Über 1000 Hügel mit "Eisenschwein" und High-Tech Rennrad
Bedeutung des Fahrrades in der ruandischen Gesellschaft
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 270
ISBN: 978-3-7116-1082-9
Erscheinungsdatum: 16.03.2026
Mit Schraubenschlüssel und Offenheit begegnet Peter Feige einem Land im Aufbruch. Seine Erfahrungen in Ruanda verbinden praktische Hilfe mit tiefen Einblicken in Kultur, Alltag und Menschlichkeit.
Vorwort des Verfassers
Bevor ich im Jahr2000 das erste Mal nach Ruanda flog, um für die Kinderhilfsorganisation Human Help Network e. V. als Fahrradmechaniker dort ehrenamtlich tätig zu sein, hatte ich nur vage Vorstellungen über das Land, die Leute und auch die Arbeit, die auf mich zukam. Ich hatte lediglich in einem Almanach eine Art Hilferuf wahrgenommen nach einem Menschen, der bereit ist, in diesem Land ein Fahrradprojekt zu unterstützen und dort mitzuarbeiten. Ich meldete mich bei der Organisation und entschied mich nach Klärung einiger offener Fragen zu diesem Einsatz. Ich informierte mich über das Land, seine ältere und jüngere Geschichte, das Klima, die geografischen und topografischen Verhältnisse und alles, was man wissen sollte, wenn man in einem fremden Land nicht nur als Tourist längere Zeit verbringt.
Nach meinem ersten dreimonatigen Aufenthalt waren weitere Einsätze notwendig, um das Projekt nachhaltig fortzuführen. Es wurden 50 Wochen im Zeitraum von 6 Jahren.
Ich lernte hier wunderbare Menschen kennen, mit denen ich heute noch in Verbindung stehe. Ihr Land und ihre Kultur wurden mir vertraut. Ich möchte diese Zeit nicht missen.
2022 entschied die UCI, die Straßenradweltmeisterschaft 2025 an Ruanda zu vergeben. Eine Entscheidung, die mich erfreute, ja sogar betraf, war ich doch vor mehr als 20 Jahren zwar nicht in der Rennsportszene, die damals noch in den Kinderschuhen steckte, sondern in der Hilfsaktion: „Räder für Ruanda“ tätig gewesen. Meine Tagebuchaufzeichnungen von 6 Jahren erschienen mir wert, zusammengefasst und Interessenten zum Lesen zur Verfügung gestellt zu werden.
Die Schwierigkeiten und Probleme bei der Fahrradmontage der Alltagsfahrräder stehen dabei im technischen Teil im Vordergrund. Ein wichtiger Teil des Buches behandelt Themen der Kultur, der Geschichte, des Tourismus und des täglichen Lebens. Die Straßenradweltmeisterschaft war der Anlass, dieses Buch zu schreiben.
Ich wünsche allen viel Freude beim Lesen, auch wenn sie keine Radsportfans sind. Das Buch soll eine Anregung sein, sich mit dem Land Ruanda zu beschäftigen und es auch einmal zu besuchen.
Dresden, den 25. Februar 2025
Der Autor
Vorwort von Gustav-Adolf Schur
Den Autor Peter Feige kenne ich schon mehrere Jahre. Nicht aus meiner aktiven Zeit, denn er ist nie Rennfahrer gewesen. Seine Teilnahme an acht Internationalen Touristischen Friedensfahrten, deren Schirmherr ich war, und seine privaten Radtouren in allen 5 Erdteilen dieser Welt zeugen jedoch von einer außerordentlichen Begeisterung für den Radsport. Näher lernte ich ihn in der Bundesehrengilde des Deutschen Radsportverbandes und bei „Treffen der Alten“ (Radsportler) in Leipzig kennen. Dort erfuhr ich auch von seinem ehrenamtlichen Engagement für Radfahrer in Ruanda. Dieser Aufgabe widmete er sich 6Jahre bei mehreren Einsätzen, wobei er vorher selbst noch einmal „in die Lehre“ ging. Ich weiß nicht, ob er persönlich einen Anteil an der Entwicklung des Radrennsports in Ruanda hatte, auf jeden Fall hat er mit seiner Tätigkeit einfachen Jungen und Mädchen (Straßenkindern) die Liebe zum Radfahren und der damit verbundenen Technik vermittelt, das ist sein Verdienst. In dem vorliegenden Buch beschreibt er das anschaulich.
Mit nicht direkt mit dem Radsport verbundenen Themen macht er den Leser mit einer anderen Seite des Lebens in Ruanda vertraut, die es wert ist zu kennen. Das Buch ist kein Touristenführer und auch kein reines Sportbuch, aber interessant, ja sogar spannend zu lesen.
