein Notendurchschnitt von 1,1, und er platzte bald vor Stolz. Nun hatte er vier Wochen frei und danach vier Wochen Ferienarbeit vor sich. In einem staatlichen Fischverarbeitungsbetrieb in Saßnitz auf der Insel Rügen. Er wohnte dort bei seiner Tante, denn Wismar und Saßnitz waren über 100 Kilometer auseinander. In dem Betrieb verdiente er sich das Geld, das er für die Fahrschule benötigte, denn er wollte unbedingt Motorrad fahren. Auch dieses Ziel erreichte er. Sein Vater schenkte ihm ein nagelneues Motorrad zu seinem 17. Geburtstag. Eine MZ mit 150 Kubikzentimeter. Diese Maschine sollte für ein paar Jahre sein Begleiter an Land sein. Zur Berufsschule, zur Schule, in der er sein Abitur machte, und zu seiner Freundin, die er noch in den Sommerferien kennenlernte. Seine erste große Liebe!
Es waren zwei Jahre vergangen, ohne dass er einen Fuß auf irgendein Schiff gesetzt hatte. Nur lernen, lernen und nochmals lernen (Lenin). Vormittags Seemannsschule mit Fächern wie Nautik, Funktechnik, Steuerung und Strömungslehre, internationales Seerecht, Grundlagen des Schiffbaus, Fachenglisch und Russisch, Sport und Staatsbürgerkunde. Nachmittags Schule für das Abitur mit Mathe, Physik, Chemie, Russisch, Englisch, Latein, Geschichte und Staatsbürgerkunde. Hin und wieder gab es Exkursionen. So zum Beispiel nach Wismar in die „Matthias-Thesen-Werft“. Dort war man spezialisiert auf Roloff-Rollone-Schiffe. Das hieß, es waren Fähren für Autos und Züge. Jedes dritte Schiff für die UdSSR noch als Reparation für den verlorenen Krieg. Bei dieser Exkursion kam es zu einem schrecklichen Betriebsunfall, der Tim sehr emotional berührte. Sein Lehrer und die ganze Klasse waren mit Arbeitsschutzhelmen ausgestattet worden. Alle standen in der unmittelbaren Nähe des zu verarbeitenden Schiffes, das mit großen Seitenwänden aus Stahl montiert wurde. Das hieß, dass jeweils eine große Metallplatte am Kranhaken hing und am Schiff eingepasst wurde, die sogleich von mehreren Schweißern befestigt werden sollte. Bei diesen Arbeiten geschah das Unglück. Um diese schweren Stahlplatten einzupassen, mussten mehrere Arbeiter genau beobachten, dass diese Platten genau dorthin kamen, wo sie hinmussten, und den Kranfahrer dirigieren. Und das war Millimeterarbeit. Ein Arbeiter kniete am unteren Ende der Stahlplatte und bewegte seinen Kopf hinein, um von innen zu sehen, ob sie genau angesetzt war. Dieser Spalt war nicht breiter als 40 Zentimeter. In diesem Moment ließ der Kranfahrer die Platte herab, was zur Folge hatte, dass es dem Arbeiter mit dem prüfenden Blick den Kopf komplett vom Hals trennte und er auf der Stelle tot war.
Um dieses Geschehen in seiner Gänze zu verarbeiten, bedurfte es Wochen. Was auch nicht zu verstehen war, war die Härte des Vorgehens der Betriebsleitung. Nach ungefähr zwei Stunden Unfallaufnahme durch die Polizei und der Staatssicherheit und nach Bergung des Toten wurde die Schicht komplett ausgetauscht und die Arbeit fortgesetzt. Es wurde gesagt: „Wir liegen dadurch schlecht in der Zeit. Der Plan ist, in genau einem halben Jahr das Schiff an die UdSSR zu übergeben. Der Plan ist Gesetz!“
Um auf andere Gedanken zu kommen, gab es am nächsten Tag für die Klasse eine Seenotrettungsübung im Hafenbecken von Rostock. Das lenkte alle vom Geschehen des Vortages ab. Jeder Schüler bekam eine Schwimmweste umgehängt, und es wurde eine sich selbst aufblasbare Rettungsinsel zu Wasser gelassen. Jeder musste von der Kaimauer etwa 15 Meter herab in die Tiefe springen und sich auf die Insel retten. Das Springen ging gut, aber auf die Rettungsinsel heraufzukommen, gelang nur mit kollegialer Hilfe. Aber auch das schaffte jeder.
