Moskau 1995
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 86
ISBN: 978-3-7116-1891-7
Erscheinungsdatum: 09.09.2026
Not und Chaos prägen die Jahre nach dem Ende der Sowjetunion – zugleich entstehen unerwartete Freiräume. Wie verhalten sich Menschen in dieser Umbruchsituation, vor welchen Herausforderungen stehen sie?
30 Jahre nach meinem ersten Kontakt in Russland stieß ich auf Notizen, auf gesammelte Visitenkarten und auf Ideenskizzen für meine damaligen Vorträge. Aus diesem Treffen ergaben sich weitere Besuche, es entstand eine enge Zusammenarbeit mit russischen Kolleginnen und Kollegen sowie Freundschaften. Anlässlich meines ersten Aufenthaltes in Moskau 1995 wurde ich mit den offenkundigen Schwierigkeiten dieses Landes konfrontiert. Die Versorgung der Bevölkerung war weitgehend zusammengebrochen, das Bildungs- und Gesundheitssystem funktionierte nur marginal, in Tschetschenien wurde Krieg geführt. Moskau glich einer Geisterstadt, die staatlichen Kontrollmechanismen waren weitgehend außer Kraft. Es entstanden Freiräume, die viele Menschen tief verunsicherten, anderen Hoffnungen gaben und sie zu vielfältigen Aktivitäten anregten.
Was in den folgenden Jahrzehnten aufgebaut wurde, liegt heute weitgehend in Trümmern. Viele russische Bürger wie auch Westeuropäer ließen sich zunächst vom wachsenden Wohlstand in Russland einlullen und beachteten das Erstarken einer deutlich autoritär agierenden Regierung kaum. Schritt für Schritt wurden Wissenschaftler von politisch nominierten Personen bevormundet und später ersetzt, nationalistische Parolen wurden ausgegeben, der wissenschaftliche Diskurs wurde erstickt. Geschichte wurde umgeschrieben, die Kinder wurden in der Schule angeleitet, Väterchen Putin ein langes Leben zu wünschen, Stalindenkmäler wurden nicht weiter abgerissen, neue wieder errichtet. Was den Vorgaben der Regierung und der ihr assistierenden orthodoxen Kirche nicht passte, wurde verboten und verfolgt. Ehemalige Teilstaaten der Sowjetunion, die in die Unabhängigkeit entlassen worden waren, wurden militärisch angegriffen, die früher beschworene Völker-Freundschaft wurde brutal beendet. Der russische Imperialismus wurde im Westen kleingeredet oder ignoriert.
1. Vorgeschichte
1993 organisierte das Psychologische Institut der Universität Zürich den 3. Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie zum Thema „Urteilsbildung in der Psychologie“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren erste zaghafte Kontakte mit Universitäten der Oststaaten entstanden. So wurde ein Dozent der staatlichen Universität Moskau zu einem Vortrag über künstliche Intelligenz eingeladen, ein Thema, welches damals noch in den Kinderschuhen steckte. Es zeigte sich, dass das Honorar bei einem Hotelaufenthalt beinahe aufgebraucht würde, weshalb ich und meine Partnerin angefragt wurden, ob wir den Referenten bei uns aufnehmen könnten. Wir freuten uns über den Gast.
Alexander wurde von einem Mitglied des Tagungskomitees am Flughafen Zürich abgeholt und zu uns nach Uster begleitet. Wir empfingen ihn auf dem Bahnsteig und fuhren in unsere Wohnung. Er schien müde zu sein und blieb wortkarg. Beim Eintritt in unser Haus verstummte er ganz. Wir zeigten ihm sein Zimmer, er zog sich zurück und erschien erst wieder, als wir ihn zum Abendessen einluden. Damit hatte er nicht gerechnet. Sein Koffer war mit belegten Broten gefüllt, mit denen er sich vier Tage lang ernähren wollte. Wir überredeten ihn zum gemeinsamen Essen und versicherten, dass er ohne Kostenfolge eingeladen sei. Wir konnten uns auf Englisch verständigen, Alexander zog zeitweise ein Wörterbuch zu Hilfe. Wir erklärten, wie er zur Universität fahren könne, da wir nicht an allen Veranstaltungen teilnehmen konnten. Vor dem Schlafengehen wollte er uns das Manuskript seines Vortrages zeigen.
Vom Thema der künstlichen Intelligenz hatten wir schon gehört, diesen Vortrag verstanden wir nicht. Wir hatten den Eindruck, dass die Übersetzung mithilfe eines Wörterbuches keinen Sinn ergab und erkannten keinen Inhalt. Der Vortrag war am Folgetag als letzter Beitrag im Tagungsprogramm geplant. Regula begleitete Alexander, ich ging an meine Arbeitsstelle und erwartete beide zum Abendessen zurück.