Nicht nur im Zusammenhang mit der Straßenradweltmeisterschaft 2025 in Ruanda durchaus zu empfehlen.
Heyrothsberge, den 8. März 2025
Täve Schur
1 Einleitung
Mehr als 10.000 m Höhe gleitet das Flugzeug ruhig dahin über Städte, Dörfer, Seen, Flüsse, Berge. Ich überwinde Grenzen, die die Menschen mehr oder weniger willkürlich zwischen Völkern und Kulturen gezogen haben. Die Alpen, das Mittelmeer, die Wüste, der riesige Victoriasee mit seinen weltbekannten Wasserfällen. Ich fliege nach Afrika, nach Ruanda. Immer wieder ein Erlebnis, diesen „schwarzen Kontinent“ von oben zu sehen. Es ist nicht meine erste Reise in dieses Land. Aber diesmal eine besondere. Vor 25 Jahren war mein Ziel ebenfalls Kigali, die Hauptstadt Ruandas. Ich hatte Ende 1999 in einem ADFC-Kalender gelesen, dass eine Hilfsorganisation aus Rheinland-Pfalz einen Mitarbeiter sucht, der sich in Ruanda ehrenamtlich in einem Fahrradprojekt engagiert, derart, dass er die Verteilung von Fahrrädern organisiert, überwacht, die Kassierung des Geldes für die Räder übernimmt und kleine technische Handgriffe an den Rädern ausführt. Da fühlte ich mich angesprochen. Afrika, Ruanda, ein Kontinent, ein Land, bis vor Jahren unerreichbar für einen normalen DDR-Bürger. War ich doch schon zu dieser Zeit daran interessiert gewesen, im Rahmen von Jugendbrigaden (damals fast die einzige Möglichkeit) einmal für ein oder zwei Jahre im Ausland tätig zu sein. Die Bedingungen dafür wurden von mir nicht erfüllt und man war dabei Restriktionen unterworfen, sodass mir das versagt blieb. Aber jetzt hatte ich die Chance (auch wenn ich kein Jugendlicher mehr war), warum sollte ich es nicht versuchen und dabei das Hobby mit der Tätigkeit verbinden? Mit dem Eintritt ins Rentnerleben begann für mich ein Lebensabschnitt, der von ganz anderen Aufgaben geprägt war, verglichen mit meinem bisherigen Arbeitsleben. Im September 2000 fing für mich die zweijährige „Freiphase“ meiner Altersteilzeit an, in der ich zwar noch 80 % meines letzten Gehaltes bekam, aber keine betriebliche Arbeit verrichten musste. Ich hatte somit keine arbeitsrechtlichen Verpflichtungen mehr. Ich wollte in dieser Zeit nicht unbedingt dem Nichtstun verfallen, aber auch nicht 11 Monate im Jahr unterwegs sein. Ich suchte nach neuen Aufgaben, ganz anderen als die, denen ich in meinem bisherigen Berufsleben gegenüberstand. Ich suchte nach Aufgaben, bei denen ich mich für andere sozial engagieren konnte und die mich ausfüllten.
So kam mir damals das Angebot aus dem ADFC-Kalender gerade recht. Ich schickte noch im Dezember ein Fax an die im Artikel angegebene Nummer. Nach 4 Wochen noch einmal – keine Antwort. Im Januar 2000 erhielt ich einen Brief aus Mainz. Es schrieb die Kinderhilfsorganisation Human Help Network e. V.
(HHN), dass ihr der Inhalt eines Faxes übermittelt worden sei, in dem ich mein Interesse an einem Fahrradprojekt in Ruanda bekundet hätte. Ich solle mich einmal telefonisch melden. Zwei Tage später rief ich in Mainz an. Ja, sie wollen sofort einen technisch versierten Menschen, möglichst Fahrradmechaniker, der in Ruanda ein Fahrradprojekt aufbaut und Jugendliche/Straßenkinder bei der Montage von Fahrrädern anleitet. „Das ist nichts für mich“, entgegnete ich am Telefon, „ich bin kein Fahrradmechaniker, sondern Diplom-Chemiker“ (wieder hatte ich den „falschen“ Beruf). Ein paar Handgriffe an einem Fahrrad könne ich wohl verrichten, aber es wäre hochgestapelt, sogar sehr hoch, mich als Fahrradmechaniker bezeichnen zu wollen, außerdem stand davon nichts im Beitrag des ADFC-Kalenders. Schweigen. Beide Seiten waren vielleicht ein bisschen enttäuscht. „Ich werde mir das noch einmal durch den Kopf gehen lassen“, so ich am Telefon, „wir hören wieder voneinander“. Ich hatte da einen Gedanken. Da gibt es meinen Fahrrad-Mechanikermeister Eberhard Tietz in Dresden/Pillnitz. Er engagiert sich gesellschaftlich/kirchlich vielseitig. „Wenn ich bei ihm eine kleine Ausbildung als Fahrradmechaniker absolvieren könnte, um Dinge zu lernen, die ich in meiner bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 50-jährigen Radfahrerpraxis noch nicht gemacht hatte oder machen musste, dann könnte ich vielleicht noch einmal darüber nachdenken, das Vélo-Projekt zu übernehmen“, so ging es mir durch den Kopf.