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Tim Klark war ein kluger und fleißiger Junge im Alter von 16 Jahren. Er war überzeugt davon, ein Leben lang zur See zu fahren, wie es sein Vater machte und sein Großvater getan hatte. Nur mit dem Unterschied, dass sein Vater als Kapitän bei der Deutschen Volksmarine auf einem Küstenschutzboot tätig war. Tim aber wollte lieber zivil, das heißt, bei der Handelsschifffahrt, seine Heuer (Seemannslohn) verdienen.
Gestern, am 26. Februar 1987, nahm er sein Schulhalbjahreszeugnis zur Hand und ging zum Vorstellungsgespräch zur Deutschen Seereederei DSR nach Rostock. Er strebte eine Ausbildung als Matrose an und wollte gleichzeitig sein Abitur zu Ende bringen. Das hieß im Klartext: Arbeiten und pauken, dass die Schwarte kracht! Dessen war er sich bewusst.
Der dominante und doch freundliche Personalchef der DSR machte Tim darauf aufmerksam, dass diese kombinierte Ausbildung drei Jahre in Anspruch nehmen würde. Dazu gehörten Theorie in der Seefahrtschule, eine vierwöchige kleine Seefahrt auf dem Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“ auf der Ostsee sowie eine halbjährliche Seefahrt auf einem Stückgutfrachter im internationalen Seeverkehr. Das hieß im Klartext zweieinhalb Jahre Theorie und ein halbes Jahr Praxis. Und das Ganze auch noch in dieser Reihenfolge.
Tims Voraussetzungen für diese Plagerei waren die besten. Körperlich fit, groß gewachsen und absolut gesund. Auch seine familiäre Herkunft war ganz oben anzusiedeln. Großvater war Maschinist auf großen Schiffen gewesen. Sein Vater war Kapitän auf einem Küstenschutzboot und bewachte unsere Seegrenzen zum kapitalistischen Feind. Seine Mutter war Oberschullehrerin für Geschichte und Staatsbürgerkunde. Auch Westverwandte hatte er nicht.
Er glaubte wahrhaftig an den großen Siegeszug des Sozialismus und Kommunismus weltweit. All dies waren die besten Voraussetzungen für solch eine harte Ausbildung. Nach über zwei Stunden andauerndem Gespräch mit dem Personalchef der DSR unterschrieb Tim seinen Lehrvertrag, bedankte sich herzlich bei ihm und ging fröhlich nach Hause.
Tim wohnte bei seinen Eltern in Wismar in einer feinen Siedlung mit vielen Eigenheimen, die extra für Offiziere der Volksmarine gebaut worden waren. Am 29. Februar war sein erster Winterferientag. Und genau an diesem Tag begann seine kleine Seefahrt auf dem Segelschulschiff. Das Wetter war zurzeit sehr gut. Sonnig und nicht zu kalt für diese Jahreszeit. Tim hoffte, es würde vier Wochen so bleiben, was eigentlich unrealistisch war.
Zweites Kapitel
An der Rostocker Hafenmauer (Kai) standen vierzig zur Ausbildung bereite Jungs im zarten Alter von 16 bis 17 Jahren. Die meisten von ihnen wollten Seekadetten bei der Volksmarine werden. Das große Segelschulschiff, die „Wilhelm Pieck“, war ein eisernes Dreimastvollschiff.