Er hatte seinen Vortrag überstanden. Regula berichtete, dass einige Teilnehmer schon vorher die Tagung verlassen hatten und nur eine kleine, im Saal verstreute Gruppe zugehört habe. Alexander zweifelte an der Qualität der Übersetzung und war unsicher, ob er verstanden worden sei. Seine Anspannung war abgeklungen, er war gesprächiger als am Vortag. Am nächsten Tag wollte er noch weiter am Kongress teilnehmen und sich danach in Warenhäusern umschauen, um Geschenke für seine Frau einzukaufen. Am Nachmittag hatte er eine Besprechung an der ETH. Regula führte ihn durch einige Warenhäuser und suchte mehrere Apotheken auf, weil er für seine Schwiegermutter ein besonderes Augenmedikament besorgen wollte, das in Moskau nicht mehr erhältlich war. Er hatte die Originalverpackung dabei, die auf Russisch beschriftet war. Die ersten Apotheken wiesen seinen Wunsch freundlich zurück, schließlich entzifferte eine Apothekerin die Inhaltsstoffe und bot ein ähnliches Produkt an. Am späten Nachmittag kehrte er mit seinen Erwerbungen zurück. An der ETH hatte er sich nach Arbeitsmöglichkeiten erkundigt und war auf distanzierte Höflichkeit gestoßen. Erst jetzt erfuhren wir, dass er in Moskau Professor für Wirtschaftskybernetik an der Plekhanov Wirtschaftsakademie Russlands war und zu Fragen der künstlichen Intelligenz dozierte. Er hatte sich in Moskau an einem Forschungsprojekt der Psychologen beteiligt, was zur Einladung zu diesem Kongress geführt hatte.
Für den Samstag bot ich ihm eine Führung durch die Altstadt an, was er gerne annahm. Beim Gehen konnten wir uns ungezwungener unterhalten. Alexander wollte mehr über unsere beruflichen Tätigkeiten erfahren und worüber ich an der Universität unterrichte. Meine Ausführungen über Anwendungsgebiete der Psychotherapie konnte er kaum nachvollziehen. Fallbeispiele von Klienten im Strafvollzug erstaunten und beschäftigten ihn. Darüber wollte er den Mitarbeitenden des Psychologischen Institutes der Lomonossow-Universität berichten.
Am Sonntag begleitete ich ihn auf den Flughafen. Beim Abschied erkundigte er sich, ob ich bereit wäre, über meine Tätigkeit auch in Moskau zu berichten. Die Chance, Moskau zu erkunden und ein Bild von den Verhältnissen zu gewinnen, reizte mich, auch wenn ich nicht an eine Realisierung glaubte.
2. Reisevorbereitungen
Einige Monate später fragte mich Alexander an, ob ich einige Vorträge an der Lomonossow-Universität halten könne. Die Themen, von denen ich ihm berichtet hatte, seien auf großes Interesse gestoßen. Die Studierenden der Psychologie möchten mehr darüber erfahren und die Universität würde mich einladen, damit ich ein Visum erhalte.
Was ich in den Medien über die Zustände in Russland erfahren hatte, sprach eigentlich nicht für ein solches Projekt. Ich glaubte nicht, dass meine Themen in der damaligen Umbruchsituation vordringlich seien. Die Universität konnte kein Honorar ausrichten, versprach dafür im Sinne eines Austauschs, mir Einblicke in den russischen Strafvollzug und in weitere Institutionen zu gewähren, was verlockend klang. Ich nahm die Einladung an und erhielt nach kurzer Zeit das offizielle Papier der Universität, das für die Ausstellung des Visums vorausgesetzt wurde.
Mein Kontakt mit der russischen Botschaft in Bern war eine erste Einführung in russische Verhältnisse. Ich konnte frühmorgens meine Papiere nach einer längeren Wartezeit am Schalter abgeben. Der Beamte starrte auf die Einladung, überprüfte den ausgefüllten Fragebogen, ließ viel Zeit verstreichen, während der ich nicht wusste, ob er weiterlese oder ob er einschlafe. Andere Antragsteller wurden schneller abgefertigt. Später erfuhr ich, dass man einen Expresszuschlag hätte zahlen können. Ich verbrachte einen Tag in Bern und fand mich um 16:00 Uhr wieder vor der Botschaft ein. Der Eingang war jetzt geschlossen, mehrere Personen warteten vor dem Absperrgitter. Eine Person, die auch Russisch sprach, erklärte mir auf Deutsch, dies sei normal. Die Visa würden durch die Gitterstäbe gereicht, die Botschaft werde nicht noch einmal geöffnet. Nach einer halben Stunde erschien tatsächlich ein Botschaftsmitarbeiter, der die Namen der Gesuchsteller aufrief. Ich wartete bis zum Schluss, das Visum war im Pass eingetragen.
Ich konnte den Flug nach Moskau Scheremetjewo buchen, mit der Aeroflot den Hinflug, mit der Swiss den Rückflug. Ich meldete Alexander die Ankunftszeit.