Meine Arbeitsphase der Altersteilzeit endete am 30. Juni 2000. Wenn man in Mainz nicht darauf bestehen würde, gleich im Juli mit dem Projekt anzufangen, könnte man sich vielleicht einig werden.
„Natürlich kannst du bei mir etwas lernen und dir ein paar Kenntnisse zur Fahrradmontage holen“, entgegnete mir Eberhard, als ich ihm mein Ansinnen vortrug.
Auch mit dem damaligen Vorsitzenden der Kinderhilfsorganisation HHN, Ewald Dietrich, einigte ich mich schnell auf einen Termin im Mai für einen Besuch mit meiner Frau Gisela zum Kennenlernen. Als wir uns eine Weile unterhalten und auch fachlich ausgetauscht hatten, glaubte er, dass ich geeignet wäre, das Projekt zu übernehmen. Nach einem Urlaub Anfang Juli ging ich 2- bis 3-mal in der Woche zu Eberhard in die Lehre, und das bis Mitte November. Ich war mit 61 Jahren noch einmal „Lehrling“ (oder, wie man heute sagt, „Azubi“) geworden.
Ich lernte in reichlich drei Monaten so manches von ihm und seinen tollen Mitarbeitern, die mich nicht als einen „spleenigen“ Rentner ansahen, sondern als Kameraden, als Kumpel, der in Afrika, in Ruanda, etwas Nützliches tun will.
So erhielt ich im Jahre 2000 unerwartet die Gelegenheit, als Fahrradmechaniker in Ruanda ehrenamtlich tätig zu werden.
Ja, was war denn nun das Vélo-Projekt überhaupt, wie soll es ablaufen, was damit erreicht werden?
In Rheinland-Pfalz gab es seit Jahren von HHN initiiert den Aufruf/die Aktion „Räder für Ruanda“. Damit sollte Geld zur Verfügung gestellt werden, um Räder in Ruanda zu kaufen und nach sozialen Gesichtspunkten ausgewählten Interessenten vor Ort die Möglichkeit zu geben, mit diesen Rädern selbst Geld zu verdienen.
In erster Linie sollten Jugendliche, Straßenkinder, Mitglieder der verschiedenen sozialen Projekte ausgebildet werden. Das hörte sich vielleicht etwas hochtrabend an, wenn man bedenkt, wie kurz die Zeit war, die wir für Ausbildung eingeplant hatten. In 4 Wochen sollten sie lernen, aus den Einzelteilen trotz aller Mängel, die die Teile von Haus aus hatten, fahrbare Geräte herzustellen und nicht noch Mängel zusätzlich einzubauen. Und sie sollten dabei gleichzeitig lernen, wie man mit Werkzeug umgeht und wie man ein Rad pflegt. So hatten wir uns das gedacht und als Ziel vorgenommen. Wenn sie diese Grundlagen beherrschen, dann zählen sie in der hiesigen Mechanikerszene schon zur Elite und können sich, wenn sie auch noch geeignetes Werkzeug haben, damit ihren Lebensunterhalt verdienen.
Ausgestattet mit meinen Erfahrungen wollte ich am 10. November 2000 das Fahrradprojekt „Räder für Ruanda“ starten. Als sich jedoch im August des Jahres meine Frau bei einer Fahrradtour den Fußknöchel brach, schien der Termin gefährdet. „Du fährst/fliegst auf jeden Fall hin. Sie (HHN) rechnen mit dir und haben sich so auf dich verlassen“, so ihr beschwörender, fast herrischer Kommentar, nachdem ich aus Rücksicht auf sie etwas zögerte. Mit nachbarschaftlicher Unterstützung überwanden wir zu Hause auch diese Hürde.
Mir war schon am Ende des ersten Jahres klar, dass ein Jahr nicht genügt, um das Projekt „Räder für Ruanda“ nachhaltig zu gestalten, und so wurden aus den drei Monaten im Jahr 2000 am Ende bis 2005 sechs Aufenthalte mit insgesamt 50 Wochen.