Der Kapitän, Genosse Hansen, stand davor und begrüßte jeden Einzelnen seiner neuen Mannschaft mit Handschlag. Danach sprach er zu allen: „Auf meinem Schiff herrscht ein militärischer Drill und Ton. Es wird jeden Morgen zur Wachübergabe angetreten zum Appell. Das heißt auch zwölf Stunden Dienst und zwölf Stunden Ruhe, falls es keinen Alarm gibt. Bei Alarm sind alle verpflichtet, an Deck zu erscheinen, egal zu welcher Zeit. Alles, was ihr hier lernt, wird euch im Leben von Nutzen sein. Eingekleidet hat euch schon der Hafenkapitän. Ab heute tragt ihr vier Wochen die Uniform, die euch danach, wenn ihr ehrenhaft von dem Schiff abmustert, gehören wird. Eine finanzielle Vergütung für euren Ehrendienst ist nicht vorgesehen. Antrag auf Fahrgeld von eurer Wohnung zum Hafen und zurück wird beim Genossen Hafenkapitän zu stellen sein. Auf See sind Kost und Logis frei. Wenn ich meine Befehle zu Ende gesprochen habe, werde ich euch stets fragen, ob ihr mich verstanden habt! Und dann will ich von euch im Gleichklang hören: ‚Jawoll, Genosse Kapitän!‘“
Dieser Mann, dachte Tim, hat eine gewaltige, tiefe, angstmachende Stimmkraft. So war auch sein brutales, dominantes Verhalten als Kapitän. Zuerst wurden alle neuen Schiffsjungen auf dem Schiff eingewiesen. Es gab acht Kojen für je fünf Mann. Alles auf dem Schiff war sehr sauber, aber nicht gepflegt. Die Ankerwinde (Spill) war mit deutlichen Gebrauchsspuren behaftet. Zum Bedienen dieser Winde bedurfte es acht Mann, die am Drehkreuz den Anker lichteten. Auch Tim war dabei. Danach wurden die Segel gesetzt. Die Strickleitern waren vom Deck bis zur Mastspitze 35 Meter hoch. Alle Schiffsjungen waren ausnahmslos schwindelfrei. Ein Ausbilder der Stammmannschaft, der Zweite Offizier, der die Jungs mit Handgriffen, Fertigkeiten und Wissen vertraut machte, ging voran in die Takelage, um die Segel zu setzen.
Keiner der vierzig Schiffsjungen sprach auch nur ein Wort. Alle hörten und sahen angespannt dem Zweiten Offizier zu. Nachdem das Kommando „Leinen los“ erschallt war, bemerkte ein jeder die majestätische Bewegung des Schiffes auf dem Weg in die offene See. Es ging ein Wind der Stärke drei. „Zum Eingewöhnen ganz gut“, sagte der Offizier. Keiner der Jungen spürte die Kälte von minus fünf Grad. Alle waren voller Anspannung und Neugier auf das ungewohnte neue Erlebnis. Einige waren Freizeitsegler, aber das hatte mit dem riesigen Segelschiff, auf dem sie jetzt fuhren, wenig gemeinsam. Die wetterfesten Sachen, das sogenannte Ölzeug, hatte auch noch niemand angezogen. Der Zweite Offizier sagte zu allen: „Hört genau her. Jetzt werdet ihr erfahren, was ihr hier lernt. Es wird euch beigebracht, wie das Schiff zu segeln ist. Ihr werdet dem Schiffskoch (Smutje) genauso zur Hand gehen wie dem Steuermann, dem Funker, dem Signalgast, dem Bootsmann und mir, dem Zweiten Offizier. In jedem Bereich werdet ihr euch auskennen, wenn ihr das Schiff verlasst. Das heißt aber auch, ihr werdet vier Wochen kein Land unter euren Füßen haben. Ist das klar?“ „Jawoll, Genosse Offizier!“
