Wann wird man je verstehn?

Wann wird man je verstehn?

Rose-Marie Braun


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 72
ISBN: 978-3-99107-936-1
Erscheinungsdatum: 10.01.2022
Die Autorin erzählt in dem Reisebericht von ihren oft nachdenklich stimmenden Erfahrungen in den unterschiedlichen Ländern.Die politischen Ereignisse in diesen Staaten haben Probleme aufgezeigt, die auch heute noch aktuell sind ….“Wann wird man je verstehn?“
Vorwort

Geprägt durch den 2. Weltkrieg und die Auswirkungen danach ist der Freiheitsdrang der jungen deutschen Studentin groß.
Die Ära der organisierten Reisen hat noch nicht begonnen und so macht sie sich allein oder mit einer Freundin auf, Europa und seine Menschen zu erkunden.
Es fehlt ihnen zwar an Geld, doch nicht an Unternehmungsgeist, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.
Ihr Interesse gilt der Kultur, der Sprache, den Menschen.
Noch nicht überschwemmt vom Massentourismus und seinen Folgen auch für die Einheimischen, gelingen ihr überraschende Einblicke in das Leben und die Mentalität der Bewohner.
Und es sind die kleinen, ganz persönlichen Erlebnisse und Begegnungen mit den vielen liebenswürdigen und hilfsbereiten Menschen, die sie zur überzeugten Europäerin machen (auch Istanbul, geprägt durch seine tausende Jahre alte Geschichte, gehört zu Europa).
Es bleiben ihr aber die Auswirkungen verfehlter Machtpolitik in der Vergangenheit nicht verborgen und sie frägt sich, warum dies nicht zu Einsicht und Umkehr führt.
Aus den vielfältigen Gesprächen und Erfahrungen bildet sie sich ihre Meinung.