Ruanda (engl.: Rwanda). Wer kennt dieses Land in Afrika überhaupt? Eines der ärmsten Länder der Welt. Wenn überhaupt, dann hatte man nur „Schlimmes“ gehört oder gelesen. 1994 gab es dort einen Genozid (dazu Kapitel „4.1. Genozid 1994; Ruanda 2001, 2002, 2004“), bei dem mehr als 800.000 Menschen innerhalb von 100 Tagen ums Leben kamen, hingemordet wie im Rausch, mehrheitlich Tutsi, aber auch Hutu. Was war da geschehen und wie war es passiert? Konnte man sich überhaupt dorthin wagen, ohne sich zu gefährden? Fragen, die sich einem aufdrängten.
Ich sah eine gute Möglichkeit, armen, verwaisten, benachteiligten Kindern zu helfen, sich ihr Leben aufzubauen. Nun kam noch hinzu, dass in Ruanda die Zahl elternloser Kinder durch die oben erwähnten Auseinandersetzungen besonders groß war. Es gab direkte Kinderfamilien, in denen eines der älteren Kinder (oft unter 14 Jahren) den Haushalt und alles, was dazugehört, organisierte und dabei sowohl finanziell als auch personell von HHN und anderen Hilfsorganisationen unterstützt wurde. Das alles war mir in vollem Maße bewusst, als ich mich entschloss, in Ruanda in dem Fahrradprojekt „Räder für Ruanda“ tätig zu werden. Ich wollte helfen und das schien mir im Rahmen der Kinderhilfsorganisation HHN vielversprechend zu sein.
Seit der Machtübernahme der RPF (Ruandische Patriotische Front) unter Führung von Paul Kagame erfuhr/erfährt das Land eine für Afrika beispiellose wirtschaftliche Entwicklung. Nicht umsonst bezeichnet man es heute – nicht nur wegen seiner Topografie (Land der 1000 Hügel) – als die Schweiz Afrikas. Auch auf den Gebieten von Sport und Bildung ist das Land ein Vorbild, ein Leuchtturm in Afrika. „Du würdest Kigali, du würdest Ruanda, heute nicht wiedererkennen, wenn du das Land besuchtest“, sagten meine Freunde, die das Land kennen oder dort zu Hause sind, wenn ich am Telefon mit ihnen sprach.
Eine geradezu rasante Entwicklung war auf dem Gebiet des (Rad-)Sports zu verzeichnen. Es ist das erklärte Ziel der ruandischen Regierung, das Land auch sportlich zu einem führenden in Afrika zu machen.
Aus dem Reservoir der Veló-Taxifahrer schöpfend, entwickelte sich in kurzer Zeit eine Radsportelite in Ruanda, die zwar noch nicht ganz vorn „mitmischt“, aber von der in den nächsten Jahren noch einiges zu erwarten ist. Ruanda nimmt schon heute eine der führenden Positionen in Afrika im Straßenradsport ein. Ich glaube es zwar nicht, es würde mich aber nicht wundern, ja, es würde mich freuen, wenn sie bei der Straßen-WM 2025 in ihrem Heimatland richtig „zuschlagen“ könnten.
Ich werde es sehen und erleben, wenn ich dieses Land anlässlich der Straßenradweltmeisterschaften wieder besuche und zahlreiche meiner dortigen Freunde treffe.
Einige Leser werden überheblich fragen: „Können die überhaupt Rad fahren?“ Ja, DIE können es. Ich hab es selbst erlebt, hab es gesehen, hab vielleicht auch ein ganz kleines bisschen dazu beigetragen.
2022 entschied die UCI, erstmals einen afrikanischen Verband mit der Ausrichtung der Straßenradweltmeisterschaften zu beauftragen. In der engeren Wahl standen zuletzt Marokko und Ruanda. Mein Freund Leopold aus Ruanda (der 5 Jahre mein Dolmetscher war) meldete sich damals siegessicher mit den Worten in einer E-Mail: „Wir, Ruanda, werden gewinnen.“ Er sollte recht behalten. Kigali, die Hauptstadt Ruandas, erhielt im September den Zuschlag für die Straßenrad-WM 2025.
„Die ruandische Hauptstadt bietet eine grandiose Kulisse für den ersten Auftritt der Veranstaltung auf afrikanischem Boden“, schrieb UCI-Präsident David Lappartien damals.
Und hier möchte ich meine Geschichte beginnen. Meine Geschichte, die von „Eisenschweinen“, Hightech-Rennrädern und den damit fahrenden Menschen handelt. Es ist eine vom Veló-Taxifahrer zum Radrennfahrer. Und es ist im übertragenen Sinne auch die Geschichte des Landes.
Heute ist die Situation eine andere. Der Stand nicht nur der (Fahrrad-)Technik ist ein viel höherer als der von damals. Das Vergangene zu kennen, ist aber überaus wichtig und lehrreich, um das Heute zu verstehen. Das Buch soll einige Ereignisse beschreiben, die ich während meiner mehrmaligen Aufenthalte zwischen 2000 und 2005 erlebt und zum Teil selbst mitgestaltet habe, sowie Einblicke in das Leben und die Kultur der dortigen Bevölkerung ermöglichen.