3. Ankunft in Moskau, Sonntag
An einem Sonntag im April 1995 startet die Aeroflot-Maschine in Zürich-Kloten am frühen Morgen, sodass ich noch vor der Mittagszeit in Moskau ankomme. Das Flugzeug ist nur halb voll, die Flugbegleiterinnen servieren ein Frühstück. Nach der Landung folge ich den Mitreisenden durch endlose Korridore. Das Ausmaß dieses Flughafens ist beeindruckend, weite Wege mit russischer Beschriftung. Ich benötige Zeit und Wörterbuch, um mich zurechtzufinden. Wir erreichen eine riesige Halle mit zahlreichen Schaltern der Passkontrolle, die alle geschlossen sind. Zwei Russen, die häufig hin- und herfliegen, erklären lachend, das sei hier üblich, man werde warten gelassen. Nach einer Viertelstunde wird bei einem Schalter der Rollladen hochgezogen. Eine Person bewegt sich jetzt im Schalterraum und richtet sich ein, auch das dauert. Der Mitreisende witzelt, jetzt werde zuerst noch Tee getrunken. Ich stelle mich in die Warteschlange, die Abfertigung geht langsam vor sich. Einige Geschäftsleute werden von ihrem Chauffeur abgeholt und können die Halle durch eine Nebentür unkontrolliert verlassen. Endlich bin ich dran, reiche Pass und Visum durch den Schlitz, die Beamtin befiehlt etwas laut und als sie begreift, dass ich kein Russisch verstehe, winkt sie, ich solle mehr Abstand halten. Ich darf keinen Blick in ihr Reich werfen. Der Pass wird eingelesen, das Visum überprüft, man winkt mich zur Seite, andere Passagiere werden abgefertigt, bis ich alleine dastehe. Dann ein kurzes Handzeichen, meine Papiere werden ausgehändigt und ich kann alleine durch lange Gänge zur Zollkontrolle weitergehen. Dort wird mein Gepäck geöffnet. Zwei Beamte, einer beobachtet mich, der andere wühlt in meinem Koffer und findet im Necessaire eine angebrochene Packung Vitaminbrausetabletten. Er öffnet, riecht daran, will wissen, was es ist. Er spricht etwas Englisch, ich erkläre, dass es Vitamine seien. Er bleibt misstrauisch, ich biete an, er dürfe eine probieren. Er ist beleidigt, lässt mich warten. Beide Zollbeamten stehen stumm und schauen an die Decke. Nach weiteren 15 Minuten schlägt er den Koffer zu und winkt mich durch. Ich bin der Letzte in der Zollabfertigung und suche den Ausgang. Es ist mir unklar, was da abgelaufen ist. Später erfahre ich, dass die Abfertigung schneller gehe, wenn ein Geldbetrag überreicht werde. Über solche Gepflogenheiten hatte ich zwar gelesen, doch glaubte ich nicht, dies bei der Einreise zu erleben.
Alexander erwartet mich in der Halle. Er hat lange warten müssen und war unsicher, ob ich tatsächlich angekommen sei. Die Taxifahrer, die mich ins Auge fassen, weist er weg. Er entschuldigt sich, dass er nicht vor dem Flughafen parken konnte, wo sich ein riesiges, kaum besetztes Parkfeld erstreckt. Wir steigen über einen steilen Wiesenabhang zur Hauptstraße hinunter, wo er sein Auto auf dem Pannenstreifen abgestellt hat. Hier kostet es im Gegensatz zum Parkfeld nichts. Er hat ein ratterndes und quietschendes Fahrzeug aufgetrieben, der durchgesessene Sitz für den Beifahrer ist mit einem Stück Teppich befestigt. Es herrscht nur schwacher Verkehr und wir kommen auf der breiten Autobahn rasch vorwärts.
Auf der Fahrt informiert er mich über den Zeitplan des nächsten Tages. Das weitere Programm stehe noch nicht fest. Gewohnt, meinen Tagesablauf über Wochen geplant zu haben, wird dies zu einer Prüfung. Ich erfahre lediglich, dass ich am nächsten Tag einen ersten Vortrag halten werde, alles Weitere bleibt offen.
Das Auto hält vor einer langen Backsteinmauer, die eine Siedlung mit mehrstöckigen Backsteingebäuden umschließt. Durch eine Pforte betreten wir das Grundstück. Der Garten ist mit Bäumen bepflanzt, dazu Reste einer Wiese und in einigen Ecken sprießen vereinzelt Blumen. Ein ruhiger, etwas verwahrloster Garten, mit wenigen Sitzbänken, die nicht benutzt werden, weil es zu kalt ist. Wir betreten eines der Häuser. Eine Concierge sitzt an ihrem Arbeitsplatz hinter einer Trennscheibe. Alexander erklärt ihr, dass ich für eine Woche hier wohnen würde. Begleitend zur Erklärung schiebt er etwas Geld durch einen Schlitz: Russische Methode, eine staatliche Anordnung abzuändern. Ich lerne rasch dazu. Von nun an dreht sich die Concierge jedes Mal auf ihrem Drehstuhl gegen die Wand, wenn ich das Haus betrete: Sie hat mich nie gesehen.