Sion/Sitten
August 1962

Mit 17 hat man noch Träume, da wachsen noch alle Bäume – zwar nicht in den Himmel, aber doch in die Ferne.
Genauer gesagt in den Teil des französisch sprechenden Kanton Wallis mit dessen Hauptstadt Sion.
Sie hat sich mit ihrer Freundin aus Kaufbeuren, der Urheberin des Plans, verabredet.
Als oberbayerisches Mädchen, katholisch, vom Lande, war es anno 1954 nicht einfach, ein Gymnasium zu besuchen. Kaum Fahrverbindungen nach München, wenige Gymnasien.
Eines der wenigen Mädchengymnasien mit katholischem Internat: Kaufbeuren im Allgäu.
Mit ihrer Freundin hat sie Französisch und Latein bevorzugt und während der Studierzeit im Internat heimlich Briefe geschrieben. Sie auf Französisch „Mon cher général“, die andere auf Latein „Ave Caesar“.
Nun hat ihre Freundin über ihren Cousin, Braumeister in Sion, eine Unterkunft besorgt.
Gott sei Dank war es nicht schwierig, die Eltern zu überzeugen, wie wesentlich ein Aufenthalt dort wäre, ein Jahr vor dem Abitur.
Sie treffen sich im Zug in Kaufbeuren, in Zürich steigen sie um. An einem Kiosk im Bahnhof fällt ihnen das Titelblatt einer Zeitung auf. „Marilyn Monroe tot!“ Sie soll Suizid begangen haben. Die bewunderte blonde amerikanische Filmschauspielerin, Sexsymbol einer Generation.
Sie sind fassungslos. „Ist Schein doch nicht Sein?“
Kopfschüttelnd steigen sie in den Zug nach Sion.
Cousin Karl holt sie am Bahnhof ab, bringt sie in das ferienbedingt leere Internat, in dem sie von nun an wohnen. Ein Zweibettzimmer, ein großer Waschsaal und ein Speisesaal, in dem sie ein reichhaltiges Bircher Müsli genießen und ein üppiges Proviantpaket bekommen, jedes Mal mit „Schoki“, sprich Ovomaltine, versehen.
Man bespricht den Aufenthaltsplan. Der gutmütige Karl schlägt vor, sich abends zum Essen zu treffen. In der Zwischenzeit könnten sie Sion und Umgebung erkunden. Da er tagsüber arbeitet und also das Auto nicht braucht, bietet er ihnen sogar dieses an.
Die Freundin, inzwischen Externe, hat zu Hause mit 18 den Führerschein gemacht. Volljährig ist man mit 21. Ihre Mutter aber überlässt ihr öfters den Mercedes.
Der bescheidene Karl dagegen verfügt über einen VW Käfer.
Die nächsten Tage werden Stadt und Umgebung erkundet. Sion, von Felsen und Bergen umgeben, weist eine lange Geschichte auf. Die idyllische Stadt wird überragt von zwei mit Burgen bebauten Felsen. In der Stadt gibt es vieles zu besichtigen: die Cathédrale Notre Dame du Glarnier, das prächtige Renaissance-Rathaus, das Maison Supersaxo und die St. Theodul-Kirche, die nie vollendet wurde. Kardinal Schirner, der Bauherr, wünschte, in dieser Kirche beigesetzt zu werden. Er wollte sich auch zum Papst wählen lassen, doch wie so oft in der Geschichte hat eine Schlacht, hier die von Marignano 1515, die Pläne zunichte gemacht. Übrigens erhielten unter Mitwirkung dieses Kardinals die Schweizer damals das bis heute gültige Privileg, die Schweizer Garde in Rom zu stellen.
Im nahegelegenen Sierre, dem schwefelhaltigen Naturbad, kühlen sich die beiden öfters ab, erhitzen sich aber beim Anblick der gutgebauten männlichen Jugend wieder. Diese, auch nicht uninteressiert, führen Kunstsprünge ins Wasser vor, nähern sich eines Tages an und werfen die Mädchen gegen ihren Willen ins Wasser. Zwei französische Schimpfwörter, die sie gerne benützen würden, wenden sie vorsichtshalber nicht an.
Am 1. August erleben sie den Nationalfeiertag der Schweiz. Ganz ungewohnt für die zwei Deutschen wird dieser Tag sehr ausgelassen und fröhlich begangen. Abends sind die Straßen von Sion voll mit gutgelaunten Menschen.
Deutschland begeht seinen Nationalfeiertag am 17. Juni. Kein Grund für Ausgelassenheit und Frohsinn. Nein, jedes Jahr Anlass für viele politische Reden.
Im Wallis lassen sich die beiden „Maitschlis“, so werden sie öfter angesprochen, von der fröhlichen Stimmung mitreißen.
Eines Tages reift der Gedanke, mit dem Auto nach Genf zu fahren. Der Cousin stellt seinen VW Käfer zur Verfügung, obwohl seine Cousine erst seit einem Jahr den Führerschein besitzt und sehr wenig Fahrpraxis hat.
Gutgelaunt setzen sich die beiden am frühen Morgen ins Auto und fahren ohne Straßenkarte los. Sie wissen nur so viel, dass es immer „geradeaus“ geht, ohne Abzweigungen. Die Beifahrerin verträgt normalerweise das Autofahren nicht. Ihr wird häufig schlecht. Aber diese Fahrt ist so spannend, dass sie an Übelkeit nicht denken kann. Außerdem ist sie damit beschäftigt, der Fahrerin fachkundige Ratschläge zu erteilen.
In Montreux ein Augenblick der Unaufmerksamkeit! Gott sei Dank, der Verkehrspolizist kann sich noch mit einem beherzten Sprung zur Seite retten. Einfahrt in Genf. Prachtvolle Bauten! Sie sind beeindruckt und lassen sich in einem Café am See, in der Nähe der großen Fontäne nieder.