…
Bevor ich im Jahr2000 das erste Mal nach Ruanda flog, um für die Kinderhilfsorganisation Human Help Network e. V. als Fahrradmechaniker dort ehrenamtlich tätig zu sein, hatte ich nur vage Vorstellungen über das Land, die Leute und auch die Arbeit, die auf mich zukam. Ich hatte lediglich in einem Almanach eine Art Hilferuf wahrgenommen nach einem Menschen, der bereit ist, in diesem Land ein Fahrradprojekt zu unterstützen und dort mitzuarbeiten. Ich meldete mich bei der Organisation und entschied mich nach Klärung einiger offener Fragen zu diesem Einsatz. Ich informierte mich über das Land, seine ältere und jüngere Geschichte, das Klima, die geografischen und topografischen Verhältnisse und alles, was man wissen sollte, wenn man in einem fremden Land nicht nur als Tourist längere Zeit verbringt.
Nach meinem ersten dreimonatigen Aufenthalt waren weitere Einsätze notwendig, um das Projekt nachhaltig fortzuführen. Es wurden 50 Wochen im Zeitraum von 6 Jahren.
Ich lernte hier wunderbare Menschen kennen, mit denen ich heute noch in Verbindung stehe. Ihr Land und ihre Kultur wurden mir vertraut. Ich möchte diese Zeit nicht missen.
2022 entschied die UCI, die Straßenradweltmeisterschaft 2025 an Ruanda zu vergeben. Eine Entscheidung, die mich erfreute, ja sogar betraf, war ich doch vor mehr als 20 Jahren zwar nicht in der Rennsportszene, die damals noch in den Kinderschuhen steckte, sondern in der Hilfsaktion: „Räder für Ruanda“ tätig gewesen. Meine Tagebuchaufzeichnungen von 6 Jahren erschienen mir wert, zusammengefasst und Interessenten zum Lesen zur Verfügung gestellt zu werden.
Die Schwierigkeiten und Probleme bei der Fahrradmontage der Alltagsfahrräder stehen dabei im technischen Teil im Vordergrund. Ein wichtiger Teil des Buches behandelt Themen der Kultur, der Geschichte, des Tourismus und des täglichen Lebens. Die Straßenradweltmeisterschaft war der Anlass, dieses Buch zu schreiben.
Ich wünsche allen viel Freude beim Lesen, auch wenn sie keine Radsportfans sind. Das Buch soll eine Anregung sein, sich mit dem Land Ruanda zu beschäftigen und es auch einmal zu besuchen.
Dresden, den 25. Februar 2025
Der Autor
Vorwort von Gustav-Adolf Schur
Den Autor Peter Feige kenne ich schon mehrere Jahre. Nicht aus meiner aktiven Zeit, denn er ist nie Rennfahrer gewesen. Seine Teilnahme an acht Internationalen Touristischen Friedensfahrten, deren Schirmherr ich war, und seine privaten Radtouren in allen 5 Erdteilen dieser Welt zeugen jedoch von einer außerordentlichen Begeisterung für den Radsport. Näher lernte ich ihn in der Bundesehrengilde des Deutschen Radsportverbandes und bei „Treffen der Alten“ (Radsportler) in Leipzig kennen. Dort erfuhr ich auch von seinem ehrenamtlichen Engagement für Radfahrer in Ruanda. Dieser Aufgabe widmete er sich 6Jahre bei mehreren Einsätzen, wobei er vorher selbst noch einmal „in die Lehre“ ging. Ich weiß nicht, ob er persönlich einen Anteil an der Entwicklung des Radrennsports in Ruanda hatte, auf jeden Fall hat er mit seiner Tätigkeit einfachen Jungen und Mädchen (Straßenkindern) die Liebe zum Radfahren und der damit verbundenen Technik vermittelt, das ist sein Verdienst. In dem vorliegenden Buch beschreibt er das anschaulich.
Mit nicht direkt mit dem Radsport verbundenen Themen macht er den Leser mit einer anderen Seite des Lebens in Ruanda vertraut, die es wert ist zu kennen. Das Buch ist kein Touristenführer und auch kein reines Sportbuch, aber interessant, ja sogar spannend zu lesen.
Nicht nur im Zusammenhang mit der Straßenradweltmeisterschaft 2025 in Ruanda durchaus zu empfehlen.