Alexander öffnet eine Drei-Zimmer-Wohnung, die mit alten, stilvollen Möbeln ausgestattet ist. Die Luft ist muffig, beim Öffnen der Fenster schwirren kleine Insekten in den Raum. Die Bäume im Garten sind voll davon. Beim Tee erklärt Alexander, die Siedlung sei den wissenschaftlichen Mitarbeitenden der Universität vorbehalten. Ausländer seien hier streng verboten, weil sie der Spionage verdächtigt würden. Seit dem Ende der Sowjetunion nehme das niemand genau, die alten Regeln würden zwar gelten, doch habe niemand Zeit, die Einhaltung zu überprüfen. Die Concierge werde mich in Ruhe lassen, andere würden sich nicht um mich kümmern. Es sei jedoch besser, wenn ich niemanden anspreche, weil ich in Moskau nicht offiziell angemeldet sei. Eigentlich sollte ich in einem Hotel wohnen. Dort werde man automatisch registriert. Privat untergebracht, müsste ich mich auf einer Behörde melden. Dazu wäre ein halber Tag nötig, sofern man dort gerade arbeiten würde. Er erwarte keine weiteren Schwierigkeiten, die Zustände in Russland hätten sich verändert. Er selber lebe schon länger weiter draußen in einem Neubauquartier mit Frau, Kind und Schwiegermutter in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Manchmal ziehe er sich hierher zurück, um Ruhe zu finden. Das Privileg zweier Wohnungen stamme aus Sowjetzeiten, weil sein Vater als hochrangiger Militär, mit Auszeichnung als Verteidiger Moskaus aus dem Zweiten Weltkrieg, einige Vorzüge genossen habe.
Er zeigt mir das Schlafzimmer mit zwei altertümlichen Betten und einer wunderschönen Jugendstilstehlampe. Im großzügigen Badezimmer, das schon länger nicht benutzt worden ist, fließt zuerst braunes Rostwasser aus der Röhre, nach einer Zeit strömt warmes, klares Wasser mit starkem Chlorgeruch. Auf keinen Fall soll ich das Wasser trinken und auch für Tee nur Wasser aus der Flasche verwenden. Im Schlafzimmer warnt er mich, den Koffer nie offen stehen zu lassen. Es gebe in der Nacht Käfer, die sich überall einnisten würden. Ich nehme seine Warnung nicht besonders ernst, zumal ich nirgends Spuren von Käfern entdecke.
Alexander rüstet mich mit einem Pappdeckel aus, auf dem meine Adresse steht. Diesen soll ich immer mitführen. Sollte ich in Schwierigkeiten kommen, könne ich diesen vorzeigen, damit ich Unterstützung erhalte oder er benachrichtigt werde. Ich zeige ihm den Stadtplan von Moskau, den ich in Zürich erstanden hatte. Er staunt, weil mein Standort richtig eingetragen ist und die Straßenbezeichnungen auf Russisch und Englisch korrekt sind. Ich sei gewohnt, mich auf solche Pläne zu stützen und würde mich damit zurechtfinden. Alexander erklärt, in Moskau benutze niemand einen Stadtplan, weil die meisten abgeändert worden seien, damit sich der „Feind“ nicht zurechtfinde. In Moskau sei man gewohnt, sich durchzufragen. Es finde sich immer einer, der einem den Weg weisen könne. Mein Stadtplan wurde in England gedruckt und scheint zuverlässig zu sein, dem britischen Geheimdienst sei Dank.
Zu Brot und Wurst bietet er mir Wodka an. Ich bevorzuge Tee, was er mir nicht abnimmt. Vorsichtig erkundigt er sich, ob ich lieber alleine zu trinken wünsche, und bietet an, mir eine Flasche Wodka für die Nacht zu überlassen. Auch das möchte ich nicht, doch lässt er rücksichtsvoll eine Flasche auf dem Tisch stehen, falls ich meine Meinung ändere. Keine Spirituosen zu trinken hält er für ungewöhnlich.
Gemeinsam erkunden wir den Weg zur Metro. Hier erklärt er mir die Linien und löst die Tickets für eine Woche. Am nächsten Tag will er mich am Morgen abholen und an die Universität begleiten. Dort könne ich den ersten Vortrag halten, der angekündigt worden sei. Er müsse in sein Institut, doch am Abend könnten wir uns wieder in der Wohnung treffen, um das weitere Programm festzulegen. Trotz seiner Bedenken begebe ich mich alleine auf den Rückweg. Es dunkelt bereits, die Straßen sind seltsam unbelebt. Ich überquere eine sechsspurige Hauptstraße, ohne ein Auto zu sehen. Etwas später rast ein weißer BMW vorüber, weit hinten taucht ein Gefährt der Polizei auf: Ein langsames, laut tuckerndes Dieselfahrzeug, das eine stinkige Abgaswolke hinterlässt. Damit lässt sich kein normal fahrendes Auto einholen, denke ich. Gleichzeitig fürchte ich eine Kontrolle, weil ich meinen Pass in der Wohnung liegen ließ. Der Pappkarton alleine würde wohl nicht helfen. Ich werde nicht weiter beachtet und schlüpfe durch die Pforte, zähle die Häuser ab und finde meine Wohnung. Die Concierge sitzt nicht am Arbeitsplatz.