„Unsere Reise wird in nördliche und östliche Gewässer gehen. Immer außerhalb der Drei-Meilen-Zone, also im internationalen Seegebiet. Wir fahren in den Finnischen Meerbusen bis kurz vor Leningrad. Danach zurück in den Bottnischen Meerbusen. Vorbei an Helsinki, Turku bis zum nördlichsten Punkt der Ostsee, kurz vor Haparanda an der finnisch-schwedischen Grenze. Dann wieder südlich vorbei an Skellefteå und Hörnösand in Richtung Stockholm, Malmö und zurück nach Rostock. Jeder von Ihnen trägt eine eingestickte Nummer am Revers. Wer eine gerade Zahl hat, hat heute 18:00 Uhr Dienstantritt. Die anderen morgen früh um 06:00 Uhr. Der Wechsel findet immer auf Deck statt. Dort werden Aufgaben verteilt und eine Auswertung des vergangenen Tages vorgenommen. Jeder Sonntag ist frei. Danach wechseln die Gruppen die Schicht. Ist das klar?“ „Jawohl, Genosse Offizier!“ „Wegtreten!“
Tim hatte die Nummer 18, also noch fünf Stunden bis zum Antritt. Er und die anderen machten es sich in ihren Kojen bequem. Plötzlich: ein lautes Pfeifen und der Ruf „Alarm“. Wie besessen rannten alle drei Etagen hoch Richtung Deck. Der Kapitän stand da und stoppte die Zeit. Er sagte: „40 Sekunden. Nicht schlecht für den ersten Alarm von null, bis alle hier oben strammstehen. Alle Mann in den Mannschaftsraum (Messe) zum Essen fassen.“ Und alle riefen: „Jawohl, Genosse Kapitän!“
Erst jetzt fiel es Tim ein, dass er noch nichts gegessen hatte. Schon 13:00 Uhr, es wurde auch Zeit. Er aß mit wenig Appetit seine Nudelsuppe, trank ein Glas Wasser und einen Apfel als Nachtisch. Danach ging es in die Koje. Nach kurzer Zeit rannte er zum Deck, um sich zu übergeben. Da standen auch schon über 20 Schiffsjungen und brachten Neptun ihr Opfer dar. Im Hintergrund lachte der Bootsmann und sagte höhnisch: „Das wird nicht das letzte Mal sein, dass ihr kotzt.“ Es kamen fast alle Neulinge zu dieser Opfergabe, die auch recht schmerzlich war. Als es dann nichts mehr zu opfern gab, krochen sie wieder in ihre Kojen. Tim schlief sofort ein.
Pünktlich wurde zum Wachwechsel gepfiffen. Alle traten auf Deck an, alle weiß wie Kalkwände. Der Kapitän und der Zweite Offizier empfingen uns mit den Worten: „Jeder Seemann hat das am Anfang erlebt und sollte hart zu sich selbst sein.“ Danach schickten sie die ungeraden Zahlen wieder zurück in die Koje. 20 Mann durften in dieser Nacht Kotze wegputzen und Kartoffeln schälen für die Opfergabe am nächsten Tag. Bei vielen Schiffsjungen trat nach dem dritten Tag auf See Besserung ein, nur nicht bei Tim. Einmal in seinem Leben hatte Tim einen richtig guten Alkoholrausch gehabt. Der Zustand, den er jetzt hatte, war ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass er jetzt einen klaren, wenn auch schmerzhaften Kopf hatte. Das Fatale an seinem Zustand war auch, dass er immer mehr entkräftete und von seinen Kojen-Kameraden dazu noch gehänselt und verspottet wurde. Erst wenn er das überwunden hatte, durfte er in die Tagelage steigen und Segel raffen oder hissen. Bis dahin hatte er Putz- und Küchendienst. Am fünften Tag der Reise war er am Ende seiner psychischen und physischen Kräfte angelangt. Eine Stunde vor dem Sechs-Uhr-Wachwechsel stand er auf Deck an der Schiffsbordwand (Reling) und wusste nicht, ob er leben oder sterben wollte. Ja, er spielte mit dem Gedanken, über Bord zu springen. Das überlebte niemand in dem kalten Wasser. Er wollte gerade den ersten Fuß heben, als ihm von hinten jemand auf die Schulter griff und sagte: „Tim, tu es nicht!“ Es war der Zweite Offizier, der Tim in den Arm nahm. Danach, als sich Tim von seinem Zusammenbruch gelöst hatte, gab ihm der Zweite Offizier eine Schachtel Tabletten und sagte: „Nimm jetzt zwei Stück und morgen eine. Du hast jetzt 24 Stunden Zeit, gesund zu werden.“