Heyrothsberge, den 8. März 2025
Täve Schur
1 Einleitung
Mehr als 10.000 m Höhe gleitet das Flugzeug ruhig dahin über Städte, Dörfer, Seen, Flüsse, Berge. Ich überwinde Grenzen, die die Menschen mehr oder weniger willkürlich zwischen Völkern und Kulturen gezogen haben. Die Alpen, das Mittelmeer, die Wüste, der riesige Victoriasee mit seinen weltbekannten Wasserfällen. Ich fliege nach Afrika, nach Ruanda. Immer wieder ein Erlebnis, diesen „schwarzen Kontinent“ von oben zu sehen. Es ist nicht meine erste Reise in dieses Land. Aber diesmal eine besondere. Vor 25 Jahren war mein Ziel ebenfalls Kigali, die Hauptstadt Ruandas. Ich hatte Ende 1999 in einem ADFC-Kalender gelesen, dass eine Hilfsorganisation aus Rheinland-Pfalz einen Mitarbeiter sucht, der sich in Ruanda ehrenamtlich in einem Fahrradprojekt engagiert, derart, dass er die Verteilung von Fahrrädern organisiert, überwacht, die Kassierung des Geldes für die Räder übernimmt und kleine technische Handgriffe an den Rädern ausführt. Da fühlte ich mich angesprochen. Afrika, Ruanda, ein Kontinent, ein Land, bis vor Jahren unerreichbar für einen normalen DDR-Bürger. War ich doch schon zu dieser Zeit daran interessiert gewesen, im Rahmen von Jugendbrigaden (damals fast die einzige Möglichkeit) einmal für ein oder zwei Jahre im Ausland tätig zu sein. Die Bedingungen dafür wurden von mir nicht erfüllt und man war dabei Restriktionen unterworfen, sodass mir das versagt blieb. Aber jetzt hatte ich die Chance (auch wenn ich kein Jugendlicher mehr war), warum sollte ich es nicht versuchen und dabei das Hobby mit der Tätigkeit verbinden? Mit dem Eintritt ins Rentnerleben begann für mich ein Lebensabschnitt, der von ganz anderen Aufgaben geprägt war, verglichen mit meinem bisherigen Arbeitsleben. Im September 2000 fing für mich die zweijährige „Freiphase“ meiner Altersteilzeit an, in der ich zwar noch 80 % meines letzten Gehaltes bekam, aber keine betriebliche Arbeit verrichten musste. Ich hatte somit keine arbeitsrechtlichen Verpflichtungen mehr. Ich wollte in dieser Zeit nicht unbedingt dem Nichtstun verfallen, aber auch nicht 11 Monate im Jahr unterwegs sein. Ich suchte nach neuen Aufgaben, ganz anderen als die, denen ich in meinem bisherigen Berufsleben gegenüberstand. Ich suchte nach Aufgaben, bei denen ich mich für andere sozial engagieren konnte und die mich ausfüllten.
So kam mir damals das Angebot aus dem ADFC-Kalender gerade recht. Ich schickte noch im Dezember ein Fax an die im Artikel angegebene Nummer. Nach 4 Wochen noch einmal – keine Antwort. Im Januar 2000 erhielt ich einen Brief aus Mainz. Es schrieb die Kinderhilfsorganisation Human Help Network e. V.
(HHN), dass ihr der Inhalt eines Faxes übermittelt worden sei, in dem ich mein Interesse an einem Fahrradprojekt in Ruanda bekundet hätte. Ich solle mich einmal telefonisch melden. Zwei Tage später rief ich in Mainz an. Ja, sie wollen sofort einen technisch versierten Menschen, möglichst Fahrradmechaniker, der in Ruanda ein Fahrradprojekt aufbaut und Jugendliche/Straßenkinder bei der Montage von Fahrrädern anleitet. „Das ist nichts für mich“, entgegnete ich am Telefon, „ich bin kein Fahrradmechaniker, sondern Diplom-Chemiker“ (wieder hatte ich den „falschen“ Beruf). Ein paar Handgriffe an einem Fahrrad könne ich wohl verrichten, aber es wäre hochgestapelt, sogar sehr hoch, mich als Fahrradmechaniker bezeichnen zu wollen, außerdem stand davon nichts im Beitrag des ADFC-Kalenders. Schweigen. Beide Seiten waren vielleicht ein bisschen enttäuscht. „Ich werde mir das noch einmal durch den Kopf gehen lassen“, so ich am Telefon, „wir hören wieder voneinander“. Ich hatte da einen Gedanken. Da gibt es meinen Fahrrad-Mechanikermeister Eberhard Tietz in Dresden/Pillnitz. Er engagiert sich gesellschaftlich/kirchlich vielseitig. „Wenn ich bei ihm eine kleine Ausbildung als Fahrradmechaniker absolvieren könnte, um Dinge zu lernen, die ich in meiner bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 50-jährigen Radfahrerpraxis noch nicht gemacht hatte oder machen musste, dann könnte ich vielleicht noch einmal darüber nachdenken, das Vélo-Projekt zu übernehmen“, so ging es mir durch den Kopf.