Im Café bestellen sie ein Cola für beide. Der Ober schaut pikiert. Aber viel Geld besitzen sie ja wirklich nicht. Gott sei Dank haben sie nur ein Getränk bestellt, denn beim Bezahlen ist der Schreck groß. Fünf Franken für eine Cola! Ist das menschenfreundlich und völkerverbindend? Sie legen das Geld auf den Tisch. Der Ober murmelt etwas auf Französisch, das sie nicht verstehen. Der Ober wiederholt, was wieder nicht verstanden wird. Dann spricht er Deutsch. „Das ist ohne Trinkgeld“. Doch die beiden rührt das nicht. Bei diesem Preis muss das Trinkgeld dabei sein, denken sie und verlassen das Lokal. Sie bummeln noch etwas an der Uferpromenade, sind begeistert von dem großartigen Panorama und den prächtigen Gebäuden.
Die Rückfahrt verläuft problemlos. Der Beifahrerin wird nicht schlecht. Spät nachts sind sie wieder in Sion.
Am Wochenende beschließt der Cousin, mit ihnen nach Turin zu fahren. Romeo, sein Studienfreund aus Weihenstephan, ist dort Braumeister. Er wollte ihn schon lange besuchen. Diesmal dauert die Fahrt dreieinhalb Stunden. Turin beeindruckt sie mit den breiten, prachtvollen Straßen: Corso Carlo, Corso Roma, Corso Emanuele, ganz anders als die italienischen Städte, die sie kennen.
Trotzdem verirrt sich der Cousin auf der Suche nach Romeos Wohnung im Straßengewirr und fährt in eine kleine Gasse, an deren Ende ein Polizist mit beiden Händen abwinkt. „Senso unico“, Einbahnstraße. Sie müssen wieder hinausfahren. Weitere Suche im Viertel, wieder landen sie in dieser Einbahnstraße, wieder winkt der Polizist ab, wieder rückwärts hinaus. Als sie zum dritten Mal auftauchen, lässt er sie entnervt durch, erklärt ihnen sogar noch den Weg. Vielleicht hat ihn das Schweizer Kennzeichen dazu veranlasst. Leider verstehen sie von seinen Erklärungen so gut wie nichts.
Aber sie finden Romeos Wohnung. Er führt sie ins Hotel.
Die beiden sind beeindruckt von ihrem riesigen Zimmer, stehen im Bad konsterniert vor dem Bidet. So etwas kennen sie nicht und überlegen, wozu diese Schüssel dienen soll. Ganz bestimmt für die Füße. Und da es so heiß ist, lassen sie Wasser einlaufen und kühlen die Füße. Es tut gut, auch wenn es unbequem ist, sich so zu bücken.
Romeo will ihnen die Brauerei zeigen. Der Cousin ist interessiert, die beiden nicht so sehr. Sie laufen eine Weile geduldig mit und hören den Erklärungen zu. Aber als es in einen Raum geht, in dem die technischen Abläufe erklärt werden, bleiben sie zurück. Sie entdecken einen großen Bottich mit einer braunen Flüssigkeit, vielleicht eine Vorstufe von Bier, und tauchen ganz schnell ihre Arme bis zu den Ellbogen hinein. Was für eine feine Erfrischung bei der Hitze!

Mit Romeo schlendern sie durch Turin. An einem Obststand kaufen sie eine Steige herrlicher Kirschen. Sie wird im Auto auf den Rücksitz gelegt. Cousin Karl, schon italienisch schneller geworden, fährt forsch auf die Kreuzung zu. Ein Schrei von Romeo! Abrupte Bremsung! Die Kirschen landen auf Schultern und Vordersitzen. „Brems is gut“, meint Romeo lakonisch.
Samstagabend gehen sie zum Tanzen. In einem Café auf einer Anhöhe mit herrlichem Blick auf das beleuchtete Turin befindet sich im Halbrund ein Orchester, die Tanzfläche ist etwas unterhalb. Die Italiener, elegant gekleidet, sind begeisterte Tänzer. Auch Romeo lässt an diesem warmen, südlichen Abend keinen Tanz aus und beglückt die beiden mit seinen Tanzkünsten.
Am nächsten Tag geht es zurück nach Sion. Und für das nächste Wochenende ist Évian angesagt.
In Évian-les Bains, dem eleganten, französischen Badeort am Genfer See, haben ein Vierteljahr vorher die französisch-algerischen Waffenstillstandsverhandlungen stattgefunden, die zur Unabhängigkeit Algeriens führten.
Ein Hotel in Évian ist schnell gefunden, für die beiden Damen ein Doppelzimmer und ein Einzelzimmer für den Herrn. Der Hotelier schaut sehr verwundert. Er kann die Konstellation nicht nachvollziehen. Sicherheitshalber drückt er dem Cousin noch einen Zweitschlüssel für das Zimmer der Damen in die Hand.
Sie erhalten keinen nächtlichen Besuch.
Zwei unbeschwerte Tage bummeln sie durch Évian, unterbrochen vom Besuch der feudalen Badeanstalt.
Dann geht es zurück ins beschauliche Sion.
Ein paar Tage später zurück ins Allgäu und nach Oberbayern, versehen mit französisch-schweizerischer und italienischer Lebensart.