Müde gehe ich zu Bett, schaue noch einmal meine Notizen für den morgigen Vortrag durch. Im Licht der Lampe wirkt der Raum gemütlich, von Käfern keine Spur. Als ich das Licht lösche, höre ich ein Tackern. Als ich die Lampe wieder anmache, laufen auf dem Boden tatsächlich große, noch nie gesehene Käfer herum. Ihre dicken Hinterleiber verursachen beim Gehen klackernde Geräusche. Sie verziehen sich schleppend wieder ins Dunkle unter das zweite Bett, wo ich Einmachgläser mit Gemüse und Gurken entdecke. Manche Gläser quellen über, die Deckel sind undicht, der Inhalt gärt. Davon leben diese Käfer wahrscheinlich schon länger. Da dies nicht zu ändern ist, beschließe ich zu schlafen.
…
Was in den folgenden Jahrzehnten aufgebaut wurde, liegt heute weitgehend in Trümmern. Viele russische Bürger wie auch Westeuropäer ließen sich zunächst vom wachsenden Wohlstand in Russland einlullen und beachteten das Erstarken einer deutlich autoritär agierenden Regierung kaum. Schritt für Schritt wurden Wissenschaftler von politisch nominierten Personen bevormundet und später ersetzt, nationalistische Parolen wurden ausgegeben, der wissenschaftliche Diskurs wurde erstickt. Geschichte wurde umgeschrieben, die Kinder wurden in der Schule angeleitet, Väterchen Putin ein langes Leben zu wünschen, Stalindenkmäler wurden nicht weiter abgerissen, neue wieder errichtet. Was den Vorgaben der Regierung und der ihr assistierenden orthodoxen Kirche nicht passte, wurde verboten und verfolgt. Ehemalige Teilstaaten der Sowjetunion, die in die Unabhängigkeit entlassen worden waren, wurden militärisch angegriffen, die früher beschworene Völker-Freundschaft wurde brutal beendet. Der russische Imperialismus wurde im Westen kleingeredet oder ignoriert.
1. Vorgeschichte
1993 organisierte das Psychologische Institut der Universität Zürich den 3. Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie zum Thema „Urteilsbildung in der Psychologie“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren erste zaghafte Kontakte mit Universitäten der Oststaaten entstanden. So wurde ein Dozent der staatlichen Universität Moskau zu einem Vortrag über künstliche Intelligenz eingeladen, ein Thema, welches damals noch in den Kinderschuhen steckte. Es zeigte sich, dass das Honorar bei einem Hotelaufenthalt beinahe aufgebraucht würde, weshalb ich und meine Partnerin angefragt wurden, ob wir den Referenten bei uns aufnehmen könnten. Wir freuten uns über den Gast.
Alexander wurde von einem Mitglied des Tagungskomitees am Flughafen Zürich abgeholt und zu uns nach Uster begleitet. Wir empfingen ihn auf dem Bahnsteig und fuhren in unsere Wohnung. Er schien müde zu sein und blieb wortkarg. Beim Eintritt in unser Haus verstummte er ganz. Wir zeigten ihm sein Zimmer, er zog sich zurück und erschien erst wieder, als wir ihn zum Abendessen einluden. Damit hatte er nicht gerechnet. Sein Koffer war mit belegten Broten gefüllt, mit denen er sich vier Tage lang ernähren wollte. Wir überredeten ihn zum gemeinsamen Essen und versicherten, dass er ohne Kostenfolge eingeladen sei. Wir konnten uns auf Englisch verständigen, Alexander zog zeitweise ein Wörterbuch zu Hilfe. Wir erklärten, wie er zur Universität fahren könne, da wir nicht an allen Veranstaltungen teilnehmen konnten. Vor dem Schlafengehen wollte er uns das Manuskript seines Vortrages zeigen.
Vom Thema der künstlichen Intelligenz hatten wir schon gehört, diesen Vortrag verstanden wir nicht. Wir hatten den Eindruck, dass die Übersetzung mithilfe eines Wörterbuches keinen Sinn ergab und erkannten keinen Inhalt. Der Vortrag war am Folgetag als letzter Beitrag im Tagungsprogramm geplant. Regula begleitete Alexander, ich ging an meine Arbeitsstelle und erwartete beide zum Abendessen zurück.
Er hatte seinen Vortrag überstanden. Regula berichtete, dass einige Teilnehmer schon vorher die Tagung verlassen hatten und nur eine kleine, im Saal verstreute Gruppe zugehört habe. Alexander zweifelte an der Qualität der Übersetzung und war unsicher, ob er verstanden worden sei. Seine Anspannung war abgeklungen, er war gesprächiger als am Vortag. Am nächsten Tag wollte er noch weiter am Kongress teilnehmen und sich danach in Warenhäusern umschauen, um Geschenke für seine Frau einzukaufen. Am Nachmittag hatte er eine Besprechung an der ETH. Regula führte ihn durch einige Warenhäuser und suchte mehrere Apotheken auf, weil er für seine Schwiegermutter ein besonderes Augenmedikament besorgen wollte, das in Moskau nicht mehr erhältlich war. Er hatte die Originalverpackung dabei, die auf Russisch beschriftet war. Die ersten Apotheken wiesen seinen Wunsch freundlich zurück, schließlich entzifferte eine Apothekerin die Inhaltsstoffe und bot ein ähnliches Produkt an. Am späten Nachmittag kehrte er mit seinen Erwerbungen zurück. An der ETH hatte er sich nach Arbeitsmöglichkeiten erkundigt und war auf distanzierte Höflichkeit gestoßen. Erst jetzt erfuhren wir, dass er in Moskau Professor für Wirtschaftskybernetik an der Plekhanov Wirtschaftsakademie Russlands war und zu Fragen der künstlichen Intelligenz dozierte. Er hatte sich in Moskau an einem Forschungsprojekt der Psychologen beteiligt, was zur Einladung zu diesem Kongress geführt hatte.