Meine Arbeitsphase der Altersteilzeit endete am 30. Juni 2000. Wenn man in Mainz nicht darauf bestehen würde, gleich im Juli mit dem Projekt anzufangen, könnte man sich vielleicht einig werden.
„Natürlich kannst du bei mir etwas lernen und dir ein paar Kenntnisse zur Fahrradmontage holen“, entgegnete mir Eberhard, als ich ihm mein Ansinnen vortrug.
Auch mit dem damaligen Vorsitzenden der Kinderhilfsorganisation HHN, Ewald Dietrich, einigte ich mich schnell auf einen Termin im Mai für einen Besuch mit meiner Frau Gisela zum Kennenlernen. Als wir uns eine Weile unterhalten und auch fachlich ausgetauscht hatten, glaubte er, dass ich geeignet wäre, das Projekt zu übernehmen. Nach einem Urlaub Anfang Juli ging ich 2- bis 3-mal in der Woche zu Eberhard in die Lehre, und das bis Mitte November. Ich war mit 61 Jahren noch einmal „Lehrling“ (oder, wie man heute sagt, „Azubi“) geworden.
Ich lernte in reichlich drei Monaten so manches von ihm und seinen tollen Mitarbeitern, die mich nicht als einen „spleenigen“ Rentner ansahen, sondern als Kameraden, als Kumpel, der in Afrika, in Ruanda, etwas Nützliches tun will.
So erhielt ich im Jahre 2000 unerwartet die Gelegenheit, als Fahrradmechaniker in Ruanda ehrenamtlich tätig zu werden.
Ja, was war denn nun das Vélo-Projekt überhaupt, wie soll es ablaufen, was damit erreicht werden?
In Rheinland-Pfalz gab es seit Jahren von HHN initiiert den Aufruf/die Aktion „Räder für Ruanda“. Damit sollte Geld zur Verfügung gestellt werden, um Räder in Ruanda zu kaufen und nach sozialen Gesichtspunkten ausgewählten Interessenten vor Ort die Möglichkeit zu geben, mit diesen Rädern selbst Geld zu verdienen.
In erster Linie sollten Jugendliche, Straßenkinder, Mitglieder der verschiedenen sozialen Projekte ausgebildet werden. Das hörte sich vielleicht etwas hochtrabend an, wenn man bedenkt, wie kurz die Zeit war, die wir für Ausbildung eingeplant hatten. In 4 Wochen sollten sie lernen, aus den Einzelteilen trotz aller Mängel, die die Teile von Haus aus hatten, fahrbare Geräte herzustellen und nicht noch Mängel zusätzlich einzubauen. Und sie sollten dabei gleichzeitig lernen, wie man mit Werkzeug umgeht und wie man ein Rad pflegt. So hatten wir uns das gedacht und als Ziel vorgenommen. Wenn sie diese Grundlagen beherrschen, dann zählen sie in der hiesigen Mechanikerszene schon zur Elite und können sich, wenn sie auch noch geeignetes Werkzeug haben, damit ihren Lebensunterhalt verdienen.
Ausgestattet mit meinen Erfahrungen wollte ich am 10. November 2000 das Fahrradprojekt „Räder für Ruanda“ starten. Als sich jedoch im August des Jahres meine Frau bei einer Fahrradtour den Fußknöchel brach, schien der Termin gefährdet. „Du fährst/fliegst auf jeden Fall hin. Sie (HHN) rechnen mit dir und haben sich so auf dich verlassen“, so ihr beschwörender, fast herrischer Kommentar, nachdem ich aus Rücksicht auf sie etwas zögerte. Mit nachbarschaftlicher Unterstützung überwanden wir zu Hause auch diese Hürde.
Mir war schon am Ende des ersten Jahres klar, dass ein Jahr nicht genügt, um das Projekt „Räder für Ruanda“ nachhaltig zu gestalten, und so wurden aus den drei Monaten im Jahr 2000 am Ende bis 2005 sechs Aufenthalte mit insgesamt 50 Wochen.
Ruanda (engl.: Rwanda). Wer kennt dieses Land in Afrika überhaupt? Eines der ärmsten Länder der Welt. Wenn überhaupt, dann hatte man nur „Schlimmes“ gehört oder gelesen. 1994 gab es dort einen Genozid (dazu Kapitel „4.1. Genozid 1994; Ruanda 2001, 2002, 2004“), bei dem mehr als 800.000 Menschen innerhalb von 100 Tagen ums Leben kamen, hingemordet wie im Rausch, mehrheitlich Tutsi, aber auch Hutu. Was war da geschehen und wie war es passiert? Konnte man sich überhaupt dorthin wagen, ohne sich zu gefährden? Fragen, die sich einem aufdrängten.