Prag/Praha
Ostern 1963

Der Bus ist voll mit indischen Gastingenieuren von Siemens. Zwei deutsche Studentinnen haben die zwei letzten freien Plätze ergattert. München–Prag.
Der Aufenthalt an der Grenze dauert. Ein Mann wird, von einem Zollbeamten eskortiert, zum Frisör geschickt. Nach einer Stunde kommt der früher Bärtige bartlos wieder. Sein Konterfei im Pass war nicht identisch mit seinem Erscheinungsbild vor einer Stunde.
Gleich nach der Grenze steigt die tschechische Reiseleiterin zu. Sie preist die Errungenschaften der sozialistischen Wirtschaft. „Rechts die Papierfabrik, links die Schokoladenfabrik, links die Papierfabrik, rechts die Schokoladenfabrik.“
Sie kommen an. Das Hotel in der Vorstadt von Prag entpuppt sich als sozialistischer Kasten.
Im Eingang zur Etagentoilette sitzt die Klofrau, vor sich einen Stapel hauchdünner, brauner, quadratischer Papiere in der Art von Merkzetteln. „Eins oder zwei?“, das ist ihre Frage. Soll man sie mit der Zahl drei in Unannehmlichkeiten stürzen? Man wagt es nicht. Bald sind die mitgebrachten Tempos aufgebraucht.
Am letzten Tag Ausgang ohne die Reiseleitung zum Wenzels Platz. Man traut den Ausländern inzwischen. Sie eilen in ein Café im ersten Stock mit zusammengekniffenem Hintern auf die Toilette. Aber auch hier nichts, kein Papier, nicht einmal eine Klofrau.
Wird in Prag das Toilettenpapier gehortet? Der Kellner scheint Deutsch zu sprechen. Man erklärt ihm leise die missliche Lage. Er nickt mitfühlend, eilt davon und kommt mit einem Stamperl Schnaps zurück. Es wird unangenehm. Die Rettung naht! Ein Mann erscheint mit einer Zeitung unter dem Arm, vermutlich Journalist oder Schriftsteller. Sie stürzen sich auf ihn, einigen sich auf einen unangemessen hohen Preis und enteilen.
Am Abend lädt die Reiseleiterin sie zum Tanz mit tschechischen Studentinnen und Studenten ein: Großer Saal, Live-Kapelle! Sie ist spürbar lockerer geworden. Der Westen hat sein humanes Gesicht gezeigt.
Die Studenten tanzen hervorragend, Walzer, Polka. Sie muss den Knopf am Bund etwas lockern, hat sogar zugenommen in den vier Tagen mit einer Maß tschechischen Bier am Tag, Schweinebraten, Knödel, Gulasch und mehreren Deka Karpfen und Prager Schinken. Nicht zu vergessen die Powidltascherl. Das Rezept der Tante Jolesch, das sie mit ins Grab genommen hat.

Seit Jahren versuchte die Familie Torberg, es ihr zu entlocken. Dann am Sterbebett: „Tante Jolesch, verrate uns wenigstens jetzt das Rezept deiner hervorragenden Powidltascherl!“ Da erhebt sich die Sterbende mit letzter Kraft und haucht: „Immer zu wenig machen.“


Marrakech/Marrakesch
August 1963

Eine Reise nach Istanbul, das prächtige Byzanz, das sagenhafte Konstantinopel und danach Badeferien am Meer. An der Uni ist ein Dorf ausgeschrieben mit Hütten und Badegelegenheit:
Selim Pasa am Marmarameer zwischen Istanbul und Silivri. Der Vater ist entsetzt: „Du wirst im Harem landen.“ Die Mutter erklärt, dass seit Atatürk, dem Vater der Türken, die Einehe gesetzlich vorgeschrieben ist und 1924 bereits das Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde, wovon die moderne Schweiz noch meilenweit entfernt ist. „Nun, das Gesetz ist eine Sache, die Durchführung vielleicht die andere.“ Der Skeptiker streicht ihr sicherheitshalber den Zuschuss zum Studium.
Sie arbeitet an den Wochenenden. Man kann ja vorher die Kultur des Orients an einem etwas näheren Ziel erkunden. Go west! Auf nach Marrakesch per Autostopp! Zwei weitere Studenten sind begeistert. Man setzt sich in Bewegung. München, der Genfer See, die Rhône hinunter, durch Montélimar, die nach Nougat duftende Stadt.
Da, ein Kastenwagen: Zwei policiers! „Bloß höflich!“ „Oui, Monsieur, bien sûr, Monsieur.“ Die französische Polizei duldet noch weniger Widerspruch als die deutsche. Und ja nicht von flics sprechen, ein Schimpfwort. Wie lässt sich auch ein Volk im Zaum halten und regieren, das 360 Käsesorten kennt, so ihr großer General de Gaulle.
Die Polizisten überprüfen die Ausweise, telefonieren nach Paris, wohl mit Interpol. Vielleicht suchen sie Ausreißer. Sie lassen warten. Endlich Freigabe!

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