Für den Samstag bot ich ihm eine Führung durch die Altstadt an, was er gerne annahm. Beim Gehen konnten wir uns ungezwungener unterhalten. Alexander wollte mehr über unsere beruflichen Tätigkeiten erfahren und worüber ich an der Universität unterrichte. Meine Ausführungen über Anwendungsgebiete der Psychotherapie konnte er kaum nachvollziehen. Fallbeispiele von Klienten im Strafvollzug erstaunten und beschäftigten ihn. Darüber wollte er den Mitarbeitenden des Psychologischen Institutes der Lomonossow-Universität berichten.
Am Sonntag begleitete ich ihn auf den Flughafen. Beim Abschied erkundigte er sich, ob ich bereit wäre, über meine Tätigkeit auch in Moskau zu berichten. Die Chance, Moskau zu erkunden und ein Bild von den Verhältnissen zu gewinnen, reizte mich, auch wenn ich nicht an eine Realisierung glaubte.
2. Reisevorbereitungen
Einige Monate später fragte mich Alexander an, ob ich einige Vorträge an der Lomonossow-Universität halten könne. Die Themen, von denen ich ihm berichtet hatte, seien auf großes Interesse gestoßen. Die Studierenden der Psychologie möchten mehr darüber erfahren und die Universität würde mich einladen, damit ich ein Visum erhalte.
Was ich in den Medien über die Zustände in Russland erfahren hatte, sprach eigentlich nicht für ein solches Projekt. Ich glaubte nicht, dass meine Themen in der damaligen Umbruchsituation vordringlich seien. Die Universität konnte kein Honorar ausrichten, versprach dafür im Sinne eines Austauschs, mir Einblicke in den russischen Strafvollzug und in weitere Institutionen zu gewähren, was verlockend klang. Ich nahm die Einladung an und erhielt nach kurzer Zeit das offizielle Papier der Universität, das für die Ausstellung des Visums vorausgesetzt wurde.
Mein Kontakt mit der russischen Botschaft in Bern war eine erste Einführung in russische Verhältnisse. Ich konnte frühmorgens meine Papiere nach einer längeren Wartezeit am Schalter abgeben. Der Beamte starrte auf die Einladung, überprüfte den ausgefüllten Fragebogen, ließ viel Zeit verstreichen, während der ich nicht wusste, ob er weiterlese oder ob er einschlafe. Andere Antragsteller wurden schneller abgefertigt. Später erfuhr ich, dass man einen Expresszuschlag hätte zahlen können. Ich verbrachte einen Tag in Bern und fand mich um 16:00 Uhr wieder vor der Botschaft ein. Der Eingang war jetzt geschlossen, mehrere Personen warteten vor dem Absperrgitter. Eine Person, die auch Russisch sprach, erklärte mir auf Deutsch, dies sei normal. Die Visa würden durch die Gitterstäbe gereicht, die Botschaft werde nicht noch einmal geöffnet. Nach einer halben Stunde erschien tatsächlich ein Botschaftsmitarbeiter, der die Namen der Gesuchsteller aufrief. Ich wartete bis zum Schluss, das Visum war im Pass eingetragen.
Ich konnte den Flug nach Moskau Scheremetjewo buchen, mit der Aeroflot den Hinflug, mit der Swiss den Rückflug. Ich meldete Alexander die Ankunftszeit.