Ich sah eine gute Möglichkeit, armen, verwaisten, benachteiligten Kindern zu helfen, sich ihr Leben aufzubauen. Nun kam noch hinzu, dass in Ruanda die Zahl elternloser Kinder durch die oben erwähnten Auseinandersetzungen besonders groß war. Es gab direkte Kinderfamilien, in denen eines der älteren Kinder (oft unter 14 Jahren) den Haushalt und alles, was dazugehört, organisierte und dabei sowohl finanziell als auch personell von HHN und anderen Hilfsorganisationen unterstützt wurde. Das alles war mir in vollem Maße bewusst, als ich mich entschloss, in Ruanda in dem Fahrradprojekt „Räder für Ruanda“ tätig zu werden. Ich wollte helfen und das schien mir im Rahmen der Kinderhilfsorganisation HHN vielversprechend zu sein.
Seit der Machtübernahme der RPF (Ruandische Patriotische Front) unter Führung von Paul Kagame erfuhr/erfährt das Land eine für Afrika beispiellose wirtschaftliche Entwicklung. Nicht umsonst bezeichnet man es heute – nicht nur wegen seiner Topografie (Land der 1000 Hügel) – als die Schweiz Afrikas. Auch auf den Gebieten von Sport und Bildung ist das Land ein Vorbild, ein Leuchtturm in Afrika. „Du würdest Kigali, du würdest Ruanda, heute nicht wiedererkennen, wenn du das Land besuchtest“, sagten meine Freunde, die das Land kennen oder dort zu Hause sind, wenn ich am Telefon mit ihnen sprach.
Eine geradezu rasante Entwicklung war auf dem Gebiet des (Rad-)Sports zu verzeichnen. Es ist das erklärte Ziel der ruandischen Regierung, das Land auch sportlich zu einem führenden in Afrika zu machen.
Aus dem Reservoir der Veló-Taxifahrer schöpfend, entwickelte sich in kurzer Zeit eine Radsportelite in Ruanda, die zwar noch nicht ganz vorn „mitmischt“, aber von der in den nächsten Jahren noch einiges zu erwarten ist. Ruanda nimmt schon heute eine der führenden Positionen in Afrika im Straßenradsport ein. Ich glaube es zwar nicht, es würde mich aber nicht wundern, ja, es würde mich freuen, wenn sie bei der Straßen-WM 2025 in ihrem Heimatland richtig „zuschlagen“ könnten.
Ich werde es sehen und erleben, wenn ich dieses Land anlässlich der Straßenradweltmeisterschaften wieder besuche und zahlreiche meiner dortigen Freunde treffe.
Einige Leser werden überheblich fragen: „Können die überhaupt Rad fahren?“ Ja, DIE können es. Ich hab es selbst erlebt, hab es gesehen, hab vielleicht auch ein ganz kleines bisschen dazu beigetragen.
2022 entschied die UCI, erstmals einen afrikanischen Verband mit der Ausrichtung der Straßenradweltmeisterschaften zu beauftragen. In der engeren Wahl standen zuletzt Marokko und Ruanda. Mein Freund Leopold aus Ruanda (der 5 Jahre mein Dolmetscher war) meldete sich damals siegessicher mit den Worten in einer E-Mail: „Wir, Ruanda, werden gewinnen.“ Er sollte recht behalten. Kigali, die Hauptstadt Ruandas, erhielt im September den Zuschlag für die Straßenrad-WM 2025.
„Die ruandische Hauptstadt bietet eine grandiose Kulisse für den ersten Auftritt der Veranstaltung auf afrikanischem Boden“, schrieb UCI-Präsident David Lappartien damals.
Und hier möchte ich meine Geschichte beginnen. Meine Geschichte, die von „Eisenschweinen“, Hightech-Rennrädern und den damit fahrenden Menschen handelt. Es ist eine vom Veló-Taxifahrer zum Radrennfahrer. Und es ist im übertragenen Sinne auch die Geschichte des Landes.
Heute ist die Situation eine andere. Der Stand nicht nur der (Fahrrad-)Technik ist ein viel höherer als der von damals. Das Vergangene zu kennen, ist aber überaus wichtig und lehrreich, um das Heute zu verstehen. Das Buch soll einige Ereignisse beschreiben, die ich während meiner mehrmaligen Aufenthalte zwischen 2000 und 2005 erlebt und zum Teil selbst mitgestaltet habe, sowie Einblicke in das Leben und die Kultur der dortigen Bevölkerung ermöglichen.
…