Nach dem Wachwechsel schlief Tim fast 20 Stunden durch. Nach dem Aufwachen hatte er einen ungeheuren Hunger, den er sogleich beim Smutje bekämpfte, mit drei Eiern und Bratkartoffeln. Jetzt stand fest: Die Seekrankheit hatte er für immer überstanden. Nun durfte er in die Tagelage und wurde vom Funker mit Morsealphabet und Kurzwellensender vertraut gemacht, half dem Zweiten Offizier beim Navigieren mit der Seekarte, dem Lineal, dem Dreieck mit dem Winkelmesser und Zirkel, ging dem Steuermann bei Tag und Nacht zur Hand, versuchte, Seezeichen zu verstehen, und Standortbestimmung mittels Sextanten. Der Signalgast half ihm dabei, und seine Kameraden pflegten auch einen normalen Ton und Umgang zu ihm. So vergingen die Wochen wie im Flug. Selbst ein heftiger Sturm der Stärke zehn Beaufort machte Tim nichts aus.
Diese vier Wochen Anstrengungen auf dem Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“ sind die beste Grundlage für ein Seemannsleben, dachte Tim am Ende dieser Seereise.
Drittes Kapitel
Noch ein halbes Jahr Schule, danach die Berufsschule und das Abitur absolvieren. Diese Belastung würde doppelt so hoch werden wie der Prüfungsstress am Ende der zehnten Klasse. Das wusste Tim, da er seinen Ausbildungsvertrag in der Tasche hatte. Auf jeden Fall hatte er seinen Klassenkameraden am ersten Schultag nach den Winterferien etwas zu erzählen. Und die lauschten gespannt seinen Ausführungen über sein Erlebnis auf der „Wilhelm Pieck“. Das mit der Seekrankheit und dessen Folgen ließ er aufgrund seiner Scham einfach weg. Nur seinem Vater erzählte er davon, der ihm versprach, nichts und niemandem davon zu berichten. Auch sein Vater hatte vor 25 Jahren einen solch schlimmen Ausbruch der Seekrankheit erleiden müssen. Aber wenn es überstanden ist, dann für immer. Überhaupt hatte Tim zu seinem Vater ein ausgezeichnetes, wirklich sehr gutes Verhältnis im Umgang wie auch auf Gegenseitigkeit beruhendem Vertrauen. Wenn die beiden miteinander sprachen, konnte ein Außenstehender meinen, es unterhielten sich zwei Freunde. Der Umgang mit seiner Mutter war dagegen etwas reservierter. Sie war und blieb Lehrerin, auch nach Schulschluss oder in den Ferien. Immer dieser fordernde Ton in ihrer Stimme. Diese Gestik und Mimik und Neutralität in ihrem Verhalten, zuweilen richtig kalt, kaum dass sie Emotionen zeigte. Eigentlich ein seltsamer Mensch!
Voller Stolz zeigte Tim seinen Eltern seinen Lehrvertrag. Die Lehrzeit betrug drei Jahre. Das Ziel war eine abgeschlossene Ausbildung als Matrose der Handelsschifffahrt zur See und das Abitur. Die monatliche Vergütung betrug im ersten Lehrjahr 130,00 Mark der DDR und als Sahnehäubchen obendrauf pro Seetag 1,25 Valuta, dies entsprach 1,25 Deutsche Mark. 20 Tage Urlaub im Jahr. Kaum drei Wochen danach bekam Tim Post vom Wehrkreis-Kommando in Wismar, bei dem er sich einzufinden hätte. Schulzeugnis und Lehrvertrag seien mitzubringen und vorzulegen. Am befohlenen Tag trat Tim der Musterungskommission gegenüber. Vorsitzender dieser Kommission war ein Hauptmann der NVA. Dieser versuchte, Tim allen Ernstes seine Lehre auszureden, und löcherte ihn mit einer Offizierslaufbahn bei der Volksmarine. Immer wieder im Gespräch war der Vater von Tim. Welch ein ausgezeichneter Genosse er sei und wie treu dem Vaterland ergeben und dass es gut für ihn sei, wenn sein Sohn in seine Fußstapfen treten würde.