3. Ankunft in Moskau, Sonntag
An einem Sonntag im April 1995 startet die Aeroflot-Maschine in Zürich-Kloten am frühen Morgen, sodass ich noch vor der Mittagszeit in Moskau ankomme. Das Flugzeug ist nur halb voll, die Flugbegleiterinnen servieren ein Frühstück. Nach der Landung folge ich den Mitreisenden durch endlose Korridore. Das Ausmaß dieses Flughafens ist beeindruckend, weite Wege mit russischer Beschriftung. Ich benötige Zeit und Wörterbuch, um mich zurechtzufinden. Wir erreichen eine riesige Halle mit zahlreichen Schaltern der Passkontrolle, die alle geschlossen sind. Zwei Russen, die häufig hin- und herfliegen, erklären lachend, das sei hier üblich, man werde warten gelassen. Nach einer Viertelstunde wird bei einem Schalter der Rollladen hochgezogen. Eine Person bewegt sich jetzt im Schalterraum und richtet sich ein, auch das dauert. Der Mitreisende witzelt, jetzt werde zuerst noch Tee getrunken. Ich stelle mich in die Warteschlange, die Abfertigung geht langsam vor sich. Einige Geschäftsleute werden von ihrem Chauffeur abgeholt und können die Halle durch eine Nebentür unkontrolliert verlassen. Endlich bin ich dran, reiche Pass und Visum durch den Schlitz, die Beamtin befiehlt etwas laut und als sie begreift, dass ich kein Russisch verstehe, winkt sie, ich solle mehr Abstand halten. Ich darf keinen Blick in ihr Reich werfen. Der Pass wird eingelesen, das Visum überprüft, man winkt mich zur Seite, andere Passagiere werden abgefertigt, bis ich alleine dastehe. Dann ein kurzes Handzeichen, meine Papiere werden ausgehändigt und ich kann alleine durch lange Gänge zur Zollkontrolle weitergehen. Dort wird mein Gepäck geöffnet. Zwei Beamte, einer beobachtet mich, der andere wühlt in meinem Koffer und findet im Necessaire eine angebrochene Packung Vitaminbrausetabletten. Er öffnet, riecht daran, will wissen, was es ist. Er spricht etwas Englisch, ich erkläre, dass es Vitamine seien. Er bleibt misstrauisch, ich biete an, er dürfe eine probieren. Er ist beleidigt, lässt mich warten. Beide Zollbeamten stehen stumm und schauen an die Decke. Nach weiteren 15 Minuten schlägt er den Koffer zu und winkt mich durch. Ich bin der Letzte in der Zollabfertigung und suche den Ausgang. Es ist mir unklar, was da abgelaufen ist. Später erfahre ich, dass die Abfertigung schneller gehe, wenn ein Geldbetrag überreicht werde. Über solche Gepflogenheiten hatte ich zwar gelesen, doch glaubte ich nicht, dies bei der Einreise zu erleben.
Alexander erwartet mich in der Halle. Er hat lange warten müssen und war unsicher, ob ich tatsächlich angekommen sei. Die Taxifahrer, die mich ins Auge fassen, weist er weg. Er entschuldigt sich, dass er nicht vor dem Flughafen parken konnte, wo sich ein riesiges, kaum besetztes Parkfeld erstreckt. Wir steigen über einen steilen Wiesenabhang zur Hauptstraße hinunter, wo er sein Auto auf dem Pannenstreifen abgestellt hat. Hier kostet es im Gegensatz zum Parkfeld nichts. Er hat ein ratterndes und quietschendes Fahrzeug aufgetrieben, der durchgesessene Sitz für den Beifahrer ist mit einem Stück Teppich befestigt. Es herrscht nur schwacher Verkehr und wir kommen auf der breiten Autobahn rasch vorwärts.
Auf der Fahrt informiert er mich über den Zeitplan des nächsten Tages. Das weitere Programm stehe noch nicht fest. Gewohnt, meinen Tagesablauf über Wochen geplant zu haben, wird dies zu einer Prüfung. Ich erfahre lediglich, dass ich am nächsten Tag einen ersten Vortrag halten werde, alles Weitere bleibt offen.
Das Auto hält vor einer langen Backsteinmauer, die eine Siedlung mit mehrstöckigen Backsteingebäuden umschließt. Durch eine Pforte betreten wir das Grundstück. Der Garten ist mit Bäumen bepflanzt, dazu Reste einer Wiese und in einigen Ecken sprießen vereinzelt Blumen. Ein ruhiger, etwas verwahrloster Garten, mit wenigen Sitzbänken, die nicht benutzt werden, weil es zu kalt ist. Wir betreten eines der Häuser. Eine Concierge sitzt an ihrem Arbeitsplatz hinter einer Trennscheibe. Alexander erklärt ihr, dass ich für eine Woche hier wohnen würde. Begleitend zur Erklärung schiebt er etwas Geld durch einen Schlitz: Russische Methode, eine staatliche Anordnung abzuändern. Ich lerne rasch dazu. Von nun an dreht sich die Concierge jedes Mal auf ihrem Drehstuhl gegen die Wand, wenn ich das Haus betrete: Sie hat mich nie gesehen.
Alexander öffnet eine Drei-Zimmer-Wohnung, die mit alten, stilvollen Möbeln ausgestattet ist. Die Luft ist muffig, beim Öffnen der Fenster schwirren kleine Insekten in den Raum. Die Bäume im Garten sind voll davon. Beim Tee erklärt Alexander, die Siedlung sei den wissenschaftlichen Mitarbeitenden der Universität vorbehalten. Ausländer seien hier streng verboten, weil sie der Spionage verdächtigt würden. Seit dem Ende der Sowjetunion nehme das niemand genau, die alten Regeln würden zwar gelten, doch habe niemand Zeit, die Einhaltung zu überprüfen. Die Concierge werde mich in Ruhe lassen, andere würden sich nicht um mich kümmern. Es sei jedoch besser, wenn ich niemanden anspreche, weil ich in Moskau nicht offiziell angemeldet sei. Eigentlich sollte ich in einem Hotel wohnen. Dort werde man automatisch registriert. Privat untergebracht, müsste ich mich auf einer Behörde melden. Dazu wäre ein halber Tag nötig, sofern man dort gerade arbeiten würde. Er erwarte keine weiteren Schwierigkeiten, die Zustände in Russland hätten sich verändert. Er selber lebe schon länger weiter draußen in einem Neubauquartier mit Frau, Kind und Schwiegermutter in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Manchmal ziehe er sich hierher zurück, um Ruhe zu finden. Das Privileg zweier Wohnungen stamme aus Sowjetzeiten, weil sein Vater als hochrangiger Militär, mit Auszeichnung als Verteidiger Moskaus aus dem Zweiten Weltkrieg, einige Vorzüge genossen habe.