Tim wandte ein, dass er einen gültigen Lehrvertrag hatte und dieser auch von beiden Elternteilen unterzeichnet worden war. Der Hauptmann sagte, es sei egal, wenn er den Vertrag kündige und jetzt sofort einen Seekadettenvertrag unterzeichnen würde. Das war Tim zuwider. Höflich, aber bestimmend sagte er dem Vorhaben des Hauptmannes ab.
„Nun, wir können auch anders“, sagte der Hauptmann. „Sie werden nach Ihrer Ausbildung eingezogen und absolvieren den Grundwehrdienst 48 Monate bei der Volksmarine. Glauben Sie mir, dort haben Sie nichts zu lachen. Wollen Sie das?“, fragte der Hauptmann. „Jawoll, Genosse Offizier!“, sagte Tim. „Gut, Sie sind gemustert und als zukünftiger Reserveoffizierskadett der NVA Volksmarine eingetragen.“ Als Tim diese Begebenheit seinem Vater erzählte, sagte der: „Es ist gut, dass du dich von deinem Vorhaben nicht abbringen lässt und standhaft bleibst. Wenn ein Mann einen Willen hat, so hat er auch die verdammte Pflicht, den in die Tat umzusetzen!“ Jetzt hatte Tim Lust, ein Bier zu trinken. Zu diesem Zweck ging er in die nächste, beste Hafenkneipe. Das erste Mal allein, ohne Freunde, einfach so, um das Erlebte zu verarbeiten. Es wurde ein richtig geiler Abend. Er musste um 22:00 Uhr zu Hause sein, das war die Bedingung. Aber was er bis dahin erlebte, würde er nicht gleich wieder vergessen. Ein alter Seebär lud ihn zu Bier und Schnaps ein. Dieser Typ war auf allen sieben Meeren zu Hause. Und jetzt lag sein Schiff in Rostock im Hafen. Mann, hatte der ein Seemannsgarn gesponnen. Sein Name war Eric, auch aus dieser Gegend. Er erzählte zum Beispiel: Sie hatten mit ihrem Schiff vor Westafrika auf Reede gelegen. In Äquatornähe vor Anker. Da war es so heiß gewesen, dass die Ankerkette geschmolzen war. Oder: Sie hatten sich im Kanal befunden, kurz vor Dover, und der Nebel war so stark gewesen, dass der Bootsmann mit seinen Matrosen die Nebelschwaden mit langen Besen hatte wegfegen müssen, damit der Steuermann freie Sicht gehabt hatte. Oder: Dass sie auf Reede vor Rio gelegen und aus Langeweile geangelt hatten. Es waren fliegende Fische an Deck gekommen und schließlich dort gelandet. So viel Stuss hatte Tim überhaupt noch nicht gehört. Aber das tat gut nach so einem seltsamen Tag.
Bis Ende Juni paukte Tim für mündliche und schriftliche Prüfungen, so dass er das Endergebnis der zehnten Klasse als Zeugnis vor sich liegen hatte. Ein Notendurchschnitt von 1,1, und er platzte bald vor Stolz. Nun hatte er vier Wochen frei und danach vier Wochen Ferienarbeit vor sich. In einem staatlichen Fischverarbeitungsbetrieb in Saßnitz auf der Insel Rügen. Er wohnte dort bei seiner Tante, denn Wismar und Saßnitz waren über 100 Kilometer auseinander. In dem Betrieb verdiente er sich das Geld, das er für die Fahrschule benötigte, denn er wollte unbedingt Motorrad fahren. Auch dieses Ziel erreichte er. Sein Vater schenkte ihm ein nagelneues Motorrad zu seinem 17. Geburtstag. Eine MZ mit 150 Kubikzentimeter. Diese Maschine sollte für ein paar Jahre sein Begleiter an Land sein. Zur Berufsschule, zur Schule, in der er sein Abitur machte, und zu seiner Freundin, die er noch in den Sommerferien kennenlernte. Seine erste große Liebe!
Es waren zwei Jahre vergangen, ohne dass er einen Fuß auf irgendein Schiff gesetzt hatte. Nur lernen, lernen und nochmals lernen (Lenin). Vormittags Seemannsschule mit Fächern wie Nautik, Funktechnik, Steuerung und Strömungslehre, internationales Seerecht, Grundlagen des Schiffbaus, Fachenglisch und Russisch, Sport und Staatsbürgerkunde. Nachmittags Schule für das Abitur mit Mathe, Physik, Chemie, Russisch, Englisch, Latein, Geschichte und Staatsbürgerkunde. Hin und wieder gab es Exkursionen. So zum Beispiel nach Wismar in die „Matthias-Thesen-Werft“. Dort war man spezialisiert auf Roloff-Rollone-Schiffe. Das hieß, es waren Fähren für Autos und Züge. Jedes dritte Schiff für die UdSSR noch als Reparation für den verlorenen Krieg. Bei dieser Exkursion kam es zu einem schrecklichen Betriebsunfall, der Tim sehr emotional berührte. Sein Lehrer und die ganze Klasse waren mit Arbeitsschutzhelmen ausgestattet worden. Alle standen in der unmittelbaren Nähe des zu verarbeitenden Schiffes, das mit großen Seitenwänden aus Stahl montiert wurde. Das hieß, dass jeweils eine große Metallplatte am Kranhaken hing und am Schiff eingepasst wurde, die sogleich von mehreren Schweißern befestigt werden sollte. Bei diesen Arbeiten geschah das Unglück. Um diese schweren Stahlplatten einzupassen, mussten mehrere Arbeiter genau beobachten, dass diese Platten genau dorthin kamen, wo sie hinmussten, und den Kranfahrer dirigieren. Und das war Millimeterarbeit. Ein Arbeiter kniete am unteren Ende der Stahlplatte und bewegte seinen Kopf hinein, um von innen zu sehen, ob sie genau angesetzt war. Dieser Spalt war nicht breiter als 40 Zentimeter. In diesem Moment ließ der Kranfahrer die Platte herab, was zur Folge hatte, dass es dem Arbeiter mit dem prüfenden Blick den Kopf komplett vom Hals trennte und er auf der Stelle tot war.
Um dieses Geschehen in seiner Gänze zu verarbeiten, bedurfte es Wochen. Was auch nicht zu verstehen war, war die Härte des Vorgehens der Betriebsleitung. Nach ungefähr zwei Stunden Unfallaufnahme durch die Polizei und der Staatssicherheit und nach Bergung des Toten wurde die Schicht komplett ausgetauscht und die Arbeit fortgesetzt. Es wurde gesagt: „Wir liegen dadurch schlecht in der Zeit. Der Plan ist, in genau einem halben Jahr das Schiff an die UdSSR zu übergeben. Der Plan ist Gesetz!“
Um auf andere Gedanken zu kommen, gab es am nächsten Tag für die Klasse eine Seenotrettungsübung im Hafenbecken von Rostock. Das lenkte alle vom Geschehen des Vortages ab. Jeder Schüler bekam eine Schwimmweste umgehängt, und es wurde eine sich selbst aufblasbare Rettungsinsel zu Wasser gelassen. Jeder musste von der Kaimauer etwa 15 Meter herab in die Tiefe springen und sich auf die Insel retten. Das Springen ging gut, aber auf die Rettungsinsel heraufzukommen, gelang nur mit kollegialer Hilfe. Aber auch das schaffte jeder.
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