Er zeigt mir das Schlafzimmer mit zwei altertümlichen Betten und einer wunderschönen Jugendstilstehlampe. Im großzügigen Badezimmer, das schon länger nicht benutzt worden ist, fließt zuerst braunes Rostwasser aus der Röhre, nach einer Zeit strömt warmes, klares Wasser mit starkem Chlorgeruch. Auf keinen Fall soll ich das Wasser trinken und auch für Tee nur Wasser aus der Flasche verwenden. Im Schlafzimmer warnt er mich, den Koffer nie offen stehen zu lassen. Es gebe in der Nacht Käfer, die sich überall einnisten würden. Ich nehme seine Warnung nicht besonders ernst, zumal ich nirgends Spuren von Käfern entdecke.
Alexander rüstet mich mit einem Pappdeckel aus, auf dem meine Adresse steht. Diesen soll ich immer mitführen. Sollte ich in Schwierigkeiten kommen, könne ich diesen vorzeigen, damit ich Unterstützung erhalte oder er benachrichtigt werde. Ich zeige ihm den Stadtplan von Moskau, den ich in Zürich erstanden hatte. Er staunt, weil mein Standort richtig eingetragen ist und die Straßenbezeichnungen auf Russisch und Englisch korrekt sind. Ich sei gewohnt, mich auf solche Pläne zu stützen und würde mich damit zurechtfinden. Alexander erklärt, in Moskau benutze niemand einen Stadtplan, weil die meisten abgeändert worden seien, damit sich der „Feind“ nicht zurechtfinde. In Moskau sei man gewohnt, sich durchzufragen. Es finde sich immer einer, der einem den Weg weisen könne. Mein Stadtplan wurde in England gedruckt und scheint zuverlässig zu sein, dem britischen Geheimdienst sei Dank.
Zu Brot und Wurst bietet er mir Wodka an. Ich bevorzuge Tee, was er mir nicht abnimmt. Vorsichtig erkundigt er sich, ob ich lieber alleine zu trinken wünsche, und bietet an, mir eine Flasche Wodka für die Nacht zu überlassen. Auch das möchte ich nicht, doch lässt er rücksichtsvoll eine Flasche auf dem Tisch stehen, falls ich meine Meinung ändere. Keine Spirituosen zu trinken hält er für ungewöhnlich.
Gemeinsam erkunden wir den Weg zur Metro. Hier erklärt er mir die Linien und löst die Tickets für eine Woche. Am nächsten Tag will er mich am Morgen abholen und an die Universität begleiten. Dort könne ich den ersten Vortrag halten, der angekündigt worden sei. Er müsse in sein Institut, doch am Abend könnten wir uns wieder in der Wohnung treffen, um das weitere Programm festzulegen. Trotz seiner Bedenken begebe ich mich alleine auf den Rückweg. Es dunkelt bereits, die Straßen sind seltsam unbelebt. Ich überquere eine sechsspurige Hauptstraße, ohne ein Auto zu sehen. Etwas später rast ein weißer BMW vorüber, weit hinten taucht ein Gefährt der Polizei auf: Ein langsames, laut tuckerndes Dieselfahrzeug, das eine stinkige Abgaswolke hinterlässt. Damit lässt sich kein normal fahrendes Auto einholen, denke ich. Gleichzeitig fürchte ich eine Kontrolle, weil ich meinen Pass in der Wohnung liegen ließ. Der Pappkarton alleine würde wohl nicht helfen. Ich werde nicht weiter beachtet und schlüpfe durch die Pforte, zähle die Häuser ab und finde meine Wohnung. Die Concierge sitzt nicht am Arbeitsplatz.
Müde gehe ich zu Bett, schaue noch einmal meine Notizen für den morgigen Vortrag durch. Im Licht der Lampe wirkt der Raum gemütlich, von Käfern keine Spur. Als ich das Licht lösche, höre ich ein Tackern. Als ich die Lampe wieder anmache, laufen auf dem Boden tatsächlich große, noch nie gesehene Käfer herum. Ihre dicken Hinterleiber verursachen beim Gehen klackernde Geräusche. Sie verziehen sich schleppend wieder ins Dunkle unter das zweite Bett, wo ich Einmachgläser mit Gemüse und Gurken entdecke. Manche Gläser quellen über, die Deckel sind undicht, der Inhalt gärt. Davon leben diese Käfer wahrscheinlich schon länger. Da dies nicht zu ändern ist, beschließe ich zu schlafen.
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